Newstead Abbey, Nottingham, Juni 2016

Normalerweise stehe ich ja nicht so sehr auf Dichtung (was häufig überrascht, da mit gereimte Texte sehr schnell im Gedächtnis bleiben. Einzig – nur weil ich es kann, heißt es noch lange nicht, dass ich es aus Spaß mache. Gedichte bleiben mit im Kopf, ohne dass ich dazu wirklich selbst einen großen Beitrag leiste. Das ist so ein bisschen wie Atmen. Das passiert halt.

Normalerweise stehe ich nicht auf Dichtung, oder Dichter, aber es gibt die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Diese heißt George Gordon, starb 1824 im griechischen Freiheitskrieg und ist allgemein besser bekannt als Lord Byron.

Lord Byron war befreundet mit Mary, damals noch Godwin, und Percy Shelley, und als er dank seiner übermäßigen Schulden im April 1816 sozusagen aus England hinausflog, fand er sich nur wenige Monate später mit den beiden, seinem Leibarzt und Marys Stiefschwester am Genfer See wieder. Dort ging es wohl recht hoch her, und es kam dann eben im Juni der Tag, an dem sie sich keine Spukgeschichten mehr vorlesen, sondern ihre eigenen schreiben wollten. Zwei davon sind erhalten: Byrons Fragment of a Novel, später von Polidori als The Vampyre überarbeitet in eigenem Namen veröffentlicht, und Marys Anfänge zu The Modern Prometheus – die Geschichte, die wir heute als Frankenstein kennen.

Nun jährte sich dieser Schreibeabend zum 200. Mal, und die Gelegenheit wurde genutzt um eine Themenkonferenz zu organisieren – wo besser als in Newstead Abbey, dem Heim der Familie Gordon seit dem 16. Jahrhundert – bis Byron das Anwesen 1818 verkaufte, um seine Finanzen aufzubessern.

Und auf diese Veranstaltung wollte ich eigentlich. Etwas überrascht stellte ich aber fest, dass die recht begehrt war, und ich bereits nur noch auf die Warteliste gesetzt werden konnte. Nachdem ich über längere Zeit nichts hörte, hatte ich schon kaum mehr daran gedacht. Schließlich, in wirklich allerletzter Minute, wenn man die Anreisestrecke bedenkt, kam ein Anruf. Ich könnte zwei Plätze haben, wenn ich sie noch wollte. Der Mann klärte kurz ab, ob er so kurzfristig freinehmen dürfte – er durfte in der Tat –, ich bestätigte die Tickets, wir buchten den Flug.

Unterkunft stellte sich als kompliziert heraus, es war so kurzfristig nichts zu bekommen, das für uns passte. Natürlich, „irgendwo schnell“ unterkommen könnte man immer mal, aber das mache ich sehr ungerne. Unser Rückflug, ebenfalls suboptimal, ging von London aus. Die Zeit war einfach zu knapp, um unsere Wunschflüge zu buchen, wir mussten nehmen, was es noch gab. Wir hatten also am nächsten Morgen nochmal eine ziemlich lange Strecke zu fahren. Die Entscheidung fiel schließlich dahingehend, bei einer Bekannten in Manchester zu schlafen – oder eher darauf zu warten, dass die Nacht rum ist – und dann frühmorgens aufzubrechen. Auch suboptimal, aber gut… Sie hatte es angeboten, als ich sie nach einer Hotelempfehlung fragte, obwohl es unwahrscheinlich war, dass wir uns morgens aus der Wohnung schleichen konnten, ohne sie zu wecken. „Suboptimal“ war also irgendwie der rote Faden, der sich durch diese Reise zog.

Entsprechend trat ich sie schon in der Erwartung an, dass alles nicht so recht passen würde. Zu einer stressigeren Zeit hätte ich die Fahrt wohl lieber bleiben lassen, so war ich relativ sicher, dass es gehen würde, v.a. weil ich danach zwei Wochen Ruhe ohne Termine hatte.

Am Abend vor dem Abflug – ich war bereits in Bayern, weil unser Flug von München aus ging – erreichte mich dann noch eine E-Mail. „Ich möchte die geladenen Gäste bitten, den formellen Dresscode zu respektieren.“ Sag mal, Herr Organisator, geht’s noch? Das sagst du mir 24 Stunden vor Veranstaltungsbeginn? Sorry, geht nicht weil is‘ nicht. Es ging also eine E-Mail zurück, dass ich in dem Fall bitte wieder ausgeladen werden möchte, keinesfalls würde ich in „formellem Dresscode“ entsprechender Kleidung einen Flug und zwei Zugfahrten machen, um dann mit ca. 20 Minuten Luft vor der Veranstaltung anzukommen. „Ordentlich aber praktisch“ könnte ich ihm anbieten, und ich könnte ihm bereits jetzt versprechen, dass unser Schuhwerk reisetauglich sein würde, aber keinesfalls irgendeinem Dresscode entspräche. Er schrieb zurück, das sei doch natürlich eine Ausnahmesituation bei der darüber hinweggesehen würde. Nun gut, Eindruck hatte er jedenfalls schon hinterlassen. Ich vermutlich auch.

