Guter Tipp am Rande…

Braucht man gelegentlich. Vera Felicitas Birkenbiehl, Asperger-Kollegin und leider schon das sechste Jahr tot, sodass es – schade ist es – keine neuen Vorlesungen mit ihr mehr gibt… Aber immer wieder sehenswert.

Und falls jemand ganz viel Zeit hat – hier gibt’s das Ding in ganz:

 

 

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Trockenshampoo

Die Sache mit dem Haare waschen war schon immer ein Problembereich für mich. Solange ich mich erinnern kann, hatte ich Horror davor. Dabei kommen unterschiedliche Sachen zusammen. Wasser von oben, das Gefühl, wenn mir das Wasser über den Kopf läuft, das Risiko, davon etwas in meine extrem überempfindlichen Augen zu bekommen (selbst Wasser vom Abspülen ist für mich extrem schmerzhaft und führt dazu, dass ich einige Zeit nur verschwommen sehe und stark gerötete Augen habe), dann der anhaftende Geruch an den Haaren…

Lösungen – nun ja, hinauszögern, solange es geht, möglichst geruchsneutrales oder direkt für mich angenehm selbst gemachtes Shampoo, nie unter der Dusche sondern immer in der Badewanne, ohne Brause, mit Zurücklegen ins Wasser…

Nun ist ja heute der Geburtstag meines Mannes, und ich meine Haare hätten vor dem Geburtstagskaffee dringend nochmal gewaschen gehört.

Andererseits brauchte ich den Stress jetzt gerade aber echt nicht.

So fiel dann die Entscheidung, JETZT das auszuprobieren, was ich neulich im Laden mitgenommen habe, mit dem Gedanken: Das schauste dir mal in Betrieb an…

Im schlimmsten Fall hätte es dann nicht funktioniert, und ich hätte doch noch waschen müssen…

 

Laut Packungsaufschrift: Aufsprühen aus 20 cm Entfernung (Haarspray störte mich früher zumindest nicht, also wenig Bedenken meinerseits), kurz eintrocknen lassen, durchfrottieren und ausbürsten.

Im ersten Anlauf zu sparsam. Im zweiten okay. Ergebnis kann man sehen. Wasser nicht notwendig. Den Geruch finde ich OK, allerdings habe ich danach schon ausgesucht beim Kaufen.

Vom Gefühl her würde ich sagen, für immer ist es nichts, aber um an einem Tage, der ohnehin schon erhöhten Stresspegel hat, nicht auch noch Wasser auf dem Kopf haben zu müssen und trotzdem ordentlich aus dem Haus zu gehen, ist es allemal OK.

… und Montags Spaghetti

Es kommt immer mal wieder vor, dass sich bestimmte Themen auf seltsame Weise häufen. Nachdem wochen-, monate-, jahrelang niemand etwas davon erwähnt hat, taucht es plötzlich ständig auf.

So ein Thema fällt mir in letzter Zeit immer wieder auf, im Gespräch und beim Lesen auf Foren. Eltern autistischer Kinder sprechen von den „Essstörungen“ ihrer Kinder. Auch einige Autisten selbst listen „Essstörung“ in der Reihe ihrer Problematiken auf.

Da muss ich mich jedes Mal fragen: Sprechen die wirklich von Essstörungen?

Wissen die, was Essstörungen sind?

*

Ich zitiere mal Wikipedia, da die Definition dort recht eingängig ist:

“ Mit Essstörung bezeichnet man eine Verhaltensstörung mit meist ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden. Zentral ist die ständige gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema „Essen“. Sie betrifft die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und hängt mit psychosozialen Störungen und mit der Einstellung zum eigenen Körper zusammen“

https://de.wikipedia.org/wiki/Essst%C3%B6rung

 

In der Liste der Essstörungen findet man Anorexie, Bulimie, Esssucht, und anderes

 

Der ICD-10 – die Diagnoserichtlinien – nennt unter den Essstörungen:

Anorexie (Magersucht) in allen möglichen Varianten – “ durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert.“;

Bulimie  – durch „wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert“

Essattacken – Übermäßiges Essen als Reaktion auf belastende Ereignisse

Erbrechen bei psychischen Störungen

Pica

Psychogener Appetitverlust.

 

Es gibt jedoch auch viele andere Gründe, seine Ernährung einzuschränken, oder auch ungewöhnlich zu gestalten.


Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Allergien oder Unverträglichkeiten ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Krankheiten wie Zöliakie ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus religiösen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus ethischen oder anderen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus kulturellen Gründen ist KEINE Essstörung

Sich einfach aus „Spaß an der Freude“ für eine vegetarische oder vegane Lebensweise zu entscheiden ist KEINE Essstörung.

Das Meiden von Lebensmitteln, die als ekelhaft empfunden werden ist KEINE Essstörung (sonst sind bald noch alle essgestört, die etwa keine gerösteten Insekten essen mögen).

Das Meiden von Lebensmitteln, die nicht dem eigenen Geschmacksvorzug entsprechen, ist KEINE Essstörung.


 

Wie ist das nun mit den Autisten und dem Essen?

 

Ich kann nur für mich sprechen, aber es gibt einige Dinge, die mich beim Essen beeinflussen.

 

Das Offensichtlichste zuerst: Geschmack/Geruch.

Durch die fehlenden Filter nehme ich beides schon in sehr geringen Mengen sehr stark wahr. Ein Geruch/Geschmack, der mir sehr unangenehm ist, ist der der Gurke. Ich finde diese Geschmacksnote ekelerregend.
Das heißt für mich: Ich kann nicht einfach die Gurkenscheibe vom Sandwich nehmen und den Rest des Sandwichs essen. Ich schmecke die Gurke weiterhin, da der Geruch am restlichen Belag klebt. Wenn ich Pech habe und ein Sandwich erwische, das in einem engen Raum (dem Kasten an der Autobahnraststätte etwa) neben einem Sandwich mit Gurke lag, reicht das schon. Es ist nicht mehr genießbar. Stellt euch einfach mal vor, ihr würdet versuchen, ein Brot zu essen, das lange genug neben einer Pfütze Erbrochenem lag, um den Geruch anzunehmen. Viel Spaß.

Da ich Gerüche (das meiste, was wir als „Geschmack“ bezeichnen, sind ja in der Tat Gerüche) sehr intensiv „abbekomme“, werden sie mir vor allem in Kombination auch schnell zu viel. Stellt euch vor, es wäre doppelte oder dreifache Menge Glutamat ins Essen geraten.

Alternativ, denkt an das Phänomen „Amerikanische Süßigkeiten“. Wie oft hört man, dass Süßigkeiten aus den USA einfach nur künstlich und ekelhaft süß schmecken? Wie oft hört man, dass sich Leute „da drüben“ freuen, wenn wir ihnen was von unserem Süßkram schicken? (Ich habe auch ein paar Amerikaner, die ich mit Süßigkeits-„CARE“-Paketen versorge – im Gegenzug gibt es Bücher.)

Diesen Effekt des „zu viel“, bei dem neben dem Hauptgeschmack – „Süß“, „Sauer“, etc. – nichts anderes mehr durchkommt, habe ich auch bei anderen Dingen.

„Süßsauer“ geht gar nicht, das überlastet meine Geschmackswahrnehmung so, dass ich nach ein bis zwei Bissen nichts mehr runter bekomme.

 

Ein ähnlicher Effekt, bei dem ich schon nach wenigen Bissen „satt“ bin, tritt ein, wenn ich zu viele Geschmacksnoten mische. Das „satt“ ist in dem Fall so zu verstehen, dass der Körper aufgrund der Überladung mit unterschiedlichen Eindrücken die weitere Aufnahme verweigert. Der Hunger kommt dann wieder, sobald sich das etwas gelegt hat, was durchaus eine Weile dauern kann, bei einer Mischung ohne „Dominanten“ Geschmack bei mir aber glücklicherweise nicht allzu viel Zeit benötigt.

