Eine Woche England

Normalerweise beschränke ich Reisen soweit möglich auf maximal zwei Übernachtungen. Dass wir diesmal von Mittwoch bis Montag, jeweils einschließlich, weggefahren sind, und ich dabei kein besonders schlechtes Gefühl hatte, hing zuerst mal daran: Organisiert wurde dieser Ausflug von einer autistischen Freundin; und die Teilnehmer alle Autisten oder Autisten mit NT-Partner im Anhang. Das machte die ganz Angelegenheit schon mal etwas entspannter.

Dazu jetzt kurz – irgendwann schreibe ich dazu ausführlich: Ich mache bei Freundschaften eine ganz klare Unterscheidung in AS und NT. Ich habe zwei NT-Freundinnen, und das ist auch die absolute Obergrenze für mich.  Alles Weitere wäre sehr viel zu anstrengend.

Bei Mit-Autisten ist meine Toleranzgrenze in Anzahl, Kontaktumfang und –dauer usw. deutlich höher, und ich finde es sehr viel weniger anstrengend. Sowohl als Sender als auch als Rezipient.

Der Gedanke war also: 8 x 2, Kombination je AS/NT, zusammen drei ganze und zwei halbe Tage in einem ehemaligen Kloster, das für Gruppenveranstaltungen vermietet wird, Spaß haben.

Einige Dinge laufen dabei etwas anders ab, als man es vielleicht so „üblich“ ist.

Es gingen zunächst einige E-Mails rum. Jeweils ein Thema, mit der Option, entweder die Grundfrage beschreibend zu beantworten oder den beiliegenden Fragebogen auszufüllen. Ich wähle bei sowas den Fragebogen. Ich mag Fragebögen.

Einmal ging es um Aktivitäten – das Thema des Ausflugs sollte „Game of Thrones“ sein – also: Welche der in Frage kommenden Dinge wollte man machen/nicht machen/nur unter bestimmten Umständen machen, beim LARP welche Figur(en) spielen, etc.

Die zweite ging um die „chores“, die Aufgaben – wir kamen als Selbstversorger, also musste eingekauft werden, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, Essen gekocht usw. Man gab an, was man zu machen bereit war/unbedingt machen wollte/gar nicht machen wollte, ob bestimmte Tageszeiten für einen Einsatz bevorzugt wurden und ob man mit bestimmten Personen unbedingt oder gar nicht zusammenarbeiten wollte.

Die dritte ging um Persönliches. Grenzen, Abstand, Regeln, Dinge, die unbedingt gekauft werden müssten, Dinge, die Probleme machen würden durch Geruch etc., welche Art von Schlafplatz, wäre man bereit, das Badezimmer mit anderen zu teilen usw.

Daraus wurden dann zum einen der Zeitplan erstellt, zum anderen die Zimmerzuteilung und die Einkaufspläne gemacht. Außerdem ging eine Rundmail raus, in der für alle zusammengefasst wurde, bei wem auf was zu achten ist. Jeweils mit Bitte um Rückmeldung, falls Probleme auftreten würden.

Nun sind solche Zeitpläne genau etwas, das mich normalerweise leicht aus der Bahn werfen würde – nämlich dann, wenn sie kurzfristig geändert werden, weil schnell beschlossen wird, doch irgendetwas zu verlängern, zu verkürzen, zu ändern, jemand spontan auf komplett neue Ideen kommt usw.

Genau das ist z. B. ein Stressfaktor, den ich mir in dieser Anordnung ersparen kann. Wenn nämlich 50% der Anwesenden genau das gleichen Problem hätte, und die anderen 50% dran gewöhnt sind, dass man nicht einfach mal schnell was umwirft, dann wird der Zeitplan zu einem Sicherheitsfaktor.

*

Aufgrund einer Streiksituation bei BA wurden wir gebeten, frühzeitig zum Flughafen zu kommen. Soweit kein Problem. Laptop geht mit, ab in die Lounge, ich arbeite weiter, der Herr beschäftigt sich mit einem Buch.

Der Flug wie üblich problemlos; das Kabinenpersonal sehr bemüht, der Steward wurde etwas panisch als ich den Salat ablehnte (war Hähnchen drin) … Vegetarisch hätte man vorbestellen müssen… Hatte ich nicht, hatte ja gar nicht vorgehabt, an Bord zu essen.

Der Pilot war einer dieser Landekünstler, bei denen man erst mitbekommt, dass das Flugzeug wieder unten ist, wenn es bremst.

Am Flughafen wurden wir vom Mann der Londoner Freundin empfangen, dem ich es wirklich hoch anrechne, dass er uns jedes Mal abholt, wenn wir kommen. Es ist eine knappe Stunde Fahrt durch London, aber andernfalls müssten wir eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, was für mich sehr stressig ist.

Da die Londoner Freundin und ich uns ein Spezialinteresse teilen, hat es sich so eingebürgert, dass wir uns bei jedem Treffen jeweils ein neues bzw. neu entdecktes Buch zum Thema mitbringen und austauschen. Zum Glück verstehen sich die beiden Männer gut, und so können wir auch ohne schlechtes Gewissen erst mal eine Weile unter uns fachsimpeln, während die beiden sich eben über was anderes unterhalten.

Nach dem Abendessen folgte noch ein bisschen Requisiten basteln, dann recht zeitig Schlafen… denn am nächsten Morgen mussten wir raus.

*

Meine Erinnerung an die frühen Morgenstunden ist eher verschwommen…das ist bei mir so üblich. Kaffee beschleunigt den Aufwachprozess, und so war ich dann doch ausreichend wach um den Schwan anzuschauen … das Museum lag freundlicherweise direkt an unserer Strecke.

Tolles Tier, der Schwan. Ich muss sagen, ich habe eigentlich gar keine Worte, um das zu beschreiben. Wer in den nächsten Wochen in London ist, sollte sich den auf keinen Fall entgehen lassen!

Nach dem Schwan ging es dann per Auto nach Nordengland. Dort stellte ich zuerst mal fest: Unsere Unterkunft ist offenbar einer dieser Orte aus Harry Potter, die man nur findet, wenn man bereits weiß, wo sie sind.

