Heute gehe ich als NT

Heute waren Weihnachtseinkäufe angesagt.

Normalerweise hasse ich es, in der Weihnachtssachenverkaufssaison mehr als absolut notwendig vor die Tür zu gehen. Weihnachtsgerüche finde ich schrecklich. Vor allem Nelken.

Also, wenn ich sage „Heute“, meine ich Samstag, was für mich gerade noch als „Heute“ zählt, weil ich noch nicht geschlafen habe.

War vollkommen okay. Wir waren fast sechs Stunden unterwegs, von Laden zu Laden, waren Weihnachtsbaum und Weihnachtsmarktanfänge auf dem Grand Place anschauen… bisschen Schaufenster gucken… alles Sachen, die ich normalerweise sehr ungern machen würde – oder gar nicht.

Aber heute war das in Ordnung, denn heute bin ich relativ NT.

Ich bin nämlich erkältet.

Erster Vorteil der Erkältung: Die verstopfte Nase blockiert den Geruchssinn teilweise, sodass ich die Weihnachtsgerüche nur gedämpft abbekomme. Hilft schon mal.

Zweiter Vorteil der Erkältung: Ich weiß, dass NTs sagen, sie haben, wenn es ihnen schlecht geht/sie erkältet sind „Watte im Kopf“. Das finden sie in der Regel eher unangenehm, sie fühlen sich langsam, reagieren auf Input nur mit Verzögerung… korrigiert mich, wenn ich da falsch liege, aber so entnehme ich es den Beschreibungen.

Aber genau das passiert mir bei einer Erkältung auch. Das, was dem NT das Hirn soweit lahmlegt, dass er kaum etwas auf die Reihe bekommt, fährt auch bei mir die Aufnahmefähigkeit und –geschwindigkeit herunter. Ich verliere Input. Was ankommt, ist weniger scharf, weniger genau, weniger detailliert, verschwommener, ungenauer. Ich nehme keine Details mehr wahr – oder zumindest nicht das, was ich als Details bezeichnen würde. Eine große Menge an Information geht verloren.

Und im gleichen Maß, in dem die Erkältung als „Filter“ dient, geht meine Fähigkeit in die Höhe, NT-typische Dinge zu machen.

Wie etwa einen Einkaufsbummel in der Weihnachtssaison.

Ich bin nicht nach dem ersten Geschäft überladen. Allerdings habe ich auch bei Weitem nicht so viele Information aufgenommen, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Was mich stört ist, dass ich sicher bin, sehr viel übersehen zu haben. Ähnlich, wie ich bei NTs häufig das Gefühl habe, dass sie sehr viel in ihrer Umwelt übersehen.

Heute gehe ich also mal als NT… oder zumindest so, wie ich mir vorstelle, dass NTs die Welt sehen.

Fast, zumindest, denn noch kann ich zweispurig denken. So schlimm ist die Erkältung nicht (wird sie auch nicht werden, ist schon wieder dabei, sich zu verabschieden).

Das erste Mal, dass mir dieses Phänomen bewusst wurde, war während meiner Studienzeit. Ich war zum ersten Mal seit langem so richtig, richtig böse erkältet, und mein Gehirn hatte einfach eine seiner beiden Denkspuren „zugemacht“. Ich kann normalerweise hervorragend zwei Sachen gleichzeitig verarbeiten. In meinem Kopf läuft quasi ein echter Dual-Core-Prozessor. Liegt übrigens nicht am Autismus, sondern an der Hochbegabung.

Das war in dem Moment anders, und ich empfand es als wahnsinnig frustrierend. Ich kam mir auf einmal „richtig blöd“ vor. Lesen verlangte ungeteilte Aufmerksamkeit, „nebenbei“ noch über etwas anderes nachdenken ging nicht mehr – ich merkte irgendwann, dass ich von der letzten Seite oder gar dem letzten Kapitel nichts aufgenommen hatte. So kannte ich mich nicht.

In dem Zusammenhang äußerte ich einer Kommilitonin gegenüber, dass ich mich gerade mental sehr langsam fühlte und beschrieb ihr das „Phänomen“ auch. Und sie lachte. Und lachte. Und lachte.

Nachdem sie fertiggelacht hatte, meinte sie dann: „Weißt du, Johanna, die meisten von uns HABEN nur einen Prozessor im Hirn. Du hast gerade das Denken eines ganz normalen Menschen beschrieben. So läuft das für uns immer.“

Das saß erst mal. Denn so bewusst war mir der Vorteil, den ich alleine durch die schnellere Informationsverarbeitung habe, vorher nämlich nicht. Ich wusste zwar, dass ich schneller bin, als der Durchschnitt, aber das Ausmaß war erst mal erschreckend.

Dabei weiß ich natürlich nicht – denn ich kann ja nicht in den Kopf eines Anderen hineinschauen – inwiefern der Eindruck der Kommilitonin wirklich stimmte.

Genauso wenig weiß ich, inwieweit mein Eindruck wirklich stimmt, dass mein krankheitsbedingt in Watte gepacktes Hirn einen NT simuliert.

Aber ich weiß, dass meine Fähigkeit, sensorischen Input zu ertragen, ohne davon zusätzlich zu ermüden oder überladen zu werden, in der Situation massiv zunimmt. So sehr, dass die allgemeine Abgeschlagenheit durch die Erkältung und die ganzen anderen unangenehmen Symptome nicht „ausreichen“, um die Bilanz ins Negative zu ziehen.

In Situationen, in denen es darum geht, viel Input auszuhalten, bin ich aktuell „leistungsfähiger“ als üblich. Gleichzeitig wirke ich auf Leute, denen ich begegne „normaler“. Vermutlich, weil ich nicht ständig auf irgendetwas reagiere, das sie gekonnt wegignorieren.

 

Praktisch ist das ja schon.

Aber wisst ihr was?

Genau diese Situation führt mir immer wieder vor Augen, dass ich nicht kein Autist sein möchte. Die Welt immer so gedämpft zu sehen mag in vielen Bereichen das Leben einfacher machen. Aber der Gedanke, wie viel mir dabei entgehen würde… wie oberflächlich mein Eindruck von meiner Umwelt wäre, wie schwer die genaue Analyse eines Gegenstands? Wie lange es dauert, um mich auf eine Sache „einzuschießen“?

Das empfinde ich aus meiner aktuellen Sicht als sehr schlechten Tausch. In dem Moment tun mir dann die NTs schon fast ein bisschen Leid – gesetzt den Fall, der Vergleich passt wirklich. Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr alles verpasst…

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Kundenservice

Es ist etwas über eine Woche her – ich hörte ein „KNACK“, und dann konnte ich nichts mehr sehen – weil meine Brille in zwei Teile zerbrochen rechts und links heruntergefallen war.

Mittig über der Nase durchgebrochen, vollkommen unmotiviert – wohl einfach durch zunehmenden Spannungsaufbau weil der Rahmen vielleicht ein bisschen verdreht war, die Brille schon etwas älter…

Nicht so tragisch. Wenn eine Brillenstärke hat wie ich, hat man auch eine Ersatzbrille.

Aufgesetzt und festgestellt: Die Ersatzbrille hat einen Kratzer. Den ich im Blickfeld habe. Nonstop. Und nicht ausblenden kann. Der mich komplett kirre macht. Mistvieh.

