Es weihnachtet sehr

Alle Jahre wieder tauchen sie auf, diese Fragen. Das ganze Jahr über, weil jeder irgendwann Geburtstag hat, aber zu Weihnachten ganz besonders. Auf den Plattformen, in den Facebook-Gruppen, in den Foren, liest mal dann:

Was schenkt ihr euren Kindern so? Mein Kind wünscht sich nichts.

Oder: Mein Kind wünscht sich nur [diese eine Sache].

Oder … Sachen zu [diesem einen Interesse].

Oder: Eine Sache, die ja gar kein echter Wunsch ist.

Oder: … aber das ist doch für viel jüngere.

Oder: … aber das ist doch für Mädchen.

und weitere unzählige Varianten davon.

 

Ich beantworte die Frage, ganz pauschal:

Sprechen nicht gravierende Gründe dagegen (die finden sich beim eigenen Pony sicher eher als bei einer Barbiepuppe): Schenkt dem Kind, was sich das Kind wünscht.

Das Kind möchte nur Figuren einer bestimmten Serie, hat aber schon 28 davon?
Dann finden die 29. und die 30. doch sicher auch noch Platz.
Sagt mal zu einem Briefmarkensammler: Du brauchst nicht noch eine Briefmarke, du hast schon so viele.

Das Kind hat ein besonderes Interesse und wünscht sich nur dazu etwas?
Man findet sicher etwas, das mit dem Interesse zu tun hat.
Das Interesse ist Computerspielen? Das ist nicht nützlich?
Ja… und? Es geht um ein Geschenk.

Ein Geschenk soll Freude machen.

Und zwar dem Beschenkten.

Geschenkt wird nach meinem Verständnis so, wie es zum Empfänger passt. Was ich davon halte, ist erst mal komplett irrelevant, denn ich muss mich über dieses Geschenk nicht freuen. Ich schenke nicht für mich, sondern für den Empfänger.

*

Werfen wir mal einen Blick aufs Kind, das sich das 326. Matchboxauto gewünscht, aber ein Buch übers Programmieren bekommen hat.

Es gibt wenige Sachen, die sich schlimmer anfühlen, als ein Geschenk, das nicht für die Person gedacht ist, die man ist, sondern für die Person, die der andere gerne gehabt hätte. Das Kind, das sich die Eltern gewünscht hätten. Das offensichtlich nicht man selbst ist.

Schenkt ihr gegen den Wunsch des Kinds ein Geschenk das ihr für „besser“ haltet, sendet ihr nicht nur die Botschaft:

Deine Wünsche sind mir egal.

Ihr sendet auch die Botschaft:

Du bist falsch.
Nichts machst du richtig.
Du hast schon wieder was falsch gemacht.
Nicht mal wünschen kannst du anständig.
Das, was du dir da wünschst, ist unangemessen (wahlweise beschämend, wenn sich das Kind etwa ein Spielzeug gewünscht hätte, das „offiziell“ für jüngere ist, oder mit dem jeweils anderen Geschlecht in Verbindung gebracht wird).

Glaubt mir bitte eines: Diese Botschaft bekommen junge Autisten oft genug. Ihr müsst das nicht auch noch ausbauen.

*

Bei vielen erwachsenen Autisten in meinem Umfeld hat unter anderem gerade dieses Vorgehen (zusammen mit den erzwungenen Feiern) irgendwann dazu geführt, dass sie Geburtstage, insbesondere die eigenen, und sonstige Geschenkefeste nur noch als unangenehm empfinden und vermeiden.

Wobei – ich kenne auch ein paar NTs, bei denen nach Vorschrift gewünscht werden musste, die sich nicht mit ihren Interessen gedeckt haben, und die ähnliche Einstellungen entwickelt haben.

*

Bitte:

Respektiert die Wünsche und Interessen eurer Kinder.

Schenkt nicht nach dem, was euch gefällt, sondern wählt das, was dem Kind gefällt.

Schenkt nicht nach dem, was die Nachbarn beeindruckt, oder was die Oma oder Tante loben wird.

Schenkt ausschließlich so, wie es zum Empfänger passt.

*

Und wenn das Kind das Äußern von Wünschen komplett verweigert? Dann denkt bitte mal zurück an die letzten Male, bei denen ein Wunsch geäußert wurde. Welche Botschaft habt ihr da vermittelt?

(Und ja… es gibt auch solche unter uns, denen einfach das ganze Brimborium zu viel ist, denen die Überraschung zuwider ist – mir übrigens auch, deswegen bitte ich darum, ausschließlich von meinem Amazon-Wunschzettel zu schenken – und die vielleicht gar nicht immer in der Lage sind, sich auf einen neuen Gegenstand einzulassen. Und wenn das so ist… dann macht ihnen das doch bitte nicht zum Vorwurf.)

Advertisements

Autismus ist das neue Hochbegabt.

Es ist noch nicht so lange her, da schossen die hochbegabten Kinder nur so aus dem Boden wie die Pilze nach dem Regen. Jeder wollte eines haben – zumindest gefühlt war das so. Die Eltern wetteiferten und übertrafen sich in ihren Erzählungen gegenseitig damit, wessen Kind denn nun hochbegabter war als das der anderen.
Schlechte Noten? Kind ist hochbegabt und unterfordert;
Unmögliches Verhalten? Kind ist hochbegabt und frustriert weil die anderen es nicht verstehen – da muss man schon Verständnis haben.
Kind ist frech? Kind ist hochbegabt, da muss man über sowas hinwegsehen.

Mit tun die armen Kinder heute noch leid.

In den letzten Jahren wurde nun – gefühlt zumindest – die Hochbegabung durch den Autismus verdrängt. Sowohl bei den Kindern, als auch in der Selbstdiagnose Erwachsener. Ja, die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Autisten ist sicher nicht gering. Glaubt man jedoch denen, die bei sich oder ihrer Familie Autismus sehen, unhinterfragt, müsste wohl – gefühlt zumindest – jeder Dritte Autist sein. (Ich hätte nun persönlich nichts gegen eine Welt einzuwenden, in der ein 33%iger Autistenanteil vorliegt. Entspricht nur leider nicht der Realität).

