Die Belagerung von Burgos

Und es trug sich zu…

…dass Wellington auch nicht immer auf Anhieb gewann.

So geschehen in Burgos, im Jahr 1812.

Burgos war eine Festung in Nordspanien. Die Burg bereits damals noch nicht die Ruine, die sie heute ist. In der Tat wurde sie 1813 von den französischen Truppen in die Luft gejagt, als diese aus Burgos abzogen.

Nun befinden wir uns jedoch noch einige Monate vor diesem Zeitpunkt. Die Garnison in Burgos wird angeführt von Jean-Louis Dubreton, Brigadegeneral der Franzosen.

Wellington hatte gerade eine Reihe von erfolgreichen Aktionen hinter sich und die französischen Truppen aus mehreren Städten und Festungen vertrieben. Dubreton allerdings erwies sich als besonnenerer Stratege als seine Kollegen.

Portugal war zu dem Zeitpunkt bereits fest in den Händen der Alliierten, befreit von den Besatzern. Die Armee aus Portugiesen und Briten rückte dann weiter vor, durch Spanien Richtung Frankreich. Im Juli 1812 hatte Marschall Marmont Salamanca verloren. Im August zogen die Briten unter Jubel der Bevölkerung in Madrid ein. König Joseph (Napoleon Bonapartes Bruder) floh nach Valencia. Marschall Soult verließ mit seinen Truppen nun endlich Andalusien (nachdem er dem entsprechenden Befehl des „spanischen“ Königs Joseph zuvor nicht Folge geleistet hatte, und marschierte ebenfalls Richtung Osten. In dem Wissen, dass er ein Problem haben würde, wenn die beiden Teile der französischen Armee, die bei  Joseph waren, sich mit denen von Soult vereinen konnten, machte Wellington sich daran, seine Position zu sichern. Er ließ mehrere Divisionen unter „Daddy Hill“ in Madrid zurück, um die Hauptstadt zu verteidigen, und marschierte mit seinen Truppen nordwärts. Burgos war ein strategisches Ziel. Eine Einnahme der Stadt hätte Vorstöße weitere französischer Verstärkungen bzw. die Versorgung aus Richtung Norden gestört.

Im September brachte Wellington also seine Truppen in Stellung. Ein Infanterieangriff im großen Stil kam für ihn dieses Mal nicht in Frage. Er hatte im letzten Jahr gerade zwei Belagerungen zwar erfolgreich aber jeweils mit schweren Verlusten abgeschlossen.

Er wollte zunächst versuchen, auf anderem Weg einen Pfad in die Stadt freizumachen. Zu diesem Zweck gab es die „Military Artificers“, heute „Royal Engineers“, auch bezeichnet als „Sappers“; Sappeure haben Aufgaben wie Brücken bauen, Brücken sprengen, Belagerungsgräben ausheben, Annährungsgräben buddeln (also Gräben, in denen man an die Befestigungsanlagen rankommt), Mienen legen, Mienen in Annäherungsgräben legen um damit hoffentlich die Befestigungsanlagen in die Luft zu jagen… Leider war diese Truppe zu der Zeit in der britischen Armee eine ziemlich „stiefmütterlich“ behandelte, unterbesetzt und nicht ausreichend ausgestattet. Die Arbeiten selbst waren auch nicht besonders sicher, vor allem auch aufgrund der unzureichenden Ausrüstung. An der Belagerung beteiligt waren fünf Ingenieure und acht Sappeure. Einer aus jeder Gruppe fiel, ein Ingenieur und sieben weitere Sappeure endeten auf den Verwundetenlisten.

Die Verteidigung erfolgte in zwei Linien. Die äußere konnte Wellington am 19. September einnehmen, was jedoch mit hohen Verlusten unter den eingesetzten Brigaden einherging, da diese zu früh von den Verteidigern entdeckt wurden.

Die innere Verteidigungslinie nutzte die Anlagen der Burg. Im ersten Anlauf ließ Wellington hier also eine Mine unter der Mauer platzieren und zünden. Dies funktionierte so weit auch, die Mauer stürzte ein. Leider fand man bei der darauf folgenden Erstürmung heraus, dass es sich lediglich um eine alte Mauer handelte, die einer neueren Mauer vorgelagert war. Die eigentliche Verteidigungsanlage der Franzosen war noch intakt.

Der zweite Anlauf – Es war inzwischen Oktober – gestaltete sich schwerer, denn die Anstrengungen zur Vorbereitung der Erstürmung der Festung wurden entdeckt. Es sah nun so aus, dass die Briten tagsüber an ihren Vorbereitungen arbeiteten und die Franzosen diese des Nachts wieder zerstörten. Dennoch schafften sie es, am 4. Oktober eine neue Mine zu zünden und tatsächlich eine Bresche in die äußere Verteidigungsanlage zu schlagen. Der folgende Angriff brachte den Alliierten immerhin einen kleinen Stützpunkt nahe der Festung.

Das war Dubreton nun aber doch zu viel, und er startete am Folgetag einen Gegenangriff, schlug die Belagerer zurück, und nahm einen großen Teil ihrer Ausrüstung an sich. Diese Vorgehensweise behielt er nun erst mal bei, was die Arbeiten der Belagerer doch sehr störte. Zu allem Überfluss begann es nun auch noch, in Strömen zu regnen. In gefluteten Gräben kann man nur sehr schlecht mit Sprengstoff arbeiten, und so konnte auch erst zum 18. Oktober erneut eine Mine gezündet werden. Der folgende versuchte Sturm war jedoch nicht sehr erfolgreich, da die Verteidigung zu gut organisiert war, und den Angreifern auch so langsam die Munition ausging.

Da nun auch noch Verstärkungen für die Franzosen anrückten, musste Wellington sich mit seinen Truppen zurückziehen. Außerdem bedrohte inzwischen Soult auf dem Weg aus Andalusien die Stellung in Madrid, die spanischen Truppen verweigerten gerade die Hilfe, weil deren oberster Kommandant sich übergangen fühlte und schmollte, und die Franzosen nahmen eine strategisch wichtige Brücke ein.

Nachdem er am 21. Oktober so sauber abgezogen war, dass die Franzosen erst einen Tag später merkten, dass sie nicht mehr belagert wurden, wurde Wellington auf dem Weg in Richtung des Rests seiner Armee immer deutlicher klar, wie schlecht seine Position im Vergleich zu den sich immer mehr konsolidierenden Franzosen geworden war. Er erteilte daher Ende Oktober Befehl an Hill, Madrid aufzugeben.

Um sich an einer sicheren Position neu zu gruppieren und einen erneuten Vorstoß zu beginnen, bewegten sie sich sehr weit nach Westen und gaben dabei große Landstriche in Spanien auf, die danach erneut erobert werden mussten. Der Rückzug erwies sich als katastrophal. Die Versorgung war komplett zusammengebrochen, Hunger, Kälte, schlechtes Wetter und fehlende Ausrüstung führten zu zahlreichen Verlusten. Hätten die Franzosen hier realisiert, was vor sich ging, und eine volle Verfolgung angeordnet, hätten sie vermutlich einen großen Teil der Alliierten Armee vernichtend schlagen können, und die Geschichte wäre anders ausgegangen.

Wie es nun aber war, konnte Wellington seine Männer schließlich in gesicherter Position wieder sammeln und über den Winter zu Kräften kommen lassen. Die relativ kurzfristige Anwesenheit in Spanien 1812 war jedoch keineswegs umsonst gewesen. Vielmehr war es ein wichtiger Grundstein für die spätere Unterstützung in der spanischen Bevölkerung, als Wellington Spanien 1813 erneut einnahm. Die Briten, denen das Plündern und Vergewaltigen bei Todesstrafe verboten war, wurden dann als Befreier gesehen, entgegen der Französischen Besatzer, die sich nahmen, was sie wollten.

