Der Dolmetscher

„Ah, du bist Übersetzer…“

„…und wohnst in Brüssel…“

„… dolmetscht du dann auch für die EU?“

Meine Lieblingsfrage. Also: nicht.

„Ah, du bist Übersetzer…“

„…was dolmetscht du so?“

Gar nichts.

Ich bin, wie gesagt, Übersetzer. Würde ich dolmetschen, wäre ich Dolmetscher.

Viele Leute sind wahnsinnig überrascht, wenn sie erfahren, dass das nicht dasselbe ist. Nicht mal das gleiche. Nicht mal wirklich ähnlich. Gut, beides hat das damit zu tun, eine Sprache für eine Person, die diese Sprache nicht spricht, verständlich zu machen. Aber da hört es auch schon auf.

Leider bringt diese fehlende Information nicht nur Erklärungsbedarf mit sich, sondern manchmal auch rechte Schwierigkeiten – wenn ich etwa einem Bekannten klar machen muss, dass ich seine Veranstaltung nicht deswegen nicht dolmetschen werde, weil ich es nicht will, keine Lust habe oder er mir nicht genug Geld anbietet (vermutlich wäre sogar alles drei dennoch der Fall), sondern weil ich es nicht kann.

Einmal rief mich meine Schwester an: Ich müsse ihr bitte schnell etwas für jemanden übersetzen, es würde nicht lange dauern. Ich sagte „okay“ und erwartete, eine E-Mail mit dem Text zu erhalten. Stattdessen fand ich mich eine Minute später in einer Telefonkonferenz wieder. Ich stotterte mich irgendwie durch das Gespräch, danach bekam meine Schwester dann noch „unter vier Augen“ eine längere Darlegung zum Thema Übersetzen und Dolmetschen.

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Wo ist nun der Unterschied?

Zunächst, ganz einfach: Der Übersetzer übersetzt schriftlich, der Dolmetscher mündlich.

In der Regel arbeitet der Übersetzer im Büro oder sonstwo am Computer. Der Dolmetscher ist in der Regel vor Ort, bzw. gelegentlich am Telefon zugeschaltet.

Als Übersetzer habe ich einen Text in fixierter Form vorliegen. Ich tippe diesen Text in einer anderen Sprache und gebe ihn in fixierter Form wieder ab. Der Dolmetscher hat nur selten einen Text auf Papier vorliegen und wenn, dann hilft es nicht viel (mehr dazu später).

Als Übersetzer kann ich unterschiedliche Übersetzungen durchdenken und mich dann für die beste Entscheiden. Der Dolmetscher muss sofort handeln und „Output“ präsentieren.

Als Übersetzer kann ich korrigieren und überarbeiten. Der Dolmetscher hat nur einen Versuch.

Als Übersetzer kann ich in ein Wörterbuch schauen oder recherchieren. Der Dolmetscher hat nur das, was er im Kopf hat.

Zusammenfassung:

Übersetzer Dolmetscher
Schriftlich Mündlich
In der Regel im Büro In der Regel vor Ort
Hat den Text vorliegen Hört den Text meistens nur
Hat Zeit zum Nachdenken Muss sofort ein Ergebnis produzieren
Kann überarbeiten und korrigieren Kann nicht korrigieren
Kann nachschlagen Kann nicht nachschlagen

 

Klingt das jetzt danach, als hätte der Dolmetscher den bei weitem schwereren Job?

Für mich schon!

Für den ausgebildeten Dolmetscher nicht unbedingt, denn der wiederum ist für seine Arbeit ausgebildet, nicht aber für die Feinheiten des Übersetzens. Der Dolmetscher darf sich auf die Kernaussage konzentrieren, während ich versuchen muss, Mehrdeutigkeiten mit zu übertragen. Der Dolmetscher muss sich in der Regel wenig Gedanken darüber machen, für welches Zielpublikum er übersetzt, da seine Situation klar ist, und er das Zielpublikum direkt vor Augen hat.

Der Dolmetscher muss sich nicht mit unterschiedlichen Dateiformaten herumschlagen, er muss nicht mehrere Textverarbeitungsprogramme, Tabellenkalkulationsprogramme und Präsentationsprogramme beherrschen. Er muss auch nicht schnell und richtig tippen können.

Beide Arbeiten können sehr anstrengend sein, aber auf unterschiedliche Weise.

*

Beim Dolmetschen unterscheidet man zunächst zwei Arbeitsweisen: Konsekutivdolmetschen und Simultandolmetschen. Andere Begriffe, die man zuweilen hört, sind „Konferenzdolmetschen“, „Flüsterdolmetschen“ oder „Schriftdolmetschen“.

Beim Konsekutivdolmetschen wird mit Verzögerung gedolmetscht. Der Sprecher spricht , und erst wenn er Pause macht, kommt der Dolmetscher dran und wiederholt den Text in der Zielsprache.

