Ursula Poznanski: Schatten

Ursula Poznanski ist eine österreichische Autorin von Jugendbüchern und Thrillern für Erwachsene. Mit ersteren konnte sie mich nicht überzeugen. Ihre Reihe um Beatrice Kaspary und ihren Kollegen Wenninger lese ich aber recht gern.

Die Bücher spielen in und um Salzburg, und ich finde, die Wahl eines Orts, an dem sich die Autorin gut auskennt, war eine weise Entscheidung. Ihr Buch Erebos soll in London spielen, und für mich, die ich ja doch regelmäßig Zeit dort verbringe, ist es eben schon sehr „SOLL“ in London spielen. Das Setting in Salzburg ist stimmiger.

Von außen betrachtet, hat das Buch ein großes Manko für mich: Der Coverstil passt nicht gut zu den ersten drei Bänden. Ich werde nie verstehen, warum Verlage mitten in einer Serie den „Look“ der Bücher ändern zu müssen glauben. Schade.

Es geht, natürlich, um Mord. „Schatten“ ist der vierte Band. Das Ermittlerteam ist seit Buch eins größtenteils unverändert, aber es gaben deutliche Entwicklungen stattgefunden – Entwicklungen, die durchaus konsistent und in sich logisch sind.

Erzählt wird aus Sicht von Beatrice Kaspary. In diesem Buch kommt erstmalig auch ihr Kollege (und seit dem letztem Band ihr Lover) Florin (ohne a) Wenninger „zu Wort“. Eine wirklich eigene Charakterstimme haben seiner Erzählkapitel nicht. Das stört mich nicht weiter, aber wer wirklich gerne ein Buch mit deutlich unterschiedlichen Erzählstimmen liest, wird hier enttäuscht sein.

Was mir hier mal wieder gut gefällt – wie auch im letzten Buch schon – ist, dass sich die Figuren nicht so wahnsinnig blöd anstellen. Weder enthalten sie sich gegenseitig aus fadenscheinigen Gründen wichtige Informationen vor, noch tun sie die Gedanken des jeweils anderen leichtfertig ab, um später dann eines Besseren belehrt werden zu können, noch brauchen sie ewig, um einen Zusammenhang zu finden… Jawohl, das mag ich. Dass man „dennoch“ einen spannenden Fall aufbauen kann, beweist Frau Poznanski hier einmal mehr.

Der Schreibstil ist gut zu lesen. Auf der Lesung neulich meinte sie, dass sie nicht so wahnsinnig Österreichisch schreibe und deswegen auch in Deutschland größeren Erfolg habe als in Österreich. Den zweiten Teil dieser Aussage kann ich nicht kontrollieren, aber dem ersten schließe ich mich an. Wo ich bei Andreas Gruber (den ich durchaus auch gerne lesen) gelegentlich über österreichische Begriffe „stolpere“, ist die Sprache bei Poznanski sehr überregional neutral gehalten. Damit eignen sich die Bücher auch gut zum Nebenherlesen, wenn ich nicht unendlich viel Konzentration aufbringen kann – oder speziell als Flugzeuglektüre. Ich glaube, ich habe alle vier Kaspary-Bücher bislang in der Luft gelesen.

Sicher kann man Band vier für sich alleine lesen. Mehr Sinn gibt es aber, wenn man ihn in Folge mit Band drei liest. Die Verknüpfung der beiden Bücher könnte extrem gezwungen, künstlich und unlogisch sein. Könnte, ist sie aber nicht, weil Frau Poznanski es schafft, diese Verbindung so aufzubauen, dass es in sich konsistent ist. Ob sie in Band drei wirklich schon wusste, dass sie Band vier so schreiben würde, oder ob sie einfach nur sehr geschickt ihre eigene Vorlage nutzte und den von Band drei noch herumspringenden „Ball“ annahm – hätte ich sie vielleicht auf der Lesung fragen sollen, aber bei solchen Fragen zögere ich immer sehr. Man will ja nicht durch eine unvorsichtige Formulierung für den Rest des Publikums „spoilern“.

Abzug bekommt das Buch für einen kleinen Abschnitt von vielleicht fünfzehn Seiten mitten im Endteil. Dort liest sich der Text, als hätte ihn jemand anders geschrieben. Wenn das spannungserhöhend sein sollte: Es hat nicht funktioniert. Plötzlich wird dem Leser plump und mit Ankündigung Information vorenthalten, um dann die Auflösung dramatischer zu machen. Wird sie allerdings nicht, denn bis diese kommt bin ich zumindest schon dermaßen genervt von dem Spiel, dass es mir schon ziemlich egal ist. Bei einem Autor, der sonst schlechter schreibt, würde ich sagen „Der kann es halt nicht anders“. Poznanski kann aber, wie sie an anderer Stelle und in anderen Bänden beweist. Was dieser Abschnitt sollte… keine Ahnung.

Danach geht es dann allerdings in gewohnter Manier weiter, und das Ende vom Ende des Bands ist wieder so angenehm geschrieben wie der Anfang, die Mitte und der Anfang vom Ende.

Auf jeden Fall bin ich nun gespannt, wie es weitergeht. Das nächste Buch wird bestimmt wieder gekauft.

Advertisements

Jasper Fforde: Shades of Grey

Ich habe ein ganz besonderes Bücherregal.

Es ist kein materielles Bücherregal aus Holz, sondern mehr ein virtuelles Bücheregal. Es steht in meinem Kopf, und es enthält Bücher. Die Anzahl Bücher, die darin „steht“ ist überschaubar.

Manche Bücher sind für mich sehr einprägsam. Seiten, ganze Kapitel, oder sogar der vollständige Text brennen sich dann ins Gedächtnis ein, sodass ich tatsächlich später einfach „im Kopf“ das Buch wieder aufblättern und lesen kann.

Dabei sind das nicht immer unbedingt die Bücher, die mir am besten gefallen. Genau genommen, habe ich keine Ahnung, was der Auslöser ist, dass manche Texte sich einfach Bild für Bild abrufbar abspeichern und andere nicht.

