Die Belagerung von Burgos

Und es trug sich zu…

…dass Wellington auch nicht immer auf Anhieb gewann.

So geschehen in Burgos, im Jahr 1812.

Burgos war eine Festung in Nordspanien. Die Burg bereits damals noch nicht die Ruine, die sie heute ist. In der Tat wurde sie 1813 von den französischen Truppen in die Luft gejagt, als diese aus Burgos abzogen.

Nun befinden wir uns jedoch noch einige Monate vor diesem Zeitpunkt. Die Garnison in Burgos wird angeführt von Jean-Louis Dubreton, Brigadegeneral der Franzosen.

Wellington hatte gerade eine Reihe von erfolgreichen Aktionen hinter sich und die französischen Truppen aus mehreren Städten und Festungen vertrieben. Dubreton allerdings erwies sich als besonnenerer Stratege als seine Kollegen.

Portugal war zu dem Zeitpunkt bereits fest in den Händen der Alliierten, befreit von den Besatzern. Die Armee aus Portugiesen und Briten rückte dann weiter vor, durch Spanien Richtung Frankreich. Im Juli 1812 hatte Marschall Marmont Salamanca verloren. Im August zogen die Briten unter Jubel der Bevölkerung in Madrid ein. König Joseph (Napoleon Bonapartes Bruder) floh nach Valencia. Marschall Soult verließ mit seinen Truppen nun endlich Andalusien (nachdem er dem entsprechenden Befehl des „spanischen“ Königs Joseph zuvor nicht Folge geleistet hatte, und marschierte ebenfalls Richtung Osten. In dem Wissen, dass er ein Problem haben würde, wenn die beiden Teile der französischen Armee, die bei  Joseph waren, sich mit denen von Soult vereinen konnten, machte Wellington sich daran, seine Position zu sichern. Er ließ mehrere Divisionen unter „Daddy Hill“ in Madrid zurück, um die Hauptstadt zu verteidigen, und marschierte mit seinen Truppen nordwärts. Burgos war ein strategisches Ziel. Eine Einnahme der Stadt hätte Vorstöße weitere französischer Verstärkungen bzw. die Versorgung aus Richtung Norden gestört.

Im September brachte Wellington also seine Truppen in Stellung. Ein Infanterieangriff im großen Stil kam für ihn dieses Mal nicht in Frage. Er hatte im letzten Jahr gerade zwei Belagerungen zwar erfolgreich aber jeweils mit schweren Verlusten abgeschlossen.

Er wollte zunächst versuchen, auf anderem Weg einen Pfad in die Stadt freizumachen. Zu diesem Zweck gab es die „Military Artificers“, heute „Royal Engineers“, auch bezeichnet als „Sappers“; Sappeure haben Aufgaben wie Brücken bauen, Brücken sprengen, Belagerungsgräben ausheben, Annährungsgräben buddeln (also Gräben, in denen man an die Befestigungsanlagen rankommt), Mienen legen, Mienen in Annäherungsgräben legen um damit hoffentlich die Befestigungsanlagen in die Luft zu jagen… Leider war diese Truppe zu der Zeit in der britischen Armee eine ziemlich „stiefmütterlich“ behandelte, unterbesetzt und nicht ausreichend ausgestattet. Die Arbeiten selbst waren auch nicht besonders sicher, vor allem auch aufgrund der unzureichenden Ausrüstung. An der Belagerung beteiligt waren fünf Ingenieure und acht Sappeure. Einer aus jeder Gruppe fiel, ein Ingenieur und sieben weitere Sappeure endeten auf den Verwundetenlisten.

Die Verteidigung erfolgte in zwei Linien. Die äußere konnte Wellington am 19. September einnehmen, was jedoch mit hohen Verlusten unter den eingesetzten Brigaden einherging, da diese zu früh von den Verteidigern entdeckt wurden.

Die innere Verteidigungslinie nutzte die Anlagen der Burg. Im ersten Anlauf ließ Wellington hier also eine Mine unter der Mauer platzieren und zünden. Dies funktionierte so weit auch, die Mauer stürzte ein. Leider fand man bei der darauf folgenden Erstürmung heraus, dass es sich lediglich um eine alte Mauer handelte, die einer neueren Mauer vorgelagert war. Die eigentliche Verteidigungsanlage der Franzosen war noch intakt.

Der zweite Anlauf – Es war inzwischen Oktober – gestaltete sich schwerer, denn die Anstrengungen zur Vorbereitung der Erstürmung der Festung wurden entdeckt. Es sah nun so aus, dass die Briten tagsüber an ihren Vorbereitungen arbeiteten und die Franzosen diese des Nachts wieder zerstörten. Dennoch schafften sie es, am 4. Oktober eine neue Mine zu zünden und tatsächlich eine Bresche in die äußere Verteidigungsanlage zu schlagen. Der folgende Angriff brachte den Alliierten immerhin einen kleinen Stützpunkt nahe der Festung.

Das war Dubreton nun aber doch zu viel, und er startete am Folgetag einen Gegenangriff, schlug die Belagerer zurück, und nahm einen großen Teil ihrer Ausrüstung an sich. Diese Vorgehensweise behielt er nun erst mal bei, was die Arbeiten der Belagerer doch sehr störte. Zu allem Überfluss begann es nun auch noch, in Strömen zu regnen. In gefluteten Gräben kann man nur sehr schlecht mit Sprengstoff arbeiten, und so konnte auch erst zum 18. Oktober erneut eine Mine gezündet werden. Der folgende versuchte Sturm war jedoch nicht sehr erfolgreich, da die Verteidigung zu gut organisiert war, und den Angreifern auch so langsam die Munition ausging.

Da nun auch noch Verstärkungen für die Franzosen anrückten, musste Wellington sich mit seinen Truppen zurückziehen. Außerdem bedrohte inzwischen Soult auf dem Weg aus Andalusien die Stellung in Madrid, die spanischen Truppen verweigerten gerade die Hilfe, weil deren oberster Kommandant sich übergangen fühlte und schmollte, und die Franzosen nahmen eine strategisch wichtige Brücke ein.

Nachdem er am 21. Oktober so sauber abgezogen war, dass die Franzosen erst einen Tag später merkten, dass sie nicht mehr belagert wurden, wurde Wellington auf dem Weg in Richtung des Rests seiner Armee immer deutlicher klar, wie schlecht seine Position im Vergleich zu den sich immer mehr konsolidierenden Franzosen geworden war. Er erteilte daher Ende Oktober Befehl an Hill, Madrid aufzugeben.

Um sich an einer sicheren Position neu zu gruppieren und einen erneuten Vorstoß zu beginnen, bewegten sie sich sehr weit nach Westen und gaben dabei große Landstriche in Spanien auf, die danach erneut erobert werden mussten. Der Rückzug erwies sich als katastrophal. Die Versorgung war komplett zusammengebrochen, Hunger, Kälte, schlechtes Wetter und fehlende Ausrüstung führten zu zahlreichen Verlusten. Hätten die Franzosen hier realisiert, was vor sich ging, und eine volle Verfolgung angeordnet, hätten sie vermutlich einen großen Teil der Alliierten Armee vernichtend schlagen können, und die Geschichte wäre anders ausgegangen.

Wie es nun aber war, konnte Wellington seine Männer schließlich in gesicherter Position wieder sammeln und über den Winter zu Kräften kommen lassen. Die relativ kurzfristige Anwesenheit in Spanien 1812 war jedoch keineswegs umsonst gewesen. Vielmehr war es ein wichtiger Grundstein für die spätere Unterstützung in der spanischen Bevölkerung, als Wellington Spanien 1813 erneut einnahm. Die Briten, denen das Plündern und Vergewaltigen bei Todesstrafe verboten war, wurden dann als Befreier gesehen, entgegen der Französischen Besatzer, die sich nahmen, was sie wollten.

Burgos wurde in Juni 1813 endgültig eingenommen. Die Franzosen sorgten dabei für einen sehr effektvollen Abzug: Bevor sie gingen, jagten sie die Burg in die Luft: mit solcher Eile, dass sie nicht auf die Evakuierung ihrer eigenen Leute warteten. Um die Zweihundert Soldaten aus ihren eigenen Reihen starben in der Explosion.

