11. Nacht: Nochmal Butterfass – Der Doost bei Floß

Entlang der Waldnaab und ihren Zuläufen finden sich immer wieder Steine mit eigentümlichen Vertiefungen. Die Sage aus christlicher Zeit erzählt, dort würde der Teufel nach der Jagd ausbuttern. Häufig werden eben diese Steine als „Butterfass“ bezeichnet.

Einer davon findet sich am „Doost“, einem Geotop und Naturschutzgebiet bei Floß. Der Doost ist eigentlich ein Abschnitt der Floß (einem Waldnaabzufluss) in dem, ähnlich dem „Butterfass“ in der Waldnaab, große abgeschliffene Granitbrocken liegen. Der Name leitet sich vom Lärm des darüber rauschenden Wassers her.

Über den Doost geht die Sage, dass dort ein heidnischer Priester in den frühen Tagen der christlichen Missionierung ein Opfer brachte, um den Teufel auf die Missionare zu hetzen. Seither streift die Wilde Jagd zweimal wöchentlich bei Sonnenuntergang durch die umliegenden Dörfer, auf der Suche nach ebensolchen.

Die Steine mit ihren Vertiefungen, in Zeiten der Christianisierung zu den Butterfässern des Teufels selbst verkommen, dürften tatsächlich einst Opfersteine gewesen sein. Mit Blick auf die mit ihnen verbundenen Sagen war Wotan/Odin, der die Wilde Jagd ja anführt, der wahrscheinlichste Empfänger der dort dargebrachten Gaben.

Bilder von http://www.lobkowitz.de

2. Nacht: Der Kalte Baum bei Vohenstrauß

Ein paar Kilometer südwestlich der Ortschaft Vohenstrauß liegt der Einödhof Kaltenbaum. Benannt ist er nach einer dort wachsenden Steinlinde, dem „Kalten Baum“. Es heißt, er sei annähernd 800 Jahre alt – oder noch älter. Eine urkundliche Ersterwähnung gibt es angeblich aus dem 14. Jahrhundert. Betrachtet man die urkundlichen Erwähnungen allerdings genauer, stößt man auf Anderes. Der Baum diente eine Grenzmarkierung, wurde in Grenzstreitigkeiten gefällt und neu gepflanzt; verdorrte und wurde neu gepflanzt; sah nicht mehr schön aus und wurde neu gepflanzt. Aktuell setzt im die vorbeiführende Autobahn arg zu.

Der Name leitet sich wohl davon her, dass er an exponierte Stelle steht, und der kalte „Böhmische“ [Wind] hier besonders stark und oft pfeift.

Es gibt jedoch auch andere Erklärungen.

Eine etwa geht dahin, dass verwitwete Gräfin sich in einen eben aus dem Kreuzzug heimgekehrten Grafen verliebte. Er war zwar angetan, verweigerte jedoch die Beziehung, da die Dame bereits zwei Kinder aus erster Ehe hatte, und er nicht die Nachkommen eines anderen aufziehen wollte. Mit Zauberei entledigte sich die Frau ihrer Kinder, und nach deren Tod trafen sich Graf und Gräfin auf halber Strecke zwischen ihren Heimatorten.
Er forderte von ihr eine Erklärung für den Tod ihrer Kinder, und sie ließ sich dazu hinreißen, ihm die Wahrheit zu sagen – „Sie sind deinetwegen gestorben.“ Er richtete sie auf der Stelle mit seinem Schwert und be- oder ver-grub sie an Ort und Stelle. Dabei fiel ein Samenkorn, das sich während seiner Zeit im Heiligen Land in seiner Kleidung verfangen hatte, und dort noch immer wartete, mit in das Grab, verband sich mit dem kalten Herz der Mörderin und wuchs zum Kalten Baum.
Der fast ununterbrochene Wind, der den Baum umweht, ist der umgehende Geist der Frau.

Die Wilde Jagd geht hier insbesondere in den Rauhnächten besonders wild um. Hexen dürfen sich ihr anschließen, müssen jedoch darauf achten, nicht plötzlich selbst gejagt zu werden.

Vom kalten Baum nach Norden blickend sieht man den als „Elm“ bekannten Wald. Besonders dicht und dunkel, ist dieser Wald ebenso wie das direkte Umfeld des kalten Baums ein Bereich, der von der Bevölkerung weitestgehend gemieden wurde. Zu viele arme Seelen und Geister gingen hier um. Die Wilde Jagd bricht aus dem Elm zu ihrem Rundritt durch unsere Ecke der Oberpfalz auf. Ein schwarzer Pudel bewacht die Wege und verwehrt Wanderern nach Einbruch der Dunkelheit den Durchgang. Holzfräulein und Hoimänner, zwei Varianten der örtlichen Waldgeister, leben.