Also im Ernst: Da hätte ich niemals ohne jemanden zum Zeigen hingefunden. Es stellte sich später auch noch raus dass andere trotz telefonischer Anleitung wirklich nicht hinfanden, und wir sozusagen einen Suchtrupp losschicken mussten.

Das „Problem“ dabei ist: Das Gelände wurde im Lauf der Zeit komplett mit Wohnhäusern umbaut, sodass nur ein sehr enger Weg (eine knappe Gehwegbreite etwa) zwischen zwei Häusern hindurch zum Eingangstor führt. Dieser Weg ist unbeschriftet und sieht von der Straße aus eher aus, als würde er in einen Hinterhof führen. Der Gang endet an einer Holzplatte an Scharnieren mit Riegel. Erst dahinter kommt der eigentliche Zugang zum Gelände. Bis man durch dieses erste improvisierte Tor ist, sieht man absolut nichts von dem, was dahinter liegt. (Parken muss man um die Ecke.)

Hat man erst mal reingefunden… ist die Unterkunft aber einfach toll. Sie ist für Selbstversorger gedacht, es gibt eine große Küche, einen Speiseraum, viele Zimmer, mehrere Badezimmer pro Stockwerk mit Duschen und Badewannen, eine Sauna und anderes… Wir nutzten in erster Linie die beiden „Sitting rooms“ – große wohnzimmerartige Räume mit vielen bequemen Sitzmöbeln. Aus dem größeren flog als erstes der Tisch raus, weil wir Freifläche brauchten. Wir wollten ja schließlich irgendwie Theaterspielen.

Im Lauf des Nachmittags trudelten so nacheinander alle ein. Die einen verzogen sich erst mal direkt in ihre Zimmer, die anderen halfen beim Lebensmittel rauftragen und wegräumen, der für den Abend eingeteilte Koch machte seine Pläne… Die Requisiten wurden aufgestellt, die Skripte ausgelegt.

Eine kleine Beinahekatastrophe gab es dann als eine NT-Frau – der dazugehörige Mann war bereits da – den Veranstaltungsort nicht fand. Trotz mehrfachem Anrufen und einweisen. Irgendwann waren dann doch alle da, das Abendessen war gegessen, und wir hatten für den Abend auf dem Plan stehen, die ersten Szenen durchzuspielen.

Dabei war die Regelung im Großen und Ganzen die: jeder kann mit so viel oder wenig Einsatz spielen, wie er will. Der eine steht eben auf der Bühne und liest seinen Text ab, der andere spielt seine Rolle mit vollem Körpereinsatz, Kostüm und Requisiten… jeder, wie es ihm zusagt. Szenen mit Körperkontakt, fesseln von Gefangenen, Schwertkämpfen, etc. werden zuvor zwischen den Beteiligten abgesprochen. Ebenfalls sprechen die jeweils Beteiligten vorher ab, falls sie eine Szene nicht nach Skript spielen sondern improvisieren wollen.

Ich war erstaunt, wie gut das in der Tat ging. Die Requisiten waren teils etwas gewöhnungsbedürftig. Die Wölfe waren Plüschtiere, und da wir nicht genug Wölfe zusammengebracht hatten, wurde mit Plüschkatzen aufgefüllt. Schwerter reichten vom richtigen LARP-Schwert bis zum funktionsfähigen (leuchtenden) Laserschwert – klar, man braucht ja brennende Schwerter und auch mal Fackeln … Zitat vom Wochenende: „Und sie nahm ihr Laserschwert und machte sich auf den Weg“.

Wir waren ja nun alles erwachsene Leute zwischen 30 und 45, und daher „nicht das kleinste Bisschen“ albern. Nee, ist klar… natürlich bleibt die Sache nicht bierernst, wenn das einzige für den Auftritt zur Verfügung stehende Pferd ein Steckenpferd ist, die Dracheneier als Avocados geboren wurden und fehlende Requisiten einfach durch ein Blatt Papier ersetzt werden, auf dem die Bezeichnung des fehlenden Gegenstands steht.

Spaß hatten wir jedenfalls.

Ganz toll übrigens: was an „inneren Organen“ benötigt wurde, hatte vorher jemand aus geschmolzenen Haribo-Erdbeeren nachgeformt und großzügig mit Theaterblut verziert. Diese speziellen Requisiten wurden anschließend noch ihrer ursprünglich vorgesehenen Verwendung zugeführt.

Zwar hatte jeder zugeteilte Rollen, aber es spielte nicht unbedingt jeder in jeder „Sitzung“ mit. Wer gerade Pause wollte oder brauchte, konnte in seinem Zimmer bleiben, spazieren gehen oder sonst was machen, und die Rollen wurden bei Bedarf kurzfristig umverteilt.

Es wurde natürlich nicht nur Game of Thrones gespielt an dem Wochenende. Die Pokémon-Go-Spieler schickten immer mal wieder Jagdtrupps aus, es gab Diskussionsrunden zu vorher genannten Themen (ähnlich Viktorianischer Parlour-Diskussionsrunden, wie sie gerne mal zur Unterhaltung abgehalten wurden), Karten- und Brettspielrunden, Abends wurde die Sauna angeworfen, irische und schottische Folkmusik gesungen und getanzt (wir hatten Flöte- und Gitarrenspieler samt Instrumenten dabei). Einige hatten ihre eigenen Projekte dabei, einige gingen außerhalb der Spielerunden direkt in ihr Zimmer und blieben da, bis es entweder Zeit zum Essen oder Zeit zum weiterspielen war.

Frühstück und Mittagessen lief jeweils so, dass jeder sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbst holte, was er wollte. Es gab dabei Schränke und einen Kühlschrank, die für die Köche reserviert waren und die von diesen bestellten Zutaten enthielten, und Schränke und einen anderen Kühlschrank, aus denen sich jeder einfach bedienen konnte. Speziell für eine Person besorgte Lebensmittel waren beschriftet.
Zum Abendessen kochen sowie am Sonntag zum Brunch (= Full English Breakfast) war jeweils ein Koch mit zwei Helfern eingeteilt. Gekocht haben alle hervorragend. Es wurde immer in Variationen gekocht, der anfangs rumgesendeten Liste entsprechend, sodass immer jeder was zu essen hatte. Wer nicht im Speiseraum essen wollte, nahm sich eben einen Teller mit aufs Zimmer – oder ließ sich einen bringen.