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Die Dreikaiserschlacht; 2.12.1805

Und es trug sich zu…
dass hoher Besuch in einer kleinen Stadt in Mähren eintraf.

Oder so ähnlich. Denn zum Kaffeetrinken und Kuchenessen trafen sich die Herren natürlich nicht.

Die Dreikaiserschlacht wird sie auch genannt, die Schlacht bei Austerlitz.

Kaiser Franz von Österreich (damals noch Franz II des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation), Zar Alexander I. von Russland und Napoleon Bonaparte standen sich dort beinahe auf dem Schlachtfeld gegenüber. Franz hielt sich allerdings vornehm im Hintergrund und nahm an der Schlacht nicht aktiv teil. Das überließ er seinen beiden Amtskollegen.

Es waren die ersten Dezembertage 1805. Im Frühjahr hatte sich die dritte Koalition gebildet, zunächst aus Großbritannien und Russland, dann durch Beitritt Österreichs. Die wussten zwar, was sie wollten – Napoleon loswerden – waren sich aber etwas uneins über das wie, sodass Napoleon seinerseits ein kleines Planungsmissgeschick (Ist es nicht schön, wenn der eine nach dem julianischen Kalender marschiert und der andere nach dem gregorianischen?) nutzen konnte. Solange sich nämlich keine zwei der Verbündeten an einer Stelle befanden, war es deutlich wahrscheinlicher, siegreich kämpfen zu können.

Napoleon raste also einmal quer durch Bayern, gewann ein paar Schlachten, schwenkte einmal nach rechts, schnappte sich Wien und gab sich dann alle Mühe, die russischen Truppen in eine Schlacht zu verwickeln, bevor Preußen einfallen konnte, dass es doch auch mitspielen wollte.

Daher bot er den feindlichen Truppen – aktuell bestehend aus den Russen unter ihrem Zaren und den noch handlungsfähigen Österreichern – in der Nähe der Stadt Brünn einen kleineren Teil seiner Truppen als Köder an.

Der Plan ging auf, die Alliierten bissen – oder griffen – an.

Das eigentliche Schlachtgeschehen spielte sich am 2. Dezember ab. Es war kalt, aber nicht eisig – warm genug, um es immer mal wieder regnen zu lassen.

Die Alliierten hatten einen netten Plan, der nur schon deswegen nicht aufgehen konnte, weil sie nur knapp 20 000 Franzosen sahen. Die tatsächliche Truppenstärke lag nicht weit unter 75 000.

Die anfänglichen Erfolge der Alliierten ließen Napoleon kalt. Wie lange, soll er einen seiner Generäle gefragt haben, dauert es, diese Anhöhe zu besetzen? Es ging um den Pracký kopec, den Pratzeberg, auf dem sich heute ein Denkmal für die Schlacht befindet.
„Keine zwanzig Minuten“, soll die Antwort gewesen sein.
„Dann wart‘ mal noch ’ne Viertelstunde…“

Die Alliierten brachten sich durch ihre vermeintlichen Erfolge so geschickt in Stellung, dass sie durch die plötzlich auftauchende französische Verstärkung vollkommen überrumpelt wurden. Erst floh die Kavallerie, dann trat auch der Rest den Rückzug an. Erst geordnet, dann mit voller Kraft. Dabei entging ihnen zu guter Letzt auch noch, dass das Eis auf den zugefrorenen Teichen nicht trug…zumindest solange, bis es zu spät war.

Die Verluste der Alliierten waren enorm. Napoleons Truppen hatten nicht ein Zehntel der Toten auf Alliiertenseite zu beklagen, viele Kriegsgefangene und außerdem massenweise Beute gemacht. Die in der Schlacht bei Austerlitz erbeuteten Kanonen wurden eingeschmolzen und in die Vendôme-Säule in Paris gegossen, wo man sie heute noch sehen kann.

Napoleon nahm das Schloss Austerlitz als neues Hauptquartier in Besitz und verhandelte in den folgenden Tagen den Waffenstillstand mit Kaiser Franz.

Fürs Reenactment besonders interessant: Die Landschaft um das Schlachtfeld hat sich bis heute nur wenig verändert. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man wirklich „Original-Feeling“ bekommen kann.

Kein Badajoz ohne Hochzeit

Und es trug sich zu…

…dass nach der Erstürmung von Badajoz zwei spanische Damen in das britische Lager kamen. Es war direkt nach der Einnahme der Stadt, als die britischen Soldaten unaufhaltsam plünderten.

Die beiden näherten sich den ersten Offizieren, die sie trafen, und die Ältere erklärte sich schnell: Sie waren die letzten verbleibenden Überlebenden einer Familie aus dem alten spanischen Adel. Eltern und Bruder waren im Krieg umgekommen. Sie hatten gerade die Plünderung überlebt – nicht ganz unbeschadet, denn die Soldaten, die ihnen ihren Schmuck abgenommen hatten, hatten ihnen nicht die Zeit gelassen, die Ohrringe abzunehmen, sondern sie direkt herausgerissen. Beide hatten frische Verletzungen.

Sie, die Ältere, war verheiratet. Ihr Mann diente bei der spanischen Armee und sie wünschte, ihn zu suchen und sich ihm anzuschließen. Für ihre jüngere Schwester Juana erbat sie den Schutz der britischen Offiziere. Die junge Dame war vor einer Woche 14 geworden. Sie war zuvor in einer Klosterschule erzogen worden und es war noch nicht lange her, dass man sie von dort aufgrund des Kriegszustands nach Hause geschickt hatte.

Einer der britischen Offiziere, die das Ganze mit ansahen war Henry George Wakelyn Smith, genannt „Harry“. Der Sohn eines englischen Landarztes und Pferdezüchters und einer Pastorentochter, ein mittlerer Sohn aus einer Großfamilie. Harry, mit seinen 24 Jahren (damit weiß der Leser hier nun mehr als er, denn er musste an seine Schwester in England schreiben, um sein eigenes Alter zu erfragen) volle zehn Jahre älter als Juana, ein Wildfang und rechter Draufgänger, immer in Bewegung. Liest man über ihn, fragt man sich unwillkürlich ob er in der heutigen Zeit nicht mit ADHS diagnostiziert worden wäre. Harry also, der glücklicherweise Spanisch annähernd so gut sprach wie English, hatte die Lösung für das Dilemma der Damen umgehend parat.

„Ganz einfach: Ich heirate sie.“

Und Juana, nach einem guten Blick auf Captain Smith, fand, dass ihr das eigentlich nicht schlecht passte. Was kümmerte es sie, dass er Brite war? Nicht aus dem Adel kam. Anglikaner. Sie kein Wort Englisch sprach.
Es muss wohl irgendwie Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.

Ihre Schwester war weniger begeistert von der Idee. Brite, Arztsohn, Anglikaner… aber nun waren da schon zwei, die die Hochzeit wollten, und das zwar ausgerechnet das künftige Brautpaar.

Harry als britischer Offizier tat noch gut daran, die Hochzeitsgenehmigung von seinem Vorgesetzten einzuholen. Er ging einen Schritt weiter: Wellington selbst gab ihm seinen Segen für die Hochzeit – unter der Bedingung, dass er einen katholischen Priester zu beschaffen hatte, denn die Dame war schließlich katholisch, und es ging nicht an, ihr eine anglikanische Hochzeit aufzuzwingen.

Die Schwester stimmte schließlich ebenfalls zu, der Priester wurde gefunden. Wellington sprang für den fehlenden Brautvater ein und führte Juana zum Altar.

Der nachfolgende Versuch, Juana auf das Leben mit den anderen mitreisenden Ehefrauen im Tross der Armee vorzubereiten ging gehörig nach hinten los. Juana hörte sich nämlich die ausführlichen Beschreibungen der Schwierigkeiten und Probleme an, die Erklärungen, wozu ihr neuer Ehemann keine Zeit haben würde…

… und beschloss kurzerhand, das Leben im Tross sei nichts für sie.

