Du willst WAS?

Wir haben kürzlich angefangen, eine Fernsehserie zu schauen. Passiert eher selten, wir haben zwar massig DVDs, schauen aber kaum. Diese hat uns aber beide so erwischt, dass wir uns schon mit Gewalt dazu zwingen, nur zu schauen, wenn wir wirklich Zeit haben, das zu zelebrieren.

Der Mamagei schaut auch mit. Sie findet die Serie toll und hat sich umgehend in die weibliche Hauptfigur verliebt. Kaum kommt die ins Bild, geht es los.

Mamagei wirft sich in Positur und flötet: „Schönes Vogele, süße Vogele, hüüüübsches Vogele!“

 

Weibliche Hauptfigur küsst männliche Hauptfigur.

Mamagei geht in Angriffsposition, Federn aufgestellt, aggressiver Blick. „Nein! Aus! Blöder Geier! Absteigen!“

Den „Vogel abgeschossen“ hat sie aber gerade eben.

 

Eine Nebenfigur die ich schon seit längerem mag, stellte sich als Verräter heraus, wurde dann gefasst, verletzt und ein bisschen gefoltert.

Ich: „Eigentlich will ich ihn doch nur knuddeln und lieb haben und ihm Suppe kochen.“

Mein Mann: *grinst*

Hodge im Fernsehen sieht aus, als würde er gleich anfangen, zu weinen.

Ich: „Vergiss das, wo sind die Papiere, ich will ihn adoptieren.“

Mamagei: „Du willst WAS?!“

Mein Mann: *lacht so sehr, dass er dabei vom Sofa auf den Boden rutscht.*

 

(Im Gegensatz zu den beiden obigen Beispielen, bei denen sie ganz genau das ausdrücken wollte, was sie gesagt hat, war das letzte wohl eher eine Imitation meiner Reaktion, wenn sie einfach nur unkoordinierte „ich will“-Geräusche macht… Wir mussten trotzdem erst mal die DVD stoppen um fertigzulachen.)

… und Montags Spaghetti

Es kommt immer mal wieder vor, dass sich bestimmte Themen auf seltsame Weise häufen. Nachdem wochen-, monate-, jahrelang niemand etwas davon erwähnt hat, taucht es plötzlich ständig auf.

So ein Thema fällt mir in letzter Zeit immer wieder auf, im Gespräch und beim Lesen auf Foren. Eltern autistischer Kinder sprechen von den „Essstörungen“ ihrer Kinder. Auch einige Autisten selbst listen „Essstörung“ in der Reihe ihrer Problematiken auf.

Da muss ich mich jedes Mal fragen: Sprechen die wirklich von Essstörungen?

Wissen die, was Essstörungen sind?

*

Ich zitiere mal Wikipedia, da die Definition dort recht eingängig ist:

“ Mit Essstörung bezeichnet man eine Verhaltensstörung mit meist ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden. Zentral ist die ständige gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema „Essen“. Sie betrifft die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und hängt mit psychosozialen Störungen und mit der Einstellung zum eigenen Körper zusammen“

https://de.wikipedia.org/wiki/Essst%C3%B6rung

 

In der Liste der Essstörungen findet man Anorexie, Bulimie, Esssucht, und anderes

 

Der ICD-10 – die Diagnoserichtlinien – nennt unter den Essstörungen:

Anorexie (Magersucht) in allen möglichen Varianten – “ durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert.“;

Bulimie  – durch „wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert“

Essattacken – Übermäßiges Essen als Reaktion auf belastende Ereignisse

Erbrechen bei psychischen Störungen

Pica

Psychogener Appetitverlust.

 

Es gibt jedoch auch viele andere Gründe, seine Ernährung einzuschränken, oder auch ungewöhnlich zu gestalten.


Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Allergien oder Unverträglichkeiten ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Krankheiten wie Zöliakie ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus religiösen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus ethischen oder anderen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus kulturellen Gründen ist KEINE Essstörung

Sich einfach aus „Spaß an der Freude“ für eine vegetarische oder vegane Lebensweise zu entscheiden ist KEINE Essstörung.

Das Meiden von Lebensmitteln, die als ekelhaft empfunden werden ist KEINE Essstörung (sonst sind bald noch alle essgestört, die etwa keine gerösteten Insekten essen mögen).

Das Meiden von Lebensmitteln, die nicht dem eigenen Geschmacksvorzug entsprechen, ist KEINE Essstörung.


 

Wie ist das nun mit den Autisten und dem Essen?

 

Ich kann nur für mich sprechen, aber es gibt einige Dinge, die mich beim Essen beeinflussen.

 

Das Offensichtlichste zuerst: Geschmack/Geruch.

Durch die fehlenden Filter nehme ich beides schon in sehr geringen Mengen sehr stark wahr. Ein Geruch/Geschmack, der mir sehr unangenehm ist, ist der der Gurke. Ich finde diese Geschmacksnote ekelerregend.
Das heißt für mich: Ich kann nicht einfach die Gurkenscheibe vom Sandwich nehmen und den Rest des Sandwichs essen. Ich schmecke die Gurke weiterhin, da der Geruch am restlichen Belag klebt. Wenn ich Pech habe und ein Sandwich erwische, das in einem engen Raum (dem Kasten an der Autobahnraststätte etwa) neben einem Sandwich mit Gurke lag, reicht das schon. Es ist nicht mehr genießbar. Stellt euch einfach mal vor, ihr würdet versuchen, ein Brot zu essen, das lange genug neben einer Pfütze Erbrochenem lag, um den Geruch anzunehmen. Viel Spaß.

