Passwortgeschützte Artikel

 

Da es für mich praktischer ist, manche Informationen einfach einmal zu schreiben und hochzuladen, als sie mehreren Personen einzeln per Mail oder Telefon zukommen zu lassen, werde ich das ab sofort gelegentlich tun. Das Passwort kann unter alteregon@outlook.com erfragt werden. Um das Passwort rauszugeben, müsste ich zumindest wissen, wer ihr seid. Wenn ich eine E-Mail gar nicht zuordnen kann, wird sie ignoriert. Wenn wir schon mal miteinander gesprochen haben, z.B. in Kommentaren, ist das sicher hilfreich.

Wer, Wie, Was

Ich denke, wir erinnern uns alle an die Muppets.

Sesamstraße, richtig?

Die Sesamstraße entstand 1969 in den USA. Der Gedanke war, ein Bildungsprogramm für Kinder aus – ich verwende mal den Modeausdruck – bildungsfernen Familien zu bieten, das sie auf die Schule vorbereiten würde und vor- und außerschulisch Inhalte vermitteln könnte, die bei anderen Familien die Eltern übernahmen. Deswegen die ganze Zählerei, Buchstabiererei usw. Die Figuren waren speziell so zugeschnitten, dass sich Kinder aus Großstädten mit ihnen identifizieren können sollten, statt an deren Lebenswelt vorbeizuschießen, wie es andere Programme taten.

Die Sendung war erfolgreich, wurde sehr beliebt, und schließlich auch in andere Länder exportiert. Soviel nur mal eben zum Hintergrund des Formats.

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Vielleicht habt ihr es gehört – wahrscheinlich habt ihr es gehört – vor zwei Jahren wurde ein Muppet namens „Julia“ eingeführt. Julia „hat Autismus“, wie es so schön unschön ausgedrückt in der Vorstellung heißt.

Als Julia erstmalig auftauchte – zunächst nur als ein theoretisches Muppet, über das (den? die? Was zum Kuckuck ist der richtige Artikel für Muppet?) gesprochen wurde und vornehmlich auf der Website, nicht als tatsächliche Figur. Damals gab es erste Reaktionen. Julia wurde mit Freuden aufgenommen – vor allem von neurotypischen Betrachtern, die es toll fanden, dass eine „Randgruppe“ dort nun auch vertreten und vorgestellt wurde.

Weniger groß war die Begeisterung unter den Autisten selbst. Nach dem ersten „schön, eine autistische Figur“ kam sehr schnell die Ernüchterung. Das verfügbare Material war mager und einseitig. Allein schon der sprachliche Ansatz des (englischen) Materials geht am Ziel vorbei. Wie viele „Kollegen“ möchte ich auch im Englischen nicht als „Person with autism“ bezeichnet werden, denn Autismus ist keine Krankheit, die man sich irgendwo einfängt, auch kein erworbener Zustand., sondern schlicht ein Teil von mir. Es war ein häufig genannter Kritikpunkt, der nach über einem Jahr noch immer nicht beseitigt wurde. Stattdessen wird immer mal wieder drauf hingewiesen, dass man mit Autismusvertretungen gesprochen hätte um das Material zu erstellen. Inwieweit das tatsächlich der Fall war… inwieweit Input tatsächlich verwendet wurde – kann ich nicht beurteilen. Ich fürchte, es wurde nur das verwendet, was die Macher eh machen wollten.

Sieht man sich auf der Website zu Muppets & Autismus genauer um – und ich habe jetzt lange darüber nachgedacht, ob ich den Link hier mit einfüge oder nicht. Die Entscheidung fiel wie folgt: der Link befindet sich unten hinter diesem Artikel. Er führt auf die Hauptseite. Ich verlinke nicht direkt auf die Videos, auf die ich mich gleich beziehe. Wenn ihr sie sehen wollt, könnt ihr euch durchklicken, sie sind unter „Videos for Parents“, aber ich will keinen direkten Link von meinem Blog auf dieses Material. Dort finden sich in zumindest dem Videos „A Sibling Story“ und „Thomas’s Story“ einige Szenen, die ich absolut untragbar finde. Festhalten, körperlich wegziehen, „anbinden“ … ich finde den Umgang mit autistischen Kindern, der da gezeigt wird abstoßend. Ich will mich auch gar nicht vorstellen, was „Thomas“ davon hielt, dass ihn eine Kamera in seinen Entspannungsraum verfolgte, in dem er eigentlich zur Ruhe kommen können sollte. Das Video „Being a Supportive Parent“ umfasst quasi die Aussage, dass autistische Kinder therapiert werden müssen, um aufzuhören, den Eltern die Erfahrung des Kindergroßziehens zu ruinieren.

Ich hab mich dann nicht weiter durch die Website geklickt. An der Stelle reichte es mir einfach.

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Nun, über ein Jahr später wurde Muppet „Julia“ als Puppe eingeführt. In der Hoffnung, man hätte inzwischen dazugelernt, habe ich es mir angeschaut. Beworben wurde Julia auch noch

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Screenshot aus dem Werbeclip

„…und soll Zuschauern mit Autismus und ihren Familien eine Figur geben, mit der sie sich identifizieren können.“

Na… da haben wir’s nun wieder. Julia in den bislang existierenden Clips ist eine weitere Darstellung des Stereotyps, mit dem sich wohl kaum ein Autist identifizieren wird. In der aktuellen Form wird sie

Einer meiner ersten Gedanken war „Super, jetzt kommen gleich noch ein paar mehr an mit: Du wedelst nicht mit den Händen, also KANNST du nicht Autist sein“ oder das immer beliebte „aber du sprichst doch mit Leuten… du kannst doch nicht…“
Ja, klar. Man benutzt häufige Eigenschaften für die Figur, aber aufgrund der hohen Diversität des Autismusspektrums ist es eben nicht möglich, damit eine Figur zu schaffen, mit der sich deine hohe Anzahl an „betroffenen“ Zuschauern identifizieren können. Hätte ich Julia als Kind gesehen, hätte ich sicher nicht gesagt „He – die ist ja wie ich!“ – Sie ist es nicht. Ich hätte sehr wenig mit ihr gemeinsam gehabt.