Allerdings kam es ihr auch nicht in Frage, sich nach Lissabon schicken zu lassen, um dort auf ihn zu warten.

Nein, sie schloss sich direkt der Armee mit an, lebte im Zelt ihres Mannes, reiste mit den Soldaten und Offizieren, erledigte Harrys Haushalt und machte nebenbei noch die Wäsche und Flickarbeiten für einige seiner unverheirateten oder alleine reisenden Offizierskollegen mit. Sie fügte sich so gut in das Leben dort ein, dass niemand Grund zur Beschwerde hatte. Ob sie nun dem an Rheuma leidenden Vorgesetzen den Regenschirm hielt, sich um die Verwundeten kümmerte oder mal eben alleine einen halben Tagesritt zurück galoppierte, um unerlaubt geplünderte Ware zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückzubringen – sie wusste sich jederzeit nützlich zu machen. Wellington – der sie auch durchaus schon mal einspannte, wenn ihm noch ein Mann fehlte – stellte sie schließlich dem russischen Zaren als „Offizierin“ vor.

Juana hatte vor ihrer Hochzeit nie auf einem Pferd gesessen. Harry gehörte von Kindheit an zur Marke „Das Pferd, das ich nicht reiten kann, muss noch gefohlt werden“. Er brachte ihr auf einem seiner Ersatzpferde das Reiten (und wohl auch Schießen) bei, und nur wenige Wochen später übernahm sie eines seiner besten Pferde – den Andalusier Tiny –, den sie den Rest des Kriegs über und darüber hinaus ritt. Mit ihren diversen Pferden, Harrys sechzehn Jagdhunden und Juanas „Vitty“, einem Mops, den sie nach der Schlacht von Vittoria adoptierte, dazu den fast obligatorischen Ziegen als Milchspender, führten die beiden auch eine rechte Menagerie mit, die immer für eine Anekdote gut ist.

„Jenny“, wie sie sich in England nannte, trat einige Jahre später zum anglikanischen Glauben über, was den Bruch mit ihrer Familie in Spanien bedeutete. In Harrys Familie war sie willkommen – auch vorher bereits.

Bedenkt man, wie die Ehe zustande gekommen war, mag es erstaunen, dass sie erfolgreich war. Mit Ausnahme eines Jahres, das Harry in Amerika verbrachte – die Überfahrt war zu kostspielig als dass Offiziere ihre Frauen hätten mitnehmen dürfen – begleitete Juana ihren „Enrique“ auf jeden Posten, ob in Indien oder Südafrika (die Stadt Ladysmith in Südafrika? Genau. Diese Lady Smith war das.). Dabei beschränkte sie sich nie auf die Rolle der passiven Ehefrau, sondern war ihm immer eine gleichberechtigte Partnerin.

Georgette Heyer verarbeitete den Stoff der Begegnung und der frühen Jahre ihrer Ehe in ihrem Buch „The Spanish Bride“ („Die spanische Braut“), das so nahe an den Quellen ist, dass man es eigentlich schon eher als nur leicht bearbeitete Sammelfassung der diversen veröffentlichten Brief-Sammlungen und Tagebücher bezeichnen könnte denn als Roman.

Mal Lust auf einen „echten“ historischen Liebesroman? Gibts auf deutsch und englisch beim Versandhandel mit dem großen kleinen „a“.

harry
Henry George Wakelyn Smith (1787 – 1860)
juana
Juana María de los Dolores de León Smith, Lady Smith (1798 – 1872)

Jane-Eliza Hasted: The Gentle Amazon – The Life & Times of Lady Smith, Museum Press Ltd., London, 1952
Johnny Kincaid: Adventures in the Rifle Brigade, in the Peninsula, France, and the Netherlands from 1809 to 1815, T. & W. Boone, London, 1830
G. C. Moore (Editor): The Autobiography of Lieutenant-General Sir Harry Smith, John Murray, London, 1903

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 3)

Fortsetzung von hier

Das Mittagessen findet sich in Form von Kartoffelsuppe aus dem großen Topf. Ich tunke Brot rein, um mir etwas Textur zu basteln. Schönes, knuspriges hausgebackenes Brot, das ich eigentlich auch ohne Suppe essen würde, aber erst gesehen habe als die Suppe schon im Teller war.

Kurzer Blick aufs Handy – keine Hilfsanforderungen bislang, also habe ich Zeit. Wie oft auf diesen Veranstaltungen gibt es eine Sammlerbörse. Ich werfe mal einen Blick drauf und finde tatsächlich einen Steingutkrug mit Wellington-Motiv. Zu Wellington gab es nämlich tatsächlich zu seinen Lebzeiten schon Fanartikel, und dort ist üblicherweise sein bei Erscheinen gerade aktueller Titel oder Rang mit angegeben. Hier steht ganz klar: Viscount Wellington. Damit datiert das Stück zwischen August 1809 und Juli 1812, also genau der Zeitraum in den unsere heutige Schlacht fällt.

Zwanzig Minuten drauf bin ich glücklicher Besitzer eines neuen alten „Atty“, wie wir die Objekte aus meiner Sammlung gerne nennen. Ich nehme dem Händler noch sein Verpackungsmaterial mit ab und wickle es wieder schön ein, bevor ich es bei unserem Ausrüstungsfahrer abgeben will, damit der es mir mit heim nimmt.

Der allerdings hat andere Vorstellungen und meint erst mal ganz trocken „Nee, das fährt nicht bei mir mit.“

Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt ein Witz sein sollte, weil ich den Befehlshaber der Engländer mit der französischen Ausrüstung mitschicken will, aber es stellt sich heraus: er meint es durchaus ernst. „Wenn das unterwegs kaputt geht, reißt du mir den Kopf ab,“ sagt er.

Äh… dann sollte es eben unterwegs nicht kaputt gehen. Dafür, das Ding im Handgepäck mit zurückzufliegen, ist es nämlich zu groß, und am Samstagnachmittag in Spanien einen Kurierdienst finden ist auch nicht so einfach. Wir verbleiben so, dass wir uns später nochmal drüber unterhalten, und ich bringe das gute Stück erst mal in unser Quartier.

Die Briten stellen langsam ihre kleinen Feierlichkeiten zum ersten Sieg ein und bereiten sich auf die Erstürmung der Stadt vor. Ich begebe mich entsprechend zu meinen Kollegen. Wir geben unserem Lazarett den letzten Schliff. Durch die Situation mit der Schlacht in der Stadt werden wir wohl keine direkten Zuschauer haben, dafür stehen wir nach der Schlacht für Fragen und Vorführungen zur Verfügung. Außerdem sollen die Angreifer ja auch in unser Gebäude eindringen, also muss nochmal sichergestellt werden, dass nichts Zerbrechliches an riskanten Stellen steht. Wir hängen alle an unserer Ausrüstung und es könnte ja jemand meinen, die Tür „eintreten“ zu müssen.

Von den Ansagen und Ankündigungen bekommen wir gar nicht so recht was mit. Das erste, das wir von der Schlacht hören, ist Musketenfeuer. Gar nicht mal so unrealistisch. Von der Schlacht selbst bekommen wir nichts mit, wohl aber von den „Verwundeten“, die bei uns angeliefert werden.

Die Einnahme des Gebäudes beschränkt sich dann doch auf den Vorraum, der von draußen durch ein größeres Tor noch einsehbar ist. Das stört uns nicht weiter und wird ignoriert. Das Ende der Schlacht verpassen wir dementsprechend auch, weil wir mit der Arbeit noch nicht fertig sind.

Als ich dann nichts mehr zu tun habe und mal eben nach draußen schaue, komme ich gerade rechtzeitig zu einem eher witzigen Anblick: Mein Mann kommt angeritten, Zügel und Schwert in der Linken, und mit der Rechten „unseren“ Photographen am Kragen bzw. an der Schulter seines Hemds haltend und „mitschleifend“. Das Ganze sähe etwas überzeugender aus, wenn sie nicht beide breit grinsen würden und offensichtlich Spaß hätten.