Hinter jeder Schwierigkeit wird der Autismus vermutet, alle anderen Möglichkeiten oder Optionen werden umgehend als unmöglich verworfen.

Eltern lernen die Elternfragebögen auswendig, um zu wissen, was sie antworten müssen, damit ihr Kind die gewünschte Diagnose erhält. (Kein Witz! Ich wünschte, es wäre einer.) Gefällt die Erstmeinung nicht, holt man eine zweite.
Gefällt die zweite Meinung nicht, insbesondere, weil sie mit der Erstmeinung d’accord geht, holt man eine dritte.
Spätestens, wenn die dritten auch nicht gefällt, postet man einmal quer durch alle Foren: „Wo bekomme ich denn in der Gegend XY eine Autismusdiagnose für mein Kind?“ (Wahlweise: „für mich“)

Irgendwie scheint eine Autismusdiagnose gerade nicht nur in Mode zu sein, sondern auch als Patentlösung für alle Probleme angesehen zu werden.
Tipp: Sie ist es nicht. Hatte euer Umfeld vorher kein Verständnis für euer Kind (oder für euch), wird es dieses anschließend auch nicht magisch finden. Weder der Arbeitgeber, noch die Klassenlehrerin wird plötzlich alles durchgehen lassen, und die Mitschüler oder Kollegen werden auch nicht plötzlich eine 180-Grad-Wendung hinlegen.
Im Übrigen unterhalten wir uns bei Gelegenheit mal zum Thema Mobbing und dazu, was das denn eigentlich bedeutet. Was nämlich NICHT Mobbing ist, ist eine Schutzreaktion anderer auf eigenes Verhalten. Die ist jedem zuzugestehen. Ich hatte zu Schulzeiten auch jahrelang Ärger mit den Mitschülern, wurde „ausgegrenzt“ und getriezt…
Das hatte natürlich auch NIE irgendetwas mit komplett nicht sozialverträglichem Verhalten meinerseits zu tun.
Ich hoffe, den Sarkasmus kann man sich beim Lesen erschließen.

Nochmal zu den Herrschaften mit der dritten, vierten, X-ten Meinung und dem Auswendiglernen der Fragebögen: Diagnosekriterien sind, im Gegensatz zum Piratencodex, keine groben Richtlinien, sondern Vorgaben.
Erfüllt man sie nicht, bekommt man keine Diagnose. Auch nicht beim dritte oder vierten Mal.
Dann sollte man sie aber auch nicht bekommen, denn dann fällt man nicht in den entsprechenden Bereich. Medizinische Diagnosen sind nun mal keine Frage von „Aber ich will, dass das auch als X zählt“ oder „Aber ICH nenne das so.“ Dein Kind erfüllt die Kriterien nicht? Glückwunsch. Dein Kind ist kein Autist.

Das Ganze erzähle ich als hochbegabter Autist im Übrigen nicht, weil ich mich einer elitären Gruppe zugehörig fühle, zu der ich deinem Kind den Zutritt verwehren möchte…

Hat das Kind ein Problem, dann ist dieses zu lösen, oder zumindest irgendwie auszugleichen.

Dieses Problem speziell, das das Kind hat. Es bringt nichts, an einem anderen Problem zu basteln, von dem man nun aber lieber hätte, dass es das wäre.

Dasselbe gilt, wenn man selbst eines hat.

Ja, Autismus ist in gewisser Weise eher „salonfähig“ als manch anderes. Nur: liegt eine andere Störung vor, wird eine „Behandlung“ (Ganz Große Anführungszeichen! Autismus als solchen behandelt man nicht!) des Autismus unter Garantie das Problem nicht viel verbessern, und unter Umständen noch verschlimmern.

Gehe das Problem an, das da ist, nicht das Problem, das ihr haben wollt. Bei euch und bei euren Kindern.

Weder Autismus noch Hochbegabung sind das Ende allen Übels. Es ist eben gerade nicht so, dass sich damit alle Schwierigkeiten lösen. Und der Autismus, so er vorhanden ist, geht auch nicht weg, wenn ich ihn gerade mal beim allerbesten Willen nicht brauchen könnte. Wie heute zum Beispiel. Da hat er mir gerade überhaupt keinen Spaß gemacht…

Ungewöhnliche „Freu“-Momente

Zum Beispiel der Moment, wenn dich die Freundin, mit der du Nachmittags unterwegs sein willst, morgens um 10 um Input bittet: „Eigentlich sehen meine Haare noch gut aus, am Ansatz würde *mir* heute Trockenshampoo reichen – geht das, oder gibt es da heute gar nicht so viele Zitronenbonbons wie du lutschen müsstest?“

Nee, geht schon, habe eine frische Dose auf dem Tisch liegen.

Allein die Tatsache des selbstverständlichen Denkens an die Geruchsempfindlichkeit: *Freu*.

Bedingt geeignet

Da war ich neulich in Bayreuth. Zusammen mit einer Freundin Pokémon jagen. Das machen wir öfter. Auf dem Heimweg kam der Gedanke auf, man könnte ja noch schnell einen Kaffee trinken gehen. Oder was essen. Oder beides.

Auf dem Weg aus dem Hofgarten in die Innenstadt kamen wir an einer Örtlichkeit vorbei, die interessant aussah. Ein Crêpe-Café. Kurzentschlossen sind wir rein.

 

Der Kaffee:

Selbstbedienung an der Maschine. Schritt-für-Schritt-Anweisungen an der Wand und im Display. Unterschiedliche Sorten, Zusammenstellungen, Größen, Stärken – finde ich an sich nicht schlecht.

 

Die Auswahl beim Essen:

Sowohl die Crêpes als auch andere Sachen, Nachspeisen, etc., sind gut gemischt, viele Zutaten zur Auswahl. Süß und herzhaft gleichermaßen vertreten. Neben Crêpe und Süßspeisen stehen asiatische Gerichte auf dem Menü.

Abändern der vorgegebenen Gerichte ist kein Problem („Die Nr. X, aber ohne das eine und dafür mit dem Anderen“).

Was ich nicht verstehe ist, wie auf professionell gedruckten Menüs, Aushängen usw. so viele Rechtschreibfehler sein können. Das muss doch irgendwann mal irgendwer korrekturgelesen haben? Der „Scharfkäse“ führte zu reger Erheiterung.