Natürlich – Autismus ist zu komplex um ihn in einer einzelnen Figur angemessen darzustellen. Aber musste es so strikt dem Medienstereotyp entsprechen?

Vermutlich – denn es ist ziemlich klar: das Zielpublikum ist eben nicht der Autist, egal, was die Werbung behauptet. Das Zielpublikum ist der neurotypische Zuschauer. Die Botschaft? Aktuell erkenne ich da vor allem „Um dich als NT adäquat zu verhalten, musst du auch mit Autisten spielen, auch wenn die es dir schwer machen und es Anstrengung von dir verlangt“. Nicht die allerbeste Botschaft. Zu sehen, dass dem „autistischen“ Muppet dann ungefragt das Spiel der anderen aufgedrängt wird („wenn du selbst nicht „richtig“ mitspielst, mache ich es eben in deinem Namen“)… Sorry, Sesamstraße, aber ich da kann ich keinen Beifall klatschen.

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Eine Anmerkung noch an die, die mir bereits auf anderen Plattformen vorgehalten haben, es sei ja erst der Anfang und man müsse ihnen Zeit geben: Sie hatten seit Oktober 2015 Zeit. Das Feedback war da. Die Zeit wurde nicht genutzt. Was genau soll ich jetzt noch erwarten?

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Der Link, wie versprochen

 

Das Duell fällt wegen Zeitverschiebung aus

Es ist nun nicht so, als hätte ich vor meinem Mann keine Beziehungen gehabt. Irgendwie scheine ich sogar ein Faible für französische Muttersprachler zu haben. Was mit Blick auf mein mangelndes Talent für die französische Sprache doch irgendwie komisch ist.

Einmal war es jedoch ein Spanier. Nennen wir ihn mal Manolo. Die Beziehung endete eher unschön. Also genaugenommen so, dass ich ihm die gepackten Koffer vor die Wohnungstür stellte. Wir waren Studenten, er hatte ein WG-Zimmer, ich eine Wohnung, wir waren vor allem bei mir… nach dem Tag war er jedenfalls nicht mehr bei mir.

Mano verdankte ich damals meine ersten Berührungspunkte mit dem Reenactment. Er interessierte sich für solche Sachen, für mich war das erst mal nur marginal interessant, durch ihn kam ich damals zu den ersten Kontakten mit einer Gruppe – zu der Zeit noch im Bereich Mittelalter.

Die Trennung vertrug er nicht so gut. Vor allem fand er es wohl nicht so recht angemessen, dass das von mir ausging. Er schaffte es also irgendwie, in seinen Erzählungen die Sache umzudrehen. Er sei gegangen, ich verfolgte ihn angeblich. Wir lebten in einer Kleinstadt und hatten sehr ähnliche Interessen – irgendwie hatten wir uns ja mal gefunden. Dass wir bei ähnlichen Veranstaltungen auftauchten, war logisch. Ich fand es nicht weiter tragisch, selbst seine Freunde wussten ja auch, was tatsächlich abgelaufen war. Wenn es ihm mit seiner Fassung besser ging – bitte. Ich hätte natürlich auch gut damit leben können, ihn nicht immer wieder zu treffen, allerdings eher deswegen, weil ich noch ziemlich sauer auf ihn war.

Jahre vergingen, wir machten unseren Abschluss, Mano zog zurück nach Spanien, ich landete schließlich so halb in Belgien, und dank Mann erneut beim Reenactment. Zunächst als Helfer „hinter den Kulissen, dann hatte der Mann irgendwann einen Geistesblitz und bot mir eine Rolle an, die ich kaum ablehnen konnte – definitiv nicht ablehnen wollte.

Das erste Event auf dem ich also im Kostüm in der Schlacht aktiv sein sollte fand in Spanien statt.

„Ah,“ sagte ein ehemaliger Kommilitone und heutiger Kollege, als ich bekannt gab, dass ich das Wochenende über keine Übersetzungen übernehmen könnte und warum. „Da triffst du Mano. Der wohnt jetzt ganz dort in der Nähe, der kommt garantiert.“

Na toll, dachte ich mir, was soll mir das jetzt sagen… wir hatten seit deutlich über 10 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Was sollte mich das also kümmern? Ich beschloss, selbst wenn ich ihn treffen und erkennen sollte – was ja gar nicht so sicher war – dies einfach nicht zuzugeben. Ich hätte ja auch schließlich zu tun.

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Wir kamen also an, packten aus, bauten auf, richteten uns im Zelt häuslich ein, gingen zur Vorbesprechung….

Und es dauerte nicht lange, bis ich einem mir doch noch immer erstaunlich gut bekannten Gesicht gegenüberstand. Ich wäre ja nun einfach weitergegangen, aber er meinte, mich direkt am Ärmel packen zu müssen. Schlechte Idee übrigens. Mag ich gar nicht.

Immerhin schaffte ich es, ihm dafür nicht gleich eine runterzuhauen… nur aus „Ich behaupte man einfach, ich kenn‘ ihn nicht“ wurde offensichtlich nichts.

Er legte auch sofort los. Was ich da machen würde, wollte er wissen, warum ich da sei, was das solle, warum ich ihm immer noch hinterherliefe… Oha. Da war wohl jemand nach einer zweistelligen Anzahl von Jahren immer noch sauer, vor die Tür gesetzt worden zu sein. Wahrheitsgemäß murmelte ich was von „Hab‘ zu tun“ und ließ ihn stehen. Zu sagen hatte ich ihm nun wirklich nichts.