Burgos wurde in Juni 1813 endgültig eingenommen. Die Franzosen sorgten dabei für einen sehr effektvollen Abzug: Bevor sie gingen, jagten sie die Burg in die Luft: mit solcher Eile, dass sie nicht auf die Evakuierung ihrer eigenen Leute warteten. Um die Zweihundert Soldaten aus ihren eigenen Reihen starben in der Explosion.

Scheidung mal anders

Und es trug sich zu…

… dass England den vermutlich amüsantesten Scheidungsfall aller Zeiten erlebte

Scheidungen sind ja an  und für sich meistens nicht so witzig. Gelegentlich allerdings sind sie geradezu spektakulär.

Wir schreiben das Jahr 1810.

Da es sonst gleich sehr unübersichtlich wird, möchte ich die Protagonisten dieses kleinen Scheidungsfalls kurz vorstellen.

Da hätten wir:

Henry Paget, Jahrgang 1768, Erbe seines Vaters, seit 1795 verheiratet mit
Caroline Elizabeth Villiers, Jahrgang 1774, genannt „Car“;
aus der Ehe sind bislang acht Kinder hervorgegangen.

Henry Wellesley, Jahrgang 1770, Politiker, seit 1803 verheiratet mit
Charlotte Cadogan, Jahrgang 1781, genannt „Char“;
aus der Ehe sind bislang vier Kinder hervorgegangen.

George Campbell (Duke of Argyll), Jahrgang 1768, genannt „Argyll“.
Bislang unverheiratet.

Die ganze Sache hatte zwei Jahre zuvor begonnen, als Charlotte den ärztlichen Rat erhielt, zur Förderung ihrer Gesundheit zu reiten. Nun konnte ihr Ehemann es sich leider nicht leisten, ihr ein Pferd oder einen Reitlehrer zur Verfügung zu stellen.

Die Lösung fand sich, als Henry Paget sich freundlicherweise bereiterklärte, beides zu besorgen – oder, genauer gesagt: das Pferd zu besorgen und den Reitlehrer selbst zu machen. Da Paget einer der absolut besten Reiter auf der Insel gewesen sein dürfte, war Henry Wellesley (dieser war im Übrigen der jüngere Bruder meines „Atty“, der seinerseits damals noch weit davon entfernt war, Herzog zu sein) auch sehr angetan davon.

„Char“ bekam also ihre Reitstunden, und die taten ihrer Gesundheit gleich so gut, dass sie nochmal schwanger wurde – das vierte der obigen Kinder.

Jetzt wurde also erst mal nicht mehr geritten, dafür unterhielten die beiden – Charlotte und Paget – einen regen Briefkontakt.

Ihr Umfeld hatte allerdings, wie es bei solchen Umfeldern halt so ist, einiges zu der Sache beizutragen. So etwa ausführliche Kommentare dazu, dass Charlotte und Paget zu viel Zeit zusammen verbracht hätten, und ojeh, wo das wohl hinführen würde..?

In Anbetracht dessen bot nun Charlotte ihrem Ehemann nun nach der Geburt ihres Sohns Anfang 1809 an, jeglichen Kontakt mit Paget eizustellen. Henry Wellesley winkte ab. Das sei schon in Ordnung, er habe volles Vertrauen in sie…  nur das mit dem Reiten möge sie doch bitte bleibenlassen.

Gut. Das Reiten ließen sie also bleiben. Stattdessen kam es jetzt zu ausgedehnten gemeinsamen Spaziergängen, und bald fing Charlotte an, ihren Diener, der sie als Eskorte begleitete, für ein, zwei Stunden wegzuschicken, wenn sie mit Paget spazierte.


Derweil hatte sich im Hause Paget auch das eine oder andere ereignet.

Henry Paget blieb nicht verborgen, dass die Korrespondenz seiner Gattin Caroline mit George Campbell, dem Herzog Argyll, vielleicht nicht mehr so ganz angemessen war, für eine verheiratete Frau und einen unverheirateten Mann.

Das nachfolgende Gespräch ist im Detail zwar nicht überliefert, im Ergebnis jedoch schon, nämlich in Form eines Briefwechsels zwischen zwei Brüdern von Henry Paget, die sich darüber auslassen. Glaubt man den beiden, muss es etwa so abgelaufen sein:

Henry Paget:  „Car, ich höre du stehst auf Argyll.“

Caroline Paget: „Wo hörst du denn sowas?“

Henry: „Isses so?“

Caroline: „Und was, wenn es so wäre?“

Henry: „Das wäre sehr praktisch.“

Caroline: „Bitte was wäre das?“

Henry: „Praktisch wäre das. Weißt du, da ist diese Frau.“

Caroline: „Charlotte. Wellesley.“

Henry: „Ich sehe, du weißt Bescheid. Also, ich mag Charlotte, und Charlotte mag mich. Und du magst Argyll und Argyll mag dich. Also machen wir das so: Wenn sich Henry Wellesley von Charlotte scheiden lässt, lasse ich mich von dir scheiden, dann heirate ich Charlotte und du heiratest Argyll und wir sind alle glücklich – also, alle außer Wellesley.“

Caroline: „Und wenn Wellesley sich nicht scheiden lassen will?“

Henry: „Naja, dann muss ich weiter außerehelich mit Charlotte schlafen, und du müsstest dann halt auch außerehelich mit Argyll… aber das ginge ja auch, oder?“

Caroline: „Und was sagen Charlotte und Argyll dazu?“


Charlotte hatte inzwischen – es war März geworden – erste Schritte eingeleitet und etwa bei einer Schneiderin einen Satz Kleidung „für eine Freundin“ bestellt, die dort auf Abruf bereitgehalten werden sollten.

Wellesley war vielleicht nicht der schnellste, was die Vergnügungen seiner Angetrauten betraf, aber irgendwann kapierte er es auch und stellte sie zur Rede. Dabei redete er sich dermaßen in Rage, dass er sie schließlich anschrie, entweder sie oder er müssten am folgenden Tag ausziehen.

Charlotte nahm ihn beim Wort. Am nächsten Tag verließ sie das Haus, nahm eine Kutsche und fuhr zu Paget.

Kaum dass Wellesley merkte, dass sie genau das gemacht hatte, was er verlangt hatte, fiel ihm ein, dass er das nicht so gemeint hatte. Er machte sich also auf die Suche nach seiner Frau, konnte diese aber zunächst nicht auffinden. Über die Schneiderin schaffte er es schließlich, herauszufinden, wo sie sich aufhielt.

Dorthin übermittelte er ihr nun also ein Schreiben, in dem er ihr mitteilte, dass sie selbstverständlich zu ihm zurückkommen dürfe.

Charlottes Antwort war ein langes und sehr höfliches Schreiben, dessen Inhalt sich etwa so zusammenfassen lässt: „Nö.“


Paget und Charlotte zogen nun zunächst gemeinsam in eine kleine Wohnung, die einem Freund Pagets gehörte. Eine Sache gab es, über die Charlotte unglücklich war: Ihr Mann hatte die Kinder. Das ließ sich nun gerade nicht ändern, und es war in Scheidungssituationen zu der Zeit auch üblich – sofern man von „üblich“ sprechen konnte – , dass der Ehemann die Kinder behielt. Schließlich war der hauptsächlich anerkannte Scheidungsgrund Ehebruch durch die Frau.

Bei Paget und Caroline sah die Absprache von vorneherein anders aus: Deren acht Kinder blieben auf Carolines Wunsch bei ihr.

Es folgte eine Vielzahl von Briefen. Etwa so:

Wellesley an Charlotte: Kannst zurückkommen.

Charlotte an Wellesley: Nö.

Wellesley an Charlotte: Komm zurück!

Charlotte an Wellesley: Nö.

Wellesley an Charlotte: Komm bitte zurück!

Charlotte an Wellesley: Nö.

Pagets Brüder an Paget: Sag mal, spinnst du?

Paget an Brüder: Nö.

Pagets Vater an Charlotte: Verlass meinen Sohn!

