Manche Sachen braucht man echt nicht…

Der Versuch, zu schlafen, endete mit Komplettoverload. Der Versuch, morgens zu erklären, dass ich dank Overload + kein Schlaf nicht in der Lage bin, heute irgendwas zu unternehmen oder sinnvolle Dinge zu machen, führte dann dazu, dass mir die Hausherrin (nicht identisch mit der Gastgeberin) doch ernsthaft erklärte, ich hätte keine Ahnung von Autismus und SIE wüsste Bescheid, sie hätte schließlich ALLE Studien gelesen, die es dazu gibt.

Nachdem ich den Vormittag noch zwischen halb im Overload, halb im Shutdown hängend, mich irgendwie in einen einigermaßen kommunikationsfähigen Zustand gezogen habe (Ich war knapp davor, sogar SO ins Auto zu steigen und zu fahren… die Kurve habe ich gerade soeben noch gekriegt…) Und wir den Rest des Tages dann mit einem Shadowhunter-Marathon vor Netflix verbracht haben, bin ich inzwischen wieder einigermaßen aufnahme- und verarbeitungsfähig.

Allerdings auch stinkesauer.

Fazit: Jegliches auch nur ansatzweise freundschaftliches Verhältnis, das ich zur Hausherrin irgendwann hatte ist hiermit beendet.

Ich lebe mit dem autistischen Gehirn seit 40 Jahren;

Ich bin seit 15 Jahren immer mal wieder an Studien beteiligt u.ä. (mit der Forschung auf dem aktuellen Stand).

Ich habe in den letzten ca. 5 Jahren immer wieder, mit Pausen  wegen Stress und anderen Gründen, in der Unterstützung betroffener gearbeitet.

Aber natürlich habe ich KEINE Ahnung von der Materie, und KEINESFALLS so viel wie eine Dame, die in ihrer Freizeit „alle“ Studien gelesen hat.

Ja, nee, is klar.

Meiner Freundin (Gastgeberin) zuliebe werde ich irgendwie auf einen zivilisiert-höflichen Umgang mit der Hausherrin schalten, aber das war’s dann. Manche Dinge reichen mir einmal…

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*Schimpf*

Bin gerade im Urlaub. Heute Nachmittag meinte, die etwas feuchte Katze des Gastgebers, sich auf mein Bett setzen zu müssen. Nicht ideal, aber wäre problemlos bis Abends getrocknet. Gastgeber marschiert allerdings ungefragt ins Zimmer, bezieht mal schnell das Bett neu, räumt damit natürlich alles durcheinander, und außerdem war ich jetzt auch nicht drauf vorbereitet, heute Nacht anderes Material usw… Ganz großes Kino, das wird ’ne tolle Nacht…

(Würde das vielleicht noch stiller tolerieren, wenn Gastgeber sich nicht gelegentlich selbst als Autist „diagnostizieren“ würde und dann immer mal wieder spektakulär beweist, dass eigentlich keine Ahnung vorhanden ist…)

Und irgendwo sitzt ein kleiner Sprachwissenschaftler in der Ecke und weint: Wenn der Deutsche aufgrund der englischen Sprachregeln Sonderwünsche an seine Sprache stellt

Ich habe heute Morgen versprochen, noch etwas zum Thema „Formulierung Autist vs. Mensch mit Autismus“ zu schreiben.

Dem komme ich dann hiermit nach.

Ich gehe das jetzt mal nicht aus meinem persönlichen Empfinden heraus an, sondern aus der Sicht des Sprachwissenschaftlers.

Wir wissen, es gibt in jeder Sprache Regeln.

Es gibt Regeln dafür, wie neue Wörter zu bilden sind.

Es gibt Regeln dafür, wie man Wörter voneinander ableitet.

Grundsätzlich wird im Deutschen das Konzept „Mensch, der etwas tut“ durch Anfügen des Suffix (der Nachsilbe) „-er“ an den Wortstamm gebildet.

Ein Mensch, der lehrt, ist etwa ein Lehr-er.