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Mein erster Einsatz „im Feld“ verlief recht unspektakulär – größtenteils hielt ich mich einfach im und beim Chirurgenzelt auf und schaute zu während ich versuchte, so auszusehen, als wäre ich beschäftigt. Ich bekam einen ersten Einblick in die Abläufe und hielt mich später im Lager dann auch eher im Hintergrund, um zu beobachten, wie die Interaktion mit den Besuchern lief. Zwischenrein wurde ich ein paar Mal zum Übersetzen gerufen – Spanisch ist schließlich eine meiner Arbeitssprachen. Eigene Ausrüstung zum „einsetzen“, vorführen und erklären hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Lustig wurde es am folgenden Tag beim Frühstück. Wir saßen an der Tafel im großen Stabszelt, das Lager war eigentlich für die Öffentlichkeit noch nicht geöffnet, und wir waren noch nur so halb in den Rollen, ich vielleicht auch noch nicht so ganz wach.

Die Plane wird zur Seite geschoben und es rauscht eine Person ins Zelt, baut sich in voller Größe vor dem Tisch auf und verlangt, den Chef zu sprechen.

Mehrere Finger und Essbestecke deuten vielsagend auf meinen Mann. Der zieht seinen Kragen zurecht, rutscht von freundschaftlichem Geplänkel direkt in den kommandierenden Offizier und fragt höchst würdevoll nach dem Begehren.

Und Mano legt, auf Spanisch, in voller Lautstärke und Geschwindigkeit los. Die Grundinhalt: Er verlangt, mich aus dem Event zu entfernen und heimzuschicken, schließlich sei ich ja nur da um ihm nachzulaufen, und dieses wiederum sei vollkommen klar und logisch, da mich diese Zeit, die hier gespielt wird gar nicht interessiert, und ich bei der französischen Armee eh nichts verloren hätte, da  ich kein Französisch spreche, usw. usf. In jedem Fall wäre das eine Frechheit, und ich sollte tunlichst umgehend zur Abreise bewegt werden.

Die Blicke der Anwesenden werden immer angestrengter, denn keiner möchte dem Chef jetzt in die Antwort lachen.

Der steht auf, setzt sich höchst würdevoll den Hut auf den Kopf, spaziert halb um den Tisch, bleibt vor Mano stehen und sagt, eine Hand auf dem Schwertgriff und in seinem aller-allerbesten Spanisch: „Señor. Würden uns nicht 200 Jahre trennen, müsste ich euch nun zum Duell fordern.“

Alle Blicke im Zelt sind inzwischen ziemlich starr auf die Teller gerichtet.

Mano verarbeitet den ersten Satz noch, da setzt unser kommandierender Offizier eines drauf:

„… Noch ein Tipp von Mann zu Mann: Hören Sie auf, meine Frau zu ärgern. Sonst müssen Sie sich doch noch duellieren – mit ihr.“

Jasper Fforde: Shades of Grey

Ich habe ein ganz besonderes Bücherregal.

Es ist kein materielles Bücherregal aus Holz, sondern mehr ein virtuelles Bücheregal. Es steht in meinem Kopf, und es enthält Bücher. Die Anzahl Bücher, die darin „steht“ ist überschaubar.

Manche Bücher sind für mich sehr einprägsam. Seiten, ganze Kapitel, oder sogar der vollständige Text brennen sich dann ins Gedächtnis ein, sodass ich tatsächlich später einfach „im Kopf“ das Buch wieder aufblättern und lesen kann.

Dabei sind das nicht immer unbedingt die Bücher, die mir am besten gefallen. Genau genommen, habe ich keine Ahnung, was der Auslöser ist, dass manche Texte sich einfach Bild für Bild abrufbar abspeichern und andere nicht.

Obwohl ich viel lese, bekommt dieses Bücherregal nicht besonders oft Zuwachs. Es können Jahre vergehen, bevor ich wieder ein Buch finde, das in dieses „Regal“ rutscht.

Seit dieser Woche habe ich nun ein neues Buch dort stehen. Während, wie gesagt, nicht jedes so gespeicherte Buch zu meinen Lieblingsbüchern gehört – dieses tut es definitiv.

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„Shades of Grey“ hat nichts mit „50 Shades of Grey“ zu tun. Es ist ein Buch von Jasper Fforde, und wer mit Ffordes Werken vertraut ist, kann sich schon vorstellen, welche Art von Buch es ist. Fforde war Kameraassistent für James Bond: GoldenEye und dürfte im Literaturbereich am besten für seine „Thursday Next“-Serie bekannt sein (Gruß an den Kollegen, der die ins Deutsche übersetzt hat: Sie haben ja nicht mal ernsthaft VERSUCHT, den Büchern gerecht zu werden…).

Nun. Shades of Grey heißt auf Deutsch „Grau“, ist im Eichborn-Verlag erschienen und ich habe es in Übersetzung nicht gelesen. Daher kann ich mich leider nicht dazu äußern, wie gut oder schlecht diese ist. Die Buchausgabe ist vergriffen, Kindle benutze ich nicht. Ich hoffe, dass hier ein Übersetzer dran war, der sein Handwerk wirklich versteht – das Buch ist meiner Einschätzung nach extrem schwer zu überestzen, wobei ich mir vorstellen kann, dass eine sorgfältige Übersetzung auch wahnsinnig viel Spaß machen könnte. Wenn jemand die deutsche Fassung kennt, darf er mir gerne mitteilen, ob sie was taugt! Nachfolgend sind alle übersetzten Begriffe daher nur meine eigenen Übertragungen aus dem Originaltext!

Das Setting ist erst mal ordentlich bizarr. Wir befinden uns weit in der Zukunft. Etwa 500 Jahre vor der Geschichte, die erzählt wird, passierte Etwas. Was genau? Weiß keiner. Geschichte wurde abgeschafft, wie eigentlich die allermeisten Fakten. Wilde Spekulation ist eher „in“.

