Wir sind keine Muggel

Man sagt uns ja gerne mal fehlende Fantasie nach… Darüber kann man sich in meiner Familie nicht beklagen. Wir waren schon immer gut drin, „in“ Büchern und Filmen zu „leben“, und praktizieren das mit Hingabe – und zwar die NTs und die Autisten gleichermaßen.

Die sogenannte „vierte Wand“?  Ist bei uns vornehmlich dazu da, durchbrochen zu werden. Einen Roman zu lesen, einen Film zu schauen, ohne irgendwie mit dem Inhalt zu „interagieren“… dafür fehlt uns irgendwie häufig der Ernst.

 

Irgendwie musste ich heute dran denken, wie der letzte Harry-Potter-Film im Kino lief. Das war, glaube ich, das letzte Mal, dass ich ein Kino betreten habe. Wir hatten Tickets für die ganze Familie. Vorpremiere.

Wir traten familienintern zu sechst an: Meine Mutter, drei erwachsene Töchter und zwei Söhne im Teenageralter; dann noch dazu noch etliche Freunde und Bekannte. Alles in Allem hatten wir zwei komplette Reihen gebucht.

Am Vorabend liefen ich weiß nicht mehr wie viele Filme am Stück, und direkt nach Mitternacht der letzte Teil. Bei Teil 7/1, dem letzten vor Mitternacht, habe ich dann schon nicht mehr wahnsinnig viel vom Film mitbekommen… außer, dass der Film-Scabior optisch voll in mein Beuteschema passte. Ich hangelte mich also von einer Szene zur nächsten, ließ den Rest so auf mich einrieseln… und meinte im Abspann zu den neben mir Sitzenden in etwa, es würde mir jetzt reichen, wenn ich Film-Scabior aus der Leinwand ziehen könnte, den letzten Teil müsste ich anderweitig gar nicht anschauen.

Kommentar meiner Mutter: „Das willst du nicht, der ist doch dumm wie zehn Meter Feldweg.“

Ich: „Also, ich wollte mich eigentlich nicht mit ihm unterhalten…“

Staubtrockener Kommentar einer Freundin in todernstem Tonfall: „Johanna, du sollst keine Todesser aus dem Film ziehen. Das ist erstens gefährlich fürs Publikum und stört zweitens massiv die Handlung.“

Dem schlagenden Argument konnte ich mich dann nicht verwehren. Scabior blieb im Film 😉

 

Zwei Tage später, Essen bei meinen Eltern. Mein Bruder kommt kopfschüttelnd zu mir.

„Du hast dich doch im Kino fürs Popcorn on Slytherin-Schalter angestellt. Das geht nicht. Muggelgeborene können nicht in Slytherin sein.“

Ich überlege gerade noch, was ich darauf sage, da kommt meine Mutter um die Ecke, nimmt meinen Bruder an der Schulter und drückt ihn auf einen Stuhl, stellt sich vor ihn und sagt, im Ton einer unendlich wichtigen Ankündigung: „Kind… ich muss dir was sagen.“

Totenstille im Raum.

Meine Mutter holt einmal tief Luft, dann: “ Eigentlich solltest du das nicht SO erfahren… Wir sind keine Muggel: Du bist ein Squib.“

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Wenn’s regnet, dann volle Suppe…

Alle Uhrzeiten gerundet.

 

Mittwochabend, 18:00 Uhr: Mein Router gibt den Geist auf.

 

Mittwochabend, 18:25 Uhr: 5 Minuten vor Ladenschluss stehe ich im T-Punkt. Die Strecke dauerte etwas länger, Baustellen.

Mein Zustand: Genervt.

Verkäuferin: Nervig.

