Kleinigkeiten

Wie ärgert man einen Autisten?

Man ändert das Design der Margarineverpackung.

 

Kann doch nicht so schlimm sein?

Naja.

 

Es fliegt immer mal wieder der Begriff „Filterschwäche“ durch den Raum, die Zeit und das Internet.

Ich sage auch gerne: Ich lebe in einem Wimmelbild.

Kennt ihr die? Diese Bilder, auf denen unendlich viel los ist, und man soll was drauf finden.

Hier, so was!

Wimmelbild!

 

Sag mir mal ganz schnell, wie viele Kaffeetassen sind da drauf? Wo ist das gelbe Männchen mit der roten Krawatte? Ist da irgendwo ein Eisbecher?

Nein, nicht suchen. Draufschauen und mit einem Blick sehen!

Könnt ihr nicht?

Ja, ach so.. Also, ich auch nicht.

 

Stell dir jetzt bitte vor, diesen Detailgrad nehme ich immer wahr.

Nun stell dir bitte vor, was du als NT wahrnimmst, würde im Vergleich etwa das sein. Bitte nochmal: Wo ist das gelbe Männchen mit der roten Krawatte?

Wimmelbild_sw_2

Geht gleich schneller, oder?

Natürlich stehe ich jetzt nicht ständig da und brauche Stunden, um mir drüber klar zu werden, was um mich herum ist. Das Gehirn „gewöhnt“ sich dran und bastelt sich eine Art Schablone. Heißt: Alles, was so aussieht (sich so anhört, so schmeckt, etc.) wie das Verarbeitungsprogramm in meinem Kopf gelernt hat, dass es sein soll, wird getrost ignoriert. Das allerdings so vollkommen, dass ich in der Tat wissen muss, wo meine Sachen sind, denn sobald etwas nicht an der Stelle ist, an der ich es erwarte, muss ich im Wimmelbild suchen. Und zwar im komplett farbigen.

 

Nun passt mein abgespeichertes Muster aber nur auf den exakt richtig aussehenden/klingenden/schmeckenden Reiz. Alles, was davon abweicht, wird automatisch als „wichtig“ und gefälligst wahrzunehmen und zu verarbeiten empfunden. Das ist wichtig, denn sonst würde ich auf meiner „Hausstrecke“ z. B. nicht merken, wenn ein Radfahrer aus der Nebenstraße geschossen kommt, während ich geradeauslaufe. Wäre blöd.

Nun schaltet aber das Hirn in dem Augenblick auf volle Aufmerksamkeit.

Heißt: Ich möchte mir ein Brot streichen, öffne meinen Kühlschrank, und habe, von der Schablone abweichend, die „falsche“ Margarinedose im Blick. Dann macht mein Gehirn: ABWEICHUNG! FALSCH! Hier, lieber Mensch, ich gebe dir jetzt mal alles, was ich sehe und du kannst dann was damit anfangen und  mir sagen was ich damit mache.

Stell dir mal vor, du gehst mit geschlossenen Augen in eine Disco und machst diese dort mitten in Chaos, farbigen Discolichtern und Stroboskopstrahler auf. Das ist dann so in etwa der Effekt. Plötzlich ist ALLES da. Das verarbeite dann bitte erst mal alles. Aber schnell, und bitte dran denken, was du aus dem Kühlschrank nehmen wolltest, während nebenbei auch noch die Geräuscheschablone abschaltet, und dir das Summen des Kühlschranks in den Ohren liegt, und zwei Zimmer weiter das Fenster offensteht und der Verkehr draußen Geräusche macht, und nebenbei hat es 30 Grad und du riechst den feuchten Kaffeesatz im Vollautomaten, denn die Geruchsschablone ist auch weg, und außerdem zieht sich links am Ärmel ein Faden aus dem Saum und liegt auf der Haut, und übrigens steht der Kühlschrank immer noch offen, aber eigentlich müsstest du grade dringender das Fenster zumachen, und den Faden abschneiden, und essen wolltest du auch noch und…

Wäre ich jetzt vier, oder acht, oder vielleicht sogar vierzehn, wär’s das jetzt. Zu viel, zu schnell, zu viele Eindrücke auf einmal sind körperlich schmerzhaft, wenn sie unvermittelt plötzlich kommen sowieso…

Bin ich aber nicht, und ich führe seit über einem Vierteljahrhundert meinen eigenen Haushalt und ich kann das „ab“ – mehr oder weniger zumindest. Kühlschrank zu. Fenster zu. Faden ab. Essen kann ich mir jetzt eh sparen. Würde jetzt jeden Bissen jeden Millimeter bis zum Magen verfolgen können und dort dann noch liegen spüren, hätte noch in einer Stunde das Gefühl, Krümel im Mund zu haben, weil der Eindruck nicht weggeht, würde alles schmecken wie mit einer Ladung Geschmacksverstärkern verfeinert, …

Erst mal eine Runde Spezialinteresse nachgehen, um die Aufmerksamkeit wieder auf „normal“ zu stellen.

Später neuer Anlauf.

Allerdings habe ich gerade in vielleicht zwei Minuten eine Menge an Energie verbrannt, die ich auch anders hätte nutzen können. Zum Beispiel um einmal auf bekannten Wegen einkaufen zu gehen. Oder mit der Familie Mittagessen. Oder zwei Kapitel von einem Sachbuch auf Universitätsniveau zu lesen und den Inhalt zu behalten. Davon, dass ich jetzt nochmal mindestens 30 Minuten brauche, bis ich mich wieder auf irgendetwas anderes als Sinneseindrücke und Spezialinteresse konzentrieren kann, was heißt, dass ich nachher 30 Minuten länger arbeite wenn ich eigentlich Feierabend hätte, und nebenbei Energie fehlt, weil ich nicht nur mehr verbrannt habe als vorgesehen war, sondern auch nicht gegessen habe, und bei geringer Energie eh alles schwerer wird…

 

Aber man kann sich doch daran gewöhnen, oder? Und die Schablone ändern auf die neue Packung?