Ein Mensch, der läuft, ist ein Läuf-er.

Ein Mensch, der bäckt, ist ein Bäck-er.

Ein Mensch, der Briefe austrägt, ist ein Brief-träg-er.

Und ein Mensch, der auf dem Bau arbeitet, ist ein Bau-arbeit-er

(Ein paar spezielle Ausnahmen gibt es, denn ein Kocher ist eben gerade nicht der Mensch, sondern eher das Ding, mit dem der Koch arbeitet… da wird es dann gerade etwas komplizierter aber nicht minder spannend. Bleiben wir mal bei der Grundregel.)

Ein Deutsch-er kann dasselbe aber auch mit Adjektiven machen.

Ein Mensch, der weise ist, ist ein Weis-er.

Ein Mensch, der groß ist, ist ein Groß-er.

Ein Mensch, der dünn ist, ist ein Dünn-er.

Ein Deutsch-er kann auch von anderen Substantiven ableiten.

Ein Mensch, der mit Technik zu tun hat, ist ein Technik-er

Ein Mensch, der Chemie betreibt, ist ein Chemi-k-er (das -k- als bindender Buchstabe, denn „Chemier“ könnte man nicht wirklich aussprechen; gibt es je nach Buchstabenkombination auch mit ‑l-).

Ein Mensch, der Medizin betreibt mit ein Medizin-er.

Das ist mal die Grundregel. Es gibt nun Sonderfälle, bei denen die Ableitungen anders gebildet werden. Den Hintergrund kann ich gerne auf Wunsch erklären, hier werde ich mich aus Platzgründen mal darauf beschränken, festzustellen, dass es so ist.

Ein Mensch, der sich mit einer -logie befasst etwa, ist kein -loger, sondern nur ein -loge: Psychologe, Astrologe, Urologe.

Ein Mensch, der sich hingegen mit einer -nomie befasst, ist ein -nom: Astronom, Gastronom, Ökonom…

Und wird der Mensch von einer -istik oder einem -ismus abgeleitet (wie und warum diese beiden Suffixe zusammenhängen, kann ich auf Wunsch auch erklären, sprengt mir hier ebenfalls den Rahmen) – dann ist er ein -ist.

Linguistik => Linguist (das ist der Sprachwissenschaft-l-er… also der Nervtöt-er, der hier gerade diesen Artikel verfasst).

Autismus => Autist (siehe Anmerkung in Klammern im direkt vorhergehenden Absatz).

 

Tl;dr: Im Deutschen kann man durch ein an einen Wortstamm angehängtes Suffix ausdrücken, dass man sich auf einen Menschen bezieht, auf den eine bestimmte Eigenschaft/ein Konzept/etc. zutrifft.


So, jetzt hatten wir das Deutsche.

Jetzt gehen wir mal ins Englische.

Das Englische hat ebenfalls Ableitungsregeln, an die sich die Sprache zu halten hat.

Also: Die englische Sprache. Der deutschen Sprache können die englischen Sprachregeln getrost am Allerwertesten vorbei…ihr wisst schon.

In der Regel ist es so: Ein Mensch, der etwas tut – von einem Verb abgeleitet – ist im Englischen erst mal ein -er, wie im Deutschen.

to teach (lehren) wird zum teach-er (Lehrer).

to run (laufen) wird zum run-n-er (Läufer; das zweite n hat seinen Ursprung in den Ausspracheregeln).

to sleep (schlafen) wird zum sleep-er (Schläfer).

Der cook macht übrigens im Englischen den gleichen Scheiß, wie der deutsche Koch, und aus demselben Grund, der nicht minder spannend ist, aber kein bisschen mehr hier hingehört.

Das Englische kann das Ganze auch mit Substantiven.

Der Mensch, der sich mit der philosophy befasst, ist ein philosoph-er.

Der Mensch, der sich mit geography befasst, ist ein geograph-er.

Der Mensch, der sich mit astronomy befasst, ist ein astronom-er.