„Sind Sie sicher, dass er kaputt ist?“ – „Ja.“

„Was leuchtet denn?“ – „Nichts.“

„Auch keine POWER-Lampe?“ – „Nein.“

„Dann ist der Router kaputt.“ – Augenrollend: „Danke, sehr freundlich, zu der Diagnose bin ich auch schon gekommen.“

„Ist das ein Leihgerät oder ein gekauftes?“ – „Gekauft.“

„Haben Sie die Quittung noch?“ – „Das Ding ist acht Jahre alt: Nein.“

„Sind Sie sicher, dass nichts geht?“ – „Ja.“

„Haben Sie bestimmt auf die POWER-Lampe geschaut?“ – „JA.“

„Das ist echt komisch, sind Sie sicher?“

Ich: Stelle den Router und das Netzteil, beides wohlweislich eingesteckt, etwas schwungvoller auf den Tresen als streng genommen notwendig.  – „Probieren Sie’s aus.“

„Nein, nein, nein, ich glaub’s Ihnen schon!“ – „Fein, ich hätte jetzt gerne eine neuen Router…“

„Wenn Sie keine Quittung mehr haben, gibt’s den aber nicht auf Garantie…“

Ach. DAS hat sie sich gemerkt… „ACHT JAHRE ALT. Nix Garantie. Neuen Router. Bitte heute noch.“

Sie macht immer noch keine Anstalten, einen zu holen.

„Haben Sie Ihre Zugangsdaten?“ – „Werd‘ ich schon.“ Null Bock, ihr jetzt auseinanderzusetzen, dass ich hier für das „Privileg“ zahle, meine Zugangsdaten nicht zu BRAUCHEN (davon abgesehen hätte ich sie natürlich).

„Weil ohne Zugangsdaten können Sie ihn nicht einrichten.“ – In möglicherweise nicht mehr ganz angemessenem Tonfall und mit dem Gedanken daran, dass ich GARANTIERT in meinem Leben mehr Netzwerke und Router eingerichtet habe als sie: „Wenn Sie heute noch Feierabend machen wollen, würde ich an Ihrer Stelle jetzt endlich einen Router verkaufen und den Rest mein Problem sein lassen…“

 

19:20 Uhr: Ich bin auf dem Rückweg. Frage mich trotz des eigenen Geschlechts, wie zum Kuckuck man eine Frau im Telekommunikationsladen arbeiten lassen kann.

Naja, es sagte ja schon Michael Mittermeier: Es kommt nicht auf die Anzahl der Bremser an, sondern auf ihre QUALITÄT. Und mal im Ernst: Warum komme ich immer an die größten Bremser, wenn ich gerade eigentlich gar keine Zeit habe?

 

19:55 Uhr: Ich bin zu Hause. Stecke den neuen Router an. Geht nicht.

 

20:05 Uhr: Erster Anruf beim Telekommunikationsunternehmen mit dem rosa T.

Hotlinemitarbeiterin schaltet Diagnose, meint, sie schickt mir einen Techniker, da sei was mit der Leitung. Wird aber Samstag. Also, genau genommen KANN sie mich für DO/FR bei einem Techniker einbuchen, aber die stünden schon alle auf „gelb“, und es würde ein Risiko bestehen, dass der Termin storniert würde. Dann käme er vielleicht auch erst Montag. Samstag könnte sie mich fest und garantiert einbuchen, einschließlich Uhrzeit 13 Uhr.

Okay, Handytethering ist ja zum Glück durchführbar, und mein Datenvolumen auch ganz OK… machen wir Samstag.

Muss der Techniker ins Büro? – Nein, sagt sie, bestimmt nicht, nur an den Hausanschluss.

Naja, ich stelle mich mal vorsichtshalber trotzdem drauf ein.

 

Donnertag Vormittag:

Anruf von der Telekom, „Umfrage“, ob ich mit der Problemlösung zufrieden sei da ich ja gestern die Hotline kontaktiert hätte.

Naja, das Problem ist ja nicht gelöst, und ich finde es nicht sooo lustig, bis Samstag zu warten, aber gut…könnte schlimmer sein. Brauche den Anschluss halt, und Handytethering läuft zwar, aber mein Datenvolumen schmilzt weg…

Ob ich kurz in der Warteschleife bleiben könne.

Klar. Kann ich.

Der Herr taucht nach einigen Minuten wieder in der Leitung auf. Ob es für mich OK wäre, wenn sie mir einfach bis Samstag den Speed- und Daten-Cap vom Handy nehmen.

Das heißt: Ich surfe drei Tage lang kostenlos mit höchster Geschwindigkeit übers Handy, bzw. am Computer, indem ich das Handy als Modem verwende.