Da ich Gerüche (das meiste, was wir als „Geschmack“ bezeichnen, sind ja in der Tat Gerüche) sehr intensiv „abbekomme“, werden sie mir vor allem in Kombination auch schnell zu viel. Stellt euch vor, es wäre doppelte oder dreifache Menge Glutamat ins Essen geraten.

Alternativ, denkt an das Phänomen „Amerikanische Süßigkeiten“. Wie oft hört man, dass Süßigkeiten aus den USA einfach nur künstlich und ekelhaft süß schmecken? Wie oft hört man, dass sich Leute „da drüben“ freuen, wenn wir ihnen was von unserem Süßkram schicken? (Ich habe auch ein paar Amerikaner, die ich mit Süßigkeits-„CARE“-Paketen versorge – im Gegenzug gibt es Bücher.)

Diesen Effekt des „zu viel“, bei dem neben dem Hauptgeschmack – „Süß“, „Sauer“, etc. – nichts anderes mehr durchkommt, habe ich auch bei anderen Dingen.

„Süßsauer“ geht gar nicht, das überlastet meine Geschmackswahrnehmung so, dass ich nach ein bis zwei Bissen nichts mehr runter bekomme.

 

Ein ähnlicher Effekt, bei dem ich schon nach wenigen Bissen „satt“ bin, tritt ein, wenn ich zu viele Geschmacksnoten mische. Das „satt“ ist in dem Fall so zu verstehen, dass der Körper aufgrund der Überladung mit unterschiedlichen Eindrücken die weitere Aufnahme verweigert. Der Hunger kommt dann wieder, sobald sich das etwas gelegt hat, was durchaus eine Weile dauern kann, bei einer Mischung ohne „Dominanten“ Geschmack bei mir aber glücklicherweise nicht allzu viel Zeit benötigt.

Ich mische Essen auf dem Teller nur, wenn ich es nicht vermeiden kann. Soßen, Ketchup, Zucker, Salz, was auch immer man normalerweise auf dem Essen verteilen würde, kommt bei mir an den Tellerrand. Dann wird Bissen für Bissen nach Bedarf und Kapazität eingetunkt.

Ausnahmen mache ich bei einigen wenigen Dingen, die entweder für mich nicht stark ins Gewicht fallen (es gibt tatsächlich auch Gerüche/Geschmacksnoten, auf die ich Hyposensibel reagiere, die ich also weniger stark wahrnehme als andere), oder ganz bestimmte Soßen, die ich seit Jahren oder Jahrzehnten unverändert kenne, und für die ich daher eine Art speziellen künstlichen Filter aufgebaut habe – eine Toleranz sozusagen. Die in meiner Familie gekochte Tomatensoße für die Spaghetti wäre dafür ein Beispiel.

 

Für den NT ist es wohl relativ leicht, einen unangenehmen Geschmack durch Trinken von Wasser oder Abwarten loszuwerden.

Ich hingegen habe den unter Umständen noch stundenlang im Mund, und da unangenehm oft sehr intensiv wahrgenommen wird, übertönt er dann alles andere.

Dafür habe ich ein paar wenige für mich angenehme Gerüche, die ich ebenfalls sehr intensiv wahrnehme, und die ich zum „überdecken“ verwenden kann.

Das erste Mal, dass ich das regelmäßig gemacht habe, habe ich es noch nicht mal mit Absicht getan. Ich hätte damals keinem sagen können, warum genau ich das mache… aber ich hatte damals eine seltsame „Liebe“ für Pullmoll Wildkirsch entdeckt. Es musste exakt diese eine Geschmacksrichtung sein, und über Jahre hinweg hatte ich fast ständig eines davon im Mund.

Leider ist das Zeug zuckerfrei, und auf der Dose steht so schön „kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“. Das habe ich lange einfach ausgesessen – die Gewöhnung erfolgte leider nicht so hundertprozentig – aber irgendwann im zweiten oder dritten Studiensemester kam der Punkt, an dem ich den übermäßigen Verzehr wirklich einstellen musste. Das war auch in etwa der Zeitpunkt, an dem mir der Sinn hinter meinem Pullmollkonsum dann plötzlich recht deutlich klar wurde.

Heute habe ich üblicherweise Zitronenbonbons in der Tasche, wahlweise Fisherman’s Friend (Zitrone, im Notfall auch die „normalen“), und eine Tüte FF im Auto liegen. Auf die annähernd ununterbrochene Verwendung verzichte ich allerdings.

 

Ein zweiter großer Punkt für mich ist die Textur.

Neben dem Geschmack ist auch das Gefühl des Essens im Mund relevant.

Für mich persönlich ist es sehr wichtig, dass mein Essen nicht glatt ist, sondern texturiert.