Bei uns ging es also sehr früh nach München. Da ich längere Überland- bzw. Autobahnfahrten als durchaus entspannend empfinde, durfte der Mann auch noch etwas Schlaf aufholen. Der hatte ja am Vortag noch arbeiten müssen und war erst mitten in der Nacht aus Belgien gekommen.

Der Flug ging problemlos, der Kaffee im Flieger fiel nicht negativ auf (damit hat der Flug dann schon mal einen Punkt gut bei mir). In Manchester hatten wir etwa eine dreiviertel Stunde Leerlauf, bevor unser Zug ging. Das reichte zwar nicht, um wirklich etwas anzuschauen aber es war genug, um mal eine Runde frische Luft zu schnappen und ein bisschen zu laufen. Wir sind ja an sich sehr gerne zu Fuß unterwegs und brauchen das auch irgendwie.

Ich hasse Züge eigentlich und finde Zugfahren schrecklich desorientierend. Etwas besser wird es, wenn ich den Laptop mitnehmen und unterwegs ein bisschen arbeiten kann, was natürlich sehr vom Zug und dem Füllgrad abhängt. Es war relativ früh am Tag, da ging es. Von der Strecke nach Sheffield habe ich so natürlich nichts mitbekommen, für mich aber besser so.

In Sheffield hieß es dann Umsteigen mit Wartezeit, dort suchten wir uns dann erst mal ein Subway. Davon gibt es in Sheffield erfreulich viele. Subway ist für mich ein praktisches mal-schnell-was-essen unterwegs. Egal, wo ich bin, ich kann mir mein Sub immer so bestellen, wie ich es will, und es schmeckt immer ausreichend gleich.

Die Zugverbindung von Sheffield nach Nottingham heißt, mit gutem Grund natürlich, „Robin Hood Line“. Das macht es immerhin einfacher, nicht aus Versehen in den falschen Zug zu steigen.

Offiziell fährt man, um nach Newstead Abbey zu kommen, bis Nottingham durch und steigt dort in den Bus, der einen dann wieder entlang der gleichen Strecke ein Stück zurückfährt. Wir stiegen allerdings einfach bei Newstead Village aus und liefen den Rest. Länger brauchten wir dafür auch nicht. Die Strecke ist mit 20 Minuten Fußweg ausgeschildert. Das ist großzügig bemessen. Wir brauchten etwas mehr als 10, also wäre bei einer „normalen“ Gehgeschwindigkeit wohl ca. 15 min. zu erwarten.

Newstead Abbey heißt deswegen Abbey (=Abtei), weil das Gebäude ursprünglich als Kloster errichtet wurde und einem Augustinischen Orden diente. Unter Henry VIII wurden jedoch ab 1536 die katholischen Klöster aufgelöst und enteignet. Einige Klosterkirchen blieben als normale Pfarrkirchen in Verwendung, viele wurden einfach abgebrannt und zerstört, sind teils bis heute als Ruinen erhalten. Wieder andere wurden einer weltlichen Verwendung zugeführt, wie eben auch Newstead Abbey, das 1540 von John Byron erworben wurde und bis 1818 im Besitz der Familie blieb. Dazu gehören sehr umfangreiche Ländereien, Parks, Gärten und Nebenanlagen. Wenn man genug Zeit hätte, könnte man sich das auch größtenteils anschauen.

Uns blieben etwa 30 Minuten zur Verfügung, die wir in einer ruhigen Gartenecke zubrachten.

Unsere Veranstaltung begann dann mit einer kleinen Führung. Newstead Abbey wurde mehrfach umgebaut, vor allem nach Byrons Verkauf auch recht umfassend. Zwischenrein gab es mal einen Brand, die Restauration danach ist nicht unbedingt das, was ich mir unter denkmalschützerisch wertvoll vorstelle. Das Gebäude ist sehr viktorianisch – was auch recht hübsch ist, aber eben nach Byrons Zeit liegt. Es gibt, sah ich, Ausstellungsbereiche, die sich der Zeit als Abtei sowie den späteren Zeiten widmen. Wir wurden nur durch die Byronausstellung geführt. Diese ist… nun ja, nett. Es finden sich Möbelstücke, Briefe, Portraits des Dichters, aber es ist eben nur eine Sammlung.

Und da merke ich dann schon, dass es eben „nur“ Lord Byron ist. Das Ganze ist wirklich nett, reißt mich aber nicht vom Hocker. Auch ein Lord Byron wird bei mir eben immer nur die zweite Geige spielen, hinter jenem Mann, den er selbst in einem Gedicht mit dem Titel „The Best of Cutthroats“ (Der beste Halsabschneider) bedachte (der übrigens tatsächlich in der Lage gewesen wäre, die erste Geige zu spielen), und den Byron, so seine Aussage zu mehreren Gelegenheiten, gerne hätte hängen sehen. Na, die Antipathie zumindest ging in beide Richtungen, Wellington regte dringend an, Byron zu erschießen. Wellington musste heute aber zu Hause bleiben, es geht ja um Byron.