Obwohl ich viel lese, bekommt dieses Bücherregal nicht besonders oft Zuwachs. Es können Jahre vergehen, bevor ich wieder ein Buch finde, das in dieses „Regal“ rutscht.

Seit dieser Woche habe ich nun ein neues Buch dort stehen. Während, wie gesagt, nicht jedes so gespeicherte Buch zu meinen Lieblingsbüchern gehört – dieses tut es definitiv.

*

ffordeshades

„Shades of Grey“ hat nichts mit „50 Shades of Grey“ zu tun. Es ist ein Buch von Jasper Fforde, und wer mit Ffordes Werken vertraut ist, kann sich schon vorstellen, welche Art von Buch es ist. Fforde war Kameraassistent für James Bond: GoldenEye und dürfte im Literaturbereich am besten für seine „Thursday Next“-Serie bekannt sein (Gruß an den Kollegen, der die ins Deutsche übersetzt hat: Sie haben ja nicht mal ernsthaft VERSUCHT, den Büchern gerecht zu werden…).

Nun. Shades of Grey heißt auf Deutsch „Grau“, ist im Eichborn-Verlag erschienen und ich habe es in Übersetzung nicht gelesen. Daher kann ich mich leider nicht dazu äußern, wie gut oder schlecht diese ist. Die Buchausgabe ist vergriffen, Kindle benutze ich nicht. Ich hoffe, dass hier ein Übersetzer dran war, der sein Handwerk wirklich versteht – das Buch ist meiner Einschätzung nach extrem schwer zu überestzen, wobei ich mir vorstellen kann, dass eine sorgfältige Übersetzung auch wahnsinnig viel Spaß machen könnte. Wenn jemand die deutsche Fassung kennt, darf er mir gerne mitteilen, ob sie was taugt! Nachfolgend sind alle übersetzten Begriffe daher nur meine eigenen Übertragungen aus dem Originaltext!

Das Setting ist erst mal ordentlich bizarr. Wir befinden uns weit in der Zukunft. Etwa 500 Jahre vor der Geschichte, die erzählt wird, passierte Etwas. Was genau? Weiß keiner. Geschichte wurde abgeschafft, wie eigentlich die allermeisten Fakten. Wilde Spekulation ist eher „in“.

Die Menschen leben im „Kollektiv“ – das anscheinend speziell die britischen Inseln überzieht. Die Bevölkerungszahlen werden streng kontrolliert. Fortpflanzen ist nur mit Erlaubnis möglich. Man lebt nach einem strengen Regelwerk. Einige der Regeln sind recht sinnvoll – etwa lautet Regel 1, dass man nichts tun darf, das einem anderen Menschen schadet. Andere muten genauso bizarr an, wie die Welt an sich, wieder andere sind einfach nur zum-sich-wegwerfen komisch. Regel 9.3.88.32.025 etwa besagt: Die Gurke und die Tomate sind Obst, die Avocado ist eine Nuss. Um eine ausgewogene Ernährung für Vegetarier sicherzustellen, ist das Huhn am ersten Dienstag des Monats offiziell Gemüse.

Klingt soweit noch nach „Ach, wieder irgendeine Dystopie, was ist daran so ungewöhnlich?“

Na, es wäre nicht Fforde, wenn es nicht ein bisschen ins surreale anmutende ginge.

Die Menschen dieser Zeit sind alle mehr oder weniger Farbenblind. Die gesamte Gesellschaft basiert ausschließlich darauf, welche und wie viele Farben der einzelne sieht. Im Alter von 20 Jahren wird jeder auf Farbsehen geprüft und erhält dann seine Einstufung. Karriere, soziales „Standing“, Heiratsaussichten – alles hängt davon ab. Die „Grauen“ sind die Arbeiter- und Dienerklasse. Leider gibt es davon immer weniger, weil die „farbigen“ Familien alles tun, um ihr Farbsehen nicht zu verlieren. So sind die Grauen allgemein überarbeitet. Immerhin können sie so mehr verdienen, meint jemand im Buch. Leider nutzt ihnen das nichts. Sie können zwar so viel verdienen, wie sie wollen, aber die Beträge, die sie ausgeben dürfen, sind begrenzt.

A propos – diese Welt hat zwei Währungen: Merits und Cents. Merits werden zum Handeln verwendet, aber auch als Belohnung für gutes Verhalten vergeben… oder zur Strafe abgezogen. Sinkt der Meritstand zu tief, heißt es ab zur Umerziehung.

Zurück zu den Farben… unter den Farbsehenden fängt die Hierarchie unten mit rot an und hört oben mit lila auf. Nachnamen weisen immer auf die Farbe und die Intensität des Farbsehens hin. Durch Heirat kann der „tiefer“ eingestufte Partner in die Farbe des „höher“ eingestuften umklassifiziert werden. Theoretisch könnte man so direkt von Grau zu Lila werden – jedoch kommt eine solche Verbindung eher selten vor. „Wenn du willst, dass deine Nachfahren dich hassen,“ heißt es nämlich, „dann heirate spektrumabwärts.“

Dieses eingeschränkte Farbsehen gilt jedoch nur für natürliche Farben – und alten Farben, aus der Zeit bevor Etwas Passiert ist. Andererseits jedoch kann aus altem eingefärbtem Kunststoff künstliches Pigment extrahiert werden, mit dem „Univision“ – für alle sichtbare – Farben erzeugt werden können. Reiche Familien kaufen sich dann eingefärbte Möbel, eingefärbtes Essen, etc., damit jeder, der zu Besuch kommt, auch sieht, wie reich man eben genau ist.

Daneben werden Farben auch zu ganz anderen Zwecken verwendet: Als Drogen etwa (vor allem Grüntöne) oder zu medizinischen Zwecken. Manche Farben sind so gefährlich, dass sie verboten sind. Es heißt sogar, es gäbe irgendwo ein Gebäude, das in einer Farbe gestrichen ist, die den Betrachter durch bloßes Ansehen tot umfallen lässt.

