Venedig vor Ostern

Lange nichts von mir hören lassen… Es war viel los, und keine Zeit, um zu schreiben.

Dann versuche ich jetzt mal, etwas aufzuholen…

Ostern. Weder mein Mann noch ich legen Wert auf Ostern. Ob „trotz“ oder „weil“ wir beide aus katholischen Familien kommen, lasse ich mal dahingestellt.

Eine Bekannte bot uns an, über die Feiertage mit ihr in ihr Ferienhaus in Italien zu fahren. Das lehnten wir ab. Sie ist unzuverlässig, das wissen wir. Es hätte sein können, dass sie uns noch zwei Tage vor Abfahrt absagt.

Aber der Gedanke „Italien“ hatte sich dann schon mal festgesetzt.

Lord Byron ist ein Thema, das uns interessiert, und das uns ja auch schon mehrfach nach England gezogen hatte. Und Lord Byron verbrachte eben, als er England aufgrund seiner hohen Schulden verlassen musste, nicht nur Zeit am Genfer See, sondern auch mehrere Jahre in Italien.

Die Entscheidung fiel also: Venedig und Ravenna sollte es werden. Hoffentlich, so unser Gedanke, wären über Ostern die meisten Touristen in Rom.

Eines im Voraus: Ich werde immer mehr zum Fan von Touristenapps fürs Handy. Boarding Pass im Flugzeug und Ähnliches machen wir ja schon lange übers Handy – und inzwischen auch ohne Backup-Ticket in der Tasche. Dieses Mal haben wir noch etwas anderes gemacht: Viele Museen und ähnliche Einrichtungen bieten inzwischen die Möglichkeit, den Eintritt im Voraus zu bezahlen, und dann über Einscannen des auf dem Handybildschirm angezeigten Codes hineinzukommen. Ganze ehrlich? Ich bin begeistert. Kein Anstehen an der Kasse, keine Schlangen, kein Lärm aushalten, sondern einfach nur zügig rein, in aller Ruhe durch, wieder raus. Sollte man bitte in allen kulturellen Einrichtungen zum Pflichtangebot machen.

Wir sprechen beide kein Italienisch, aber bekanntermaßen Latein. Und, wie sagt mein Bruder so schön? „Italienisch ist auch nur Latein im Ablativ.“ Also… Man setze jedes Substantiv und Adjektiv in den Ablativ, und schon hat man – zwar nicht wirklich Italienisch, aber immerhin etwas, mit dem man sich hervorragend verständlich machen kann.

Der Plan sah so aus: Freitag Anreise in Venedig; Samstag Venedig; Sonntag früh morgens weiter nach Ravenna. Montag Rückreise aus Ravenna. An sich sind drei Nächte ziemlich lang für mich, aber gerade noch vertretbar.

Der Hinflug war auffallend unspektakulär. Wir hatten den vorderen Teil des Flugzeugs quasi komplett für uns. Wohl kein Wunder, Geschäftsreisen über Ostern werden selten sein, und die wenigsten privat reisenden sind so wahnsinnig, Business-Tickets zu buchen.

Der erste Abend in Venedig war nett. Für mich nicht zu warm, für meinen Mann nicht zu kalt. Nun gut… es ist Venedig, was musste also gleich mal sein, nachdem wir im Hotel eingecheckt hatten?

Genau… eine Gondelfahrt.

Erster Punkt: Gondelfahrten sind schweineteuer. In der „normalen“ Sechspersonengondel kostet die Fahrt 31 Euro pro Person. Das wäre mir definitiv zu eng gewesen. Es gibt allerdings auch noch die Möglichkeit, eine „romantische Gondelfahrt“ zu buchen. Dann ist man zu zweit in der Gondel, zahlt aber halt entsprechend mehr. Vor allem, wenn es Abend ist, denn dann wollen alle.

Wenn der Geldbeutel noch lockerer sitzt, kann man auch einen Musiker und Sänger zubuchen. Das „scheiterte“ bei uns allerdings nicht am Geld, sondern daran, dass ich es mit Musik nicht so sehr habe, und sicher kein Akkordeon und auch keinen italienischen Sänger im Boot brauche. Wir beschränkten uns also auf die romantische Gondelfahrt zu zweit.

Zweiter Punkt: Auch Gondelfahrten kann man per Handy vorbuchen. Man wird dann direkt abgeholt, an der Schlange vorbeigeleitet und kommt zum vereinbarten Zeitpunkt ohne lästiges warten im Personenstau zur Gondel. Das würde ich dringend empfehlen.

Eine Gondelfahrt dauert etwa eine halbe Stunde. Obwohl an dem Punkt, von dem wir abfuhren, ziemlich viel los war, war auf dem Kanal doch weniger los, als ich mir vorgestellt hätte. Ein interessantes Erlebnis auf alle Fälle.

Der Tag endete für uns dann in aller Ruhe auf der Terrasse des Hotelrestaurants mit Touristenpizza.

*

Der Samstagmorgen begrüßte uns mit grauem Himmel und Nieselregen. Ein Glück, dass wir uns bei Feuchtigkeit nicht auflösen, denn es hörte den ganzen Tag nur sehr sporadisch auf damit. Zwei feste Ziele hatten wir uns für diesen Tag ausgesucht. Das erste, den Palazzo Mocenigo, hatten wir bereits am Vorabend vom Wasser aus gesehen. Dort hatte Byron während seiner Zeit in Venedig gelebt. Damals hieß es, der Palazzo hätte zwei Eingänge: Einen für die Mädchen aus Cannaregio und einen für die Mädchen aus Castello. Heute ist der Palazzo ein Museum – und zwar eines, das die Zeit auf jeden Fall wert ist.

Pünktlich um 10 Uhr kamen wir dort an. Die biglietti hatten wir ja schon.

Der Palazzo wäre schon ohne Museumsinhalte einfach nur Wahnsinn. Was für wunderschöne Räume… da weiß ich gar nicht so genau, wo ich zuerst hinschauen sollte… Es gibt eine Spezialausstellung zum Thema Parfüm, die mir zum allerersten Mal diesen Bereich irgendwie interessant vermittelt hat. Auf das Testriechen habe ich allerdings verzichtet.

Sehr viel Zeit verbrachten wir beim Betrachten der ausgestellten Bilder, Möbel und vor allem Textilien. Wir stehen ja nun beide auf historische Gewänder, und hier waren schon ein paar ganz besonders schöne zu sehen.

Zuletzt besuchten wir noch die Sonderausstellung „Alchimie der Farbe“, die sich mit dem Thema Färben von Stoffen und Garnen befasst. Da tut es mir direkte leid, dass ich keine Zeit mehr habe, um selbst Garn zu spinnen und zu färben.

Einen kleinen Abstecher zur Seufzerbrücke – die ihren Namen eben unserem Lord Byron verdankt – genehmigten wir uns danach noch, bevor wir uns in aller Ruhe ein Mittagessen suchten, und uns dann schön langsam in Richtung Lido vorarbeiteten. Der Lido di Venezia ist eine Insel am Rand von Venedig – dort, wo heute die Filmfestspiele von Venedig stattfinden, und wo Lord Byron damals um 1816 mit Sondergenehmigung Pferde hielt – seiner Aussage nach die einzigen Pferde Venedigs. Von dort startet er auch seine Schwimmwettbewerbe.

Das allerdings war nicht der Grund, warum wir zum Lido mussten. Von dort gehen aber die Schiffe zur Insel San Lazzaro, und dort befindet sich unser zweites fest eingeplantes Ziel: nämlich das armenische Kloster, in dem Byron viel Zeit verbachte, armenisch lernte und bei der Erstellung einer armenischen Grammatik half.

Es gibt nur eine Führung täglich, nämlich um kurz vor halb vier Uhr nachmittags. Außerhalb der Führung steckt man vor dem Kloster fest und kann nur auf das nächste Schiff warten, das einen wieder zurück bringt. Das wussten wir allerdings – und kamen entsprechend zum richtigen Zeitpunkt an.

Die Führung dauert zwei Stunden und findet statt – egal, wie viele Leute da sind. Für größere Gruppen könnte man auch eine Sonderführung buchen. Dank des immer noch eher unschönen Wetters, war neben uns nur noch ein anderes Paar da, sodass wir fast eine Privatführung hatten.

Die Gärten konnten wir dank des Regens weniger gut besichtigen – uns hätte es nicht so sehr gestört, aber die beiden anderen wollten dringend rein. Die Klosternbibliothek ist einfach traumhaft. Es wird viel Interessantes erzählt, es ist ein wahnsinnig ruhiger und angenehmer Ort. Noch ruhiger und angenehmer wäre er in anderer Gesellschaft gewesen, denn die beiden nahmen es alleine locker mit jeder kompletten Touristengruppe auf, was das sich-beschweren-über-alles betraf.

Dann kann man auch noch einkaufen. Rosenmarmelade zum Beispiel, da die Mönche ihre Rosengärten tatsächlich kulinarisch nutzen. Ich mag ja süß normalerweise gar nicht, aber für Rose mache ich immer eine Ausnahme. So natürlich auch hier.

