Der W-LAN-Stick

Der DAU ist in IT-Support-Kreisen ein Begriff.

„DAU“ steht für den Dümmsten Anzunehmenden User, in Anlehnung an den GAU.

Wenn irgendwie erwähnt wird, dass ich einige Jahre lang technischen Support an der Uni gemacht habe, kommt früher oder später unweigerlich die Frage: Und? Wer war dein Lieblings-DAU?

Zweifellos… das war das Mädel mit dem W-LAN-USB-Stick.

Ich hatte zweimal pro Woche eine Sprechstunde für Studenten, die ihre Fragen und nicht funktionierenden Geräte bringen konnten, wenn die klein genug waren, um sie mitzubringen. Die Uni hatte neuerdings W-LAN für die Studenten, die Laptops wurden daher immer mehr. Außerdem war das gerade die Zeit, in dem die Laptops W-LAN-Fähigkeit noch nicht serienmäßig an Bord hatten, und gerade der Wechsel von PCMCIA-Karte (das waren diese größeren Karten, die man seitlich in den Laptop stecken konnte) auf USB begonnen hatte, wenn man Laptopfunktionen erweitern wollte.

Rein kommt eine junge Frau mit Laptop unterm Arm. Sie legt mir einen USB-Speicherstick auf den Tisch und schaut anklagend an.

Ich: „Was mache ich damit?“

Sie: „Der funktioniert nicht.“ Als wäre es offensichtlich.

Ich: „Was funktioniert nicht?“

Sie schaut mich an als wäre ich nicht besonders intelligent. „Der Stick.“

Okay, was frage ich so blöd… Nochmal also: „Woran erkennst du, dass er nicht funktioniert? Was macht er denn?“

Sie: „Nichts.“

Ich ziehe einen Schluss: Sie steckt den Stick ein, aber er lässt sich im Dateibrowser nicht anklicken/beschreiben. Das ist zu der Zeit ein häufiges Problem, weil es gerade „in“ ist, USB-Sticks ohne Vorformatierung zu verkaufen.

Ich: „Wie alt ist er denn?“

Sie: „22.“

Ich: ???

Kurze Denkpause. Nee, das kann nicht der Stick sein, das muss ihr Alter sein. Warum sie sich bei „er“ angesprochen fühlt, weiß ich nicht.

Ich: „Der Stick.“

Sie: „Oh, neu. Gestern gekauft.“

Bingo, denke ich mir. Formatieren behebt das Problem. Diese Annahme wird sich als nur teilweise richtig herausstellen.

Ich: „Okay, stell mal deinen Laptop her und fahr ihn noch, ich schau mir das an.“

Sie tut das. Ich stecke den USB-Stick ein.

Sie: „Was machst du da?“

Ich freue mich dass sie doch mehr Interesse zeigt, als ich ihr zugetraut hätte… „USB-Sticks sind oft unformatiert, wenn du sie frisch kaufst. Ich schaue jetzt mal ob das bei dem so ist, und wenn ja formatiere ich ihn dir, dann geht er anschließend.

Sie ist beeindruckt, nickt und beginnt sich anderweitig zu beschäftigen.

Ich stecke den Stick ein, fühle mich in meiner Schlussfolgerung bestätigt, da der Stick wirklich unformatiert gekommen ist, mache ein Quickformat, ziehe ihn ab und mache den Laptop wieder aus.

Ich: „Bitte. Geht.“

Sie: „Danke.“ Geht auch.

*

Ich arbeite ein paar weitere Studenten ab, kurz vor Ende der Sprechstunde steht sie wieder da.

Sie: „Der geht schon wieder nicht.“

Ich, überrascht: „Was? Was macht er denn?“

Sie: „Nichts. Der Computer findet ihn nicht und ich kann nicht draufspeichern.“

Ich frage mich, ob ich in meiner Annahme, das Problem zu kennen, nicht zu oberflächlich war und andere Sachen gar nicht in Betracht gezogen habe… aber der Stick *war nicht* formatiert und als ich ihn drin hatte ging er… Na, mal schauen. Ich bitte sie, ihren Laptop aufzustellen und einzuschalten.

Sie macht das.

Ich stecke den Stick ein.

Sie: „Was machst du da jetzt? Formatierst du ihn nochmal?“

Ich: „Naja, zuerst schaue ich mal nach was er macht, ob er ihn wirklich nicht erkennt oder nur nicht anzeigt und so.“

Sie runzelt die Stirn, denkt nach. Dann:

„Warum steckst du ihn dann da rein?“

Stille.

Längere Stille.

Dann, ich: „Wie meinst du das?“

Sie: „Na, da wo du ihn gerade formatiert hast. Warum steckst du ihn da rein, wenn du ihn nicht formatieren willst?“

Versteckte Kamera? Wohl eher nicht. Allerdings haben wir gerade die volle Aufmerksamkeit aller anderen im Raum anwesenden. Vor allem die meiner Kollegen.

Ich: „Also, das hier ist ein USB-Stick, und das hier ist ein USB-Port. USB-Stick kommt in USB-Port damit der Computer ihn lesen kann.“

Ihre Augen werden groß.

Die Kollegen fangen alle an, Bücher vors Gesicht zu heben, sich zu ihren Bildschirmen zu drehen und ähnliches. Ich kann nicht, ich sitze ihr ja gegenüber.

Irgendwie schaffe ich noch ruhig: „Was dachtest du, macht der?“

Sie, total perplex: „Ich dachte, das ist so ein W-LAN-USB-Stick! Dass man da die Kappe abmacht, und dann funkt der!“