Beispiel Kartoffelpüree: Selbstgemacht aus gestampften Kartoffeln hat es eine unregelmäßige Textur, die ich angenehm finde und gerne essen. Angerührt aus der Tüte ist es glatt, einheitlich, ohne „Unterbrechung“ der Masse, und löst in meinem Mund das Gefühl aus, als würde sich dort drin etwas glitschiges, glibberiges, rutschiges und sehr selbständiges im Mund. Klingt nicht besonders angenehm, oder?

Genau… ist es auch nicht.

Deshalb esse ich auch Suppe ungern ohne Einlage. Geröstete Brotwürfel, Backerbsen, oder auch einfach nur eine großzügige Zugabe von geschnittenem Schnittlauch machen die Suppe essbar. Außer, die Suppe ist ohnehin dick und texturiert, wie die Kartoffelsuppe meiner Mutter. Dann ist sie sowieso essbar. Allerdings habe ich auch dann gerne ein Butterbrot daneben, von dem ich zwischenrein mal einen Bissen zugeben kann.

Anderes Beispiel: Der Spinat mit dem Blubb schmeckt toll, aber bitte nur mit Rührei kombiniert, sonst habe ich da nämlich auch ein Konsistenzproblem. Pudding ist mir am liebsten, wenn er kleine Klumpen hat, also so, wie er eigentlich nicht sein soll. Grießbrei ist toll, weil er richtig zubereitet seine Textur nicht verliert.

Mittel der Wahl gegen andauerndes Geglibber im Mund noch Stunden nach der Mahlzeit: Tüte Kartoffelchips. Die sind schön hart, bröselig und können bei mir zum Überdecken „herhalten“.

 

Ähnlich ist mein Verhältnis zu Bandnudeln. Eigentlich mag ich alle Arten von Pasta gerne. Mit Bandnudeln allerdings stehe ich auf Kriegsfuß. Da habe ich gefühlt den Mund voll (lebender) Regenwürmer. Muss nicht sein.

 

Eine weitere Textur, die ich überhaupt nicht ausstehen kann, ist alles, was faserig ist. Fleisch war das erste, was in dem Bereich „fiel“ – viel gegessen habe ich es ohnehin nie. Ich bin seit ich ca. 10 Jahre alt war Vegetarier. Spargel beispielsweise hat aber eine ähnlich unangenehme Textur, sodass ich ihn, auch wenn er mir geschmacklich sehr zusagen würde, nie außerhalb der Spargelcremesuppe (mit Schnittlauch bitte) esse.

*

Einigermaßen typisch für Autisten dürfte es sein, tagelang – wochenlang – das gleiche essen zu können – und zu wollen. Prä-vegetarisch musste es bei mir jeden Abend Leberwurstbrot sein. Danach Frischkäsetoast. Dann Käsebrot. Jede dieser Phasen dauerte mehrere Jahre.

Wenn ich für mich alleine koche, gibt es oft Tag für Tag dasselbe Essen. Gerne auch zweimal am Tag. Das Gehirn bastelt sich eine Art Filterersatz. Der einheitliche Geschmack lenkt weniger ab, wird beruhigend statt störend, unterbricht den Ablauf nicht mehr. Ist im Nachgeschmack leichter auszublenden. Er erfordert schlicht weniger Energie, und warum sollte ich ohne guten Grund Kapazitäten verschwenden?

Ich sage gerne – und zwar nur halb als Witz – dass ich nun wirklich alt genug bin, um jeden Tag Käsespätzle zu essen, wenn mir das passt.

 

Nur montags nicht – denn montags gibt es Spaghetti.

Das wiederum hat einen Hintergrund, der in meine Kindheit zurückreicht. Ich war die älteste von fünf. Irgendwann hatte jedes Kind andere Zeiten, andere Verpflichtungen, Verabredungen, Nachmittagsunterricht, Musikschule, etc. Der Montag war bei uns ein besonders stressiger Tag.

Spaghetti sind schnell zu kochen, wenig Aufwand in der Zubereitung und im Wegräumen, und auch leicht durch Zubereiten von zwei Soßen für die Vegetarier und die Nichtvegetarier anzupassen. Und so gab es bei uns montags Spaghetti. Wöchentlich. Über Jahre.

Auch da bildet sich eine Art Filterersatz aus. Eher eine Art Schablone, vielleicht. Spaghetti gehören für mich zum Montag. Der Geschmack von Spaghetti mit Napoli-Soße, einem Schuss geschmolzener Butter und geriebenem Käse sagt meinem Gehirn noch heute: Das Wochenende ist vorbei. Zeit, was zu arbeiten. Und: Du hast heute Nachmittag was zu tun. Bei Spaghetti schaltet mein Körper direkt in den „Macher-Modus“ und mobilisiert Energie. Ehemals für den Nachmittagsunterricht. Heute nutze ich das auch gerne, um schon mal einen Vorsprung mit der Arbeit für die Woche zu erlangen. Schlecht sind Spaghetti „außer der Reihe“ am Wochenende – denn abschalten oder ausspannen ist kaum möglich, wenn sich gerade alles auf „Action“ eingestellt hat.