Schließlich standen wir gegen sechs Uhr wieder am Lido. Hunger hatten wir noch nicht wieder, wirklich Lust dazu, ins Hotel zurückzugehen auch nicht… zielloses touristisches Bummeln ist auch nicht unser Ding.

Also kam uns der Gedanke, nachzuprüfen, ob wir nicht doch noch eine Tour im Palast des Dogen bekommen könnten. Diese Führungen sind immer privat, nicht unter zwei Stunden zu haben, bis in den Abend hinein buchbar, in unterschiedlichen Sprachen verfügbar und es wird damit geworben dass der Führer auf alle persönlichen Wünsche eingeht.

Wir hatten Glück – und so kehrten wir also dahin zurück, wo wir an dem Tag bereits einmal gewesen waren, dieses Mal, um neben der Brücke auch den Palast zu besichtigen.

Gut, auch diese Führung ist teuer, aber es waren nochmal zwei Stunden, die sich wirklich gelohnt haben. Da man mit dem Führer alleine ist, kann man sich wirklich auf das konzentrieren, was einen interessiert, länger oder kürzer in den Räumen bleiben, etc. Der Herr war sehr zuvorkommend und höflich (darf er für 100 Euro pro Stunde auch sein), informativ und kein bisschen genervt… obwohl ich zwar durchaus noch interessiert und aufnahmefähig war, aber meine Interaktionsfähigkeiten inzwischen – vor allem nach dem ständig jammernden anderen Paar im Kloster – doch etwas zu wünschen übrig ließen.

 

 


Bildquellen, da wir als notorische Nichtfotografen mal wieder keine gemacht haben:

Seufzerbrücke: By Tony Hisgett from Birmingham, UK (Brdge of Sighs  Uploaded by tm) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Klosterkirche, Innenansicht: By Leon Petrosyan (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Dogenpalast, Innenraum: von Christian Rosenbaum (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

 

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Eine Woche England

Normalerweise beschränke ich Reisen soweit möglich auf maximal zwei Übernachtungen. Dass wir diesmal von Mittwoch bis Montag, jeweils einschließlich, weggefahren sind, und ich dabei kein besonders schlechtes Gefühl hatte, hing zuerst mal daran: Organisiert wurde dieser Ausflug von einer autistischen Freundin; und die Teilnehmer alle Autisten oder Autisten mit NT-Partner im Anhang. Das machte die ganz Angelegenheit schon mal etwas entspannter.

Dazu jetzt kurz – irgendwann schreibe ich dazu ausführlich: Ich mache bei Freundschaften eine ganz klare Unterscheidung in AS und NT. Ich habe zwei NT-Freundinnen, und das ist auch die absolute Obergrenze für mich.  Alles Weitere wäre sehr viel zu anstrengend.

Bei Mit-Autisten ist meine Toleranzgrenze in Anzahl, Kontaktumfang und –dauer usw. deutlich höher, und ich finde es sehr viel weniger anstrengend. Sowohl als Sender als auch als Rezipient.

Der Gedanke war also: 8 x 2, Kombination je AS/NT, zusammen drei ganze und zwei halbe Tage in einem ehemaligen Kloster, das für Gruppenveranstaltungen vermietet wird, Spaß haben.

Einige Dinge laufen dabei etwas anders ab, als man es vielleicht so „üblich“ ist.

Es gingen zunächst einige E-Mails rum. Jeweils ein Thema, mit der Option, entweder die Grundfrage beschreibend zu beantworten oder den beiliegenden Fragebogen auszufüllen. Ich wähle bei sowas den Fragebogen. Ich mag Fragebögen.

Einmal ging es um Aktivitäten – das Thema des Ausflugs sollte „Game of Thrones“ sein – also: Welche der in Frage kommenden Dinge wollte man machen/nicht machen/nur unter bestimmten Umständen machen, beim LARP welche Figur(en) spielen, etc.

Die zweite ging um die „chores“, die Aufgaben – wir kamen als Selbstversorger, also musste eingekauft werden, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, Essen gekocht usw. Man gab an, was man zu machen bereit war/unbedingt machen wollte/gar nicht machen wollte, ob bestimmte Tageszeiten für einen Einsatz bevorzugt wurden und ob man mit bestimmten Personen unbedingt oder gar nicht zusammenarbeiten wollte.

Die dritte ging um Persönliches. Grenzen, Abstand, Regeln, Dinge, die unbedingt gekauft werden müssten, Dinge, die Probleme machen würden durch Geruch etc., welche Art von Schlafplatz, wäre man bereit, das Badezimmer mit anderen zu teilen usw.

Daraus wurden dann zum einen der Zeitplan erstellt, zum anderen die Zimmerzuteilung und die Einkaufspläne gemacht. Außerdem ging eine Rundmail raus, in der für alle zusammengefasst wurde, bei wem auf was zu achten ist. Jeweils mit Bitte um Rückmeldung, falls Probleme auftreten würden.

Nun sind solche Zeitpläne genau etwas, das mich normalerweise leicht aus der Bahn werfen würde – nämlich dann, wenn sie kurzfristig geändert werden, weil schnell beschlossen wird, doch irgendetwas zu verlängern, zu verkürzen, zu ändern, jemand spontan auf komplett neue Ideen kommt usw.

Genau das ist z. B. ein Stressfaktor, den ich mir in dieser Anordnung ersparen kann. Wenn nämlich 50% der Anwesenden genau das gleichen Problem hätte, und die anderen 50% dran gewöhnt sind, dass man nicht einfach mal schnell was umwirft, dann wird der Zeitplan zu einem Sicherheitsfaktor.

*

Aufgrund einer Streiksituation bei BA wurden wir gebeten, frühzeitig zum Flughafen zu kommen. Soweit kein Problem. Laptop geht mit, ab in die Lounge, ich arbeite weiter, der Herr beschäftigt sich mit einem Buch.

Der Flug wie üblich problemlos; das Kabinenpersonal sehr bemüht, der Steward wurde etwas panisch als ich den Salat ablehnte (war Hähnchen drin) … Vegetarisch hätte man vorbestellen müssen… Hatte ich nicht, hatte ja gar nicht vorgehabt, an Bord zu essen.

Der Pilot war einer dieser Landekünstler, bei denen man erst mitbekommt, dass das Flugzeug wieder unten ist, wenn es bremst.

Am Flughafen wurden wir vom Mann der Londoner Freundin empfangen, dem ich es wirklich hoch anrechne, dass er uns jedes Mal abholt, wenn wir kommen. Es ist eine knappe Stunde Fahrt durch London, aber andernfalls müssten wir eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, was für mich sehr stressig ist.

Da die Londoner Freundin und ich uns ein Spezialinteresse teilen, hat es sich so eingebürgert, dass wir uns bei jedem Treffen jeweils ein neues bzw. neu entdecktes Buch zum Thema mitbringen und austauschen. Zum Glück verstehen sich die beiden Männer gut, und so können wir auch ohne schlechtes Gewissen erst mal eine Weile unter uns fachsimpeln, während die beiden sich eben über was anderes unterhalten.

Nach dem Abendessen folgte noch ein bisschen Requisiten basteln, dann recht zeitig Schlafen… denn am nächsten Morgen mussten wir raus.

*

Meine Erinnerung an die frühen Morgenstunden ist eher verschwommen…das ist bei mir so üblich. Kaffee beschleunigt den Aufwachprozess, und so war ich dann doch ausreichend wach um den Schwan anzuschauen … das Museum lag freundlicherweise direkt an unserer Strecke.

Tolles Tier, der Schwan. Ich muss sagen, ich habe eigentlich gar keine Worte, um das zu beschreiben. Wer in den nächsten Wochen in London ist, sollte sich den auf keinen Fall entgehen lassen!

Nach dem Schwan ging es dann per Auto nach Nordengland. Dort stellte ich zuerst mal fest: Unsere Unterkunft ist offenbar einer dieser Orte aus Harry Potter, die man nur findet, wenn man bereits weiß, wo sie sind.

Also im Ernst: Da hätte ich niemals ohne jemanden zum Zeigen hingefunden. Es stellte sich später auch noch raus dass andere trotz telefonischer Anleitung wirklich nicht hinfanden, und wir sozusagen einen Suchtrupp losschicken mussten.

Das „Problem“ dabei ist: Das Gelände wurde im Lauf der Zeit komplett mit Wohnhäusern umbaut, sodass nur ein sehr enger Weg (eine knappe Gehwegbreite etwa) zwischen zwei Häusern hindurch zum Eingangstor führt. Dieser Weg ist unbeschriftet und sieht von der Straße aus eher aus, als würde er in einen Hinterhof führen. Der Gang endet an einer Holzplatte an Scharnieren mit Riegel. Erst dahinter kommt der eigentliche Zugang zum Gelände. Bis man durch dieses erste improvisierte Tor ist, sieht man absolut nichts von dem, was dahinter liegt. (Parken muss man um die Ecke.)