 

Eilig sollte man es zumindest bei der Dame, die bei uns hinter der Theke stand, nicht haben. Sie war extrem höflich und freundlich, aber auch extrem langsam. Jede Zutat wurde einzeln aus einem anderen Raum geholt. Mehrmals wurde wegen den Änderungen nochmal gefragt, was aber auch dazu führte, dass alles richtig ausgeführt wurde.

 

Das Preis/Leistungsverhältnis ist so ziemlich einmalig. Die Zubereitung ist extrem lecker und die Portionen sind sehr groß. Ich brauchte an dem Tag nichts anderes mehr. Ein Snack für Zwischendrin wie der Crêpe auf dem Volksfest ist das nicht.

 

Die Beleuchtung ist gut. Sitzplätze gibt es nur wenige, mit kleinen Tischen entlang einer Bank an der Wand. Abstände zum jeweils nächsten Tisch sind gut.

 

 

So, und warum war ich nun nur bedingt glücklich damit? Abgesehen natürlich von den Rechtschreibfehlern?

 

Wir setzten uns an einen Tisch, ich wie üblich, Rücken zur Wand, Abschirmen von hinten. Hilft nichts, wenn plötzlich die Kühltheke anfängt, lautstark zu rödeln. Rechts daneben blinkt eine Lichterkette, die um eine Schild gelegt ist. Der Sinn derselben erschließt sich mir nicht, passt auch nicht wirklich ins Ambiente, aber gut… Hauptsache, ich ein blinkendes Ding im Blickfeld, das mich ständig ablenkt.

 

Die mir gegenübersitzende Freundin zu meiner Beschwerde über das Geräusch übrigens: „Och, das blende ich aus. Jetzt, wo du es gesagt hast, hör ich es auch.“ Glaube ich ihr sogar. Für mich hatte es aber eine Lautstärke, die schon etwas beim unterhalten gestört hat.

 

Das Ding schaltet sich im Lauf der Mahlzeit noch aus und wieder ein, lief geschätzt während ca. ¾ der Zeit. Das wäre mir für eine Wiederholung definitiv zu viel. Künftig nur noch zum mitnehmen.

 

 

 

Heute gehe ich als NT

Heute waren Weihnachtseinkäufe angesagt.

Normalerweise hasse ich es, in der Weihnachtssachenverkaufssaison mehr als absolut notwendig vor die Tür zu gehen. Weihnachtsgerüche finde ich schrecklich. Vor allem Nelken.

Also, wenn ich sage „Heute“, meine ich Samstag, was für mich gerade noch als „Heute“ zählt, weil ich noch nicht geschlafen habe.

War vollkommen okay. Wir waren fast sechs Stunden unterwegs, von Laden zu Laden, waren Weihnachtsbaum und Weihnachtsmarktanfänge auf dem Grand Place anschauen… bisschen Schaufenster gucken… alles Sachen, die ich normalerweise sehr ungern machen würde – oder gar nicht.

Aber heute war das in Ordnung, denn heute bin ich relativ NT.

Ich bin nämlich erkältet.

Erster Vorteil der Erkältung: Die verstopfte Nase blockiert den Geruchssinn teilweise, sodass ich die Weihnachtsgerüche nur gedämpft abbekomme. Hilft schon mal.

Zweiter Vorteil der Erkältung: Ich weiß, dass NTs sagen, sie haben, wenn es ihnen schlecht geht/sie erkältet sind „Watte im Kopf“. Das finden sie in der Regel eher unangenehm, sie fühlen sich langsam, reagieren auf Input nur mit Verzögerung… korrigiert mich, wenn ich da falsch liege, aber so entnehme ich es den Beschreibungen.

Aber genau das passiert mir bei einer Erkältung auch. Das, was dem NT das Hirn soweit lahmlegt, dass er kaum etwas auf die Reihe bekommt, fährt auch bei mir die Aufnahmefähigkeit und –geschwindigkeit herunter. Ich verliere Input. Was ankommt, ist weniger scharf, weniger genau, weniger detailliert, verschwommener, ungenauer. Ich nehme keine Details mehr wahr – oder zumindest nicht das, was ich als Details bezeichnen würde. Eine große Menge an Information geht verloren.

Und im gleichen Maß, in dem die Erkältung als „Filter“ dient, geht meine Fähigkeit in die Höhe, NT-typische Dinge zu machen.

Wie etwa einen Einkaufsbummel in der Weihnachtssaison.

Ich bin nicht nach dem ersten Geschäft überladen. Allerdings habe ich auch bei Weitem nicht so viele Information aufgenommen, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Was mich stört ist, dass ich sicher bin, sehr viel übersehen zu haben. Ähnlich, wie ich bei NTs häufig das Gefühl habe, dass sie sehr viel in ihrer Umwelt übersehen.

Heute gehe ich also mal als NT… oder zumindest so, wie ich mir vorstelle, dass NTs die Welt sehen.

Fast, zumindest, denn noch kann ich zweispurig denken. So schlimm ist die Erkältung nicht (wird sie auch nicht werden, ist schon wieder dabei, sich zu verabschieden).

Das erste Mal, dass mir dieses Phänomen bewusst wurde, war während meiner Studienzeit. Ich war zum ersten Mal seit langem so richtig, richtig böse erkältet, und mein Gehirn hatte einfach eine seiner beiden Denkspuren „zugemacht“. Ich kann normalerweise hervorragend zwei Sachen gleichzeitig verarbeiten. In meinem Kopf läuft quasi ein echter Dual-Core-Prozessor. Liegt übrigens nicht am Autismus, sondern an der Hochbegabung.

Das war in dem Moment anders, und ich empfand es als wahnsinnig frustrierend. Ich kam mir auf einmal „richtig blöd“ vor. Lesen verlangte ungeteilte Aufmerksamkeit, „nebenbei“ noch über etwas anderes nachdenken ging nicht mehr – ich merkte irgendwann, dass ich von der letzten Seite oder gar dem letzten Kapitel nichts aufgenommen hatte. So kannte ich mich nicht.

