The Arrow Man – C. J. Leyendecker & Charles Beach

Um die hundert Jahre ist es her, als in der Werbung in den Vereinigen Staaten eine spezielle Werbefigur auftauchte: der „Arrow Collar Man“.

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Arrow stellte Hemden her. Die Werbeposter – damals gemalt, nicht photographiert – zeigten einen jungen Mann, sehr männlich, gut gebaut unter seinen Hemden, sehr gepflegt und gut frisiert.

Der Arrow (Collar) Man startete seine Webekarriere auf Hemdenwerbung, aber er blieb dort nicht lange. Auf anderen (ebenfalls gemalten) Postern machte er in der Zeit zwischen den Weltkriegen Werbung für alles Mögliche. Socken. Football. Armee.

Man konnte ihm eigentlich nicht mehr ausweichen, dem Arrow Collar Man. Wer wollte das auch schon. Er war ja wirklich sehr schön anzusehen.

Irgendwann erschien er dann auch recht spärlich bekleidet – wir sprechen schließlich von den 1920er Jahren –, um für Rasierapparate zu werben.

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Was halten unsere Männer heute eigentlich von diesem Konzept?

Die Bilder kamen alle aus einer Feder – oder genauer gesagt: aus einem Pinsel. Noch genauer gesagt aus dem von Herrn Joseph Christian („J.C.“) Leyendecker.

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J. C. Leyendecker (1874 – 1951); Bild von Wikipedia (gemeinfrei)

Leyendecker, Jahrgang 1874, war gebürtiger Deutscher. Seine Eltern wanderten mit den beiden Söhnen Joseph und Frank 1882 in die USA aus. Beide Brüder zeigten ein Talent für die Kunst. Mit 16 war Joseph bereits als Maler und Graveur angestellt. Seine erste Auftragsarbeit bestand aus Bibelillustrationen. Abends nahm er Kunstunterricht.

1898 gingen beide Brüder nach Paris, um dort weiter Kunst zu studieren. Nach ihrer Rückkehr nahmen sie sich zusammen eine Wohnung und begannen ihre Karriere als Illustratoren. Sie stellten damals zahlreiche Coverbilder für Zeitschriften her.

Dann verlegten sich beide Brüder auf das zeichnen und malen von Werbung. In diesem Zusammenhang tauchte dann eben erstmalig der Arrow Collar Man auf, der sich von da an durch Leyendeckers komplette Karriere spannte.

Wie kein anderes Werbesymbol definierte er den eleganten amerikanischen Mann der 1910er und ’20er Jahre.

1914 zogen die Brüder in ein eigenes Haus mit Studio. Im ersten Weltkrieg machte der Arrow Collar Man Werbung für eben diesen – auf Rekrutierungsaufrufen. Nach dem Krieg folgten wieder andere Werbeplakate. Die 1920er Jahre waren erfolgreichste Zeit für Leyendecker, überschattet sicher vom Tod seines Bruders Frank im Jahr 1924.

Ab ca. 1930 gingen die Aufträge zurück. Die Werbebranche jener Zeit erholte sich nie vom Wall Street Crash 1929. Leyendecker lebte zurückgezogen. Es gab keine großen Partys mehr bei ihm. Er hatte weiterhin Aufträge, wenn auch nicht derselben Masse wie zuvor. Im zweiten Weltkrieg wurde er erneut als Maler von Militärpostern eingesetzt.

J. C. Leyendecker verstarb 1951.

Bald nach Leyendeckers Tod verschwanden seine Poster, seine Bilder mit dem Arrow Collar Man. Sie tauchten einfach nicht mehr auf. Leyendecker selbst wurde nicht mehr erwähnt. Man findet ihn kaum in der einschlägigen Literatur.

Warum, fragt man sich, verschweigt man einen Künstler, der eine zu ihrer Zeit geradezu ikonische Werbefigur geschaffen hatte? Eine Figur, die die Wahrnehmung des Männerbilds während ihrer „aktiven“ Zeit stark mit geprägt hatte? Einen Künstler, der auch noch für ganz andere Dinge verantwortlich war – schließlich stammte von ihm auch die Darstellung des Santa Claus in der standardisierten Form wie sie heute noch bekannt ist.

Nun, es dürfte wohl daran liegen, dass nach seinem Tod ein kleines Detail bekannt wurde.

Leyendecker wurde nicht nur von seiner jüngeren Schwester Mary Augusta überlebt, sondern auch von Charles Beach.