Und bevor jemand über meine Montagsspaghetti lacht: Der Kasperl und der Seppl haben auch jeden Donnerstag Bratwurst mit Sauerkraut (siehe Ottfried Preußler: Räuber Hotzenplotz)

*

Und wie lief das nun in meiner Kindheit?

Eigentlich sogar relativ problemlos.

Wir konnten uns zum Frühstück und Abendessen unser Essen frei wählen. Das durfte auch über Jahre hinweg täglich dasselbe sein (in dem Zusammenhang übrigens: Warum bitte irritiert es keinen NT, wenn ein anderer NT über Jahrzehnte jeden Tag dasselbe zum FRÜHSTÜCK isst, aber bei allen anderen Mahlzeiten wird großes Theater gemacht? Warum bitte ist das Frühstück die einzige Mahlzeit, bei der fehlende Varietät „normal“ sein darf?).

Mittags gab es, was es eben gab (und montags Spaghetti), aber Essen wurde nie „gemischt“ auf den Tisch gestellt. Die Nudeln getrennt von der Soße, das Fleisch separat, jedes vernünftig trennbare Gemüse in einer eigenen Schüssel… Mischen konnte jeder auf dem Teller. Weglassen, was einem nicht zusagte, auch. Wie heißt es so schön bei Janosch? Jeder darf essen, was gut für ihn ist.

Es ist aber gerade dieses unproblematische „iss, was für dich passt“, das es möglich macht, auch mal etwas neues auszuprobieren. Hätte ich davon ausgehen müssen, ein potenziell unangenehmes, ekelhaftes, schlecht schmeckendes Essen aufessen zu müssen (oder erst nach langer lauter Diskussion liegen lassen dürfen), wäre ich sicher noch weniger bereit gewesen, einmal etwas neues auszuprobieren. Je mehr Ärger ein „Problem“ macht, desto mehr wird man versuchen, es zu vermeiden. Mir tun Kinder leid, die sich, wissend, dass es gleich ganz großes Kino geben wird, wenn sie nach dem ersten Probieren merken, das Essen geht nicht, verzweifelt an einige wenige bekannte Sachen klammern. Das ist aber auch keine Essstörung… das nennt man anders…

 

Ein Problem, in gewisser Weise, waren (und sind gelegentlich) Restaurants. Als Kind hatte ich, wenn wir auswärts essen waren, genau ein Gericht, das ich sinnvoll bestellen und essen konnte: Pommes Frites. Die sind einigermaßen einheitlich, d.h. es funktioniert eine „Essensschablone“ von zu Hause, im Notfall salzt man so lange, bis man nichts anderes mehr schmecken kann… Die große Katastrophe kam dann, wenn es unerwartet einmal keine gab. Dann war doppelt Not am Mann, weil nicht nur mental keine passende „Schablone“ dabei war, sondern auch noch die bereits „eingelegte“ leer blieb. Also: Der erwartete Reiz (Geschmack/Textur/Temperatur/etc.) blieb aus, dafür gab es unter Umständen einen komplett anderen, auf den ich nicht vorbereitet war. Overload garantiert. Meltdown unter Umständen nicht weit entfernt, vor allem, da ja Gasthäuser auch sonst nicht gerade die reizärmsten Umgebungen sind.

Heute telefoniere ich bei mir unbekannten Restaurants vorzugsweise vorher einmal mit der Örtlichkeit und kläre ab, was es gibt. Auf Onlinekarten ist nicht unbedingt Verlass. Da ich vegetarisch esse, ist die Absprache auch aus dem Blickwinkel oft sinnvoll. Die meisten Örtlichkeiten haben inzwischen gute vegetarische Gerichte, aber es kommt auch immer mal vor, dass jemand nicht mit der Zeit gehen möchte. Dann gehe ich auch nicht – allerdings nicht mit der Zeit, sondern mit zum Essen.

Ein Mensch fährt von Konstanz nach Ludwigshafen. Dort angekommen merkt er, dass er seine Haustürschlüssel in Konstanz vergessen hat. Er ruft also seine Bekannten dort an und bittet sie, seine Schlüssel in den Rhein zu werfen. In Ludwigshafen schöpft er eine Tasse Wasser aus dem Rhein und schüttet diese in sein Haustürschloss, um seine Tür zu öffnen.

Wie nennt man das schnell wieder?

Es mangelt mir ja nun echt nicht an Selbstvertrauen…

aber DAS Selbstvertrauen mancher NTs, zu einem Thema, mit dem sie sich nie tiefer befasst haben, und das ein Fachgebiet innerhalb eines Fachgebiets ist, für das andere Leute jahrelang studieren, wilde Behauptungen aufzustellen, und dann demjenigen, der in dem Bereich tatsächlich einen Abschluss und über 15 Jahre Berufserfahrung hat, erzählen zu wollen, er würde ja die Aussage gar nicht verstehen…

Also, DAS Selbstvertrauen hätte ich auch gerne!

So gut wie neu

Gestern, direkt vor der Beerdigung, rief meine Restauratorin (nicht wissend, dass der Zeitpunkt gerade etwas ungünstig war) an. Das Stück, das sie gerade in Arbeit hatte, sei fertig. Ich war überrascht. Geplant war frühestens August, und noch letzten Donnerstag, als sie mich wegen einer Preisänderung anrief, sprach sie von einer Woche bis 10 Tagen.