Ja. Kostet aber Energie.

Und das muss nicht sein, im Sommer, wenn sie mir die Hitze draußen eh ständig abzieht.

Das muss nicht sein in einem Zeitraum, in dem ich jedes Wochenende andere Aktivitäten habe, denen ich nachgehen will.

Das will ich dann machen können, wenn ich die Zeit und die Energie dafür zur Verfügung haben.

Aber in über 25 Jahren Haushalt merkt man’s ja irgendwann…

Altneu

Und deswegen gehe ich dann eben an den gelben Sack und stecke die letzte Margarinedose im „richtigen“ Design in die Spülmaschine… die trägt die neue jetzt bis auf weiteres als Mantel.

mix

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Kernschmelze

Meltdown. Kernschmelze.

Ich zitiere Wikipedia:

„Als Kernschmelze bezeichnet man einen schweren Unfall in einem Kernreaktor, bei dem sich […] Brennstäbe übermäßig erhitzen und schmelzen. […]

Eine Kernschmelze kann auftreten, wenn die Reaktorkühlung und auch jede Notkühlung ausfällt. Die Nachzerfallswärme – sie entsteht nach Unterbrechung der Kernspaltung unvermeidlich – bewirkt dann, dass die Brennelemente sich stark erhitzen, schmelzen und das Schmelzgut (Corium) am Boden des Reaktors zusammenläuft.

Falls bei einem solchen Unfall auch das Reaktorgefäß zerstört wird, kann hochradioaktives Material unkontrolliert in die Umgebung gelangen und Mensch und Umwelt gefährden – ein Unfall, den man als Super-GAU bezeichnet.“

 

Im Zusammenhang mit Autismus hat „Meltdown“ natürlich nichts mit Radioaktivität zu tun. Dennoch wird der Begriff nicht grundlos verwendet.

 

Beim Lesen in den Foren finde ich oft Eltern, die von den „Wutanfällen“ ihrer Kinder erzählen. Meine erste Frage, immer: Sind das Wutanfälle? Oder sind das Meltdowns?

Der Unterschied ist in der Tat wichtig. Unterschiedliche Auslöser. Unterschiedliche Auswirkungen. Unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen.

Meltdowns gibt es laut und leise, mit Fremd- oder Autoaggression, mit Schreien oder durch Verstummen und komplett in sich zurückziehen. Wenn mir Eltern erzählen, ihre autistischen Kinder hätten noch nie einen Meltdown gehabt, würde ich das Kind gerne dafür beneiden, in einer so stressreduzierten Umgebung zu leben, fürchte aber eher, dass die Eltern in Frage in Gedanken an einem Klischee der Ausdrucksform hängen, und den Vorgang nicht erkennen.

 

Wie und wann kommt es zum Meltdown?

Meltdowns sind die ultimative Stressreaktion. Gibt man einen Autisten und einen Nichtautisten in dieselbe Situation, setzt man beide denselben Stimuli aus, wird der Autist mit hoher Wahrscheinlichkeit den höheren Stresspegel aufweisen. Das liegt an den fehlenden Filtern. Für uns ist alles ständig lauter, greller, extremer. Wir bekommen selten Pausen, in denen das Gehirn die Welt einfach ausfiltert. Die Methoden, mit denen wir uns diese Pausen nehmen können, werden uns allzu oft von den Nichtautisten in unserer Umwelt nicht so recht vergönnt. Selbst wenn wir sie bekommen – stehen wir den Rest der Zeit im Schnitt unter mehr Stress als der Nichtautist. Einfach nur dadurch, dass wir leben. Uns in der Welt aufhalten. Den ständigen Input von außen aushalten müssen.

Nein, dafür kann keiner was.

Stresspegel kann man messen. An bestimmten Blutwerten zum Beispiel.

Stresshormone kurbeln übrigens den Körper an, machen ihn kampf- und fluchtbereit und übermäßig aufmerksam. „Übermäßig aufmerksam“ verstärkt für uns das Problem, denn wir nehmen ohnehin schon mehr wahr als wir eigentlich verarbeiten können. „Kampf- und fluchtbereit“ führt dazu, dass viele von uns manche Stoffe schneller verbrennen, als wir sie durch Ernährung zuführen können. Wir neigen dazu, in Mangelerscheinungen abzurutschen, was zu allgemeinem Unwohlsein führt, was den Umgang mit dem Autismus jetzt auch nicht gerade erleichtert.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll… sofern ich jemals wieder die Zeit finde, regelmäßig zu schreiben… ein andermal erzählt werden.

 

So. Was machen Stresshormone im Körper?

Adrenalin und Cortisol sind die beiden wichtigsten „verdächtigen“. Sie beschleunigen den Herzschlag, erhöhen den Blutdruck, Muskeln spannen sich an, Blutzucker steigt. Die Atmung wird schneller. Die Verdauung wird vorerst eingestellt, um keine unnötige Energie zu verbrauchen.

Die Situation ist jetzt schon nicht so wahnsinnig angenehm, aber wenn der Stresspegel nun weiter ansteigt, und weiter, und weiter, dann kommt irgendwann der Punkt, an dem eine Art obere Gefahrengrenze erreicht ist. Der Körper registriert das Übermaß an Stresshormonen und hat nur eine Möglichkeit, dies zu interpretieren: Es besteht eine akute Lebensbedrohung.

Das ist keine bewusste Entscheidung. Ihr könnt es euch fast wie einen Schalter vorstellen, der umgelegt wird. So, wie ein Behälter irgendwann überläuft, wenn man immer weiter Wasser nachfüllt, ob er nun will oder nicht.