Der Kratzer war noch nicht da, als ich sie das letzte Mal gebraucht hatte… Wo er herkommt – keine Ahnung. Niemand außer mir hat diese Ersatzbrille in der Hand, da ich aufgrund der Situation – keine Brille, nicht genug Sehvermögen um mich zu orientieren, geschweige denn zu lesen, etc. (Und ich habe keine Stimmerkennungssoftware bzw. Sprachausgabe auf dem Handy, d.h. schon jemanden anzurufen würde schwer!) – das Etui mit der Ersatzbrille zuverlässiger bei mir trage als meinen Geldbeutel oder Haustürschlüssel… Also muss ich es wohl selbst gewesen sein.

Auf jeden Fall war der Kratzer da und nervig, und aber immerhin konnte ich so mal eben zum nächsten Optiker. Nicht dem, zu dem ich normalerweise gehe, sondern dem um die Ecke. Weil ich mit dem Kratzer nicht Autofahren möchte. Der lenkt ab.

Meine Befürchtung, dass da nichts zu richten ist, bestätigte sich. Okay, ich wusste schon eine Weile, dass eine neue Brille fällig sein würde, WEIL der alte Rahmen schon an anderen Stellen geflickt war… immer aufgeschoben. Ich hab ja ’ne Ersatzbrille, falls was ist…

Meine Gläser sind allerdings nur mit Bestellung zu bekommen, da nicht nur die starke Stärke sondern auch noch andere Zusatzsachen eingeschliffen werden müssen. Und da ich ein bestimmtes, besonders hochbrechendes und damit dünneres und leichteres Material will, geht die Bestellung auch nur im Ausland. Dauert. Überbrücken, indem man die alten Gläser mal in einen neuen Rahmen macht? (Klar, wäre theoretisch auch als Dauerlösung gegangen, aber die Gläser haben im Lauf der Jahre halt auch schon etwas gelitten, v.a. am Rand… also war der Gedanke, auch gleich neue zu bestellen nicht so weit hergeholt.)

Mein Gestell ist seit vier Jahren nicht mehr auf dem Markt.

Bei mir macht sich in dem Moment so langsam beginnende Panik breit. Neues Brillengestell. Andere Gläserform. Andere Farbe. Anderer Blickfeldrand. Etc. Ich brauche EWIG, um mich daran zu gewöhnen. Echt jetzt. Normalerweise würde ich in der Situation wechseln zwischen der neuen Brille und der alten, vertrauten Ersatzbrille, aber die hat ja einen Kratzer…. Und der nervt, und hilft mir gerade auch echt nicht dabei, mich auf die Situation mit dem „dieses Gestell ist nicht mehr auf dem Markt“ zu konzentrieren.

Bevor ich noch entschieden habe, ob es sich wohl lohnen wird, das so dezidiert zu formulieren (was will der Verkäufer schon groß machen? Wenn es dieses Gestell bzw. diese Gestellform nicht mehr auf dem Markt gibt, gibt es die eben nicht mehr…), schaut mich der Verkäufer etwas komisch an und meint dann: „Geben Sie mir mal 20 Minuten.“

Und verschwindet.

Und kommt wieder, breit grinsend.

Ein Brillengestell besteht aus drei Teilen: Einem rechten Bügel, einem linken Bügel und einem Mittelteil, in das die Gläser eingesetzt werden. Diese gibt es jeweils einzeln als Ersatzteile.

Der nette Verkäufer hat zum Telefon gegriffen, und so lange bei Kollegen rumtelefoniert, bis er einen rechten Bügel, einen linken Bügel und ein Mittelteil in der richtigen Farbe beieinander hatte, die noch irgendwo als Ersatzteile auf Lager lagen.

Seit gestern habe ich jetzt wieder eine unzerkratzte meine-Brille.

Und ein Glas zum Austauschen von dem mit Kratzer ist natürlich auch bestellt. Bei dem Optiker in meiner Nähe. Obwohl das eigentlich gar nicht mein „normaler“ Optiker ist. Hat er sich verdient.

Manche Sachen braucht man echt nicht…

Der Versuch, zu schlafen, endete mit Komplettoverload. Der Versuch, morgens zu erklären, dass ich dank Overload + kein Schlaf nicht in der Lage bin, heute irgendwas zu unternehmen oder sinnvolle Dinge zu machen, führte dann dazu, dass mir die Hausherrin (nicht identisch mit der Gastgeberin) doch ernsthaft erklärte, ich hätte keine Ahnung von Autismus und SIE wüsste Bescheid, sie hätte schließlich ALLE Studien gelesen, die es dazu gibt.

Nachdem ich den Vormittag noch zwischen halb im Overload, halb im Shutdown hängend, mich irgendwie in einen einigermaßen kommunikationsfähigen Zustand gezogen habe (Ich war knapp davor, sogar SO ins Auto zu steigen und zu fahren… die Kurve habe ich gerade soeben noch gekriegt…) Und wir den Rest des Tages dann mit einem Shadowhunter-Marathon vor Netflix verbracht haben, bin ich inzwischen wieder einigermaßen aufnahme- und verarbeitungsfähig.

Allerdings auch stinkesauer.

Fazit: Jegliches auch nur ansatzweise freundschaftliches Verhältnis, das ich zur Hausherrin irgendwann hatte ist hiermit beendet.

Ich lebe mit dem autistischen Gehirn seit 40 Jahren;

Ich bin seit 15 Jahren immer mal wieder an Studien beteiligt u.ä. (mit der Forschung auf dem aktuellen Stand).

Ich habe in den letzten ca. 5 Jahren immer wieder, mit Pausen  wegen Stress und anderen Gründen, in der Unterstützung betroffener gearbeitet.

Aber natürlich habe ich KEINE Ahnung von der Materie, und KEINESFALLS so viel wie eine Dame, die in ihrer Freizeit „alle“ Studien gelesen hat.

Ja, nee, is klar.

Meiner Freundin (Gastgeberin) zuliebe werde ich irgendwie auf einen zivilisiert-höflichen Umgang mit der Hausherrin schalten, aber das war’s dann. Manche Dinge reichen mir einmal…

*Schimpf*

Bin gerade im Urlaub. Heute Nachmittag meinte, die etwas feuchte Katze des Gastgebers, sich auf mein Bett setzen zu müssen. Nicht ideal, aber wäre problemlos bis Abends getrocknet. Gastgeber marschiert allerdings ungefragt ins Zimmer, bezieht mal schnell das Bett neu, räumt damit natürlich alles durcheinander, und außerdem war ich jetzt auch nicht drauf vorbereitet, heute Nacht anderes Material usw… Ganz großes Kino, das wird ’ne tolle Nacht…

(Würde das vielleicht noch stiller tolerieren, wenn Gastgeber sich nicht gelegentlich selbst als Autist „diagnostizieren“ würde und dann immer mal wieder spektakulär beweist, dass eigentlich keine Ahnung vorhanden ist…)

Und irgendwo sitzt ein kleiner Sprachwissenschaftler in der Ecke und weint: Wenn der Deutsche aufgrund der englischen Sprachregeln Sonderwünsche an seine Sprache stellt

Ich habe heute Morgen versprochen, noch etwas zum Thema „Formulierung Autist vs. Mensch mit Autismus“ zu schreiben.

Dem komme ich dann hiermit nach.

Ich gehe das jetzt mal nicht aus meinem persönlichen Empfinden heraus an, sondern aus der Sicht des Sprachwissenschaftlers.