Charles Beach, der jahrzehntelang mit den Geschwistern Leyendecker zusammenlebte, ist oben zu sehen: Auf jedem einzelnen Poster. In J. C. Leyendeckers Testament sind er und Mary zu gleichen Teilen als Erben genannt.

Der Arrow Collar Man war keine erfundene Gestalt – und er war auch nicht irgendein Model.

Jahrzehntelang himmelte (ausgerechnet) die amerikanische Öffentlichkeit Leyendeckers Lebensgefährten an. Tja. Dumm gelaufen, für die amerikanische Öffentlichkeit…

Mit Ausnahme einer Biographie aus den 1970ern findet man erst in den letzten Jahren wieder Erwähnungen. Zumeist sind es Ausstellungskataloge. Weitere Werke gibt es in einigen amerikanischen Museen und auf http://www.americanartarchives.com, umfassende Abdrucke in dem unten genannten Werk aus dem Jahr 2008.

Michael Schau: J. C. Leyendecker, New York, 1974,

Laurence & Judy Goffmann Cutler: J.C. Leyendecker, Harry N. Abrams, 2008

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Frida Kahlo

Da wir offenbar noch nicht genug Kuschel- und Dekokissen haben, musste mal wieder Nachschub her. Wenn man dann noch Bezüge findet, die zum einen interessante Motive haben und zum anderen vom Material bzw. der Textur her noch nicht vorhanden sind, ist die Kaufentscheidung schnell getroffen. Und da wir uns eh nicht entscheiden konnten, welches Motiv wir wollten, ist es auch praktisch, dass wir sowieso zwei Wohnorte auszustatten haben.

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Die auf den Bezügen dargestellte Frau ist Frida Kahlo de Rivera (1907-1954), eine mexikanische Malerin. Ihr Wert wird häufig dem Surrealismus zugerechnet, auch wenn sie selbst dieser Einordnung nicht zustimmte. Ihr Stil erinnert oft an naive oder volkstümliche Malerei.

Ihr Vater stammte aus Deutschland, wanderte nach Mexiko aus und nahm mit der mexikanischen Staatsbürgerschaft auch den spanischen Vornamen Guillermo (Wilhelm) an. Von ihm lernte Frida das Malen und Fotografieren.

Im Alter von 18 Jahren wurde Frida bei einem Busunfall schwer verletzt. Zwar erholte sie sich wider Erwarten zunächst fast vollständig, doch begleiteten sie die Folgen der schweren Verletzungen zeitlebens. Besonders traf es sie, dass sie nicht mehr in der Lage war, ein Kind auszutragen. Sie hatte mehrere Fehlgeburten und musste schließlich den Wunsch nach einem Kind aufgeben. Spätfolgen führten schließlich auch zur Amputation ihres rechten Fußes.

Ihre Ehe mit Diego Rivera, einem viel älteren mexikanischen Künstler, hielt zunächst zehn Jahre. Nur ein Jahr nach der Scheidung heirateten sie erneut.

In einem Umfeld, in dem die Rolle der Frau sehr eng definiert war, sprengte Frida die Grenzen. Sie trank, sie rauchte, ihr Sinn für Humor war derb, ihre Bilder fielen in Stil und Motiven aus dem Rahmen des üblichen. Sie trug Männerkleidung, schnitt sich auch schon mal die Haare kurz und betonte in ihren Selbstportraits oft Damenbart und Augenbrauen, was gar nicht dem weiblichen „Schönheitsideal“ entsprach. Bereits in einer Fotoserie  ihres Vaters aus dem Jahr 1926 ist Frida neben ihren Geschwistern im dreiteiligen Herrenanzug  zu sehen, komplett mit allen Accessoires.
Andererseits trat sie jedoch auch absolut feminin in mexikanischer Tracht und mit dem Schmuck der Ureinwohnerinnen auf und stellte sich so dar.

Frida Kahlos Werk wurde von der mexikanischen Regierung zum nationalen Kulturgut erklärt. Eines ihrer Bilder ist aktuell das am teuersten verkaufte Werk eines Malers aus Lateinamerika. Ihre Bilder haben häufig einen Bezug zu ihrem eigenen Leben, und insbesondere zu allem, was in diesem schwer oder schmerzhaft war: Der Unfall, die Fehlgeburten, die Untreue ihres Mannes und vieles mehr.

Es gibt zahlreiche Biographien und biographische Filmwerke zum Leben von Frida Kahlo. Empfehlen würde ich den Spielfilm Frida mit Salma Hayek in der Hauptrolle. Er basiert auf einer Biographie von Herrera und ist gleichermaßen Dokumentation und Unterhaltungsfilm.