Paget an Pagets Vater: Halt du dich da raus, Papa!


Die Zeitungen bekamen Wind davon und ließen sich ausführlich über die Situation aus. Skandale mochte man ja immer schon gerne.

Mit viel Überredungskunst schafften es Charlottes und Pagets jeweilige Brüder, die beiden zu einem „Experiment“ zu überreden. Sie sollten sich einen Monat lang nicht sehen, um festzustellen, ob sie die Situation mit etwas Abstand nicht anders betrachten würden.

Sie hielten zwölf Tage durch.

Paget erhielt ein paar Duellforderungen von Charlottes Bruder. Henry Wellesley verklagte ihn auf Schadensersatz – das war zu der Zeit üblich, bei Ehebruch – und bekam, was wohl kaum überraschend war, Recht.

Paget und Charlotte zogen aufs Land.

Um irgendwie mit den gemeinschaftlichen Plänen vorwärts zu kommen – Argyll hatte inzwischen Caroline schon mal vorsorglich einen Heiratsantrag gemacht, den sie ebenso vorsorglich schon mal angenommen hatte – mussten nun zwei Scheidungen vollzogen werden.

Die einfachere hätte die der Wellesleys sein sollen. An dem Ehebruch war ja wohl nicht zu rütteln – sollte man meinen – und die Scheidung hätte eine reine Formsache sein sollen.

Nur Henry Wellesley wollte nicht so mitspielen. Der erklärte mal wieder, dass er seine Frau doch gerne zurück hätte… und überhaupt sei er gar nicht so sicher, dass sie wirklich den Ehebruch vollzogen hatten. Außerdem fühlte er sich als alleinerziehender Vater, trotz der Dienerschaft und Verwandtschaft, die ihm die Arbeit abnahm, stark überfordert. Charlotte würde von ihm also keine Scheidung bekommen, solange er keinen Beweis für den Ehebruch hatte.

Charlotte und Paget schüttelten einmal gemeinschaftlich den Kopf und machten sich dran, den Beweis zu produzieren. Dieser kam am 4. März 1810 zur Welt und wurde auf den Namen Emily getauft.

Nun wurde also endlich geschieden – nämlich Henry Wellesley von Charlotte, wobei Wellesley inzwischen die Nase vom um-die-Kinder-kümmern dermaßen voll hatte, dass er es Paget gleich tat und die Kinder zur Mutter schickte – was dieser wiederum nur Recht war.


Kaum, dass diese Scheidung rechtskräftig war, wandte sich nun Caroline an einen Anwalt. Sie wollte sich von Henry scheiden lassen – der hatte ja nun eben auch Ehebruch begangen, und das war ein guter Scheidungsgrund.

Dabei stellten die vier – also Caroline, Charlotte, Paget und Argyll – nun aber fest: so einfach ging das mal wieder nicht.

Es konnte nämlich nach englischem Recht sich lediglich der Ehemann von der ehebrechenden Ehefrau scheiden lassen – nicht aber umgekehrt.

Na gut, einfachste Lösung: Caroline und Argyll lassen sich beim Ehebruchbegehen erwischen, Paget reicht die Scheidung ein.

Da spielte aber Argyll nicht mit: Ehebruch begehen gerne, aber erwischen lassen nicht, weil „Meine Mutter bringt uns um.“

Nun gab es aber zum Glück einen Ausweg: Das schottische Gesetz unterschied sich nämlich vom englischen, und dort konnte auch die Frau die Scheidung einreichen. Voraussetzung: Die Parteien des Scheidungsfalls mussten mindestens 40 Tage lang in Schottland gelebt haben.

Die vier packten also ihre Koffer und mieteten sich in Schottland ein Haus.

Dort hatten sie nun erst mal 40 Tage Zeit, um weitere Pläne zu schmieden, und die waren durchaus notwendig.

Das Gesetz hatte nämlich noch zwei Haken:

Der erste: Der Mann durfte unter keinen Umständen anschließend die Frau heiraten, die der Anlass zur Scheidung war.

Der zweite: Absprachen waren verboten.

Zu Problem Nummer 2 gab es nun wirklich nur eine Lösung: Gemeinschaftlicher Meineid.

Problem Nummer 1 hätte sich relativ leicht lösen lassen, indem Paget sich einfach mit einer anderen Frau im Bett hätte erwischen lassen. Da spielten nun aber weder Paget noch Charlotte mit.

Also wurden die vier kreativ. Paget mietete sich unter einem schlecht angenommenen Decknamen mit einer Begleiterin in einem Hotel ein. Die Begleiterin war dicht verschleiert, nahm ihre Mahlzeiten im Zimmer ein, und zeigte ihr Gesicht nie vor dem Personal.

Caroline entwickelte plötzlich ob der Abwesenheit ihres Mannes und wissend um seine kürzliche Affäre mit Charlotte den „Verdacht“, ihr Mann hätte erneut eine Geliebte, und beauftragte einen Detektiv, ihm nachzustellen.

Dieser wurde wie gewünscht fündig, konnte nur leider ebenfalls die Frau nicht identifizieren. Eine Frau war es aber jedenfalls, und sie war in Pagets Bett gewesen, und die beiden mit Begeisterung bei der Sache – und so hatte Caroline die Handhabe, die sie brauchte, um ihre Scheidung einzureichen.

Lord und Lady Paget wurden geschieden.

Henry Paget heiratete Charlotte, womit Lord Paget nun eine neue Lady Paget hatte.

Der Herzog Argyll heiratete Caroline und machte sie zur Herzogin (was auch Carolines Familie mit der ganzen Angelegenheit versöhnte).

Die vier fuhren zusammen in die Flitterwochen.

Henry Wellesley biss sich vermutlich in den Allerwertesten.


Die englische – und auch die schottische – Gesellschaft war entrüstet und erzürnt. Das Quartett Paget/Argyll kümmerte sich nicht drum. 1811 schreibt Caroline an Pagets Bruder, „anything that I had thought happiness in the former part of my life was not for a moment to be compared to the superlative degree of bliss which I am now enjoying“ („alles, was ich in meinem Leben früher für Glück gehalten habe, war  nicht im geringsten Vergleichbar mit der überragenden Freude, die ich jetzt genießen darf.“)

Henry und Charlotte Paget machten weiter, wie sie schon mal angefangen hatten, und zeugten im Lauf der nächsten Jahre neun weitere Kinder.

Die Ehe der Argylls blieb kinderlos, zumindest, was gemeinsame Kinder betraf. Es waren ja nun aber wirklich genug Kinder da – Carolines acht, Charlottes vier plus zehn… Die Kinder lebten abwechselnd bei den beiden Familien, nannten Caroline „Mama Argyll“ und Charlotte „Mama Paget“.


1815 stand man vor einem hochkomplizierten Problem. Napoleon war wieder da, und man war gerade dabei, den großen Showdown vorzubereiten. Oberbefehlshaber sollte sein – klar – Arthur Wellesley, inzwischen Herzog Wellington. Aber sein Stellvertreter, der zweite in der Rangfolge? Es kamen nicht so viele in Frage.

In der festen Annahme, damit einen Wutausbruch auf Seiten Wellingtons zu provozieren, schrieb man ihm also einen sehr höflichen Entschuldigungsbrief. Es täte allem Leid aber es ginge nicht anders – der Stellvertreter müsse Lord Uxbridge sein – Henry Pagets Vater war nämlich inzwischen verstorben, und er hatte den Titel geerbt. Man wisse ja, der sei mit Wellingtons Schwägerin durchgebrannt, aber es müsse halt nun mal doch sein…

Wellington, wie immer praktisch denkend und absolut nicht mit einem Sinn für Etikette oder gesellschaftliche Normen geschlagen, schrieb zurück: „Ich verspreche, nicht mit ihm durchzubrennen.“

Ergänzung: Warum sagt denn keiner, dass ich die Quelle nicht mit einkopiert habe?