Hat man erst mal reingefunden… ist die Unterkunft aber einfach toll. Sie ist für Selbstversorger gedacht, es gibt eine große Küche, einen Speiseraum, viele Zimmer, mehrere Badezimmer pro Stockwerk mit Duschen und Badewannen, eine Sauna und anderes… Wir nutzten in erster Linie die beiden „Sitting rooms“ – große wohnzimmerartige Räume mit vielen bequemen Sitzmöbeln. Aus dem größeren flog als erstes der Tisch raus, weil wir Freifläche brauchten. Wir wollten ja schließlich irgendwie Theaterspielen.

Im Lauf des Nachmittags trudelten so nacheinander alle ein. Die einen verzogen sich erst mal direkt in ihre Zimmer, die anderen halfen beim Lebensmittel rauftragen und wegräumen, der für den Abend eingeteilte Koch machte seine Pläne… Die Requisiten wurden aufgestellt, die Skripte ausgelegt.

Eine kleine Beinahekatastrophe gab es dann als eine NT-Frau – der dazugehörige Mann war bereits da – den Veranstaltungsort nicht fand. Trotz mehrfachem Anrufen und einweisen. Irgendwann waren dann doch alle da, das Abendessen war gegessen, und wir hatten für den Abend auf dem Plan stehen, die ersten Szenen durchzuspielen.

Dabei war die Regelung im Großen und Ganzen die: jeder kann mit so viel oder wenig Einsatz spielen, wie er will. Der eine steht eben auf der Bühne und liest seinen Text ab, der andere spielt seine Rolle mit vollem Körpereinsatz, Kostüm und Requisiten… jeder, wie es ihm zusagt. Szenen mit Körperkontakt, fesseln von Gefangenen, Schwertkämpfen, etc. werden zuvor zwischen den Beteiligten abgesprochen. Ebenfalls sprechen die jeweils Beteiligten vorher ab, falls sie eine Szene nicht nach Skript spielen sondern improvisieren wollen.

Ich war erstaunt, wie gut das in der Tat ging. Die Requisiten waren teils etwas gewöhnungsbedürftig. Die Wölfe waren Plüschtiere, und da wir nicht genug Wölfe zusammengebracht hatten, wurde mit Plüschkatzen aufgefüllt. Schwerter reichten vom richtigen LARP-Schwert bis zum funktionsfähigen (leuchtenden) Laserschwert – klar, man braucht ja brennende Schwerter und auch mal Fackeln … Zitat vom Wochenende: „Und sie nahm ihr Laserschwert und machte sich auf den Weg“.

Wir waren ja nun alles erwachsene Leute zwischen 30 und 45, und daher „nicht das kleinste Bisschen“ albern. Nee, ist klar… natürlich bleibt die Sache nicht bierernst, wenn das einzige für den Auftritt zur Verfügung stehende Pferd ein Steckenpferd ist, die Dracheneier als Avocados geboren wurden und fehlende Requisiten einfach durch ein Blatt Papier ersetzt werden, auf dem die Bezeichnung des fehlenden Gegenstands steht.

Spaß hatten wir jedenfalls.

Ganz toll übrigens: was an „inneren Organen“ benötigt wurde, hatte vorher jemand aus geschmolzenen Haribo-Erdbeeren nachgeformt und großzügig mit Theaterblut verziert. Diese speziellen Requisiten wurden anschließend noch ihrer ursprünglich vorgesehenen Verwendung zugeführt.

Zwar hatte jeder zugeteilte Rollen, aber es spielte nicht unbedingt jeder in jeder „Sitzung“ mit. Wer gerade Pause wollte oder brauchte, konnte in seinem Zimmer bleiben, spazieren gehen oder sonst was machen, und die Rollen wurden bei Bedarf kurzfristig umverteilt.

Es wurde natürlich nicht nur Game of Thrones gespielt an dem Wochenende. Die Pokémon-Go-Spieler schickten immer mal wieder Jagdtrupps aus, es gab Diskussionsrunden zu vorher genannten Themen (ähnlich Viktorianischer Parlour-Diskussionsrunden, wie sie gerne mal zur Unterhaltung abgehalten wurden), Karten- und Brettspielrunden, Abends wurde die Sauna angeworfen, irische und schottische Folkmusik gesungen und getanzt (wir hatten Flöte- und Gitarrenspieler samt Instrumenten dabei). Einige hatten ihre eigenen Projekte dabei, einige gingen außerhalb der Spielerunden direkt in ihr Zimmer und blieben da, bis es entweder Zeit zum Essen oder Zeit zum weiterspielen war.

Frühstück und Mittagessen lief jeweils so, dass jeder sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbst holte, was er wollte. Es gab dabei Schränke und einen Kühlschrank, die für die Köche reserviert waren und die von diesen bestellten Zutaten enthielten, und Schränke und einen anderen Kühlschrank, aus denen sich jeder einfach bedienen konnte. Speziell für eine Person besorgte Lebensmittel waren beschriftet.
Zum Abendessen kochen sowie am Sonntag zum Brunch (= Full English Breakfast) war jeweils ein Koch mit zwei Helfern eingeteilt. Gekocht haben alle hervorragend. Es wurde immer in Variationen gekocht, der anfangs rumgesendeten Liste entsprechend, sodass immer jeder was zu essen hatte. Wer nicht im Speiseraum essen wollte, nahm sich eben einen Teller mit aufs Zimmer – oder ließ sich einen bringen.

Gespräche fand ich allgemein auch in der Gruppe verhältnismäßig entspannt, schon allein deswegen weil wirklich immer nur einer redete. Wenn sich zwei Gespräche im gleichen Raum entwickelten und es dadurch zu Problemen durch Lärmpegel kam, ging die Gruppe, die näher an der Tür saß, in einen anderen Raum. Bei Wortfindungs-/Artikulationsproblemen sah die Lösung dann so aus, dass die betroffene Person, die etwas sagen wollte, aber gerade entweder die passenden Wörter oder gar keine Wörter rausbrachte, einfach „Words!“ sagte bzw. einen Zettel mit dem Wort drauf hochhielt. Dann wurde gestoppt, die jeweilige Person konnte sich in Ruhe die Wörter sortieren, aufschreiben oder anderweitig den gewünschten Inhalt kommunizieren.

Alles in Allem: Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass eine Zusammenkunft von 16 Personen so relaxt ablaufen kann…Wir sind definitiv nächstes Jahr wieder dabei.

 

 

Routenplaner

Am Flughafen. Wir warten, in voller Montur, auf unseren Flug. Der Herr in kompletter Uniform, ich deutlich dezenter, aber auch bereits in „Arbeitskleidung“.

Ein kleines Mädchen tapst immer wieder zwischen dem Sitzplatz ihrer Eltern und uns hin und her, schaut uns an, studiert uns eingehend, läuft zurück, redet mit den Eltern.

Das Spiel wiederholt sich einige Male, dann kommt sie, Papa an der Hand rüber. Sie grüßen freundlich, der Papa ermutigt sie, „selbst zu fragen“.

Die Frage die Kommt: „Wo habt ihr eure Pferde?“

Oh.. die haben wir nicht dabei.

Der Papa erzählt uns, sie wären in diesem Sommer mit Kind auf einem Event gewesen, die bunten Uniformen hätten es ihr sehr angetan, und eben vor allem die Pferde…

Mein Mann, sehr nett, beugt sich vor und erklärt dem Kind: Pferde kann man im Flugzeug leider nicht mitnehmen, denn die passen nicht auf den Sitz, und im Gang wären sie der Stewardess im Weg.

Das Kind nicht verstehend, tapst davon. Kommt wieder. Ziemlich aufgeregt.

Es dauert einen Moment, bis zu uns durchdringt: Das Kind hat sich jetzt in unfehlbarer Kinderlogik zurechtgelegt: Wenn wir mit dem Flieger fliegen und das Pferd nicht im Flieger mitkann… muss das Pferd wohl unten vorauslaufen. (Armes Pferd!) Und, ihr Sorge:
„Wie findet das jetzt hin? Und wenn es sich verläuft?“

Mein Mann kann das Kind beruhigen. Da besteht kein Risiko, meint er. Er hat nämlich, wie er sagt, vor Aufbruch seinem Pferd sein GPS aus dem Auto gegeben.

Ich ging dann mal ganz schnell was zu trinken holen, bevor ich den Kampf gegen das Kopfkino verloren hätte…

Reenactors im Flughafen

Es kommt immer mal wieder vor, dass wir im Kostüm fliegen.

Also: Vor allem mein Mann.

Meine Reenactment-Kleidung überlebt es gut, wenn man sie faltet und in eine Tasche packt. Bei seiner Uniform sieht das etwas anders aus. Die Jacke freut sich nicht unbedingt über das Einpacken, die Stiefel ins unpraktisch, sperrig und riskant zu verpacken und der Hut würde wohl kaum überleben, wenn er nicht separat verpackt würde… er kann also entweder drei zusätzliche Gepäckstücke einchecken und bezahlen, um alle drei Sachen sicher ans Ziel zu bringen, oder sie einfach von vorneherein anziehen.