Damit kann ich in der Tat gut leben.

 

Donnerstag/Freitag:

Ich finde raus, dass auch LTE nicht reicht, um Dateien im Bereich von 50 MB ohne Abrisse zu übertragen. Ein Hoch auf den Anwohnerhotspot, den wir hier haben. Dazu muss ich zwar ans andere Ende vom Haus, und ich finde es auch nicht so toll, Arbeitsdateien über ein relativ öffentliches Netzwerk zu verschicken, aber es geht…

 

Samstag,

12:55 Uhr: Techniker ruft an, ob er in 5 Minuten kommen kann.

13:00 Uhr: Techniker steht, schlag ein Uhr (Kirchturmuhr gegenüber, und ich war recht amüsiert ob der Pünktlichkeit) auf der Matte.

Oh nein, es müsste doch natürlich schon ins Büro… die Aussage war falsch.

Ich hasse fremde Menschen in meinem Büro, aber FEIN, machen wir mal. Ein Glück, dass ich es schon erwartet hatte.

Diagnose Punkt 1: der neue Router ist im A*** – DOA nennt man das, Dead on Arrival. Er führt seine Setup-Funktion nicht aus.

Diagnose Punkt 2: die Leitung geht trotzdem nicht.

Techniker geht nach etwas rumprobieren, Mosern über meine TAE-Dose (die seiner Ansicht nach an einem anderen Ort angebracht werden sollte…) allgemeinem Fluchen, Schimpfen und Motzen darüber, dass er eigentlich Feierabend will und Morgens schon so einen komplizierten Auftrag hatte… immerhin konnte ich zwischenrein die größeren Ergüsse zum Thema was alles warum eventuell nicht funktionieren könnte, mit dem Kommentar abgewürgt, er solle mir keine Märchen erzählen, ich war selbst 10 Jahre Techniker, bei mir herrschen entweder klare Aussagen oder Arbeiten in Stille.

Hach ja, hätte er mich gesiezt, hätte ich mich zusammengerissen, aber wer ungefragt sofort zum „Du“ übergeht, muss damit leben, auch angesprochen zu werden, als sei er ein Bekannter.

Er fuhr (Siehe Eintrag zum Thema Mamagei), um im Verteilerzentrum den Anschluss zurückzusetzen und bei Bedarf umzustecken.

 

15:10 Uhr:

Er ruft an, teilt mit, dass er fertig ist, geprüft hat, alles läuft, ich könne den Router tauschen gehen.

 

15:45 Uhr:

Ich stehe wieder kurz vor Ladenschluss im T-Punkt und erkläre meinen Umtauschwunsch. Dem wird auch zügig stattgegeben.

 

16:15 Uhr:

Der neue Router ist angesteckt, hochgefahren, läuft.

 

16:30 Uhr:

Der neue Router läuft nicht mehr.

 

16:31 Uhr:

Anruf bei der Hotline.

 

16:45 Uhr:

Rückruf von der Hotline. Könnte länger dauern.

Hallo, hier, Arbeit usw.?!

„Sie können Montag früh in den T-Punkt gehen und sich zum überbrücken kostenlos einen Surfstick holen.“

Oh, okay.

 

17:00 Uhr:

SMS: Behebung des Problems noch nicht abgeschlossen, wir machen Montag weiter und melden uns.

 

Montag, 9:00 Uhr:

Ich stehe beim T-Punkt auf der Matte und wünsche einen Surfstick.

„Haben wir leider nicht auf Lager. Aber wenn Sie ein übriges Gerät haben, können Sie eine Datenkarte haben.“

Okay. Opfere ich halt mein Privathandy dafür.

 

9:45 Uhr:

Ich warte darauf, dass die Datenkarte aktiviert wird.

Plötzlich springt mein Router auf „online“.

Ich stecke alles ein, lade meine E-Mail herunter, hoch, etc.

 

9:55 Uhr:

Hotline ruft mich an.

Info: Achtung, es wird nur 15 Minuten gehen, also jetzt noch 5 Minuten. Problem ist Folgendes: Der Router ruft die Daten ab, aber offenbar nicht korrekt, beim Abgleich wird dann eine Abweichung festgestellt, und die Verbindung getrennt.