George Charles Henry Victor Paget: One Leg: The Life and Letters of Henry William Paget, First Marquess of Anglesey, K.G. 1768-1854,  Jonathan Cape Ltd, 1961 (S. 89-112)

Die Dreikaiserschlacht; 2.12.1805

Und es trug sich zu…
dass hoher Besuch in einer kleinen Stadt in Mähren eintraf.

Oder so ähnlich. Denn zum Kaffeetrinken und Kuchenessen trafen sich die Herren natürlich nicht.

Die Dreikaiserschlacht wird sie auch genannt, die Schlacht bei Austerlitz.

Kaiser Franz von Österreich (damals noch Franz II des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation), Zar Alexander I. von Russland und Napoleon Bonaparte standen sich dort beinahe auf dem Schlachtfeld gegenüber. Franz hielt sich allerdings vornehm im Hintergrund und nahm an der Schlacht nicht aktiv teil. Das überließ er seinen beiden Amtskollegen.

Es waren die ersten Dezembertage 1805. Im Frühjahr hatte sich die dritte Koalition gebildet, zunächst aus Großbritannien und Russland, dann durch Beitritt Österreichs. Die wussten zwar, was sie wollten – Napoleon loswerden – waren sich aber etwas uneins über das wie, sodass Napoleon seinerseits ein kleines Planungsmissgeschick (Ist es nicht schön, wenn der eine nach dem julianischen Kalender marschiert und der andere nach dem gregorianischen?) nutzen konnte. Solange sich nämlich keine zwei der Verbündeten an einer Stelle befanden, war es deutlich wahrscheinlicher, siegreich kämpfen zu können.

Napoleon raste also einmal quer durch Bayern, gewann ein paar Schlachten, schwenkte einmal nach rechts, schnappte sich Wien und gab sich dann alle Mühe, die russischen Truppen in eine Schlacht zu verwickeln, bevor Preußen einfallen konnte, dass es doch auch mitspielen wollte.

Daher bot er den feindlichen Truppen – aktuell bestehend aus den Russen unter ihrem Zaren und den noch handlungsfähigen Österreichern – in der Nähe der Stadt Brünn einen kleineren Teil seiner Truppen als Köder an.

Der Plan ging auf, die Alliierten bissen – oder griffen – an.

Das eigentliche Schlachtgeschehen spielte sich am 2. Dezember ab. Es war kalt, aber nicht eisig – warm genug, um es immer mal wieder regnen zu lassen.

Die Alliierten hatten einen netten Plan, der nur schon deswegen nicht aufgehen konnte, weil sie nur knapp 20 000 Franzosen sahen. Die tatsächliche Truppenstärke lag nicht weit unter 75 000.

Die anfänglichen Erfolge der Alliierten ließen Napoleon kalt. Wie lange, soll er einen seiner Generäle gefragt haben, dauert es, diese Anhöhe zu besetzen? Es ging um den Pracký kopec, den Pratzeberg, auf dem sich heute ein Denkmal für die Schlacht befindet.
„Keine zwanzig Minuten“, soll die Antwort gewesen sein.
„Dann wart‘ mal noch ’ne Viertelstunde…“

Die Alliierten brachten sich durch ihre vermeintlichen Erfolge so geschickt in Stellung, dass sie durch die plötzlich auftauchende französische Verstärkung vollkommen überrumpelt wurden. Erst floh die Kavallerie, dann trat auch der Rest den Rückzug an. Erst geordnet, dann mit voller Kraft. Dabei entging ihnen zu guter Letzt auch noch, dass das Eis auf den zugefrorenen Teichen nicht trug…zumindest solange, bis es zu spät war.

Die Verluste der Alliierten waren enorm. Napoleons Truppen hatten nicht ein Zehntel der Toten auf Alliiertenseite zu beklagen, viele Kriegsgefangene und außerdem massenweise Beute gemacht. Die in der Schlacht bei Austerlitz erbeuteten Kanonen wurden eingeschmolzen und in die Vendôme-Säule in Paris gegossen, wo man sie heute noch sehen kann.

Napoleon nahm das Schloss Austerlitz als neues Hauptquartier in Besitz und verhandelte in den folgenden Tagen den Waffenstillstand mit Kaiser Franz.

Fürs Reenactment besonders interessant: Die Landschaft um das Schlachtfeld hat sich bis heute nur wenig verändert. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man wirklich „Original-Feeling“ bekommen kann.

Wie Arthur sich bettet…

Ein paar kleine Auszüge zum Thema „Atty“ und „Bett“:

1.

Als der zweite Herzog mich durch Apsley House führte, zeigte er mir das Schlafzimmer seines Vaters. Man kann es kaum ein Zimmer nennen; es war eher ein Wandschrank. Der Schrank ist nun weg, aber ich fand die genaue Stelle, an der das Bett stand. […] Jeder, der auch nur im Geringsten größer war als der Herzog hätte sich nicht darauf ausstrecken können; es sah sehr unbequem aus. Das Kopfende des Betts stand in der Nähe der schmalen Tür, die noch immer auf einen kleinen Balkon mit direktem Zugang zum Garten hinausführt.

Original:
When the 2nd Duke showed me over Apsley House, he pointed out his father’s bedroom. It could hardly be dignified by the name of room; it was a closet. This closet is gone; but I found the precise spot where the bedstead stood. […]. Anyone, in the least taller than the Duke, could not have laid at full length upon it; it looked very uncomfortable: the head of the bed was close to the half-door, which still exists, outside which is a small balcony directly leading to the garden.
—Sir William Fraser, Bart.: Words on Wellington, p. 80 et seq.

[Anmerkung: Apsley House war das Londoner Stadthaus der Herzogs Wellington, dessen obere Stockwerke noch heute von der Familie Wellesley bewohnt werden. Keller, Erdgeschoss und erster Stock sind nun ein Museum.]

2.

Das Schlafzimmer des Herzogs in Apsely House war, wie überall, nicht komfortabler als ein Zelt. Das Bett ist dasselbe, das er im Feld benutzte, und er verwendete eine deutsche Bettdecke statt englischer Laken, und er hatte keine Vorhänge. Das Bett war kaum breit genug, als dass sich seiner Gnaden hätten umdrehen könnten. Einer seiner Lebensgrundsätze war: „Wenn man darüber nachdenkt, sich im Bett umzudrehen, ist es an der Zeit, aufzustehen.“.

Original:
The Duke’s bed-chamber at Apsley House was here, as elsewhere, a mere tent. The bed is the same which he used in the battle-field, and the German quilt was used instead of English blankets, and there were no curtains: the bed was scarcely wide enough for his Grace to turn round, one of his homely maxims being that “when a man thinks of turning, it is time he were up.”
Wellingtoniana: Anecdotes, Maxims, and Characteristics, of the Duke of Wellington. Selected by John Timbs; London: Ingram, Cooke and Co., 1852; p. 94 et seq.

[Anmerkung: In England war und ist es teils auch heute noch üblich, zwischen zwei dünnen Laken zu schlafen. Daunen-, Federbetten oder andere schwere Decken waren nicht üblich.

3.

Die Reise des Herzogs nach Russland dauerte genau drei Wochen. Er nahm sein eigenes Bett mit und verbrachte jede Nacht in einem Gasthof.

Original:
The Duke passed exactly three weeks on the journey to Russia. He took his bed with him and slept at an inn every night.
The Diary of Frances Lady Shelley, 1818 – 1873, edited by Richard Edgcumbe, p. 142.

4.