Das Regelwerk ist unfehlbar und enthält unter anderem eine Liste der Gegenstände, deren Produktion zulässig ist. Der Löffel fehlt dort, und so haben sich die Löffel inzwischen zu einer seltenen Ware entwickelt. Wer einen hat, trägt ihn vorzugsweise am Körper, um Diebstahl zu verhindern. Wer zwei hat, hat auf jeden Fall eine sehr gute Verhandlungsposition, könnte er doch einen eintauschen.

Was nicht in den Regeln steht, gilt als Apokrypha und wird wegignoriert. So etwa der „Gefallene“ – ein Mann, der an einen Stuhl aus Metall gefesselt vom Himmel gefallen und beim Aufprall verstorben ist. Der liegt noch immer – inzwischen ist kaum mehr als das Skelett übrig – genau da, wo er gelandet ist. Da er nicht offiziell existiert, kann ihn auch keiner wegräumen oder recyceln.
Diese Vorgehensweise führt dann auch zu interessanten Situationen, wenn man einen „apokryphen“ Menschen im Dorf hat, der lustig ins Zimmer spaziert kommt, das Abendessen mitnimmt und sich wieder verzieht… darf man doch nicht mal zugeben, ihn gesehen zu haben. So bleibt dann nur der Seufzer „Niemand hat gerade unsers Suppe gegessen…“ und die Suche nach einem Ersatz für die ausgefallene Mahlzeit.

In dieser Welt gibt es neben dem angeblich tödlich gestrichenen Gebäude ein paar sehr typische Todesformen: Schwäne sind sehr gefährlich. Insbesondere gilt dies für die Riesenschwäne. Dabei handelt es sich um extrem große fliegende Vögel, die scheinbar keine Beine haben, nie im gelandeten Zustand entdeckt werden, nicht mit den Flügeln schlagen müssen, und in sehr großer Höhe kreisen. Wie groß diese Tiere tatsächlich sind, ist schwer zu sagen – schließlich dürfte noch keiner eine direkte Begegnung überlebt haben.

Blitze sind ebenfalls sehr gefährlich, und die einzelnen Ortschaften bauen unterschiedlichste Mechanismen, um sie einzufangen und ihre Bewohner zu schützen. Insbesondere Kugelblitze gelten als tödlich und hinterhältig.

Mit dem Farbsehen ist die Fähigkeit verlorengegangen, die Pupillen zu erweitern um bei geringem Lichteinfall zu sehen. Die Nacht an sich ist daher ebenfalls sehr gefährlich – wer sich nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb der sicher beleuchteten Gebiete aufhält, überlebt dieses Erlebnis nur selten.

Dennoch – die häufigste Todesursache ist eine Krankheit namens Mildew („Mehltau“); die ersten Symptome sind taube Ellenbogen und schnell wachsende Fingernägel. Wer betroffen ist, verabschiedet sich von seiner Familie und begibt sich in den „Grünen Saal“ – wo er durch medizinisches Grün in einen Zustand der Verzückung versetzt wird und schließlich verstirbt. Dann wird die Leiche versiegelt, denn Mehltauopfer husten einige Stunden nach dem Tod noch einmal und stoßen dabei Sporen aus, die die Krankheit weiter verbreiten. So ziemlich jeder, der nicht einem Schwan oder Blitz zum Opfer fällt, oder in der Nacht verloren geht, holt sich irgendwann den Mehltau und ist nach spätestens 24 Stunden tot.
Der Mehltau hat auch noch ein paar andere interessante Eigenschaften – so gibt es etwa eine Variante, die umgehend auftritt, wenn sich eine Person eine irreversible Verletzung zugezogen hat – traumatischer Mehltau nennt man das. Und es scheint dass der „Pöbel“ – Menschen, die unzivilisiert außerhalb der Städte in der Wildnis leben – dagegen auch noch immun sind. Sehr seltsam…

Zu irgendeinem Zeitpunkt wurde wohl – so nimmt man an – das genetische Material von Tieren und Pflanzen so verändert, dass diesen nun jeweils ein Strichcode irgendwo im Fell oder auf der Haut wächst. Strichcodes sammeln und entschlüsseln ist ein beliebtes Hobby – es ist übrigens Pflicht, mindestens ein Hobby zu haben, ebenso, wie es Pflicht ist, ein Instrument zu spielen. Fast alles hat Strichcodes: Rennschnecken, Bisons, Strauße, Giraffen, das Letzte Kaninchen… wenige Dinge haben keine, wie etwa Rhododendrons und Äpfel. Menschen… haben einen. Er wächst anstelle eines Fingernagels an der linken Hand.

In diese Welt wirft uns Fforde nun also gemeinsam mit Eddie, dem Erzähler und Protagonisten, direkt in die Verdauungskapsel einer fleischfressenden Pflanze – denn dort steckt er gerade. Während er darauf wartet, verdaut zu werden, erzählt er uns genau, wie er in diese missliche Lage genommen ist. Dabei schafft Fforde es, die Welt in der Erzählung vorzustellen, ohne in „Achtung, hier kommt eine Erklärung“ zu verfallen. Die Figuren sind teils sehr seltsam, aber innerhalb der Welt konsistent. Manches erscheint komischer als es müsste – was nicht die Schuld des Autors ist, sondern im Gegenteil an der Konditionierung des Lesers liegt. Die Sache mit der Mitgift und den arrangierten Ehen etwa wirkt gefühlt erst dann ganz besonders seltsam, wenn es der junge Mann ist, der quasi an die Familie seiner zukünftigen „Verkauft“ wird und auch noch einen Teil seiner eigenen Mitgift zu stellen hat. Da kann man als Leser dann trotz – oder vielleicht gerade wegen – der eher surrealen Umgebung eigene Annahmen etwas hinterfragen.

Fforde ist ein Meister der Beschreibungen auf einer Ebene, die mich zumindest sehr tief „erwischt“. So fiel mir etwa auf, dass ich alleine aufgrund der sehr farbspezifischen Wortwahl und der an die Wahrnehmung des Protagonisten angepassten Beschreibung nach Lektüre selbst die Farbigkeit um mich herum ganz anders – nicht intensiver, aber deutlich bewusster – wahrgenommen habe. Es war ein interessanter Effekt.