Natürlich zieht ein Mann in voller historischer Uniform Aufmerksamkeit auf sich.

Die Security-Mitarbeiter sind übrigens erstaunlich cool, was das betrifft. Die fragen bestenfalls, wo es denn hingehen soll oder zu welcher Schlacht wie fliegen. Probleme gab es noch nie. Das Schwert wird kurz in Augenschein genommen, aber natürlich nehmen wir kein echtes Schwert mit an Bord – nicht mal ein nachgemachtes. Das „Schwert“ ist dann lediglich ein Griff, der in der Scheide befestigt wird. Reine Optik, absolut nutzlos.

Kaum hat man sich dann hingesetzt, dauert es nicht lange, bis die ersten Leute um einen herumstehen, Fotos machen wollen, oder klar etwas fragen möchten, sich aber nicht trauen, oder glauben, Leute anzustarren sei weniger unhöflich, als einfach den Mund aufzumachen.

Unterhaltungswert hatte der Herr mittleren Alters, der uns einmal in Frankfurt begegnete.

Er hatte keine Hemmungen, uns anzureden. Genauer gesagt: mich, denn dass ich deutlich besser deutsch spreche dürfte er dem zuvor belauschten Austausch an der Sicherheitsschleuse entnommen haben.

Der Herr im Anzug komplett mit Aktentasche kommt also auf mich zu und sagt ohne „Guten Morgen“ oder ähnlich unnötige Einleitungen, mit dem Daumen auf meinen Mann zeigend: „Wo ham’se ’n das da aufgetrieben?“

Ich schwanke einen Moment zwischen einer freundlichen Informationsgabe und einem unhöflichen Anraunzen, da fällt mir etwas ein, und wie es manchmal so ist, rede ich, bevor ich weiter drüber nachdenke:
„Ach, wissen Sie, mein Bruder studiert höhere Physik, die arbeiten als Studentenprojekt an einer Zeitmaschine, und ‚das da‘ kam beim Testlauf raus. Spricht auch nur altes Französisch. Jetzt bring ich ihn nach Frankreich, damit keiner was merkt.“

Mein Mann schaut sehr gezielt woanders hin und fängt an, mit großen Augen die Anzeigeschilder zu studieren.

Der Herr im Anzug schaut… im ersten Moment komplett überrumpelt, dann legt sich seine Stirn in Falten, ich kann die Zahnräder fast anlaufen hören. Und ich kann euch sagen, sie klingen ziemlich rostig. Er schaut von mir zu meinem Mann, zu mir, zu ihm, zu den Security-Leuten, zu ihm, zu mir…

Und sagt schließlich: „Echt jetzt?“

Ich schieße noch zurück: „Ja, natürlich, was sonst?“ drehe mich um und schnappe mir meinem Mann, der inzwischen weiß, wo wir weiter hinmüssen, um auf unseren Flug zu warten…

Der Schwan

Wir hatten ja geplant, Ende des Jahres nach Nordengland zu fliegen, um uns diesen Wahnsinnsschwan anzuschauen…

Eben erfahre ich: Der Schwan reist nach London. Und zwar – wie genial – so, dass er sich während der Woche, die wir eh‘ bereits geplant dort Urlaub machen, da ist. Ich glaube, wir können die Schwanfahrt noch mal umplanen!

Dublin

Das Merrion Hotel in Dublin. Wow.

Also, ich hatte ja keine Ahnung, dass es das überhaupt gibt. Von außen wirklich unscheinbar, von innen macht es das sofort wieder wett. Es sind vier Stadthäuser, die in ein Gebäude umgebaut wurden. Eines davon war eben das Haus der Wesleys, das verkauft wurde, um Familienschulden abzubezahlen. Viel aus der Zeit ist nicht übrig, die Einrichtung ist zwar im Stil schon historisch, aber neuer als die Zeit vor 1800, die mich hier interessieren würde. Macht nichts, ich liebe so große, feudal eingerichtete Räume und komme aus dem Schauen erst mal nicht raus.

Das Hotel hat gleich mehrere Gelegenheiten, positiv aufzufallen. Wir gehen zur Rezeption, er nennt seinen Namen, und wir werden korrekt begrüßt. Das ist nicht selbstverständlich. Klingt vielleicht blöd in der heutigen Zeit, aber zahlreiche Orte außerhalb Belgiens haben ihre Schwierigkeiten damit, dass wir unterschiedliche Nachnamen haben. Im englischsprachigen Raum wird das dann noch schlimmer, weil die Verwirrung zwecks korrekter „Form of Address“ hinzukommt. Nein, hier bekommt man das hin.

Und noch was bekommt man hin – ich werde nämlich umgehend informiert, man wisse leider nicht welches Zimmer Arthurs Kinderzimmer war… allerdings würden sie versichern, es sei keine andere Verwendung aus der Zeit für den Raum bekannt, und die Lage im Gebäude wäre etwa richtig.

Grins. Ich liebe das Hotel jetzt schon.

Unser Zimmer ist für den Standard dieses Hotels eher klein, für allgemeine Hotelstandards aber riesig. Das Bett ist toll, die Fenster gehen in Richtung „Garten“ – später im Jahr wäre das wohl ein Park, man kann sich schon vorstellen, wie es aussehen wird, wenn alles grün ist, aber dazu ist es noch zu früh. Die Wände sind mit großformatigen Gemälden dekoriert und wir haben W-LAN.

Das Badezimmer hat eine Badewanne… ich freue mich schon, lasse aber dem Mann auf seine Anfrage hin den Vortritt. Er merkt die Ausläufer seiner Grippe doch noch etwas und möchte diese gerne in heißem Wasser ertränken. Darf er, ich baue mir derweil mal meinen Laptop auf, blättere das Infomaterial durch, das ich bekommen habe und drehe dann virtuell per Website eine Runde durch das Gebäude. Es gibt mehrere Bars und Restaurants im Hotel, aber nicht jedes Raumlayout „funktioniert“ für mich – ich weiß gerne vorher ungefähr, wo ich stressfrei essen kann.

Der Mann taucht gut durchgewärmt aus der Wanne auf, komplimentiert die Badezimmerausstattung und schlägt eine Runde durchs Hotel vor.
Die wird auch umgesetzt, wobei ich wenig überrascht feststelle, dass der laut Unterlagen großzügige Wellnessbereich für mich nicht nutzbar ist, wenn wie so üblich fangen meine Augen schon zu brennen und zu tränen an, wenn ich den davorliegenden Gang betrete. Ungestellte Frage geklärt… das lassen wir ausfallen. Wir üblich.

Wenn man Kunst nicht mag, sollte man dieses Hotel definitiv meiden. Überall hängen Bilder unterschiedlicher Formate. Nur weniges, bei dem ich mir denke „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Einige Sachen betrachten wir auch wirklich länger. Also – ich find’s toll.

Allerdings will ich die Badewanne auch noch ausprobieren, und zeitig ins Bett, und so wirklich Lust auf Gesellschaft habe ich auch nicht. Also probieren wir noch was aus: Den Zimmerservice, der dann tatsächlich auch kurz vor Mitternacht, als wir uns endlich endgültig entschieden haben, noch Pizza aufs Zimmer liefert. Billig ist er nicht, aber ganz ehrlich – das reißt’s bei diesem Hotel auch nicht mehr raus. Ich habe die Zimmerpreise inzwischen nachgeschaut und beschlossen, dass der Herr sich ein ganz besonders sorgfältig ausgewähltes Geburtstagsgeschenk verdient hat in diesem Jahr. Das Frühstück für den nächsten Morgen bestellen wir mal gleich mit.

*

Den Samstag beginnen wir mit einem punktgenau servierten Frühstück mit einer kleinen Panne an die wir gewöhnt sind: Die heiße Schokolade landet bei mir, der schwarze Kaffee beim Mann.

Wir tauschen ohne Kommentar die Tassen, darin haben wir Übung. Ich bin ja morgens eh nicht so wirklich gesprächsfähig, und er normalerweise nicht sehr streitlustig.

Wir sind normalerweise sehr viel zu Fuß unterwegs, und es zieht uns nach draußen, ganz unabhängig davon, wie diesig es ist. Da müsste es schon in Strömen regnen, und es sieht nicht mal aus, als würde es sehr feucht werden.

Dublin rühmt sich damit, klein genug zu sein, um fußläufig erkundet zu werden. Das trifft nun unserer Meinung nach auch auf Brüssel zu, aber es ist schon richtig, überfordert fühlen wir uns nicht.

Was zieht einen Bibliothekar und eine Büchersammlerin in einer Hauptstadt grundsätzlich magisch an? Genau. Die Nationalbibliothek, die Leabharlann Náisiúnta na hÉireann.