(Ihr sehr schon, die Regeln unterscheiden sich leicht vom Deutschen)

Auch im Englischen haben wir nun wieder ein paar alternative Suffixe je nach Ausgangswort:

Der sich mit einer –ology befasst, wird ein –ist: psychologist, biologist, geologist.

Aus den –istics (eine Untergruppe der Wissenschaften) kann ich mir ebenfalls den -ist ableiten – linguistics > linguist. (Das ist wieder der hier vorliegende Klugscheiß-er)

So, jetzt wird’s lustig.

Wenn ich als Ausgangswort einen –ism habe…

… dann kann ich davon im Englischen keinen Menschen ableiten. Der -ism sieht zwar dem deutschen ‑ismus zunächst verdammt ähnlich, aber es ist halt doch nicht dasselbe.

Der Englische –ism ist selbst bereits eine Ableitung. Es kommt nicht der „protestant“ vom „protestantism„, sondern der „protestantism“ vom „protestant.“ Woran erkenne ich das? Ganz einfach… weil der eine deutlich mehr Suffixe am Stück hat, als der andere…

Ebenso stand nicht der heroism (Heldenhaftigkeit) dem hero (Held) Pate, sondern andersherum.

So, jetzt wird’s blöd… denn jetzt hat unser hier vorliegender Klugscheiß-er ein Problem, wäre er doch gerne auch ein aut—Scheißt drauf, dann halt person with autism.

Ja aber… wo kommt denn nun eigentlich dieses autism her? Eben habe ich noch gesagt, der –ism ist bereits abgeleitet, also müssten wir doch nur zum Ausgangswort zurück, nicht wahr? Von dort können wir ja unseren Menschen ableiten.

Jetzt zeigt sich das Englische in seiner ganzen Boshaftigkeit…

Tl;dr: Prinzipiell geht das im Englischen meistens auch. Aber nur meistens.


Wer aufgepasst hat, wird es gemerkt haben.

Im Deutschen habe ich von Verben, Adjektiven und Substantiven abgeleitet.

Im Englischen habe ich nur von Verben und Substantiven abgeleitet.

Das liegt nicht etwa daran, dass ich die Adjektive vergessen hätte…

Das Englische ist nach seinem Regelsatz nicht in der Lage, von einem Adjektiv eine Form abzuleiten, die durch ihr Suffix impliziert „Mensch, auf den dieses Adjektiv zutrifft.“

Ich kann im Englischen aus „tall“ (groß) keinen „tall-er“ machen – das heißt nicht „Großer“ sondern „größer (als…)“. Auch keinen tallist. Das ist einfach nur Schwachsinn.

Ich kann zu meinem kleinen Bruder auf Englisch nicht „littl-er“ sagen. Ich kann den dunkelhäutigen Menschen nicht als „black-er“ bezeichnen.

Es gäbe keinen Sinn. Es gibt diese Ableitung nicht. Sie ist nicht vorgesehen.

Das gilt auch, wenn das Adjektiv auf –istic endet. Die sind übrigens, wie die „-ism„-Substantive, auch schon irgendwo abgeleitet. Von „autistic“ kann ich also schon aus zwei Gründen keine Person ableiten: a.) es ist ein Adjektiv, b.) es ist selbst schon abgeleitet.

Ja, aber wovon? WOVON? Was ist die Wurzel?

Das ist jetzt etwas unangenehm für das Englische. Die gibt es nicht!

Wie kann das sein?

Ganz einfach… Das Wort „autism“ wurde als Fremdwort in dieser Form eingeführt. Damals, vor 100 Jahren. Das ist kein Englisch gewachsenes Wort, und deswegen kam auch nicht gleich die ganze Familie mit.

Blöd ist das… für den autism, und aber auch für den… die autistic person.

Tl;dr: Englisch kann ein ziemliches Arschloch sein. Es klaut Wörter und nimmt nur die Hälfte mit. Konsequenzen bleiben nicht aus.


Nun haben wir gerade gelernt, das Englische könne sich nicht vom Adjektiv ein Nomen erschließen, in dem die Bedeutung „Mensch auf den X zutrifft“ impliziert ist.