Was mir noch besonders gut gefällt ist, dass die Welt, egal wie bizarr, seltsam und unwahrscheinlich sie anmutet, am Ende Sinn gibt. Ich verstand die Lösung beim Lesen in einem Aha!-Moment einige Kapitel bevor die wichtigsten Punkte für den Erzähler selbst aufgelöst wurden. Es waren die Barcodes, die mich drauf brachten, zusammen mit den Schwänen und dem „Gefallenen“.

Sehr gut gefällt mir auch die Vielzahl der Anspielungen auf literarische Werke und alles von Musicals bis Brettspiele unserer Zeit. Oft lassen sich die Halb- und Falschüberlieferungen dann tatsächlich einsortieren. Das Buch hatte für mich keine Längen, keine echten Kopfschüttelmomente und keine Inkonsistenzen, die mit Blick auf die Auflösung nicht logisch sind. Es enthält natürlich ein paar Druckfehler, jedoch bietet Herr Fforde auf seiner Website neben etlichen Gimmicks auch ein Upgradecenter für seine Bücher an – detaillierte Anleitungen zur Beseitigung der gefundenen Druckfehler, sortiert nach Buch und Ausgabe, einschließlich einer Art Exlibris, das man sich ausdrucken und einkleben kann, und das darauf hinweist, dass das Buch nun die „vom Autor genehmigte Version 1.1“ sei. So trägt dann sogar das, was sonst eher nervig erscheint, zur Unterhaltung bei.

Jetzt müsste Herr Fforde nur dazu kommen, Band zwei und drei zu veröffentlichen. Da er ein sehr regelmäßiger Schreiber ist, habe ich hier jedoch volles Vertrauen darin, dass die Bände noch kommen. Für 2018 ist auf jeden Fall ein Buch aus dieser Welt angesagt, wenn auch eine Vorgeschichte, und noch nicht die Fortsetzung. Das Fforde-Buch von 2017 – der Autor veröffentlicht in schöner Regelmäßigkeit ein Buch pro Jahr – soll ein Standalone sein, das bereits vorbestellt ist.

Markus Heitz: Wédōra – Staub und Blut

Markus Heitz ist ein deutscher Fantasyautor; erstmalig fiel er mir auf weil mir beim Durchblättern eines seiner in unserer Jetztzeit spielenden Fantasybücher der sehr gute Umgang mit der deutschen Sprache auffiel. Deutsch ist wirklich nicht einfach zu schreiben, v.a. wenn es spannend und nicht langatmig oder schwer zu lesen sein soll.

Ich finde nicht alle seine Werke gut, und definitiv manche besser als andere. Zumindest mal probieren möchte ich seine Serien aber schon.

So hielt kürzlich „Wédōra – Staub und Blut“ bei mir Einzug-

wedora

Der Klappentext:

Im Mittelpunkt einer gigantischen Wüste liegt die schwer befestigte Stadt Wédōra.
Sämtliche Handelswege der fünfzehn Länder rings um das Sandmeer kreuzen sich hier, Karawanen und Kaufleute finden Wasser und Schutz. Hierin verschlägt es den Halunken Liothan und die Gesetzeshüterin Tomeija.  Die beiden kommen zum ungünstigsten Zeitpunkt in die Stadt, steht Wédōra doch kurz vor einem gewaltigen Krieg, denn die geheimnisvollen Stämme der Wüste rufen zum Sturm auf die mächtige Stadt. Liothan und Tomeija geraten schnell in ein tödliches Netz aus Lügen und Verschwörungen, besitzen sie doch Fähigkeiten, die für alle Seiten kriegsentscheidend sein können.

Punkt 1:
Der Klappentext ist irreführend, und das mag ich nicht.

Klar, es „verschlägt“ die beiden in die Stadt – sie werden von einem Hexer dorthin gezaubert, aus ihrer Welt in eine andere.

Da haben wir schon das erste Problem. Heitz jongliert nicht eine, sondern zwei neue Welten gleichzeitig. Nun könnte man das natürlich nutzen, um dem Publikum die eine oder die andere oder sogar beide durch die Augen der Figuren, die sich aus ihrer gewöhnlichen Umgebung gerissen sehen, aus deren Reaktionen vorzustellen. Leider lässt er zahlreiche Gelegenheiten dazu ungenutzt.

Die Welt von Wédōra wird am besten beschrieben und erklärt durch die „Meta“-Inhalte – abgedruckte Seiten aus Geschichts-und Textbüchern aus der Welt, die zwischen die Kapitel eingefügt sind. Diese Vorgehensweise gefällt mir sehr gut, aber ich hätte gerne mehr solche Informationen auch im Haupttext gefunden. Bis zuletzt bin ich mir nicht sicher, wie lang ein Mâne ist. Vorne im Buch heißt es „vier volle Monde“ – das wären vier Wochen. Im Text wiederum werden „sieben Sonnen“ (sieben Tage) mit „einem Mâne“ gleichgesetzt. Ob es nun vorne oder im Text ein Fehler ist… Das müsste man sich irgendwie hintenrum quer erschließen.

A propos Mâne… praktischerweise sprechen die beiden in der andere Welt Gestrandeten ausgerechnet die örtlich übliche Sprache! Mit Ausnahme einiger weniger Wörter, wie etwa denen für „Jahr“ und eben einen anderen Zeitraum. Ansonsten gibt es keinerlei Verständigungsprobleme! Wahrlich erstaunlich, bedenkt man, wie sehr sich alleine Mundarten schon von Ort zu Ort unterscheiden können, und dass eine der Figuren kaum lesen und schreiben kann, und daher mit einer Schriftsprache/Standardsprache wenig vertraut sein dürfte

Die Welt von Wédōra ist durchaus interessant. Ich denke, sie hat sehr großes Potenzial. Leider nutzt der Autor dieses kaum.

Ein Problem, das ich mit Heitz‘ neueren Büchern habe ist, dass in ihnen einfach alles zu viel wird. Es ist, als wollte er jede Idee, die er hat, in das Buch packen. Jede. Einzelne. Es ist zu viel. Manchmal wäre weniger mehr, und hier ist es definitiv der Fall.