Nachteil: Zeitaufwändig.
Vorteil: Keine technischen Hilfsmittel notwendig.

Denkt euch nun mal bitte in einen Vortrag. Der Redner schließt mindestens einen kompletten Sinnzusammenhang ab. Das kann sein, dass er fünf oder zehn Minuten spricht. Nun sollt ihr diesen eben gehörten Text in einer anderen Sprache wiederholen, ohne wichtige Punkte auszulassen.

Klingt unmöglich?

Selbst in einem Gespräch („Gesprächsdolmetschen“), in dem nur drei oder vier Sätze am Stück gesagt werden, bevor die Verdolmetschung folgt, wird es schwer.

Deswegen verbringen Dolmetscher in der Ausbildung mehrere Semester bis mehrere Jahre (!) mit dem Erlernen und Verfeinern von Notizentechnik. Stenografie ist schneller als Handschrift, die Notizentechnik des Dolmetschers nochmal deutlich schneller als Stenografie. Durch Verwendung von Kürzeln, Symbolen, eine bestimmte Anordnung auf dem Blatt und Markierungen schafft der Konsekutivdolmetscher sich einen Merkzettel, der ihm bei der Wiedergabe hilft.

Die Wiedergabe in der Zielsprache erfolgt nicht als wörtliche Übersetzung, sondern als gestraffte und unter Umständen leicht umstrukturierte Reproduktion. Das Ziel ist es, dem Zuhörer („Rezipient“) den Inhalt des Texts zu vermitteln, und dabei so wenig Zeit wie möglich in Anspruch zu nehmen. Andernfalls würde ja die Veranstaltung doppelt so lang werden.

Ist der Kunde nett, stellt er dem Dolmetscher vor der Veranstaltung Unterlagen sowie die Druckfassungen der geplanten Reden oder Vorträge zur Verfügung. Ist er es nicht, muss sich der Dolmetscher auf das verlassen, was er vor der Veranstaltung zum Thema recherchieren kann. Denn: Kennt er ein Wort, dessen Bedeutung oder den Zusammenhang in einer der beiden Sprachen nicht, wird er es nicht dolmetschen können. Mal schnell ins Wörterbuch schauen oder Wikipedia aufmachen geht nicht.

Selbst wenn der Dolmetscher die Textvorlage erhält, kann er nicht einfach einen Text vorfertigen und auswendig lernen oder ablesen. Redner und Präsentatoren halten sich fast nie an die Textvorlage. Jede Abweichung kann relevant sein. Es muss daher aus der Situation entschieden werden, ob die Änderung gedolmetscht werden muss.

*

Klang das alles jetzt schon wahnsinnig anstrengend und stressig?

Dolmetscher sind so unglaubliche Leute (ernsthaft, ich habe die allergrößte Hochachtung vor jedem Dolmetscher!), die können noch eines draufsetzen!

Das Simultandolmetschen sieht so aus:

Während der Konferenz, der Präsentation oder dem Vortrag sitzen viele Dolmetscher abgeschottet in Kabinen. Sie haben Kopfhörer auf und Mikrophone. Jeder Teilnehmer kann sich einen Kopfhörer oder Ohrstöpsel nehmen und, z. B. durch Knöpfe am Tisch die gewünschte Sprache einstellen. Während der Redner oder der Vortragende spricht, kommt aus dem Ohrstöpsel bereits der Text in der gewünschten Sprache, mit einer Verzögerung von nur einem halben bis einem ganzen Satz.

Für den Dolmetscher bedeutet das, dass er seine Gehirnleistung sozusagen zweiteilen muss: Er muss den Ausgangstext des Redners hören, im Kopf umwandeln, und die zielsprachige Fassung aussprechen, während er ununterbrochen dem Redner zuhört und den fortlaufenden Text umwandelt. Er muss also gleichzeitig hören und sprechen, dazwischen verarbeiten, und darf sich weder durch das Zuhören am Sprechen hindern, noch durch das Sprechen beim Zuhören stören.

Diese Vorgehensweise ist für den Zeitablauf und den Komfort der Teilnehmer bei Weitem die bessere… für den Komfort des Dolmetschers natürlich nicht.

Die erforderliche Konzentration ist immens. Deswegen sind die Sprachkabinen mit zwei bis drei Dolmetschern „bestückt“, die im Fünf- oder maximal Zehnminutentakt durchtauschen. Länger kann man diese Art von Konzentration nicht aufrechterhalten.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber zu „meiner Zeit“ – also, als ich im Studium war – gab es nur eine einzige Universität, die Simultandolmetschen aktiv unterrichtete, mit Kabinen und allem. Unsere Studenten waren die einzigen, die mit ihrem Diplom bereits die Fähigkeit hatten, mit der Technik in der Dolmetschkabine umzugehen, sich mit dem Umschalten zwischen mehreren Dolmetschern auskannten und die Situation überhaupt bereits realistisch erlebt hatten. Um diese Übung zu gewährleisten, organisierte und organisiert die Universität die sogenannten „Freitagskonferenzen“ – eine Vortragsreihe zu unterschiedlichen Themen, die von den Studenten verdolmetscht wird. Jeder Universitätsangehörige ist eingeladen und die Lehrer kommen üblicherweise ebenfalls, um ihre jeweiligen Schüler zu begutachten.