Wenn dieser Schalter „umkippt“, setzt das Denken aus. Dass objektiv keine Gefahr besteht, ist irrelevant. Der Körper schaltet auf reines Überleben. Mitdenken würde stören, es würde Reaktionen verlangsamen, es könnte in der Situation, auf die eine solche Reaktion eigentlich zugeschnitten ist, den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Bewusste Kontrolle gibt es nicht mehr. Je nach Situation und persönlicher Veranlagung ist dann alles möglich von: In sich verkriechen („totstellen“) und apathisch auf nichts mehr reagieren, über weglaufen (Flucht) bis hin zu wildem Angriff auf alles, was sich nähert, alles, was einen berührt.

 

Und dann?

Übermäßig viele Stimuli haben das Problem ausgelöst, und jeder weitere Stimulus – das heißt, jedes Wort, das gesprochen wird, jede Berührung… – verschlimmert die Situation. (Achtung: Bei manchen ist es umgekehrt und bestimmte Berührungen sind hilfreich. Bitte den Autisten in Frage fragen – aber nicht mitten im Meltdown, da kann er nämlich nicht sinnvoll antworten).

Dadurch, dass der Körper bereits alles mobilisiert hat, bringt man im Zustand des Meltdowns unter Umständen auch eine Kraft oder ein Tempo auf dem der/dem man sonst vielleicht gerade mal träumen kann.

In kürzester Zeit wird eine Unmenge an Energie verschossen. Irgendwann ist es vorbei. Der Körper ist erschöpft, es gibt keine Reserven mehr, man kann nicht anders als sich zu beruhigen. In der Situation, für die die Reaktion mal gedacht war… hat man dann entweder die Gefahr bereits beseitigt bzw. ist ihr entronnen, oder man geht in dem Augenblick drauf, in dem man „nicht mehr kann“.

In der Situation des Autisten in der heutigen Welt ist dann eben der Meltdown vorbei. Man kann sich beruhigen. Wird wieder ansprechbar. Ist tief erschöpft. Viele von uns brauchen nach einem Meltdown erst mal Schlaf, oft auch ungewöhnlich lange.

Es wird auch gelegentlich davon berichtet, dass man sich in Folge eines Meltdowns entspannter fühlt als vorher. Was auch logisch ist – denn aktuell ist im Körper alles, was eine Anspannungs-/Stressreaktion auslösen kann, verbrannt. Ja, als erwachsener Autist kann man u.U. die Entscheidung treffen, dass das jetzt ein sinnvoller Schritt ist, den Punkt zu provozieren.

Beim Kind – würde ich mich damit zurückhalten. Siehe gleich unten.

 

Der hohe Stresspegel verhindert übrigens die Bildung (zuverlässiger) Erinnerungen. Viele von uns haben keinerlei Erinnerungen an den Meltdown selbst. Es bleibt oft nur eine große Angst vor dem Auslöser, und vor dem Zustand selbst. Im Grund ist das, was man im Meltdown empfindet nämlich: Todesangst.

 

Haben nur Autisten Meltdowns?

Nein. Grundsätzlich kann man einen Meltdown bei jedem Menschen provozieren, wenn man ihn nur ausreichend viel Stress aussetzt.

Nur ist das beim NT nicht so einfach. Um den auf den gleichen Stresspegel zu bringen, braucht es deutlich mehr. Eben beispielsweise eine akut lebensbedrohliche Situation.

Die üblichen Verdächtigen:

Akute Katastrophen.
Folter.
Soldaten im Krieg.

Das sind so die Situationen, in denen der „Standardmensch“ den Meltdown am eigenen Leib erleben kann.

Was bedeutet: Der junge Autist, der tägliche Meltdowns durchlebt, erfährt die gleiche Menge an Stress wie ein Soldat im aktiven Kampfeinsatz unter Beschuss. Täglich. In der Schule. Zu Hause. In einem Umfeld, das eigentlich sicher sein sollte.

Wundert es da, dass so viele Autisten im Erwachsenenalter alle Diagnosekriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung erfüllen?

 

Deswegen die Grundregel: Meltdowns gilt es in allererster Linie zu vermeiden.

 

Und wie erkenne ich jetzt den Unterschied zwischen einem Meltdown und einfachem Zorn?

Eigentlich ganz einfach. Probe aufs Exempel wäre: Endet das Toben, wenn das Kind angeboten bekommt, seinen Willen zu bekommen? Wenn ja, war es kein Meltdown.

Nun ist diese Methode aber nicht in jeder Situation wünschenswert, und noch nicht mal in jeder Situation theoretisch machbar.

Ein anderes Verfahren mit relativ geringem Risiko eines falschen Ergebnisses: Geht Ablenkung? Biete dem Kind ein Glas Wasser an, sage irgendetwas mit der Situation komplett umzusammenhängendes, mach etwas total dämliches/albernes/etc. Im Meltdown wird keine Reaktion kommen. (Restrisiko besteht, dass sich das Kind im Zorn/Wutanfall auch nicht mehr dafür interessiert, andersrum dürfte kein Risiko bestehen.)

 

 

Meine zugrundeliegende Literatur für den Vergleich mit NTs:

Cognitive Performance and Mood associated with combat-like stress in Aviation, Space and Environmental Medicine;

Severe decrements in cognition, function and mood during simulated combat (Biological Psychiatry);

Stress induced deficits in special operations soldiers, idem.

Symptoms of dissociation in humans experiencing acute, uncontrollable stress (American Journal of Psychiatry);

Speziell zu Hormon- und Transmitterpegeln:

Relationships among Plasma Dehydroepiandrosterone Sulfate and Cortisol Levels, Symptoms of Dissociation and Objective Performance in Humans Exposed to Acute Stress (Archives of General Psychiatry),

Relationship among plasma cortisol, catecholamines, neuropeptide Y and human performance during exposure to uncontrollable stress (Psychosomatic Medicine),

Plasma Neuropeptide Y concentration in humans exposed to military survival training und Hormone Profiles in Humans experiencing Military Survival Training (beide Biological Psychiatry).