Die Menschen leben im „Kollektiv“ – das anscheinend speziell die britischen Inseln überzieht. Die Bevölkerungszahlen werden streng kontrolliert. Fortpflanzen ist nur mit Erlaubnis möglich. Man lebt nach einem strengen Regelwerk. Einige der Regeln sind recht sinnvoll – etwa lautet Regel 1, dass man nichts tun darf, das einem anderen Menschen schadet. Andere muten genauso bizarr an, wie die Welt an sich, wieder andere sind einfach nur zum-sich-wegwerfen komisch. Regel 9.3.88.32.025 etwa besagt: Die Gurke und die Tomate sind Obst, die Avocado ist eine Nuss. Um eine ausgewogene Ernährung für Vegetarier sicherzustellen, ist das Huhn am ersten Dienstag des Monats offiziell Gemüse.

Klingt soweit noch nach „Ach, wieder irgendeine Dystopie, was ist daran so ungewöhnlich?“

Na, es wäre nicht Fforde, wenn es nicht ein bisschen ins surreale anmutende ginge.

Die Menschen dieser Zeit sind alle mehr oder weniger Farbenblind. Die gesamte Gesellschaft basiert ausschließlich darauf, welche und wie viele Farben der einzelne sieht. Im Alter von 20 Jahren wird jeder auf Farbsehen geprüft und erhält dann seine Einstufung. Karriere, soziales „Standing“, Heiratsaussichten – alles hängt davon ab. Die „Grauen“ sind die Arbeiter- und Dienerklasse. Leider gibt es davon immer weniger, weil die „farbigen“ Familien alles tun, um ihr Farbsehen nicht zu verlieren. So sind die Grauen allgemein überarbeitet. Immerhin können sie so mehr verdienen, meint jemand im Buch. Leider nutzt ihnen das nichts. Sie können zwar so viel verdienen, wie sie wollen, aber die Beträge, die sie ausgeben dürfen, sind begrenzt.

A propos – diese Welt hat zwei Währungen: Merits und Cents. Merits werden zum Handeln verwendet, aber auch als Belohnung für gutes Verhalten vergeben… oder zur Strafe abgezogen. Sinkt der Meritstand zu tief, heißt es ab zur Umerziehung.

Zurück zu den Farben… unter den Farbsehenden fängt die Hierarchie unten mit rot an und hört oben mit lila auf. Nachnamen weisen immer auf die Farbe und die Intensität des Farbsehens hin. Durch Heirat kann der „tiefer“ eingestufte Partner in die Farbe des „höher“ eingestuften umklassifiziert werden. Theoretisch könnte man so direkt von Grau zu Lila werden – jedoch kommt eine solche Verbindung eher selten vor. „Wenn du willst, dass deine Nachfahren dich hassen,“ heißt es nämlich, „dann heirate spektrumabwärts.“

Dieses eingeschränkte Farbsehen gilt jedoch nur für natürliche Farben – und alten Farben, aus der Zeit bevor Etwas Passiert ist. Andererseits jedoch kann aus altem eingefärbtem Kunststoff künstliches Pigment extrahiert werden, mit dem „Univision“ – für alle sichtbare – Farben erzeugt werden können. Reiche Familien kaufen sich dann eingefärbte Möbel, eingefärbtes Essen, etc., damit jeder, der zu Besuch kommt, auch sieht, wie reich man eben genau ist.

Daneben werden Farben auch zu ganz anderen Zwecken verwendet: Als Drogen etwa (vor allem Grüntöne) oder zu medizinischen Zwecken. Manche Farben sind so gefährlich, dass sie verboten sind. Es heißt sogar, es gäbe irgendwo ein Gebäude, das in einer Farbe gestrichen ist, die den Betrachter durch bloßes Ansehen tot umfallen lässt.

Das Regelwerk ist unfehlbar und enthält unter anderem eine Liste der Gegenstände, deren Produktion zulässig ist. Der Löffel fehlt dort, und so haben sich die Löffel inzwischen zu einer seltenen Ware entwickelt. Wer einen hat, trägt ihn vorzugsweise am Körper, um Diebstahl zu verhindern. Wer zwei hat, hat auf jeden Fall eine sehr gute Verhandlungsposition, könnte er doch einen eintauschen.

Was nicht in den Regeln steht, gilt als Apokrypha und wird wegignoriert. So etwa der „Gefallene“ – ein Mann, der an einen Stuhl aus Metall gefesselt vom Himmel gefallen und beim Aufprall verstorben ist. Der liegt noch immer – inzwischen ist kaum mehr als das Skelett übrig – genau da, wo er gelandet ist. Da er nicht offiziell existiert, kann ihn auch keiner wegräumen oder recyceln.
Diese Vorgehensweise führt dann auch zu interessanten Situationen, wenn man einen „apokryphen“ Menschen im Dorf hat, der lustig ins Zimmer spaziert kommt, das Abendessen mitnimmt und sich wieder verzieht… darf man doch nicht mal zugeben, ihn gesehen zu haben. So bleibt dann nur der Seufzer „Niemand hat gerade unsers Suppe gegessen…“ und die Suche nach einem Ersatz für die ausgefallene Mahlzeit.

In dieser Welt gibt es neben dem angeblich tödlich gestrichenen Gebäude ein paar sehr typische Todesformen: Schwäne sind sehr gefährlich. Insbesondere gilt dies für die Riesenschwäne. Dabei handelt es sich um extrem große fliegende Vögel, die scheinbar keine Beine haben, nie im gelandeten Zustand entdeckt werden, nicht mit den Flügeln schlagen müssen, und in sehr großer Höhe kreisen. Wie groß diese Tiere tatsächlich sind, ist schwer zu sagen – schließlich dürfte noch keiner eine direkte Begegnung überlebt haben.

Blitze sind ebenfalls sehr gefährlich, und die einzelnen Ortschaften bauen unterschiedlichste Mechanismen, um sie einzufangen und ihre Bewohner zu schützen. Insbesondere Kugelblitze gelten als tödlich und hinterhältig.