Neben dem oben beschriebenen Kabinendolmetschen gibt es noch andere Formen des Simultandolmetschens:
Beim Flüsterdolmetschen sitzt der Dolmetscher neben oder hinter seinem Kunden und dolmetscht leise nur für diesen.
Beim Gebärdensprachdolmetschen wird zwischen Lautsprache und Gebärdensprache gedolmetscht. Auch das findet meistens simultan statt.
Das Relaydolmetschen kommt zum Einsatz, wenn der Sprecher eine eher seltene Sprache spricht. Dann dolmetscht ein Übersetzer diese Sprache in eine „üblichere“ Sprache – z. B. Englisch oder Französisch – und alle anderen Dolmetscher dolmetschen die Verdolmetschung in ihre Zielsprachen. Damit spart man sich den Aufwand, etwas 24 verschiedene Dolmetscher zu finden, um, sagen wir mal, Gälisch in acht verschiedene Sprachen zu übersetzen. Einen für Gälisch-Englisch findet man doch eher, und 24 für Englisch > Zielsprache auch…

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Was ist nun mit den anderen Begriffen, die ich oben genannt hatte?

Konferenzdolmetschen beschreibt einfach das Dolmetschen einer Konferenz oder einer konferenzähnlichen Situation. Meistens erfolgt das simultan, aber auch konsekutives Dolmetschen kommt vor.

Schriftdolmetschen ist ähnlich wie Gebärdensprachdolmetschen für Gehörlose gedacht. Im Gegensatz zum Gebärdensprachdolmetschen wird jedoch nur in eine Richtung gedolmetscht. Heißt: Der Gebärdensprachdolmetscher macht die Lautsprache für den Gehörlosen verständlich und die Gebärdensprache für den Hörenden. Der Schriftdolmetscher tippt das gehörte, sodass der Gehörlose es auf seinem eigenen Bildschirm sehen kann. Daher eignet sich das Schriftdolmetschen für Vorträge und Präsentationen, weniger aber für interaktive Situationen.

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Eines ist, denke ich, klar: Das Dolmetschen ist sehr fehleranfällig. Die Leistung des Dolmetschers sollte nicht unterschätzt werden, auch wenn ihm ein Schnitzer passiert.

Damals an der Uni unterhielt ich mich mit einer Kommilitonin. „Weißt du“, sagte sie, „wenn du so gar nicht drüber nachdenken kannst, was du da eigentlich sagst, und das alles automatisch ablaufen muss…“ und sie wollte sagen: „dann dolmetscht du früher oder später mal kompletten Blödsinn.“
Offenbar war sie in Gedanken auch schon wieder am Dolmetschen oder so, denn raus kam: „… dann dolsdumetscht…“ Seit dem Tag bezeichneten wir unter uns das Konzept „Fehler machen beim Dolmetschen“ als „Dolsdumetschen“ , zur Erheiterung und Verwirrung neuer Studenten.

So, und weil ich der Meinung bin, dass man durchaus über Dolmetschfehler lachen darf, auch wenn man sie dem Dolmetscher selbst nicht vorzuhalten braucht… und weil aus dem „dolsdumetschen“ manchmal ganz witzige Sachen entstehen:

Es war 2005, und George Lucas gab ein Interview, das – simultan – gedolmetscht wurde. Natürlich sollte sich der Dolmetscher, der George Lucas dolmetscht, vorher vielleicht in relevante Dinge aus seinem Werk einlesen, aber wir wissen schon mal nicht, wie viel Vorwarnung der hatte… und sicher nicht auf dem Plan der Zusammenfassung oder vorgeschriebenen Texte stand der Satz, den Lucas abschließend sagte: „May the force be with you!“ (Möge die Macht mit euch sein). Ein berühmtes Zitat aus Star Wars.

Ein Star-Wars-Fan war er bestimmt nicht, der Dolmetscher. Denn, was dolmetschte der?

„Am vierten Mai sind wir bei Ihnen.“

Force falsch als „fourth“ – vierter – zu hören… na ja, wenn man das Zitat nicht kennt, kann es wohl passieren. Dass dann „May“ Mai und nicht „Möge“ wird – logisch. Aus dem Rest machte er, was er konnte…

Er erntete großen Spott, und die Sache sprach sich rum…

Dass jedoch die Star-Wars-Fangemeinde seit 2011 international am 4. Mai den „Star-Wars-Tag“ begeht hat, trotz hartnäckiger Gerüchte, keinen Kausalzusammenhang damit.

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