Wir werden auch nicht lange im Dunkeln darüber gelassen, was hier „vorgefallen ist“: Der Photograph, wird uns erzählt, hat sich irgendwoher eine Duellierpistole gegriffen und versucht, damit den unliebsamen Besatzer in französischer Uniform zu erschießen. Die Pistole hatte wohl Ladehemmungen (vielleicht ist es aber auch einfach nur eine Attrappe…), und der Angegriffene verteidigte sich mit gezogenem Schwert, was vom Pferd aus relativ gut geht… Nun möchte er dem „Verteidiger“ aus der spanischen Bevölkerung gerne ein Stück Ohr abgeschnitten haben.

Dieser lässt sich auch sehr gutmütig „verarzten“, und kann von Glück sagen, dass das „Blut“, das ihm jetzt auf den weißen Kragen getropft ist, in der Waschmaschine wieder rausgeht. Er freut sich jedenfalls sehr, nun „richtig“ mitgespielt zu haben.

Nachdem die Schlacht vorbei ist, fängt die wirklich anstrengende Zeit an, denn nun kommen die Zuschauer mit ihren Fragen, und es steht kein Mittagessen „vor der Tür“, das sie relativ schnell wieder ablenkt. Wir sind also erst mal ganz gut beschäftigt. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut doch die Kommunikation klappt, egal, in welchem Land man gerade ist. Irgendjemand ist immer da, der nach Bedarf dolmetschen kann. Im Zweifel ich, obwohl ich ungerne dolmetsche.

Irgendwann ist es dann soweit, die Gesellschaft verläuft sich so langsam, es kommen erst weniger und dann gar keine Besucher mehr.

Wir räumen auf und sammeln uns so langsam in unseren jeweils zusammengehörenden Grüppchen um den Tag ausklingen zu lassen. Wir im Speziellen begeben uns dazu dann ins Lager der Briten, den dortigen Kommandanten nochmal zur gewonnen Schlacht gratulieren. Der Abend ist recht mild, und in Gedanken an die Temperaturen zu Hause sitzen wir dann noch bis gut nach Mitternacht am Lagerfeuer … womit sich auch die Frage nach dem Abendessen von selbst erledigt.

*

Auch am Sonntagvormittag zieht es uns nochmal zurück ins Lager des „Feindes“, denn Badajoz wäre eben nicht Badajoz, wenn es keine Hochzeit gäbe. Im Gegensatz zu damals dürfen heute eben auch die „Feinde“ mit teilnehmen.

Wir kommen fast zeitgleich mit den beiden spanischen Damen an, die bei der britischen Armee um Schutz für die Jüngere bitten – und ich bin absolut nicht überzeugt von der Darstellung der Juana, aber was bringt es, sich darüber zu beschweren?

Ich schaue mir die Show also mit an, bedauere es aber kein bisschen, dass wir relativ bald los müssen, um unsere Sachen zu packen und uns auf den Rückweg nach Madrid zu machen – bevor mich jemand fragen kann, wie/ob es mir gefallen hat. Am diplomatischsten bin ich immer dann, wenn ich mich gar nicht erst äußern muss.

Der Mann fängt allerdings auch an, kopfschüttelnd zu lachen, kaum dass wir das Lager verlassen haben, also bin ich wohl nicht ganz so alleine gewesen in meiner Meinung. Auch nicht schlecht zu wissen.

Die Rückreise verläuft glatt und unproblematisch, ohne besondere Vorkommnisse.

Ah, und mein Krug… fuhr natürlich doch mit unserem Gepäck, und kam tatsächlich unbeschädigt an. Die kleinen Defekte am oberne Rand sind dem Alter geschuldet und waren bereits vorhanden.

krug

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 2)

Fortsetzung von hier

Samstag, Morgen bis Mittag

Ich bin kein Morgenmensch , ohne Kaffee erst recht nicht, aber immerhin hatte unser Quartier einen solchen. Der Mann war sogar schon wach und hatte mir eine Tasse reserviert. Ich trinke meinen ersten Kaffee des Tages durchaus auch lauwarm oder kalt, zu Hause auch häufig in Form des Rests von gestern…damit hole ich mir dann gerade genug Energie, um mir einen neuen zu machen.

Zugegeben, seit dem Kaffeevollautomaten (zusammen mit dem Roomba die beste Anschaffung der letzten Jahre!) ist das nicht mehr wirklich notwendig, Knöpfchen drücken kann ich auch im Halbschlaf, aber Gewohnheiten sterben langsam.

Auf jeden Fall kippe ich also eine Tasse nur noch mittelwarmem Kaffee runter, zur Überraschung der Gastgeber, und verziehe mich dann nochmal, um meine Tasche zu sortieren und sicherzustellen, dass alles da ist. Denn natürlich habe ich zu meinem Feldchirurgen eine historische Arzttasche mit Inhalt, und während ich die zwar nicht tatsächlich am Patienten zum Einsatz bringe, muss man doch öfter mal interessierten Zuschauern erklären, was da was ist, was man damit macht, wie, warum, seit wann, und wie das heute so ist. Das geht deutlich besser, wenn man in der eigenen Tasche auch wirklich was findet. Tunlichst auf den ersten Griff und ohne Hinschauen.

Bis ich damit fertig bin, ist der Herr fertig gestriegelt und rasiert… so richtig mit Schaum und aus- und einklappendem Messer, wir leben schließlich gerade das neunzehnte Jahrhundert aus. Zumindest, wenn es nicht um die Kaffeemaschine geht. Das mit dem Rasieren bekommt er in der Tat auch hin, ohne dass der Feldchirurg gleich eingreifen müsste. Eigentlich erstaunlich, da er Verletzungen sonst eher magisch anzieht.

Wären wir irgendwo im Lager, hätten wir das Führstück alle zusammen im oder vor dem Messezelt oder im oder vor dem Zelt des Befehlshabers eingenommen. So frühstückt jeder für sich in seinem Quartier, und es finden sich dann alle Koordinatoren langsam bei der Besprechung ein. Die meisten Leute reisen ja doch in Gruppen an, oft in Form einer speziellen Kompanie, und es wird dann ein Vertreter abdelegiert.

Wir gehen also kurz den Plan für die erste Schlacht durch. Wie gesagt: Keine historische, sondern nur was fürs Publikum. Es geht darum, in 45 bis 60 Minuten möglichst viel zu zeigen – unterschiedliche Formationen – Kolonne, Karree, Linie –, Kavallerie vs. Fußsoldaten, Artillerie (wie wird so ein Ding benutzt, und was tut man dagegen?), am besten mit Gelegenheit, das Laden der Musketen gut sichtbar vorzuführen. Es ist erstaunlich schwer, das alles zu planen, wenn man bedenkt, dass es in den meisten nachgestellten Kämpfen tatsächlich ganz von selbst vorkommt.

Der zweite Kampf, nachmittags, soll die Erstürmung der Festung darstellen. Beginnend mit dem Überwinden der Mauer wird in einigen Straßen und Plätzen gekämpft. Auch ein paar Gebäude sollen eingenommen werden. Eines davon wurde uns als Lazarett zugewiesen. Die Auswahl erfolgte hier danach, wo man am besten Publikum platzieren kann, die Leute wollen ja was sehen – und das ist bei Straßenkämpfen sehr schwer. Entsprechend ungern haben wir diese. Wir hatten auch noch keine Gelegenheit, uns die Stellen bei Tageslicht (oder eigentlich überhaupt) anzusehen, und arbeiten aktuell nur mit den erhaltenen Plänen.

Nachdem also abgesprochen wurde, wer sich wann auf dem Feld einfindet, wer sich wo aufstellt und wer danach wen wie wo angreift, ist noch kurz sicherzustellen, dass nach dem Kampf unser Lagerersatz durchgängig ausreichend besetzt ist. Zwar haben wir, der Belagerungssituation geschuldet, kein „echtes“ Militärlager, wohl aber einen Teil des Platzes, auf dem der obligatorische historische Markt stattfindet, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen, kleinere Sachen vorzuführen, unser Mittagessen zu kochen – das Frühstück wird meist vom Organisator gestellt, für weitere Mahlzeiten sind die Teilnehmergruppen oft selbst verantwortlich.