Gespräche fand ich allgemein auch in der Gruppe verhältnismäßig entspannt, schon allein deswegen weil wirklich immer nur einer redete. Wenn sich zwei Gespräche im gleichen Raum entwickelten und es dadurch zu Problemen durch Lärmpegel kam, ging die Gruppe, die näher an der Tür saß, in einen anderen Raum. Bei Wortfindungs-/Artikulationsproblemen sah die Lösung dann so aus, dass die betroffene Person, die etwas sagen wollte, aber gerade entweder die passenden Wörter oder gar keine Wörter rausbrachte, einfach „Words!“ sagte bzw. einen Zettel mit dem Wort drauf hochhielt. Dann wurde gestoppt, die jeweilige Person konnte sich in Ruhe die Wörter sortieren, aufschreiben oder anderweitig den gewünschten Inhalt kommunizieren.

Alles in Allem: Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass eine Zusammenkunft von 16 Personen so relaxt ablaufen kann…Wir sind definitiv nächstes Jahr wieder dabei.

 

 

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Scheidung mal anders

Und es trug sich zu…

… dass England den vermutlich amüsantesten Scheidungsfall aller Zeiten erlebte

Scheidungen sind ja an  und für sich meistens nicht so witzig. Gelegentlich allerdings sind sie geradezu spektakulär.

Wir schreiben das Jahr 1810.

Da es sonst gleich sehr unübersichtlich wird, möchte ich die Protagonisten dieses kleinen Scheidungsfalls kurz vorstellen.

Da hätten wir:

Henry Paget, Jahrgang 1768, Erbe seines Vaters, seit 1795 verheiratet mit
Caroline Elizabeth Villiers, Jahrgang 1774, genannt „Car“;
aus der Ehe sind bislang acht Kinder hervorgegangen.

Henry Wellesley, Jahrgang 1770, Politiker, seit 1803 verheiratet mit
Charlotte Cadogan, Jahrgang 1781, genannt „Char“;
aus der Ehe sind bislang vier Kinder hervorgegangen.

George Campbell (Duke of Argyll), Jahrgang 1768, genannt „Argyll“.
Bislang unverheiratet.

Die ganze Sache hatte zwei Jahre zuvor begonnen, als Charlotte den ärztlichen Rat erhielt, zur Förderung ihrer Gesundheit zu reiten. Nun konnte ihr Ehemann es sich leider nicht leisten, ihr ein Pferd oder einen Reitlehrer zur Verfügung zu stellen.

Die Lösung fand sich, als Henry Paget sich freundlicherweise bereiterklärte, beides zu besorgen – oder, genauer gesagt: das Pferd zu besorgen und den Reitlehrer selbst zu machen. Da Paget einer der absolut besten Reiter auf der Insel gewesen sein dürfte, war Henry Wellesley (dieser war im Übrigen der jüngere Bruder meines „Atty“, der seinerseits damals noch weit davon entfernt war, Herzog zu sein) auch sehr angetan davon.

„Char“ bekam also ihre Reitstunden, und die taten ihrer Gesundheit gleich so gut, dass sie nochmal schwanger wurde – das vierte der obigen Kinder.

Jetzt wurde also erst mal nicht mehr geritten, dafür unterhielten die beiden – Charlotte und Paget – einen regen Briefkontakt.

Ihr Umfeld hatte allerdings, wie es bei solchen Umfeldern halt so ist, einiges zu der Sache beizutragen. So etwa ausführliche Kommentare dazu, dass Charlotte und Paget zu viel Zeit zusammen verbracht hätten, und ojeh, wo das wohl hinführen würde..?

In Anbetracht dessen bot nun Charlotte ihrem Ehemann nun nach der Geburt ihres Sohns Anfang 1809 an, jeglichen Kontakt mit Paget eizustellen. Henry Wellesley winkte ab. Das sei schon in Ordnung, er habe volles Vertrauen in sie…  nur das mit dem Reiten möge sie doch bitte bleibenlassen.

Gut. Das Reiten ließen sie also bleiben. Stattdessen kam es jetzt zu ausgedehnten gemeinsamen Spaziergängen, und bald fing Charlotte an, ihren Diener, der sie als Eskorte begleitete, für ein, zwei Stunden wegzuschicken, wenn sie mit Paget spazierte.


Derweil hatte sich im Hause Paget auch das eine oder andere ereignet.

Henry Paget blieb nicht verborgen, dass die Korrespondenz seiner Gattin Caroline mit George Campbell, dem Herzog Argyll, vielleicht nicht mehr so ganz angemessen war, für eine verheiratete Frau und einen unverheirateten Mann.

Das nachfolgende Gespräch ist im Detail zwar nicht überliefert, im Ergebnis jedoch schon, nämlich in Form eines Briefwechsels zwischen zwei Brüdern von Henry Paget, die sich darüber auslassen. Glaubt man den beiden, muss es etwa so abgelaufen sein:

Henry Paget:  „Car, ich höre du stehst auf Argyll.“

Caroline Paget: „Wo hörst du denn sowas?“

Henry: „Isses so?“

Caroline: „Und was, wenn es so wäre?“

Henry: „Das wäre sehr praktisch.“

Caroline: „Bitte was wäre das?“

Henry: „Praktisch wäre das. Weißt du, da ist diese Frau.“

Caroline: „Charlotte. Wellesley.“

Henry: „Ich sehe, du weißt Bescheid. Also, ich mag Charlotte, und Charlotte mag mich. Und du magst Argyll und Argyll mag dich. Also machen wir das so: Wenn sich Henry Wellesley von Charlotte scheiden lässt, lasse ich mich von dir scheiden, dann heirate ich Charlotte und du heiratest Argyll und wir sind alle glücklich – also, alle außer Wellesley.“

Caroline: „Und wenn Wellesley sich nicht scheiden lassen will?“

Henry: „Naja, dann muss ich weiter außerehelich mit Charlotte schlafen, und du müsstest dann halt auch außerehelich mit Argyll… aber das ginge ja auch, oder?“

Caroline: „Und was sagen Charlotte und Argyll dazu?“


Charlotte hatte inzwischen – es war März geworden – erste Schritte eingeleitet und etwa bei einer Schneiderin einen Satz Kleidung „für eine Freundin“ bestellt, die dort auf Abruf bereitgehalten werden sollten.