 

Hayden Herrera: Frida Kahlo, Malerin der Schmerzen, Rebellin gegen das Unabänderliche, Scherz, München, 1983

Hayden Herrera: Frida Kahlo. Ein leidenschaftliches Leben, Scherz, Bern 1995

 

Michel Ney (1769 – 1815)

Und es trug sich zu…

7. Dezember 1815. Jardin du Luxembourg, Paris. Morgens.

Der Verurteilte steigt gefasst aus der Kutsche. Er ist nicht in Uniform gekommen, sehr zur Erleichterung des Chefs des Exekutionskommandos. Dem Helden Rangabzeichen und Orden abreißen zu müssen wäre nicht nach seinem Geschmack gewesen.

Im blauen Gehrock und Zylinder nimmt der Mann Aufstellung vor der Mauer. Die Augenbinde verweigert er. Er wird dem Tod ins Gesicht sehen. Aufrecht stehend, nicht kniend. Seine Frau wartet derweil noch im Vorzimmer des Königs auf eine Audienz. Sie hofft noch immer darauf, eine Begnadigung für ihren Ehemann durchsetzen zu können.

Den Feuerbefehl, so heißt es, gibt er selbst.

„Soldaten, wenn ich den Feuerbefehl gebe, schießt auf mein Herz. Wartet auf den Befehl. Es wird der Letzte sein, den ich euch gebe. Ich protestiere gegen meine Verurteilung. Ich habe in hundert Schlachten für Frankreich gekämpft, aber nicht eine gegen es. Soldaten, schießt!“

Zwölf Mann zählt das Exekutionskommando. Zwölf Schüsse gehen los, und der Mann geht zu Boden, getroffen von elf Kugeln. Die zwölfte schlägt eine Scharte in die Mauer. Einer der zwölf hatte sich geweigert, auf den Tapfersten der Tapferen zu schießen.

Michel Ney (1769 - 1815)
Michel Ney (1769 – 1815)

Er war Michel Ney, geboren als Sohn eines Böttchers in Saarlouis im Januar 1769. Ein guter Jahrgang für das Militär. Wellington und Napoleon waren im selben Jahr geboren, ebenso eine Reihe anderer hochrangiger Offiziere aus der Zeit.

Michel wuchs zweisprachig auf – zu Hause sprach man Deutsch, in der Schule Französisch. In der Notarausbildung eignete er sich eine beeindruckende Handschrift an. Wellingtons Schreibe kann ich nach Jahrelanger Übung mit einiger Mühe entziffern, aber selbst Neys Unterschrift ist ein Kunstwerk.

Gegen den Wunsch seines Vaters trat er in die Armee ein, gerade zum richtigen Zeitpunkt. Nicht lange zuvor, und er hätte in seinem Stand keine Chance gehabt, über den einfachen Soldaten hinaus befördert zu werden. So aber stieg er, der schnell als einer der besten Fechter bekannt wurde und den Ruf hatte, absolut jedes Pferd reiten zu können, in der Armee schnell auf – als Offizier in der Kavallerie. Er erreichte den höchsten Rang der französischen Armee, wurde 1805 von Napoleon zum Maréchal d’Empire ernannt (im Frankreich unter Napoleon in ziviler Titel und nicht – wie im England, Preußen oder Bayern der Zeit – ein militärischer Rang. Auswirkung hatte der Titel militärisch vor allem optisch: Marschälle dürfen weiße Straußenfedern am Hut tragen.).

Ney heiratete in den Adel ein. Seine Ehefrau war Aglaé Auguié, Tochter einer Hofdame Marie Antoinettes. An der Ehe war Napoleons Ehefrau nicht ganz unschuldig – die hatte sich das so ausgedacht. Sie hatte sich aber wohl auch etwas dabei gedacht. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor, und sie scheint auch sonst recht harmonisch verlaufen zu sein, was wohl kaum nur an der geteilten Liebe zur Musik liegen kann. Darüber, wie gut oder schlecht sein Querflötespiel nun tatsächlich war, gehen die Quellen auseinander.

Für seine militärischen Leistungen wurde er in den Adel erhoben und zum Herzog von Elchingen, später Fürst von Moskova ernannt. Im Russlandfeldzug wurde er als der letzte Mann auf russischem Boden bekannt – Michel Ney, die Nachhut der Grande Armee. Dennoch waren seine militärischen Entscheidungen nicht immer tadellos. Er konnte auch übereilt sein, der Michel Ney. Manchmal kann man nur den Kopf schütteln ob seiner Entscheidungen.