Take Up Your Bed, and Walk!!!

take-up
Karikatur von William Heath, veröffentlicht von Thomas McLean, 1.10.1829

„Während seiner Besuche in Walmer Castle ruht der Herzog immer auf dem Feldbett, das während des Kriegs auf der Halbinsel das Lager seiner Gnaden darstellte. Dieses geliebte Möbelstück wird regelmäßig zwischen Downing Street und Walmer Castle hin und her transportiert, wenn der Herzog letzteren Ort besucht.“

During the Duke’s temporary sojourn at Walmer Castle he invariable reposes on the camp bedstead which form’d his grace’s couch throught the Peninsular Campaigns – the highly prized article of furniture being regularly convey’d from DowningStreet to Walmer Castle when ever the Duke visits the later place

[Anmerkung: Wellington war zwar zweimal Premierminister, wohnte aber nie in Downing Street 10, sondern hatte dort nur seine Dienerschaft untergebracht. Insofern ist der Text also nicht korrekt. Walmer Castle war einer seiner drei Wohnsitze und der Ort, an dem er später verstarb. Sein geliebtes Feldbett ist dort heute noch zu sehen.]

Michel Ney (1769 – 1815)

Und es trug sich zu…

7. Dezember 1815. Jardin du Luxembourg, Paris. Morgens.

Der Verurteilte steigt gefasst aus der Kutsche. Er ist nicht in Uniform gekommen, sehr zur Erleichterung des Chefs des Exekutionskommandos. Dem Helden Rangabzeichen und Orden abreißen zu müssen wäre nicht nach seinem Geschmack gewesen.

Im blauen Gehrock und Zylinder nimmt der Mann Aufstellung vor der Mauer. Die Augenbinde verweigert er. Er wird dem Tod ins Gesicht sehen. Aufrecht stehend, nicht kniend. Seine Frau wartet derweil noch im Vorzimmer des Königs auf eine Audienz. Sie hofft noch immer darauf, eine Begnadigung für ihren Ehemann durchsetzen zu können.

Den Feuerbefehl, so heißt es, gibt er selbst.

„Soldaten, wenn ich den Feuerbefehl gebe, schießt auf mein Herz. Wartet auf den Befehl. Es wird der Letzte sein, den ich euch gebe. Ich protestiere gegen meine Verurteilung. Ich habe in hundert Schlachten für Frankreich gekämpft, aber nicht eine gegen es. Soldaten, schießt!“

Zwölf Mann zählt das Exekutionskommando. Zwölf Schüsse gehen los, und der Mann geht zu Boden, getroffen von elf Kugeln. Die zwölfte schlägt eine Scharte in die Mauer. Einer der zwölf hatte sich geweigert, auf den Tapfersten der Tapferen zu schießen.

Michel Ney (1769 - 1815)
Michel Ney (1769 – 1815)

Er war Michel Ney, geboren als Sohn eines Böttchers in Saarlouis im Januar 1769. Ein guter Jahrgang für das Militär. Wellington und Napoleon waren im selben Jahr geboren, ebenso eine Reihe anderer hochrangiger Offiziere aus der Zeit.

Michel wuchs zweisprachig auf – zu Hause sprach man Deutsch, in der Schule Französisch. In der Notarausbildung eignete er sich eine beeindruckende Handschrift an. Wellingtons Schreibe kann ich nach Jahrelanger Übung mit einiger Mühe entziffern, aber selbst Neys Unterschrift ist ein Kunstwerk.

Gegen den Wunsch seines Vaters trat er in die Armee ein, gerade zum richtigen Zeitpunkt. Nicht lange zuvor, und er hätte in seinem Stand keine Chance gehabt, über den einfachen Soldaten hinaus befördert zu werden. So aber stieg er, der schnell als einer der besten Fechter bekannt wurde und den Ruf hatte, absolut jedes Pferd reiten zu können, in der Armee schnell auf – als Offizier in der Kavallerie. Er erreichte den höchsten Rang der französischen Armee, wurde 1805 von Napoleon zum Maréchal d’Empire ernannt (im Frankreich unter Napoleon in ziviler Titel und nicht – wie im England, Preußen oder Bayern der Zeit – ein militärischer Rang. Auswirkung hatte der Titel militärisch vor allem optisch: Marschälle dürfen weiße Straußenfedern am Hut tragen.).

Ney heiratete in den Adel ein. Seine Ehefrau war Aglaé Auguié, Tochter einer Hofdame Marie Antoinettes. An der Ehe war Napoleons Ehefrau nicht ganz unschuldig – die hatte sich das so ausgedacht. Sie hatte sich aber wohl auch etwas dabei gedacht. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor, und sie scheint auch sonst recht harmonisch verlaufen zu sein, was wohl kaum nur an der geteilten Liebe zur Musik liegen kann. Darüber, wie gut oder schlecht sein Querflötespiel nun tatsächlich war, gehen die Quellen auseinander.

Für seine militärischen Leistungen wurde er in den Adel erhoben und zum Herzog von Elchingen, später Fürst von Moskova ernannt. Im Russlandfeldzug wurde er als der letzte Mann auf russischem Boden bekannt – Michel Ney, die Nachhut der Grande Armee. Dennoch waren seine militärischen Entscheidungen nicht immer tadellos. Er konnte auch übereilt sein, der Michel Ney. Manchmal kann man nur den Kopf schütteln ob seiner Entscheidungen.

1814 war er der Sprecher der Offiziere, die Napoleon zur Abdankung zwangen. Er soll es gewesen sein, der seinem Kaiser die Botschaft überbrachte, das Militär stünde nicht mehr hinter ihm. „Die Armee gehorcht mir!“ schimpfte Napoleon. Ney schüttelte den Kopf. „Nein, Sire. Die Armee gehorcht nur noch ihren Generälen.“

Sie setzten sich durch. Napoleon ging in die erste – kurze – Verbannung. Ney wurde Oberbefehlshaber des Militärs unter Louis XVIII. Zwar hatte der König seine Titel und Stellung bestätigt, doch blieb er für den alten Adel der Emporkömmling aus dem Volk. Sollte das dazu beigetragen haben, dass er ein Jahr später erneut die Seite wechselte? Als Napoleon zurückkehrte und nach Paris marschierte, ritt Ney los, nach dem Versprechen an den König, Napoleon nach Paris zu bringen –“In einem eisernen Käfig“. Ganz so kam es nicht. Wenn Bonaparte eines wusste, dann wie er seine Männer begeistern konnte. Die Soldaten, geschickt um ihn zu verhaften, stellten sich auf seine Seite. Ney gab nach. Napoleon zog nach Paris, während der Marschall sich auf seinen Landsitz zurückzog, um dort noch eine Weile zu schmollen, bis schließlich Napoleon nach ihm schickte. Er brauchte seinen Tapfersten der Tapferen – den Spitznamen hatte ihm der Kaiser auf dem Rückzug aus Russland verpasst – an seiner Seite.

Und Ney kam.

Bei Waterloo muss ihm klar gewesen sein, dass die Schlacht nicht mehr zu gewinnen war. Es müsste ihm auch klar gewesen sein, was das für ihn bedeutete. Man kann es nämlich drehen und wenden, wie man will: Er hatte dem König die Treue geschworen, er hatte als Befehlshalber der Armee des Königreichs seine ihm gestellte Aufgabe nicht erfüllt, und kämpfte nun wieder unter Bonaparte. Fünf Pferde waren bereits unter ihm erschossen worden, und Ney stürmte zu Fuß, sein zerbrochenes Schwert schwingend. Es heißt es sah aus, als suche er den Tod – doch der wollte ihn nicht haben.

Napoleon floh, und wurde gefasst.

Ney floh, und ergab sich Anfang August den Männern des Königs. Er wollte den Menschen, die ihn versteckt hielten, die Durchsuchung durch die Soldaten ersparen.

Angeklagt wegen Hochverrat stand er vor dem Militärgericht – und das weigerte sich, über ihn zu urteilen. Vor dem Zivilgericht versuchte sein Anwalt einen letzten verzweifelten Schachzug. Aus Saarlouis stammend sei Ney kein Franzose, sondern Preuße, sagte er. Als solcher könnte er wohl kaum in Frankreich wegen Hochverrats angeklagt werden. Ney schnitt ihm das Wort ab. „Ich bin Franzose, und Franzose bleibe ich.“ Der Anwalt gab auf. Das Urteil wurde gesprochen.