Längliche Platte mit rotem Dekor; Herzog Wellington tanzt mit der Herzogin von Richmond. Der Sprung ist nicht mehr zu sehen.

Ich vermute ja fast, die Dame ging in Hogwarts zur Schule und hat einen extrem guten Reparo gelernt. Ich kann mich gar nicht sattsehen dran…

 

Im kaputten Zustand (allerdings um Klassen professioneller ausgeleuchtet und photographiert… oben: Ich, Handy, Wohnzimmerlampe; unten: Schwägerin, Spiegelreflexkamera, professionelle Ausleuchtung 😉

Längliche Platte mit rotem Dekor; Herzog Wellington tanzt mit der Herzogin von Richmond. Ein großer Sprung in Längsrichtung.

Schade, dass du gehen musst…

Als Kind war meine Hauptbezugsperson neben meiner Mutter mein Opa. Der Vater meiner Mutter. Das ging soweit, dass die Kindergärtnerin es verwirrt kommentierte. Was anderen Kindern der Vater war mir eben mein Opa. Dabei hatte ich einen sehr jungen Opa. In der Tat ist der Altersunterschied zwischen mir und meinem Opa geringer als der zwischen meinem jüngsten Bruder und unserem Vater. Mein Opa wäre jederzeit als mein Papa durchgegangen.

Allerdings war wohl einer der ersten Sätze, die ich auch außerhalb der Familie gesprochen habe (man mag es heute kaum mehr glauben, aber ich war als kleines Kind teils recht schwer dazu zu bewegen, außerhalb des direkten Familienkreises zu sprechen): „Aber das ist doch der OPA!“ (wenn ihn jemand als meinen Vater bezeichnete).

Die Ferien und viele Wochenenden verbrachten wir bei den Großeltern. Entweder zusammen mit unseren Eltern oder ohne. Es war der einzige Ort, an dem ich damals außerhalb des Elternhauses schlafen wollte/konnte.

Ging es darum, dass meine Mutter nicht in der Lage war, mich irgendwo hinzubringen oder abzuholen, oder dass sie Abends oder Nachts einige Stunden außer Haus war, war es undenkbar, stattdessen meinen Vater einzusetzen. Es musste der Opa her. Und Opa kam, aus 200 km Entfernung (damals wohnten wir etwas weiter weg).

In den Ferien, an den Wochenenden, waren wir viel unterwegs. Alleine, draußen, still Tiere beobachten. Er brachte mir Fährtenlesen bei, Vögel zu erkennen und Rufe zu imitieren, Fisch- und Hasenfallen bauen (ohne Gerätschaften mitzunehmen, nur mit dem, was die Natur hergibt), Fischen mit der Hand. Was man im Wald draußen essen kann und was man auf keinen Fall in den Mund stecken sollte; wo man welche Pilze findet, und wie man sie zubereiten muss; welche Kräuter man draußen kennen und erkennen sollte; Navigieren im Wald. ich kann sagen, dass ich recht zuverlässig in einem Mitteleuropäischen Wald ohne Zugang zur Zivilisation weder verhungern noch verdursten würde.

Einmal nahmen wir einen jungen Aal mit und ließen den im Garten groß werden. Ich nehme an, er wurde am Ende gegessen. Wir beobachteten Ameisen beim Schwärmen und Kröten beim Wandern. Ich lernte, dass in unseren Flüssen Muscheln leben und diese einem ins Gesicht spucken, wenn man sie aus dem Wasser nimmt.

Wir waren klettern, sowohl im Fels als auch in Burgruinen. Auch da, wo man es offiziell nicht durfte (Okay, in Burgruinen dürfte das die Regel sein). Vor allem lernte ich von ihm in dem Zusammenhang, in alten Gemäuern sicher herumzusteigen, und das Risiko abzuschätzen.

Wir besuchten jede einzelne Burg und Burgruine im Umkreis von ca. 100 km – zumindest in dem Halbkreis auf deutscher Seite. Die Tschechische Grenze war damals ziemlich undurchlässig. Er gab die wichtigsten Legenden und Geistergeschichten zu jeder an mich weiter, teils einschließlich der dazu gehörenden Gedichte. So konnte ich den „Eppelein von Gailingen“ schon Jahre, bevor wir ihn in der Schule durchnahmen…

Wir besuchten Tierparks und Wildgehege, Tropfsteinhöhlen, die Schauplätze der örtlichen Nicht-Burgbezogenen Legenden und Spukgeschichten. Wir fuhren zu andere Denkmälern, Kirchen, Museen. Eigentlich waren wir ständig unterwegs. Er zeigte mir ein zugängliches Rosenquarzvorkommen, und welche von außen unscheinbar aussehende Steine in Wirklichkeit Quarzvarietäten sind, und wie man sie aufbricht, um an das hübsche Innere zu kommen.

Mein Opa war Glasmacher, und er nahm mich auch mit und ließ mir zeigen, wie die Glasbläserei funktioniert. Und immer, wenn wir dort in der „Altbayrischen“ waren, gab es bevor wir heimgingen ein kleines Glastier aus buntem Abfallglas geblasen. Die standen lange in Reih und Glied bei mir auf dem Setzkasten.