Ich mische Essen auf dem Teller nur, wenn ich es nicht vermeiden kann. Soßen, Ketchup, Zucker, Salz, was auch immer man normalerweise auf dem Essen verteilen würde, kommt bei mir an den Tellerrand. Dann wird Bissen für Bissen nach Bedarf und Kapazität eingetunkt.

Ausnahmen mache ich bei einigen wenigen Dingen, die entweder für mich nicht stark ins Gewicht fallen (es gibt tatsächlich auch Gerüche/Geschmacksnoten, auf die ich Hyposensibel reagiere, die ich also weniger stark wahrnehme als andere), oder ganz bestimmte Soßen, die ich seit Jahren oder Jahrzehnten unverändert kenne, und für die ich daher eine Art speziellen künstlichen Filter aufgebaut habe – eine Toleranz sozusagen. Die in meiner Familie gekochte Tomatensoße für die Spaghetti wäre dafür ein Beispiel.

 

Für den NT ist es wohl relativ leicht, einen unangenehmen Geschmack durch Trinken von Wasser oder Abwarten loszuwerden.

Ich hingegen habe den unter Umständen noch stundenlang im Mund, und da unangenehm oft sehr intensiv wahrgenommen wird, übertönt er dann alles andere.

Dafür habe ich ein paar wenige für mich angenehme Gerüche, die ich ebenfalls sehr intensiv wahrnehme, und die ich zum „überdecken“ verwenden kann.

Das erste Mal, dass ich das regelmäßig gemacht habe, habe ich es noch nicht mal mit Absicht getan. Ich hätte damals keinem sagen können, warum genau ich das mache… aber ich hatte damals eine seltsame „Liebe“ für Pullmoll Wildkirsch entdeckt. Es musste exakt diese eine Geschmacksrichtung sein, und über Jahre hinweg hatte ich fast ständig eines davon im Mund.

Leider ist das Zeug zuckerfrei, und auf der Dose steht so schön „kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“. Das habe ich lange einfach ausgesessen – die Gewöhnung erfolgte leider nicht so hundertprozentig – aber irgendwann im zweiten oder dritten Studiensemester kam der Punkt, an dem ich den übermäßigen Verzehr wirklich einstellen musste. Das war auch in etwa der Zeitpunkt, an dem mir der Sinn hinter meinem Pullmollkonsum dann plötzlich recht deutlich klar wurde.

Heute habe ich üblicherweise Zitronenbonbons in der Tasche, wahlweise Fisherman’s Friend (Zitrone, im Notfall auch die „normalen“), und eine Tüte FF im Auto liegen. Auf die annähernd ununterbrochene Verwendung verzichte ich allerdings.

 

Ein zweiter großer Punkt für mich ist die Textur.

Neben dem Geschmack ist auch das Gefühl des Essens im Mund relevant.

Für mich persönlich ist es sehr wichtig, dass mein Essen nicht glatt ist, sondern texturiert.

Beispiel Kartoffelpüree: Selbstgemacht aus gestampften Kartoffeln hat es eine unregelmäßige Textur, die ich angenehm finde und gerne essen. Angerührt aus der Tüte ist es glatt, einheitlich, ohne „Unterbrechung“ der Masse, und löst in meinem Mund das Gefühl aus, als würde sich dort drin etwas glitschiges, glibberiges, rutschiges und sehr selbständiges im Mund. Klingt nicht besonders angenehm, oder?

Genau… ist es auch nicht.

Deshalb esse ich auch Suppe ungern ohne Einlage. Geröstete Brotwürfel, Backerbsen, oder auch einfach nur eine großzügige Zugabe von geschnittenem Schnittlauch machen die Suppe essbar. Außer, die Suppe ist ohnehin dick und texturiert, wie die Kartoffelsuppe meiner Mutter. Dann ist sie sowieso essbar. Allerdings habe ich auch dann gerne ein Butterbrot daneben, von dem ich zwischenrein mal einen Bissen zugeben kann.

Anderes Beispiel: Der Spinat mit dem Blubb schmeckt toll, aber bitte nur mit Rührei kombiniert, sonst habe ich da nämlich auch ein Konsistenzproblem. Pudding ist mir am liebsten, wenn er kleine Klumpen hat, also so, wie er eigentlich nicht sein soll. Grießbrei ist toll, weil er richtig zubereitet seine Textur nicht verliert.

Mittel der Wahl gegen andauerndes Geglibber im Mund noch Stunden nach der Mahlzeit: Tüte Kartoffelchips. Die sind schön hart, bröselig und können bei mir zum Überdecken „herhalten“.

 

Ähnlich ist mein Verhältnis zu Bandnudeln. Eigentlich mag ich alle Arten von Pasta gerne. Mit Bandnudeln allerdings stehe ich auf Kriegsfuß. Da habe ich gefühlt den Mund voll (lebender) Regenwürmer. Muss nicht sein.

 

Eine weitere Textur, die ich überhaupt nicht ausstehen kann, ist alles, was faserig ist. Fleisch war das erste, was in dem Bereich „fiel“ – viel gegessen habe ich es ohnehin nie. Ich bin seit ich ca. 10 Jahre alt war Vegetarier. Spargel beispielsweise hat aber eine ähnlich unangenehme Textur, sodass ich ihn, auch wenn er mir geschmacklich sehr zusagen würde, nie außerhalb der Spargelcremesuppe (mit Schnittlauch bitte) esse.

*

Einigermaßen typisch für Autisten dürfte es sein, tagelang – wochenlang – das gleiche essen zu können – und zu wollen. Prä-vegetarisch musste es bei mir jeden Abend Leberwurstbrot sein. Danach Frischkäsetoast. Dann Käsebrot. Jede dieser Phasen dauerte mehrere Jahre.

Wenn ich für mich alleine koche, gibt es oft Tag für Tag dasselbe Essen. Gerne auch zweimal am Tag. Das Gehirn bastelt sich eine Art Filterersatz. Der einheitliche Geschmack lenkt weniger ab, wird beruhigend statt störend, unterbricht den Ablauf nicht mehr. Ist im Nachgeschmack leichter auszublenden. Er erfordert schlicht weniger Energie, und warum sollte ich ohne guten Grund Kapazitäten verschwenden?

Ich sage gerne – und zwar nur halb als Witz – dass ich nun wirklich alt genug bin, um jeden Tag Käsespätzle zu essen, wenn mir das passt.

 

Nur montags nicht – denn montags gibt es Spaghetti.

Das wiederum hat einen Hintergrund, der in meine Kindheit zurückreicht. Ich war die älteste von fünf. Irgendwann hatte jedes Kind andere Zeiten, andere Verpflichtungen, Verabredungen, Nachmittagsunterricht, Musikschule, etc. Der Montag war bei uns ein besonders stressiger Tag.

Spaghetti sind schnell zu kochen, wenig Aufwand in der Zubereitung und im Wegräumen, und auch leicht durch Zubereiten von zwei Soßen für die Vegetarier und die Nichtvegetarier anzupassen. Und so gab es bei uns montags Spaghetti. Wöchentlich. Über Jahre.

Auch da bildet sich eine Art Filterersatz aus. Eher eine Art Schablone, vielleicht. Spaghetti gehören für mich zum Montag. Der Geschmack von Spaghetti mit Napoli-Soße, einem Schuss geschmolzener Butter und geriebenem Käse sagt meinem Gehirn noch heute: Das Wochenende ist vorbei. Zeit, was zu arbeiten. Und: Du hast heute Nachmittag was zu tun. Bei Spaghetti schaltet mein Körper direkt in den „Macher-Modus“ und mobilisiert Energie. Ehemals für den Nachmittagsunterricht. Heute nutze ich das auch gerne, um schon mal einen Vorsprung mit der Arbeit für die Woche zu erlangen. Schlecht sind Spaghetti „außer der Reihe“ am Wochenende – denn abschalten oder ausspannen ist kaum möglich, wenn sich gerade alles auf „Action“ eingestellt hat.