Wellesley war vielleicht nicht der schnellste, was die Vergnügungen seiner Angetrauten betraf, aber irgendwann kapierte er es auch und stellte sie zur Rede. Dabei redete er sich dermaßen in Rage, dass er sie schließlich anschrie, entweder sie oder er müssten am folgenden Tag ausziehen.

Charlotte nahm ihn beim Wort. Am nächsten Tag verließ sie das Haus, nahm eine Kutsche und fuhr zu Paget.

Kaum dass Wellesley merkte, dass sie genau das gemacht hatte, was er verlangt hatte, fiel ihm ein, dass er das nicht so gemeint hatte. Er machte sich also auf die Suche nach seiner Frau, konnte diese aber zunächst nicht auffinden. Über die Schneiderin schaffte er es schließlich, herauszufinden, wo sie sich aufhielt.

Dorthin übermittelte er ihr nun also ein Schreiben, in dem er ihr mitteilte, dass sie selbstverständlich zu ihm zurückkommen dürfe.

Charlottes Antwort war ein langes und sehr höfliches Schreiben, dessen Inhalt sich etwa so zusammenfassen lässt: „Nö.“


Paget und Charlotte zogen nun zunächst gemeinsam in eine kleine Wohnung, die einem Freund Pagets gehörte. Eine Sache gab es, über die Charlotte unglücklich war: Ihr Mann hatte die Kinder. Das ließ sich nun gerade nicht ändern, und es war in Scheidungssituationen zu der Zeit auch üblich – sofern man von „üblich“ sprechen konnte – , dass der Ehemann die Kinder behielt. Schließlich war der hauptsächlich anerkannte Scheidungsgrund Ehebruch durch die Frau.

Bei Paget und Caroline sah die Absprache von vorneherein anders aus: Deren acht Kinder blieben auf Carolines Wunsch bei ihr.

Es folgte eine Vielzahl von Briefen. Etwa so:

Wellesley an Charlotte: Kannst zurückkommen.

Charlotte an Wellesley: Nö.

Wellesley an Charlotte: Komm zurück!

Charlotte an Wellesley: Nö.

Wellesley an Charlotte: Komm bitte zurück!

Charlotte an Wellesley: Nö.

Pagets Brüder an Paget: Sag mal, spinnst du?

Paget an Brüder: Nö.

Pagets Vater an Charlotte: Verlass meinen Sohn!

Paget an Pagets Vater: Halt du dich da raus, Papa!


Die Zeitungen bekamen Wind davon und ließen sich ausführlich über die Situation aus. Skandale mochte man ja immer schon gerne.

Mit viel Überredungskunst schafften es Charlottes und Pagets jeweilige Brüder, die beiden zu einem „Experiment“ zu überreden. Sie sollten sich einen Monat lang nicht sehen, um festzustellen, ob sie die Situation mit etwas Abstand nicht anders betrachten würden.

Sie hielten zwölf Tage durch.

Paget erhielt ein paar Duellforderungen von Charlottes Bruder. Henry Wellesley verklagte ihn auf Schadensersatz – das war zu der Zeit üblich, bei Ehebruch – und bekam, was wohl kaum überraschend war, Recht.

Paget und Charlotte zogen aufs Land.

Um irgendwie mit den gemeinschaftlichen Plänen vorwärts zu kommen – Argyll hatte inzwischen Caroline schon mal vorsorglich einen Heiratsantrag gemacht, den sie ebenso vorsorglich schon mal angenommen hatte – mussten nun zwei Scheidungen vollzogen werden.

Die einfachere hätte die der Wellesleys sein sollen. An dem Ehebruch war ja wohl nicht zu rütteln – sollte man meinen – und die Scheidung hätte eine reine Formsache sein sollen.

Nur Henry Wellesley wollte nicht so mitspielen. Der erklärte mal wieder, dass er seine Frau doch gerne zurück hätte… und überhaupt sei er gar nicht so sicher, dass sie wirklich den Ehebruch vollzogen hatten. Außerdem fühlte er sich als alleinerziehender Vater, trotz der Dienerschaft und Verwandtschaft, die ihm die Arbeit abnahm, stark überfordert. Charlotte würde von ihm also keine Scheidung bekommen, solange er keinen Beweis für den Ehebruch hatte.

Charlotte und Paget schüttelten einmal gemeinschaftlich den Kopf und machten sich dran, den Beweis zu produzieren. Dieser kam am 4. März 1810 zur Welt und wurde auf den Namen Emily getauft.

Nun wurde also endlich geschieden – nämlich Henry Wellesley von Charlotte, wobei Wellesley inzwischen die Nase vom um-die-Kinder-kümmern dermaßen voll hatte, dass er es Paget gleich tat und die Kinder zur Mutter schickte – was dieser wiederum nur Recht war.


Kaum, dass diese Scheidung rechtskräftig war, wandte sich nun Caroline an einen Anwalt. Sie wollte sich von Henry scheiden lassen – der hatte ja nun eben auch Ehebruch begangen, und das war ein guter Scheidungsgrund.

Dabei stellten die vier – also Caroline, Charlotte, Paget und Argyll – nun aber fest: so einfach ging das mal wieder nicht.

Es konnte nämlich nach englischem Recht sich lediglich der Ehemann von der ehebrechenden Ehefrau scheiden lassen – nicht aber umgekehrt.

Na gut, einfachste Lösung: Caroline und Argyll lassen sich beim Ehebruchbegehen erwischen, Paget reicht die Scheidung ein.