Wir wissen, es gibt in jeder Sprache Regeln.

Es gibt Regeln dafür, wie neue Wörter zu bilden sind.

Es gibt Regeln dafür, wie man Wörter voneinander ableitet.

Grundsätzlich wird im Deutschen das Konzept „Mensch, der etwas tut“ durch Anfügen des Suffix (der Nachsilbe) „-er“ an den Wortstamm gebildet.

Ein Mensch, der lehrt, ist etwa ein Lehr-er.

Ein Mensch, der läuft, ist ein Läuf-er.

Ein Mensch, der bäckt, ist ein Bäck-er.

Ein Mensch, der Briefe austrägt, ist ein Brief-träg-er.

Und ein Mensch, der auf dem Bau arbeitet, ist ein Bau-arbeit-er

(Ein paar spezielle Ausnahmen gibt es, denn ein Kocher ist eben gerade nicht der Mensch, sondern eher das Ding, mit dem der Koch arbeitet… da wird es dann gerade etwas komplizierter aber nicht minder spannend. Bleiben wir mal bei der Grundregel.)

Ein Deutsch-er kann dasselbe aber auch mit Adjektiven machen.

Ein Mensch, der weise ist, ist ein Weis-er.

Ein Mensch, der groß ist, ist ein Groß-er.

Ein Mensch, der dünn ist, ist ein Dünn-er.

Ein Deutsch-er kann auch von anderen Substantiven ableiten.

Ein Mensch, der mit Technik zu tun hat, ist ein Technik-er

Ein Mensch, der Chemie betreibt, ist ein Chemi-k-er (das -k- als bindender Buchstabe, denn „Chemier“ könnte man nicht wirklich aussprechen; gibt es je nach Buchstabenkombination auch mit ‑l-).

Ein Mensch, der Medizin betreibt mit ein Medizin-er.

Das ist mal die Grundregel. Es gibt nun Sonderfälle, bei denen die Ableitungen anders gebildet werden. Den Hintergrund kann ich gerne auf Wunsch erklären, hier werde ich mich aus Platzgründen mal darauf beschränken, festzustellen, dass es so ist.

Ein Mensch, der sich mit einer -logie befasst etwa, ist kein -loger, sondern nur ein -loge: Psychologe, Astrologe, Urologe.

Ein Mensch, der sich hingegen mit einer -nomie befasst, ist ein -nom: Astronom, Gastronom, Ökonom…

Und wird der Mensch von einer -istik oder einem -ismus abgeleitet (wie und warum diese beiden Suffixe zusammenhängen, kann ich auf Wunsch auch erklären, sprengt mir hier ebenfalls den Rahmen) – dann ist er ein -ist.

Linguistik => Linguist (das ist der Sprachwissenschaft-l-er… also der Nervtöt-er, der hier gerade diesen Artikel verfasst).

Autismus => Autist (siehe Anmerkung in Klammern im direkt vorhergehenden Absatz).

 

Tl;dr: Im Deutschen kann man durch ein an einen Wortstamm angehängtes Suffix ausdrücken, dass man sich auf einen Menschen bezieht, auf den eine bestimmte Eigenschaft/ein Konzept/etc. zutrifft.


So, jetzt hatten wir das Deutsche.

Jetzt gehen wir mal ins Englische.

Das Englische hat ebenfalls Ableitungsregeln, an die sich die Sprache zu halten hat.

Also: Die englische Sprache. Der deutschen Sprache können die englischen Sprachregeln getrost am Allerwertesten vorbei…ihr wisst schon.

In der Regel ist es so: Ein Mensch, der etwas tut – von einem Verb abgeleitet – ist im Englischen erst mal ein -er, wie im Deutschen.

to teach (lehren) wird zum teach-er (Lehrer).

to run (laufen) wird zum run-n-er (Läufer; das zweite n hat seinen Ursprung in den Ausspracheregeln).

to sleep (schlafen) wird zum sleep-er (Schläfer).

Der cook macht übrigens im Englischen den gleichen Scheiß, wie der deutsche Koch, und aus demselben Grund, der nicht minder spannend ist, aber kein bisschen mehr hier hingehört.

Das Englische kann das Ganze auch mit Substantiven.

Der Mensch, der sich mit der philosophy befasst, ist ein philosoph-er.

Der Mensch, der sich mit geography befasst, ist ein geograph-er.

Der Mensch, der sich mit astronomy befasst, ist ein astronom-er.

(Ihr sehr schon, die Regeln unterscheiden sich leicht vom Deutschen)

Auch im Englischen haben wir nun wieder ein paar alternative Suffixe je nach Ausgangswort:

Der sich mit einer –ology befasst, wird ein –ist: psychologist, biologist, geologist.

Aus den –istics (eine Untergruppe der Wissenschaften) kann ich mir ebenfalls den -ist ableiten – linguistics > linguist. (Das ist wieder der hier vorliegende Klugscheiß-er)

So, jetzt wird’s lustig.

Wenn ich als Ausgangswort einen –ism habe…

… dann kann ich davon im Englischen keinen Menschen ableiten. Der -ism sieht zwar dem deutschen ‑ismus zunächst verdammt ähnlich, aber es ist halt doch nicht dasselbe.

Der Englische –ism ist selbst bereits eine Ableitung. Es kommt nicht der „protestant“ vom „protestantism„, sondern der „protestantism“ vom „protestant.“ Woran erkenne ich das? Ganz einfach… weil der eine deutlich mehr Suffixe am Stück hat, als der andere…

Ebenso stand nicht der heroism (Heldenhaftigkeit) dem hero (Held) Pate, sondern andersherum.

So, jetzt wird’s blöd… denn jetzt hat unser hier vorliegender Klugscheiß-er ein Problem, wäre er doch gerne auch ein aut—Scheißt drauf, dann halt person with autism.

Ja aber… wo kommt denn nun eigentlich dieses autism her? Eben habe ich noch gesagt, der –ism ist bereits abgeleitet, also müssten wir doch nur zum Ausgangswort zurück, nicht wahr? Von dort können wir ja unseren Menschen ableiten.

Jetzt zeigt sich das Englische in seiner ganzen Boshaftigkeit…

Tl;dr: Prinzipiell geht das im Englischen meistens auch. Aber nur meistens.


Wer aufgepasst hat, wird es gemerkt haben.

Im Deutschen habe ich von Verben, Adjektiven und Substantiven abgeleitet.

Im Englischen habe ich nur von Verben und Substantiven abgeleitet.

Das liegt nicht etwa daran, dass ich die Adjektive vergessen hätte…

Das Englische ist nach seinem Regelsatz nicht in der Lage, von einem Adjektiv eine Form abzuleiten, die durch ihr Suffix impliziert „Mensch, auf den dieses Adjektiv zutrifft.“

Ich kann im Englischen aus „tall“ (groß) keinen „tall-er“ machen – das heißt nicht „Großer“ sondern „größer (als…)“. Auch keinen tallist. Das ist einfach nur Schwachsinn.

Ich kann zu meinem kleinen Bruder auf Englisch nicht „littl-er“ sagen. Ich kann den dunkelhäutigen Menschen nicht als „black-er“ bezeichnen.

Es gäbe keinen Sinn. Es gibt diese Ableitung nicht. Sie ist nicht vorgesehen.