In dem Zusammenhang äußerte ich einer Kommilitonin gegenüber, dass ich mich gerade mental sehr langsam fühlte und beschrieb ihr das „Phänomen“ auch. Und sie lachte. Und lachte. Und lachte.

Nachdem sie fertiggelacht hatte, meinte sie dann: „Weißt du, Johanna, die meisten von uns HABEN nur einen Prozessor im Hirn. Du hast gerade das Denken eines ganz normalen Menschen beschrieben. So läuft das für uns immer.“

Das saß erst mal. Denn so bewusst war mir der Vorteil, den ich alleine durch die schnellere Informationsverarbeitung habe, vorher nämlich nicht. Ich wusste zwar, dass ich schneller bin, als der Durchschnitt, aber das Ausmaß war erst mal erschreckend.

Dabei weiß ich natürlich nicht – denn ich kann ja nicht in den Kopf eines Anderen hineinschauen – inwiefern der Eindruck der Kommilitonin wirklich stimmte.

Genauso wenig weiß ich, inwieweit mein Eindruck wirklich stimmt, dass mein krankheitsbedingt in Watte gepacktes Hirn einen NT simuliert.

Aber ich weiß, dass meine Fähigkeit, sensorischen Input zu ertragen, ohne davon zusätzlich zu ermüden oder überladen zu werden, in der Situation massiv zunimmt. So sehr, dass die allgemeine Abgeschlagenheit durch die Erkältung und die ganzen anderen unangenehmen Symptome nicht „ausreichen“, um die Bilanz ins Negative zu ziehen.

In Situationen, in denen es darum geht, viel Input auszuhalten, bin ich aktuell „leistungsfähiger“ als üblich. Gleichzeitig wirke ich auf Leute, denen ich begegne „normaler“. Vermutlich, weil ich nicht ständig auf irgendetwas reagiere, das sie gekonnt wegignorieren.

 

Praktisch ist das ja schon.

Aber wisst ihr was?

Genau diese Situation führt mir immer wieder vor Augen, dass ich nicht kein Autist sein möchte. Die Welt immer so gedämpft zu sehen mag in vielen Bereichen das Leben einfacher machen. Aber der Gedanke, wie viel mir dabei entgehen würde… wie oberflächlich mein Eindruck von meiner Umwelt wäre, wie schwer die genaue Analyse eines Gegenstands? Wie lange es dauert, um mich auf eine Sache „einzuschießen“?

Das empfinde ich aus meiner aktuellen Sicht als sehr schlechten Tausch. In dem Moment tun mir dann die NTs schon fast ein bisschen Leid – gesetzt den Fall, der Vergleich passt wirklich. Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr alles verpasst…

Kundenservice

Es ist etwas über eine Woche her – ich hörte ein „KNACK“, und dann konnte ich nichts mehr sehen – weil meine Brille in zwei Teile zerbrochen rechts und links heruntergefallen war.

Mittig über der Nase durchgebrochen, vollkommen unmotiviert – wohl einfach durch zunehmenden Spannungsaufbau weil der Rahmen vielleicht ein bisschen verdreht war, die Brille schon etwas älter…

Nicht so tragisch. Wenn eine Brillenstärke hat wie ich, hat man auch eine Ersatzbrille.

Aufgesetzt und festgestellt: Die Ersatzbrille hat einen Kratzer. Den ich im Blickfeld habe. Nonstop. Und nicht ausblenden kann. Der mich komplett kirre macht. Mistvieh.

Der Kratzer war noch nicht da, als ich sie das letzte Mal gebraucht hatte… Wo er herkommt – keine Ahnung. Niemand außer mir hat diese Ersatzbrille in der Hand, da ich aufgrund der Situation – keine Brille, nicht genug Sehvermögen um mich zu orientieren, geschweige denn zu lesen, etc. (Und ich habe keine Stimmerkennungssoftware bzw. Sprachausgabe auf dem Handy, d.h. schon jemanden anzurufen würde schwer!) – das Etui mit der Ersatzbrille zuverlässiger bei mir trage als meinen Geldbeutel oder Haustürschlüssel… Also muss ich es wohl selbst gewesen sein.

Auf jeden Fall war der Kratzer da und nervig, und aber immerhin konnte ich so mal eben zum nächsten Optiker. Nicht dem, zu dem ich normalerweise gehe, sondern dem um die Ecke. Weil ich mit dem Kratzer nicht Autofahren möchte. Der lenkt ab.

Meine Befürchtung, dass da nichts zu richten ist, bestätigte sich. Okay, ich wusste schon eine Weile, dass eine neue Brille fällig sein würde, WEIL der alte Rahmen schon an anderen Stellen geflickt war… immer aufgeschoben. Ich hab ja ’ne Ersatzbrille, falls was ist…

Meine Gläser sind allerdings nur mit Bestellung zu bekommen, da nicht nur die starke Stärke sondern auch noch andere Zusatzsachen eingeschliffen werden müssen. Und da ich ein bestimmtes, besonders hochbrechendes und damit dünneres und leichteres Material will, geht die Bestellung auch nur im Ausland. Dauert. Überbrücken, indem man die alten Gläser mal in einen neuen Rahmen macht? (Klar, wäre theoretisch auch als Dauerlösung gegangen, aber die Gläser haben im Lauf der Jahre halt auch schon etwas gelitten, v.a. am Rand… also war der Gedanke, auch gleich neue zu bestellen nicht so weit hergeholt.)

Mein Gestell ist seit vier Jahren nicht mehr auf dem Markt.

Bei mir macht sich in dem Moment so langsam beginnende Panik breit. Neues Brillengestell. Andere Gläserform. Andere Farbe. Anderer Blickfeldrand. Etc. Ich brauche EWIG, um mich daran zu gewöhnen. Echt jetzt. Normalerweise würde ich in der Situation wechseln zwischen der neuen Brille und der alten, vertrauten Ersatzbrille, aber die hat ja einen Kratzer…. Und der nervt, und hilft mir gerade auch echt nicht dabei, mich auf die Situation mit dem „dieses Gestell ist nicht mehr auf dem Markt“ zu konzentrieren.