Wird nun versucht, das zu umgehen, indem man den Menschen einfach nur mit dem Adjektiv bezeichnet, so führt das verständlicherweise nicht gerade zu Freude. Man wurde soeben zu einem Adjektiv reduziert. Ein Adjektiv alleine ist ein Bezeichner ohne Bezeichnetes. Ein Adjektiv alleine ist quasi gar nichts. Auf jeden Fall keine Person.

Und nun ist es so, dass es im Englischen eine durchaus gängige, jedoch extrem unhöfliche, sehr ruppige und respektlose Form der Anrede darstellt, eine Person mit einem Adjektiv zu bezeichnen.

Der Rothaarige könnte etwa als „Red“ angesprochen werden, womit der Sprecher impliziert, dass er es nicht wert ist, beim Namen genannt zu werden, dass das einzig relevante an ihm dieses eine herausstechende Merkmal ist.

Stellt euch mal vor, ihr würdet im Deutschen jemanden ansprechen mit: „He! Du, Blond!“ Auf die Idee käme ja keiner. Exakt das ist im Englischen aber … naja, zwar extrem unhöflich, aber rein sprachlich zulässig.

Es wird verständlich sein, dass man im Englischen keine große Lust haben wird, sich etwa als „Autistic“ bezeichnen zu lassen.

Tl;dr: Englisch ist hervorragend dazu geeignet, Leute mit Adjektiven zu beleidigen.


Da wir nun also unser Gegenüber nicht beleidigen wollen, stellen wir sicher, dass wir die Reduzierung auf das Adjektiv vermeiden. Also brauchen wir ein Bezeichnetes zu unserem Bezeichner („großer Mensch“: groß = Bezeichner; Mensch = Bezeichnetes).

Wir sagen also: tall person; wise man (Achtung, nicht wise guy, das sieht zwar auf den ersten Blick richtig aus, ist aber schon wieder der Klugscheiß-er); disabled per—ach, das ist jetzt aber etwas blöd…

Wer Englisch kann, wird es gerade vielleicht gemerkt haben: Das Wort „disabled“ bedeutet in seiner eigentlichen Grundbedeutung nicht „behindert“.

Wörtlich übersetzt wäre eine „disabled person“ erst mal ein außer Funktion gesetzter, deaktivierter, ausgeschalteter, untauglicher Mensch.

Ist nicht gemeint?

Ist klar, aber das ändert nichts daran, dass das Wort „disabled“ für den englischen Muttersprachler eben diesen Beigeschmack niemals verlieren wird.

Deshalb regt man sich als englischsprachiger Behindert-er darüber auch nicht ganz zu Unrecht auf.

Dafür hat das Englische aber nun dank der Funktion seiner Sprache nur eine Lösung:

People first. Menschen zuerst.

Sage ich nicht „disabled person“ sondern „person with disability“ kann ich dieses Problem umgehen.

Das steckt als Grundprinzip hinter dem Aufruf „People first„.

Da sich viele Leute nicht besonders viel mit der Sprache beschäftigen, sondern lieber mal gleich vorbeugend mitschimpfen wollen, hätten dann andere Gruppen auch gerne „people-first-„Sprache gehabt. Was auch an sich kein Problem ist – im Englischen. Denn die vorher verwendete Konstruktion für das Adjektiv, welches auch immer es gerade war, war ja ohnehin schon nur eine Verlegenheitslösung.

Tl;dr: Das Englische hat in der Tat einen Grund vorzuweisen, warum die Nennung des Personen-Substantives an erster Stelle nicht so albern ist, wie es zunächst den Anschein hat.


Jetzt habe ich viel, lange und ausdauernd über das Englische erzählt. Warum machen wir diesen Schmarren, wie man bei uns sagt, nun aber im Deutschen? Warum wollen manche Leute „Mensch mit Autismus, obwohl – siehe oben – der Aut-ist doch die Person – anders als im Englischen – implizieren kann, viel kürzer und ökonomischer ist…?