Das gilt auch, wenn das Adjektiv auf –istic endet. Die sind übrigens, wie die „-ism„-Substantive, auch schon irgendwo abgeleitet. Von „autistic“ kann ich also schon aus zwei Gründen keine Person ableiten: a.) es ist ein Adjektiv, b.) es ist selbst schon abgeleitet.

Ja, aber wovon? WOVON? Was ist die Wurzel?

Das ist jetzt etwas unangenehm für das Englische. Die gibt es nicht!

Wie kann das sein?

Ganz einfach… Das Wort „autism“ wurde als Fremdwort in dieser Form eingeführt. Damals, vor 100 Jahren. Das ist kein Englisch gewachsenes Wort, und deswegen kam auch nicht gleich die ganze Familie mit.

Blöd ist das… für den autism, und aber auch für den… die autistic person.

Tl;dr: Englisch kann ein ziemliches Arschloch sein. Es klaut Wörter und nimmt nur die Hälfte mit. Konsequenzen bleiben nicht aus.


Nun haben wir gerade gelernt, das Englische könne sich nicht vom Adjektiv ein Nomen erschließen, in dem die Bedeutung „Mensch auf den X zutrifft“ impliziert ist.

Wird nun versucht, das zu umgehen, indem man den Menschen einfach nur mit dem Adjektiv bezeichnet, so führt das verständlicherweise nicht gerade zu Freude. Man wurde soeben zu einem Adjektiv reduziert. Ein Adjektiv alleine ist ein Bezeichner ohne Bezeichnetes. Ein Adjektiv alleine ist quasi gar nichts. Auf jeden Fall keine Person.

Und nun ist es so, dass es im Englischen eine durchaus gängige, jedoch extrem unhöfliche, sehr ruppige und respektlose Form der Anrede darstellt, eine Person mit einem Adjektiv zu bezeichnen.

Der Rothaarige könnte etwa als „Red“ angesprochen werden, womit der Sprecher impliziert, dass er es nicht wert ist, beim Namen genannt zu werden, dass das einzig relevante an ihm dieses eine herausstechende Merkmal ist.

Stellt euch mal vor, ihr würdet im Deutschen jemanden ansprechen mit: „He! Du, Blond!“ Auf die Idee käme ja keiner. Exakt das ist im Englischen aber … naja, zwar extrem unhöflich, aber rein sprachlich zulässig.

Es wird verständlich sein, dass man im Englischen keine große Lust haben wird, sich etwa als „Autistic“ bezeichnen zu lassen.

Tl;dr: Englisch ist hervorragend dazu geeignet, Leute mit Adjektiven zu beleidigen.


Da wir nun also unser Gegenüber nicht beleidigen wollen, stellen wir sicher, dass wir die Reduzierung auf das Adjektiv vermeiden. Also brauchen wir ein Bezeichnetes zu unserem Bezeichner („großer Mensch“: groß = Bezeichner; Mensch = Bezeichnetes).

Wir sagen also: tall person; wise man (Achtung, nicht wise guy, das sieht zwar auf den ersten Blick richtig aus, ist aber schon wieder der Klugscheiß-er); disabled per—ach, das ist jetzt aber etwas blöd…

Wer Englisch kann, wird es gerade vielleicht gemerkt haben: Das Wort „disabled“ bedeutet in seiner eigentlichen Grundbedeutung nicht „behindert“.

Wörtlich übersetzt wäre eine „disabled person“ erst mal ein außer Funktion gesetzter, deaktivierter, ausgeschalteter, untauglicher Mensch.

Ist nicht gemeint?

Ist klar, aber das ändert nichts daran, dass das Wort „disabled“ für den englischen Muttersprachler eben diesen Beigeschmack niemals verlieren wird.

Deshalb regt man sich als englischsprachiger Behindert-er darüber auch nicht ganz zu Unrecht auf.

Dafür hat das Englische aber nun dank der Funktion seiner Sprache nur eine Lösung:

People first. Menschen zuerst.

Sage ich nicht „disabled person“ sondern „person with disability“ kann ich dieses Problem umgehen.

Das steckt als Grundprinzip hinter dem Aufruf „People first„.

Da sich viele Leute nicht besonders viel mit der Sprache beschäftigen, sondern lieber mal gleich vorbeugend mitschimpfen wollen, hätten dann andere Gruppen auch gerne „people-first-„Sprache gehabt. Was auch an sich kein Problem ist – im Englischen. Denn die vorher verwendete Konstruktion für das Adjektiv, welches auch immer es gerade war, war ja ohnehin schon nur eine Verlegenheitslösung.

Tl;dr: Das Englische hat in der Tat einen Grund vorzuweisen, warum die Nennung des Personen-Substantives an erster Stelle nicht so albern ist, wie es zunächst den Anschein hat.


Jetzt habe ich viel, lange und ausdauernd über das Englische erzählt. Warum machen wir diesen Schmarren, wie man bei uns sagt, nun aber im Deutschen? Warum wollen manche Leute „Mensch mit Autismus, obwohl – siehe oben – der Aut-ist doch die Person – anders als im Englischen – implizieren kann, viel kürzer und ökonomischer ist…?

Die Lösung ist hier ebenso einfach wie blöd:

Wenn es aus Amerika kommt, ist es gut.

Wenn es im Internet steht, ist es gut.

Wenn es im Internet steht und Englisch ist, übersetzen wir es mal Wort für Wort ins Deutsche und verbreiten es weiter.

Wenn es auf Deutsch im Internet steht, ist es gut.

Wenn ich den Deppen erwische, der die „Geheimtipps“ für den amerikanischen Straßenverkehr ins Deutsche übersetzt und quer über Facebook verteilt hat, und damit –zig leichtgläubigen Leuten der Marke „Wenn’s im Internet steht, wir des schon stimmen“ eine Anleitung zum Brechen der deutschen Straßenverkehrsordnung in 12 Punkten gegeben hat, hagelt es Werke der vergleichenden Rechtswissenschaft.

Weil gut meinende aber nicht besonders gut mitdenkenden Menschen die englischen Artikel, Facebook-Beiträge u. ä. – mal in Handarbeit und mal mit Google Translator – ins Deutsche bringen und weiterverteilen, kommt zahlreichen Menschen gar nicht erst der Gedanke, dass die Aussage inhaltlich für die deutsche Sprache kompletter Bullshit (Ausscheidung eines männlichen Paarhufers mit nur geringer Relevanz für den vorliegenden Sachverhalt) ist. Steht da ja auf Deutsch. Wird schon stimmen.

Kann man sich ein bisschen echauffieren.

Das Einzige, was der „Mensch mit Autismus“ im Deutschen macht, ist, öffentlich kundzugeben, dass er keine Ahnung hat, wie seine Sprache funktioniert, und außerdem bei Internetquellen die Herkunft nicht prüft.

Leider, leider ist diese Sorte Internetbenutz-er nicht besonders selten, dafür aber gleich ganz besonders laut.

Viele Menschen tendieren dann auch gleich dazu, Lautstärke mit Qualität gleichzusetzen.

Das, liebe Les-er, ist ein Trugschluss.

Tl;dr: Wenn es für die englische Sprache sinnvoll ist, kann es für die deutsche Sprache immer noch komplett unnötig sein, stellenweise albern.


Kann doch nicht so tragisch sein, Deutsch, Englisch, alles Sprachen, muss doch gehen…

Dann versucht bitte mal, mit der Anleitung von eurem alten Backofen eure neue Waschmaschine zu bedienen.