Autoren liefere ich auf Wunsch nach, die hatte ich nicht mit notiert, als ich die Liste das letzte Mal gebraucht habe.

Texte zur allgemeinen Wirkung von Stresshormonen finden sich auch auf Deutsch zahlreich online.

Es weihnachtet sehr

Alle Jahre wieder tauchen sie auf, diese Fragen. Das ganze Jahr über, weil jeder irgendwann Geburtstag hat, aber zu Weihnachten ganz besonders. Auf den Plattformen, in den Facebook-Gruppen, in den Foren, liest mal dann:

Was schenkt ihr euren Kindern so? Mein Kind wünscht sich nichts.

Oder: Mein Kind wünscht sich nur [diese eine Sache].

Oder … Sachen zu [diesem einen Interesse].

Oder: Eine Sache, die ja gar kein echter Wunsch ist.

Oder: … aber das ist doch für viel jüngere.

Oder: … aber das ist doch für Mädchen.

und weitere unzählige Varianten davon.

 

Ich beantworte die Frage, ganz pauschal:

Sprechen nicht gravierende Gründe dagegen (die finden sich beim eigenen Pony sicher eher als bei einer Barbiepuppe): Schenkt dem Kind, was sich das Kind wünscht.

Das Kind möchte nur Figuren einer bestimmten Serie, hat aber schon 28 davon?
Dann finden die 29. und die 30. doch sicher auch noch Platz.
Sagt mal zu einem Briefmarkensammler: Du brauchst nicht noch eine Briefmarke, du hast schon so viele.

Das Kind hat ein besonderes Interesse und wünscht sich nur dazu etwas?
Man findet sicher etwas, das mit dem Interesse zu tun hat.
Das Interesse ist Computerspielen? Das ist nicht nützlich?
Ja… und? Es geht um ein Geschenk.

Ein Geschenk soll Freude machen.

Und zwar dem Beschenkten.

Geschenkt wird nach meinem Verständnis so, wie es zum Empfänger passt. Was ich davon halte, ist erst mal komplett irrelevant, denn ich muss mich über dieses Geschenk nicht freuen. Ich schenke nicht für mich, sondern für den Empfänger.

*

Werfen wir mal einen Blick aufs Kind, das sich das 326. Matchboxauto gewünscht, aber ein Buch übers Programmieren bekommen hat.

Es gibt wenige Sachen, die sich schlimmer anfühlen, als ein Geschenk, das nicht für die Person gedacht ist, die man ist, sondern für die Person, die der andere gerne gehabt hätte. Das Kind, das sich die Eltern gewünscht hätten. Das offensichtlich nicht man selbst ist.

Schenkt ihr gegen den Wunsch des Kinds ein Geschenk das ihr für „besser“ haltet, sendet ihr nicht nur die Botschaft:

Deine Wünsche sind mir egal.

Ihr sendet auch die Botschaft:

Du bist falsch.
Nichts machst du richtig.
Du hast schon wieder was falsch gemacht.
Nicht mal wünschen kannst du anständig.
Das, was du dir da wünschst, ist unangemessen (wahlweise beschämend, wenn sich das Kind etwa ein Spielzeug gewünscht hätte, das „offiziell“ für jüngere ist, oder mit dem jeweils anderen Geschlecht in Verbindung gebracht wird).

Glaubt mir bitte eines: Diese Botschaft bekommen junge Autisten oft genug. Ihr müsst das nicht auch noch ausbauen.

*

Bei vielen erwachsenen Autisten in meinem Umfeld hat unter anderem gerade dieses Vorgehen (zusammen mit den erzwungenen Feiern) irgendwann dazu geführt, dass sie Geburtstage, insbesondere die eigenen, und sonstige Geschenkefeste nur noch als unangenehm empfinden und vermeiden.

Wobei – ich kenne auch ein paar NTs, bei denen nach Vorschrift gewünscht werden musste, die sich nicht mit ihren Interessen gedeckt haben, und die ähnliche Einstellungen entwickelt haben.

*

Bitte:

Respektiert die Wünsche und Interessen eurer Kinder.

Schenkt nicht nach dem, was euch gefällt, sondern wählt das, was dem Kind gefällt.

Schenkt nicht nach dem, was die Nachbarn beeindruckt, oder was die Oma oder Tante loben wird.

Schenkt ausschließlich so, wie es zum Empfänger passt.

*

Und wenn das Kind das Äußern von Wünschen komplett verweigert? Dann denkt bitte mal zurück an die letzten Male, bei denen ein Wunsch geäußert wurde. Welche Botschaft habt ihr da vermittelt?

(Und ja… es gibt auch solche unter uns, denen einfach das ganze Brimborium zu viel ist, denen die Überraschung zuwider ist – mir übrigens auch, deswegen bitte ich darum, ausschließlich von meinem Amazon-Wunschzettel zu schenken – und die vielleicht gar nicht immer in der Lage sind, sich auf einen neuen Gegenstand einzulassen. Und wenn das so ist… dann macht ihnen das doch bitte nicht zum Vorwurf.)

Autismus ist das neue Hochbegabt.

Es ist noch nicht so lange her, da schossen die hochbegabten Kinder nur so aus dem Boden wie die Pilze nach dem Regen. Jeder wollte eines haben – zumindest gefühlt war das so. Die Eltern wetteiferten und übertrafen sich in ihren Erzählungen gegenseitig damit, wessen Kind denn nun hochbegabter war als das der anderen.
Schlechte Noten? Kind ist hochbegabt und unterfordert;
Unmögliches Verhalten? Kind ist hochbegabt und frustriert weil die anderen es nicht verstehen – da muss man schon Verständnis haben.
Kind ist frech? Kind ist hochbegabt, da muss man über sowas hinwegsehen.