Da spielte aber Argyll nicht mit: Ehebruch begehen gerne, aber erwischen lassen nicht, weil „Meine Mutter bringt uns um.“

Nun gab es aber zum Glück einen Ausweg: Das schottische Gesetz unterschied sich nämlich vom englischen, und dort konnte auch die Frau die Scheidung einreichen. Voraussetzung: Die Parteien des Scheidungsfalls mussten mindestens 40 Tage lang in Schottland gelebt haben.

Die vier packten also ihre Koffer und mieteten sich in Schottland ein Haus.

Dort hatten sie nun erst mal 40 Tage Zeit, um weitere Pläne zu schmieden, und die waren durchaus notwendig.

Das Gesetz hatte nämlich noch zwei Haken:

Der erste: Der Mann durfte unter keinen Umständen anschließend die Frau heiraten, die der Anlass zur Scheidung war.

Der zweite: Absprachen waren verboten.

Zu Problem Nummer 2 gab es nun wirklich nur eine Lösung: Gemeinschaftlicher Meineid.

Problem Nummer 1 hätte sich relativ leicht lösen lassen, indem Paget sich einfach mit einer anderen Frau im Bett hätte erwischen lassen. Da spielten nun aber weder Paget noch Charlotte mit.

Also wurden die vier kreativ. Paget mietete sich unter einem schlecht angenommenen Decknamen mit einer Begleiterin in einem Hotel ein. Die Begleiterin war dicht verschleiert, nahm ihre Mahlzeiten im Zimmer ein, und zeigte ihr Gesicht nie vor dem Personal.

Caroline entwickelte plötzlich ob der Abwesenheit ihres Mannes und wissend um seine kürzliche Affäre mit Charlotte den „Verdacht“, ihr Mann hätte erneut eine Geliebte, und beauftragte einen Detektiv, ihm nachzustellen.

Dieser wurde wie gewünscht fündig, konnte nur leider ebenfalls die Frau nicht identifizieren. Eine Frau war es aber jedenfalls, und sie war in Pagets Bett gewesen, und die beiden mit Begeisterung bei der Sache – und so hatte Caroline die Handhabe, die sie brauchte, um ihre Scheidung einzureichen.

Lord und Lady Paget wurden geschieden.

Henry Paget heiratete Charlotte, womit Lord Paget nun eine neue Lady Paget hatte.

Der Herzog Argyll heiratete Caroline und machte sie zur Herzogin (was auch Carolines Familie mit der ganzen Angelegenheit versöhnte).

Die vier fuhren zusammen in die Flitterwochen.

Henry Wellesley biss sich vermutlich in den Allerwertesten.


Die englische – und auch die schottische – Gesellschaft war entrüstet und erzürnt. Das Quartett Paget/Argyll kümmerte sich nicht drum. 1811 schreibt Caroline an Pagets Bruder, „anything that I had thought happiness in the former part of my life was not for a moment to be compared to the superlative degree of bliss which I am now enjoying“ („alles, was ich in meinem Leben früher für Glück gehalten habe, war  nicht im geringsten Vergleichbar mit der überragenden Freude, die ich jetzt genießen darf.“)

Henry und Charlotte Paget machten weiter, wie sie schon mal angefangen hatten, und zeugten im Lauf der nächsten Jahre neun weitere Kinder.

Die Ehe der Argylls blieb kinderlos, zumindest, was gemeinsame Kinder betraf. Es waren ja nun aber wirklich genug Kinder da – Carolines acht, Charlottes vier plus zehn… Die Kinder lebten abwechselnd bei den beiden Familien, nannten Caroline „Mama Argyll“ und Charlotte „Mama Paget“.


1815 stand man vor einem hochkomplizierten Problem. Napoleon war wieder da, und man war gerade dabei, den großen Showdown vorzubereiten. Oberbefehlshaber sollte sein – klar – Arthur Wellesley, inzwischen Herzog Wellington. Aber sein Stellvertreter, der zweite in der Rangfolge? Es kamen nicht so viele in Frage.

In der festen Annahme, damit einen Wutausbruch auf Seiten Wellingtons zu provozieren, schrieb man ihm also einen sehr höflichen Entschuldigungsbrief. Es täte allem Leid aber es ginge nicht anders – der Stellvertreter müsse Lord Uxbridge sein – Henry Pagets Vater war nämlich inzwischen verstorben, und er hatte den Titel geerbt. Man wisse ja, der sei mit Wellingtons Schwägerin durchgebrannt, aber es müsse halt nun mal doch sein…

Wellington, wie immer praktisch denkend und absolut nicht mit einem Sinn für Etikette oder gesellschaftliche Normen geschlagen, schrieb zurück: „Ich verspreche, nicht mit ihm durchzubrennen.“

Ergänzung: Warum sagt denn keiner, dass ich die Quelle nicht mit einkopiert habe?

George Charles Henry Victor Paget: One Leg: The Life and Letters of Henry William Paget, First Marquess of Anglesey, K.G. 1768-1854,  Jonathan Cape Ltd, 1961 (S. 89-112)

Weihnachtsgeschenke

Dass es Weihnachten Geschenke gibt ist normal, üblich, war schon immer so und ist auch überall so… Wie jeder weiß.

…oder?

…oder vielleicht doch nicht?

Genau. Eben doch nicht.

Eigentlich ist die Sache mit den Weihnachtsgeschenken gar nicht so uninteressant.

Werfen wir mal einen Blick auf Weihnachten. Bevor ein allzu großer Anteil der Bevölkerung vergessen hat, was da überhaupt gefeiert wird, war Weihnachten mal die Feier von Jesu Geburt. Jawohl, in unserer Gegend verschmolzen in Termin und Brauchtum mit den heidnischen Julfest.

Was heißt „in unserer Gegend“?

Sagen wir’s mal so: England ist nicht sooo weit weg, aber der Weihnachtsbaum hielt dort erst im 19. Jahrhundert Einzug, sozusagen als „Import“ über Prinz Albert, der seinen deutschen Weihnachtsbaum mit in die neue Heimat brachte. Also nicht durch abhacken und einpacken, sondern durch Fortführung der Tradition im Königshaus. Und weil alle wollen, was die Queen hat, hat man nun heute in England auch Weihnachtsbäume. Und das natürlich schon immer.