Vermutlich war der Herr am Samstag zu schnell und hat irgendwo einen Haken falsch gesetzt oder so… Am einfachsten wäre es, ich würde von mir aus den Router mit dem Kundenzentrum synchronisieren.

Versuch schlägt fehl, weil Fehlermeldung, mit der keiner von uns gerade was anfangen kann.

Die EasyLogin-Funktion abzustellen… würde helfen, nur finden wie die Funktion auch nicht.

Der Herr muss noch dringend einen anderen Kunden zurückrufen der ständig anklopft. Wir einigen uns drauf, er meldet sich in einer Stunde nochmal. Es ist inzwischen ca. 10:45 Uhr.

 

Da sitze ich also… und denke.

Und ich war ja wirklich 10 Jahre selbst Techniker.

Nach zehn Minuten wird es mir zu blöd. Im schlimmsten Fall mache ich jetzt den Router kaputt und die 160 Euro dafür sind weg, aber das ist mir gerade egal.

Ich schalte mich also in meinen Router, und editiere die hinterlegten Daten… von Hand. Im Editor.

Starte den Router neu.

Siehe da – es geht.

 

11:15 Uhr:

15 Minuten sind rum. Es geht immer noch.

 

11:30 Uhr:

Es geht

 

11:45 Uhr:

Es geht

 

12:00 Uhr:

Es geht. Wir gehen essen.

 

12:08 Uhr:

Rückruf von Hotline. Ich bin grad im Auto, kann nicht rangehen.

Auf der Mailbox finde ich eine komplett perplexe Nachricht vor. Er hätte ja nur die Mailbox erreicht, aber es wohl auch nicht mehr notwendig, denn er sähe, die Verbindung sei jetzt da und stabil, er hätte absolut keine Ahnung, was ich gemacht habe, aber irgendwas MUSS ich ja gemacht haben, und er würde im Lauf des Nachmittags nochmal anrufen, wenn er irgendwann Zeit hat… Sollte es nochmal Probleme geben, bitte ihn direkt unter folgender Nummer kontaktieren, und falls er bis morgen früh nichts gehört hat, schließt er die Störung als behoben ab.

 

13:30 Uhr:

Mein Internet läuft immer noch.

(Und außerdem habe ich noch 5 GB kostenloses Datenvolumen fürs Handy extra, weil die Datenkarte inzwischen freigeschaltet ist, und die nette Dame im T-Punkt heute Morgen, die die Ehre der weiblichen Telekommunikationsmitarbeiter gut gerettet hat, meinte, ich solle das Volumen ruhig aufbrauchen, auch wenn die Störung weg ist.)

Man sagt Tschüß!

Wir haben seit Mittwoch nur sehr eingeschränkt Internet. Störung. Nicht beschweren kann ich mich über unseren Telekommunikationsdienstleister, denn der gibt sich größte Mühe, dafür zu sorgen, dass wir dadurch keine Einschränkungen haben und stellt alternative Zugangsmöglichkeiten zur Verfügung.

Nun hatten wir heute den Techniker im Haus. (Danach ging es ca. 30 min… Nun singen wir wieder das Loblied aufs Handytethering.)

Über Jahre habe ich versucht, dem Mamagei klarzumachen, dass man  „Tschüß“ sagt, wenn jemand das Haus verlässt. Sie hat es mir nie so recht geglaubt.

Vor einigen Wochen war es dann erstmalig soweit. Der Kaminkehrer war da. Als er ging, rief ihm der Mamagei ganz artig ein „Tschüß!“ hinterher. Er kehrte um und verabschiedete sich von ihr.

Am Dienstag lieferte der Antiquitätenhändler unseres Vertrauens die neuen Einkäufe. Neue alte Bücherregale. Als er ging, sagte der Mamagei brav „Tschüß!“ Er und sein Hilfsträger drehten um und verabschiedeten sich vom Mamagei.

Als nun heute der Techniker ging, sagte der Mamagei – genau – lieb und ordentlich „Tschüß“. Der Techniker reagierte nicht sondern ging weiter die Treppe hinunter.