Mit tun die armen Kinder heute noch leid.

In den letzten Jahren wurde nun – gefühlt zumindest – die Hochbegabung durch den Autismus verdrängt. Sowohl bei den Kindern, als auch in der Selbstdiagnose Erwachsener. Ja, die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Autisten ist sicher nicht gering. Glaubt man jedoch denen, die bei sich oder ihrer Familie Autismus sehen, unhinterfragt, müsste wohl – gefühlt zumindest – jeder Dritte Autist sein. (Ich hätte nun persönlich nichts gegen eine Welt einzuwenden, in der ein 33%iger Autistenanteil vorliegt. Entspricht nur leider nicht der Realität).

Hinter jeder Schwierigkeit wird der Autismus vermutet, alle anderen Möglichkeiten oder Optionen werden umgehend als unmöglich verworfen.

Eltern lernen die Elternfragebögen auswendig, um zu wissen, was sie antworten müssen, damit ihr Kind die gewünschte Diagnose erhält. (Kein Witz! Ich wünschte, es wäre einer.) Gefällt die Erstmeinung nicht, holt man eine zweite.
Gefällt die zweite Meinung nicht, insbesondere, weil sie mit der Erstmeinung d’accord geht, holt man eine dritte.
Spätestens, wenn die dritten auch nicht gefällt, postet man einmal quer durch alle Foren: „Wo bekomme ich denn in der Gegend XY eine Autismusdiagnose für mein Kind?“ (Wahlweise: „für mich“)

Irgendwie scheint eine Autismusdiagnose gerade nicht nur in Mode zu sein, sondern auch als Patentlösung für alle Probleme angesehen zu werden.
Tipp: Sie ist es nicht. Hatte euer Umfeld vorher kein Verständnis für euer Kind (oder für euch), wird es dieses anschließend auch nicht magisch finden. Weder der Arbeitgeber, noch die Klassenlehrerin wird plötzlich alles durchgehen lassen, und die Mitschüler oder Kollegen werden auch nicht plötzlich eine 180-Grad-Wendung hinlegen.
Im Übrigen unterhalten wir uns bei Gelegenheit mal zum Thema Mobbing und dazu, was das denn eigentlich bedeutet. Was nämlich NICHT Mobbing ist, ist eine Schutzreaktion anderer auf eigenes Verhalten. Die ist jedem zuzugestehen. Ich hatte zu Schulzeiten auch jahrelang Ärger mit den Mitschülern, wurde „ausgegrenzt“ und getriezt…
Das hatte natürlich auch NIE irgendetwas mit komplett nicht sozialverträglichem Verhalten meinerseits zu tun.
Ich hoffe, den Sarkasmus kann man sich beim Lesen erschließen.

Nochmal zu den Herrschaften mit der dritten, vierten, X-ten Meinung und dem Auswendiglernen der Fragebögen: Diagnosekriterien sind, im Gegensatz zum Piratencodex, keine groben Richtlinien, sondern Vorgaben.
Erfüllt man sie nicht, bekommt man keine Diagnose. Auch nicht beim dritte oder vierten Mal.
Dann sollte man sie aber auch nicht bekommen, denn dann fällt man nicht in den entsprechenden Bereich. Medizinische Diagnosen sind nun mal keine Frage von „Aber ich will, dass das auch als X zählt“ oder „Aber ICH nenne das so.“ Dein Kind erfüllt die Kriterien nicht? Glückwunsch. Dein Kind ist kein Autist.

Das Ganze erzähle ich als hochbegabter Autist im Übrigen nicht, weil ich mich einer elitären Gruppe zugehörig fühle, zu der ich deinem Kind den Zutritt verwehren möchte…

Hat das Kind ein Problem, dann ist dieses zu lösen, oder zumindest irgendwie auszugleichen.

Dieses Problem speziell, das das Kind hat. Es bringt nichts, an einem anderen Problem zu basteln, von dem man nun aber lieber hätte, dass es das wäre.

Dasselbe gilt, wenn man selbst eines hat.

Ja, Autismus ist in gewisser Weise eher „salonfähig“ als manch anderes. Nur: liegt eine andere Störung vor, wird eine „Behandlung“ (Ganz Große Anführungszeichen! Autismus als solchen behandelt man nicht!) des Autismus unter Garantie das Problem nicht viel verbessern, und unter Umständen noch verschlimmern.

Gehe das Problem an, das da ist, nicht das Problem, das ihr haben wollt. Bei euch und bei euren Kindern.

Weder Autismus noch Hochbegabung sind das Ende allen Übels. Es ist eben gerade nicht so, dass sich damit alle Schwierigkeiten lösen. Und der Autismus, so er vorhanden ist, geht auch nicht weg, wenn ich ihn gerade mal beim allerbesten Willen nicht brauchen könnte. Wie heute zum Beispiel. Da hat er mir gerade überhaupt keinen Spaß gemacht…

Ungewöhnliche „Freu“-Momente

Zum Beispiel der Moment, wenn dich die Freundin, mit der du Nachmittags unterwegs sein willst, morgens um 10 um Input bittet: „Eigentlich sehen meine Haare noch gut aus, am Ansatz würde *mir* heute Trockenshampoo reichen – geht das, oder gibt es da heute gar nicht so viele Zitronenbonbons wie du lutschen müsstest?“

Nee, geht schon, habe eine frische Dose auf dem Tisch liegen.

Allein die Tatsache des selbstverständlichen Denkens an die Geruchsempfindlichkeit: *Freu*.

Bedingt geeignet

Da war ich neulich in Bayreuth. Zusammen mit einer Freundin Pokémon jagen. Das machen wir öfter. Auf dem Heimweg kam der Gedanke auf, man könnte ja noch schnell einen Kaffee trinken gehen. Oder was essen. Oder beides.