Mit dem Farbsehen ist die Fähigkeit verlorengegangen, die Pupillen zu erweitern um bei geringem Lichteinfall zu sehen. Die Nacht an sich ist daher ebenfalls sehr gefährlich – wer sich nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb der sicher beleuchteten Gebiete aufhält, überlebt dieses Erlebnis nur selten.

Dennoch – die häufigste Todesursache ist eine Krankheit namens Mildew („Mehltau“); die ersten Symptome sind taube Ellenbogen und schnell wachsende Fingernägel. Wer betroffen ist, verabschiedet sich von seiner Familie und begibt sich in den „Grünen Saal“ – wo er durch medizinisches Grün in einen Zustand der Verzückung versetzt wird und schließlich verstirbt. Dann wird die Leiche versiegelt, denn Mehltauopfer husten einige Stunden nach dem Tod noch einmal und stoßen dabei Sporen aus, die die Krankheit weiter verbreiten. So ziemlich jeder, der nicht einem Schwan oder Blitz zum Opfer fällt, oder in der Nacht verloren geht, holt sich irgendwann den Mehltau und ist nach spätestens 24 Stunden tot.
Der Mehltau hat auch noch ein paar andere interessante Eigenschaften – so gibt es etwa eine Variante, die umgehend auftritt, wenn sich eine Person eine irreversible Verletzung zugezogen hat – traumatischer Mehltau nennt man das. Und es scheint dass der „Pöbel“ – Menschen, die unzivilisiert außerhalb der Städte in der Wildnis leben – dagegen auch noch immun sind. Sehr seltsam…

Zu irgendeinem Zeitpunkt wurde wohl – so nimmt man an – das genetische Material von Tieren und Pflanzen so verändert, dass diesen nun jeweils ein Strichcode irgendwo im Fell oder auf der Haut wächst. Strichcodes sammeln und entschlüsseln ist ein beliebtes Hobby – es ist übrigens Pflicht, mindestens ein Hobby zu haben, ebenso, wie es Pflicht ist, ein Instrument zu spielen. Fast alles hat Strichcodes: Rennschnecken, Bisons, Strauße, Giraffen, das Letzte Kaninchen… wenige Dinge haben keine, wie etwa Rhododendrons und Äpfel. Menschen… haben einen. Er wächst anstelle eines Fingernagels an der linken Hand.

In diese Welt wirft uns Fforde nun also gemeinsam mit Eddie, dem Erzähler und Protagonisten, direkt in die Verdauungskapsel einer fleischfressenden Pflanze – denn dort steckt er gerade. Während er darauf wartet, verdaut zu werden, erzählt er uns genau, wie er in diese missliche Lage genommen ist. Dabei schafft Fforde es, die Welt in der Erzählung vorzustellen, ohne in „Achtung, hier kommt eine Erklärung“ zu verfallen. Die Figuren sind teils sehr seltsam, aber innerhalb der Welt konsistent. Manches erscheint komischer als es müsste – was nicht die Schuld des Autors ist, sondern im Gegenteil an der Konditionierung des Lesers liegt. Die Sache mit der Mitgift und den arrangierten Ehen etwa wirkt gefühlt erst dann ganz besonders seltsam, wenn es der junge Mann ist, der quasi an die Familie seiner zukünftigen „Verkauft“ wird und auch noch einen Teil seiner eigenen Mitgift zu stellen hat. Da kann man als Leser dann trotz – oder vielleicht gerade wegen – der eher surrealen Umgebung eigene Annahmen etwas hinterfragen.

Fforde ist ein Meister der Beschreibungen auf einer Ebene, die mich zumindest sehr tief „erwischt“. So fiel mir etwa auf, dass ich alleine aufgrund der sehr farbspezifischen Wortwahl und der an die Wahrnehmung des Protagonisten angepassten Beschreibung nach Lektüre selbst die Farbigkeit um mich herum ganz anders – nicht intensiver, aber deutlich bewusster – wahrgenommen habe. Es war ein interessanter Effekt.

Was mir noch besonders gut gefällt ist, dass die Welt, egal wie bizarr, seltsam und unwahrscheinlich sie anmutet, am Ende Sinn gibt. Ich verstand die Lösung beim Lesen in einem Aha!-Moment einige Kapitel bevor die wichtigsten Punkte für den Erzähler selbst aufgelöst wurden. Es waren die Barcodes, die mich drauf brachten, zusammen mit den Schwänen und dem „Gefallenen“.

Sehr gut gefällt mir auch die Vielzahl der Anspielungen auf literarische Werke und alles von Musicals bis Brettspiele unserer Zeit. Oft lassen sich die Halb- und Falschüberlieferungen dann tatsächlich einsortieren. Das Buch hatte für mich keine Längen, keine echten Kopfschüttelmomente und keine Inkonsistenzen, die mit Blick auf die Auflösung nicht logisch sind. Es enthält natürlich ein paar Druckfehler, jedoch bietet Herr Fforde auf seiner Website neben etlichen Gimmicks auch ein Upgradecenter für seine Bücher an – detaillierte Anleitungen zur Beseitigung der gefundenen Druckfehler, sortiert nach Buch und Ausgabe, einschließlich einer Art Exlibris, das man sich ausdrucken und einkleben kann, und das darauf hinweist, dass das Buch nun die „vom Autor genehmigte Version 1.1“ sei. So trägt dann sogar das, was sonst eher nervig erscheint, zur Unterhaltung bei.

Jetzt müsste Herr Fforde nur dazu kommen, Band zwei und drei zu veröffentlichen. Da er ein sehr regelmäßiger Schreiber ist, habe ich hier jedoch volles Vertrauen darin, dass die Bände noch kommen. Für 2018 ist auf jeden Fall ein Buch aus dieser Welt angesagt, wenn auch eine Vorgeschichte, und noch nicht die Fortsetzung. Das Fforde-Buch von 2017 – der Autor veröffentlicht in schöner Regelmäßigkeit ein Buch pro Jahr – soll ein Standalone sein, das bereits vorbestellt ist.

