12. Nacht: Die Wasserfräulein in der Waldnaab

Eine bekanntere Art der Wassergeister gibt es in zwei Varianten: Mit Fischschwanz und ohne. Erste sind bei uns nicht zuhause, sondern bestenfalls gelegentlich zu Besuch: sie leben eher in Richtung Frankreich, also viel weitere westlich.

Unsere germanischen Wasserfrauen haben vollständig Menschengestalt, nur dass sie eben nicht an Land leben, sondern es sich in den Gewässern bequem machen. Sie heißen dann auch wirklich Wasserfrauen oder Wasserfräulein, im Gegensatz zu den Meerfräulein oder -jungfrauen mit Fischanteil.

Zwar verfolgen sie je nach Unterart unterschiedliche Ziele, doch haben die Wasserfräulein alle irgendwie gemeinsam, dass sie es auf Menschenmänner abgesehen haben. Manche töten sie, indem sie sie ins Wasser ziehen und ersäufen. Andere haben es auf eine etwas längere Beziehung abgesehen. Mit dem Menschen kompatibel sind sie allesamt, und es soll immer wieder Nachkommen aus solchen Beziehungen geben.

Die Wasserfräulein in der Waldnaab werden dazu wohl kaum beitragen. Auch wenn der Fluss auf weiten Strecken sehr harmlos aussieht, ist er eher tückisch, und diese Eigenschaft teilen auch seine Bewohner. Die Waldnaab fließt auch über mein Grundstück, begleitet von einem schmalen Fußweg am Ufer, der früher von späten Heimkehrern aus den Wirtschaften als Abkürzung verwendet wurde. Gerade diese, durch den Alkoholgenuss unvorsichtig gemachten, jungen Männer, heißt es, holten sich die Wasserfräulein gerne einmal und bescherten ihnen ein nasses Grab.

Geht man danach, was – oder wer – alljährlich hier im Wehr hängenbleibt, sind die werten Damen wohl auch nach wie vor aktiv.

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7. Nacht: Die Holzfräulein

In nahezu allen deutschen Waldgebieten leben sie: Die Holzfräulein mit ihren vielen unterschiedlichen Namen. So auch im Oberpfälzer Wald. Klein sind sie, so ist man sich einig. Nicht besonders hübsch anzusehen, was an der eher ungepflegten Erscheinung liegen mag. Alt wirken sie, mit runzligen Gesichtern und häufig weißem Haar. Moos wächst ihnen am Körper, vor allem an den Füßen, etwa wie die behaarten Füße der Hobbits.

Sie kleiden sich in pflanzliches Material aus dem Wald, in dem sie hausen, oft in hohlen Baumstämmen, aber auch in Wurzelstöcken, Erdlöchern oder an anderen Orten. Man kann sie manchmal beim Handarbeiten entdecken. Ihre Haushaltsführung merkt man auch vor allem des Morgens, wenn der Rauch aus ihren Backöfen dem Morgennebel zum Verwechseln ähnlich über dem Moos liegt.

Ihnen wohlgesonnenen Menschen schenken sie ihren Segen und kleine Hilfen für den Haushalt. Sie achten auf die Kinder im Wald und weisen Verirrten den rechten Weg. Andererseits kommen sie gerne in die Küche und nehmen sich einen Anteil am frisch Gebackenen. Es ist Teil ihres rechtmäßigen Lohns dafür, dass sie die Menschen ihren Wald nutzen lassen. Auch von der Ernte ist ihnen ein Anteil abzugeben. Gerade in der Adventszeit kommen sie gerne ins Haus und verbringen auch die Nacht dort. Sie sind nicht gefährlich –  ihr Erscheinen wird als Anzeichen für bevorstehendes Glück angesehen.

Mit dem Zeichen von drei eingeritzten Kreuzen wird ein Brotlaib vor dem Anschneiden markiert, damit sie wissen, sie sind willkommen und dürfen sich ihren Anteil abholen. Dies wird bei uns teils tatsächlich noch immer so praktiziert.

Sie übernehmen dann gelegentlich Aufgaben im Haushalt, können jedoch leicht vertrieben werden: Fluchende Menschen sind ihnen zuwider. Wie die im Norden bekannten Heinzelmännchen verschwinden sie auf ewig, wenn man ihnen Kleidung schenkt.

Der natürliche Feind der Holzfräulein ist die Wilde Jagd, denn diese hetzt sie unbarmherzig und tötet sie, wenn sie sie erwischt. Schutz finden sie auf Baumstümpfen, in die der Holzfäller drei Kreuze geschnitten hat. Da jedoch dies, ebenso wie andere Bräuche, zunehmend in Vergessenheit gerät, finden die Holzfräulein immer weniger Schutz und werden immer mehr gefunden, zerrissen und gefressen. Daher sind werden sie seltener und seltener, und sind heute kaum noch zu finden.

Es gibt unterschiedliche Interpretationsansätze dazu, warum die Holzfräulein gerade so unbarmherzig von der Wilden Jagd unter Odin verfolgt werden. Eine geht dahin, dass sie ursprünglich aus einem konkurrierenden Religionssystem stammen.

3. Nacht: Die Drud

Die Drud ist ein Wesen, das in der Oberpfalz im Volksglauben einst weit und umfassend verbreitet war. In christlicher Zeit ging die Erklärung dahin, es sei eine Folge einer inkorrekt durchgeführten Taufe.