Bevor ich noch entschieden habe, ob es sich wohl lohnen wird, das so dezidiert zu formulieren (was will der Verkäufer schon groß machen? Wenn es dieses Gestell bzw. diese Gestellform nicht mehr auf dem Markt gibt, gibt es die eben nicht mehr…), schaut mich der Verkäufer etwas komisch an und meint dann: „Geben Sie mir mal 20 Minuten.“

Und verschwindet.

Und kommt wieder, breit grinsend.

Ein Brillengestell besteht aus drei Teilen: Einem rechten Bügel, einem linken Bügel und einem Mittelteil, in das die Gläser eingesetzt werden. Diese gibt es jeweils einzeln als Ersatzteile.

Der nette Verkäufer hat zum Telefon gegriffen, und so lange bei Kollegen rumtelefoniert, bis er einen rechten Bügel, einen linken Bügel und ein Mittelteil in der richtigen Farbe beieinander hatte, die noch irgendwo als Ersatzteile auf Lager lagen.

Seit gestern habe ich jetzt wieder eine unzerkratzte meine-Brille.

Und ein Glas zum Austauschen von dem mit Kratzer ist natürlich auch bestellt. Bei dem Optiker in meiner Nähe. Obwohl das eigentlich gar nicht mein „normaler“ Optiker ist. Hat er sich verdient.

Manche Sachen braucht man echt nicht…

Der Versuch, zu schlafen, endete mit Komplettoverload. Der Versuch, morgens zu erklären, dass ich dank Overload + kein Schlaf nicht in der Lage bin, heute irgendwas zu unternehmen oder sinnvolle Dinge zu machen, führte dann dazu, dass mir die Hausherrin (nicht identisch mit der Gastgeberin) doch ernsthaft erklärte, ich hätte keine Ahnung von Autismus und SIE wüsste Bescheid, sie hätte schließlich ALLE Studien gelesen, die es dazu gibt.

Nachdem ich den Vormittag noch zwischen halb im Overload, halb im Shutdown hängend, mich irgendwie in einen einigermaßen kommunikationsfähigen Zustand gezogen habe (Ich war knapp davor, sogar SO ins Auto zu steigen und zu fahren… die Kurve habe ich gerade soeben noch gekriegt…) Und wir den Rest des Tages dann mit einem Shadowhunter-Marathon vor Netflix verbracht haben, bin ich inzwischen wieder einigermaßen aufnahme- und verarbeitungsfähig.

Allerdings auch stinkesauer.

Fazit: Jegliches auch nur ansatzweise freundschaftliches Verhältnis, das ich zur Hausherrin irgendwann hatte ist hiermit beendet.

Ich lebe mit dem autistischen Gehirn seit 40 Jahren;

Ich bin seit 15 Jahren immer mal wieder an Studien beteiligt u.ä. (mit der Forschung auf dem aktuellen Stand).

Ich habe in den letzten ca. 5 Jahren immer wieder, mit Pausen  wegen Stress und anderen Gründen, in der Unterstützung betroffener gearbeitet.

Aber natürlich habe ich KEINE Ahnung von der Materie, und KEINESFALLS so viel wie eine Dame, die in ihrer Freizeit „alle“ Studien gelesen hat.

Ja, nee, is klar.

Meiner Freundin (Gastgeberin) zuliebe werde ich irgendwie auf einen zivilisiert-höflichen Umgang mit der Hausherrin schalten, aber das war’s dann. Manche Dinge reichen mir einmal…

*Schimpf*

Bin gerade im Urlaub. Heute Nachmittag meinte, die etwas feuchte Katze des Gastgebers, sich auf mein Bett setzen zu müssen. Nicht ideal, aber wäre problemlos bis Abends getrocknet. Gastgeber marschiert allerdings ungefragt ins Zimmer, bezieht mal schnell das Bett neu, räumt damit natürlich alles durcheinander, und außerdem war ich jetzt auch nicht drauf vorbereitet, heute Nacht anderes Material usw… Ganz großes Kino, das wird ’ne tolle Nacht…

(Würde das vielleicht noch stiller tolerieren, wenn Gastgeber sich nicht gelegentlich selbst als Autist „diagnostizieren“ würde und dann immer mal wieder spektakulär beweist, dass eigentlich keine Ahnung vorhanden ist…)

Und irgendwo sitzt ein kleiner Sprachwissenschaftler in der Ecke und weint: Wenn der Deutsche aufgrund der englischen Sprachregeln Sonderwünsche an seine Sprache stellt

Ich habe heute Morgen versprochen, noch etwas zum Thema „Formulierung Autist vs. Mensch mit Autismus“ zu schreiben.

Dem komme ich dann hiermit nach.

Ich gehe das jetzt mal nicht aus meinem persönlichen Empfinden heraus an, sondern aus der Sicht des Sprachwissenschaftlers.

Wir wissen, es gibt in jeder Sprache Regeln.

Es gibt Regeln dafür, wie neue Wörter zu bilden sind.

Es gibt Regeln dafür, wie man Wörter voneinander ableitet.

Grundsätzlich wird im Deutschen das Konzept „Mensch, der etwas tut“ durch Anfügen des Suffix (der Nachsilbe) „-er“ an den Wortstamm gebildet.

Ein Mensch, der lehrt, ist etwa ein Lehr-er.

Ein Mensch, der läuft, ist ein Läuf-er.

Ein Mensch, der bäckt, ist ein Bäck-er.

Ein Mensch, der Briefe austrägt, ist ein Brief-träg-er.

Und ein Mensch, der auf dem Bau arbeitet, ist ein Bau-arbeit-er

(Ein paar spezielle Ausnahmen gibt es, denn ein Kocher ist eben gerade nicht der Mensch, sondern eher das Ding, mit dem der Koch arbeitet… da wird es dann gerade etwas komplizierter aber nicht minder spannend. Bleiben wir mal bei der Grundregel.)

Ein Deutsch-er kann dasselbe aber auch mit Adjektiven machen.

Ein Mensch, der weise ist, ist ein Weis-er.

Ein Mensch, der groß ist, ist ein Groß-er.

Ein Mensch, der dünn ist, ist ein Dünn-er.

Ein Deutsch-er kann auch von anderen Substantiven ableiten.