Also, Weihnachten, Jesu Geburt… Geschenke? Ja, die gibt es zum Geburtstag, aber wenn man nicht gerade bei Pippi Langstrumpf ist, bekommt die doch das Geburtstagskind, und nicht die Gäste… warum beschenken wir uns zu Weihnachten?

Es war einmal vor langer Zeit, da gab es zu Weihnachten keine Geschenke. Das winterliche Geschenkefest war der 6. Dezember – St. Nikolaus. Dort ergeben sich die Geschenke tatsächlich aus der Nikolauslegende.
Dann kam Martin Luther, der kurzerhand die Heiligenverehrung abschaffte. Kein heiliger Nikolaus, kein Nikolausfest, keine Geschenke…. Nein, das kann man schwer durchsetzen. So wurde das Geschenkegeben im Protestantismus auf das Weihnachtsfest verlegt, der Geber war nun der „heilige Christ“. Daraus entstand das Christkind. Die Katholiken schenkten erst mal weiter am 6. Dezember.

Der Weihnachtsmann, der keineswegs, wie oft behauptet wird, identisch mit St. Nikolaus ist, entstand in seiner heutigen Form soweit durch Quellen belegbar erst im 19. Jahrhundert und ist eine Verschmelzung unterschiedlicher Gestalten, darunter eben auch St. Nikolaus. Allgemein setzte sich der Weihnachtsmann eher im Norden und Osten, das Christkind eher im Süden und Westen Deutschlands durch.

Das Weihnachtsfest wurde ab ca. 1800 auch immer größer und wichtiger gefeiert, und so verschob sich dann auch bei den Katholiken der Fokus – und das Geschenkegeben. Der nächste Katholik, der sich über Mischung der Konfessionen oder ökumenische Gottesdienste beschwert, könnte darüber mal nachdenken.

Wie ist das nun aber anderswo? Nach der Logik, dass das Geschenkegeben an Weihnachten auf Luther zurückgeht, müsste sich ja ergeben, dass in Gegenden, die von der Reformation weniger geprägt sind, die Geschenke auch an anderen Terminen übergeben werden.

Ganz so einfach ist es nicht – in den einst großteils protestantischen Niederlanden etwa ist der Nikolaustag noch größer als Weihnachten.
In Spanien und Italien gibt es die Geschenke traditionell auch nicht an Weihnachten – sondern an einem ganz anderen Termin, der jedoch immerhin irgendwie mit Geschenken in Verbindung steht: Dreikönig. Allerdings verschiebt sich dort aktuell der Geschenketermin auch zunehmend auf die Weihnachtstage – aus rein praktischen Gründen: Es ist einfach praktischer, den eigenen (Schul‑)Kindern ihre Geschenke zu BEGINN, und nicht am ENDE der Weihnachtsferien zu übergeben.

Und warum schenken wir uns nun überhaupt etwas, mitten in Winter?

Das älteste überlieferte Geschenkefest in Europa ist der Neujahrstag. Geschenkegabe zum Beginn des neuen Jahres lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Teilweise hielt sich dieser Brauch, je nach Region mehr oder weniger ausgeprägt.

Mein Mann und ich werden  zwar den heutigen Abend mit meiner Familie verbringen, und auch Geschenke mitbringen und bekommen, unser persönlicher gegenseitiger Geschenketag wird aber Neujahr sein. So, wie es unsere Figuren aus dem Re-enactment auch gehalten hätten/haben.

Newstead Abbey, Nottingham, Juni 2016

Normalerweise stehe ich ja nicht so sehr auf Dichtung (was häufig überrascht, da mit gereimte Texte sehr schnell im Gedächtnis bleiben. Einzig – nur weil ich es kann, heißt es noch lange nicht, dass ich es aus Spaß mache. Gedichte bleiben mit im Kopf, ohne dass ich dazu wirklich selbst einen großen Beitrag leiste. Das ist so ein bisschen wie Atmen. Das passiert halt.

Normalerweise stehe ich nicht auf Dichtung, oder Dichter, aber es gibt die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Diese heißt George Gordon, starb 1824 im griechischen Freiheitskrieg und ist allgemein besser bekannt als Lord Byron.

Lord Byron war befreundet mit Mary, damals noch Godwin, und Percy Shelley, und als er dank seiner übermäßigen Schulden im April 1816 sozusagen aus England hinausflog, fand er sich nur wenige Monate später mit den beiden, seinem Leibarzt und Marys Stiefschwester am Genfer See wieder. Dort ging es wohl recht hoch her, und es kam dann eben im Juni der Tag, an dem sie sich keine Spukgeschichten mehr vorlesen, sondern ihre eigenen schreiben wollten. Zwei davon sind erhalten: Byrons Fragment of a Novel, später von Polidori als The Vampyre überarbeitet in eigenem Namen veröffentlicht, und Marys Anfänge zu The Modern Prometheus – die Geschichte, die wir heute als Frankenstein kennen.

Nun jährte sich dieser Schreibeabend zum 200. Mal, und die Gelegenheit wurde genutzt um eine Themenkonferenz zu organisieren – wo besser als in Newstead Abbey, dem Heim der Familie Gordon seit dem 16. Jahrhundert – bis Byron das Anwesen 1818 verkaufte, um seine Finanzen aufzubessern.

Und auf diese Veranstaltung wollte ich eigentlich. Etwas überrascht stellte ich aber fest, dass die recht begehrt war, und ich bereits nur noch auf die Warteliste gesetzt werden konnte. Nachdem ich über längere Zeit nichts hörte, hatte ich schon kaum mehr daran gedacht. Schließlich, in wirklich allerletzter Minute, wenn man die Anreisestrecke bedenkt, kam ein Anruf. Ich könnte zwei Plätze haben, wenn ich sie noch wollte. Der Mann klärte kurz ab, ob er so kurzfristig freinehmen dürfte – er durfte in der Tat –, ich bestätigte die Tickets, wir buchten den Flug.