Auf dem Weg aus dem Hofgarten in die Innenstadt kamen wir an einer Örtlichkeit vorbei, die interessant aussah. Ein Crêpe-Café. Kurzentschlossen sind wir rein.

 

Der Kaffee:

Selbstbedienung an der Maschine. Schritt-für-Schritt-Anweisungen an der Wand und im Display. Unterschiedliche Sorten, Zusammenstellungen, Größen, Stärken – finde ich an sich nicht schlecht.

 

Die Auswahl beim Essen:

Sowohl die Crêpes als auch andere Sachen, Nachspeisen, etc., sind gut gemischt, viele Zutaten zur Auswahl. Süß und herzhaft gleichermaßen vertreten. Neben Crêpe und Süßspeisen stehen asiatische Gerichte auf dem Menü.

Abändern der vorgegebenen Gerichte ist kein Problem („Die Nr. X, aber ohne das eine und dafür mit dem Anderen“).

Was ich nicht verstehe ist, wie auf professionell gedruckten Menüs, Aushängen usw. so viele Rechtschreibfehler sein können. Das muss doch irgendwann mal irgendwer korrekturgelesen haben? Der „Scharfkäse“ führte zu reger Erheiterung.

 

Eilig sollte man es zumindest bei der Dame, die bei uns hinter der Theke stand, nicht haben. Sie war extrem höflich und freundlich, aber auch extrem langsam. Jede Zutat wurde einzeln aus einem anderen Raum geholt. Mehrmals wurde wegen den Änderungen nochmal gefragt, was aber auch dazu führte, dass alles richtig ausgeführt wurde.

 

Das Preis/Leistungsverhältnis ist so ziemlich einmalig. Die Zubereitung ist extrem lecker und die Portionen sind sehr groß. Ich brauchte an dem Tag nichts anderes mehr. Ein Snack für Zwischendrin wie der Crêpe auf dem Volksfest ist das nicht.

 

Die Beleuchtung ist gut. Sitzplätze gibt es nur wenige, mit kleinen Tischen entlang einer Bank an der Wand. Abstände zum jeweils nächsten Tisch sind gut.

 

 

So, und warum war ich nun nur bedingt glücklich damit? Abgesehen natürlich von den Rechtschreibfehlern?

 

Wir setzten uns an einen Tisch, ich wie üblich, Rücken zur Wand, Abschirmen von hinten. Hilft nichts, wenn plötzlich die Kühltheke anfängt, lautstark zu rödeln. Rechts daneben blinkt eine Lichterkette, die um eine Schild gelegt ist. Der Sinn derselben erschließt sich mir nicht, passt auch nicht wirklich ins Ambiente, aber gut… Hauptsache, ich ein blinkendes Ding im Blickfeld, das mich ständig ablenkt.

 

Die mir gegenübersitzende Freundin zu meiner Beschwerde über das Geräusch übrigens: „Och, das blende ich aus. Jetzt, wo du es gesagt hast, hör ich es auch.“ Glaube ich ihr sogar. Für mich hatte es aber eine Lautstärke, die schon etwas beim unterhalten gestört hat.

 

Das Ding schaltet sich im Lauf der Mahlzeit noch aus und wieder ein, lief geschätzt während ca. ¾ der Zeit. Das wäre mir für eine Wiederholung definitiv zu viel. Künftig nur noch zum mitnehmen.

 

 

 

Heute gehe ich als NT

Heute waren Weihnachtseinkäufe angesagt.

Normalerweise hasse ich es, in der Weihnachtssachenverkaufssaison mehr als absolut notwendig vor die Tür zu gehen. Weihnachtsgerüche finde ich schrecklich. Vor allem Nelken.

Also, wenn ich sage „Heute“, meine ich Samstag, was für mich gerade noch als „Heute“ zählt, weil ich noch nicht geschlafen habe.

War vollkommen okay. Wir waren fast sechs Stunden unterwegs, von Laden zu Laden, waren Weihnachtsbaum und Weihnachtsmarktanfänge auf dem Grand Place anschauen… bisschen Schaufenster gucken… alles Sachen, die ich normalerweise sehr ungern machen würde – oder gar nicht.

Aber heute war das in Ordnung, denn heute bin ich relativ NT.

Ich bin nämlich erkältet.

Erster Vorteil der Erkältung: Die verstopfte Nase blockiert den Geruchssinn teilweise, sodass ich die Weihnachtsgerüche nur gedämpft abbekomme. Hilft schon mal.

Zweiter Vorteil der Erkältung: Ich weiß, dass NTs sagen, sie haben, wenn es ihnen schlecht geht/sie erkältet sind „Watte im Kopf“. Das finden sie in der Regel eher unangenehm, sie fühlen sich langsam, reagieren auf Input nur mit Verzögerung… korrigiert mich, wenn ich da falsch liege, aber so entnehme ich es den Beschreibungen.

Aber genau das passiert mir bei einer Erkältung auch. Das, was dem NT das Hirn soweit lahmlegt, dass er kaum etwas auf die Reihe bekommt, fährt auch bei mir die Aufnahmefähigkeit und –geschwindigkeit herunter. Ich verliere Input. Was ankommt, ist weniger scharf, weniger genau, weniger detailliert, verschwommener, ungenauer. Ich nehme keine Details mehr wahr – oder zumindest nicht das, was ich als Details bezeichnen würde. Eine große Menge an Information geht verloren.

Und im gleichen Maß, in dem die Erkältung als „Filter“ dient, geht meine Fähigkeit in die Höhe, NT-typische Dinge zu machen.

Wie etwa einen Einkaufsbummel in der Weihnachtssaison.

Ich bin nicht nach dem ersten Geschäft überladen. Allerdings habe ich auch bei Weitem nicht so viele Information aufgenommen, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Was mich stört ist, dass ich sicher bin, sehr viel übersehen zu haben. Ähnlich, wie ich bei NTs häufig das Gefühl habe, dass sie sehr viel in ihrer Umwelt übersehen.