Also 1987 das KTB (Kontinentales Tiefbohrprogramm) begann, waren wir bei erster Gelegenheit dort.

Als die Grenze geöffnet wurde, fuhren wir direkt Ziele in der nahegelegenen Tschechoslowakei an. Wir waren vor der Wiedervereinigung noch in der DDR. Politik usw. interessierte mich damals absolut noch nicht, aber es reichte die Tatsache, dass mein Opa sofort dorthin wollte, nachdem es problemlos ging, um mir klar zu machen, dass die Grenze so, wie sie vorher gewesen war, nicht in Ordnung war.

Mein Opa war auch der erste, der mich mit in ein ehemaliges KZ nahm und mir erklärte, um was es da ging.

Als mein Vater eine Stelle sehr viel näher an den Herkunftsorten meiner Eltern annahm, kauften meine Eltern ein Grundstück in der Heimatstadt meiner Mutter und bauten dort, nur zwei Straßen von den Großeltern entfernt, ein Haus.

Auf dem Land, mit schlechten öffentlichen Verkehrsmittelverbindungen (und außerdem meiner damals schon vorhandenen Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel) wäre es schwer gewesen, nachmittags irgendwas zu unternehmen – wäre da nicht mein Opa gewesen, der uns unermüdlich fuhr, egal, wohin wir wollten. Ein Anruf genügte. Nie Beschwerden, nie „ich habe keine Zeit“, obwohl ich sicher bin, dass er damit viele Nachmittage verlor (Abholen musste er uns ja auch wieder).

Mein Opa kochte den besten Apfelsaft, gefühlt tonnenweise Marmeladen und Gelees, und war auch in der Küche (für die Saft/Marmeladen/Geleeproduktion hatte er einen eigenen Raum im Keller mit großem Ofen und Kessel) unschlagbar.

Er war für Science Fiction zu haben – insbesondere Star Trek und Perry Rhodan, was er auch bereits an seine Töchter weitergegeben hatte – und ging mit uns ins Theater. Meine allererste Theatervorstellung war das Wirtshaus im Spessart – besonders aufregend, da wir aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, auch noch mit dem Bus hinfuhren.

Zu meiner Erstkommunion bekam ich von meinen Großeltern ein offizielles Geschenk. Ich bin mir nicht mehr sicher, was es war. Möglicherweise die Armbanduhr, die ich nie getragen habe, und die noch immer unbenutzt in ihrem Kästchen liegt. Möglicherweise waren es die Ohrstecker – damals trug ich noch Ohrringe, und ich tauschte an dem Tag auf jeden Fall die vorherigen Kinderohrringe gegen ein Paar „erwachsenere“ Stecker aus, die ich mir ausgesucht hatte.
Ist auch egal… was für mich zählte war, dass meine Großeltern am Vortag anreisten und mir mein Opa eine umklebte Schachtel  in die Hand drückte. Dazu muss ich sagen, dass meine kleine Obsession mit Moby Dick tatsächlich bis in und vor diese Zeit zurückgeht. Ja, ich weiß, neunjährige lesen normalerweise noch nicht gerade Moby Dick. Bei uns hieß es immer, gelesen wird, was gefällt, und Kinder lesen nicht weiter, wenn das Buch noch nichts für sie ist. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits mit einer Klassenkameradin, deren Mutter Schneiderin war und die daher für das Alter sehr gut mit Nadel und Faden umgehen konnte und auch ein bisschen Ahnung davon hatte, wie man eben Sachen näht, aus einem alten Betttuch einen „weißen Wal“ gebastelt. Der war trotzdem irgendwie suboptimal. Und da kam nun eben mein Opa und brachte mir – am Tag vorher, weil es sich nicht so wahnsinnig gut für den Geschenketisch eignete … ein Extrageschenk.

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Er durfte dann doch mit auf’s Geschenkefoto…

Jahrelang hatte mein Opa im Treppenhaus aufgeklebte Puzzles aufgehängt. Segelschiffe. Jahrelang bekam er von mir zum Geburtstag oder zu Weihnachten neue ausgeklebte Segelschiffpuzzles. Es war die einzige Situation, in der ich bereit war, ein Puzzle auf Holz zu kleben.

Das erste Gedicht meines Lebens lernte ich auswendig, um es beim Geburtstag meines Opas aufzusagen. Es waren vier Zeilen, und die kann ich sogar noch.

01
So viel Dorn‘ ein Rosenstock / So viel Haar‘ ein Ziegenbock / So viel Flöh‘ ein Pudelhund / So viel Jahr‘ bleib du gesund

Vor zwei Jahren stand ich mit der örtlichen Museumschefin im Museum, und sie erwähnte, dass sie sich mit den historischen Glasmacherwerkzeugen nicht auskenne. Ich rief Opa an, um zu fragen, ob er dazu nicht ein Buch hätte oder zumindest wüsste. Eine halbe Stunde später stand er im Museum und erklärte und zeigte.