Was ich gerne gesehen hätte, wären z.B. Räume gewesen, die eingerichtet sind, wie sie es zu der Zeit waren, in der Byron dort lebte. Oder wenigstens soweit das im Rahmen der Umbauten möglich ist. Dass man sich etwa in nachgemachter Kleidung, wie sie auf Byrons Portraits zu sehen ist, photographieren lassen kann, ist für mich auch eher eine Spielerei, die ich nicht unbedingt haben muss.

Okay… mal gerade sichergehen: Objektiv gesehen ist die Ausstellung gut. Subjektiv war sie nicht das, was ich sehen wollte.

Es folgten die Vorträge, also der eigentliche Hauptteil der Veranstaltung. Wir hatten glücklicherweise einen Randplatz. Während ich allgemein nicht gut damit zurechtkomme, Köpfe im Blickfeld zu haben, ließ sich das mit Augen zumachen gut handhaben – ich musste schließlich nicht sehen, was der Redner da vorne macht, und so auf halber Strecke zwischen dem Restpublikum sollte es ihm auch nicht negativ auffallen. Es gab mehrere Beiträge unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Qualität. Der Großteil bezog sich natürlich auf Byron und die Shelleys, eine befasste sich mit Adaptionen von Frankenstein und, dank der Verbindung über Fragment of a Novel kamen wir auch noch in den Genuss eines kleinen Vortrags über den Vampir im allgemeinen und den britischen Vampyre im speziellen. Vampire mag ich ja, wie gesagt.

Zusammen mit einer kleinen Diskussionsrunde dauerte das ganze deutlich länger als geplant, und vor dem nachfolgenden gemeinsamen Abendessen verabschiedeten wir uns mit Hinweis darauf, dass wir einen Zug erwischen mussten. Wenn die Bekannte aus Manchester uns schon bei sich schlafen ließ, wollten wir wenigstens pünktlich sein, und nicht mit knapp zwei Stunden Verspätung aufschlagen.

Auf der Rückfahrt wurde das Umsteigen in Sheffield recht knapp, klappte aber. Gerade hatten wir uns in dem Zug nach Manchester auf freie Plätze gesetzt und mal eben E-Mails abgerufen, als eine Nachricht einer Freundin auf Facebook auftauchte. Ich schrieb zurück, sie entschuldigte sich schon mal im Voraus, sie sei im Zug und wüsste nicht, wie lange ihre Verbindung halten würde. Kurzes Grinsen. Wir auch. Aber bestimmt nicht im gleichen Zug, oder? Sie: In welchem sitzt ihr denn? Ich: Sheffield-Manchester. Sie: Nee, aber wenn ihr in Manchester aussteigt und ein bisschen wartet, könnt ihr bei mir einsteigen.

Kurzes allseitiges Koordinieren, dann stand fest: Wir tun unserer Bekannten und uns selbst diese Übernachtung nicht an – was wohl allen Beteiligten so nur Recht war – fahren stattdessen direkt nach London, schlafen dort bei der Freundin und werden am nächsten Tag von deren Mann zum Flughafen gefahren. Tja, auf die Idee hätte man echt vorher auch kommen können. Hier ist es dann von Vorteil, dass ich auf Reisen generell etwas weniger auf einen vorgeplanten Ablauf festgelegt bin und 1-2 Tage mit plötzlichen Umplanungen ohne größere Katastrophen zurecht komme.
Die Londoner Freundin ist ebenfalls Autistin, auch mit einem NT verheiratet, wir machen auch öfter mal was im Viererpack und verbringen auch schon mal ein Wochenende dort – oder sie bei uns. Nebenbei teilen wir uns ein Spezialgebiet, und die beiden Herren können sich in der Küche vergnügen (beide sind tolle Köche), während wir neue Erkenntnisse austauschen. Wäre das ganze jetzt geplant gewesen, hätte jede von uns noch ein Buch zum Thema dabei gehabt, das dann die Besitzerin wechseln würde, das muss dann dieses Mal leider ausfallen.

Damit endete der Tag dann doch noch entspannter, als zuvor für möglich gehalten, mit einer Flasche gutem Whiskey und Brettspielen, und ich konnte mir am Folgetag die öffentlichen Verkehrsmittel zum Flughafen sparen.

Grundsätzlich – ich würd’s wieder machen, aber nur mit mehr Vorlaufzeit und mehr Gelegenheit zur Organisation.

 

 

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus  auf Projekt Gutenberg
Frankenstein; Or, The Modern Prometheus by Mary Wollstonecraft Shelley auf Project Gutenberg

Lord Byron: Ein Fragment auf Projekt Gutenberg
Fragment of a Novel by Lord Byron auf sff.net

John William Polidori: Der Vampyr auf vampyrbibliothek.de
The Vampyre, by John William Polidori
auf Project Gutenberg

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