Dann ziehen die Teilnehmer in Gruppen ab, um sich ihre Schwarzpulverzuteilung zu holen – nicht ohne noch einmal ermahnt zu werden, sich dieses gut einzuteilen, denn es muss für beide Schlachten reichen. Schwarzpulverausgabe ist genau einmal am Tag, und wenn es weg ist, ist es weg.

Die Artillerie verzieht sich aufs Feld, die Kanonen testen – Reenactmentkanonen sind auch nur Kanonen und leiden manchmal unter denselben Problemen wie ihre historischen Vorbilder. Es soll ja nun aber jede stattfindende Explosion gezielt ablaufen, und wenn zwischenrein eine Kanone ungeplant verstopft und nicht mehr zündet, kommt das für die Schlacht auch eher ungünstig – auch wenn es das Publikum gelegentlich recht witzig findet.

Zu dem Zeitpunkt taucht auch erstmalig der lokale Photograph auf, der uns den Rest des Tages immer mal wieder auflauern wird. Ich mag ja nicht gerne photographiert werden, und die Herrschaften mit den Kameras respektieren dies zumeist auch. Im Hintergrund mal mit drauf sein lässt sich nicht vermeiden, und Privataufnahmen irgendwelcher Besucher auch nicht, aber gut…
Mein Mann hat dieses „Problem “ nicht und posiert mal schnell für die ersten Photos des Tages..

Wir stellen dann nur noch schnell sicher, dass mein Handy erreichbar ist. Eine Sache, die ich verweigere, ist der Knopf im Ohr. Ich hasse Kopfhörer und ich hasse die Ohrsteckerknöpfe fast noch mehr. Nein, kein Headset für mich. Wenn mich jemand braucht, werde ich eben ganz anachronistisch mein Handy aus der Tasche nehmen müssen. In dem Wissen, dass er mich anfunken kann, wenn er mich braucht, trennen sich dann unsere Wege. Er holt sein Schwarzpulver, sein Pferd und wird mit „Philippon“ den Kampfplatz inspizieren (Der Oberbefehlshaber ist häufig zu sehr mit seiner Rolle beschäftigt, um gleichzeitig die Koordination machen zu können. – Außerdem muss Philippon ja in der zweiten Schlacht verschwinden und aus der Stadt fliehen… da wäre dann nicht mehr so viel mit Koordination).

Ich schließe mich derweil schnell mit den anderen Chirurgen kurz und suche mir dann den Weg ins englische Lager, um mich da mal umzuschauen. Vor der Schlacht mischen sich die beiden Seiten üblicherweise eher weniger, bzw. nur in den Koordinationstreffen. Da ich in meiner Position aber keine Uniform trage, stört sich niemand dran, dass ich doch schon vorbeischaue.

Etwas lachen muss ich über die Frau in vollem Kostüm, die ein Pferd in vollem Kostüm Gassi führt wie ein Hündchen. Vor meinem inneren Auge hebt das Tier am nächsten Baum das Bein. Vor meinen äußeren Augen natürlich nicht, aber es scheint seinen Spaziergang sehr zu genießen.

Die Briten und die Portugiesen sind tatsächlich mit Vertretern aller relevanten Truppen angereist: portugiesische Uniformen, britische Redcoats und die grünen Uniformen der Rifle Brigade sieht man. Sir Thomas Picton, der zu Waterloo seine Männer in Abendgarderobe und Zylinder statt in Uniform befehligte, ist auch sehr gut getroffen dargestellt–ob der Mann, der ihn spielt, nun von selbst so gerne flucht oder das für die Rolle extra einstudieren musste, lasse ich mal dahingestellt. Er gibt jedenfalls einen sehr überzeugenden und nicht zu überhörenden Picton ab, wie er gerade seine Männer zusammenstaucht.

Die Soldaten ziehen dann Kompanie für Kompanie ab zum Einexerzieren. Es müssen schließlich um die zweihundert Menschen, von denen die meisten noch nie zusammen „gekämpft“ haben, gleich gemeinsam eine Schlacht schlagen, und dabei aussehen, wie eine eingespielte Armee. Um da im Vorfeld etwas zu üben, bekommt jede Seite einen Exerzierplatz zur Verfügung gestellt, und kann dort etwas üben. Wie viel davon wirklich stattfindet und was genau gemacht wird, ist den jeweiligen Befehlshabern selbst überlassen.

Ich lasse mir Zeit, um auf den Gefechtsplatz zu kommen. Schließlich müssen wir uns nicht großmächtig aufstellen. Wir haben ein Lazarettzelt. Was dort drinnen vor sich geht, sieht von außen keiner. Davor ist ein Tisch aufgestellt, auf dem für das Publikum mal etwas Verwundetenbehandlung gezeigt werden kann. Amputationen wird es heute nicht geben, da wir keinen Reenactor mit abnehmbaren Körperteilen dabei haben.

Die Zuschauer finden sich fast zeitgleich mit den ersten Soldaten ein, die im Feld aufmarschieren und Aufstellung nehmen. Die Schotten tuten etwas auf ihren Dudelsäcken, die Flötisten flöten und die kleinen Trommler geben sich redlich Mühe, den Takt zu halten. Einzelne Offiziere galoppieren ihre kostümierten Pferde mal um den Platz – weniger zum Aufwärmen und mehr, damit das Publikum schon mal was zu sehen hat. Die Ansage beginnt, der Ablauf wird ab nun kommentiert.

Da man sich das Fluten und Verminen des Geländes vor der Stadt gespart hat, muss auch keine aufpassen, wo er hintritt.
Die Schlacht beginnt. Wir haben erst mal nichts zu tun als zuzuschauen. Musketen sind ziemlich laut, rauchen und stinken. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich tatsächlich an den Geruch. Kanonen sind noch lauter und rauchen noch stärker. Das Schlachtfeld liegt schnell unter Nebel, man kann nur noch mit Mühe sehen, wer gerade was macht – umso wichtiger ist sowohl die vorherige Koordination als auch die Sache mit den Headsets, man will ja nicht aus Versehen mal einen Trupp Kavallerie in eine Linienformation reiten.

Das Ganze geht so etwa fünfzehn Minuten mit Schussabtausch und Kommentar, dann werden die Pferde nach hinten abgezogen. Das ist notwendig, damit vorne gestorben werden kann. Eine relativ wichtige Regel: Solange die Kavallerie oder berittene Offiziere im Feld sind, stirbt keiner. Heißt, es darf niemand auf den Boden fallen und dort liegen bleiben. Pferde treten zwar nicht freiwillig auf einen liegenden Körper, aber ein Restrisiko des Durchgehens besteht selbst bei gut ausgebildeten Pferden immer. Außerdem sind die Sichtverhältnisse durch den Schwarzpulverrauch wirklich sehr schlecht, und das Pferd sieht unter Umständen gar nicht so genau, worauf es tritt. Gestorben wird daher also nur während vorgegebener Zeitfenster, während derer niemand durchs Bild reitet.

Ab da habe ich dann auch zu tun – zum einen werden vor dem Zelt immer zwei bis drei „Verwundete“ versorgt , zum anderen werden im Zelt die angetragenen Verwundeten soweit dekoriert, dass man ihnen die Verwundung anschließend auch abnimmt. Da wir noch eine Schlacht vor uns haben, halten wir uns etwas zurück. Auch Theaterblut hinterlässt nämlich böse Flecken, die man nicht mal einfach so im Feld rauswaschen kann.

Sobald man im Einsatz ist, merkt man eigentlich kaum mehr, wie die Zeit vergeht. Plötzlich wird es still draußen, und die verbleibenden Soldaten marschieren wieder auf. Die Fahnenbandverleihung findet zwar normalerweise erst am Ende der letzten Schlacht statt, da aber in der Nachmittagsschlacht aus Platzgründen nicht alle Gruppen mitmachen können, gibt es bereits eine kurze Vergabe für die anderen.

