Entschuldigung, ich kenn‘ dich nicht

Eigentlich wollte ich ja nur schnell was zur Post bringen.

Wäre an sich kein Problem gewesen, hätte nicht auf halber Strecke ein Herr beschlossen, die Richtung zu wechseln und mich anzusprechen.

Wäre an sich auch kein Problem.

Allerdings wüsste ich doch ganz gerne, mit wem ich gerade rede.

Ausschlussverfahren. Haare sind grau, also streiche ich mal geistig alle, die jünger sind als ich selbst. Er sagt „du“, also kennen wir uns wohl entweder schon etwas länger, oder er ist ein Familienfreund, der uns einfach alle duzt. Offenbar kennen wir uns nicht gut genug, dass er weiß, dass er mir mal schnell einen Tipp zu seiner Person geben sollte. Vermutlich eher Gruppe 2. Er fragt nach meinem Haus – wohl entweder jemand, der sich für Architektur/Denkmalschutz interessiert, oder jemand aus dem Viertel. Er erwähnt sein eigenes, und wenn er jetzt noch etwas sagt, mit dem ich das Haus identifizieren kann, sollte ich auch wissen wer er ist, also mal schnell ein bisschen genauer nachgefragt und – Bingo! Es ist der Nachbar drei Häuser den Berg runter. Puh. Der Rest des Gespräches wird meinerseits etwas entspannter.

 

*

 

Gesichter … In der großen Mehrheit der Fälle sagen sie mir gar nichts.

Zumindest in natura. Gebt mir ein Foto, und ich weiß durchaus, wer da drauf ist. Stellt mir den Film auf Standbild, und die Chance steigen immens, dass ich die Schauspieler identifizieren kann.

Nur, lebende, sich bewegende Gesichter?

Da ist einfach zu viel los.

Data, der Android aus Star Trek, äußerst sich einmal überrascht über die immense Anpassungsfähigkeit von Kindern, deren Parameter sich ja ständig ändern. So ähnlich fühle ich mich mit Gesichtern. Da bleibt am lebenden Objekt nie etwas lange genug gleich  um damit etwas anzufangen. Alles ändert sich, verschiebt sich, verzerrt sich, ständig. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, wie andere Leute daraus einen sinnvollen Input entnehmen.

Auf die Überlastung, das „Zuviel“ der Informationen, reagiere ich ganz automatisch damit, nur noch Bruchstücke wahrzunehmen, Einzelteile die mehr oder weniger viel Aussagegehalt haben können.

 

Erinnert ihr euch an Wetten dass..?, damals als die Serie noch einigermaßen witzig war?

Da kamen regelmäßig Wetten, bei denen jemand seine Klassenkameraden oder Vereinskumpane an der Nase, oder am rechten Ohr, etc. erkennen wollte.

Gut, ja – solche Ausschnitte in etwa bekomme ich dann auch mit, kann die aber nicht zu einem vernünftigen Ganzen zusammensetzen. Wenn ich sehr viel Glück habe, ist der Ausschnitt gerade aussagekräftig genug, um ihn zuzuordnen.

Ja, manchmal geht das.

 

Vor Jahren hatte ich ziemlich viele Puzzles in der klassischen 1000-Teile-Größe. Und wir hatten einen Korb, in dem rumliegende Einzelteile gesammelt wurden. Gelegentlich musste man diese dann wieder in die Schachteln zurücksortieren. Da kam es dann schon vor, dass einige Teile direkt zuzuordnen sind, weil man an den Ausschnitten gerade das Motiv ausreichend erkennen kann. Weil eben gerade diese Teile  zufällig Motivausschnitte zeigen, die eindeutig sind.

Wesentlich wahrscheinlicher war aber, dass da absolut nichtssagende Teile vor uns lagen. Blauer Himmel, grüne Wiese, – fangt damit mal was an, wenn ihr die Teile in die richtige Schachtel werfen sollt. Dann muss man das Puzzle erst legen um zu schauen, wo was fehlt.

 

Wenn ich mir also die Gesamtheit der Einzelteile eines Gesichts der grünen Wiese in einem Puzzle entsprechend vorstelle, bei der die Teile doch irgendwie so aussehen als würden sie in jedes Motiv mit Wiese passen, dann sind besonders herausstehende Merkmale das Gegenstück zu Blumen, Tieren und was da im Puzzle sonst so auf der Wiese vorkommt und das grün unterbricht, und mir eben einen Tipp dahin geben würde, in welches Motiv das Teil gehört.

Könnte ich das Gesicht nun solange nach einem Teil absuchen das ich erkenne, bis ich eines gefunden habe?

Theoretisch ja. Praktisch empfinden es die meisten Leute aber doch eher als unhöflich. Außerdem bin ich dann erst mal beschäftigt und bekomme von dem Gespräch nichts mehr mit. Meine Rechenleistung würde schließlich für die Rasterfahndung nach einem verwertbaren Detail draufgehen. Außerdem kontrolliere ich die Teile, die sich herauskristallisieren nicht bewusst. Auch da – im stillstehenden Bild kann ich das. Im ständig bewegten Gesicht zerreißt es das Bild bevor ich mich an irgendetwas bewusst „festhalten“ kann – ich müsste von vorne anfangen, oder eben nehmen, was ich bekomme.

 

Das ganze trifft übrigens nicht nur auf relativ „fremde“ Leute zu…

Ich muss ungefähr 12 gewesen sein, als ich heim kam, und eine fremde Frau im Garten arbeiten sah. Schnell ins Haus lief, um meine Mutter zu fragen wer das denn sei… und zunehmend in Panik geriet, diese nicht finden zu können.

Ich schätze, es kann sich jeder denken, was los war – an der Verwirrung war ein Frisörbesuch beteiligt…

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