Die Lösung ist hier ebenso einfach wie blöd:

Wenn es aus Amerika kommt, ist es gut.

Wenn es im Internet steht, ist es gut.

Wenn es im Internet steht und Englisch ist, übersetzen wir es mal Wort für Wort ins Deutsche und verbreiten es weiter.

Wenn es auf Deutsch im Internet steht, ist es gut.

Wenn ich den Deppen erwische, der die „Geheimtipps“ für den amerikanischen Straßenverkehr ins Deutsche übersetzt und quer über Facebook verteilt hat, und damit –zig leichtgläubigen Leuten der Marke „Wenn’s im Internet steht, wir des schon stimmen“ eine Anleitung zum Brechen der deutschen Straßenverkehrsordnung in 12 Punkten gegeben hat, hagelt es Werke der vergleichenden Rechtswissenschaft.

Weil gut meinende aber nicht besonders gut mitdenkenden Menschen die englischen Artikel, Facebook-Beiträge u. ä. – mal in Handarbeit und mal mit Google Translator – ins Deutsche bringen und weiterverteilen, kommt zahlreichen Menschen gar nicht erst der Gedanke, dass die Aussage inhaltlich für die deutsche Sprache kompletter Bullshit (Ausscheidung eines männlichen Paarhufers mit nur geringer Relevanz für den vorliegenden Sachverhalt) ist. Steht da ja auf Deutsch. Wird schon stimmen.

Kann man sich ein bisschen echauffieren.

Das Einzige, was der „Mensch mit Autismus“ im Deutschen macht, ist, öffentlich kundzugeben, dass er keine Ahnung hat, wie seine Sprache funktioniert, und außerdem bei Internetquellen die Herkunft nicht prüft.

Leider, leider ist diese Sorte Internetbenutz-er nicht besonders selten, dafür aber gleich ganz besonders laut.

Viele Menschen tendieren dann auch gleich dazu, Lautstärke mit Qualität gleichzusetzen.

Das, liebe Les-er, ist ein Trugschluss.

Tl;dr: Wenn es für die englische Sprache sinnvoll ist, kann es für die deutsche Sprache immer noch komplett unnötig sein, stellenweise albern.


Kann doch nicht so tragisch sein, Deutsch, Englisch, alles Sprachen, muss doch gehen…

Dann versucht bitte mal, mit der Anleitung von eurem alten Backofen eure neue Waschmaschine zu bedienen.

Sind beides Elektrogeräte. Muss doch gehen.


Und wer nun soweit gelesen hat, dem sage ich nun, als sprachwissenschaftlich vorbelasteter Aut-ist (und warum das an dieser Stelle trotz XX-Chromosom nicht Aut-ist-in heißt ist eine andere Geschichte und soll, falls gewünscht, ein Andermal erklärt werden):

Vielen Dank für die geschätzte Aufmerksamkeit!

 

Tl;dr bedeutet übrigens „Too long; didn’t read“ und weist u. a. (und in diesem Fall) auf eine knappe Zusammenfassung der Kernaussage des vorhergehenden Abschnitts hin, falls dieser zu lang zu lesen ist…

 

 

Das meine ich doch nicht so…

Ich könnte regelmäßig in die Luft gehen – Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse überproportional viel mit Eltern junger Autisten zu tun. Und darunter gibt es einige, die ihre Kinder gerne als „Auti“ oder „Aspie“ bezeichnen.

Es ist kein Geheimnis: ich finde das schrecklich.

Ja, ich weiß auch, es gibt unter uns einige, die sich selbst so nennen. Das werde ich nicht verstehen, aber wenn es sich um die für sich selbst gewählte Bezeichnung eines Menschen handelt, verwendet durch diesen Menschen, kann ich es akzeptieren. Ohne ausdrückliche Aufforderung würde ich diesen Menschen aber auch nicht so bezeichnen. Weder ihm gegenüber, noch jemand anders gegenüber. Das Wort „Autist“ ist nicht ungebührlich lang.

Wie mein Vater immer so gerne sagte: „So viel Zeit muss sein“.