Hübsches Gebäude. Da das damalige Handy schon länger im Ruhestand ist, und ich die wenigen Fotos, die ich geschossen habe, nicht bei der Hand habe, bediene ich mich gerade mal bei Wikipedia.

Und was war gerade nicht ausgestellt? Wer „Wir fliegen nach Dublin?“ gelesen hat, kann’s sich denken…

Irgendwann bekomme ich das Ding schon noch zu sehen. Irgendwann schleiche ich mich mal unter falschem Namen nach Irland oder so, damit sie es nicht verstecken können. So.

Andere Ausstellungen gab es allerdings, und die bekamen auch ausführlich Aufmerksamkeit von uns. Das ganze zog sich, der Vormittag war dann auch rum. Das passiert, wenn man uns in eine Bibliothek setzt und unbeaufsichtigt dort rumlaufen lässt…

Da ist es praktisch, dass direkt neben dran die Archäologieabteilung des irischen Nationalmuseums, des Ard-Mhúsaem na hÉireann, angesiedelt ist. Dort gibt es nämlich nicht nur genug Ausstellungsmaterial für ein paar weitere Stunden Aufenthalt, sondern auch ein Café, das ein leichtes Mittagessen anbietet und uns erst mal für den nachfolgenden Museumsbesuch stärkt.

Bis wir dort fertig sind, ist es an der Zeit zum Hotel zurückzugehen. Unser Aufenthalt beinhaltet eine Veranstaltung, die sich Art Afternoon Tea nennt. High Tea ist ja normalerweise nicht so mein Ding, aber das klang echt interessant.

Außerdem soll es eine Harfespielerin geben (gibt es), und Harfe ist eines der wenigen Musikinstrumente, die ich eigentlich fast immer hören mag, und die mich auch im Hintergrund nicht stören.

Der Witz am Art Afternoon Tea ist, dass zum Tee kleine Gebäckstücke gereicht werden, die in Farbe und Form diversen Kunstwerken nachempfunden sind. Die Platten, auf denen sie angerichtet sind, enthalten dann auch immer eine Abbildung des inspirierenden Kunstwerks. (Ein paar Beispiele sind hinter dem obigen Link zu sehen.)

Man muss zum Glück auch keinen Tee trinken. Erneut werden wir positiv überrascht – dieses Mal werden die Getränke richtig herum serviert. So liebt man das doch… Ziemlich voll ist es, aber eines muss man schon sagen – wenn alle ausreichend vornehm tun, bringt man wesentlich mehr Personen in einen Raum, ohne gleich Overload auszulösen. Die essbare Umsetzung diverser Kunstwerke beschäftigt mich auch wirklich genug, um mich nicht daran zu stören. Ich finde das ganze Konzept toll.

Trotzdem will ich danach nochmal raus. Dieses mal gehen wir aber nicht weit, sondern nur bis zum Merrion Square Park.

Hier bin ich mal ausnahmsweise „voll Mainstream“. Ich finde die Statue von Oscar Wilde toll, die da so relaxt auf einem Stein liegt und es sich gut gehen lässt. Die unterschiedlichen Farben und Texturen sind aus unterschiedlichem Stein hergestellt. Die grüne Jacke ist grüne Jade aus Kanada, die roten Aufschläge aus Thulit (einer Zoisitvarietät) die Hose Larvikit (beides aus Norwegen), Kopf und Hände aus weißer Jade aus Guatemala. Die Schuhe sind aus Granit.
Das Gesicht trägt einen doppelten Ausdruck – die eine Hälfte blickt ernst, die andere lächelt.

Der Künstler, Danny Osborne, wollte Wildes Liebe zu schönen Objekten und Edelsteinen sowie seine schillernde Persönlichkeit einfangen. Ich denke, das ist ihm sehr gut gelungen.

Foto wieder von Wikipedia.

Die beiden Säulen, die noch zu dem Kunstwerk gehören, sprechen mich allerdings weniger an.

Neben dieser hat der Park auch noch andere Skulpturen und ist außerdem für seine Sammlung historischer Straßenlaternen bekannt.

Unser letzter Stopp des Tages ist das Oscar Wilde House, 1 Merrion Square. Wir hatten gehofft, dieses sei zu besichtigen – Falsch gedacht. Zum einen wurde es gerade mal wieder umgebaut – wir hören später von einer Kollegin aus Dublin, das sei mehr oder weniger Dauerzustand – und zum anderen wäre eine Voranmeldung ohnehin immer empfehlenswert.

Nach ein bisschen Ausruhen im Zimmer, und ein bisschen Träumen von Klein-Arthur, der geigespielend am Fenster steht und in den Garten hinausschaut, geht es zum Abendessen in eines der Hotelrestaurants, ausgesucht nach dem Layout bzw. den Nischentischen, in denen man sich gut abschirmen kann. Das Essen ist genau wie der Rest des Hotels: einfach toll.

Und weil noch Tag übrig ist, keiner von uns fahren muss, wir gerade in Irland sind und ohnehin gerne mal einen guten Whisk(e)y trinken und viel zu selten dazu kommen, endet der Abend in der hoteleigenen Bar No. 23 beim Whiskey-Tasting in 1-A Gentlemen’s-Club-Atmosphäre.

Yep. So ein Wochenende darf er auch wieder mal planen, der Mann.

(Nein, ich habe in der Auktion am Sonntagvormittag dann keinen Zuschlag bekommen. Er auch nicht. Aber das Wochenende war toll.)

Wir fliegen nach Dublin?

Ich bin naturgemäß ein Spieler. Allerdings verkneife ich mir das Kasino. Das könnte teuer werden, und kasinotaugliche Kleidung mag ich nicht anziehen.

Meinen Kick hole ich mir auf Auktionen. Online, am Telefon, im Saal… finde ich toll. Fühlt sich so ein bisschen nach Wildwestduell an für mich.

Gekauft wird, was in die Sammlung passt. Ich habe ein Monatsbudget, das ich nicht zu überschreiten versuche, empfinde es aber schon als Ziel, das Budget nicht ungenutzt zu lassen. Gegen Monatsende biete ich also durchaus etwas aggressiver. Es bleibt nicht aus, dass man häufiger verliert als gewinnt. Im Saal, am Telefon macht mir das nichts aus – auch online nicht, solange es „nur“ daran liegt, dass jemand anders höher bietet. Dann wollte der es eben dringender. Oder hatte mehr Geld übrig. Okay. Dann soll er es haben. Kommt wieder. Die wenigsten Dinge, auf die ich biete, sind echte Einzelstücke. Die, die es sind… tauchen meist auch wieder auf, nur wenige Sammlungen sind heute schwarze Löcher wie die meine, aus der nichts wieder hergegeben wird.

Was mir gelegentlich Probleme macht ist, wenn es an der Technik scheitert. Wenn das Gebot nicht „durchgeht“, weil das Auktionshaus seine Internetverbindung nicht gut unter Kontrolle hat. Weil die Verbindung zu langsam ist, die Gebote nicht richtig übermittelt werden. Sowas ärgert mich.

Unter Umständen sehr. Das hängt dann wieder vom Objekt ab.

Und da ich mich ärgernd für meine Mitmenschen nicht besonders angenehm bin, ist es schlau, diesen Zustand zu vermeiden.

Da blätterten wir also einen Katalog durch, und es fiel der Satz „Wenn ich das Ding nicht bekomme, weil bei denen das Internet wieder nicht geht, dann bin ich sauer.“

Der Mann schaut aufs Datum, den Ort, seinen Terminkalender und sagt sehr sachlich: „Okay. Dann lass uns doch einfach hinfahren und das im Saal machen, können wir noch ein Wochenende Kurzurlaub dranhängen, Dublin ist doch schön.“

Stimmt, Dublin ist schön, aber… ich stecke mitten in einem großen Projekt und habe keine Zeit, für das Wochenende nach Abgabe einen Kurzurlaub zu planen. Und ich bin immer derjenige, der sich bei uns um die Reisepläne kümmert.

„Kein Problem“, sagt er. „Ich kümmer‘ mich drum.“

Ich reise nicht zu anderer Leute Pläne, das ist mir zu unsicher. So ganz allgemein. Nun hat er ja aber schon eine gewisse Sonderstellung, und mit etwas nachdenken willige ich ein, wir fahren und er darf die Fahrt planen. Da hängt ein ganz großes „…Und wenn es schief geht, planst du nie wieder irgendwas.“ In der Luft, aber das kann er zum Glück ab.

*

Zunächst fiel dann das Ganze noch fast ins Wasser, weil der Herr sich die Grippe holte. Nicht die berühmte Männergrippe, sondern die richtige. Ich hatte auch nichts mehr von Dublin gehört, und mich schon gedanklich von der Auktion im Saal verabschiedet, weil – naja, echt krank sein ist ja ein zulässiger Grund um die Organisation nicht hinzubekommen. Dagegen kann nicht mal ich was sagen.