Und bevor jemand über meine Montagsspaghetti lacht: Der Kasperl und der Seppl haben auch jeden Donnerstag Bratwurst mit Sauerkraut (siehe Ottfried Preußler: Räuber Hotzenplotz)

*

Und wie lief das nun in meiner Kindheit?

Eigentlich sogar relativ problemlos.

Wir konnten uns zum Frühstück und Abendessen unser Essen frei wählen. Das durfte auch über Jahre hinweg täglich dasselbe sein (in dem Zusammenhang übrigens: Warum bitte irritiert es keinen NT, wenn ein anderer NT über Jahrzehnte jeden Tag dasselbe zum FRÜHSTÜCK isst, aber bei allen anderen Mahlzeiten wird großes Theater gemacht? Warum bitte ist das Frühstück die einzige Mahlzeit, bei der fehlende Varietät „normal“ sein darf?).

Mittags gab es, was es eben gab (und montags Spaghetti), aber Essen wurde nie „gemischt“ auf den Tisch gestellt. Die Nudeln getrennt von der Soße, das Fleisch separat, jedes vernünftig trennbare Gemüse in einer eigenen Schüssel… Mischen konnte jeder auf dem Teller. Weglassen, was einem nicht zusagte, auch. Wie heißt es so schön bei Janosch? Jeder darf essen, was gut für ihn ist.

Es ist aber gerade dieses unproblematische „iss, was für dich passt“, das es möglich macht, auch mal etwas neues auszuprobieren. Hätte ich davon ausgehen müssen, ein potenziell unangenehmes, ekelhaftes, schlecht schmeckendes Essen aufessen zu müssen (oder erst nach langer lauter Diskussion liegen lassen dürfen), wäre ich sicher noch weniger bereit gewesen, einmal etwas neues auszuprobieren. Je mehr Ärger ein „Problem“ macht, desto mehr wird man versuchen, es zu vermeiden. Mir tun Kinder leid, die sich, wissend, dass es gleich ganz großes Kino geben wird, wenn sie nach dem ersten Probieren merken, das Essen geht nicht, verzweifelt an einige wenige bekannte Sachen klammern. Das ist aber auch keine Essstörung… das nennt man anders…

 

Ein Problem, in gewisser Weise, waren (und sind gelegentlich) Restaurants. Als Kind hatte ich, wenn wir auswärts essen waren, genau ein Gericht, das ich sinnvoll bestellen und essen konnte: Pommes Frites. Die sind einigermaßen einheitlich, d.h. es funktioniert eine „Essensschablone“ von zu Hause, im Notfall salzt man so lange, bis man nichts anderes mehr schmecken kann… Die große Katastrophe kam dann, wenn es unerwartet einmal keine gab. Dann war doppelt Not am Mann, weil nicht nur mental keine passende „Schablone“ dabei war, sondern auch noch die bereits „eingelegte“ leer blieb. Also: Der erwartete Reiz (Geschmack/Textur/Temperatur/etc.) blieb aus, dafür gab es unter Umständen einen komplett anderen, auf den ich nicht vorbereitet war. Overload garantiert. Meltdown unter Umständen nicht weit entfernt, vor allem, da ja Gasthäuser auch sonst nicht gerade die reizärmsten Umgebungen sind.

Heute telefoniere ich bei mir unbekannten Restaurants vorzugsweise vorher einmal mit der Örtlichkeit und kläre ab, was es gibt. Auf Onlinekarten ist nicht unbedingt Verlass. Da ich vegetarisch esse, ist die Absprache auch aus dem Blickwinkel oft sinnvoll. Die meisten Örtlichkeiten haben inzwischen gute vegetarische Gerichte, aber es kommt auch immer mal vor, dass jemand nicht mit der Zeit gehen möchte. Dann gehe ich auch nicht – allerdings nicht mit der Zeit, sondern mit zum Essen.

Senfkristall

Es ist ein paar Jahre her. Ich war dabei, eine Immobilie zu kaufen. Der aktuelle Eigentümer hatte sich etwas übernommen – großes altes Gebäude, Renovierung deutlich teurer als geplant… Wir saßen bei ihm im Wohnzimmer, es sollte geklärt werden, welche Kosten ich zu übernehmen bereit wäre usw. Eigentlich keine große Sache, allerdings fand ich die Art einer anwesenden Person extrem schwer zu tolerieren. Viel fehlte nicht mehr, und ich hätte ihm gesagt, wo er sich seine überhebliche Art hinstecken konnte.

Etwa zu dem Zeitpunkt fiel der Hausherrin ein, dass sie ja mal Getränke anbieten könnte. Ich war schon halb dabei, abzulehnen – jetzt noch irgendein Trinkgefäß zu bekommen, das mir in der Verwendung unangenehm wäre, war gerade nichts, das ich brauchen konnte… das allerletzte, was ich jetzt wollte, war noch ein Kunststoffbecher oder irgendwas…

Dementsprechend rutschte mir auch direkt, als sie die Gläser auf den Tisch stellte, recht erfreut raus: „Oh, Thomy-Senfkristall. Cool, die hab ich auch.“

Dem eher unangenehmen Menschen klappte dann gleich mal der Mund wieder zu… es wurde später noch spekuliert, er hätte wohl schon angesetzt gehabt, sich abfällig über Leute zu äußern, die aus Senfgläsern trinken, weil sie sich keine Trinkgläser leisten können oder so.

Naja, vorbeugend stellte ich dann bim nächsten Termin (der bei mir stattfand) direkt das „Senfkristall“ auf den Tisch.

 

Was ich nicht so recht nachvollziehen kann, ist der Gedanke, dass die Weiterverwendung der Senfgläser als Trinkglas was mit „sich leisten können“ zu tun hat. Es sind Gläser. Sie haben eine gute Form, eine praktische Größe, sie sind ohnehin im Haus, und wegwerfen wäre doch wohl Verschwendung…

Also ich jedenfalls bin mit dem „Senfkristall“ aufgewachsen, es waren sowohl bei meinen Großeltern als auch bei meinen  Eltern die Alltagsgläser, und es sind auch meine. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin, und das „Senfkristall“ auf den Tisch kommt, dann freut mich das, weil es sich „richtig“ anfühlt. Die Form, die Größe, die Art, wie das Glas in der Hand liegt, das Gefühl beim Trinken – es stimmt einfach. Es ist, wie es für mich „sein sollte“.

Ja, es kann ganz schön blöd sein, wenn man sich an sowas so „aufhängen“ kann, aber es gibt echt Trinkgefäße, da halte ich lieber den ganzen Tag ohne was zu trinken durch, als dass ich die an die Lippen setze. Dazu gehört Kunststoff (fühlt sich für mich immer „warm“ an und verdirbt jedes Getränk), alles, was im Mundbereich eine Struktur hat, die ich beim Trinken fühle, und alles, was so dünnwandig ist, dass ich das Gefühl habe, ich könnte Problemlos ein Stück rausbrechen.  Außerdem Formen, die nicht ganz rund sind.

Ungern mag ich auch Gläser, in denen ich schlecht abschätzen kann, wie viel noch drin ist, und solche, die irgendwelche Gimmicks im Boden haben. Da schaue ich dann nirgends anders mehr hin.

Am einfachsten ist es also wirklich, man stellt mir das Senfkristall hin.

 

In dem Zusammenhang sorgte meine Mutter gerade für Erheiterung.

Bei ihr gibt es kein Thomy-Senfkristall sondern Develey-Senfkristall – weil sie Thomy nicht mag, und gekauft werden die Dinger ja nun mal wegen dem Senf, der drin ist. Die Gläser sind aber in der Größe usw. so gut wie identisch, nur der Fuß unterscheidet sich etwas.

Allerdings hat meine Mutter gerade mit Develey ein kleines „Hühnchen zu rupfen“. Denn das Unternehmen ist umgestiegen.

„Von Trinkgläsern auf Marmeladengläser“, um es mit ihren Worten zu sagen.