Wenn meine blinde Freundin sich selbst als „Blindfisch“ bezeichnet, kann sie das gerne tun. Das gibt mir und jedem anderen aber nicht das Recht, es ebenso zu machen.

Ich bin alt genug, um mich bereits darüber geärgert zu haben, als in den jüngeren Jahrgängen unserer Schule die Wörter „Spast“ und „Spasti“ in Mode kamen.

Liebe Eltern – wie ist das? Wenn euer Kind eine spastische Lähmung hätte, würdet ihr es als „Spasti“ bezeichnen, und mir dann erklären, das sei ja nett gemeint? Würdet ihr euer blindes Kind als „Blindi“ oder euer gehörloses Kind als „Taubi“ bezeichnen?

Nein, ihr müsst mir diese Frage nicht beantworten. Beantwortet sie einfach nur euch selbst gegenüber mal kurz und ehrlich. Und falls die Antwort „nein“ wäre, fragt euch, warum nicht.

 

Ich habe mit dem Prinzip dieser Bezeichnungen viele Probleme. Ich greife hier einmal eines heraus.

Ich höre immer wieder: „Das ist ja ein Kosename“ – „Ich meine das ja nett.“

Wisst ihr, wo man „ich meine das ja gar nicht böse!“ und „ich meine das ja nett!“ hört? Immer und immer und immer wieder?

Beim Triezen, beim Ärgern, beim Belästigen.

Beim Mobbing.

In der Schule, aber auch sonst.

Ob „Spast“ oder „Fetti“ oder sonst etwas – Die Standardantwort auf einen Rüffel ob der verwendeten Bezeichnungen ist eine Variation von „Aber ich meine das doch nett.“

Und, ans Opfer gewandt: „Du weißt doch, dass ich das nicht böse meine, oder? Das macht dir doch nichts aus, oder?“

Ach ja… das hat man ja von zu Hause schon gelernt, nicht wahr? Wenn es nicht böse gemeint ist, darf man sich nicht darüber ärgern. Dann ist das hinzunehmen. Ist ja nett gemeint.

Wie genau wollt ihr euren Kindern erklären, dass diese Regelung NUR für euch gilt?

Warum sollte die überhaupt für euch gelten?

Was meint ihr, wie viel schwerer macht ihr es einem Kind, das vielleicht ohnehin schon Schwierigkeiten hat, Intentionen zu erraten, indem ihr diese Grauzone schafft?

Es ist okay, wenn es nett gemeint ist… Ein Prinzip, von dem sicher jeder, der Mobbing in irgendeiner Weise erlebt hat, mehr als ein Lied singen kann.

Eine Art von Übergriff, gegen die sich zu wehren umso schwerer wird, wenn von zu Hause aus Zweifel gesät werden, ob es nicht DOCH okay ist… solange es nicht böse gemeint ist…

Wenn bereits darauf konditioniert wurde, dass es doch okay ist… schließlich sagen Mama und Papa ja auch so etwas Ähnliches…und die meinen es ja auch nicht böse…

 

 

Zu oft höre ich dann auch den Satz: „Aber ich habe mit meinem Kind geredet, und mein Kind sagt, das ist für ihn/sie okay.“

Leute, wisst ihr was? Die Verantwortung für euer Verhalten auf eure Kinder (oder Teenager) abzuschieben?

Geht gar nicht.

Ihr werdet doch bitte als seit etlichen Jahren volljähriger Mensch etwas mehr Überblick über euer Handeln haben als eure Kinder, auch wenn diese schon im Teenageralter sein sollten.

Wollt ihr mir im Ernst erzählen, euer Kind würde das besser überblicken als ihr?

Oder, in Kurzfassung:

WER IST DENN HIER DER ERWACHSENE?

Die Wand für JanJan

Bitteschön, wie bestellt: Eine hochaufgelöste Wand.