Und der Mamagei rief ihm laut und deutlich hinterher: „Man sagt TSCHÜSS wenn jemand geht!“

 

Okay… Offenbar hat Geierchen auch verstanden, was man sagt, wenn jemand den Gruß verweigert…

 

Ein Mensch fährt von Konstanz nach Ludwigshafen. Dort angekommen merkt er, dass er seine Haustürschlüssel in Konstanz vergessen hat. Er ruft also seine Bekannten dort an und bittet sie, seine Schlüssel in den Rhein zu werfen. In Ludwigshafen schöpft er eine Tasse Wasser aus dem Rhein und schüttet diese in sein Haustürschloss, um seine Tür zu öffnen.

Wie nennt man das schnell wieder?

Es mangelt mir ja nun echt nicht an Selbstvertrauen…

aber DAS Selbstvertrauen mancher NTs, zu einem Thema, mit dem sie sich nie tiefer befasst haben, und das ein Fachgebiet innerhalb eines Fachgebiets ist, für das andere Leute jahrelang studieren, wilde Behauptungen aufzustellen, und dann demjenigen, der in dem Bereich tatsächlich einen Abschluss und über 15 Jahre Berufserfahrung hat, erzählen zu wollen, er würde ja die Aussage gar nicht verstehen…

Also, DAS Selbstvertrauen hätte ich auch gerne!

Schade, dass du gehen musst…

Als Kind war meine Hauptbezugsperson neben meiner Mutter mein Opa. Der Vater meiner Mutter. Das ging soweit, dass die Kindergärtnerin es verwirrt kommentierte. Was anderen Kindern der Vater war mir eben mein Opa. Dabei hatte ich einen sehr jungen Opa. In der Tat ist der Altersunterschied zwischen mir und meinem Opa geringer als der zwischen meinem jüngsten Bruder und unserem Vater. Mein Opa wäre jederzeit als mein Papa durchgegangen.

Allerdings war wohl einer der ersten Sätze, die ich auch außerhalb der Familie gesprochen habe (man mag es heute kaum mehr glauben, aber ich war als kleines Kind teils recht schwer dazu zu bewegen, außerhalb des direkten Familienkreises zu sprechen): „Aber das ist doch der OPA!“ (wenn ihn jemand als meinen Vater bezeichnete).

Die Ferien und viele Wochenenden verbrachten wir bei den Großeltern. Entweder zusammen mit unseren Eltern oder ohne. Es war der einzige Ort, an dem ich damals außerhalb des Elternhauses schlafen wollte/konnte.

Ging es darum, dass meine Mutter nicht in der Lage war, mich irgendwo hinzubringen oder abzuholen, oder dass sie Abends oder Nachts einige Stunden außer Haus war, war es undenkbar, stattdessen meinen Vater einzusetzen. Es musste der Opa her. Und Opa kam, aus 200 km Entfernung (damals wohnten wir etwas weiter weg).

In den Ferien, an den Wochenenden, waren wir viel unterwegs. Alleine, draußen, still Tiere beobachten. Er brachte mir Fährtenlesen bei, Vögel zu erkennen und Rufe zu imitieren, Fisch- und Hasenfallen bauen (ohne Gerätschaften mitzunehmen, nur mit dem, was die Natur hergibt), Fischen mit der Hand. Was man im Wald draußen essen kann und was man auf keinen Fall in den Mund stecken sollte; wo man welche Pilze findet, und wie man sie zubereiten muss; welche Kräuter man draußen kennen und erkennen sollte; Navigieren im Wald. ich kann sagen, dass ich recht zuverlässig in einem Mitteleuropäischen Wald ohne Zugang zur Zivilisation weder verhungern noch verdursten würde.

Einmal nahmen wir einen jungen Aal mit und ließen den im Garten groß werden. Ich nehme an, er wurde am Ende gegessen. Wir beobachteten Ameisen beim Schwärmen und Kröten beim Wandern. Ich lernte, dass in unseren Flüssen Muscheln leben und diese einem ins Gesicht spucken, wenn man sie aus dem Wasser nimmt.