Es ranken sich so viele Sagen um diesen Baum, dass ich nicht versuchen werde, sie hier alle aufzuzählen. Besonders interessant finde ich jedoch diejenigen, die sich mit der Zukunft befassen. So soll die letzte Schlacht am Kalten Baum geschlagen werden; Er heißt, der Baum würde das Menschengeschlecht überdauern und den Aufstieg einer neuen, glücklichen Menschheit sehen.
In dem Zusammenhang ist eine andere Erklärung über den Ursprung des Kalten Baums von Interesse. In ihr kam ein Reisender aus dem Norden in einer Kutsche, vor die Ziegen gespannt waren. An seinem Hut steckte ein Ast. Den steckte er in den Boden, er schlug Wurzeln und es wuchs daraus der Kalte Baum.
Im weiteren Verlauf soll, wenn die letzte Schlacht geschlagen ist, ebenfalls aus Norden ein Paar kommen, sich unter dem Baum niederlassen und dort ihre Familie gründen. Ihre Nachkommen sollen sich von hier aus erneut über die Welt verbreiten.

Wer mit den Inhalten der Edda vertraut ist, wird die Grundzüge wiedererkennen.

Sollten wir etwa einen Ableger von Yggdrasil hier an der Autobahn stehen haben?

Zugegeben: Es wäre recht beeindruckend für den Zweig der Weltenesche, zu einer Linde heranzuwachsen. Natürlich würde ich mir aber niemals anmaßen, Yggdrasil seine genauen Fähigkeiten vorschreiben zu wollen.

Da ich keine eigenen Fotos habe und Wikipedia nichts hergibt… der Kalte Baum ist hier zu sehen:

http://www.panoramio.com/photo/23730657

http://www.panoramio.com/photo/23730682

Wintersonnwende

Am 21./22. war die längste Nacht des Jahres… Sonnwende.

Während die meisten in unseren Breiten ja ein paar Tage später Weihnachten feiern, gibt es doch noch immer – oder wieder – ein paar, die tatsächlich die Sonnwendfeier als „ihren“ Feiertag begehen.

Unter meinen Bekannten gibt es eine Familie, die dem Katholizismus ihrer Eltern abgeschworen haben und sich dem alten germanischen Glauben widmen.

Dazu gehört unter anderem auch das Begehen einer Sonnwendfeier, also einer im Sommer und einer im Winter.

Und dazu wurde eingeladen. Es war nicht das erste Einladung dieser Art, und es war zuvor eigentlich immer recht nett – da wir in der Gegend waren, und an dem Abend nichts weiter vor hatten, sagten wir zu.

Geladen wurde zur Sumbel, und da das Julfest neben Wotan auch Freyr gewidmet ist, der quasi der „Hausgott“ meiner Bekannten ist, wird das Fest üblicherweise bei ihnen ausgerichtet. Ein Grund, der dafür spricht, hinzugehen – dort kenne ich mich aus. Bei einem Fremden mit einfallen würde ich eher nicht machen.

Eine Besonderheit, die mir bei diesen Veranstaltungen immer wieder auffällt ist die Offenheit. Klar, der Kern besteht aus Mitgliedern der Glaubensgruppe, aber es ist jeder willkommen, fast jeder bringt Gäste mit, Christen, Muslime, Atheisten, Buddhisten, und eine Hindu waren dabei. Dabei ist alles am Ablauf eigentlich darauf ausgerichtet, dass jeder soweit teilnehmen kann und darf, wie er möchte.

Die Veranstaltung beginnt mit einem sehr reichhaltigen Abendessen. Das „typische“ Gericht ist ein Schweinebraten, da das Schwein das Symboltier Freyrs ist, aber da jeder essen soll, ist das Angebot deutlich vielseitiger. Als Vegetarier halte ich mich an (hervorragende) mit Käse überbackene Kartoffeln und Salat, von dem es eine größere Auswahl gibt. Alkohol gibt es nicht.

Nachdem das Essen abgetragen ist, erklärt mein Bekannter nochmal kurz den folgenden Ablauf, und vor allem – das Prinzip des Sumbelfriedens. Kein Anwesender darf einen anderen angreifen, attackieren, beleidigen, etc. Zu Zeiten, zu denen Gäste mit Dolch oder Schwert bei Tisch saßen, und sich bei solchen Veranstaltungen durchaus auch Anführer unterschiedlicher Stämme gegenübersaßen, war das sicher auf der rein körperlichen Ebene wichtig. Heute wird es auf einer anderen Ebene zunehmend relevanter – denn es ist durchaus möglich, dass manche Ansichten einfach nicht vereinbar sind. Das muss dann aber bitte außerhalb der Runde ausdiskutiert werden.

Wer meint, den Sumbelfrieden nicht wahren zu können, oder wem der Ablauf doch nicht angenehm ist, oder wer einfach nicht vor einem der anderen Anwesenden sprechen möchte, aus welchem Grund auch immer, kann die Veranstaltung jetzt verlassen und ein paar Runden um den Block gehen oder im Hobbykeller Tischtennis spielen. Fragen zum „Warum“ werden nicht gestellt.