Umso überraschter war ich dann, als er Mittwoch morgens aufstand und in die Arbeit ging. Weniger über die Tatsache an sich, er lässt sich grundsätzlich nicht länger krankschreiben als absolut notwendig… und mehr über den Kommentar: „Ich kann ja nicht heute und morgen krank sein und Freitag dann gleich freinehmen weil wir nach Dublin fliegen. Wie sieht’n das aus?“

Da stand ich dann erst mal. Wir fliegen nach Dublin? Ich muss es irgendwann mal in meinen Kopf bekommen: Solange er nicht sagt, dass wir ein Vorhaben ändern müssen/sollten, gilt die Planung weiter. Er ist nur der absolut einzige NT den ich kenne, der das so strikt durchzieht. Er war sogar mal etwas angefressen, als ich mich darüber erstaunt zeigte. „Du hältst dich doch auch dran, dass ich nicht will, dass in meiner Küche jemand was verstellt…“

Ich hatte von seiner Planung wirklich null mitbekommen und musste mich also komplett drauf verlassen, dass er das schon wirklich alles ordentlich gemacht hatte und wir nicht irgendwo in der Luft hängen würden. Das einzige was wir noch abgesprochen hatten, bevor er sich mich fast allen vorhandenen Kuscheldecken ins Bett verkrochen hatte war, dass wir am Samstag nicht nach Dangan Castle fahren würden. Das war zwar der alte Familiensitz meines Herzogs Wellington, ist aber heute nur noch eine Ruine und nach kurzer Recherche nicht wirklich besichtigungstauglich. Davon, dass ich das Stadthaus der Familie Wesley/Wellesley in Dublin zu Gesicht bekommen würde, ging ich mal aus.

Wir fliegen also nach Dublin. Schön, ich war schon ewig nicht mehr in Irland. Letztes Mal… oh, das war direkt nach meinem ersten Diplom, da hatte eine Kommilitonin zur „Irish Castle Tour“ geladen. Damals waren wir einen halben Tag in Dublin, eigentlich wollte ich das Book of Kells sehen. Das war aber gerade nicht ausgestellt.

(Das Buch hat irgendwie Angst vor meiner Familie… meine Eltern waren letztes Jahr in Dublin, meine Mutter wollte gerne das Book of Kells sehen. Es war gerade nicht ausgestellt…)

Wir steigen aus dem Flieger, er schaut sich einmal um und zeigt auf einen Lageplan. „Taxi“, sagt er, „Wir fahren zu Merrion Square.“

Merrion Square (Cearnóg Mhuirfean) befindet sich mitten in Dublin und ist alles Mögliche – also unter anderem eine Straße und ein Park, und nicht nur, wie der Name andeutet, ein Platz. Direkt daneben befindet sich die Upper Merrion Street, und in der Upper Merrion Street befand sich eben das Stadthaus der Wesleys, die die Schreibweise ihres Namens später zu Wellesley änderten, und aus deren „Familiendepp“ später der Herzog Wellington wurde.

Das war ja lieb gedacht aber … „Können wir vielleicht erst ins Hotel? Ich würd‘ gern die Tasche abstellen und für Merrion Street möchte ich auch nicht hetzen müssen…“

„Nein, komm, wir fahren da jetzt erst mal hin. Wenn dir die Zeit nicht reicht, können wir da übers Wochenende so oft hin, wie du willst.“ Gesagt mit diesem „Hab‘ hier mal etwas Vertrauen in meine Planungsfähigkeiten“-Ton, der mich bei jedem anderen auf die Palme treiben würde.

Er wird… naja, wissen, was er tut. Es ist ja auch objektiv nicht in seinem Sinne, uns gleich am ersten Nachmittag das Wochenende zu versauen… oder? Also irgendwas wird er sich hoffentlich gedacht haben dabei. Ich steige mit ins Taxi. Dass wir das Taxi nehmen wird schon mal positiv abgelegt. Ich bin kein Freund von Bus und Bahn, finde das wahnsinnig desorientierend und stressig.

Wir halten in Upper Merrion Street, direkt dem gesuchten Haus gegenüber. Ich steige aus. Er bezahlt das Taxi. Das Haus sieht von außen nicht besonders auffällig aus. Rote Backsteinfassade, identisch zu den danebenstehenden Häusern. Ein nicht besonders auffälliges Schild neben der Tür, ebenfalls sehr zurückhaltende Schilder an den Blumenkästen davor: „Merrion“.

Es sieht nicht besonders besichtig-bar aus, leider. Ich hatte mich ja mit der ganzen Fahrt überhaupt nicht beschäftigt, war vom Flughafen bis eben davon ausgegangen, er würde schon nachgeschaut haben, ob man da überhaupt was zu sehen bekommt…

Der Mann grinst, marschiert auf das erste Merrion-Schild zu, tippt mit dem Finger auf den kleineren, wirklich sehr zurückhaltenden Teil des Schriftzugs unter „Merrion“.

Fünf Buchstaben.

HOTEL.

Newstead Abbey, Nottingham, Juni 2016

Normalerweise stehe ich ja nicht so sehr auf Dichtung (was häufig überrascht, da mit gereimte Texte sehr schnell im Gedächtnis bleiben. Einzig – nur weil ich es kann, heißt es noch lange nicht, dass ich es aus Spaß mache. Gedichte bleiben mit im Kopf, ohne dass ich dazu wirklich selbst einen großen Beitrag leiste. Das ist so ein bisschen wie Atmen. Das passiert halt.

Normalerweise stehe ich nicht auf Dichtung, oder Dichter, aber es gibt die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Diese heißt George Gordon, starb 1824 im griechischen Freiheitskrieg und ist allgemein besser bekannt als Lord Byron.

Lord Byron war befreundet mit Mary, damals noch Godwin, und Percy Shelley, und als er dank seiner übermäßigen Schulden im April 1816 sozusagen aus England hinausflog, fand er sich nur wenige Monate später mit den beiden, seinem Leibarzt und Marys Stiefschwester am Genfer See wieder. Dort ging es wohl recht hoch her, und es kam dann eben im Juni der Tag, an dem sie sich keine Spukgeschichten mehr vorlesen, sondern ihre eigenen schreiben wollten. Zwei davon sind erhalten: Byrons Fragment of a Novel, später von Polidori als The Vampyre überarbeitet in eigenem Namen veröffentlicht, und Marys Anfänge zu The Modern Prometheus – die Geschichte, die wir heute als Frankenstein kennen.

Nun jährte sich dieser Schreibeabend zum 200. Mal, und die Gelegenheit wurde genutzt um eine Themenkonferenz zu organisieren – wo besser als in Newstead Abbey, dem Heim der Familie Gordon seit dem 16. Jahrhundert – bis Byron das Anwesen 1818 verkaufte, um seine Finanzen aufzubessern.

Und auf diese Veranstaltung wollte ich eigentlich. Etwas überrascht stellte ich aber fest, dass die recht begehrt war, und ich bereits nur noch auf die Warteliste gesetzt werden konnte. Nachdem ich über längere Zeit nichts hörte, hatte ich schon kaum mehr daran gedacht. Schließlich, in wirklich allerletzter Minute, wenn man die Anreisestrecke bedenkt, kam ein Anruf. Ich könnte zwei Plätze haben, wenn ich sie noch wollte. Der Mann klärte kurz ab, ob er so kurzfristig freinehmen dürfte – er durfte in der Tat –, ich bestätigte die Tickets, wir buchten den Flug.

Unterkunft stellte sich als kompliziert heraus, es war so kurzfristig nichts zu bekommen, das für uns passte. Natürlich, „irgendwo schnell“ unterkommen könnte man immer mal, aber das mache ich sehr ungerne. Unser Rückflug, ebenfalls suboptimal, ging von London aus. Die Zeit war einfach zu knapp, um unsere Wunschflüge zu buchen, wir mussten nehmen, was es noch gab. Wir hatten also am nächsten Morgen nochmal eine ziemlich lange Strecke zu fahren. Die Entscheidung fiel schließlich dahingehend, bei einer Bekannten in Manchester zu schlafen – oder eher darauf zu warten, dass die Nacht rum ist – und dann frühmorgens aufzubrechen. Auch suboptimal, aber gut… Sie hatte es angeboten, als ich sie nach einer Hotelempfehlung fragte, obwohl es unwahrscheinlich war, dass wir uns morgens aus der Wohnung schleichen konnten, ohne sie zu wecken. „Suboptimal“ war also irgendwie der rote Faden, der sich durch diese Reise zog.

Entsprechend trat ich sie schon in der Erwartung an, dass alles nicht so recht passen würde. Zu einer stressigeren Zeit hätte ich die Fahrt wohl lieber bleiben lassen, so war ich relativ sicher, dass es gehen würde, v.a. weil ich danach zwei Wochen Ruhe ohne Termine hatte.