Dann dürfen die Zuschauer aufs Feld, um sich mit den siegreiche und den verlierenden Soldaten und Offizieren photographieren zu lassen. Bei uns schauen nur wenige Neugierige vorbei, das ist normal. Die Chirurgen wurden im echten Krieg damals auch etwas unter-gewürdigt. Passt also. Dennoch können wir erst einpacken, wenn sich das Publikum in Richtung Mittagessen verstreut.

Langsam habe ich durchaus auch Hunger, gegen ein Mittagessen wäre nichts einzuwenden…

 

 

Die Erstürmung von Badajoz, 6.4.1812

Beschreibung von Kriegsgeschehen aus dem 19. Jh; Erwähnung von Vergewaltigung; wer das nicht lesen möchte, bitte überspringen.

*

Und es trug sich zu…

… dass Wellington mal wieder eine Stadt belagerte.

Wir schreiben den 6. April 1812. Der Ort ist Badajoz. Seit etwa drei Wochen sitzt die Anglo-Portugiesische Armee vor den Toren und belagert die Stadt. Im Januar war Ciudad Rodrigo eingenommen worden, jetzt stand Badajoz auf dem Plan. „Eingenommen“ ist hier gleichzusetzen mit „befreit“, denn die Städte befanden sich in der Hand der französischen Armee – und zwar keineswegs mit dem Einverständnis der örtlichen Spanier.

Badajoz galt als strategisch wichtiger Stützpunkt. Zwei Versuche einer Belagerung waren bereits gescheitert. Der Dritte sollte nun Erfolg bringen.

Die französischen Truppen in der Stadt unter General Armand Philippon zählten etwa 5000 Mann. Das war an sich im Vergleich mit der Stärke der Belagerer nicht so sehr viel, aber die Stadt war extrem gut befestigt. Neben den üblichen Mauern und Befestigungsanlagen war hier auch das Land außerhalb der Mauern mit versteckten Sprengsätzen gespickt und teilweise geflutet worden, was die Annäherung an die Stadt besonders erschwerte.

Die alliierte Armee vor den Toren der Stadt hatte etwas mehr als die fünffache Mannstärke der Verteidiger. Nach ihrer Ankunft Mitte März hatte sich diese Armee erst mal eingegraben – im recht wörtlichen Sinn. Immer wieder waren Versuche unternommen worden, die Stadt anzugreifen, nie war man besonders weit gekommen. Ein vorgelagertes Fort konnten sie jedoch in den letzten Märztagen einnehmen, was ihnen die Möglichkeit verschaffte, ihre Kanonen näher an die Stadt zu bewegen. Im Lauf der ersten fünf Tage des Aprils wurden nun durch ständigen Beschuss drei Breschen in die Mauern geschossen.

Damit war zumindest theoretisch die Möglichkeit gegeben, Badajoz einzunehmen – man hatte einen Weg hinein. So richtig gut war das immer noch nicht – die Verteidiger wussten schließlich genau, wo man kommen würde.

Allerdings entsprach es der Tradition der Kriegsführung jener Zeit, dass eine Festung, in die eine gangbare Bresche geschlagen war, sich dem Feind ergab. Wellington sandte also zu Philippon, mit der Aufforderung, seine Pläne zu erklären, und der Ankündigung, seine Übergabe der Stadt anzunehmen – oder andernfalls die Stadt zu stürmen.

Philippon allerdings, ob nun in dem Glauben, Badajoz dennoch halten zu können, oder schlicht aus Trotz, verweigerte die Aufgabe der Stadt. Es folgte nun die Aufforderung Wellingtons, in diesem Fall den Zivilisten das Verlassen der Stadt zu gestatten. Dem zumindest kam der französische Befehlshaber nach. Einige Tausend Spanier zogen aus der Stadt aus. Die Opferzahlen wären andernfalls wohl noch deutlich höher gelegen.

(So, und jetzt stelle man sich dieses Vorgehen mal in der heutigen Zeit vor…)

Die Stürmung der Stadt begann, wie üblich mit Freiwilligentrupps, die versuchten, durch die Breschen zu gelangen. Diese ersten Trupps, im Englischen passend als „Forlorn Hope“ bezeichnet – auch wenn sich die Etymologie hier tatsächlich etwas anders darstellt, als man auf den ersten Blick meinen würde – kamen häufig einem Selbstmordkommando gleich.

Unter starkem Feuer aus der Stadt stürmten also nun die Briten – speziell der Teil unter General Picton – Badajoz. Es wurde zu einem der blutigsten Siege der Napoleonischen Kriege. In kurzer Zeit stapelten sich die Verwundeten und Toten in den Breschen, doch gelang es Wellingtons Armee schließlich, die Stadt einzunehmen. Philippon hatte sich noch rechtzeitig abgesetzt und in eine Nebenanlage geflüchtet.

Die Sache mit dem Aufgeben der Festung, nachdem eine gangbare Bresche geschlagen war, hatte noch eine Kehrseite: Eine Festung oder Stadt, die die Kapitulation verweigerte, war nach der Einnahme der Gnade der Sieger vollkommen ausgeliefert. Plünderungen und Misshandlungen bis hin zur Tötung der Männer und Vergewaltigung der Frauen wurden als „gutes Recht“ des Siegers über die uneinsichtigen Verteidiger betrachtet.

Wellington, durchaus bekannt für seine eher mal „seltsamen“ Ansichten, führte diesbezüglich normalerweise ein sehr strenges Regime. Soll heißen: Plünderer wurden bestraft – von der Peitsche bis hin zur Erschießung – Vergewaltiger wurden gehenkt, und zwar jeweils egal ob aus den eigenen Reihen oder nicht. Galgen, deren Tote in britischer Uniform mit der Aufschrift „Atty was here.“ verziert waren, finden mehrfach Erwähnung. Entsprechend zurückhaltend fielen die meisten Stürmungen durch seine Armee dann auch aus.

Im Fall von Badajoz allerdings lagen die Dinge anders. Die Männer hatten gerade mehrere Wochen Belagerung hinter sich, hatten unter hohen Verlusten die Stadt eingenommen, wo nach allen Erwartungen minimale bis gar keine Verluste hätten geschehen sollen (wenn sich die Stadt nämlich ergeben hätte). Die Situation schaukelte sich schnell hoch – so weit, dass die Soldaten alle Vorsicht in den Wind schlugen und sich der Stadt und ihrer verbleibenden Bewohner genauso bedienten, wie es andere Armeen der Zeit regelmäßig taten. Es ging so weit, dass sich die Offiziere aus der Stadt zurückziehen mussten, da sie ihre Soldaten nicht mehr unter Kontrolle halten konnten und bei dem Versuch, einzuschreiten, riskierten, auf der Stelle erschossen zu werden. (Was mehreren unter ihnen auch genauso passierte.) Die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung werden auf ca. 4000 geschätzt –nur unwesentlich weniger als die Gesamtverluste der alliierten Armee an diesem Tag.

Wellington selbst kamen beim Anblick der Ergebnisse die Tränen – einer der wenigen dokumentierten Augenblicke, in denen er tiefere Gefühlsregungen erkennen ließ.

Es blieb nichts anderes zu tun, als den Dingen ihren Lauf zu lassen, den Soldaten die Zeit zu geben, sich zu beruhigen. Die Ordnung konnte erst nach drei Tagen einigermaßen wiederhergestellt werden. Der errichtete Galgen wurde nicht verwendet – zu groß war die Anzahl der Beteiligten, zu schwer, festzustellen, wer nun genau was getan hatte. Die Strafe für die meuternden Soldaten beschränkte sich so auf Auspeitschungen.

Philippon hatte sich inzwischen den Briten ergeben. Er verteidigte seine Entscheidung, die Kapitulation zu verweigern, damit, die Breschen seien nicht gangbar gewesen – seiner Meinung nach belegt durch die hohen Opferzahlen bei dem Versuch der Stürmung. Die Geister der Historiker scheiden sich hier.