Ein Mensch, der mit Technik zu tun hat, ist ein Technik-er

Ein Mensch, der Chemie betreibt, ist ein Chemi-k-er (das -k- als bindender Buchstabe, denn „Chemier“ könnte man nicht wirklich aussprechen; gibt es je nach Buchstabenkombination auch mit ‑l-).

Ein Mensch, der Medizin betreibt mit ein Medizin-er.

Das ist mal die Grundregel. Es gibt nun Sonderfälle, bei denen die Ableitungen anders gebildet werden. Den Hintergrund kann ich gerne auf Wunsch erklären, hier werde ich mich aus Platzgründen mal darauf beschränken, festzustellen, dass es so ist.

Ein Mensch, der sich mit einer -logie befasst etwa, ist kein -loger, sondern nur ein -loge: Psychologe, Astrologe, Urologe.

Ein Mensch, der sich hingegen mit einer -nomie befasst, ist ein -nom: Astronom, Gastronom, Ökonom…

Und wird der Mensch von einer -istik oder einem -ismus abgeleitet (wie und warum diese beiden Suffixe zusammenhängen, kann ich auf Wunsch auch erklären, sprengt mir hier ebenfalls den Rahmen) – dann ist er ein -ist.

Linguistik => Linguist (das ist der Sprachwissenschaft-l-er… also der Nervtöt-er, der hier gerade diesen Artikel verfasst).

Autismus => Autist (siehe Anmerkung in Klammern im direkt vorhergehenden Absatz).

 

Tl;dr: Im Deutschen kann man durch ein an einen Wortstamm angehängtes Suffix ausdrücken, dass man sich auf einen Menschen bezieht, auf den eine bestimmte Eigenschaft/ein Konzept/etc. zutrifft.


So, jetzt hatten wir das Deutsche.

Jetzt gehen wir mal ins Englische.

Das Englische hat ebenfalls Ableitungsregeln, an die sich die Sprache zu halten hat.

Also: Die englische Sprache. Der deutschen Sprache können die englischen Sprachregeln getrost am Allerwertesten vorbei…ihr wisst schon.

In der Regel ist es so: Ein Mensch, der etwas tut – von einem Verb abgeleitet – ist im Englischen erst mal ein -er, wie im Deutschen.

to teach (lehren) wird zum teach-er (Lehrer).

to run (laufen) wird zum run-n-er (Läufer; das zweite n hat seinen Ursprung in den Ausspracheregeln).

to sleep (schlafen) wird zum sleep-er (Schläfer).

Der cook macht übrigens im Englischen den gleichen Scheiß, wie der deutsche Koch, und aus demselben Grund, der nicht minder spannend ist, aber kein bisschen mehr hier hingehört.

Das Englische kann das Ganze auch mit Substantiven.

Der Mensch, der sich mit der philosophy befasst, ist ein philosoph-er.

Der Mensch, der sich mit geography befasst, ist ein geograph-er.

Der Mensch, der sich mit astronomy befasst, ist ein astronom-er.

(Ihr sehr schon, die Regeln unterscheiden sich leicht vom Deutschen)

Auch im Englischen haben wir nun wieder ein paar alternative Suffixe je nach Ausgangswort:

Der sich mit einer –ology befasst, wird ein –ist: psychologist, biologist, geologist.

Aus den –istics (eine Untergruppe der Wissenschaften) kann ich mir ebenfalls den -ist ableiten – linguistics > linguist. (Das ist wieder der hier vorliegende Klugscheiß-er)

So, jetzt wird’s lustig.

Wenn ich als Ausgangswort einen –ism habe…

… dann kann ich davon im Englischen keinen Menschen ableiten. Der -ism sieht zwar dem deutschen ‑ismus zunächst verdammt ähnlich, aber es ist halt doch nicht dasselbe.

Der Englische –ism ist selbst bereits eine Ableitung. Es kommt nicht der „protestant“ vom „protestantism„, sondern der „protestantism“ vom „protestant.“ Woran erkenne ich das? Ganz einfach… weil der eine deutlich mehr Suffixe am Stück hat, als der andere…

Ebenso stand nicht der heroism (Heldenhaftigkeit) dem hero (Held) Pate, sondern andersherum.

So, jetzt wird’s blöd… denn jetzt hat unser hier vorliegender Klugscheiß-er ein Problem, wäre er doch gerne auch ein aut—Scheißt drauf, dann halt person with autism.

Ja aber… wo kommt denn nun eigentlich dieses autism her? Eben habe ich noch gesagt, der –ism ist bereits abgeleitet, also müssten wir doch nur zum Ausgangswort zurück, nicht wahr? Von dort können wir ja unseren Menschen ableiten.

Jetzt zeigt sich das Englische in seiner ganzen Boshaftigkeit…

Tl;dr: Prinzipiell geht das im Englischen meistens auch. Aber nur meistens.


Wer aufgepasst hat, wird es gemerkt haben.

Im Deutschen habe ich von Verben, Adjektiven und Substantiven abgeleitet.

Im Englischen habe ich nur von Verben und Substantiven abgeleitet.

Das liegt nicht etwa daran, dass ich die Adjektive vergessen hätte…

Das Englische ist nach seinem Regelsatz nicht in der Lage, von einem Adjektiv eine Form abzuleiten, die durch ihr Suffix impliziert „Mensch, auf den dieses Adjektiv zutrifft.“

Ich kann im Englischen aus „tall“ (groß) keinen „tall-er“ machen – das heißt nicht „Großer“ sondern „größer (als…)“. Auch keinen tallist. Das ist einfach nur Schwachsinn.

Ich kann zu meinem kleinen Bruder auf Englisch nicht „littl-er“ sagen. Ich kann den dunkelhäutigen Menschen nicht als „black-er“ bezeichnen.

Es gäbe keinen Sinn. Es gibt diese Ableitung nicht. Sie ist nicht vorgesehen.

Das gilt auch, wenn das Adjektiv auf –istic endet. Die sind übrigens, wie die „-ism„-Substantive, auch schon irgendwo abgeleitet. Von „autistic“ kann ich also schon aus zwei Gründen keine Person ableiten: a.) es ist ein Adjektiv, b.) es ist selbst schon abgeleitet.

Ja, aber wovon? WOVON? Was ist die Wurzel?

Das ist jetzt etwas unangenehm für das Englische. Die gibt es nicht!