Heute gehe ich also mal als NT… oder zumindest so, wie ich mir vorstelle, dass NTs die Welt sehen.

Fast, zumindest, denn noch kann ich zweispurig denken. So schlimm ist die Erkältung nicht (wird sie auch nicht werden, ist schon wieder dabei, sich zu verabschieden).

Das erste Mal, dass mir dieses Phänomen bewusst wurde, war während meiner Studienzeit. Ich war zum ersten Mal seit langem so richtig, richtig böse erkältet, und mein Gehirn hatte einfach eine seiner beiden Denkspuren „zugemacht“. Ich kann normalerweise hervorragend zwei Sachen gleichzeitig verarbeiten. In meinem Kopf läuft quasi ein echter Dual-Core-Prozessor. Liegt übrigens nicht am Autismus, sondern an der Hochbegabung.

Das war in dem Moment anders, und ich empfand es als wahnsinnig frustrierend. Ich kam mir auf einmal „richtig blöd“ vor. Lesen verlangte ungeteilte Aufmerksamkeit, „nebenbei“ noch über etwas anderes nachdenken ging nicht mehr – ich merkte irgendwann, dass ich von der letzten Seite oder gar dem letzten Kapitel nichts aufgenommen hatte. So kannte ich mich nicht.

In dem Zusammenhang äußerte ich einer Kommilitonin gegenüber, dass ich mich gerade mental sehr langsam fühlte und beschrieb ihr das „Phänomen“ auch. Und sie lachte. Und lachte. Und lachte.

Nachdem sie fertiggelacht hatte, meinte sie dann: „Weißt du, Johanna, die meisten von uns HABEN nur einen Prozessor im Hirn. Du hast gerade das Denken eines ganz normalen Menschen beschrieben. So läuft das für uns immer.“

Das saß erst mal. Denn so bewusst war mir der Vorteil, den ich alleine durch die schnellere Informationsverarbeitung habe, vorher nämlich nicht. Ich wusste zwar, dass ich schneller bin, als der Durchschnitt, aber das Ausmaß war erst mal erschreckend.

Dabei weiß ich natürlich nicht – denn ich kann ja nicht in den Kopf eines Anderen hineinschauen – inwiefern der Eindruck der Kommilitonin wirklich stimmte.

Genauso wenig weiß ich, inwieweit mein Eindruck wirklich stimmt, dass mein krankheitsbedingt in Watte gepacktes Hirn einen NT simuliert.

Aber ich weiß, dass meine Fähigkeit, sensorischen Input zu ertragen, ohne davon zusätzlich zu ermüden oder überladen zu werden, in der Situation massiv zunimmt. So sehr, dass die allgemeine Abgeschlagenheit durch die Erkältung und die ganzen anderen unangenehmen Symptome nicht „ausreichen“, um die Bilanz ins Negative zu ziehen.

In Situationen, in denen es darum geht, viel Input auszuhalten, bin ich aktuell „leistungsfähiger“ als üblich. Gleichzeitig wirke ich auf Leute, denen ich begegne „normaler“. Vermutlich, weil ich nicht ständig auf irgendetwas reagiere, das sie gekonnt wegignorieren.

 

Praktisch ist das ja schon.

Aber wisst ihr was?

Genau diese Situation führt mir immer wieder vor Augen, dass ich nicht kein Autist sein möchte. Die Welt immer so gedämpft zu sehen mag in vielen Bereichen das Leben einfacher machen. Aber der Gedanke, wie viel mir dabei entgehen würde… wie oberflächlich mein Eindruck von meiner Umwelt wäre, wie schwer die genaue Analyse eines Gegenstands? Wie lange es dauert, um mich auf eine Sache „einzuschießen“?

Das empfinde ich aus meiner aktuellen Sicht als sehr schlechten Tausch. In dem Moment tun mir dann die NTs schon fast ein bisschen Leid – gesetzt den Fall, der Vergleich passt wirklich. Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr alles verpasst…

Kundenservice

Es ist etwas über eine Woche her – ich hörte ein „KNACK“, und dann konnte ich nichts mehr sehen – weil meine Brille in zwei Teile zerbrochen rechts und links heruntergefallen war.

Mittig über der Nase durchgebrochen, vollkommen unmotiviert – wohl einfach durch zunehmenden Spannungsaufbau weil der Rahmen vielleicht ein bisschen verdreht war, die Brille schon etwas älter…

Nicht so tragisch. Wenn eine Brillenstärke hat wie ich, hat man auch eine Ersatzbrille.

Aufgesetzt und festgestellt: Die Ersatzbrille hat einen Kratzer. Den ich im Blickfeld habe. Nonstop. Und nicht ausblenden kann. Der mich komplett kirre macht. Mistvieh.

Der Kratzer war noch nicht da, als ich sie das letzte Mal gebraucht hatte… Wo er herkommt – keine Ahnung. Niemand außer mir hat diese Ersatzbrille in der Hand, da ich aufgrund der Situation – keine Brille, nicht genug Sehvermögen um mich zu orientieren, geschweige denn zu lesen, etc. (Und ich habe keine Stimmerkennungssoftware bzw. Sprachausgabe auf dem Handy, d.h. schon jemanden anzurufen würde schwer!) – das Etui mit der Ersatzbrille zuverlässiger bei mir trage als meinen Geldbeutel oder Haustürschlüssel… Also muss ich es wohl selbst gewesen sein.

Auf jeden Fall war der Kratzer da und nervig, und aber immerhin konnte ich so mal eben zum nächsten Optiker. Nicht dem, zu dem ich normalerweise gehe, sondern dem um die Ecke. Weil ich mit dem Kratzer nicht Autofahren möchte. Der lenkt ab.