Unterkunft stellte sich als kompliziert heraus, es war so kurzfristig nichts zu bekommen, das für uns passte. Natürlich, „irgendwo schnell“ unterkommen könnte man immer mal, aber das mache ich sehr ungerne. Unser Rückflug, ebenfalls suboptimal, ging von London aus. Die Zeit war einfach zu knapp, um unsere Wunschflüge zu buchen, wir mussten nehmen, was es noch gab. Wir hatten also am nächsten Morgen nochmal eine ziemlich lange Strecke zu fahren. Die Entscheidung fiel schließlich dahingehend, bei einer Bekannten in Manchester zu schlafen – oder eher darauf zu warten, dass die Nacht rum ist – und dann frühmorgens aufzubrechen. Auch suboptimal, aber gut… Sie hatte es angeboten, als ich sie nach einer Hotelempfehlung fragte, obwohl es unwahrscheinlich war, dass wir uns morgens aus der Wohnung schleichen konnten, ohne sie zu wecken. „Suboptimal“ war also irgendwie der rote Faden, der sich durch diese Reise zog.

Entsprechend trat ich sie schon in der Erwartung an, dass alles nicht so recht passen würde. Zu einer stressigeren Zeit hätte ich die Fahrt wohl lieber bleiben lassen, so war ich relativ sicher, dass es gehen würde, v.a. weil ich danach zwei Wochen Ruhe ohne Termine hatte.

Am Abend vor dem Abflug – ich war bereits in Bayern, weil unser Flug von München aus ging – erreichte mich dann noch eine E-Mail. „Ich möchte die geladenen Gäste bitten, den formellen Dresscode zu respektieren.“ Sag mal, Herr Organisator, geht’s noch? Das sagst du mir 24 Stunden vor Veranstaltungsbeginn? Sorry, geht nicht weil is‘ nicht. Es ging also eine E-Mail zurück, dass ich in dem Fall bitte wieder ausgeladen werden möchte, keinesfalls würde ich in „formellem Dresscode“ entsprechender Kleidung einen Flug und zwei Zugfahrten machen, um dann mit ca. 20 Minuten Luft vor der Veranstaltung anzukommen. „Ordentlich aber praktisch“ könnte ich ihm anbieten, und ich könnte ihm bereits jetzt versprechen, dass unser Schuhwerk reisetauglich sein würde, aber keinesfalls irgendeinem Dresscode entspräche. Er schrieb zurück, das sei doch natürlich eine Ausnahmesituation bei der darüber hinweggesehen würde. Nun gut, Eindruck hatte er jedenfalls schon hinterlassen. Ich vermutlich auch.

Bei uns ging es also sehr früh nach München. Da ich längere Überland- bzw. Autobahnfahrten als durchaus entspannend empfinde, durfte der Mann auch noch etwas Schlaf aufholen. Der hatte ja am Vortag noch arbeiten müssen und war erst mitten in der Nacht aus Belgien gekommen.

Der Flug ging problemlos, der Kaffee im Flieger fiel nicht negativ auf (damit hat der Flug dann schon mal einen Punkt gut bei mir). In Manchester hatten wir etwa eine dreiviertel Stunde Leerlauf, bevor unser Zug ging. Das reichte zwar nicht, um wirklich etwas anzuschauen aber es war genug, um mal eine Runde frische Luft zu schnappen und ein bisschen zu laufen. Wir sind ja an sich sehr gerne zu Fuß unterwegs und brauchen das auch irgendwie.

Ich hasse Züge eigentlich und finde Zugfahren schrecklich desorientierend. Etwas besser wird es, wenn ich den Laptop mitnehmen und unterwegs ein bisschen arbeiten kann, was natürlich sehr vom Zug und dem Füllgrad abhängt. Es war relativ früh am Tag, da ging es. Von der Strecke nach Sheffield habe ich so natürlich nichts mitbekommen, für mich aber besser so.

In Sheffield hieß es dann Umsteigen mit Wartezeit, dort suchten wir uns dann erst mal ein Subway. Davon gibt es in Sheffield erfreulich viele. Subway ist für mich ein praktisches mal-schnell-was-essen unterwegs. Egal, wo ich bin, ich kann mir mein Sub immer so bestellen, wie ich es will, und es schmeckt immer ausreichend gleich.

Die Zugverbindung von Sheffield nach Nottingham heißt, mit gutem Grund natürlich, „Robin Hood Line“. Das macht es immerhin einfacher, nicht aus Versehen in den falschen Zug zu steigen.

Offiziell fährt man, um nach Newstead Abbey zu kommen, bis Nottingham durch und steigt dort in den Bus, der einen dann wieder entlang der gleichen Strecke ein Stück zurückfährt. Wir stiegen allerdings einfach bei Newstead Village aus und liefen den Rest. Länger brauchten wir dafür auch nicht. Die Strecke ist mit 20 Minuten Fußweg ausgeschildert. Das ist großzügig bemessen. Wir brauchten etwas mehr als 10, also wäre bei einer „normalen“ Gehgeschwindigkeit wohl ca. 15 min. zu erwarten.

Newstead Abbey heißt deswegen Abbey (=Abtei), weil das Gebäude ursprünglich als Kloster errichtet wurde und einem Augustinischen Orden diente. Unter Henry VIII wurden jedoch ab 1536 die katholischen Klöster aufgelöst und enteignet. Einige Klosterkirchen blieben als normale Pfarrkirchen in Verwendung, viele wurden einfach abgebrannt und zerstört, sind teils bis heute als Ruinen erhalten. Wieder andere wurden einer weltlichen Verwendung zugeführt, wie eben auch Newstead Abbey, das 1540 von John Byron erworben wurde und bis 1818 im Besitz der Familie blieb. Dazu gehören sehr umfangreiche Ländereien, Parks, Gärten und Nebenanlagen. Wenn man genug Zeit hätte, könnte man sich das auch größtenteils anschauen.

Uns blieben etwa 30 Minuten zur Verfügung, die wir in einer ruhigen Gartenecke zubrachten.