Immer wieder schaltet er nach „Walfor“, in die Herkunftswelt der beiden zurück. Zu den Figuren dort kann man kaum eine Leserbeziehung aufbauen, da man so gut wie nichts über sie erfährt. Es bleibt Handlung mit im Grund unbekannten, austauschbaren Figuren. Da der Leser darüberhinaus die „Lösung aus diesem Teil der Geschichte bereits kennt, empfand ich diese Kapitel als langweilig.

In Wédōra laufen mehrere Handlungsstränge parallel. Ähnlich der unendlichen Geschichte führt alles Mögliche zu weiteren Abzweigungen, und ähnlich wie in der unendlichen Geschichte werden diese nicht weiterverfolgt. Hier allerdings dient das nicht dem Buchaufbau, und liest sich einfach nur schlampig. Man hat das Gefühl, wenn man das Buch zuklappt, hängen überall lose Handlungsstränge zwischen den Seiten hervor. So ein bisschen wie herausquellende Gedärme… und für den Roman genauso tödlich!

Vielleicht hat er ja vor, diese in Nachfolgebänden abzuarbeiten. Dann wäre es meines Erachtens dennoch besser gewesen, sie nicht alle in diesem Buch bereits einzuführen.

Weiterhin gibt es Handlungsstränge, die zwar abgeschlossen sind, aber zur Haupthandlung nichts beitragen und nur Seiten fressen. Das ist schade, denn davon würden mindestens zwei locker jeweils ein eigenes Buch abgeben, wenn sie komplett ausformuliert wären und nicht hopplahopp abgearbeitet würden.

Viele Geheimnisse und Mysterien werden erwähnt, angedeutet, angeschnitten – und bleiben dann angeschnitten liegen. Herr Heitz schreibt im Schlusswort, die Welt sei ursprünglich zum Rollenspielen entworfen worden. Mag sein, dass diese ganzen Mysterien Startpunkte für Quests oder Abenteuer hätten werden sollen… aber nochmal: Sie alle in ein Buch zu quetschen ist zu viel.

Die Hauptfiguren haben beide Vergangenheit, viel wird angedeutet, nichts wird aufgelöst. Es ist nicht zufriedenstellend. Zum einen erfährt man Details, die so oft erwähnt werden, dass man davon ausgehen muss, sie würden nochmal relevant – Liothans alte Verletzung etwa – nur um dann festzustellen: Es ist für die Story absolute irrelevant. Alles in Allem habe ich nicht das Gefühl, die Protagonisten kennengelernt zu haben. Es sind eher generische Figuren, komplett mit ungewöhnlicher Augenfarbe und „Fluch“, und einem großen gedachten Schild über ihren Köpfen: „Diese Figur hat eine Vergangenheit und ist interessant“. Leider lügt das Schild.

Schließlich, noch ein Punkt von „zuviel des Guten“: Herr Heitz hat sich anscheinend in die Diakritika verliebt.
Was sind Diakritika (Einzahl: Diakritikon)?
Der Fliegendreck auf und unter den Buchstaben!
Wédōra – das Dings auf dem é und das Dings auf dem ō.
Das Strichelchen auf dem o heißt übrigens Makron und die Punkte auf dem ä, ö und ü im deutschen sind keine echten Diaktritika.
Äh, ja… Diaktritika also….
Die verteilt Herr Heitz großzügig quer über alle möglichen Namen. Dazu verwendet er Buchstabenkombinationen, die für unterschiedliche Sprachen typisch sind, gemischt. Wenn er die Welt damit fremder erscheinen lassen will – Glückwunsch, es funktioniert nicht. Es nervt nur unheimlich beim Lesen, wenn sich das Hirn nicht entscheiden kann, wie es das nun beim mentalen vorlesen aussprechen soll. Einen Ausspracheleitfaden hat der Autor leider nicht beigelegt. Hat Tomeija nun ein niederländisches „ij“, ein deutsches „ei“+j, ein Spanisches „j“? Wir werden es nie rausfinden. Und ihr Beruf? Die Ordnungshüterin ist eine „Scīrgerēfa“. Nein, auch die Diakritika können nicht drüber weg täuschen, dass er da einen Sherriff ausgenommen und verstümmelt hat.

Wie erwähnt, mir fiel Heitz erstmals wegen der guten Verwendung der deutschen Sprache auf. Davon sieht man in diesem Buch nicht viel. Die Sprechweise der Figuren liest sich gekünstelt, unnatürlich… angelehnt am ehesten an Marktsprech, die Kunstsprache der Mittelaltermärkte. Jubel und Händegeklapper gibt es dafür aber nicht, sondern eher nochmal ein letztes Augenrollen!

Das Ende ist konstruiert, übereilt und m. E. nicht logisch, aber natürlich notwendig, wenn der Autor weitere Bücher über diese Figuren in dieser Welt schreiben will. Ein paar Zufälle passen dennoch allzugut zusammen, zu viel Information wird auf den letzten Seiten aus der Luft gezaubert und plötzlich von den Protagonisten als „richtig, wussten wir schon“ bestätigt.

Die Welt an sich ist jedoch ein Genuss… im Bereich „Worldbuilding“ erhält dieses Buch von mir volle Punktzahl mit Sternchen. Durch die Ausführung kommt es im Endergebnisse auf 2,5-3 Sternchen.

Würde ich eine Fortsetzung lesen?

Vermutlich. Schon weil ich wissen wollen würde, ob er wirklich den einen oder anderen Handlungsstrang fertigschreiben will.

Erinnert das Titelbild außer mit eigentlich noch jemanden an Sauron?

Karen Rose: Every Dark Corner

kr_edc

Normalerweise mache ich um Romantikbücher einen ganz großen Bogen.

Ich meine jetzt nicht Bücher, die eine Handlung haben und in denen zufällig auch ein Pärchen vorkommt, sondern Bücher, deren Hauptzweck es ist, Protagonist Männlich mit Protagonist Weiblich, Protagonist Weiblich 1 mit Protagonist Weiblich 2 oder Protagonist Männlich 1 mit Protagonist Männlich 2 ins Bett zu bekommen. Vor fünfzehn Jahren oder so hab ich sowas mal übersetzt. Für Geld. Mein Bedarf ist noch mindestens 150 Jahre lange gedeckt. Wenn nicht länger.