Sind beides Elektrogeräte. Muss doch gehen.


Und wer nun soweit gelesen hat, dem sage ich nun, als sprachwissenschaftlich vorbelasteter Aut-ist (und warum das an dieser Stelle trotz XX-Chromosom nicht Aut-ist-in heißt ist eine andere Geschichte und soll, falls gewünscht, ein Andermal erklärt werden):

Vielen Dank für die geschätzte Aufmerksamkeit!

 

Tl;dr bedeutet übrigens „Too long; didn’t read“ und weist u. a. (und in diesem Fall) auf eine knappe Zusammenfassung der Kernaussage des vorhergehenden Abschnitts hin, falls dieser zu lang zu lesen ist…

 

 

Das meine ich doch nicht so…

Ich könnte regelmäßig in die Luft gehen – Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse überproportional viel mit Eltern junger Autisten zu tun. Und darunter gibt es einige, die ihre Kinder gerne als „Auti“ oder „Aspie“ bezeichnen.

Es ist kein Geheimnis: ich finde das schrecklich.

Ja, ich weiß auch, es gibt unter uns einige, die sich selbst so nennen. Das werde ich nicht verstehen, aber wenn es sich um die für sich selbst gewählte Bezeichnung eines Menschen handelt, verwendet durch diesen Menschen, kann ich es akzeptieren. Ohne ausdrückliche Aufforderung würde ich diesen Menschen aber auch nicht so bezeichnen. Weder ihm gegenüber, noch jemand anders gegenüber. Das Wort „Autist“ ist nicht ungebührlich lang.

Wie mein Vater immer so gerne sagte: „So viel Zeit muss sein“.

Wenn meine blinde Freundin sich selbst als „Blindfisch“ bezeichnet, kann sie das gerne tun. Das gibt mir und jedem anderen aber nicht das Recht, es ebenso zu machen.

Ich bin alt genug, um mich bereits darüber geärgert zu haben, als in den jüngeren Jahrgängen unserer Schule die Wörter „Spast“ und „Spasti“ in Mode kamen.

Liebe Eltern – wie ist das? Wenn euer Kind eine spastische Lähmung hätte, würdet ihr es als „Spasti“ bezeichnen, und mir dann erklären, das sei ja nett gemeint? Würdet ihr euer blindes Kind als „Blindi“ oder euer gehörloses Kind als „Taubi“ bezeichnen?

Nein, ihr müsst mir diese Frage nicht beantworten. Beantwortet sie einfach nur euch selbst gegenüber mal kurz und ehrlich. Und falls die Antwort „nein“ wäre, fragt euch, warum nicht.

 

Ich habe mit dem Prinzip dieser Bezeichnungen viele Probleme. Ich greife hier einmal eines heraus.

Ich höre immer wieder: „Das ist ja ein Kosename“ – „Ich meine das ja nett.“

Wisst ihr, wo man „ich meine das ja gar nicht böse!“ und „ich meine das ja nett!“ hört? Immer und immer und immer wieder?

Beim Triezen, beim Ärgern, beim Belästigen.

Beim Mobbing.

In der Schule, aber auch sonst.

Ob „Spast“ oder „Fetti“ oder sonst etwas – Die Standardantwort auf einen Rüffel ob der verwendeten Bezeichnungen ist eine Variation von „Aber ich meine das doch nett.“

Und, ans Opfer gewandt: „Du weißt doch, dass ich das nicht böse meine, oder? Das macht dir doch nichts aus, oder?“

Ach ja… das hat man ja von zu Hause schon gelernt, nicht wahr? Wenn es nicht böse gemeint ist, darf man sich nicht darüber ärgern. Dann ist das hinzunehmen. Ist ja nett gemeint.

Wie genau wollt ihr euren Kindern erklären, dass diese Regelung NUR für euch gilt?

Warum sollte die überhaupt für euch gelten?

Was meint ihr, wie viel schwerer macht ihr es einem Kind, das vielleicht ohnehin schon Schwierigkeiten hat, Intentionen zu erraten, indem ihr diese Grauzone schafft?

Es ist okay, wenn es nett gemeint ist… Ein Prinzip, von dem sicher jeder, der Mobbing in irgendeiner Weise erlebt hat, mehr als ein Lied singen kann.

Eine Art von Übergriff, gegen die sich zu wehren umso schwerer wird, wenn von zu Hause aus Zweifel gesät werden, ob es nicht DOCH okay ist… solange es nicht böse gemeint ist…

Wenn bereits darauf konditioniert wurde, dass es doch okay ist… schließlich sagen Mama und Papa ja auch so etwas Ähnliches…und die meinen es ja auch nicht böse…

 

 

Zu oft höre ich dann auch den Satz: „Aber ich habe mit meinem Kind geredet, und mein Kind sagt, das ist für ihn/sie okay.“

Leute, wisst ihr was? Die Verantwortung für euer Verhalten auf eure Kinder (oder Teenager) abzuschieben?

Geht gar nicht.

Ihr werdet doch bitte als seit etlichen Jahren volljähriger Mensch etwas mehr Überblick über euer Handeln haben als eure Kinder, auch wenn diese schon im Teenageralter sein sollten.

Wollt ihr mir im Ernst erzählen, euer Kind würde das besser überblicken als ihr?

Oder, in Kurzfassung:

WER IST DENN HIER DER ERWACHSENE?

Trockenshampoo

Die Sache mit dem Haare waschen war schon immer ein Problembereich für mich. Solange ich mich erinnern kann, hatte ich Horror davor. Dabei kommen unterschiedliche Sachen zusammen. Wasser von oben, das Gefühl, wenn mir das Wasser über den Kopf läuft, das Risiko, davon etwas in meine extrem überempfindlichen Augen zu bekommen (selbst Wasser vom Abspülen ist für mich extrem schmerzhaft und führt dazu, dass ich einige Zeit nur verschwommen sehe und stark gerötete Augen habe), dann der anhaftende Geruch an den Haaren…

Lösungen – nun ja, hinauszögern, solange es geht, möglichst geruchsneutrales oder direkt für mich angenehm selbst gemachtes Shampoo, nie unter der Dusche sondern immer in der Badewanne, ohne Brause, mit Zurücklegen ins Wasser…

Nun ist ja heute der Geburtstag meines Mannes, und ich meine Haare hätten vor dem Geburtstagskaffee dringend nochmal gewaschen gehört.

Andererseits brauchte ich den Stress jetzt gerade aber echt nicht.

So fiel dann die Entscheidung, JETZT das auszuprobieren, was ich neulich im Laden mitgenommen habe, mit dem Gedanken: Das schauste dir mal in Betrieb an…

Im schlimmsten Fall hätte es dann nicht funktioniert, und ich hätte doch noch waschen müssen…

 

Laut Packungsaufschrift: Aufsprühen aus 20 cm Entfernung (Haarspray störte mich früher zumindest nicht, also wenig Bedenken meinerseits), kurz eintrocknen lassen, durchfrottieren und ausbürsten.

Im ersten Anlauf zu sparsam. Im zweiten okay. Ergebnis kann man sehen. Wasser nicht notwendig. Den Geruch finde ich OK, allerdings habe ich danach schon ausgesucht beim Kaufen.