Ich schaute erst mal etwas sparsam. Sie hielt mir ein Glas unter die Nase und nahm den Deckel ab.

„Sind hervorragende Marmeladengläser ,“ sagte sie. „Nur trinken kann man halt nicht draus.“

Ah. Schraubverschluss meint sie… ihre Marke ist vom glatten Rand auf einen Schraubverschluss umgestiegen… Kapiert habe ich es, aber ob ich jemals den Gedanken aus dem Kopf bekomme, dass Develey Senf im Marmeladenglas verkauft… oder das Kopfkino dazu wieder los werde…

 

Alternativer Verwendungszweck…

So richtig unnötig sind ja Leute, die immer alles hinterfragen müssen.

Dabei meine ich nicht die Leute, die ehrliches Interesse haben und Zusammenhänge verstehen wollen, sondern die, die ganz verzweifelt versuchen, einen beim Lügen zu erwischen. So etwa gestern die Dame, die etwas abholend, zu uns kam, und vorwurfsvoll sagte: „Ich dachte, dir IST NICHT kalt in deiner Wohnung und du MAGST das so kühl. Warum liegt dann in jedem Zimmer eine Jacke?“

Wüsste nicht, was die Dame das angeht, aber bitte… ich hab ihr dann mal einen Papagei auf den nackten Arm gesetzt. Der Effekt kam besonders gut, weil wir für gestern Abend Krallenschneiden angesetzt hatten, d.h. die waren gerade so richtig, richtige böse lang und scharf. Und bei ihrem ersten Zucken machte Papagei natürlich aus Reflex den Fuß zu, um sich festzuhalten.

Grins… Ich hoffe, das hat ihre Frage beantwortet… und sie weiß jetzt, weshalb bei mir in jedem Zimmer ein schnell an- und auszuziehendes Kleidungsstück mit langen Ärmeln liegt…

Vom Können und Nicht-Können

Eine Erinnerung – lange her. Ich male eine Zeichnung aus. Wir sind irgendwo unterwegs, ich beschäftige mich. Ich will anfangen, mein gerade gezeichnetes Pferd auszumalen, aber der braune Stift bricht ab. Ich habe keinen Spitzer dabei. Ich fange an, mich aufzuregen, weil ich das Bild nicht fertigmalen kann. Meine Mutter wirft einen Blick drauf und meint: „Muss das Pferd braun sein? Es gibt doch auch schwarze Pferde.“ Und schiebt mir den schwarzen Stift hin.

*

Ich habe zwei NT-Freundinnen. Von diesen ist eine blind. Da ergibt es sich, dass man gelegentlich gemeinsam vor einem dreidimensionalen Stadtmodell steht und das gemeinsam betrachtet.

So standen wir da dann auch mal wieder, und es näherte sich eine Mutter mit zwei Kindern. Eines der Kinder deutete auf die Punkte und fragte, was das sei. Die Mutter antwortete, die Punkte seien für Leute wie „die Frau dort“, die nicht lesen könnten weil sie blind seien.

Wir standen nahe genug, um das zu hören, und meine Freundin hatte wohl gerade Lust, Aufklärungsarbeit zu leisten.

„Entschuldigung“, sagte sie, „ich muss das jetzt korrigieren: Ich kann sehr wohl lesen. Ich lese diese Punkte.“

Die Kinder, wie Kinder halt so sind, waren sofort interessiert, fragten nach. Zum Glück hatte die Dame Zeit, denn ihre Kinder standen die nächsten 90 Minuten vor diesem Stadtmodell und lernten Braille lesen. Gut, mit den Augen, aber trotzdem. Nebenbei bekam die Mutter, die ziemlich schnell ebenfalls anfing, Fragen zu stellen, dann auch noch ein paar Erklärungen.

Mit heimgenommen haben die drei hoffentlich unter anderem die Information: Nur, weil jemandem die örtliche Mainstream-Methode nicht zugänglich ist, bedeutet das nicht, dass dieser jemand die Aktivität nicht ausüben kann. Vielleicht macht er sie nur ein bisschen anders…

*

Mit dem Können ist das allgemein so eine Sache.

Wenn ich nach China oder Japan reise, und dort die Schilder nicht entziffern kann, kann ich dann plötzlich nicht mehr lesen?
Wenn ein Mensch aus einem arabischen Land, der sein Leben lang arabisch geschrieben hat, nach Europe kommt – kann der nicht lesen? Mein inzwischen verstorbener Opa hat nie gelernt, Antiqua („unsere“ Buchstaben) zu schreiben, sondern schrieb sein Leben lang Fraktur (echte Fraktur, nicht dieses elende Sütterlin). Konnte der deswegen nicht schreiben?

Ich habe links nicht mehr ausreichend Feinmotorik, um einen Stift zu führen, rechts wesentlich mehr als meine Unterschrift gelernt. Ich tippe meine Texte in der Regel. Kann ich nun nicht schreiben?

Was ist zum Beispiel mit Stephen Hawking? Kann der nicht schreiben, weil er seine Bücher Zeichen für Zeichen in den Computer eingibt, statt einen Stift in die Hand zu nehmen? Aber Bücher geschrieben hat er trotzdem…

So einfach ist das mit dem Können oder Nichtkönnen also gar nicht, vor allem, wenn es um Generalisierungen geht.

 

Schreiben können. Lesen können. Zeichnen können…

 

In einer Zeit, in der es ausgefeilte OCR-Programme (Texterkennung) gibt, kann man so ziemlich jeden gedruckten Text einscannen und vom Computer in gesprochenen Text (oder eine andere Form der Ausgabe) umwandeln lassen. Ja, kleine Fehler entstehen noch immer, vor allem bei Namen, aber im Großen und Ganzen ist es kein großer Aufwand mehr, einen Text eigenständig lesen zu können, selbst wenn man die gedruckten Buchstaben nicht direkt in Bedeutung umwandeln kann. Egal, ob das nun daran liegt, dass man nicht den Text nicht sieht, oder irgendwo in der Informationsverarbeitung liegt, oder ganz Gründe hat.

In einer Zeit, in der es gute Spracherkennungsprogramme gibt – die auch an Akzent, Dialekt oder undeutliche Aussprache, ungewöhnliche Spracheigenheiten und Ähnliches mit relativ geringem Aufwand zu gewöhnen sind – muss niemand mehr einem Stift über das Papier bewegen oder buchstabieren können, um selbst zu schreiben.

*

Warum „hängen“ wir uns so oft an der Methode „auf“?

Warum lese ich im Blog einer Mutter, die laut eigener Aussage in der Arbeit für Autisten aktiv ist, ihr autistischer Sohn könne nicht zeichnen – Direkt unter einer Zeichnung, die derselbe Sohn angefertigt hat. Auf dem Computer. Im Grafikprogramm.
Der Text beginnt: „Obwohl er nicht zeichnen kann…“ (sinngemäß weiter: macht er Bilder am Computer).

Warum ist die Zeichnung, die am Computer erstellt wurde, aus Sicht dieser Frau keine Zeichnung?
Warum hat sie nicht den Wert einer Zeichnung mit Bleistift und Papier?
Warum nimmt sie die Methode wichtiger als das Ergebnis?
Warum kommen solche Aussagen, immer und immer wieder, von Leuten, die sich selbst als Unterstützer bezeichnen?
Ist solchen Leuten nicht klar, wie destruktiv diese Herangehensweise ist?
Welche Nachricht sendet das?
An ihren Sohn?
An andere Autisten?
An andere Leute allgemein?

Solche Aussagen haben meines Erachtens in dem Zusammenhang nichts verloren.

*

Immer wieder habe ich das Gefühl, dass wir vor lauter Fokus auf die Defizite gar kein Interesse daran haben, uns die Lösungen anzuschauen.