Eine Woche England

Normalerweise beschränke ich Reisen soweit möglich auf maximal zwei Übernachtungen. Dass wir diesmal von Mittwoch bis Montag, jeweils einschließlich, weggefahren sind, und ich dabei kein besonders schlechtes Gefühl hatte, hing zuerst mal daran: Organisiert wurde dieser Ausflug von einer autistischen Freundin; und die Teilnehmer alle Autisten oder Autisten mit NT-Partner im Anhang. Das machte die ganz Angelegenheit schon mal etwas entspannter.

Dazu jetzt kurz – irgendwann schreibe ich dazu ausführlich: Ich mache bei Freundschaften eine ganz klare Unterscheidung in AS und NT. Ich habe zwei NT-Freundinnen, und das ist auch die absolute Obergrenze für mich.  Alles Weitere wäre sehr viel zu anstrengend.

Bei Mit-Autisten ist meine Toleranzgrenze in Anzahl, Kontaktumfang und –dauer usw. deutlich höher, und ich finde es sehr viel weniger anstrengend. Sowohl als Sender als auch als Rezipient.

Der Gedanke war also: 8 x 2, Kombination je AS/NT, zusammen drei ganze und zwei halbe Tage in einem ehemaligen Kloster, das für Gruppenveranstaltungen vermietet wird, Spaß haben.

Einige Dinge laufen dabei etwas anders ab, als man es vielleicht so „üblich“ ist.

Es gingen zunächst einige E-Mails rum. Jeweils ein Thema, mit der Option, entweder die Grundfrage beschreibend zu beantworten oder den beiliegenden Fragebogen auszufüllen. Ich wähle bei sowas den Fragebogen. Ich mag Fragebögen.

Einmal ging es um Aktivitäten – das Thema des Ausflugs sollte „Game of Thrones“ sein – also: Welche der in Frage kommenden Dinge wollte man machen/nicht machen/nur unter bestimmten Umständen machen, beim LARP welche Figur(en) spielen, etc.

Die zweite ging um die „chores“, die Aufgaben – wir kamen als Selbstversorger, also musste eingekauft werden, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, Essen gekocht usw. Man gab an, was man zu machen bereit war/unbedingt machen wollte/gar nicht machen wollte, ob bestimmte Tageszeiten für einen Einsatz bevorzugt wurden und ob man mit bestimmten Personen unbedingt oder gar nicht zusammenarbeiten wollte.

Die dritte ging um Persönliches. Grenzen, Abstand, Regeln, Dinge, die unbedingt gekauft werden müssten, Dinge, die Probleme machen würden durch Geruch etc., welche Art von Schlafplatz, wäre man bereit, das Badezimmer mit anderen zu teilen usw.

Daraus wurden dann zum einen der Zeitplan erstellt, zum anderen die Zimmerzuteilung und die Einkaufspläne gemacht. Außerdem ging eine Rundmail raus, in der für alle zusammengefasst wurde, bei wem auf was zu achten ist. Jeweils mit Bitte um Rückmeldung, falls Probleme auftreten würden.

Nun sind solche Zeitpläne genau etwas, das mich normalerweise leicht aus der Bahn werfen würde – nämlich dann, wenn sie kurzfristig geändert werden, weil schnell beschlossen wird, doch irgendetwas zu verlängern, zu verkürzen, zu ändern, jemand spontan auf komplett neue Ideen kommt usw.

Genau das ist z. B. ein Stressfaktor, den ich mir in dieser Anordnung ersparen kann. Wenn nämlich 50% der Anwesenden genau das gleichen Problem hätte, und die anderen 50% dran gewöhnt sind, dass man nicht einfach mal schnell was umwirft, dann wird der Zeitplan zu einem Sicherheitsfaktor.

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Aufgrund einer Streiksituation bei BA wurden wir gebeten, frühzeitig zum Flughafen zu kommen. Soweit kein Problem. Laptop geht mit, ab in die Lounge, ich arbeite weiter, der Herr beschäftigt sich mit einem Buch.

Der Flug wie üblich problemlos; das Kabinenpersonal sehr bemüht, der Steward wurde etwas panisch als ich den Salat ablehnte (war Hähnchen drin) … Vegetarisch hätte man vorbestellen müssen… Hatte ich nicht, hatte ja gar nicht vorgehabt, an Bord zu essen.

Der Pilot war einer dieser Landekünstler, bei denen man erst mitbekommt, dass das Flugzeug wieder unten ist, wenn es bremst.

Am Flughafen wurden wir vom Mann der Londoner Freundin empfangen, dem ich es wirklich hoch anrechne, dass er uns jedes Mal abholt, wenn wir kommen. Es ist eine knappe Stunde Fahrt durch London, aber andernfalls müssten wir eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, was für mich sehr stressig ist.

Da die Londoner Freundin und ich uns ein Spezialinteresse teilen, hat es sich so eingebürgert, dass wir uns bei jedem Treffen jeweils ein neues bzw. neu entdecktes Buch zum Thema mitbringen und austauschen. Zum Glück verstehen sich die beiden Männer gut, und so können wir auch ohne schlechtes Gewissen erst mal eine Weile unter uns fachsimpeln, während die beiden sich eben über was anderes unterhalten.

Nach dem Abendessen folgte noch ein bisschen Requisiten basteln, dann recht zeitig Schlafen… denn am nächsten Morgen mussten wir raus.

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Meine Erinnerung an die frühen Morgenstunden ist eher verschwommen…das ist bei mir so üblich. Kaffee beschleunigt den Aufwachprozess, und so war ich dann doch ausreichend wach um den Schwan anzuschauen … das Museum lag freundlicherweise direkt an unserer Strecke.

Tolles Tier, der Schwan. Ich muss sagen, ich habe eigentlich gar keine Worte, um das zu beschreiben. Wer in den nächsten Wochen in London ist, sollte sich den auf keinen Fall entgehen lassen!