Am Abend vor dem Abflug – ich war bereits in Bayern, weil unser Flug von München aus ging – erreichte mich dann noch eine E-Mail. „Ich möchte die geladenen Gäste bitten, den formellen Dresscode zu respektieren.“ Sag mal, Herr Organisator, geht’s noch? Das sagst du mir 24 Stunden vor Veranstaltungsbeginn? Sorry, geht nicht weil is‘ nicht. Es ging also eine E-Mail zurück, dass ich in dem Fall bitte wieder ausgeladen werden möchte, keinesfalls würde ich in „formellem Dresscode“ entsprechender Kleidung einen Flug und zwei Zugfahrten machen, um dann mit ca. 20 Minuten Luft vor der Veranstaltung anzukommen. „Ordentlich aber praktisch“ könnte ich ihm anbieten, und ich könnte ihm bereits jetzt versprechen, dass unser Schuhwerk reisetauglich sein würde, aber keinesfalls irgendeinem Dresscode entspräche. Er schrieb zurück, das sei doch natürlich eine Ausnahmesituation bei der darüber hinweggesehen würde. Nun gut, Eindruck hatte er jedenfalls schon hinterlassen. Ich vermutlich auch.

Bei uns ging es also sehr früh nach München. Da ich längere Überland- bzw. Autobahnfahrten als durchaus entspannend empfinde, durfte der Mann auch noch etwas Schlaf aufholen. Der hatte ja am Vortag noch arbeiten müssen und war erst mitten in der Nacht aus Belgien gekommen.

Der Flug ging problemlos, der Kaffee im Flieger fiel nicht negativ auf (damit hat der Flug dann schon mal einen Punkt gut bei mir). In Manchester hatten wir etwa eine dreiviertel Stunde Leerlauf, bevor unser Zug ging. Das reichte zwar nicht, um wirklich etwas anzuschauen aber es war genug, um mal eine Runde frische Luft zu schnappen und ein bisschen zu laufen. Wir sind ja an sich sehr gerne zu Fuß unterwegs und brauchen das auch irgendwie.

Ich hasse Züge eigentlich und finde Zugfahren schrecklich desorientierend. Etwas besser wird es, wenn ich den Laptop mitnehmen und unterwegs ein bisschen arbeiten kann, was natürlich sehr vom Zug und dem Füllgrad abhängt. Es war relativ früh am Tag, da ging es. Von der Strecke nach Sheffield habe ich so natürlich nichts mitbekommen, für mich aber besser so.

In Sheffield hieß es dann Umsteigen mit Wartezeit, dort suchten wir uns dann erst mal ein Subway. Davon gibt es in Sheffield erfreulich viele. Subway ist für mich ein praktisches mal-schnell-was-essen unterwegs. Egal, wo ich bin, ich kann mir mein Sub immer so bestellen, wie ich es will, und es schmeckt immer ausreichend gleich.

Die Zugverbindung von Sheffield nach Nottingham heißt, mit gutem Grund natürlich, „Robin Hood Line“. Das macht es immerhin einfacher, nicht aus Versehen in den falschen Zug zu steigen.

Offiziell fährt man, um nach Newstead Abbey zu kommen, bis Nottingham durch und steigt dort in den Bus, der einen dann wieder entlang der gleichen Strecke ein Stück zurückfährt. Wir stiegen allerdings einfach bei Newstead Village aus und liefen den Rest. Länger brauchten wir dafür auch nicht. Die Strecke ist mit 20 Minuten Fußweg ausgeschildert. Das ist großzügig bemessen. Wir brauchten etwas mehr als 10, also wäre bei einer „normalen“ Gehgeschwindigkeit wohl ca. 15 min. zu erwarten.

Newstead Abbey heißt deswegen Abbey (=Abtei), weil das Gebäude ursprünglich als Kloster errichtet wurde und einem Augustinischen Orden diente. Unter Henry VIII wurden jedoch ab 1536 die katholischen Klöster aufgelöst und enteignet. Einige Klosterkirchen blieben als normale Pfarrkirchen in Verwendung, viele wurden einfach abgebrannt und zerstört, sind teils bis heute als Ruinen erhalten. Wieder andere wurden einer weltlichen Verwendung zugeführt, wie eben auch Newstead Abbey, das 1540 von John Byron erworben wurde und bis 1818 im Besitz der Familie blieb. Dazu gehören sehr umfangreiche Ländereien, Parks, Gärten und Nebenanlagen. Wenn man genug Zeit hätte, könnte man sich das auch größtenteils anschauen.

Uns blieben etwa 30 Minuten zur Verfügung, die wir in einer ruhigen Gartenecke zubrachten.

Unsere Veranstaltung begann dann mit einer kleinen Führung. Newstead Abbey wurde mehrfach umgebaut, vor allem nach Byrons Verkauf auch recht umfassend. Zwischenrein gab es mal einen Brand, die Restauration danach ist nicht unbedingt das, was ich mir unter denkmalschützerisch wertvoll vorstelle. Das Gebäude ist sehr viktorianisch – was auch recht hübsch ist, aber eben nach Byrons Zeit liegt. Es gibt, sah ich, Ausstellungsbereiche, die sich der Zeit als Abtei sowie den späteren Zeiten widmen. Wir wurden nur durch die Byronausstellung geführt. Diese ist… nun ja, nett. Es finden sich Möbelstücke, Briefe, Portraits des Dichters, aber es ist eben nur eine Sammlung.

Und da merke ich dann schon, dass es eben „nur“ Lord Byron ist. Das Ganze ist wirklich nett, reißt mich aber nicht vom Hocker. Auch ein Lord Byron wird bei mir eben immer nur die zweite Geige spielen, hinter jenem Mann, den er selbst in einem Gedicht mit dem Titel „The Best of Cutthroats“ (Der beste Halsabschneider) bedachte (der übrigens tatsächlich in der Lage gewesen wäre, die erste Geige zu spielen), und den Byron, so seine Aussage zu mehreren Gelegenheiten, gerne hätte hängen sehen. Na, die Antipathie zumindest ging in beide Richtungen, Wellington regte dringend an, Byron zu erschießen. Wellington musste heute aber zu Hause bleiben, es geht ja um Byron.

Was ich gerne gesehen hätte, wären z.B. Räume gewesen, die eingerichtet sind, wie sie es zu der Zeit waren, in der Byron dort lebte. Oder wenigstens soweit das im Rahmen der Umbauten möglich ist. Dass man sich etwa in nachgemachter Kleidung, wie sie auf Byrons Portraits zu sehen ist, photographieren lassen kann, ist für mich auch eher eine Spielerei, die ich nicht unbedingt haben muss.

Okay… mal gerade sichergehen: Objektiv gesehen ist die Ausstellung gut. Subjektiv war sie nicht das, was ich sehen wollte.

Es folgten die Vorträge, also der eigentliche Hauptteil der Veranstaltung. Wir hatten glücklicherweise einen Randplatz. Während ich allgemein nicht gut damit zurechtkomme, Köpfe im Blickfeld zu haben, ließ sich das mit Augen zumachen gut handhaben – ich musste schließlich nicht sehen, was der Redner da vorne macht, und so auf halber Strecke zwischen dem Restpublikum sollte es ihm auch nicht negativ auffallen. Es gab mehrere Beiträge unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Qualität. Der Großteil bezog sich natürlich auf Byron und die Shelleys, eine befasste sich mit Adaptionen von Frankenstein und, dank der Verbindung über Fragment of a Novel kamen wir auch noch in den Genuss eines kleinen Vortrags über den Vampir im allgemeinen und den britischen Vampyre im speziellen. Vampire mag ich ja, wie gesagt.

Zusammen mit einer kleinen Diskussionsrunde dauerte das ganze deutlich länger als geplant, und vor dem nachfolgenden gemeinsamen Abendessen verabschiedeten wir uns mit Hinweis darauf, dass wir einen Zug erwischen mussten. Wenn die Bekannte aus Manchester uns schon bei sich schlafen ließ, wollten wir wenigstens pünktlich sein, und nicht mit knapp zwei Stunden Verspätung aufschlagen.

Auf der Rückfahrt wurde das Umsteigen in Sheffield recht knapp, klappte aber. Gerade hatten wir uns in dem Zug nach Manchester auf freie Plätze gesetzt und mal eben E-Mails abgerufen, als eine Nachricht einer Freundin auf Facebook auftauchte. Ich schrieb zurück, sie entschuldigte sich schon mal im Voraus, sie sei im Zug und wüsste nicht, wie lange ihre Verbindung halten würde. Kurzes Grinsen. Wir auch. Aber bestimmt nicht im gleichen Zug, oder? Sie: In welchem sitzt ihr denn? Ich: Sheffield-Manchester. Sie: Nee, aber wenn ihr in Manchester aussteigt und ein bisschen wartet, könnt ihr bei mir einsteigen.