Der Tod wird nicht mehr gefragt, ob er Ney haben wollte.

Ney fällt, elf Kugeln im Körper: sechs treffen seine Brust, drei den Kopf, eine den Hals, eine bricht ihm den Arm. Fünfzehn Minuten lässt man ihn im Dreck liegen, während sich Zuschauer sammeln. Ein Reiter springt mit seinem Pferd über den Toten. Ein Soldat holt sich ein makabres Andenken, indem er sein Taschentuch mit Neys Blut tränkt.

Ney, tot auf der Bahre, das Hemd geöffnet um die Einschusslöcher zu entblöén; im Vordergrund kniet eine betende Nonne.
Was der Atheist Ney hiervon wohl gehalten hätte?

7. Dezember 1815. Das Wartezimmer des Königs.

Aglaé wartet noch darauf, vorgelassen zu werden. Die Tür geht auf, ein Mann nähert sich. „Madame“, sagt er leise. „Geht nach Hause. Die Angelegenheit wegen der Ihr hier seid, wäre nun vergebens.“

A.H Atteridge: Marshal Ney: The Bravest of the Brave. Pen & Sword, 2005
Jonathan Gillespie-Payne: Waterloo: In the Footsteps of the Commanders, Pen & Sword Books, 2004
Harold Kurtz: Nacht der Entscheidung – Die Tragödie des Michel Ney. Köhler, Stuttgart, 1961
Henri Welschinger: Le maréchal Ney, 1815. E. Plon, Paris 1893

Thomas Lawrence: The Duke of Wellington mounted on Copenhagen as of Waterloo (1818)

Ölbild "Thomas Lawrence: The Duke of Wellington mounted on Copenhagen as of Waterloo (1818)" als Leinwanddruck

Hier: Leinwanddruck.

Da ist er also, der erste aus meinem Geburtstags-„Abo“.

Gut ausgewählt hat er, der Mann. Es ist mein zweitliebstes Gemälde von Wellington. Er hat gut dran getan, nicht mein Lieblingsbild auszusuchen – ich denke er weiß genau, dass ich bei diesem von einem Druck nur enttäuscht sein könnte. (Irgendwann werden ich mir eine richtige Kopie malen lassen, aber „irgendwann“ ist noch nicht.)

Das Bild wartete auf mich, als wir gestern von Austerlitz zurückkamen.

Das Original, in der Sammlung des Earl Barthurst, ist mit knapp 4 m x knapp 2,5 m (156 x 96 Zoll) deutlich größer als mein Druck („Das Original würden wir in keiner Richtung durch die Tür bringen, und erst Recht nicht im Treppenhaus um die Ecke, also denk‘ nicht mal dran.“). Diese Übergröße ist nicht ungewöhnlich für Lawrence.

Ich liebe die Lawrence-Bilder ja wegen ihrer Details und der wahnsinnig genauen Beobachtung des Künstlers. Er hat auch Bilder in vernünftigeren Größen gemalt, aber auch dort sitzt jedes Bisschen. Er achtet auf die Kleinigkeiten in einem Gesicht. Da gibt es eine Kleinigkeit an Wellington, die man neben den Lawrence-Bildern fast ausschließlich in einer einzigen Quelle findet: der einen existierenden Daguerreotypie.

Bei dem Bild von Wellington auf Copenhagen fällt mir als erstes auf, dass die Proportionen stimmen. Wellington war kein großer Mann. Er war auch nicht besonders klein, mehr so der Durchschnitt für seine Zeit, er war aber sehr dünn, was ihn größer wirken ließ.
Copenhagen war auch kein großes Pferd. Viel hätte nicht gefehlt, und wie Marengo (Napoleons Lieblingspferd) hätte ihn nur sein Araberblut davor „gerettet“, ein Pony zu sein. Nicht, dass sich sein Herr daran gestört hätte, denn Wellington ritt durchaus Ponys, fand sie in bestimmten Situationen einem Großpferd sogar vorzuziehen. In einem Brief rät er einem Freund dringend davon ab, ohne Pony anzureisen, da ein Reitpferd in dem Gelände, in dem die geplante Jagd stattfinden sollte, keine Chance hätte.

Die meisten Bilder stellen Copenhagen jedoch als großen englischen Vollblüter dar (der Teil an Copenhagen, der kein Araber war, war in der Tat englischer Vollblüter). Der Sieger von Waterloo darf wohl nicht in 150 cm Höhe sitzen.

Copenhagens erste Karriere – als Rennpferd – war weder besonders lang noch besonders erfolgreich. Er wurde verkauft, erneut verkauft, und landete 1813 bei Arthur Wellesley, dessen Lieblingspferd er schnell wurde. Sein neuer Besitzer sagte über ihn, es gäbe sicher schnellere Pferde, schönere und umgänglichere, aber keiner könnte es an Ausdauer mit Copenhagen aufnehmen. Die Schlacht von Waterloo verbrachte Wellington ohne Pferdewechsel: das Pferd war 17 Stunden lang ununterbrochen im Einsatz, nach einer nicht besonders langen Rast in der Nacht zuvor, da er schon am Vortag längere Strecken zurücklegen musste. Nachdem die Schlacht geschlagen und der Reiter abstieg, schlug Copenhagen noch nach ihm aus.

Besonders bequem war er wohl auch nicht zu sitzen. Zumindest äußerten sich Personen, die ihn leihweise reiten durften, reichlich unbegeistert, und Wellington selbst soll lachend angemerkt haben, der Ruhm, Copenhagen reiten zu dürfen, sei deutlich größer, als der Komfort.

Copenhagen, unter anderem bekannt dafür, dass er sich zum Fressen am liebsten hinlegte, wurde Jahre später auf den Landsitz des Herzogs in den wohlverdienten Ruhestand geschickt, wo er seine Zeit als Deckhengst und Lieblings der Damen verbrachte, die ihm Kuchen, Torten und Schokolade zusteckten. Er verstarb 1836 im Alter von 28 Jahren.

Zu seinen Lebzeiten war sein Langhaar verwendet worden, um Schmuckstücke herzustellen. Einer ging noch einen Schritt weiter. Als Copenhagen am Tag nach seinem Tod sein eigenes Militärbegräbnis unter Aufsicht seines langjährigen Reiters Wellington erhielt, fiel dem auf, dass jemand dem toten Pferd einen Huf abgeschnitten hatte – wohl als Andenken. Es war eine der Gelegenheiten, in denen Wellington seine direkte Umwelt in den Genuss eines seiner Wutanfälle brachte. Der Huf wurde nach dem Tod des Herzogs zurückgegeben, als ein Diener ihn dem Erben überreichte – mit der Erklärung, er hätte ja nicht ahnen können, dass der Leichnam eines Pferds Wellington so (oder überhaupt in irgendeiner Weise) wichtig sei. Arthur Junior ließ daraus ein Tintenfass anfertigen, das heute in Apsley House in London noch zu sehen ist.

Copenhagen spielt unter anderem eine Rolle in Susanna Clarkes Kurzgeschichte „The Duke of Wellington Misplaces his Horse“, abgedruckt in „The Ladies of Grace Adieu“.

 

Richard Edgcumbe (Hrsg.): The Diary of Frances Lady Shelley, 1787 – 1817, John Murray, London, 1912

Sir William Fraser, Bart.: Words on Wellington, George Routledge & Sons, London, 1889

Julian Charles Young: A Memoir of Charles Mayne Young, Tragedian, With Extracts From His Son’s Journal, McMillan and Co., London, 1871

 

Kein Badajoz ohne Hochzeit

Und es trug sich zu…

…dass nach der Erstürmung von Badajoz zwei spanische Damen in das britische Lager kamen. Es war direkt nach der Einnahme der Stadt, als die britischen Soldaten unaufhaltsam plünderten.