Bei der Oberpfälzer Drud gibt es ein paar kleine Besonderheiten: Andernorts sind sie häufig mit Hexen vermischt und werden als inhärent Böse dargestellt. Unsere Drud geht zwar nachts „drucken“, tut dies aber aus einem Zwang und gegen den eigenen Willen. Sie wünscht in der Regel die Erlösung von diesem Zustand.

Sie hat in der Regel die Fähigkeit des Gestaltwandels, kann im Dunkeln sehen und hört alles, was über sie gesprochen wird, egal wo und von wem, sofern der Ausspruch nicht mit einer bestimmten Formel begleitet wird.

Die männliche Drud bezeichnet man als Druderer. Dieser neigt dazu, nachts auf Dächer und andere hohe Stellen zu klettern. Wird er angesprochen, fällt er tot herunter.

Die Drud hingegen lässt bei ihren nächtlichen Ausflügen ihren Körper zurück und bewegt sich als Geistwesen.

Das „drucken“ stellt man sich dahingehend vor, dass die Drud sich nachts auf die Brust des schlafenden setzt und ihm das Atmen schwer macht sowie Alpträume verursacht. Sie hat insofern Ähnlichkeit mit dem Nachtmahr. Besonders leicht findet sie zum drucken Menschen, die „ihr Geld mit ins Bett nehmen“ oder nachts das Licht brennen lassen.

Vermutet man, eine Drud im Umfeld zu haben, sollte man sie mit diesem Verdacht keineswegs konfrontieren. Man darf nämlich nicht vergessen: Die Drud kann nichts für ihren Zustand. Sie wurde nicht durch eigene Schuld, nicht durch Dämonenpakt oder durch eigene Bosheit so, sondern durch den Fehler anderer. Daher ist sie relativ leicht zu erlösen – leider mit Nebenwirkung. Wirft man also einer Drud vor, eine ebensolche zu sein, oder spricht man sie auch nur darauf an, ist diese fortan frei, doch der Drudenzustand geht direkt auf den anderen über.

Es gibt natürlich zahlreiche Mittel, um den Besuch einer Drud zu verhindern. Eine Möglichkeit etwa wäre es, ein Messer mit der Schneide nach oben in die Tür zu stecken. Der Drudenfuß an der Tür oder am Bett ist ebenfalls ein probates Schutzmittel, und auch schlafen auf der rechten Seite soll helfen.

Hat man auf seinen Schutz vergessen, oder hat die Drud dennoch Zugang zum Schlafzimmer gefunden, ist es vielleicht am besten, sich einfach auf ein paar unangenehme Nächte einzustellen. Die Drud mag zwar, wenn sie keine Menschen zum drucken findet, durchaus den Tod kleinerer Tiere verursachen, und das Drucken mag auch bei Säuglingen durchaus tödlichen Ausgang finden, einem Erwachsenen kann sie jedoch neben dem nächtlichen Schrecken keinen weiteren Schaden zufügen. Sie kommt neun Nächte in Folge, und wird den Gedruckten danach in Ruhe lassen.

Der „Hulzfux“

„Den hout da Hulzfux g’hult“.

Der „Hulzfux“ – wohl ein „Holzfuchs“ – war in meiner Kindheit ein undefiniertes aber höchstgefährliches Wesen, bekannt dafür, potentiell alles und jeden mitzunehmen und erst zu einem unbekannten späteren Zeitpunkt wieder rauszurücken – wenn überhaupt. Fragte man nach einem Gegenstand oder einer Person, dessen/deren aktueller Aufenthaltsort dem Gefragten unbekannt war – Der Hulzfux war an der Abwesenheit Schuld.

Für die Erwachsenen eine Redensart ohne weitere Bedeutung, für uns als Kinder immer ein Grund zum Gruseln. Was, wenn der Hulzfux nun auch bald uns holen kommen würde? Oder irgendetwas, das uns wichtig war? Oder irgendjemanden nicht wieder rausrücken… Und war, oder wer, war er überhaupt? Man konnte ihn ja schwer meiden, wenn man gar nicht wusste, worauf mach achten sollte…

Wie er nun aussah, oder wie er es anstellte, alles ungesehen zu entfernen und irgendwann ebenso ungesehen wiederzubringen – keiner schien das so genau zu wissen.

 

Der Hulzfux – Lang habe ich nicht mehr an ihn gedacht.

Bis ich heute Nachmittag dieses Foto einer morgendlichen Begegnung rumgezeigt habe – und alle einhellig und voneinander unabhängig zu dem Schluss kamen – DAS ist ein Hulzfux.

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Ah. Gut. Der Hulzfux war seiner Zeit also offenbar weit, weit voraus. Immerhin – manche Rätsel lösen sich noch nach Jahren auf…

Eigentlich sieht er ja irgendwie zum Knuddeln aus. Vielleicht will er ja auch nur spielen… Liegt vielleicht auch daran, dass es doch ein Knogga ist, aber vor meinem inneren Auge wird der Hulzfux wohl von nun an dauerhaft genau so aussehen.

 

Sicher nicht spielen wollte allerdings das hier, das mir später auf dem Heimweg vor die Kamera sprang:

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