Wie kann das sein?

Ganz einfach… Das Wort „autism“ wurde als Fremdwort in dieser Form eingeführt. Damals, vor 100 Jahren. Das ist kein Englisch gewachsenes Wort, und deswegen kam auch nicht gleich die ganze Familie mit.

Blöd ist das… für den autism, und aber auch für den… die autistic person.

Tl;dr: Englisch kann ein ziemliches Arschloch sein. Es klaut Wörter und nimmt nur die Hälfte mit. Konsequenzen bleiben nicht aus.


Nun haben wir gerade gelernt, das Englische könne sich nicht vom Adjektiv ein Nomen erschließen, in dem die Bedeutung „Mensch auf den X zutrifft“ impliziert ist.

Wird nun versucht, das zu umgehen, indem man den Menschen einfach nur mit dem Adjektiv bezeichnet, so führt das verständlicherweise nicht gerade zu Freude. Man wurde soeben zu einem Adjektiv reduziert. Ein Adjektiv alleine ist ein Bezeichner ohne Bezeichnetes. Ein Adjektiv alleine ist quasi gar nichts. Auf jeden Fall keine Person.

Und nun ist es so, dass es im Englischen eine durchaus gängige, jedoch extrem unhöfliche, sehr ruppige und respektlose Form der Anrede darstellt, eine Person mit einem Adjektiv zu bezeichnen.

Der Rothaarige könnte etwa als „Red“ angesprochen werden, womit der Sprecher impliziert, dass er es nicht wert ist, beim Namen genannt zu werden, dass das einzig relevante an ihm dieses eine herausstechende Merkmal ist.

Stellt euch mal vor, ihr würdet im Deutschen jemanden ansprechen mit: „He! Du, Blond!“ Auf die Idee käme ja keiner. Exakt das ist im Englischen aber … naja, zwar extrem unhöflich, aber rein sprachlich zulässig.

Es wird verständlich sein, dass man im Englischen keine große Lust haben wird, sich etwa als „Autistic“ bezeichnen zu lassen.

Tl;dr: Englisch ist hervorragend dazu geeignet, Leute mit Adjektiven zu beleidigen.


Da wir nun also unser Gegenüber nicht beleidigen wollen, stellen wir sicher, dass wir die Reduzierung auf das Adjektiv vermeiden. Also brauchen wir ein Bezeichnetes zu unserem Bezeichner („großer Mensch“: groß = Bezeichner; Mensch = Bezeichnetes).

Wir sagen also: tall person; wise man (Achtung, nicht wise guy, das sieht zwar auf den ersten Blick richtig aus, ist aber schon wieder der Klugscheiß-er); disabled per—ach, das ist jetzt aber etwas blöd…

Wer Englisch kann, wird es gerade vielleicht gemerkt haben: Das Wort „disabled“ bedeutet in seiner eigentlichen Grundbedeutung nicht „behindert“.

Wörtlich übersetzt wäre eine „disabled person“ erst mal ein außer Funktion gesetzter, deaktivierter, ausgeschalteter, untauglicher Mensch.

Ist nicht gemeint?

Ist klar, aber das ändert nichts daran, dass das Wort „disabled“ für den englischen Muttersprachler eben diesen Beigeschmack niemals verlieren wird.

Deshalb regt man sich als englischsprachiger Behindert-er darüber auch nicht ganz zu Unrecht auf.

Dafür hat das Englische aber nun dank der Funktion seiner Sprache nur eine Lösung:

People first. Menschen zuerst.

Sage ich nicht „disabled person“ sondern „person with disability“ kann ich dieses Problem umgehen.

Das steckt als Grundprinzip hinter dem Aufruf „People first„.

Da sich viele Leute nicht besonders viel mit der Sprache beschäftigen, sondern lieber mal gleich vorbeugend mitschimpfen wollen, hätten dann andere Gruppen auch gerne „people-first-„Sprache gehabt. Was auch an sich kein Problem ist – im Englischen. Denn die vorher verwendete Konstruktion für das Adjektiv, welches auch immer es gerade war, war ja ohnehin schon nur eine Verlegenheitslösung.

Tl;dr: Das Englische hat in der Tat einen Grund vorzuweisen, warum die Nennung des Personen-Substantives an erster Stelle nicht so albern ist, wie es zunächst den Anschein hat.


Jetzt habe ich viel, lange und ausdauernd über das Englische erzählt. Warum machen wir diesen Schmarren, wie man bei uns sagt, nun aber im Deutschen? Warum wollen manche Leute „Mensch mit Autismus, obwohl – siehe oben – der Aut-ist doch die Person – anders als im Englischen – implizieren kann, viel kürzer und ökonomischer ist…?

Die Lösung ist hier ebenso einfach wie blöd:

Wenn es aus Amerika kommt, ist es gut.

Wenn es im Internet steht, ist es gut.

Wenn es im Internet steht und Englisch ist, übersetzen wir es mal Wort für Wort ins Deutsche und verbreiten es weiter.

Wenn es auf Deutsch im Internet steht, ist es gut.

Wenn ich den Deppen erwische, der die „Geheimtipps“ für den amerikanischen Straßenverkehr ins Deutsche übersetzt und quer über Facebook verteilt hat, und damit –zig leichtgläubigen Leuten der Marke „Wenn’s im Internet steht, wir des schon stimmen“ eine Anleitung zum Brechen der deutschen Straßenverkehrsordnung in 12 Punkten gegeben hat, hagelt es Werke der vergleichenden Rechtswissenschaft.

Weil gut meinende aber nicht besonders gut mitdenkenden Menschen die englischen Artikel, Facebook-Beiträge u. ä. – mal in Handarbeit und mal mit Google Translator – ins Deutsche bringen und weiterverteilen, kommt zahlreichen Menschen gar nicht erst der Gedanke, dass die Aussage inhaltlich für die deutsche Sprache kompletter Bullshit (Ausscheidung eines männlichen Paarhufers mit nur geringer Relevanz für den vorliegenden Sachverhalt) ist. Steht da ja auf Deutsch. Wird schon stimmen.

Kann man sich ein bisschen echauffieren.