Es heißt ja so schön, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Karen Rose ist die Ausnahme, die meine Regel hier bestätigt. Also: ihre Bücher.

Entdeckt habe ich sie vor etwa zehn Jahren. Damals las ich in kürzester Zeit alle Bücher, die sie bislang veröffentlicht hatte. Seither steht sie auf meiner Liste der Autoren, die beobachtet, vorbestellt und umgehend gelesen werden. Wenn notwendig, nehme ich mir dafür einen Tag Urlaub.

Die Bücher kann man wohl als Romantikthriller oder so ähnlich bezeichnen. Sie spielen immer im Bereich der Strafverfolgung. Die Protagonisten sind Polizisten, FBI-Leute, Polizeipsychologen, Anwälte, Staatsanwälte, Privatdetektive und Ähnliches. Die Fälle sind meist sehr brutal, die Themen hart. Der gewöhnliche Serienmörder kommt vor, ist aber eher die Ausnahme. Von häuslicher Gewalt bis zu Zwangsprostitution, Menschenhandel und sogar Kinderpornographie gehen die Fälle. Parallel dazu finden sich dann immer zwei aus dem Ermittlerteam. Das bekommt sie hin, ohne dass es gezwungen ist, oder der eine Plot den anderen stört.

Die Bücher spielen alle in derselben „Welt“ – die Figuren wiederholen sich, überschneiden sich, man bekommt hier einen Einblick in den einen Teil der Familie, dort einen in den anderen. Es hält die Bücher zusammen, und es macht das Lesen manchmal einfacher, wenn man bereits bekannte Elemente hat.

Eine Sache, die mir besonders gut gefällt, ist ihre ungewöhnlich gute Darstellung behinderter Charaktere. Frau Roses Tochter ist gehörlos, entsprechend spielen gehörlose Figuren immer wieder eine (auch tragende) Rolle. Auch andere Dinge baut sie aber ein, und – man findet die entsprechenden Figuren auf beiden Seiten des Plots – mal auf Seite der Verbrecher, mal auf Seite der Gesetzeshüter. Wer die Nase voll hat von „perfekten“ Helden kann sich hier austoben.

Zur Übersetzung kann ich mich nicht äußern, da ich die Bücher nie auf Deutsch gelesen habe. Das Original liest sich sehr flüssig, sehr angenehm, aber nicht monoton oder zu vereinfacht.

Karen Rose ist aktuell die einzige Autorin, bei der ich Sexszenen nicht einfach aus Langeweile überblättere. Sie schafft es, einen der restlichen Geschichte angemessenen Ausdruck beizubehalten, ohne Stilbrüche. Weder wird sie plötzlich schwammig und unklar, noch ergeht sie sich in unnötigen Detailbeschreibungen. Es ist einfach Teil der Geschichte, und so finde ich es auch lesbar. Normalerweise langweilen mich solche Szenen unsäglich.

Das neueste Buch, „Every Dark Corner“, hat zwei aus vorherigen Büchern bekannte Figuren in den Hauptrollen und zahlreiche bekannte Figuren in Nebenrollen. Es ist eine direkte Fortsetzung des vorherigen Buchs „Alone in the Dark“, ließe sich aber auch alleinstehend lesen. Das Ende bereitet ganz klar eine weitere Fortsetzung vor. Ihr nächstes Buch erscheint noch dieses Jahr, wobei die Ankündigung eher darauf schließen lässt, dass es einen anderen, früheren Handlungsstrang fortsetzen wird.

Große Themen sind Kinderpornographie, Drogenhandel und posttraumatische Belastungsstörung; wer von einem oder mehreren dieser Themen keine Details lesen möchte, sollte das Buch bleiben lassen.

Eine Sache, die mir an diesem Buch sehr positive aufgefallen ist, ist das vernünftige Verhalten der Figuren. Damit meine ich, dass ich als Leser nicht das Gefühl habe, dem einen oder anderen mal ein paar leichte Schläge auf den Hinterkopf verpassen zu müssen, um übermäßige Blödheit zu beseitigen – sowohl, was das Erkennen von Spuren, Hinweisen und Zusammenhängen betrifft, als auch, was die beginnende Beziehung im Buch angeht.

Die Figuren tun ihr Bestes, um den Fall zum Abschluss zu bringen, auch wenn es ihnen nicht immer gefällt. Niemand gefährdet durch dämliches Verhalten den Fall und muss im letzten Moment einlenken, niemand hat plötzlich im Vakuum eine rettende Idee, sondern es puzzeln alle an ihrem Ende, bis das Gesamtbild für alle stimmt. Fehler werden gemacht, aber nicht in der schrecklich hinkonstruierten Form, wegen der ich Krimis häufiger halb gelesen zur Seite lege. Und es geht in der Tat ohne! Die Geschichte bleibt spannend, die Figuren bleiben bei aller Vernunft menschlich.

Auf den klischeehaften Ablauf des Romantikbereichs, den Frau Rose in ihren ersten Büchern noch verfolgte – man wusste genau, ca. 2/3 durchs Buch kommt der große Streit, die zeitweilige Trennung, dann die böse Wendung, nach der einer dem anderen zu Hilfe eilen muss (bei Karen Rose kann das durchaus auch mal die Frau sein, die dem Mann aus der Klemme helfen muss) und dann liebt man sich doch. Darüber ist sie – zum Glück – hinweg. Ich finde den Romantikteil auch nochmal wesentlich weniger nervig, wenn die Beteiligten sich wie erwachsene Menschen benehmen, und nicht wie dreizehnjährige.

Tja. Was soll ich sonst noch sagen? Das Buch würde von mir 5 von 5 Sternen bekommen, in so ziemlich jeder Kategorie, die mir einfällt.

Leider ist die Coverversion, in der ich die ersten Bücher gekauft habe, für die Neuesten nicht erhältlich. Das stört mich etwas, weil es ein Bruch im Regal ist.