Vielleicht können wir uns das nächste Mal, wenn jemand mit der Mainstream-Methode nicht kann ja auch einfach mal fragen: muss er denn? Geht es nicht auch einfach anders? Das Pferd ist doch nicht weniger ein Pferd, wenn es schwarz statt braun ist…

*

Es kostet mich weniger als zwanzig Minuten, um einen beliebigen Computer mit einem neueren Windows (WIN95 wäre schwierig) und einem beliebigen Scanner so einzurichten, dass er jeden gedruckten Text in hörbare Sprache umwandelt.

Gut, ich bin dabei recht zügig, weil ich es schon oft genug gemacht habe.
Aber selbst jemand, der das zum ersten Mal macht, sollte nicht mehr als eine Stunde investieren müssen. Eine Stunde, damit derjenige, der Buchstabenketten – aus welchem Grund auch immer – nicht in Inhalt umwandeln kann eben doch lesen kann.

Zehn Minuten Installationszeit und dreißig Minuten Eingewöhnungszeit kostet es heute, um ein Diktierprogramm (Spracherkennung) zum Laufen zu bringen. Damit kann man nicht nur Texte eingeben, sondern den kompletten Computer steuern. Warum habe ich also erst gestern wieder einen Menschen im jungen Erwachsenenalter getroffen, der „nicht schreiben kann„?

Nebenbei: Wir verwenden, auch wenn wir durchaus selbst lesen und tippen können, beide Techniken gerne und viel bei der Arbeit.
Der „Mercedes“ unter den OCRs kostet 150 Euro.
Der „Mercedes“ der Spracherkennung kostet 130 Euro.
Mercedes fahren kann nett sein und lohnt sich sicher, wenn man damit „seine Brötchen verdient“, aber, um beim Autobild zu bleiben: zum Ausprobieren tut es auch der gebrauchte Golf.

*

Wir waren heute am Pferdeputzen, eine junge Dame, die öfter im Stall ist… gefühlt irgendwie unteres Ende Teenageralter … erzählte von einem Thema, das sie interessiert. Ich: „Ah, dann hast du ja sicher [Buchtitel] gelesen?“ – Die danebenstehende aufsichtführende mit Ohrstöpseln versehene, in exakt diesem Moment sich ein Hörbuch zu Gemüte führende Mutter: „Aber nein, sie kann doch nicht lesen!“

Nach einem sprachlosen Moment von mir: „Also dafür, dass Sie es nicht gelesen haben, kannten Sie das neuen Karen-Slaughter-Buch aber verdammt gut.“ (War ein Buch, von dem sie letztes Mal erwähnte, das Hörbuch gerade durch zu haben, und wir hatten uns etwas drüber unterhalten.)

Jetzt ist sie beleidigt.

Lindt-Osterhäschen wieder kaufbar…

Bevor ich es noch vergesse… In diesem Jahr (2017) hat Lindt seine Unterstützung für Autism Speaks eingestellt.

Sollte also irgendwer bislang auch hier drüben auf die Lindt-Häschen verzichtet hat, weil Lindt alle Jahre wieder zu Ostern Aktionen laufen hatte, bei denen Teile der Einnahmen an Autism Speaks gingen (soweit ich weiß, lief die Aktion nur in den USA, kann mich aber irren): Die Goldhäschen dürfen wieder ins Osternest.

Wer, Wie, Was

Ich denke, wir erinnern uns alle an die Muppets.

Sesamstraße, richtig?

Die Sesamstraße entstand 1969 in den USA. Der Gedanke war, ein Bildungsprogramm für Kinder aus – ich verwende mal den Modeausdruck – bildungsfernen Familien zu bieten, das sie auf die Schule vorbereiten würde und vor- und außerschulisch Inhalte vermitteln könnte, die bei anderen Familien die Eltern übernahmen. Deswegen die ganze Zählerei, Buchstabiererei usw. Die Figuren waren speziell so zugeschnitten, dass sich Kinder aus Großstädten mit ihnen identifizieren können sollten, statt an deren Lebenswelt vorbeizuschießen, wie es andere Programme taten.

Die Sendung war erfolgreich, wurde sehr beliebt, und schließlich auch in andere Länder exportiert. Soviel nur mal eben zum Hintergrund des Formats.

*

Vielleicht habt ihr es gehört – wahrscheinlich habt ihr es gehört – vor zwei Jahren wurde ein Muppet namens „Julia“ eingeführt. Julia „hat Autismus“, wie es so schön unschön ausgedrückt in der Vorstellung heißt.

Als Julia erstmalig auftauchte – zunächst nur als ein theoretisches Muppet, über das (den? die? Was zum Kuckuck ist der richtige Artikel für Muppet?) gesprochen wurde und vornehmlich auf der Website, nicht als tatsächliche Figur. Damals gab es erste Reaktionen. Julia wurde mit Freuden aufgenommen – vor allem von neurotypischen Betrachtern, die es toll fanden, dass eine „Randgruppe“ dort nun auch vertreten und vorgestellt wurde.

Weniger groß war die Begeisterung unter den Autisten selbst. Nach dem ersten „schön, eine autistische Figur“ kam sehr schnell die Ernüchterung. Das verfügbare Material war mager und einseitig. Allein schon der sprachliche Ansatz des (englischen) Materials geht am Ziel vorbei. Wie viele „Kollegen“ möchte ich auch im Englischen nicht als „Person with autism“ bezeichnet werden, denn Autismus ist keine Krankheit, die man sich irgendwo einfängt, auch kein erworbener Zustand., sondern schlicht ein Teil von mir. Es war ein häufig genannter Kritikpunkt, der nach über einem Jahr noch immer nicht beseitigt wurde. Stattdessen wird immer mal wieder drauf hingewiesen, dass man mit Autismusvertretungen gesprochen hätte um das Material zu erstellen. Inwieweit das tatsächlich der Fall war… inwieweit Input tatsächlich verwendet wurde – kann ich nicht beurteilen. Ich fürchte, es wurde nur das verwendet, was die Macher eh machen wollten.

Sieht man sich auf der Website zu Muppets & Autismus genauer um – und ich habe jetzt lange darüber nachgedacht, ob ich den Link hier mit einfüge oder nicht. Die Entscheidung fiel wie folgt: der Link befindet sich unten hinter diesem Artikel. Er führt auf die Hauptseite. Ich verlinke nicht direkt auf die Videos, auf die ich mich gleich beziehe. Wenn ihr sie sehen wollt, könnt ihr euch durchklicken, sie sind unter „Videos for Parents“, aber ich will keinen direkten Link von meinem Blog auf dieses Material. Dort finden sich in zumindest dem Videos „A Sibling Story“ und „Thomas’s Story“ einige Szenen, die ich absolut untragbar finde. Festhalten, körperlich wegziehen, „anbinden“ … ich finde den Umgang mit autistischen Kindern, der da gezeigt wird abstoßend. Ich will mich auch gar nicht vorstellen, was „Thomas“ davon hielt, dass ihn eine Kamera in seinen Entspannungsraum verfolgte, in dem er eigentlich zur Ruhe kommen können sollte. Das Video „Being a Supportive Parent“ umfasst quasi die Aussage, dass autistische Kinder therapiert werden müssen, um aufzuhören, den Eltern die Erfahrung des Kindergroßziehens zu ruinieren.

Ich hab mich dann nicht weiter durch die Website geklickt. An der Stelle reichte es mir einfach.

*

Nun, über ein Jahr später wurde Muppet „Julia“ als Puppe eingeführt. In der Hoffnung, man hätte inzwischen dazugelernt, habe ich es mir angeschaut. Beworben wurde Julia auch noch

sesstreet
Screenshot aus dem Werbeclip

„…und soll Zuschauern mit Autismus und ihren Familien eine Figur geben, mit der sie sich identifizieren können.“

Na… da haben wir’s nun wieder. Julia in den bislang existierenden Clips ist eine weitere Darstellung des Stereotyps, mit dem sich wohl kaum ein Autist identifizieren wird. In der aktuellen Form wird sie

Einer meiner ersten Gedanken war „Super, jetzt kommen gleich noch ein paar mehr an mit: Du wedelst nicht mit den Händen, also KANNST du nicht Autist sein“ oder das immer beliebte „aber du sprichst doch mit Leuten… du kannst doch nicht…“
Ja, klar. Man benutzt häufige Eigenschaften für die Figur, aber aufgrund der hohen Diversität des Autismusspektrums ist es eben nicht möglich, damit eine Figur zu schaffen, mit der sich deine hohe Anzahl an „betroffenen“ Zuschauern identifizieren können. Hätte ich Julia als Kind gesehen, hätte ich sicher nicht gesagt „He – die ist ja wie ich!“ – Sie ist es nicht. Ich hätte sehr wenig mit ihr gemeinsam gehabt.