In jüngeren Jahren war mein Opa bei der freiwilligen Feuerwehr. Kurzfristig im Faschingsverein. Später begleitete er meinen Vater zu politischen Veranstaltungen, war aber selbst nicht aktiv. Er trieb immer und bis ins hohe Alter Sport, was wohl auch massiv dabei half, dass er sich von dem schweren Herzinfarkt, den er mit Anfang 60 hatte, wieder voll erholte. Noch letzten Montag bei der Aufnahme ins Krankenhaus war der aufnehmende Arzt überrascht von seinem für sein Alter eigentlich ungewöhnlich guten Allgemeinzustand.

Eigentlich, wäre da nicht die Tatsache, dass er in den letzten drei Monaten rapide abgenommen hatte. Anfang des Jahres noch fuhr er selbst Auto, ging Einkaufen, ging Schwimmen, kochte, schmiss große Teile des Haushalts, kümmerte sich um meine aufgrund langjährigem Rheumas pflegebedürftige Oma. Dann ging es rapide abwärts, er konnte nicht mehr essen, schließlich kaum noch trinken.

Anfang der Woche bat er darum, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Zu dem Zeitpunkt wussten wir bereits, dass wir die ihm verbleibende Zeit maximal in Wochen, eher in Tagen rechnen. Meine Brüder waren in der Woche vorher aus ihren jeweiligen Universitätsstädten gekommen, um noch mal einen Nachmittag mit ihm zu verbringen.

Ich war gestern das letzte Mal bei ihm, wir wechselten uns ab. Zu dem Zeitpunkt bekam er auf seinen Wunsch hin nur noch Morphium. Er schlief am frühen Nachmittag ein, und ist unseres Wissens nicht mehr aufgewacht.

Nach einem extrem vollen heutigen Tag gehe ich jetzt noch eine Kerze anzünden. Für den besten Opa, den man sich wünschen kann.

28.12.1934 – 30.06.2017

 

Wellensittichkreisel

Montagvormittag brachte ich als erstes Mal den neuen Welli zum Tierarzt. Geringen Milbenbefall „kann ich selbst“, aber wenn mal die Beine mit betroffen sind, ist mir das zu riskant, da muss jemand drüber schauen, der das studiert hat…

Wir kommen also ins Behandlungszimmer; heute haben wir eine der beiden Tierärztinnen (es ist eine Gemeinschaftspraxis von drei Personen).

Sie schaut in den Transportkäfig und fragt mich, was denn mit ihm los sei.

Ich: „Milben.“

Sie schaut mich, wie ich interpretiere, etwas kritisch-genervt-auffordernd an. Ich lege das so aus, dass sie meint, ich sollte mir etwas mehr als zwei Silben abringen. Also hole ich tief Luft.

„Ich sehe Grabgänge am Schnabel und an den Ständern.“ Bevor sie noch was sagen kann, schiebe ich hinterher: „Und ich hatte ein ziemlich anstrengendes Wochenende und bin heute nicht wahnsinnig gesprächig.“

Sie, etwas lachend: „Ich sehe bisher nicht mal den Schnabel…“

Das war dann so in etwa der Moment, in dem mir endlich auf der „aktiven“ ebene bewusst wurde, dass sie gerade schon zweimal um den Käfig herumgegangen war, und der Welli sich dort drin durchgängig mitgedreht hatte – so, dass sie immer nur auf seinen Schwanz schauen konnte.

Fazit: Wenn Leute komisch schauen, liegt es nicht immer an mir – manchmal ist einfach nur der Vogel gerade ein A***.

Der Neue

Bis Sonntag war mein Name noch Koko, und ich lebte an einem Ort namens Autobahnraststätte. Da war immer eine ganze Menge los, gefüttert wurde ich auch gut, aber fliegen konnte ich natürlich nicht… Artgenossen waren auch nicht in der Nähe, egal, wie laut und lange ich gerufen habe, in der Hoffnung, dass sich doch einer findet.

Irgendwann kamen Leute vorbei, die mich sahen, und mit dem Mann redeten, der mir Futter und Wasser brachte… und es wurde ausgemacht, dass ich „wegkomme“. Wohin weg war zuerst nicht ganz klar, aber die Leute kannten jemanden, der jemanden kannte…

Und dann stand am Sonntag plötzlich ein Mensch da, packte mich ein und nahm mich mit. Autofahren fand ich schon mal komisch, da traute ich mich gleich gar nicht mehr singen.

Am Montag wurde ich dann direkt zu einer komischen Frau mit blauem Mantel geschleppt, die mir einen blöden Flüssigkeitstropfen unter die Federn getropft hat. Leider habe ich nämlich Milben, die nicht nur meinen Schnabel, sondern auch schon meine Ständer (so heißen Vogelfüße richtig) angegriffen haben.

Außerdem heiße ich jetzt nicht mehr Koko, sondern Cadoux. „Wegen übermäßiger Hübschigkeit“, sagte mein neuer Mensch.

Na gut… Hübsch bin ich wirklich… trotz Milben.

Oder?

Grün-Gelber WellensittichGrün-gelber Wellensittich, Seitenansicht

Senfkristall

Es ist ein paar Jahre her. Ich war dabei, eine Immobilie zu kaufen. Der aktuelle Eigentümer hatte sich etwas übernommen – großes altes Gebäude, Renovierung deutlich teurer als geplant… Wir saßen bei ihm im Wohnzimmer, es sollte geklärt werden, welche Kosten ich zu übernehmen bereit wäre usw. Eigentlich keine große Sache, allerdings fand ich die Art einer anwesenden Person extrem schwer zu tolerieren. Viel fehlte nicht mehr, und ich hätte ihm gesagt, wo er sich seine überhebliche Art hinstecken konnte.