Der französische General jedenfalls bekleckerte sich weiterhin nicht gerade mit Ehre. Als kriegsgefangener Offizier auf Ehrenwort in seinen Bewegungen relativ frei (auch das war üblich), nutzte er die erste Gelegenheit zur Flucht und kehrte im August desselben Jahres ohne formellen Austausch zu seiner Truppe zurück.

Ein weiteres Nachspiel hatte das Ende der Belagerung von Badajoz noch: Sie endete in der wohl unwahrscheinlichsten und doch erfolgreichsten Liebesgeschichte der Napoleonischen Kriege.

Fortsetzung folgt.

 

Quellen:

William Lawrence: The Autobiography of Sergeant William Lawrence, Sampson Low, Marston, Searle & Rivington, London, 1886
G. C. Moore (Editor): The Autobiography of Lieutenant-General Sir Harry Smith, John Murray, London, 1903
Sir Charles Oman: A History of the Peninsular War: Volume V, October 1811 to August 1812, Clarendon Press, Oxford, 1914
The dispatches of Field Marshall the Duke of Wellington, K.G. during his various campaigns in India, Denmark, Portugal, Spain, the Low Countries, and France : From 1799 to 1818. Compiled from official and authentic documents, John Murray, London, 1834

 

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 1)

Normalerweise finden Reenactments an den Jahrestagen der dargestellten Ereignisse dar. Da die meisten Reenactors voll berufstätig sind (je nach Rolle muss es kein teures Hobby sein, aber kostenlos ist es nie), und ja auch die Zuschauer Zeit haben sollten, werden sie zumeist auf das vorhergehende oder das folgende Wochenende gelegt.

Da aber ein spanischer oder portugiesischer Sommer wirklich sehr heiß werden kann, und da kaum jemand Lust hat, sich das dann anzutun – historische Kleidung bedeutet in dem Fall für die Soldaten und Offiziere: lange Unterhosen, Strümpfe, Hose aus Leinen oder (vorzugsweise) Wollstoff, Unterhemd, Hemd (hoher Kragen, Ärmel bis zu den Handgelenken), Weste, Jacke und unter Umständen zweite Jacke, Schal oder Halstuch. Die Damen haben es nur unwesentlich besser, auch Kleider sind bodenlang, Unterrock und Unterhemd müssen sein, etc. Wir Feldchirurgen haben es noch relativ gut getroffen, denn aufgrund unserer eher unsauberen Arbeit dürfen wir auch „in Hemdsärmeln“ (also ohne Jacke) und unter Umständen sogar nicht zurückgekrempelten Ärmeln arbeiten. Dafür tragen wir zum „amputieren“ dann schon mal Lederschürzen, die Dinger sind auch recht schwer. In jedem Fall: Kaum jemand möchte freiwillig unter so vielen Lagen Stoff bei über 35 Grad das Wochenende verbringen, und auch noch fast durchgängig aktiv sein dabei.

Und so finden eben nur die „runden“ Jubiläen wirklich im Sommer statt, während die „kleinen“ Jahrestage auf die kühlere Jahreszeit verschoben und eben im Voraus begangen oder nachgeholt werden. Wenn dann noch ein Veranstaltungsort mehrere Schlachten ausrichten muss oder möchte, und man für alle passende Termine finden muss… dann kann es schon mal passieren, dass man Badajoz eben auch mal in einer anderen Jahreszeit verteidigt, obwohl es im April eigentlich noch gar nicht so sehr heiß gewesen wäre. Da fand halt gerade was anderes statt.

Es ist auch eigentlich gar nicht so schlimm, dem ziemlich trüben Deutschland und nicht minder trüben Belgien mal ein Wochenende zu entkommen, denn in Spanien ist das Wetter noch ganz nett.

Badajoz liegt am Rio Guadiana in Extramadura, und wäre die Stadt ein winziges bisschen weiter Westlich, könnte man über die portugiesische Grenze spucken. Oder in anderen Worten: Der Flughafen von Badajoz ist deutlich weiter von Badajoz weg als Portugal. Nebenbei wird dieser ausschließlich von Madrid aus bedient, nur mit einer einzigen Fluglinie, und nur an Wochentagen. Nach längerem Hin und Her, abwägen von Zug oder Nicht-Zug oder doch tatsächlich Flug nach Portugal und dann Anreise von dort, entschieden wir uns schließlich für einen Flug nach Madrid und dafür, die letzten ca. 350 km dann per Mietwagen zurückzulegen.

Das ging soweit auch ganz gut. Flug ereignislos, wir flogen in zivil. Oft ist es so dass irgendjemand aus der Truppe die ganze Strecke mit dem Auto fährt, um größere Ausrüstungsteile wie Zelte usw. zu transportieren. Dort kann man dann die Kostüme mitgeben und sie sich vor Ort wieder abholen. Das hat seine Vorteile. Kann man das nämlich nicht, tut man gut dran, in vollem Kostüm zu fliegen, denn ein Verpacken und Flugzeugtaugliche Koffer/Taschen überlebt die Ausrüstung eher weniger. Das wiederum führt dann zu interessanten Situationen mit den Mitreisenden. Dazu aber ein Andermal.

Wir treffen also am späteren Freitagnachmittag in Badajoz ein, was in Spanien noch gar nicht so sehr spät ist – da die Spanier gerne Mittags etwas länger Pause machen und dann länger in den Abend aktiv sind. Hat auch was mit dem Wetter zu tun.

Da wir zu den Verteidigern gehören, haben wir nicht viel Arbeit. Die Briten und Portugiesen bauen vermutlich gerade ihr Lager vor der Stadt auf… Wir beziehen mal in aller Ruhe unser Quartier. Streng genommen sollte ich ja so rollenmäßig nicht mit meinem Mann zusammen untergebracht sein, aber hier nehmen wir es aus rein praktischen Gründen etwas weniger genau. Er: Chef unserer Truppe, und häufig noch Koordinator für mehrere andere Truppen – Ich: Habe einen „Nebenjob“ als Nachrichtenübermittler, Bote und in der Koordination mit unseren englischen Kollegen.

Unser Gepäck ist schon da, also verwandeln wir uns mal schnell in unsere Gegenstücke aus dem 19. Jahrhundert. Beim Abendessen mit den Koordinatoren der anderen Gruppen folgt die erste kurze Besprechung des Wochenendes. Zwei Schlachten am Samstag, Parade am späten Nachmittag, Sonntags noch Hochzeit, an der wir ausnahmsweise teilnehmen dürfen. Klar, Belagerung von Badajoz ohne nachfolgende Hochzeit geht nicht, auch wenn im Original bestimmt keine französischen Offiziere eingeladen waren. Wir bekommen die Pläne für die erste Samstagsschlacht, die nicht historisch korrekt ist sondern rein der Publikumsbelustigung dient, um uns diese in Ruhe anzuschauen und am Morgen noch letzte Fragen klären zu können. Die Headsets werden geprüft – Sehr anachronistisch tragen die höheren Offiziere nämlich meist einen Knopf im Ohr und ein Mikro am Kragen, um sich bei der Schlacht koordinieren zu können.

Dann löst sich die Versammlung auf, und wir lassen uns noch den Weg zum Stall beschreiben, wo wir tatsächlich noch jemanden antreffen, und unser Leihpferd in Empfang nehmen können. Da Leihpferde nicht in unendlich großer Menge zur Verfügung stehen, haben wir nur eines bekommen – für den Herren Offizier. Der Feldchirurg wird wohl zu Fuß unterwegs sein müssen.
Die nächsten zwei Stunden werden damit verbracht, das Sattelzeug zu prüfen, das Pferd zu striegeln, aufzusatteln und mal eine Runde probezureiten.
Fazit: Pferd soweit auf dem Platz zu beurteilen vollkommen OK. Laut Aussage des Stallpersonals auch an Schlachtenlärm gewöhnt. Ein bisschen lustig sieht es ja aus, da das Pferd etwas klein geraten ist für ihn, aber es macht nicht den Eindruck, als würde es seinen Reiter als unbillige Härte empfinden.