Die beiden näherten sich den ersten Offizieren, die sie trafen, und die Ältere erklärte sich schnell: Sie waren die letzten verbleibenden Überlebenden einer Familie aus dem alten spanischen Adel. Eltern und Bruder waren im Krieg umgekommen. Sie hatten gerade die Plünderung überlebt – nicht ganz unbeschadet, denn die Soldaten, die ihnen ihren Schmuck abgenommen hatten, hatten ihnen nicht die Zeit gelassen, die Ohrringe abzunehmen, sondern sie direkt herausgerissen. Beide hatten frische Verletzungen.

Sie, die Ältere, war verheiratet. Ihr Mann diente bei der spanischen Armee und sie wünschte, ihn zu suchen und sich ihm anzuschließen. Für ihre jüngere Schwester Juana erbat sie den Schutz der britischen Offiziere. Die junge Dame war vor einer Woche 14 geworden. Sie war zuvor in einer Klosterschule erzogen worden und es war noch nicht lange her, dass man sie von dort aufgrund des Kriegszustands nach Hause geschickt hatte.

Einer der britischen Offiziere, die das Ganze mit ansahen war Henry George Wakelyn Smith, genannt „Harry“. Der Sohn eines englischen Landarztes und Pferdezüchters und einer Pastorentochter, ein mittlerer Sohn aus einer Großfamilie. Harry, mit seinen 24 Jahren (damit weiß der Leser hier nun mehr als er, denn er musste an seine Schwester in England schreiben, um sein eigenes Alter zu erfragen) volle zehn Jahre älter als Juana, ein Wildfang und rechter Draufgänger, immer in Bewegung. Liest man über ihn, fragt man sich unwillkürlich ob er in der heutigen Zeit nicht mit ADHS diagnostiziert worden wäre. Harry also, der glücklicherweise Spanisch annähernd so gut sprach wie English, hatte die Lösung für das Dilemma der Damen umgehend parat.

„Ganz einfach: Ich heirate sie.“

Und Juana, nach einem guten Blick auf Captain Smith, fand, dass ihr das eigentlich nicht schlecht passte. Was kümmerte es sie, dass er Brite war? Nicht aus dem Adel kam. Anglikaner. Sie kein Wort Englisch sprach.
Es muss wohl irgendwie Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.

Ihre Schwester war weniger begeistert von der Idee. Brite, Arztsohn, Anglikaner… aber nun waren da schon zwei, die die Hochzeit wollten, und das zwar ausgerechnet das künftige Brautpaar.

Harry als britischer Offizier tat noch gut daran, die Hochzeitsgenehmigung von seinem Vorgesetzten einzuholen. Er ging einen Schritt weiter: Wellington selbst gab ihm seinen Segen für die Hochzeit – unter der Bedingung, dass er einen katholischen Priester zu beschaffen hatte, denn die Dame war schließlich katholisch, und es ging nicht an, ihr eine anglikanische Hochzeit aufzuzwingen.

Die Schwester stimmte schließlich ebenfalls zu, der Priester wurde gefunden. Wellington sprang für den fehlenden Brautvater ein und führte Juana zum Altar.

Der nachfolgende Versuch, Juana auf das Leben mit den anderen mitreisenden Ehefrauen im Tross der Armee vorzubereiten ging gehörig nach hinten los. Juana hörte sich nämlich die ausführlichen Beschreibungen der Schwierigkeiten und Probleme an, die Erklärungen, wozu ihr neuer Ehemann keine Zeit haben würde…

… und beschloss kurzerhand, das Leben im Tross sei nichts für sie.

Allerdings kam es ihr auch nicht in Frage, sich nach Lissabon schicken zu lassen, um dort auf ihn zu warten.

Nein, sie schloss sich direkt der Armee mit an, lebte im Zelt ihres Mannes, reiste mit den Soldaten und Offizieren, erledigte Harrys Haushalt und machte nebenbei noch die Wäsche und Flickarbeiten für einige seiner unverheirateten oder alleine reisenden Offizierskollegen mit. Sie fügte sich so gut in das Leben dort ein, dass niemand Grund zur Beschwerde hatte. Ob sie nun dem an Rheuma leidenden Vorgesetzen den Regenschirm hielt, sich um die Verwundeten kümmerte oder mal eben alleine einen halben Tagesritt zurück galoppierte, um unerlaubt geplünderte Ware zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückzubringen – sie wusste sich jederzeit nützlich zu machen. Wellington – der sie auch durchaus schon mal einspannte, wenn ihm noch ein Mann fehlte – stellte sie schließlich dem russischen Zaren als „Offizierin“ vor.

Juana hatte vor ihrer Hochzeit nie auf einem Pferd gesessen. Harry gehörte von Kindheit an zur Marke „Das Pferd, das ich nicht reiten kann, muss noch gefohlt werden“. Er brachte ihr auf einem seiner Ersatzpferde das Reiten (und wohl auch Schießen) bei, und nur wenige Wochen später übernahm sie eines seiner besten Pferde – den Andalusier Tiny –, den sie den Rest des Kriegs über und darüber hinaus ritt. Mit ihren diversen Pferden, Harrys sechzehn Jagdhunden und Juanas „Vitty“, einem Mops, den sie nach der Schlacht von Vittoria adoptierte, dazu den fast obligatorischen Ziegen als Milchspender, führten die beiden auch eine rechte Menagerie mit, die immer für eine Anekdote gut ist.

„Jenny“, wie sie sich in England nannte, trat einige Jahre später zum anglikanischen Glauben über, was den Bruch mit ihrer Familie in Spanien bedeutete. In Harrys Familie war sie willkommen – auch vorher bereits.

Bedenkt man, wie die Ehe zustande gekommen war, mag es erstaunen, dass sie erfolgreich war. Mit Ausnahme eines Jahres, das Harry in Amerika verbrachte – die Überfahrt war zu kostspielig als dass Offiziere ihre Frauen hätten mitnehmen dürfen – begleitete Juana ihren „Enrique“ auf jeden Posten, ob in Indien oder Südafrika (die Stadt Ladysmith in Südafrika? Genau. Diese Lady Smith war das.). Dabei beschränkte sie sich nie auf die Rolle der passiven Ehefrau, sondern war ihm immer eine gleichberechtigte Partnerin.

Georgette Heyer verarbeitete den Stoff der Begegnung und der frühen Jahre ihrer Ehe in ihrem Buch „The Spanish Bride“ („Die spanische Braut“), das so nahe an den Quellen ist, dass man es eigentlich schon eher als nur leicht bearbeitete Sammelfassung der diversen veröffentlichten Brief-Sammlungen und Tagebücher bezeichnen könnte denn als Roman.

Mal Lust auf einen „echten“ historischen Liebesroman? Gibts auf deutsch und englisch beim Versandhandel mit dem großen kleinen „a“.

harry
Henry George Wakelyn Smith (1787 – 1860)
juana
Juana María de los Dolores de León Smith, Lady Smith (1798 – 1872)

Jane-Eliza Hasted: The Gentle Amazon – The Life & Times of Lady Smith, Museum Press Ltd., London, 1952
Johnny Kincaid: Adventures in the Rifle Brigade, in the Peninsula, France, and the Netherlands from 1809 to 1815, T. & W. Boone, London, 1830
G. C. Moore (Editor): The Autobiography of Lieutenant-General Sir Harry Smith, John Murray, London, 1903

Die Erstürmung von Badajoz, 6.4.1812

Beschreibung von Kriegsgeschehen aus dem 19. Jh; Erwähnung von Vergewaltigung; wer das nicht lesen möchte, bitte überspringen.

*

Und es trug sich zu…

… dass Wellington mal wieder eine Stadt belagerte.

Wir schreiben den 6. April 1812. Der Ort ist Badajoz. Seit etwa drei Wochen sitzt die Anglo-Portugiesische Armee vor den Toren und belagert die Stadt. Im Januar war Ciudad Rodrigo eingenommen worden, jetzt stand Badajoz auf dem Plan. „Eingenommen“ ist hier gleichzusetzen mit „befreit“, denn die Städte befanden sich in der Hand der französischen Armee – und zwar keineswegs mit dem Einverständnis der örtlichen Spanier.