Etwa zu dem Zeitpunkt fiel der Hausherrin ein, dass sie ja mal Getränke anbieten könnte. Ich war schon halb dabei, abzulehnen – jetzt noch irgendein Trinkgefäß zu bekommen, das mir in der Verwendung unangenehm wäre, war gerade nichts, das ich brauchen konnte… das allerletzte, was ich jetzt wollte, war noch ein Kunststoffbecher oder irgendwas…

Dementsprechend rutschte mir auch direkt, als sie die Gläser auf den Tisch stellte, recht erfreut raus: „Oh, Thomy-Senfkristall. Cool, die hab ich auch.“

Dem eher unangenehmen Menschen klappte dann gleich mal der Mund wieder zu… es wurde später noch spekuliert, er hätte wohl schon angesetzt gehabt, sich abfällig über Leute zu äußern, die aus Senfgläsern trinken, weil sie sich keine Trinkgläser leisten können oder so.

Naja, vorbeugend stellte ich dann bim nächsten Termin (der bei mir stattfand) direkt das „Senfkristall“ auf den Tisch.

 

Was ich nicht so recht nachvollziehen kann, ist der Gedanke, dass die Weiterverwendung der Senfgläser als Trinkglas was mit „sich leisten können“ zu tun hat. Es sind Gläser. Sie haben eine gute Form, eine praktische Größe, sie sind ohnehin im Haus, und wegwerfen wäre doch wohl Verschwendung…

Also ich jedenfalls bin mit dem „Senfkristall“ aufgewachsen, es waren sowohl bei meinen Großeltern als auch bei meinen  Eltern die Alltagsgläser, und es sind auch meine. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin, und das „Senfkristall“ auf den Tisch kommt, dann freut mich das, weil es sich „richtig“ anfühlt. Die Form, die Größe, die Art, wie das Glas in der Hand liegt, das Gefühl beim Trinken – es stimmt einfach. Es ist, wie es für mich „sein sollte“.

Ja, es kann ganz schön blöd sein, wenn man sich an sowas so „aufhängen“ kann, aber es gibt echt Trinkgefäße, da halte ich lieber den ganzen Tag ohne was zu trinken durch, als dass ich die an die Lippen setze. Dazu gehört Kunststoff (fühlt sich für mich immer „warm“ an und verdirbt jedes Getränk), alles, was im Mundbereich eine Struktur hat, die ich beim Trinken fühle, und alles, was so dünnwandig ist, dass ich das Gefühl habe, ich könnte Problemlos ein Stück rausbrechen.  Außerdem Formen, die nicht ganz rund sind.

Ungern mag ich auch Gläser, in denen ich schlecht abschätzen kann, wie viel noch drin ist, und solche, die irgendwelche Gimmicks im Boden haben. Da schaue ich dann nirgends anders mehr hin.

Am einfachsten ist es also wirklich, man stellt mir das Senfkristall hin.

 

In dem Zusammenhang sorgte meine Mutter gerade für Erheiterung.

Bei ihr gibt es kein Thomy-Senfkristall sondern Develey-Senfkristall – weil sie Thomy nicht mag, und gekauft werden die Dinger ja nun mal wegen dem Senf, der drin ist. Die Gläser sind aber in der Größe usw. so gut wie identisch, nur der Fuß unterscheidet sich etwas.

Allerdings hat meine Mutter gerade mit Develey ein kleines „Hühnchen zu rupfen“. Denn das Unternehmen ist umgestiegen.

„Von Trinkgläsern auf Marmeladengläser“, um es mit ihren Worten zu sagen.

Ich schaute erst mal etwas sparsam. Sie hielt mir ein Glas unter die Nase und nahm den Deckel ab.

„Sind hervorragende Marmeladengläser ,“ sagte sie. „Nur trinken kann man halt nicht draus.“

Ah. Schraubverschluss meint sie… ihre Marke ist vom glatten Rand auf einen Schraubverschluss umgestiegen… Kapiert habe ich es, aber ob ich jemals den Gedanken aus dem Kopf bekomme, dass Develey Senf im Marmeladenglas verkauft… oder das Kopfkino dazu wieder los werde…

 

Neulich in Glasgow…

…wurde ein Atty versteigert, das ich unbedingt wollte. Ich habe es auch bekommen.

Nun lieferte die Spedition es heute endlich bei uns zu Hause ab.

fireplace screen

Das Bild ist gestickt, aufgezogen, hinter Glas… das ganze Teil gehörte mal dazu, als Schutz vor fliegender Asche und Funken vor einen offenen Kamin gestellt zu werden.

Das Motiv ist, wie ich schon mal irgendwo vermerkt habe, mein zweitliebstes Wellington-Bild.

Am liebsten würde ich mich jetzt davor setzen und ihn einfach nur ein paar Stunden lang anschauen. Dummerweise muss ich aber heute noch was arbeiten.