Natürlich – Autismus ist zu komplex um ihn in einer einzelnen Figur angemessen darzustellen. Aber musste es so strikt dem Medienstereotyp entsprechen?

Vermutlich – denn es ist ziemlich klar: das Zielpublikum ist eben nicht der Autist, egal, was die Werbung behauptet. Das Zielpublikum ist der neurotypische Zuschauer. Die Botschaft? Aktuell erkenne ich da vor allem „Um dich als NT adäquat zu verhalten, musst du auch mit Autisten spielen, auch wenn die es dir schwer machen und es Anstrengung von dir verlangt“. Nicht die allerbeste Botschaft. Zu sehen, dass dem „autistischen“ Muppet dann ungefragt das Spiel der anderen aufgedrängt wird („wenn du selbst nicht „richtig“ mitspielst, mache ich es eben in deinem Namen“)… Sorry, Sesamstraße, aber ich da kann ich keinen Beifall klatschen.

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Eine Anmerkung noch an die, die mir bereits auf anderen Plattformen vorgehalten haben, es sei ja erst der Anfang und man müsse ihnen Zeit geben: Sie hatten seit Oktober 2015 Zeit. Das Feedback war da. Die Zeit wurde nicht genutzt. Was genau soll ich jetzt noch erwarten?

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Der Link, wie versprochen

 

Eine Woche England

Normalerweise beschränke ich Reisen soweit möglich auf maximal zwei Übernachtungen. Dass wir diesmal von Mittwoch bis Montag, jeweils einschließlich, weggefahren sind, und ich dabei kein besonders schlechtes Gefühl hatte, hing zuerst mal daran: Organisiert wurde dieser Ausflug von einer autistischen Freundin; und die Teilnehmer alle Autisten oder Autisten mit NT-Partner im Anhang. Das machte die ganz Angelegenheit schon mal etwas entspannter.

Dazu jetzt kurz – irgendwann schreibe ich dazu ausführlich: Ich mache bei Freundschaften eine ganz klare Unterscheidung in AS und NT. Ich habe zwei NT-Freundinnen, und das ist auch die absolute Obergrenze für mich.  Alles Weitere wäre sehr viel zu anstrengend.

Bei Mit-Autisten ist meine Toleranzgrenze in Anzahl, Kontaktumfang und –dauer usw. deutlich höher, und ich finde es sehr viel weniger anstrengend. Sowohl als Sender als auch als Rezipient.

Der Gedanke war also: 8 x 2, Kombination je AS/NT, zusammen drei ganze und zwei halbe Tage in einem ehemaligen Kloster, das für Gruppenveranstaltungen vermietet wird, Spaß haben.

Einige Dinge laufen dabei etwas anders ab, als man es vielleicht so „üblich“ ist.

Es gingen zunächst einige E-Mails rum. Jeweils ein Thema, mit der Option, entweder die Grundfrage beschreibend zu beantworten oder den beiliegenden Fragebogen auszufüllen. Ich wähle bei sowas den Fragebogen. Ich mag Fragebögen.

Einmal ging es um Aktivitäten – das Thema des Ausflugs sollte „Game of Thrones“ sein – also: Welche der in Frage kommenden Dinge wollte man machen/nicht machen/nur unter bestimmten Umständen machen, beim LARP welche Figur(en) spielen, etc.

Die zweite ging um die „chores“, die Aufgaben – wir kamen als Selbstversorger, also musste eingekauft werden, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, Essen gekocht usw. Man gab an, was man zu machen bereit war/unbedingt machen wollte/gar nicht machen wollte, ob bestimmte Tageszeiten für einen Einsatz bevorzugt wurden und ob man mit bestimmten Personen unbedingt oder gar nicht zusammenarbeiten wollte.

Die dritte ging um Persönliches. Grenzen, Abstand, Regeln, Dinge, die unbedingt gekauft werden müssten, Dinge, die Probleme machen würden durch Geruch etc., welche Art von Schlafplatz, wäre man bereit, das Badezimmer mit anderen zu teilen usw.

Daraus wurden dann zum einen der Zeitplan erstellt, zum anderen die Zimmerzuteilung und die Einkaufspläne gemacht. Außerdem ging eine Rundmail raus, in der für alle zusammengefasst wurde, bei wem auf was zu achten ist. Jeweils mit Bitte um Rückmeldung, falls Probleme auftreten würden.

Nun sind solche Zeitpläne genau etwas, das mich normalerweise leicht aus der Bahn werfen würde – nämlich dann, wenn sie kurzfristig geändert werden, weil schnell beschlossen wird, doch irgendetwas zu verlängern, zu verkürzen, zu ändern, jemand spontan auf komplett neue Ideen kommt usw.

Genau das ist z. B. ein Stressfaktor, den ich mir in dieser Anordnung ersparen kann. Wenn nämlich 50% der Anwesenden genau das gleichen Problem hätte, und die anderen 50% dran gewöhnt sind, dass man nicht einfach mal schnell was umwirft, dann wird der Zeitplan zu einem Sicherheitsfaktor.

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Aufgrund einer Streiksituation bei BA wurden wir gebeten, frühzeitig zum Flughafen zu kommen. Soweit kein Problem. Laptop geht mit, ab in die Lounge, ich arbeite weiter, der Herr beschäftigt sich mit einem Buch.

Der Flug wie üblich problemlos; das Kabinenpersonal sehr bemüht, der Steward wurde etwas panisch als ich den Salat ablehnte (war Hähnchen drin) … Vegetarisch hätte man vorbestellen müssen… Hatte ich nicht, hatte ja gar nicht vorgehabt, an Bord zu essen.

Der Pilot war einer dieser Landekünstler, bei denen man erst mitbekommt, dass das Flugzeug wieder unten ist, wenn es bremst.

Am Flughafen wurden wir vom Mann der Londoner Freundin empfangen, dem ich es wirklich hoch anrechne, dass er uns jedes Mal abholt, wenn wir kommen. Es ist eine knappe Stunde Fahrt durch London, aber andernfalls müssten wir eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, was für mich sehr stressig ist.

Da die Londoner Freundin und ich uns ein Spezialinteresse teilen, hat es sich so eingebürgert, dass wir uns bei jedem Treffen jeweils ein neues bzw. neu entdecktes Buch zum Thema mitbringen und austauschen. Zum Glück verstehen sich die beiden Männer gut, und so können wir auch ohne schlechtes Gewissen erst mal eine Weile unter uns fachsimpeln, während die beiden sich eben über was anderes unterhalten.

Nach dem Abendessen folgte noch ein bisschen Requisiten basteln, dann recht zeitig Schlafen… denn am nächsten Morgen mussten wir raus.

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Meine Erinnerung an die frühen Morgenstunden ist eher verschwommen…das ist bei mir so üblich. Kaffee beschleunigt den Aufwachprozess, und so war ich dann doch ausreichend wach um den Schwan anzuschauen … das Museum lag freundlicherweise direkt an unserer Strecke.

Tolles Tier, der Schwan. Ich muss sagen, ich habe eigentlich gar keine Worte, um das zu beschreiben. Wer in den nächsten Wochen in London ist, sollte sich den auf keinen Fall entgehen lassen!

Nach dem Schwan ging es dann per Auto nach Nordengland. Dort stellte ich zuerst mal fest: Unsere Unterkunft ist offenbar einer dieser Orte aus Harry Potter, die man nur findet, wenn man bereits weiß, wo sie sind.