Trotzdem… das nächste Buch ist schon vorbestellt.

Carolyne Larrington: Winter is Coming

winteriscoming

A Song of Ice and Fire – vielen wohl besser bekannt unter dem Titel der Fernsehserie, Game of Thrones – entdeckte ich 1997, nicht allzu lange nach der Veröffentlichung des ersten Bands. Ich weiß noch, wo ich den her hatte: In einer Zeit vor Amazon – mein Amazonkonto datiert von 2004 – war das Bestellen fremdsprachiger Bücher zwar möglich, aber durchaus immer ein Erlebnis. Damals traf ich schloss ich meinen ersten „Versorgungspakt“ mit einer Amerikanerin: Sie schickte mit alle drei Monate eine Schachtel mit Büchern und ich schickte ihr alle drei Monate eine Schachtel mit deutschen Süßigkeiten. Ähnliche Absprachen habe ich heute noch mit mehreren Kollegen laufen.

In einem dieser Pakete lag damals „Game of Thrones“, ich las und befand es für gut.

Ich habe seitdem zwischen den langen Wartezeiten zwischen den Büchern, dem Tonfall, den Herr Martin seinen Lesern gegenüber teils anschlägt, und der sinkenden Qualität der Inhalte das Interesse am Lesen weiterer Bände umfassend verloren, was aber nicht bedeutet, dass mich die Serie an sich nicht mehr interessiert.

Auf meinem Schreibtisch steht eine sehr gut ausgearbeitete Büste von Sandor Clegane – lange vor der Fernsehserie und in Anlehnung an die Buchbeschreibung gefertigt. Wer mit diesem Modell ein Problem hat, hat ein Problem mit meinem Büro (und das kommt in der Tat gelegentlich vor).

Nun fand ich also dieses Buch: Winter is Coming, von Carolyne Larrington

Speziell werden hier die Motive, Inhalte, Figuren und Kulturen der Serie mit der Geschichte und Mythologie unserer Welt verglichen.

Die Autorin ist Historikerin, und das merkt man. Das Buch ist sehr stark in wissenschaftlichem Stil aufgebaut, vielleicht teils etwas trocken, was meiner Meinung nach hier kein Schaden ist.

Die Vergleiche sind logisch, gut durchdacht, verständlich erklärt und mit zahlreichen Verweisen auf Sekundärliteratur – von der ich mir auch das eine oder andere Werk zulegen werde. Ein paar Sachen waren mir neu, allerdings hat eine kurze Recherche zu dem wenig überraschenden Ergebnis geführt, dass die Autorin wusste, wovon sie spricht.

Ob nun Herr Martin seine Serie wirklich in dem Ausmaß durchdacht hat, das ihm Frau Larrington unterstellt, lasse ich mal dahingestellt.

Leider habe ich beim Kauf des Buchs nicht bedacht, dass ich die deutsche Übersetzung gekauft habe. Diese ist aus Sicht des Übersetzers sehr gut gemacht – leider, muss ich hier sagen. Denn die Übersetzung der Bücher und der Serie selbst erfolgte in einer Weise, auf die man sich doch glatt in die 1960er Jahre versetzt fühlt – damals, als es gerade modern war, Straßennamen, Ortsnamen, Personennamen und anderes mitzuübersetzen.

Bei manchen Werken mag das angemessen und sogar notwendig sein. Denken wir da an Herr der Ringe, von dem Tolkien selbst ja behauptete, es sei eine Übersetzung ins Englische, einschließlich einer längeren Abhandlung über die Übersetzung der Namen. Als weiteres Beispiel sei Harry Potter genannt, wo vielen Namen eine Bedeutung innewohnt, die durchaus relevant für die Charakterisierung der entsprechenden Person oder für die Eigenschaften eines Orts ist. Allerdings entschied man sich selbst dort schließlich für das Prinzip „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Wer sich, wie ich, noch an die Erstausgabe der Übersetzung erinnern kann, kann vielleicht noch an den Satz denken „Sirius Schwarz hat es mir geliehen“ – Hagrid zu Dumbledore über das fliegende Motorrad, als er Harry abholt. Den „Sirius Schwarz“ kennen wir natürlich besser als Sirius Black, unübersetzt.

Im Lied von Eis und Feuer jedoch hatte der Übersetzer keine Hemmungen und erging sich in einer wahren Orgie der Namensübersetzungen. Da ich die Bücher auf Deutsch nie gelesen habe, bin ich mit den übersetzten Begriffen nur sehr oberflächlich vertraut. So fiel mir das Lesen hier teils etwas schwer, weil ich immer wieder erst nachschlagen musste, wer denn nun wer ist, und was denn nun wo liegt. Fazit: Nächstes Mal besser aufpassen, in welcher Sprache ich einkaufe.

Wenn das Thema interessiert und man auch etwas unbekanntere geschichtliche Episoden interessant findet, würde ich das Werk als solches aber uneingeschränkt empfehlen.

Cody McFadyen: Die Stille vor dem Tod/The Truth Factory

mcfadyen

Cody McFadyens Bücher über Smokey Barrett fielen mir irgendwann zwischen Band 2 und 3 in die Hände. Ich fand sie gut genug, um die weiteren Bände zu kaufen. Vor einigen Jahren wurde der nächste Band angekündigt. Der Autor veröffentlichte dann stattdessen zunächst einen eigenständigen Roman und verschwand dann erst mal komplett von der Bildfläche. Gerüchte gab es einiges, er sei tot, er sei schwer krank, etc. Wenigstes gab es eines nicht: ein ständig verschobenes Veröffentlichungsdatum.

Von Verlagsseite hieß es schnell, man wisse nicht, ob das nächste Buch jemals käme, es sei jedenfalls kein Termin festzulegen. Okay. Mit der Aussage kann ich was anfangen. Ständiges Ankündigen und wieder verschieben hat bereits an zwei anderen Serien jedes Interesse genommen, umso mehr als der ewig verschobene Band, als er endlich erschien, in beiden Fällen zwar noch „pflichtgemäß“ von mir gelesen – oder zumindest angelesen – wurde, und das Prädikat „ungenügend“ verpasst bekam.