Unsere Veranstaltung begann dann mit einer kleinen Führung. Newstead Abbey wurde mehrfach umgebaut, vor allem nach Byrons Verkauf auch recht umfassend. Zwischenrein gab es mal einen Brand, die Restauration danach ist nicht unbedingt das, was ich mir unter denkmalschützerisch wertvoll vorstelle. Das Gebäude ist sehr viktorianisch – was auch recht hübsch ist, aber eben nach Byrons Zeit liegt. Es gibt, sah ich, Ausstellungsbereiche, die sich der Zeit als Abtei sowie den späteren Zeiten widmen. Wir wurden nur durch die Byronausstellung geführt. Diese ist… nun ja, nett. Es finden sich Möbelstücke, Briefe, Portraits des Dichters, aber es ist eben nur eine Sammlung.

Und da merke ich dann schon, dass es eben „nur“ Lord Byron ist. Das Ganze ist wirklich nett, reißt mich aber nicht vom Hocker. Auch ein Lord Byron wird bei mir eben immer nur die zweite Geige spielen, hinter jenem Mann, den er selbst in einem Gedicht mit dem Titel „The Best of Cutthroats“ (Der beste Halsabschneider) bedachte (der übrigens tatsächlich in der Lage gewesen wäre, die erste Geige zu spielen), und den Byron, so seine Aussage zu mehreren Gelegenheiten, gerne hätte hängen sehen. Na, die Antipathie zumindest ging in beide Richtungen, Wellington regte dringend an, Byron zu erschießen. Wellington musste heute aber zu Hause bleiben, es geht ja um Byron.

Was ich gerne gesehen hätte, wären z.B. Räume gewesen, die eingerichtet sind, wie sie es zu der Zeit waren, in der Byron dort lebte. Oder wenigstens soweit das im Rahmen der Umbauten möglich ist. Dass man sich etwa in nachgemachter Kleidung, wie sie auf Byrons Portraits zu sehen ist, photographieren lassen kann, ist für mich auch eher eine Spielerei, die ich nicht unbedingt haben muss.

Okay… mal gerade sichergehen: Objektiv gesehen ist die Ausstellung gut. Subjektiv war sie nicht das, was ich sehen wollte.

Es folgten die Vorträge, also der eigentliche Hauptteil der Veranstaltung. Wir hatten glücklicherweise einen Randplatz. Während ich allgemein nicht gut damit zurechtkomme, Köpfe im Blickfeld zu haben, ließ sich das mit Augen zumachen gut handhaben – ich musste schließlich nicht sehen, was der Redner da vorne macht, und so auf halber Strecke zwischen dem Restpublikum sollte es ihm auch nicht negativ auffallen. Es gab mehrere Beiträge unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Qualität. Der Großteil bezog sich natürlich auf Byron und die Shelleys, eine befasste sich mit Adaptionen von Frankenstein und, dank der Verbindung über Fragment of a Novel kamen wir auch noch in den Genuss eines kleinen Vortrags über den Vampir im allgemeinen und den britischen Vampyre im speziellen. Vampire mag ich ja, wie gesagt.

Zusammen mit einer kleinen Diskussionsrunde dauerte das ganze deutlich länger als geplant, und vor dem nachfolgenden gemeinsamen Abendessen verabschiedeten wir uns mit Hinweis darauf, dass wir einen Zug erwischen mussten. Wenn die Bekannte aus Manchester uns schon bei sich schlafen ließ, wollten wir wenigstens pünktlich sein, und nicht mit knapp zwei Stunden Verspätung aufschlagen.

Auf der Rückfahrt wurde das Umsteigen in Sheffield recht knapp, klappte aber. Gerade hatten wir uns in dem Zug nach Manchester auf freie Plätze gesetzt und mal eben E-Mails abgerufen, als eine Nachricht einer Freundin auf Facebook auftauchte. Ich schrieb zurück, sie entschuldigte sich schon mal im Voraus, sie sei im Zug und wüsste nicht, wie lange ihre Verbindung halten würde. Kurzes Grinsen. Wir auch. Aber bestimmt nicht im gleichen Zug, oder? Sie: In welchem sitzt ihr denn? Ich: Sheffield-Manchester. Sie: Nee, aber wenn ihr in Manchester aussteigt und ein bisschen wartet, könnt ihr bei mir einsteigen.

Kurzes allseitiges Koordinieren, dann stand fest: Wir tun unserer Bekannten und uns selbst diese Übernachtung nicht an – was wohl allen Beteiligten so nur Recht war – fahren stattdessen direkt nach London, schlafen dort bei der Freundin und werden am nächsten Tag von deren Mann zum Flughafen gefahren. Tja, auf die Idee hätte man echt vorher auch kommen können. Hier ist es dann von Vorteil, dass ich auf Reisen generell etwas weniger auf einen vorgeplanten Ablauf festgelegt bin und 1-2 Tage mit plötzlichen Umplanungen ohne größere Katastrophen zurecht komme.
Die Londoner Freundin ist ebenfalls Autistin, auch mit einem NT verheiratet, wir machen auch öfter mal was im Viererpack und verbringen auch schon mal ein Wochenende dort – oder sie bei uns. Nebenbei teilen wir uns ein Spezialgebiet, und die beiden Herren können sich in der Küche vergnügen (beide sind tolle Köche), während wir neue Erkenntnisse austauschen. Wäre das ganze jetzt geplant gewesen, hätte jede von uns noch ein Buch zum Thema dabei gehabt, das dann die Besitzerin wechseln würde, das muss dann dieses Mal leider ausfallen.

Damit endete der Tag dann doch noch entspannter, als zuvor für möglich gehalten, mit einer Flasche gutem Whiskey und Brettspielen, und ich konnte mir am Folgetag die öffentlichen Verkehrsmittel zum Flughafen sparen.

Grundsätzlich – ich würd’s wieder machen, aber nur mit mehr Vorlaufzeit und mehr Gelegenheit zur Organisation.

 

 

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus  auf Projekt Gutenberg
Frankenstein; Or, The Modern Prometheus by Mary Wollstonecraft Shelley auf Project Gutenberg

Lord Byron: Ein Fragment auf Projekt Gutenberg
Fragment of a Novel by Lord Byron auf sff.net

John William Polidori: Der Vampyr auf vampyrbibliothek.de
The Vampyre, by John William Polidori
auf Project Gutenberg