1814 war er der Sprecher der Offiziere, die Napoleon zur Abdankung zwangen. Er soll es gewesen sein, der seinem Kaiser die Botschaft überbrachte, das Militär stünde nicht mehr hinter ihm. „Die Armee gehorcht mir!“ schimpfte Napoleon. Ney schüttelte den Kopf. „Nein, Sire. Die Armee gehorcht nur noch ihren Generälen.“

Sie setzten sich durch. Napoleon ging in die erste – kurze – Verbannung. Ney wurde Oberbefehlshaber des Militärs unter Louis XVIII. Zwar hatte der König seine Titel und Stellung bestätigt, doch blieb er für den alten Adel der Emporkömmling aus dem Volk. Sollte das dazu beigetragen haben, dass er ein Jahr später erneut die Seite wechselte? Als Napoleon zurückkehrte und nach Paris marschierte, ritt Ney los, nach dem Versprechen an den König, Napoleon nach Paris zu bringen –“In einem eisernen Käfig“. Ganz so kam es nicht. Wenn Bonaparte eines wusste, dann wie er seine Männer begeistern konnte. Die Soldaten, geschickt um ihn zu verhaften, stellten sich auf seine Seite. Ney gab nach. Napoleon zog nach Paris, während der Marschall sich auf seinen Landsitz zurückzog, um dort noch eine Weile zu schmollen, bis schließlich Napoleon nach ihm schickte. Er brauchte seinen Tapfersten der Tapferen – den Spitznamen hatte ihm der Kaiser auf dem Rückzug aus Russland verpasst – an seiner Seite.

Und Ney kam.

Bei Waterloo muss ihm klar gewesen sein, dass die Schlacht nicht mehr zu gewinnen war. Es müsste ihm auch klar gewesen sein, was das für ihn bedeutete. Man kann es nämlich drehen und wenden, wie man will: Er hatte dem König die Treue geschworen, er hatte als Befehlshalber der Armee des Königreichs seine ihm gestellte Aufgabe nicht erfüllt, und kämpfte nun wieder unter Bonaparte. Fünf Pferde waren bereits unter ihm erschossen worden, und Ney stürmte zu Fuß, sein zerbrochenes Schwert schwingend. Es heißt es sah aus, als suche er den Tod – doch der wollte ihn nicht haben.

Napoleon floh, und wurde gefasst.

Ney floh, und ergab sich Anfang August den Männern des Königs. Er wollte den Menschen, die ihn versteckt hielten, die Durchsuchung durch die Soldaten ersparen.

Angeklagt wegen Hochverrat stand er vor dem Militärgericht – und das weigerte sich, über ihn zu urteilen. Vor dem Zivilgericht versuchte sein Anwalt einen letzten verzweifelten Schachzug. Aus Saarlouis stammend sei Ney kein Franzose, sondern Preuße, sagte er. Als solcher könnte er wohl kaum in Frankreich wegen Hochverrats angeklagt werden. Ney schnitt ihm das Wort ab. „Ich bin Franzose, und Franzose bleibe ich.“ Der Anwalt gab auf. Das Urteil wurde gesprochen.

Der Tod wird nicht mehr gefragt, ob er Ney haben wollte.

Ney fällt, elf Kugeln im Körper: sechs treffen seine Brust, drei den Kopf, eine den Hals, eine bricht ihm den Arm. Fünfzehn Minuten lässt man ihn im Dreck liegen, während sich Zuschauer sammeln. Ein Reiter springt mit seinem Pferd über den Toten. Ein Soldat holt sich ein makabres Andenken, indem er sein Taschentuch mit Neys Blut tränkt.

Ney, tot auf der Bahre, das Hemd geöffnet um die Einschusslöcher zu entblöén; im Vordergrund kniet eine betende Nonne.
Was der Atheist Ney hiervon wohl gehalten hätte?

7. Dezember 1815. Das Wartezimmer des Königs.

Aglaé wartet noch darauf, vorgelassen zu werden. Die Tür geht auf, ein Mann nähert sich. „Madame“, sagt er leise. „Geht nach Hause. Die Angelegenheit wegen der Ihr hier seid, wäre nun vergebens.“

A.H Atteridge: Marshal Ney: The Bravest of the Brave. Pen & Sword, 2005
Jonathan Gillespie-Payne: Waterloo: In the Footsteps of the Commanders, Pen & Sword Books, 2004
Harold Kurtz: Nacht der Entscheidung – Die Tragödie des Michel Ney. Köhler, Stuttgart, 1961
Henri Welschinger: Le maréchal Ney, 1815. E. Plon, Paris 1893