Badajoz galt als strategisch wichtiger Stützpunkt. Zwei Versuche einer Belagerung waren bereits gescheitert. Der Dritte sollte nun Erfolg bringen.

Die französischen Truppen in der Stadt unter General Armand Philippon zählten etwa 5000 Mann. Das war an sich im Vergleich mit der Stärke der Belagerer nicht so sehr viel, aber die Stadt war extrem gut befestigt. Neben den üblichen Mauern und Befestigungsanlagen war hier auch das Land außerhalb der Mauern mit versteckten Sprengsätzen gespickt und teilweise geflutet worden, was die Annäherung an die Stadt besonders erschwerte.

Die alliierte Armee vor den Toren der Stadt hatte etwas mehr als die fünffache Mannstärke der Verteidiger. Nach ihrer Ankunft Mitte März hatte sich diese Armee erst mal eingegraben – im recht wörtlichen Sinn. Immer wieder waren Versuche unternommen worden, die Stadt anzugreifen, nie war man besonders weit gekommen. Ein vorgelagertes Fort konnten sie jedoch in den letzten Märztagen einnehmen, was ihnen die Möglichkeit verschaffte, ihre Kanonen näher an die Stadt zu bewegen. Im Lauf der ersten fünf Tage des Aprils wurden nun durch ständigen Beschuss drei Breschen in die Mauern geschossen.

Damit war zumindest theoretisch die Möglichkeit gegeben, Badajoz einzunehmen – man hatte einen Weg hinein. So richtig gut war das immer noch nicht – die Verteidiger wussten schließlich genau, wo man kommen würde.

Allerdings entsprach es der Tradition der Kriegsführung jener Zeit, dass eine Festung, in die eine gangbare Bresche geschlagen war, sich dem Feind ergab. Wellington sandte also zu Philippon, mit der Aufforderung, seine Pläne zu erklären, und der Ankündigung, seine Übergabe der Stadt anzunehmen – oder andernfalls die Stadt zu stürmen.

Philippon allerdings, ob nun in dem Glauben, Badajoz dennoch halten zu können, oder schlicht aus Trotz, verweigerte die Aufgabe der Stadt. Es folgte nun die Aufforderung Wellingtons, in diesem Fall den Zivilisten das Verlassen der Stadt zu gestatten. Dem zumindest kam der französische Befehlshaber nach. Einige Tausend Spanier zogen aus der Stadt aus. Die Opferzahlen wären andernfalls wohl noch deutlich höher gelegen.

(So, und jetzt stelle man sich dieses Vorgehen mal in der heutigen Zeit vor…)

Die Stürmung der Stadt begann, wie üblich mit Freiwilligentrupps, die versuchten, durch die Breschen zu gelangen. Diese ersten Trupps, im Englischen passend als „Forlorn Hope“ bezeichnet – auch wenn sich die Etymologie hier tatsächlich etwas anders darstellt, als man auf den ersten Blick meinen würde – kamen häufig einem Selbstmordkommando gleich.

Unter starkem Feuer aus der Stadt stürmten also nun die Briten – speziell der Teil unter General Picton – Badajoz. Es wurde zu einem der blutigsten Siege der Napoleonischen Kriege. In kurzer Zeit stapelten sich die Verwundeten und Toten in den Breschen, doch gelang es Wellingtons Armee schließlich, die Stadt einzunehmen. Philippon hatte sich noch rechtzeitig abgesetzt und in eine Nebenanlage geflüchtet.

Die Sache mit dem Aufgeben der Festung, nachdem eine gangbare Bresche geschlagen war, hatte noch eine Kehrseite: Eine Festung oder Stadt, die die Kapitulation verweigerte, war nach der Einnahme der Gnade der Sieger vollkommen ausgeliefert. Plünderungen und Misshandlungen bis hin zur Tötung der Männer und Vergewaltigung der Frauen wurden als „gutes Recht“ des Siegers über die uneinsichtigen Verteidiger betrachtet.

Wellington, durchaus bekannt für seine eher mal „seltsamen“ Ansichten, führte diesbezüglich normalerweise ein sehr strenges Regime. Soll heißen: Plünderer wurden bestraft – von der Peitsche bis hin zur Erschießung – Vergewaltiger wurden gehenkt, und zwar jeweils egal ob aus den eigenen Reihen oder nicht. Galgen, deren Tote in britischer Uniform mit der Aufschrift „Atty was here.“ verziert waren, finden mehrfach Erwähnung. Entsprechend zurückhaltend fielen die meisten Stürmungen durch seine Armee dann auch aus.

Im Fall von Badajoz allerdings lagen die Dinge anders. Die Männer hatten gerade mehrere Wochen Belagerung hinter sich, hatten unter hohen Verlusten die Stadt eingenommen, wo nach allen Erwartungen minimale bis gar keine Verluste hätten geschehen sollen (wenn sich die Stadt nämlich ergeben hätte). Die Situation schaukelte sich schnell hoch – so weit, dass die Soldaten alle Vorsicht in den Wind schlugen und sich der Stadt und ihrer verbleibenden Bewohner genauso bedienten, wie es andere Armeen der Zeit regelmäßig taten. Es ging so weit, dass sich die Offiziere aus der Stadt zurückziehen mussten, da sie ihre Soldaten nicht mehr unter Kontrolle halten konnten und bei dem Versuch, einzuschreiten, riskierten, auf der Stelle erschossen zu werden. (Was mehreren unter ihnen auch genauso passierte.) Die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung werden auf ca. 4000 geschätzt –nur unwesentlich weniger als die Gesamtverluste der alliierten Armee an diesem Tag.

Wellington selbst kamen beim Anblick der Ergebnisse die Tränen – einer der wenigen dokumentierten Augenblicke, in denen er tiefere Gefühlsregungen erkennen ließ.

Es blieb nichts anderes zu tun, als den Dingen ihren Lauf zu lassen, den Soldaten die Zeit zu geben, sich zu beruhigen. Die Ordnung konnte erst nach drei Tagen einigermaßen wiederhergestellt werden. Der errichtete Galgen wurde nicht verwendet – zu groß war die Anzahl der Beteiligten, zu schwer, festzustellen, wer nun genau was getan hatte. Die Strafe für die meuternden Soldaten beschränkte sich so auf Auspeitschungen.

Philippon hatte sich inzwischen den Briten ergeben. Er verteidigte seine Entscheidung, die Kapitulation zu verweigern, damit, die Breschen seien nicht gangbar gewesen – seiner Meinung nach belegt durch die hohen Opferzahlen bei dem Versuch der Stürmung. Die Geister der Historiker scheiden sich hier.

Der französische General jedenfalls bekleckerte sich weiterhin nicht gerade mit Ehre. Als kriegsgefangener Offizier auf Ehrenwort in seinen Bewegungen relativ frei (auch das war üblich), nutzte er die erste Gelegenheit zur Flucht und kehrte im August desselben Jahres ohne formellen Austausch zu seiner Truppe zurück.

Ein weiteres Nachspiel hatte das Ende der Belagerung von Badajoz noch: Sie endete in der wohl unwahrscheinlichsten und doch erfolgreichsten Liebesgeschichte der Napoleonischen Kriege.

Fortsetzung folgt.

 

Quellen:

William Lawrence: The Autobiography of Sergeant William Lawrence, Sampson Low, Marston, Searle & Rivington, London, 1886
G. C. Moore (Editor): The Autobiography of Lieutenant-General Sir Harry Smith, John Murray, London, 1903
Sir Charles Oman: A History of the Peninsular War: Volume V, October 1811 to August 1812, Clarendon Press, Oxford, 1914
The dispatches of Field Marshall the Duke of Wellington, K.G. during his various campaigns in India, Denmark, Portugal, Spain, the Low Countries, and France : From 1799 to 1818. Compiled from official and authentic documents, John Murray, London, 1834