Vom Gefühl her würde ich sagen, für immer ist es nichts, aber um an einem Tage, der ohnehin schon erhöhten Stresspegel hat, nicht auch noch Wasser auf dem Kopf haben zu müssen und trotzdem ordentlich aus dem Haus zu gehen, ist es allemal OK.

… und Montags Spaghetti

Es kommt immer mal wieder vor, dass sich bestimmte Themen auf seltsame Weise häufen. Nachdem wochen-, monate-, jahrelang niemand etwas davon erwähnt hat, taucht es plötzlich ständig auf.

So ein Thema fällt mir in letzter Zeit immer wieder auf, im Gespräch und beim Lesen auf Foren. Eltern autistischer Kinder sprechen von den „Essstörungen“ ihrer Kinder. Auch einige Autisten selbst listen „Essstörung“ in der Reihe ihrer Problematiken auf.

Da muss ich mich jedes Mal fragen: Sprechen die wirklich von Essstörungen?

Wissen die, was Essstörungen sind?

*

Ich zitiere mal Wikipedia, da die Definition dort recht eingängig ist:

“ Mit Essstörung bezeichnet man eine Verhaltensstörung mit meist ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden. Zentral ist die ständige gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema „Essen“. Sie betrifft die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und hängt mit psychosozialen Störungen und mit der Einstellung zum eigenen Körper zusammen“

https://de.wikipedia.org/wiki/Essst%C3%B6rung

 

In der Liste der Essstörungen findet man Anorexie, Bulimie, Esssucht, und anderes

 

Der ICD-10 – die Diagnoserichtlinien – nennt unter den Essstörungen:

Anorexie (Magersucht) in allen möglichen Varianten – “ durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert.“;

Bulimie  – durch „wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert“

Essattacken – Übermäßiges Essen als Reaktion auf belastende Ereignisse

Erbrechen bei psychischen Störungen

Pica

Psychogener Appetitverlust.

 

Es gibt jedoch auch viele andere Gründe, seine Ernährung einzuschränken, oder auch ungewöhnlich zu gestalten.


Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Allergien oder Unverträglichkeiten ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Krankheiten wie Zöliakie ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus religiösen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus ethischen oder anderen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus kulturellen Gründen ist KEINE Essstörung

Sich einfach aus „Spaß an der Freude“ für eine vegetarische oder vegane Lebensweise zu entscheiden ist KEINE Essstörung.

Das Meiden von Lebensmitteln, die als ekelhaft empfunden werden ist KEINE Essstörung (sonst sind bald noch alle essgestört, die etwa keine gerösteten Insekten essen mögen).

Das Meiden von Lebensmitteln, die nicht dem eigenen Geschmacksvorzug entsprechen, ist KEINE Essstörung.


 

Wie ist das nun mit den Autisten und dem Essen?

 

Ich kann nur für mich sprechen, aber es gibt einige Dinge, die mich beim Essen beeinflussen.

 

Das Offensichtlichste zuerst: Geschmack/Geruch.

Durch die fehlenden Filter nehme ich beides schon in sehr geringen Mengen sehr stark wahr. Ein Geruch/Geschmack, der mir sehr unangenehm ist, ist der der Gurke. Ich finde diese Geschmacksnote ekelerregend.
Das heißt für mich: Ich kann nicht einfach die Gurkenscheibe vom Sandwich nehmen und den Rest des Sandwichs essen. Ich schmecke die Gurke weiterhin, da der Geruch am restlichen Belag klebt. Wenn ich Pech habe und ein Sandwich erwische, das in einem engen Raum (dem Kasten an der Autobahnraststätte etwa) neben einem Sandwich mit Gurke lag, reicht das schon. Es ist nicht mehr genießbar. Stellt euch einfach mal vor, ihr würdet versuchen, ein Brot zu essen, das lange genug neben einer Pfütze Erbrochenem lag, um den Geruch anzunehmen. Viel Spaß.

Da ich Gerüche (das meiste, was wir als „Geschmack“ bezeichnen, sind ja in der Tat Gerüche) sehr intensiv „abbekomme“, werden sie mir vor allem in Kombination auch schnell zu viel. Stellt euch vor, es wäre doppelte oder dreifache Menge Glutamat ins Essen geraten.

Alternativ, denkt an das Phänomen „Amerikanische Süßigkeiten“. Wie oft hört man, dass Süßigkeiten aus den USA einfach nur künstlich und ekelhaft süß schmecken? Wie oft hört man, dass sich Leute „da drüben“ freuen, wenn wir ihnen was von unserem Süßkram schicken? (Ich habe auch ein paar Amerikaner, die ich mit Süßigkeits-„CARE“-Paketen versorge – im Gegenzug gibt es Bücher.)

Diesen Effekt des „zu viel“, bei dem neben dem Hauptgeschmack – „Süß“, „Sauer“, etc. – nichts anderes mehr durchkommt, habe ich auch bei anderen Dingen.

„Süßsauer“ geht gar nicht, das überlastet meine Geschmackswahrnehmung so, dass ich nach ein bis zwei Bissen nichts mehr runter bekomme.

 

Ein ähnlicher Effekt, bei dem ich schon nach wenigen Bissen „satt“ bin, tritt ein, wenn ich zu viele Geschmacksnoten mische. Das „satt“ ist in dem Fall so zu verstehen, dass der Körper aufgrund der Überladung mit unterschiedlichen Eindrücken die weitere Aufnahme verweigert. Der Hunger kommt dann wieder, sobald sich das etwas gelegt hat, was durchaus eine Weile dauern kann, bei einer Mischung ohne „Dominanten“ Geschmack bei mir aber glücklicherweise nicht allzu viel Zeit benötigt.

Ich mische Essen auf dem Teller nur, wenn ich es nicht vermeiden kann. Soßen, Ketchup, Zucker, Salz, was auch immer man normalerweise auf dem Essen verteilen würde, kommt bei mir an den Tellerrand. Dann wird Bissen für Bissen nach Bedarf und Kapazität eingetunkt.

Ausnahmen mache ich bei einigen wenigen Dingen, die entweder für mich nicht stark ins Gewicht fallen (es gibt tatsächlich auch Gerüche/Geschmacksnoten, auf die ich Hyposensibel reagiere, die ich also weniger stark wahrnehme als andere), oder ganz bestimmte Soßen, die ich seit Jahren oder Jahrzehnten unverändert kenne, und für die ich daher eine Art speziellen künstlichen Filter aufgebaut habe – eine Toleranz sozusagen. Die in meiner Familie gekochte Tomatensoße für die Spaghetti wäre dafür ein Beispiel.

 

Für den NT ist es wohl relativ leicht, einen unangenehmen Geschmack durch Trinken von Wasser oder Abwarten loszuwerden.

Ich hingegen habe den unter Umständen noch stundenlang im Mund, und da unangenehm oft sehr intensiv wahrgenommen wird, übertönt er dann alles andere.

Dafür habe ich ein paar wenige für mich angenehme Gerüche, die ich ebenfalls sehr intensiv wahrnehme, und die ich zum „überdecken“ verwenden kann.

Das erste Mal, dass ich das regelmäßig gemacht habe, habe ich es noch nicht mal mit Absicht getan. Ich hätte damals keinem sagen können, warum genau ich das mache… aber ich hatte damals eine seltsame „Liebe“ für Pullmoll Wildkirsch entdeckt. Es musste exakt diese eine Geschmacksrichtung sein, und über Jahre hinweg hatte ich fast ständig eines davon im Mund.