Kurzes allseitiges Koordinieren, dann stand fest: Wir tun unserer Bekannten und uns selbst diese Übernachtung nicht an – was wohl allen Beteiligten so nur Recht war – fahren stattdessen direkt nach London, schlafen dort bei der Freundin und werden am nächsten Tag von deren Mann zum Flughafen gefahren. Tja, auf die Idee hätte man echt vorher auch kommen können. Hier ist es dann von Vorteil, dass ich auf Reisen generell etwas weniger auf einen vorgeplanten Ablauf festgelegt bin und 1-2 Tage mit plötzlichen Umplanungen ohne größere Katastrophen zurecht komme.
Die Londoner Freundin ist ebenfalls Autistin, auch mit einem NT verheiratet, wir machen auch öfter mal was im Viererpack und verbringen auch schon mal ein Wochenende dort – oder sie bei uns. Nebenbei teilen wir uns ein Spezialgebiet, und die beiden Herren können sich in der Küche vergnügen (beide sind tolle Köche), während wir neue Erkenntnisse austauschen. Wäre das ganze jetzt geplant gewesen, hätte jede von uns noch ein Buch zum Thema dabei gehabt, das dann die Besitzerin wechseln würde, das muss dann dieses Mal leider ausfallen.

Damit endete der Tag dann doch noch entspannter, als zuvor für möglich gehalten, mit einer Flasche gutem Whiskey und Brettspielen, und ich konnte mir am Folgetag die öffentlichen Verkehrsmittel zum Flughafen sparen.

Grundsätzlich – ich würd’s wieder machen, aber nur mit mehr Vorlaufzeit und mehr Gelegenheit zur Organisation.

 

 

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus  auf Projekt Gutenberg
Frankenstein; Or, The Modern Prometheus by Mary Wollstonecraft Shelley auf Project Gutenberg

Lord Byron: Ein Fragment auf Projekt Gutenberg
Fragment of a Novel by Lord Byron auf sff.net

John William Polidori: Der Vampyr auf vampyrbibliothek.de
The Vampyre, by John William Polidori
auf Project Gutenberg

Überschätzt

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“

Huch. Ja, klar, natürlich ist alles in Ordnung. Der Flug war ereignislos, ich bin nach der Landung zügig aus der Maschine gekommen und vor dem großen Ansturm der Passagiertraube mit massenweise Handgepäck, kleinen Kindern und allgemeinem Chaos einigermaßen geordnet an und durch die Passkontrolle, und nun habe ich mich eben schön aus dem Weg an eine Wand gestellt und warte auf den Lieblingsmann – denn der hat unser Handgepäck und ist damit deutlich langsamer dran.

Irgendwas sollte ich jetzt auch sagen, aber ich bin in der Sprache noch nicht so ganz angekommen – zwar beherrsche ich zwei tote und eine ganze Handvoll lebende Sprachen, und würde im größten Teil West-, Südwest-, Mittel- oder Nordeuropas nicht verhungern, wenn ich nur in der Landessprache kommunizieren dürfte, aber dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – brauche ich häufig einen Moment, um mich sprachlich umzustellen. Eben drei Tage in England verbracht, mein Hirn läuft noch in English und weiß gerade nicht so recht, warum es nun einen Satz auf Deutsch bilden soll…

„Jaja, alles super.“ Das klingt nicht mal für mich überzeugend, und ich weiß dass es stimmt. Er schaut zweifelnd. Ich schaue etwas düster zurück, bin jetzt bereits etwas genervt – ich finde es nicht besonders toll, wenn Wildfremde mir ohne weiteren Grund ein Gespräch aufzudrängen versuchen. Noch schlimmer wenn der Fremde offenbar meint einen Grund zu haben, und sich dieser mir absolut nicht erschließt. Ich gehe in Gedanken gerade durch, was ich seit der Landung gemacht habe. Habe ich in dem Versuch, der Masse zu entgehen irgendwelchen Blödsinn gemacht, den ich nicht bemerkt habe? War ich ungeplant unhöflich zu der Dame in der Passkontrolle? Hat er vielleicht schon mal versucht mich anzusprechen und ich habe es komplett wegignoriert?

Er sagt irgendwas, das ich nur halb mitbekomme weil ich durch die Überlegung abgelenkt bin. Seinen Text aus dem Hintergrundlärmpegel im Flughafen herauszudividieren braucht eben ungeteilte Aufmerksamkeit.

Dafür sehe ich aber meinen Lieblingsmann kommen. Der Herr vor mir bemerkt offenbar meinen Blick, dreht sich um beobachtet, wie er näher kommt.

Da ist er, und bevor er mir meine Tasche geben kann, legt der andere schon wieder los: „Belästigt der Herr Sie?“

Wenn wir jetzt im Comic wären, hätte ich ein Fragezeichen über dem Kopf, denn ich habe keine Ahnung, wie er auf die Idee kommt.

„Äh – nein? Das ist mein Mann? Mit meinem Gepäck?“ Wenn ich irgendwie nachvollziehen könnte, was der Herr sich denkt, wäre es leichter, zu antworten. So habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht so genau weiß, auf welche Frage ich antworte. Also, die Worte waren schon klar, aber der Hintergrund dazu fehlt mir vollständig. Wie kann man denn irgendwas, das er gerade gemacht hat, so interpretieren? Ich mag zwar nicht die Beste im Interpretieren sein, aber normalerweise kann ich doch wenigstens im Nachhinein einigermaßen erraten, was los ist.

„Sie müssen trotzdem nicht—“

Ich höre auf ihm zuzuhören.

Wenn ich jetzt sagen würde, was ich mir denke, wäre das im höchsten Grade unverschämt. Erstens versuche ich das zu vermeiden, und zweitens muss ich davon ausgehen dass der Herr tatsächlich glaubt, ich bräuchte aus irgendeinem Grund seine Hilfe, und ihm jetzt an den Kopf zu werfen was ich gerade von ihm halte, würde ihn sicher nicht gerade ermutigen, das Angebot in einer anderen Situation zu wiederholen, bei einer anderen Frau die vielleicht tatsächlich dankbar dafür wäre. Versuche ich, ihm gegenüber höflich bis freundlich zu bleiben, wird es extrem unsicher und unecht klingen, da komplett konstruiert.

Also ignoriere ich ihn für den Augen blick – gut, das ist auch nicht besonders nett von mir – und übersetze stattdessen die Situation mal eben für den Lieblingsmann, dessen Deutschkenntnisse eher beschränkt sind. Der schenkt dem Herrn seinen „Echt jetzt?“ Blick und gibt mir derweil meine Tasche. Kurzaufenthalte wie diesen machen wir grundsätzlich nur mit Handgepäck.

Der Herr wartet auf Antwort in seine Richtung, also reiße ich mich nochmal zusammen.

„Schauen Sie, ich weiß nicht, was Sie da falsch verstanden haben, aber es ist wirklich alles okay.“

Er schaut zweifelt.

„Sie sind da vorhin so schnell aufgestanden und ’nur weg von dem’…“

Oh.

„Äääh, nein. Also ja, also ich mag das Gewusel nicht, wenn alle gleichzeitig ihr Handgepäck suche und dann auf dem Flieger stürmen. Drum schau ich dass ich als erstes rauskomme und Abstand zwischen mich und die Masse bringe, und mein Mann sammelt in Ruhe das Gepäck…“

Er schaut zweifelnd. Überzeugt ist er nicht. Aber er gibt Ruhe. Und ich bin linguistisch auch wieder im Land. Super.

Wir gehen unser Auto aus der Tiefgarage befreien, und ich schüttle innerlich noch den Kopf. Wenn der Herr uns ausreichend genau beobachtet hat, um zu merken, dass ich alleine voraus bin, und das sehr zügig, hat er dann nicht auch gesehen, dass wir den ganzen Flug über in bester Zweisamkeit nebeneinander saßen, jeder ein Buch in der Hand und immer mal wieder dann anderen grinsend anstupsend und auf eine Textstelle zeigend? Dass da nichts, aber auch gar nichts vorgefallen ist, dass die Annahme rechtfertigt, irgendwas wäre nicht in Ordnung? Dass wir direkt vor dem Landeanflug noch meinen Geldbeutel etc. aus dem Rucksack unterm Vordersitz gefischt haben, damit ich mein Zeug beieinander habe? Hat der nicht gemerkt, dass das irgendwie nicht zu seinem Eindruck passte?

 *

 Ich weiß, dass ich selbst es sehr schwer finde, die Hintergründe von Situationen zu schließen. Mit genug Informations-Input und Konzentration geht es häufig, aber intuitiv erfassen – das ist jetzt so oder so – das ist sehr, sehr schwer, und passiert nur extrem selten.

Was mir allerdings noch schwerer fällt als zu verstehen, wie der NT-Mensch das macht, ist wann er das tut. Und in welchem Umfang. Das sehe ich auch gerne bei Asperger-„Kollegen“. Wir neigen wohl gelegentlich etwas dazu, eure Fähigkeiten zu überschätzen. Dieses Erfassen und Interpretieren – das ist etwas, das ihr könnt, und wir nicht, oder nur mit Schwierigkeiten. Dass es auch da Grenzen gibt… nun, das vergesse ich ganz leicht mal.

Und nebenbei: Ich sehe zwar, dass es sie gibt – aber ich habe absolut keine Ahnung, wo sie sind.