Also im Ernst: Da hätte ich niemals ohne jemanden zum Zeigen hingefunden. Es stellte sich später auch noch raus dass andere trotz telefonischer Anleitung wirklich nicht hinfanden, und wir sozusagen einen Suchtrupp losschicken mussten.

Das „Problem“ dabei ist: Das Gelände wurde im Lauf der Zeit komplett mit Wohnhäusern umbaut, sodass nur ein sehr enger Weg (eine knappe Gehwegbreite etwa) zwischen zwei Häusern hindurch zum Eingangstor führt. Dieser Weg ist unbeschriftet und sieht von der Straße aus eher aus, als würde er in einen Hinterhof führen. Der Gang endet an einer Holzplatte an Scharnieren mit Riegel. Erst dahinter kommt der eigentliche Zugang zum Gelände. Bis man durch dieses erste improvisierte Tor ist, sieht man absolut nichts von dem, was dahinter liegt. (Parken muss man um die Ecke.)

Hat man erst mal reingefunden… ist die Unterkunft aber einfach toll. Sie ist für Selbstversorger gedacht, es gibt eine große Küche, einen Speiseraum, viele Zimmer, mehrere Badezimmer pro Stockwerk mit Duschen und Badewannen, eine Sauna und anderes… Wir nutzten in erster Linie die beiden „Sitting rooms“ – große wohnzimmerartige Räume mit vielen bequemen Sitzmöbeln. Aus dem größeren flog als erstes der Tisch raus, weil wir Freifläche brauchten. Wir wollten ja schließlich irgendwie Theaterspielen.

Im Lauf des Nachmittags trudelten so nacheinander alle ein. Die einen verzogen sich erst mal direkt in ihre Zimmer, die anderen halfen beim Lebensmittel rauftragen und wegräumen, der für den Abend eingeteilte Koch machte seine Pläne… Die Requisiten wurden aufgestellt, die Skripte ausgelegt.

Eine kleine Beinahekatastrophe gab es dann als eine NT-Frau – der dazugehörige Mann war bereits da – den Veranstaltungsort nicht fand. Trotz mehrfachem Anrufen und einweisen. Irgendwann waren dann doch alle da, das Abendessen war gegessen, und wir hatten für den Abend auf dem Plan stehen, die ersten Szenen durchzuspielen.

Dabei war die Regelung im Großen und Ganzen die: jeder kann mit so viel oder wenig Einsatz spielen, wie er will. Der eine steht eben auf der Bühne und liest seinen Text ab, der andere spielt seine Rolle mit vollem Körpereinsatz, Kostüm und Requisiten… jeder, wie es ihm zusagt. Szenen mit Körperkontakt, fesseln von Gefangenen, Schwertkämpfen, etc. werden zuvor zwischen den Beteiligten abgesprochen. Ebenfalls sprechen die jeweils Beteiligten vorher ab, falls sie eine Szene nicht nach Skript spielen sondern improvisieren wollen.

Ich war erstaunt, wie gut das in der Tat ging. Die Requisiten waren teils etwas gewöhnungsbedürftig. Die Wölfe waren Plüschtiere, und da wir nicht genug Wölfe zusammengebracht hatten, wurde mit Plüschkatzen aufgefüllt. Schwerter reichten vom richtigen LARP-Schwert bis zum funktionsfähigen (leuchtenden) Laserschwert – klar, man braucht ja brennende Schwerter und auch mal Fackeln … Zitat vom Wochenende: „Und sie nahm ihr Laserschwert und machte sich auf den Weg“.

Wir waren ja nun alles erwachsene Leute zwischen 30 und 45, und daher „nicht das kleinste Bisschen“ albern. Nee, ist klar… natürlich bleibt die Sache nicht bierernst, wenn das einzige für den Auftritt zur Verfügung stehende Pferd ein Steckenpferd ist, die Dracheneier als Avocados geboren wurden und fehlende Requisiten einfach durch ein Blatt Papier ersetzt werden, auf dem die Bezeichnung des fehlenden Gegenstands steht.

Spaß hatten wir jedenfalls.

Ganz toll übrigens: was an „inneren Organen“ benötigt wurde, hatte vorher jemand aus geschmolzenen Haribo-Erdbeeren nachgeformt und großzügig mit Theaterblut verziert. Diese speziellen Requisiten wurden anschließend noch ihrer ursprünglich vorgesehenen Verwendung zugeführt.

Zwar hatte jeder zugeteilte Rollen, aber es spielte nicht unbedingt jeder in jeder „Sitzung“ mit. Wer gerade Pause wollte oder brauchte, konnte in seinem Zimmer bleiben, spazieren gehen oder sonst was machen, und die Rollen wurden bei Bedarf kurzfristig umverteilt.

Es wurde natürlich nicht nur Game of Thrones gespielt an dem Wochenende. Die Pokémon-Go-Spieler schickten immer mal wieder Jagdtrupps aus, es gab Diskussionsrunden zu vorher genannten Themen (ähnlich Viktorianischer Parlour-Diskussionsrunden, wie sie gerne mal zur Unterhaltung abgehalten wurden), Karten- und Brettspielrunden, Abends wurde die Sauna angeworfen, irische und schottische Folkmusik gesungen und getanzt (wir hatten Flöte- und Gitarrenspieler samt Instrumenten dabei). Einige hatten ihre eigenen Projekte dabei, einige gingen außerhalb der Spielerunden direkt in ihr Zimmer und blieben da, bis es entweder Zeit zum Essen oder Zeit zum weiterspielen war.

Frühstück und Mittagessen lief jeweils so, dass jeder sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbst holte, was er wollte. Es gab dabei Schränke und einen Kühlschrank, die für die Köche reserviert waren und die von diesen bestellten Zutaten enthielten, und Schränke und einen anderen Kühlschrank, aus denen sich jeder einfach bedienen konnte. Speziell für eine Person besorgte Lebensmittel waren beschriftet.
Zum Abendessen kochen sowie am Sonntag zum Brunch (= Full English Breakfast) war jeweils ein Koch mit zwei Helfern eingeteilt. Gekocht haben alle hervorragend. Es wurde immer in Variationen gekocht, der anfangs rumgesendeten Liste entsprechend, sodass immer jeder was zu essen hatte. Wer nicht im Speiseraum essen wollte, nahm sich eben einen Teller mit aufs Zimmer – oder ließ sich einen bringen.

Gespräche fand ich allgemein auch in der Gruppe verhältnismäßig entspannt, schon allein deswegen weil wirklich immer nur einer redete. Wenn sich zwei Gespräche im gleichen Raum entwickelten und es dadurch zu Problemen durch Lärmpegel kam, ging die Gruppe, die näher an der Tür saß, in einen anderen Raum. Bei Wortfindungs-/Artikulationsproblemen sah die Lösung dann so aus, dass die betroffene Person, die etwas sagen wollte, aber gerade entweder die passenden Wörter oder gar keine Wörter rausbrachte, einfach „Words!“ sagte bzw. einen Zettel mit dem Wort drauf hochhielt. Dann wurde gestoppt, die jeweilige Person konnte sich in Ruhe die Wörter sortieren, aufschreiben oder anderweitig den gewünschten Inhalt kommunizieren.

Alles in Allem: Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass eine Zusammenkunft von 16 Personen so relaxt ablaufen kann…Wir sind definitiv nächstes Jahr wieder dabei.

 

 

Das bisschen Haushalt…

Ich mag einiges sein, aber eines bin ich definitiv nicht: eine begnadete Hausfrau.

Zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Vergangenheit habe ich diverse Szenarien gedanklich durchgespielt. Immer wieder komme ich zu dem Schluss: eigentlich müsste ich eine Haushälterin einstellen.