Für jahrelanges Hingehaltenwerden verlange ich schon etwas Besseres als (würde sogar sagen: unteres) Mittelmaß.

Nun, hier also kein ewiges Verschieben. Ich hatte die Serie im Kopf schon komplett abgeschrieben, als wir im Herbst bei Wien in eine Buchhandlung „fielen“ und ich urplötzlich vor dem Display stand…. Mit den Büchern. Mit dem Titel, mit dem ich überhaupt nicht mehr gerechnet hatte. Kurze Überlegung, wie dringend ich das Buch haben wollte – Österreichische USt. usw. …, und das Buch ging mit zur Kasse.

Als ich dann nach Hause kam, wurde ich daran erinnert, dass Internet-Versandhaus mit dem großen kleinen a ein gutes Gedächtnis hat… die Vorbestellung von Anno Dazumal hatte ich nie storniert – und pflichtbewusst hatten sie mir die Bestellung bei Erscheinen geliefert. Nun hatte ich es also zweisprachig. Das war auch recht gut so, denn eines hatte ich schon gemerkt: Mit der Übersetzung stimmte was nicht.

Das erste McFadyen-Buch fischte ich aus einer Remittenten-Wühlkiste. Beim anlesen im Laden gefiel mir der Schreibstil sehr, und es dauerte eine ganze Weile, mit mir bewusst wurde, dass ich eine Übersetzung lese. Der deutsche Text war einfach sehr gut, sehr deutsch, sehr un-übersetzt. Ich beurteile die Arbeit meiner Kollegen vielleicht etwas strenger als das ein Leser tut, der nicht „vom Fach“ ist, aber Literaturübersetzungen sind für mich häufig schwer bis unlesbar, weil ich den Ausgangstext „durchscheinen“ sehe.

Hier hätte ich besser nochmal kurz reingelesen, denn leider hält dieser Band in Übersetzung nicht, was die Übersetzung der ersten – die ich jeweils in beiden Sprachen gelesen hatte – versprach. Schon auf den ersten Seiten kam ich über einige Patzer, die eigentlich keinem erfahrenen Übersetzer passieren sollten, englische Grammatik im deutschen Text, englische Wendungen wörtlich übertragen… Schlecht, einfach nur schlecht. Als schließlich meiner Lieblingsfigur, Kirby, auch noch ihre typischen Sprachgewohnheiten entzogen wurden – der Sinn dahinter ist mir absolut nicht eingängig – wechselte ich dann die Sprachfassung und hielt mich nur noch an das englische Original.

Der erste Teil des Buchs ist… also, für mich ist es okay. Ich lese durchaus gerne Bücher mit hohem Brutalitätsgehalt, auch schon mal die Sorte die man, wie die BILD-Zeitung (die ich allerdings nicht so gerne lese) „nicht schräg halten sollte, weil sonst das Blut raustropft“. Ob Horror oder das „harte“ Ende der Thrillerliteratur, sowas findet man bei mir schon.

Aber ich muss sagen: Dieses Buch ist im ersten Teil nicht unbedingt das, was jeder zum Essen oder vorm Schlafen lesen will. Einen starken Magen sollte man schon haben. Und: Das Buch gehört in keinen Haushalt, in dem Kinder leben, die es vielleicht in die Hand bekommen könnten. Also, wirklich nicht. Auch nicht oben ins Regal. Kinder steigen auf Stühle. Das meine ich absolut ernst, die ersten Kapitel sind die Sorte Buch, der ich vom Brutalitäts-/Grauens-Gehalt her den Stempel FSK18 aufdrücken würde.

Danach hört es leider auf. Es kommen zwar noch ein paar Schockeffekte, aber im Großen und Ganzen ist nach dem ersten Abschnitt die Luft raus.

Ich halte mich gerne an die Regel „Show, don’t tell“ – Zeigen, nicht erzählen. Als Leser will ich sehen, was passiert. Ich will dabei sein, ich will mir die Szenen vorstellen können. Teil 2 und folgende des Buchs sind leider fast ausschließlich eine Ansammlung von Beschreibungen und Zusammenfassungen. Eine Figur erzählt den anderen, was sie herausgefunden hat, alle tragen ihre jeweilige Erkenntnisse bei… wichtige Dinge geschehen außerhalb des Geschehens und werden dann in einem Nebensatz erwähnt. „Ach Übrigens: X, Y, Z, habe ich gerade im Flugzeug gegoogelt.“ Steht da nicht so wörtlich, aber vom Sinn her kommt es hin. Ich habe das Gefühl, ich lese keinen Roman mehr, sondern habe bekomme einen Einblick in das Notizbuch des Autors, in dem er sich seinen Plot zurechtgelegt hat – mit verteilten Rollen gelesen von den Protagonisten. Die schreckliche Angststörung der Protagonistin ist plötzlich geheilt und spielt keine Rolle mehr, würde ja auch den glatten Ablauf eher stören. Der Bösewicht wird durch einen praktischen Fehltritt seinerseits in einem früheren Teil des Buchs urplötzlich entlarvt, ohne dass es in diesem oder einem der vorherigen Bücher irgendeinen Hinweis darauf gegeben hätte, dass diese Person auf der „falschen“ Seite steht. Die Logik bleibt mehrfach auf der Strecke – ich bin mir relativ sicher, dass eine stillende Frau nicht mit einmal Milch abpumpen genug Milch einlagern kann, um ihr Kind damit mehrere Tage lang zu füttern, und ich meine, ihr Körper wird im Normalfall auch nicht mitbekommen, dass sie jetzt ein paar Tage nicht zu Hause ist, und deswegen aufhören, Milch zu produzieren….

Das Ende… ist keines, also nicht so wirklich… ein Antagonist gefasst, Mindestens zwei, davon ein „Superhirn“ noch auf freiem Fuß. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Aufbau für den nächsten Teil? Vermutlich.

Es bleibt mir das Gefühl, ich hätte die Szenen gelesen, die McFadyen vor seiner langen Pause fertiggestellt hatte, ergänzt durch eine leicht editierte Fassung seiner Notizen. Schade.