Nach dem Schwan ging es dann per Auto nach Nordengland. Dort stellte ich zuerst mal fest: Unsere Unterkunft ist offenbar einer dieser Orte aus Harry Potter, die man nur findet, wenn man bereits weiß, wo sie sind.

Also im Ernst: Da hätte ich niemals ohne jemanden zum Zeigen hingefunden. Es stellte sich später auch noch raus dass andere trotz telefonischer Anleitung wirklich nicht hinfanden, und wir sozusagen einen Suchtrupp losschicken mussten.

Das „Problem“ dabei ist: Das Gelände wurde im Lauf der Zeit komplett mit Wohnhäusern umbaut, sodass nur ein sehr enger Weg (eine knappe Gehwegbreite etwa) zwischen zwei Häusern hindurch zum Eingangstor führt. Dieser Weg ist unbeschriftet und sieht von der Straße aus eher aus, als würde er in einen Hinterhof führen. Der Gang endet an einer Holzplatte an Scharnieren mit Riegel. Erst dahinter kommt der eigentliche Zugang zum Gelände. Bis man durch dieses erste improvisierte Tor ist, sieht man absolut nichts von dem, was dahinter liegt. (Parken muss man um die Ecke.)

Hat man erst mal reingefunden… ist die Unterkunft aber einfach toll. Sie ist für Selbstversorger gedacht, es gibt eine große Küche, einen Speiseraum, viele Zimmer, mehrere Badezimmer pro Stockwerk mit Duschen und Badewannen, eine Sauna und anderes… Wir nutzten in erster Linie die beiden „Sitting rooms“ – große wohnzimmerartige Räume mit vielen bequemen Sitzmöbeln. Aus dem größeren flog als erstes der Tisch raus, weil wir Freifläche brauchten. Wir wollten ja schließlich irgendwie Theaterspielen.

Im Lauf des Nachmittags trudelten so nacheinander alle ein. Die einen verzogen sich erst mal direkt in ihre Zimmer, die anderen halfen beim Lebensmittel rauftragen und wegräumen, der für den Abend eingeteilte Koch machte seine Pläne… Die Requisiten wurden aufgestellt, die Skripte ausgelegt.

Eine kleine Beinahekatastrophe gab es dann als eine NT-Frau – der dazugehörige Mann war bereits da – den Veranstaltungsort nicht fand. Trotz mehrfachem Anrufen und einweisen. Irgendwann waren dann doch alle da, das Abendessen war gegessen, und wir hatten für den Abend auf dem Plan stehen, die ersten Szenen durchzuspielen.

Dabei war die Regelung im Großen und Ganzen die: jeder kann mit so viel oder wenig Einsatz spielen, wie er will. Der eine steht eben auf der Bühne und liest seinen Text ab, der andere spielt seine Rolle mit vollem Körpereinsatz, Kostüm und Requisiten… jeder, wie es ihm zusagt. Szenen mit Körperkontakt, fesseln von Gefangenen, Schwertkämpfen, etc. werden zuvor zwischen den Beteiligten abgesprochen. Ebenfalls sprechen die jeweils Beteiligten vorher ab, falls sie eine Szene nicht nach Skript spielen sondern improvisieren wollen.

Ich war erstaunt, wie gut das in der Tat ging. Die Requisiten waren teils etwas gewöhnungsbedürftig. Die Wölfe waren Plüschtiere, und da wir nicht genug Wölfe zusammengebracht hatten, wurde mit Plüschkatzen aufgefüllt. Schwerter reichten vom richtigen LARP-Schwert bis zum funktionsfähigen (leuchtenden) Laserschwert – klar, man braucht ja brennende Schwerter und auch mal Fackeln … Zitat vom Wochenende: „Und sie nahm ihr Laserschwert und machte sich auf den Weg“.

Wir waren ja nun alles erwachsene Leute zwischen 30 und 45, und daher „nicht das kleinste Bisschen“ albern. Nee, ist klar… natürlich bleibt die Sache nicht bierernst, wenn das einzige für den Auftritt zur Verfügung stehende Pferd ein Steckenpferd ist, die Dracheneier als Avocados geboren wurden und fehlende Requisiten einfach durch ein Blatt Papier ersetzt werden, auf dem die Bezeichnung des fehlenden Gegenstands steht.

Spaß hatten wir jedenfalls.

Ganz toll übrigens: was an „inneren Organen“ benötigt wurde, hatte vorher jemand aus geschmolzenen Haribo-Erdbeeren nachgeformt und großzügig mit Theaterblut verziert. Diese speziellen Requisiten wurden anschließend noch ihrer ursprünglich vorgesehenen Verwendung zugeführt.

Zwar hatte jeder zugeteilte Rollen, aber es spielte nicht unbedingt jeder in jeder „Sitzung“ mit. Wer gerade Pause wollte oder brauchte, konnte in seinem Zimmer bleiben, spazieren gehen oder sonst was machen, und die Rollen wurden bei Bedarf kurzfristig umverteilt.

Es wurde natürlich nicht nur Game of Thrones gespielt an dem Wochenende. Die Pokémon-Go-Spieler schickten immer mal wieder Jagdtrupps aus, es gab Diskussionsrunden zu vorher genannten Themen (ähnlich Viktorianischer Parlour-Diskussionsrunden, wie sie gerne mal zur Unterhaltung abgehalten wurden), Karten- und Brettspielrunden, Abends wurde die Sauna angeworfen, irische und schottische Folkmusik gesungen und getanzt (wir hatten Flöte- und Gitarrenspieler samt Instrumenten dabei). Einige hatten ihre eigenen Projekte dabei, einige gingen außerhalb der Spielerunden direkt in ihr Zimmer und blieben da, bis es entweder Zeit zum Essen oder Zeit zum weiterspielen war.