Dumm nur, dass ich den Gedanken hasse, jemanden in meinen Sachen zu haben. Jemanden, der mir meine Sachen durcheinander bringt; wichtige Sachen nicht dahin zurückstellt, wo ich sie haben will; möglicherweise meint, umdekorieren zu dürfen (ist bei einschlägigen Agenturen tatsächlich Teil der Aufgabenbeschreibung einer Haushälterin); eventuell mal ein Atty fallenlässt…

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Sicher, schon eine „einfache“ Putzfrau würde helfen, aber da habe ich bis auf das umdekorieren die gleichen Probleme.

Wo, mag man sich fragen, ist denn eigentlich das Problem? Putzen ist doch ganz einfach. Das kann und macht doch jeder… oder?

Ja… genau. Ganz einfach.

Erstes Problem: Wahl der Putzmittel.

Viele Leute denken bei „Krankenhaus“ mal gleich an den Geruch von Desinfektions- und Reinigungsmitteln und finden diesen unangenehm. Gut. Haltet mal bitte den Geruch samt Reaktion gedanklich fest.

Und jetzt stellt euch bitte vor, dass ich diesen unangenehmen, penetranten, alles durchdringenden, stechenden, teilweise fast in der Nase schmerzhaften Geruch bei der großen Mehrheit der auf dem Markt befindlichen Putzmittel empfinde. Will man das wirklich mehr als absolut notwendig im Haus haben?

Selbst bei den Putzmitteln, die mir erträglich sind, habe ich den Geruch sehr lange um mich, und er ist auch so recht intensiv – und stört bei anderen Wahrnehmungen. Nach dem Großputz vom Samstag, gefolgt von mehreren Stunden mit geöffneten Fenstern zum Durchlüften, einem Familien-Kaffeetrinken und zwei kompletten Tagen Zeit…konnte ich am Montagabend das Zeug noch immer riechen. Und nein, ich empfinde das nicht als frisch und angenehm, sondern als ziemlich penetrant und störend.

Leider kann man nicht alles mit Neutralseife putzen. Also, man kann schon, aber es ist nicht besonders effizient. Und danach riecht die ganze Wohnung nach Seife. Aber eben wenigstens nur nach Seife.

Der Putzmittelgeruch hängt übrigens nicht nur in der Wohnung, sondern auch: An der Kleidung, die ich dabei getragen habe, meinen Händen und meinen Haaren. Am liebsten würde ich während der Putzarbeiten also mehrmals unter die Dusche springen, Haare waschen, umziehen…. Geht natürlich nicht.

Heute den einen Raum, morgen den anderen, wie das manche Leute in meiner Familie machen, ist schon deswegen undenkbar, weil ich dann dem Putzmittelgeruch nie entfliehen könnte…

Zweites Problem: Material

Handschuhe gehen mal gar nicht. Es gibt nur zwei Situationen, in denen ich mich dazu durchringen kann, Handschuhe zu tragen:

  • Gelegentlich zum Reiten, wenn die Temperaturen zu weit runter gehen, um ohne noch gut Gefühl für die Zügel zu haben. Dann trage ich sehr, sehr gut sitzende Lederhandschuhe.
  • Zum Fechten, wenn ich befürchten muss, dabei was auf die Finger zu bekommen. Ich brauche meine Hände funktionsfähig, da ich doch relativ viel tippe.
  • Als Papagei und Mamagei frisch bei mir waren und Papagei sehr aggressiv war, aber aufgrund seines Gesundheitszustands regelmäßig gehandelt werden musste, zog ich dazu Handschuhe an, um ständig Verletzungen durch seinen Schnabel/kaputte Finger zu vermeiden.

Auf keinen Fall würde ich aber mit meinen guten Handschuhen putzen, und Putzhandschuhe aller Art gehen einfach gar nicht.

Ich habe nun aber auch allgemein ein Problem mit glatten Stoffen auf der Haut. Ist euch mal aufgefallen, wie schwer es ist, andere Lappen als Microfaser zu bekommen in der heutigen Zeit? Frottee-Handtücher eignen sich leider auch nicht für alles…

Drittes Problem: Muss das weg?

Ich stelle mir das so vor: Der NT schaut hin und sieht auf den ersten Blick „Aha. Da ist ein Fleck.“ Oder „Aha. Das ist ein Muster.“ Oder „Aha. Das ist Teil vom Untergrund.“

Da mir automatische Filter fehlen, fehlt mir auch dieser Effekt: Die natürliche Musterung des Grantibodens in Wohnzimmer und Küche, die Struktur des Korkfußbodens im oberen Stockwerk, die Maserung im Parkett im Esszimmer, die Marmorierung der Fliesen im Bad… alles das verschwimmt für mich mit Flecken, Dreck, Staub..

Ich muss tatsächlich erst mal jede Abweichung von der Grundfarbe analysieren. Was ist das? Muss das weg? Und wenn ja, dann nach dem Wischen erneute Analyse: Ist es jetzt weg? Ist noch was da, das nicht zum Untergrund gehört? Habe ich durch Verwischen neue Flecken produziert?

Da für mich unter Umständen ein Kaffeefleck nicht auffallender zu sehen ist, als ein „normaler“ Farbeinschluss im Stein muss ich quasi Quadratzentimeter für Quadratzentimeter prüfen, ob ich alles erwischt habe.

Das endet dann damit, dass ich entweder wie Roomba und Scooba einfach mehrfach in allen Richtungen durch die Wohnung wische (Was hier am Beispiel Fußboden erläutert ist, lässt sich natürlich auf jede andere Fläche übertragen), oder ich mich, dem Rat von Beppo Straßenkehrer folgend, Fliese für Fliese vorwärtsarbeite.

In jedem Fall jedoch wird dabei etwas, das den meisten Leuten als mental nicht besonders anspruchsvolle Arbeit geläufig ist, bei der man gut nebenbei Hörbuch oder Musik hören oder irgendwelchen Gedanken nachhängen kann, zu einem ziemlich anstrengenden Act, der aufgrund der ständig notwendigen bewussten Filterarbeit auf „für den Kopf“ sehr ermüdend wird.
Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ich seit 20 Minuten am Glaseinsatz der Bibliothekstür wische, weil ich zwar sehe, dass da ein Fleck ist… aber nicht mehr genug Kapazität übrig ist, um zu registrieren, dass ich auf der falschen Seite der Scheibe stehe.
Dann wiederum passiert es auch, dass ich etwas als „Dreck“ wahrnehme und erst merke, dass es doch da hingehört hätte, wenn ich angefangen habe, das Material anzugreifen. So hat etwa einer meiner Stühle eine sehr abgeriebene Stelle am Bezug. Der Stoff war dort einfach von der (eigentlich sehr zurückhaltenden) Musterung her etwas heller…

Irgendwann ist die Konzentration weg. Ich sehe nicht mehr, was ich mache – also, ich sehe es schon, aber ich nehme nur noch Einheitsbrei wahr und kann Untergrund von Schmutz nicht mehr unterscheiden

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Dasselbe Problem habe ich übrigens auch, wenn mir jemand auf meinen Pullover deutend hilfreich mitzuteilen meint: „Du hast da ’nen Fleck“. Ich sehe nämlich vor lauter Web- oder Strickmuster (besonders schlimm sind da diese Stoffe, die dieses Mini-Strickmuster aufweisen…). Meine Kleidung mag für die meisten Augen einheitlich schwarz sein, aber wenn ich da drauf anschaue, sehe ich da alles Mögliche andere. Da festzustellen, welche Abweichung ein Fleck, und nicht einfach Stoffstruktur sein soll…

Ich wische also etwa an der gezeigten Stelle rum, das hilfreiche Gegenüber meint: „Schau doch mal in den Spiegel“, impliziert dabei: Dann siehst du es besser.

Irgendwann hatte ich mal keine Lust auf das Spiel und schoss direkt zurück, dass ich das eben im Spiegel genausowenig sehe… erntete dafür einen komplett verwirrten Blick, dann: „Aber du hast doch jetzt auch dran rumgewischt…“

Ja… dort, wo du hingedeutet hattest. Das kann ich in der Tat tun, auch ohne den Fleck selbst wahrzunehmen… Wirklich, das geht…