Eine der teilnehmenden Damen braucht ziemlich lange, um zu entscheiden, ob sie bleibt. Ihr Problem… bin ich. Als ich das erste Mal zu Besuch war, kam sie im Gespräch auf den Gedanken, ich sei mit Loki verbunden… und dass der eventuell einen Blick in die Runde wirft, käme ihr so gar nicht gelegen. Naja. Ich habe zwar schon mal im Witz gesagt, wenn ich mir einen Gott suchen müsste, wäre das Loki, und manche Bekannte nennen mich so, weil ich gerne mit Flammen spiele (stellt man eine Kerze in meine Reichweite, habe ich unter Garantie die Finger drin), aber ob das nun reicht… egal, wenn sie gehen wollen würde, würde ich stattdessen gehen, für sie ist das hier Ritual, ich bin nur Besuch. Sie bleibt doch.

Jeder bekommt jetzt zwei Trinkgefäße – das eine normal zum Nachschenken des Getränks der Wahl (immer noch ohne Alkohol), das andere für den Met oder Metersatz. In diesem Fall speziell Orangen- oder Apfelsaft für alle, die keinen Met mögen, keinen Alkohol trinken oder – juhuu, hier, ich – noch fahren müssen. Es werden dazu kleine Aufkleber in drei Farben rumgegeben, mit denen jeder seinen Becher markiert, damit klar ist, wer was bekommt.

Der Ablauf ist relativ einfach. Der Gastgeber nimmt das große Methorn, aus dem er gleich ausschenken wird, stellt es auf den Tisch, sagt sein Gedicht bzw. Gebet/seinen Segen auf und nimmt einen Schluck. Es folgt eine kurze Ansprache, er begrüßt die Anwesenden, wie das halt so ist… gut, eher nicht so mein Ding, aber er darf ja gleich nicht mitspielen, also soll er mal auch was sagen dürfen.

Seine Aufgabe für den Rest der Veranstaltung ist es dann, jeweils dem, der an der Reihe ist, das passende Getränk nachzuschenken. Traditioneller wäre es wohl, das Methorn von Hand zu Hand zu reichen, aber dann wäre es erstens schwerer, den Alkohol auszulassen („Dann setzt man das Horn eben nur an die Lippen und trinkt nicht…“), und zweitens gibt es Leute, die nicht gerne ein Trinkgefäß teilen. Fand ich auch zu Ministrantenzeiten (ach ja, ich komme aus einer katholischen Familie und unser Pfarrer war einer der ersten, die weibliche Ministranten erlaubten…) schon immer grässlich.

Der erste bekommt eingeschenkt, erhebt sich, und darf jetzt sprechen. Solange er steht, hat der Rest zu schweigen. Von einem einzelnen Satz bis zu einer ganzen Ansprache ist alles drin. Wenn er fertig ist, trinkt er und setzt sich, dann ist der links von ihm Sitzende dran, gleiches Spiel.

Das Ganze geht geplant über fünf Runden, jede Runde hat ein Thema. Jeder spricht über eine/seine Gottheit, einen Heiligen, spricht ein Gebet, o.ä. Atheisten wählen ein Weltanschauungs- oder Philosophiekonzept oder ähnliches.

Zweite Runde. Man trinkt auf den Gastgeber, spricht ihm gute Wünsche aus, erzählt eine Anekdote…

Dritte Runde. Gedenken an die Verstorbenen. Irgendetwas zur Erinnerung an einen verstorbenen Verwandten, Freund oder, wenn man so jemanden nicht hat oder nicht vorstellen möchte, eine verstorbene Person aus dem öffentlichen Leben. Naja. Mein verstorbener Opa und Wellington machen ein verdammt knappes Rennen.

Vierte Runde. „Große Krieger“. Vorbilder, Personen, vorzugsweise aus dem öffentlichen Leben und vorzugsweise noch am Leben, für die man besondere Achtung hat. Runde drei und vier neigen dazu, die längsten zu sein.

Fünfte Runde. Selbstbezogen. Man fasst einen Vorsatz, gibt ein Versprechen, gelobt Besserung in irgendeinem Bereich… mit oder ohne religiöser Bekräftigung. Sozusagen ein vorgezogener Neujahrsvorsatz.

Der Gastgeber nimmt sich dann erneut den Met und beendet die Runde mit einer kleinen Abschlussrede. Der Met wird weggeräumt, die Nichtteilnehmer, wenn vorhanden, kommen wieder, und das Ganze geht in eine allgemeine Party über. Jetzt wird auch Bier und anderes ausgeschenkt (der Gedanke zuvor ist, dass es sich um eine ernsthafte, feierliche Angelegenheit handelt und niemand beschwipst sein sollte).

Da würde ich dann jetzt gerne eine Runde um den Block gehen. Die komplett durchstrukturierte Trinkrunde macht mir nichts aus. Es ist klar, wer wann worüber spricht, was danach kommt, wann ich dran bin… Partysituation, wenn viele Leute in einem Raum sind, sich Gruppen bilden und auflösen, Gesprächsthemen durcheinander gehen, ich Dialog mit Leuten halten soll, die ich nicht interessant finde… nicht so sehr.

Entsprechend verabschieden wir uns dann auch zeitnah.