Meine Befürchtung, dass da nichts zu richten ist, bestätigte sich. Okay, ich wusste schon eine Weile, dass eine neue Brille fällig sein würde, WEIL der alte Rahmen schon an anderen Stellen geflickt war… immer aufgeschoben. Ich hab ja ’ne Ersatzbrille, falls was ist…

Meine Gläser sind allerdings nur mit Bestellung zu bekommen, da nicht nur die starke Stärke sondern auch noch andere Zusatzsachen eingeschliffen werden müssen. Und da ich ein bestimmtes, besonders hochbrechendes und damit dünneres und leichteres Material will, geht die Bestellung auch nur im Ausland. Dauert. Überbrücken, indem man die alten Gläser mal in einen neuen Rahmen macht? (Klar, wäre theoretisch auch als Dauerlösung gegangen, aber die Gläser haben im Lauf der Jahre halt auch schon etwas gelitten, v.a. am Rand… also war der Gedanke, auch gleich neue zu bestellen nicht so weit hergeholt.)

Mein Gestell ist seit vier Jahren nicht mehr auf dem Markt.

Bei mir macht sich in dem Moment so langsam beginnende Panik breit. Neues Brillengestell. Andere Gläserform. Andere Farbe. Anderer Blickfeldrand. Etc. Ich brauche EWIG, um mich daran zu gewöhnen. Echt jetzt. Normalerweise würde ich in der Situation wechseln zwischen der neuen Brille und der alten, vertrauten Ersatzbrille, aber die hat ja einen Kratzer…. Und der nervt, und hilft mir gerade auch echt nicht dabei, mich auf die Situation mit dem „dieses Gestell ist nicht mehr auf dem Markt“ zu konzentrieren.

Bevor ich noch entschieden habe, ob es sich wohl lohnen wird, das so dezidiert zu formulieren (was will der Verkäufer schon groß machen? Wenn es dieses Gestell bzw. diese Gestellform nicht mehr auf dem Markt gibt, gibt es die eben nicht mehr…), schaut mich der Verkäufer etwas komisch an und meint dann: „Geben Sie mir mal 20 Minuten.“

Und verschwindet.

Und kommt wieder, breit grinsend.

Ein Brillengestell besteht aus drei Teilen: Einem rechten Bügel, einem linken Bügel und einem Mittelteil, in das die Gläser eingesetzt werden. Diese gibt es jeweils einzeln als Ersatzteile.

Der nette Verkäufer hat zum Telefon gegriffen, und so lange bei Kollegen rumtelefoniert, bis er einen rechten Bügel, einen linken Bügel und ein Mittelteil in der richtigen Farbe beieinander hatte, die noch irgendwo als Ersatzteile auf Lager lagen.

Seit gestern habe ich jetzt wieder eine unzerkratzte meine-Brille.

Und ein Glas zum Austauschen von dem mit Kratzer ist natürlich auch bestellt. Bei dem Optiker in meiner Nähe. Obwohl das eigentlich gar nicht mein „normaler“ Optiker ist. Hat er sich verdient.

Manche Sachen braucht man echt nicht…

Der Versuch, zu schlafen, endete mit Komplettoverload. Der Versuch, morgens zu erklären, dass ich dank Overload + kein Schlaf nicht in der Lage bin, heute irgendwas zu unternehmen oder sinnvolle Dinge zu machen, führte dann dazu, dass mir die Hausherrin (nicht identisch mit der Gastgeberin) doch ernsthaft erklärte, ich hätte keine Ahnung von Autismus und SIE wüsste Bescheid, sie hätte schließlich ALLE Studien gelesen, die es dazu gibt.

Nachdem ich den Vormittag noch zwischen halb im Overload, halb im Shutdown hängend, mich irgendwie in einen einigermaßen kommunikationsfähigen Zustand gezogen habe (Ich war knapp davor, sogar SO ins Auto zu steigen und zu fahren… die Kurve habe ich gerade soeben noch gekriegt…) Und wir den Rest des Tages dann mit einem Shadowhunter-Marathon vor Netflix verbracht haben, bin ich inzwischen wieder einigermaßen aufnahme- und verarbeitungsfähig.

Allerdings auch stinkesauer.

Fazit: Jegliches auch nur ansatzweise freundschaftliches Verhältnis, das ich zur Hausherrin irgendwann hatte ist hiermit beendet.

Ich lebe mit dem autistischen Gehirn seit 40 Jahren;

Ich bin seit 15 Jahren immer mal wieder an Studien beteiligt u.ä. (mit der Forschung auf dem aktuellen Stand).

Ich habe in den letzten ca. 5 Jahren immer wieder, mit Pausen  wegen Stress und anderen Gründen, in der Unterstützung betroffener gearbeitet.

Aber natürlich habe ich KEINE Ahnung von der Materie, und KEINESFALLS so viel wie eine Dame, die in ihrer Freizeit „alle“ Studien gelesen hat.

Ja, nee, is klar.

Meiner Freundin (Gastgeberin) zuliebe werde ich irgendwie auf einen zivilisiert-höflichen Umgang mit der Hausherrin schalten, aber das war’s dann. Manche Dinge reichen mir einmal…

*Schimpf*

Bin gerade im Urlaub. Heute Nachmittag meinte, die etwas feuchte Katze des Gastgebers, sich auf mein Bett setzen zu müssen. Nicht ideal, aber wäre problemlos bis Abends getrocknet. Gastgeber marschiert allerdings ungefragt ins Zimmer, bezieht mal schnell das Bett neu, räumt damit natürlich alles durcheinander, und außerdem war ich jetzt auch nicht drauf vorbereitet, heute Nacht anderes Material usw… Ganz großes Kino, das wird ’ne tolle Nacht…

(Würde das vielleicht noch stiller tolerieren, wenn Gastgeber sich nicht gelegentlich selbst als Autist „diagnostizieren“ würde und dann immer mal wieder spektakulär beweist, dass eigentlich keine Ahnung vorhanden ist…)