Der Freitagabend endet mit einem Bummel über den obligatorischen Markt, der die meisten Reenactments begleitet, der zu einem kurzen Meet and Greet mit Bekannten wird, die man immer mal wieder auf Veranstaltungen trifft. Aber wirklich nur kurz – denn spätestens um 6:30 ist für uns am Samstag die Nacht zu Ende, und etwas Schlaf sollten wir doch bekommen…

Urlaubsreview – Tag 3

Husarentempel bei Mödling

Von Burg Liechtenstein aus hatten wir ihn gesehen, nun mussten wir ihn uns auch aus der Nähe ansehen: den Husarentempel bei Mödling.

Er liegt auf dem kleinen Anninger in knapp 500 Metern Höhe und wurde im Gedenken an die Gefallenen der Schlacht bei Aspern gebaut. Die Schlacht bei Aspern war damals Napoleons erste Niederlage. Die Schlacht bei Aspern war außerdem die Schlacht in der einer der m.E. interessantesten französischen Marschälle fiel: Jean Lannes (ihn verlinke ich hier nicht, weil seine Wikipediaseite grobe Fehler enthält und dringend mal überarbeitet gehört. Vielleicht habe ich nachher Zeit dazu, dann lösche ich den Satz hier wieder).

(Na gut, das mit dem in der Schlacht fallen kann man nun auch sehen wie man will, er wurde jedenfalls auf einer Mauer sitzend Pause machend von einer dumm fallenden Kanonenkugel verwundet und verstarb später an Wundbrand. Es ließen eben auch die Herrschaften französischen Feldärzte beim Amputieren und der nachfolgenden Versorgung die Sauberkeit etwas vermissen (auch wenn sie den Briten, so leid es mir tut das sagen zu müssen, klar überlegen waren). In jedem Fall war er vorher am Leben und anschließend tot.)

Dieses Mal etwas besser vorbereitet, Wanderkarten zu Hause aufs Handy geladen, festgestellt: Es wird gewarnt, dass man unterwegs nirgends einkehren kann. Also großzügig Getränke und etwas Proviant mitgenommen, richtig essen können wir auf dem Rückweg.

Der Parkplatz am Gasthaus Bockerl war trotz Navi erst im zweiten Anlauf zu finden, die Zufahrt versteckt sich etwas als fünfte Abzweigung einer Kreuzung.

Dummerweise haben wir beim Parken auch nicht aufgepasst und nicht daran gedacht, dass es zwar morgens noch recht kühl war, aber die Sonne bis Mittag mein (schwarzes) Auto in einen Backofen verwandeln wird… Daher auch keinen schattigen Parkplatz gesucht. Blöd.

Der Aufstieg beginnt direkt am Parkplatz, die Beschilderung ist ganz gut, man kann mehrmals wählen, Zwischenziele anzulaufen  – je nachdem, wie lange man unterwegs sein möchte, oder wie oft man Pause einlegen will. Bänke gibt es dazwischen einige, die Abstände sind aber relativ groß.

Gerade der Anfangsbereich des Wegs ist ziemlich steil und felsig. Wer nicht gut zu Fuß ist, kommt hier nur mit Schwierigkeiten weiter. Alles was Räder hat (z. B. Kinderwägen) hätte absolut keine Chance. Wie die anderen Aufstiege aussehen, weiß ich nicht, wir haben nur den einen verwendet. Die erste Kreuzung ist unbeschildert, aber Ausschlussverfahren und Logik – der Tempel ist oben, also nehmen wir den Weg, der am „nach-obigsten“ geht – bringen uns auch weiter. Ein Stück hinter der ersten Bank mündet der Pfad dann in einen breiteren Weg (die Art, die zum Abtransport von Holz aus dem Wald verwendet wird, also auch für schwerere Fahrzeuge ausreichend befestigt), auf dem es dann eine ganze Weile weitergeht. Irgendwo muss dieser Weg auch ein unteres Ende haben…

Wir folgen weiter dem (nun wieder ausgeschilderten) Mozartweg in Richtung Husarentempel. Einige wenige Infotafeln gibt es, zumeist zu Wald- und Pflanzenthemen. Für mich am interessantesten ist die Infotafel zu örtlichen Legenden.

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Der Mozartweg endet, der Schubertweg zweigt rechts ab – und diesem ist jetzt bis zum Ende zu folgen. Der Weg bleibt stabil und breit. Amüsant finden wir eine künstliche Lichtung, die aussieht, wie ein Kreisverkehr. Fast oben angekommen beschließen wir, einen Umweg zu machen und dem Matterhörndl einen kleinen Besuch abzustatten. Der Weg dorthin ist nun ein sehr enger Waldweg, zwei nebeneinander geht nicht. Relativ viel auf und ab, für uns schön zu laufen, aber auch hier: man sollte recht gut zu Fuß sein. Unterwegs anhalten, ohne den Weg für nachkommende Wanderer zu blockieren, geht nicht.

Das Matterhörndl ist eine Kalkfelsformation, die beklettert werden kann. Was wir natürlich prompt ausprobieren mussten. Geht gut, allerdings würde man auf der Rückseite (Ostseite) relativ tief fallen.

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Der Waldweg vom Matterhörndl weg endet direkt unterhalb des Husarentempels.

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Um diesen zu erreichen, darf man dann erst noch einen Satz eher unangenehme Stufen erklimmen – unterschiedliche Höhen, teils ziemlich verwittert. Oben warten Tische und Bänke, eine Gedenktafel und ein weiter Ausblick.

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Ausblick auf die Burg Liechtenstein

Der Husarentempel besitzt eine Beleuchtung mit Solaranlage, die haben wir natürlich am helllichten Tag nicht in Aktion erlebt.

Auf dem Rückweg sparen wir uns irgendwelche Zwischenstopps und bleiben auf dem Hauptweg. Das felsige Endstück ist im Abstieg unangenehmer als im Aufstieg, aber kein großes Problem. Kurzes Bedauern im Vorbeigehen über den Backofenzustand des Autos, bevor uns die inzwischen doch recht leeren Mägen ins Gasthaus treiben.

 

Waldgasthaus Bockerl.

Das vor der Tür angeschriebene Tagesmenü sah schon extrem einladend aus.

Den Außenbereich habe ich mir nicht angesehen, da er für mich ohnehin nicht in Frage kommt: zu hell, zu warm und zu viel los. Der Innenraum war ruhig. Rustikal und gedämpft eingerichtet, keine grelle Beleuchtung. Radio läuft zwar, aber leise genug, dass ich mich noch unterhalten kann, ohne Probleme zu haben, den Radiotext aus der Unterhaltung zu filtern.

Die Plätze in den Ecken sind schön geschützt vor Störungen, der Kellner passt dennoch recht gut auf und lässt uns nicht lange warten nur zum Zahlen hat es etwas länger gedauert. Hätten wir es eiliger gehabt, hätte ich dazu aber an die Theke gehen können.

Die Speisekarte ist essenstechnisch die größte Überraschung der Woche – wir wissen gar nicht so genau, was wir jetzt bestellen wollen. Nicht, weil nichts Passendes drauf steht, sondern weil wir uns jetzt locker eine Woche lang durch die Karte futtern könnten.

Vegetarisch und vegan ist kein Problem. Glutenfrei oder laktosefrei gibt es ebenfalls in größerem Angebot, nur gluten- und laktosefrei gleichzeitig schränkt die Auswahl sehr stark ein (= auf genau ein Gericht).

Der Kellner ist sehr freundlich, hetzt uns nicht, und hilft auch nett aus, als ich nach dem Essen bei der Kaffeebestellung mal wieder Probleme mit den österreichischen Bezeichnungen habe.

Das Essen hält genau das, was die Karte versprochen hat, und ist hervorragend.

Fazit: Wer in dieser Ecke von Mödling was zu essen sucht – hier wäre eine sehr gute Anlaufstelle.

 

Die Rückfahrt im Backofen überstehen wir irgendwie, dafür hängen wir abends nochmal eine lange Runde an.

Gelaufene KM: 16,8