Das Einzige, was der „Mensch mit Autismus“ im Deutschen macht, ist, öffentlich kundzugeben, dass er keine Ahnung hat, wie seine Sprache funktioniert, und außerdem bei Internetquellen die Herkunft nicht prüft.

Leider, leider ist diese Sorte Internetbenutz-er nicht besonders selten, dafür aber gleich ganz besonders laut.

Viele Menschen tendieren dann auch gleich dazu, Lautstärke mit Qualität gleichzusetzen.

Das, liebe Les-er, ist ein Trugschluss.

Tl;dr: Wenn es für die englische Sprache sinnvoll ist, kann es für die deutsche Sprache immer noch komplett unnötig sein, stellenweise albern.


Kann doch nicht so tragisch sein, Deutsch, Englisch, alles Sprachen, muss doch gehen…

Dann versucht bitte mal, mit der Anleitung von eurem alten Backofen eure neue Waschmaschine zu bedienen.

Sind beides Elektrogeräte. Muss doch gehen.


Und wer nun soweit gelesen hat, dem sage ich nun, als sprachwissenschaftlich vorbelasteter Aut-ist (und warum das an dieser Stelle trotz XX-Chromosom nicht Aut-ist-in heißt ist eine andere Geschichte und soll, falls gewünscht, ein Andermal erklärt werden):

Vielen Dank für die geschätzte Aufmerksamkeit!

 

Tl;dr bedeutet übrigens „Too long; didn’t read“ und weist u. a. (und in diesem Fall) auf eine knappe Zusammenfassung der Kernaussage des vorhergehenden Abschnitts hin, falls dieser zu lang zu lesen ist…

 

 

Das meine ich doch nicht so…

Ich könnte regelmäßig in die Luft gehen – Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse überproportional viel mit Eltern junger Autisten zu tun. Und darunter gibt es einige, die ihre Kinder gerne als „Auti“ oder „Aspie“ bezeichnen.

Es ist kein Geheimnis: ich finde das schrecklich.

Ja, ich weiß auch, es gibt unter uns einige, die sich selbst so nennen. Das werde ich nicht verstehen, aber wenn es sich um die für sich selbst gewählte Bezeichnung eines Menschen handelt, verwendet durch diesen Menschen, kann ich es akzeptieren. Ohne ausdrückliche Aufforderung würde ich diesen Menschen aber auch nicht so bezeichnen. Weder ihm gegenüber, noch jemand anders gegenüber. Das Wort „Autist“ ist nicht ungebührlich lang.

Wie mein Vater immer so gerne sagte: „So viel Zeit muss sein“.

Wenn meine blinde Freundin sich selbst als „Blindfisch“ bezeichnet, kann sie das gerne tun. Das gibt mir und jedem anderen aber nicht das Recht, es ebenso zu machen.

Ich bin alt genug, um mich bereits darüber geärgert zu haben, als in den jüngeren Jahrgängen unserer Schule die Wörter „Spast“ und „Spasti“ in Mode kamen.

Liebe Eltern – wie ist das? Wenn euer Kind eine spastische Lähmung hätte, würdet ihr es als „Spasti“ bezeichnen, und mir dann erklären, das sei ja nett gemeint? Würdet ihr euer blindes Kind als „Blindi“ oder euer gehörloses Kind als „Taubi“ bezeichnen?

Nein, ihr müsst mir diese Frage nicht beantworten. Beantwortet sie einfach nur euch selbst gegenüber mal kurz und ehrlich. Und falls die Antwort „nein“ wäre, fragt euch, warum nicht.

 

Ich habe mit dem Prinzip dieser Bezeichnungen viele Probleme. Ich greife hier einmal eines heraus.

Ich höre immer wieder: „Das ist ja ein Kosename“ – „Ich meine das ja nett.“

Wisst ihr, wo man „ich meine das ja gar nicht böse!“ und „ich meine das ja nett!“ hört? Immer und immer und immer wieder?

Beim Triezen, beim Ärgern, beim Belästigen.

Beim Mobbing.

In der Schule, aber auch sonst.

Ob „Spast“ oder „Fetti“ oder sonst etwas – Die Standardantwort auf einen Rüffel ob der verwendeten Bezeichnungen ist eine Variation von „Aber ich meine das doch nett.“

Und, ans Opfer gewandt: „Du weißt doch, dass ich das nicht böse meine, oder? Das macht dir doch nichts aus, oder?“

Ach ja… das hat man ja von zu Hause schon gelernt, nicht wahr? Wenn es nicht böse gemeint ist, darf man sich nicht darüber ärgern. Dann ist das hinzunehmen. Ist ja nett gemeint.

Wie genau wollt ihr euren Kindern erklären, dass diese Regelung NUR für euch gilt?

Warum sollte die überhaupt für euch gelten?

Was meint ihr, wie viel schwerer macht ihr es einem Kind, das vielleicht ohnehin schon Schwierigkeiten hat, Intentionen zu erraten, indem ihr diese Grauzone schafft?

Es ist okay, wenn es nett gemeint ist… Ein Prinzip, von dem sicher jeder, der Mobbing in irgendeiner Weise erlebt hat, mehr als ein Lied singen kann.

Eine Art von Übergriff, gegen die sich zu wehren umso schwerer wird, wenn von zu Hause aus Zweifel gesät werden, ob es nicht DOCH okay ist… solange es nicht böse gemeint ist…

Wenn bereits darauf konditioniert wurde, dass es doch okay ist… schließlich sagen Mama und Papa ja auch so etwas Ähnliches…und die meinen es ja auch nicht böse…

 

 

Zu oft höre ich dann auch den Satz: „Aber ich habe mit meinem Kind geredet, und mein Kind sagt, das ist für ihn/sie okay.“

Leute, wisst ihr was? Die Verantwortung für euer Verhalten auf eure Kinder (oder Teenager) abzuschieben?

Geht gar nicht.

Ihr werdet doch bitte als seit etlichen Jahren volljähriger Mensch etwas mehr Überblick über euer Handeln haben als eure Kinder, auch wenn diese schon im Teenageralter sein sollten.

Wollt ihr mir im Ernst erzählen, euer Kind würde das besser überblicken als ihr?

Oder, in Kurzfassung:

WER IST DENN HIER DER ERWACHSENE?