Leider ist das Zeug zuckerfrei, und auf der Dose steht so schön „kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“. Das habe ich lange einfach ausgesessen – die Gewöhnung erfolgte leider nicht so hundertprozentig – aber irgendwann im zweiten oder dritten Studiensemester kam der Punkt, an dem ich den übermäßigen Verzehr wirklich einstellen musste. Das war auch in etwa der Zeitpunkt, an dem mir der Sinn hinter meinem Pullmollkonsum dann plötzlich recht deutlich klar wurde.

Heute habe ich üblicherweise Zitronenbonbons in der Tasche, wahlweise Fisherman’s Friend (Zitrone, im Notfall auch die „normalen“), und eine Tüte FF im Auto liegen. Auf die annähernd ununterbrochene Verwendung verzichte ich allerdings.

 

Ein zweiter großer Punkt für mich ist die Textur.

Neben dem Geschmack ist auch das Gefühl des Essens im Mund relevant.

Für mich persönlich ist es sehr wichtig, dass mein Essen nicht glatt ist, sondern texturiert.

Beispiel Kartoffelpüree: Selbstgemacht aus gestampften Kartoffeln hat es eine unregelmäßige Textur, die ich angenehm finde und gerne essen. Angerührt aus der Tüte ist es glatt, einheitlich, ohne „Unterbrechung“ der Masse, und löst in meinem Mund das Gefühl aus, als würde sich dort drin etwas glitschiges, glibberiges, rutschiges und sehr selbständiges im Mund. Klingt nicht besonders angenehm, oder?

Genau… ist es auch nicht.

Deshalb esse ich auch Suppe ungern ohne Einlage. Geröstete Brotwürfel, Backerbsen, oder auch einfach nur eine großzügige Zugabe von geschnittenem Schnittlauch machen die Suppe essbar. Außer, die Suppe ist ohnehin dick und texturiert, wie die Kartoffelsuppe meiner Mutter. Dann ist sie sowieso essbar. Allerdings habe ich auch dann gerne ein Butterbrot daneben, von dem ich zwischenrein mal einen Bissen zugeben kann.

Anderes Beispiel: Der Spinat mit dem Blubb schmeckt toll, aber bitte nur mit Rührei kombiniert, sonst habe ich da nämlich auch ein Konsistenzproblem. Pudding ist mir am liebsten, wenn er kleine Klumpen hat, also so, wie er eigentlich nicht sein soll. Grießbrei ist toll, weil er richtig zubereitet seine Textur nicht verliert.

Mittel der Wahl gegen andauerndes Geglibber im Mund noch Stunden nach der Mahlzeit: Tüte Kartoffelchips. Die sind schön hart, bröselig und können bei mir zum Überdecken „herhalten“.

 

Ähnlich ist mein Verhältnis zu Bandnudeln. Eigentlich mag ich alle Arten von Pasta gerne. Mit Bandnudeln allerdings stehe ich auf Kriegsfuß. Da habe ich gefühlt den Mund voll (lebender) Regenwürmer. Muss nicht sein.

 

Eine weitere Textur, die ich überhaupt nicht ausstehen kann, ist alles, was faserig ist. Fleisch war das erste, was in dem Bereich „fiel“ – viel gegessen habe ich es ohnehin nie. Ich bin seit ich ca. 10 Jahre alt war Vegetarier. Spargel beispielsweise hat aber eine ähnlich unangenehme Textur, sodass ich ihn, auch wenn er mir geschmacklich sehr zusagen würde, nie außerhalb der Spargelcremesuppe (mit Schnittlauch bitte) esse.

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Einigermaßen typisch für Autisten dürfte es sein, tagelang – wochenlang – das gleiche essen zu können – und zu wollen. Prä-vegetarisch musste es bei mir jeden Abend Leberwurstbrot sein. Danach Frischkäsetoast. Dann Käsebrot. Jede dieser Phasen dauerte mehrere Jahre.

Wenn ich für mich alleine koche, gibt es oft Tag für Tag dasselbe Essen. Gerne auch zweimal am Tag. Das Gehirn bastelt sich eine Art Filterersatz. Der einheitliche Geschmack lenkt weniger ab, wird beruhigend statt störend, unterbricht den Ablauf nicht mehr. Ist im Nachgeschmack leichter auszublenden. Er erfordert schlicht weniger Energie, und warum sollte ich ohne guten Grund Kapazitäten verschwenden?

Ich sage gerne – und zwar nur halb als Witz – dass ich nun wirklich alt genug bin, um jeden Tag Käsespätzle zu essen, wenn mir das passt.

 

Nur montags nicht – denn montags gibt es Spaghetti.

Das wiederum hat einen Hintergrund, der in meine Kindheit zurückreicht. Ich war die älteste von fünf. Irgendwann hatte jedes Kind andere Zeiten, andere Verpflichtungen, Verabredungen, Nachmittagsunterricht, Musikschule, etc. Der Montag war bei uns ein besonders stressiger Tag.

Spaghetti sind schnell zu kochen, wenig Aufwand in der Zubereitung und im Wegräumen, und auch leicht durch Zubereiten von zwei Soßen für die Vegetarier und die Nichtvegetarier anzupassen. Und so gab es bei uns montags Spaghetti. Wöchentlich. Über Jahre.

Auch da bildet sich eine Art Filterersatz aus. Eher eine Art Schablone, vielleicht. Spaghetti gehören für mich zum Montag. Der Geschmack von Spaghetti mit Napoli-Soße, einem Schuss geschmolzener Butter und geriebenem Käse sagt meinem Gehirn noch heute: Das Wochenende ist vorbei. Zeit, was zu arbeiten. Und: Du hast heute Nachmittag was zu tun. Bei Spaghetti schaltet mein Körper direkt in den „Macher-Modus“ und mobilisiert Energie. Ehemals für den Nachmittagsunterricht. Heute nutze ich das auch gerne, um schon mal einen Vorsprung mit der Arbeit für die Woche zu erlangen. Schlecht sind Spaghetti „außer der Reihe“ am Wochenende – denn abschalten oder ausspannen ist kaum möglich, wenn sich gerade alles auf „Action“ eingestellt hat.

Und bevor jemand über meine Montagsspaghetti lacht: Der Kasperl und der Seppl haben auch jeden Donnerstag Bratwurst mit Sauerkraut (siehe Ottfried Preußler: Räuber Hotzenplotz)

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Und wie lief das nun in meiner Kindheit?

Eigentlich sogar relativ problemlos.

Wir konnten uns zum Frühstück und Abendessen unser Essen frei wählen. Das durfte auch über Jahre hinweg täglich dasselbe sein (in dem Zusammenhang übrigens: Warum bitte irritiert es keinen NT, wenn ein anderer NT über Jahrzehnte jeden Tag dasselbe zum FRÜHSTÜCK isst, aber bei allen anderen Mahlzeiten wird großes Theater gemacht? Warum bitte ist das Frühstück die einzige Mahlzeit, bei der fehlende Varietät „normal“ sein darf?).

Mittags gab es, was es eben gab (und montags Spaghetti), aber Essen wurde nie „gemischt“ auf den Tisch gestellt. Die Nudeln getrennt von der Soße, das Fleisch separat, jedes vernünftig trennbare Gemüse in einer eigenen Schüssel… Mischen konnte jeder auf dem Teller. Weglassen, was einem nicht zusagte, auch. Wie heißt es so schön bei Janosch? Jeder darf essen, was gut für ihn ist.