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Und falls sich irgendwer fragte, was das für ein  komisches Bullauge rechts hinten ist…  Das ist ein Mo-hond, gebastelt aus Milchglas und Leuchtstoffröhren, weil Gimmicks Spaß machen!20170923_233908

Und bevor hier falsche Eindrücke aufkommen: Wir spielen weder Gitarre noch Harfe, beides ist reine Deko. Das Schwert auf der Heizung allerdings nicht.

Retail Therapy?

Weil man nicht immer nur Bücher und DVDs kaufen kann, sondern auch einen Platz braucht, sie unterzubringen…. haben wir uns sehr ausführlich auf die Suche nach Regalen gemacht, die man im Wohnzimmer irgendwie stapeln kann.

Jetzt haben wir mal zumindest einen ordentlichen Anteil der Fantasy-Hardcovers sauber aufgestellt.

Wer die logische Verbindung zwischen den DVDs in dem Regal erkennt, ist gut! (High Chaparral, V und Captain Balu stehen da allerdings nur, weil ich sie in der Nähe des Fernsehers wollte und gehören nicht zum restlichen Thema.

Und gut… Bücherregale kaufen, ohne auch neue Bücher anzuschaffen, geht natürlich auch nicht.

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Historische Schlagzeilen: Girl Dressed as a Man

Historische Zeitungsartikel fördern immer mal wieder witzige und kuriose Dinge zu Tage. Hier ist einer, der mich regelmäßig erheitert


Mädchen als Mann gekleidet

New York, 20. Januar – „Sir“, sagte ein höflicher Polizeibeamter. „Sie sind ja eine Frau.“

„Sir“, sagte die gut gekleidete Fremde, die heute Nacht in Hosen auf einer Geschäftsstraße unterwegs war. „Das bin ich. Na und?“

Die Verhaftete war ein ruhiges Mädchen von 19 Jahren. Sie trug einen Gehrock aus gutem Stoff, einen grauen Männerfilzhut, eine Brille, Gamaschen und die Ausgehhandschuhe eines Mannes.

„Mein Name ist Marian Hamilton Gray“, sagte das Mädchen gefasst. „Und ich trage seit zehn Jahren Jungen- und Männerkleidung. Seit ich als Mann auftrete, habe ich auch Pfeife- und Zigarettenrauchen gelernt.“

Fräulein Hamilton gab an, dass ihre Verhaftung auf die Eifersucht einer wohlhabenden Dame aus Newark Valley, New York, zurückzuführen war, die sie gerne geheiratet hätte.

Im Nachtgericht stellte der Richter fest, dass sie keineswegs gegen das Strafgesetz verstoßen hatte, und sie wurde auf freien Fuß gesetzt.


The Evening Statesman, Walla Walla, Washington, 21. Januar 1910.

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Gefunden auf http://yesterdays-print.com

Trockenshampoo

Die Sache mit dem Haare waschen war schon immer ein Problembereich für mich. Solange ich mich erinnern kann, hatte ich Horror davor. Dabei kommen unterschiedliche Sachen zusammen. Wasser von oben, das Gefühl, wenn mir das Wasser über den Kopf läuft, das Risiko, davon etwas in meine extrem überempfindlichen Augen zu bekommen (selbst Wasser vom Abspülen ist für mich extrem schmerzhaft und führt dazu, dass ich einige Zeit nur verschwommen sehe und stark gerötete Augen habe), dann der anhaftende Geruch an den Haaren…

Lösungen – nun ja, hinauszögern, solange es geht, möglichst geruchsneutrales oder direkt für mich angenehm selbst gemachtes Shampoo, nie unter der Dusche sondern immer in der Badewanne, ohne Brause, mit Zurücklegen ins Wasser…

Nun ist ja heute der Geburtstag meines Mannes, und ich meine Haare hätten vor dem Geburtstagskaffee dringend nochmal gewaschen gehört.

Andererseits brauchte ich den Stress jetzt gerade aber echt nicht.