Frühstück und Mittagessen lief jeweils so, dass jeder sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbst holte, was er wollte. Es gab dabei Schränke und einen Kühlschrank, die für die Köche reserviert waren und die von diesen bestellten Zutaten enthielten, und Schränke und einen anderen Kühlschrank, aus denen sich jeder einfach bedienen konnte. Speziell für eine Person besorgte Lebensmittel waren beschriftet.
Zum Abendessen kochen sowie am Sonntag zum Brunch (= Full English Breakfast) war jeweils ein Koch mit zwei Helfern eingeteilt. Gekocht haben alle hervorragend. Es wurde immer in Variationen gekocht, der anfangs rumgesendeten Liste entsprechend, sodass immer jeder was zu essen hatte. Wer nicht im Speiseraum essen wollte, nahm sich eben einen Teller mit aufs Zimmer – oder ließ sich einen bringen.

Gespräche fand ich allgemein auch in der Gruppe verhältnismäßig entspannt, schon allein deswegen weil wirklich immer nur einer redete. Wenn sich zwei Gespräche im gleichen Raum entwickelten und es dadurch zu Problemen durch Lärmpegel kam, ging die Gruppe, die näher an der Tür saß, in einen anderen Raum. Bei Wortfindungs-/Artikulationsproblemen sah die Lösung dann so aus, dass die betroffene Person, die etwas sagen wollte, aber gerade entweder die passenden Wörter oder gar keine Wörter rausbrachte, einfach „Words!“ sagte bzw. einen Zettel mit dem Wort drauf hochhielt. Dann wurde gestoppt, die jeweilige Person konnte sich in Ruhe die Wörter sortieren, aufschreiben oder anderweitig den gewünschten Inhalt kommunizieren.

Alles in Allem: Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass eine Zusammenkunft von 16 Personen so relaxt ablaufen kann…Wir sind definitiv nächstes Jahr wieder dabei.

 

 

Neulich, wir waren in Deutschland, kurz bei meinen Eltern vorbeischauen, Post holen. Aufgrund des Hin- und Hers zwischen den Ländern lassen wir unsere Post vorzugsweise zu meinen Eltern senden. Vor allem Pakete kommen da am besten an.

Da ich einen recht regen Tauschhandel – Deutsche und Belgische Süßigkeiten gegen internationale Bücher mit mehreren Bekannten unterhalte, versende ich auch öfter mal Überraschungseier. Die verschicken sich am besten in – genau: Eierkartons. Da diese bei uns kaum anfallen, hatte ich meine Mutter gebeten, mir mal wieder einen aufzuheben. Er stand bei meiner Post.

Soweit, sogut.

Wir, in der Küche sitzend, unterhaltend.

Mein Vater fährt vor, sperrt die Haustür auf, kommt rein, hört uns.

Er: „Mama sagte, du wolltest diesen Eierkarton mitnehmen.“

Ich: „Ja.“

Er: „Der ist noch da.“

Ich: „Ich bin ja auch noch da…“

Er: „Ach so.“

Okay. Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben…

Routenplaner

Am Flughafen. Wir warten, in voller Montur, auf unseren Flug. Der Herr in kompletter Uniform, ich deutlich dezenter, aber auch bereits in „Arbeitskleidung“.

Ein kleines Mädchen tapst immer wieder zwischen dem Sitzplatz ihrer Eltern und uns hin und her, schaut uns an, studiert uns eingehend, läuft zurück, redet mit den Eltern.

Das Spiel wiederholt sich einige Male, dann kommt sie, Papa an der Hand rüber. Sie grüßen freundlich, der Papa ermutigt sie, „selbst zu fragen“.

Die Frage die Kommt: „Wo habt ihr eure Pferde?“

Oh.. die haben wir nicht dabei.

Der Papa erzählt uns, sie wären in diesem Sommer mit Kind auf einem Event gewesen, die bunten Uniformen hätten es ihr sehr angetan, und eben vor allem die Pferde…

Mein Mann, sehr nett, beugt sich vor und erklärt dem Kind: Pferde kann man im Flugzeug leider nicht mitnehmen, denn die passen nicht auf den Sitz, und im Gang wären sie der Stewardess im Weg.

Das Kind nicht verstehend, tapst davon. Kommt wieder. Ziemlich aufgeregt.

Es dauert einen Moment, bis zu uns durchdringt: Das Kind hat sich jetzt in unfehlbarer Kinderlogik zurechtgelegt: Wenn wir mit dem Flieger fliegen und das Pferd nicht im Flieger mitkann… muss das Pferd wohl unten vorauslaufen. (Armes Pferd!) Und, ihr Sorge:
„Wie findet das jetzt hin? Und wenn es sich verläuft?“

Mein Mann kann das Kind beruhigen. Da besteht kein Risiko, meint er. Er hat nämlich, wie er sagt, vor Aufbruch seinem Pferd sein GPS aus dem Auto gegeben.

Ich ging dann mal ganz schnell was zu trinken holen, bevor ich den Kampf gegen das Kopfkino verloren hätte…

Flaschenkind

Der Mamagei möchte ja nun immer mal wieder mit mir raus –  und wenn das Wetter passt, die Störche gegenüber gerade keine Jungen haben (ein flugunfähiger Graupapagei könnte durchaus Beutegröße haben…) und ich oder wir die Zeit dazu haben, nehmen wir sie auch mit spazieren oder Eis holen.

Gerade für längere Spaziergänge im Sommer müsste man aber in der Lage sein, dem Vögelchen unterwegs dann mal was zu trinken anzubieten.

Nach einigen Optionen haben wir dazu schließlich eine Lösung gefunden, die allen Beteiligten gut passt: Der Mamagei zeigte uns nämlich irgendwann: Sie kann aus der Flasche trinken.

Normalerweise habe ich eine 0,33 l Flasche für sie dabei, die ist aber gerade abgängig… daher hier im Video mit einer größeren vorgeführt. Inhalt: Leitungswasser.