Es ist aber gerade dieses unproblematische „iss, was für dich passt“, das es möglich macht, auch mal etwas neues auszuprobieren. Hätte ich davon ausgehen müssen, ein potenziell unangenehmes, ekelhaftes, schlecht schmeckendes Essen aufessen zu müssen (oder erst nach langer lauter Diskussion liegen lassen dürfen), wäre ich sicher noch weniger bereit gewesen, einmal etwas neues auszuprobieren. Je mehr Ärger ein „Problem“ macht, desto mehr wird man versuchen, es zu vermeiden. Mir tun Kinder leid, die sich, wissend, dass es gleich ganz großes Kino geben wird, wenn sie nach dem ersten Probieren merken, das Essen geht nicht, verzweifelt an einige wenige bekannte Sachen klammern. Das ist aber auch keine Essstörung… das nennt man anders…

 

Ein Problem, in gewisser Weise, waren (und sind gelegentlich) Restaurants. Als Kind hatte ich, wenn wir auswärts essen waren, genau ein Gericht, das ich sinnvoll bestellen und essen konnte: Pommes Frites. Die sind einigermaßen einheitlich, d.h. es funktioniert eine „Essensschablone“ von zu Hause, im Notfall salzt man so lange, bis man nichts anderes mehr schmecken kann… Die große Katastrophe kam dann, wenn es unerwartet einmal keine gab. Dann war doppelt Not am Mann, weil nicht nur mental keine passende „Schablone“ dabei war, sondern auch noch die bereits „eingelegte“ leer blieb. Also: Der erwartete Reiz (Geschmack/Textur/Temperatur/etc.) blieb aus, dafür gab es unter Umständen einen komplett anderen, auf den ich nicht vorbereitet war. Overload garantiert. Meltdown unter Umständen nicht weit entfernt, vor allem, da ja Gasthäuser auch sonst nicht gerade die reizärmsten Umgebungen sind.

Heute telefoniere ich bei mir unbekannten Restaurants vorzugsweise vorher einmal mit der Örtlichkeit und kläre ab, was es gibt. Auf Onlinekarten ist nicht unbedingt Verlass. Da ich vegetarisch esse, ist die Absprache auch aus dem Blickwinkel oft sinnvoll. Die meisten Örtlichkeiten haben inzwischen gute vegetarische Gerichte, aber es kommt auch immer mal vor, dass jemand nicht mit der Zeit gehen möchte. Dann gehe ich auch nicht – allerdings nicht mit der Zeit, sondern mit zum Essen.

Senfkristall

Es ist ein paar Jahre her. Ich war dabei, eine Immobilie zu kaufen. Der aktuelle Eigentümer hatte sich etwas übernommen – großes altes Gebäude, Renovierung deutlich teurer als geplant… Wir saßen bei ihm im Wohnzimmer, es sollte geklärt werden, welche Kosten ich zu übernehmen bereit wäre usw. Eigentlich keine große Sache, allerdings fand ich die Art einer anwesenden Person extrem schwer zu tolerieren. Viel fehlte nicht mehr, und ich hätte ihm gesagt, wo er sich seine überhebliche Art hinstecken konnte.

Etwa zu dem Zeitpunkt fiel der Hausherrin ein, dass sie ja mal Getränke anbieten könnte. Ich war schon halb dabei, abzulehnen – jetzt noch irgendein Trinkgefäß zu bekommen, das mir in der Verwendung unangenehm wäre, war gerade nichts, das ich brauchen konnte… das allerletzte, was ich jetzt wollte, war noch ein Kunststoffbecher oder irgendwas…

Dementsprechend rutschte mir auch direkt, als sie die Gläser auf den Tisch stellte, recht erfreut raus: „Oh, Thomy-Senfkristall. Cool, die hab ich auch.“

Dem eher unangenehmen Menschen klappte dann gleich mal der Mund wieder zu… es wurde später noch spekuliert, er hätte wohl schon angesetzt gehabt, sich abfällig über Leute zu äußern, die aus Senfgläsern trinken, weil sie sich keine Trinkgläser leisten können oder so.

Naja, vorbeugend stellte ich dann bim nächsten Termin (der bei mir stattfand) direkt das „Senfkristall“ auf den Tisch.

 

Was ich nicht so recht nachvollziehen kann, ist der Gedanke, dass die Weiterverwendung der Senfgläser als Trinkglas was mit „sich leisten können“ zu tun hat. Es sind Gläser. Sie haben eine gute Form, eine praktische Größe, sie sind ohnehin im Haus, und wegwerfen wäre doch wohl Verschwendung…

Also ich jedenfalls bin mit dem „Senfkristall“ aufgewachsen, es waren sowohl bei meinen Großeltern als auch bei meinen  Eltern die Alltagsgläser, und es sind auch meine. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin, und das „Senfkristall“ auf den Tisch kommt, dann freut mich das, weil es sich „richtig“ anfühlt. Die Form, die Größe, die Art, wie das Glas in der Hand liegt, das Gefühl beim Trinken – es stimmt einfach. Es ist, wie es für mich „sein sollte“.

Ja, es kann ganz schön blöd sein, wenn man sich an sowas so „aufhängen“ kann, aber es gibt echt Trinkgefäße, da halte ich lieber den ganzen Tag ohne was zu trinken durch, als dass ich die an die Lippen setze. Dazu gehört Kunststoff (fühlt sich für mich immer „warm“ an und verdirbt jedes Getränk), alles, was im Mundbereich eine Struktur hat, die ich beim Trinken fühle, und alles, was so dünnwandig ist, dass ich das Gefühl habe, ich könnte Problemlos ein Stück rausbrechen.  Außerdem Formen, die nicht ganz rund sind.

Ungern mag ich auch Gläser, in denen ich schlecht abschätzen kann, wie viel noch drin ist, und solche, die irgendwelche Gimmicks im Boden haben. Da schaue ich dann nirgends anders mehr hin.

Am einfachsten ist es also wirklich, man stellt mir das Senfkristall hin.

 

In dem Zusammenhang sorgte meine Mutter gerade für Erheiterung.

Bei ihr gibt es kein Thomy-Senfkristall sondern Develey-Senfkristall – weil sie Thomy nicht mag, und gekauft werden die Dinger ja nun mal wegen dem Senf, der drin ist. Die Gläser sind aber in der Größe usw. so gut wie identisch, nur der Fuß unterscheidet sich etwas.

Allerdings hat meine Mutter gerade mit Develey ein kleines „Hühnchen zu rupfen“. Denn das Unternehmen ist umgestiegen.

„Von Trinkgläsern auf Marmeladengläser“, um es mit ihren Worten zu sagen.

Ich schaute erst mal etwas sparsam. Sie hielt mir ein Glas unter die Nase und nahm den Deckel ab.

„Sind hervorragende Marmeladengläser ,“ sagte sie. „Nur trinken kann man halt nicht draus.“

Ah. Schraubverschluss meint sie… ihre Marke ist vom glatten Rand auf einen Schraubverschluss umgestiegen… Kapiert habe ich es, aber ob ich jemals den Gedanken aus dem Kopf bekomme, dass Develey Senf im Marmeladenglas verkauft… oder das Kopfkino dazu wieder los werde…