So fiel dann die Entscheidung, JETZT das auszuprobieren, was ich neulich im Laden mitgenommen habe, mit dem Gedanken: Das schauste dir mal in Betrieb an…

Im schlimmsten Fall hätte es dann nicht funktioniert, und ich hätte doch noch waschen müssen…

 

Laut Packungsaufschrift: Aufsprühen aus 20 cm Entfernung (Haarspray störte mich früher zumindest nicht, also wenig Bedenken meinerseits), kurz eintrocknen lassen, durchfrottieren und ausbürsten.

Im ersten Anlauf zu sparsam. Im zweiten okay. Ergebnis kann man sehen. Wasser nicht notwendig. Den Geruch finde ich OK, allerdings habe ich danach schon ausgesucht beim Kaufen.

Vom Gefühl her würde ich sagen, für immer ist es nichts, aber um an einem Tage, der ohnehin schon erhöhten Stresspegel hat, nicht auch noch Wasser auf dem Kopf haben zu müssen und trotzdem ordentlich aus dem Haus zu gehen, ist es allemal OK.

Wir sind keine Muggel

Man sagt uns ja gerne mal fehlende Fantasie nach… Darüber kann man sich in meiner Familie nicht beklagen. Wir waren schon immer gut drin, „in“ Büchern und Filmen zu „leben“, und praktizieren das mit Hingabe – und zwar die NTs und die Autisten gleichermaßen.

Die sogenannte „vierte Wand“?  Ist bei uns vornehmlich dazu da, durchbrochen zu werden. Einen Roman zu lesen, einen Film zu schauen, ohne irgendwie mit dem Inhalt zu „interagieren“… dafür fehlt uns irgendwie häufig der Ernst.

 

Irgendwie musste ich heute dran denken, wie der letzte Harry-Potter-Film im Kino lief. Das war, glaube ich, das letzte Mal, dass ich ein Kino betreten habe. Wir hatten Tickets für die ganze Familie. Vorpremiere.

Wir traten familienintern zu sechst an: Meine Mutter, drei erwachsene Töchter und zwei Söhne im Teenageralter; dann noch dazu noch etliche Freunde und Bekannte. Alles in Allem hatten wir zwei komplette Reihen gebucht.

Am Vorabend liefen ich weiß nicht mehr wie viele Filme am Stück, und direkt nach Mitternacht der letzte Teil. Bei Teil 7/1, dem letzten vor Mitternacht, habe ich dann schon nicht mehr wahnsinnig viel vom Film mitbekommen… außer, dass der Film-Scabior optisch voll in mein Beuteschema passte. Ich hangelte mich also von einer Szene zur nächsten, ließ den Rest so auf mich einrieseln… und meinte im Abspann zu den neben mir Sitzenden in etwa, es würde mir jetzt reichen, wenn ich Film-Scabior aus der Leinwand ziehen könnte, den letzten Teil müsste ich anderweitig gar nicht anschauen.

Kommentar meiner Mutter: „Das willst du nicht, der ist doch dumm wie zehn Meter Feldweg.“

Ich: „Also, ich wollte mich eigentlich nicht mit ihm unterhalten…“

Staubtrockener Kommentar einer Freundin in todernstem Tonfall: „Johanna, du sollst keine Todesser aus dem Film ziehen. Das ist erstens gefährlich fürs Publikum und stört zweitens massiv die Handlung.“

Dem schlagenden Argument konnte ich mich dann nicht verwehren. Scabior blieb im Film 😉

 

Zwei Tage später, Essen bei meinen Eltern. Mein Bruder kommt kopfschüttelnd zu mir.

„Du hast dich doch im Kino fürs Popcorn on Slytherin-Schalter angestellt. Das geht nicht. Muggelgeborene können nicht in Slytherin sein.“

Ich überlege gerade noch, was ich darauf sage, da kommt meine Mutter um die Ecke, nimmt meinen Bruder an der Schulter und drückt ihn auf einen Stuhl, stellt sich vor ihn und sagt, im Ton einer unendlich wichtigen Ankündigung: „Kind… ich muss dir was sagen.“

Totenstille im Raum.

Meine Mutter holt einmal tief Luft, dann: “ Eigentlich solltest du das nicht SO erfahren… Wir sind keine Muggel: Du bist ein Squib.“