Wir waren klettern, sowohl im Fels als auch in Burgruinen. Auch da, wo man es offiziell nicht durfte (Okay, in Burgruinen dürfte das die Regel sein). Vor allem lernte ich von ihm in dem Zusammenhang, in alten Gemäuern sicher herumzusteigen, und das Risiko abzuschätzen.

Wir besuchten jede einzelne Burg und Burgruine im Umkreis von ca. 100 km – zumindest in dem Halbkreis auf deutscher Seite. Die Tschechische Grenze war damals ziemlich undurchlässig. Er gab die wichtigsten Legenden und Geistergeschichten zu jeder an mich weiter, teils einschließlich der dazu gehörenden Gedichte. So konnte ich den „Eppelein von Gailingen“ schon Jahre, bevor wir ihn in der Schule durchnahmen…

Wir besuchten Tierparks und Wildgehege, Tropfsteinhöhlen, die Schauplätze der örtlichen Nicht-Burgbezogenen Legenden und Spukgeschichten. Wir fuhren zu andere Denkmälern, Kirchen, Museen. Eigentlich waren wir ständig unterwegs. Er zeigte mir ein zugängliches Rosenquarzvorkommen, und welche von außen unscheinbar aussehende Steine in Wirklichkeit Quarzvarietäten sind, und wie man sie aufbricht, um an das hübsche Innere zu kommen.

Mein Opa war Glasmacher, und er nahm mich auch mit und ließ mir zeigen, wie die Glasbläserei funktioniert. Und immer, wenn wir dort in der „Altbayrischen“ waren, gab es bevor wir heimgingen ein kleines Glastier aus buntem Abfallglas geblasen. Die standen lange in Reih und Glied bei mir auf dem Setzkasten.

Also 1987 das KTB (Kontinentales Tiefbohrprogramm) begann, waren wir bei erster Gelegenheit dort.

Als die Grenze geöffnet wurde, fuhren wir direkt Ziele in der nahegelegenen Tschechoslowakei an. Wir waren vor der Wiedervereinigung noch in der DDR. Politik usw. interessierte mich damals absolut noch nicht, aber es reichte die Tatsache, dass mein Opa sofort dorthin wollte, nachdem es problemlos ging, um mir klar zu machen, dass die Grenze so, wie sie vorher gewesen war, nicht in Ordnung war.

Mein Opa war auch der erste, der mich mit in ein ehemaliges KZ nahm und mir erklärte, um was es da ging.

Als mein Vater eine Stelle sehr viel näher an den Herkunftsorten meiner Eltern annahm, kauften meine Eltern ein Grundstück in der Heimatstadt meiner Mutter und bauten dort, nur zwei Straßen von den Großeltern entfernt, ein Haus.

Auf dem Land, mit schlechten öffentlichen Verkehrsmittelverbindungen (und außerdem meiner damals schon vorhandenen Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel) wäre es schwer gewesen, nachmittags irgendwas zu unternehmen – wäre da nicht mein Opa gewesen, der uns unermüdlich fuhr, egal, wohin wir wollten. Ein Anruf genügte. Nie Beschwerden, nie „ich habe keine Zeit“, obwohl ich sicher bin, dass er damit viele Nachmittage verlor (Abholen musste er uns ja auch wieder).

Mein Opa kochte den besten Apfelsaft, gefühlt tonnenweise Marmeladen und Gelees, und war auch in der Küche (für die Saft/Marmeladen/Geleeproduktion hatte er einen eigenen Raum im Keller mit großem Ofen und Kessel) unschlagbar.

Er war für Science Fiction zu haben – insbesondere Star Trek und Perry Rhodan, was er auch bereits an seine Töchter weitergegeben hatte – und ging mit uns ins Theater. Meine allererste Theatervorstellung war das Wirtshaus im Spessart – besonders aufregend, da wir aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, auch noch mit dem Bus hinfuhren.

Zu meiner Erstkommunion bekam ich von meinen Großeltern ein offizielles Geschenk. Ich bin mir nicht mehr sicher, was es war. Möglicherweise die Armbanduhr, die ich nie getragen habe, und die noch immer unbenutzt in ihrem Kästchen liegt. Möglicherweise waren es die Ohrstecker – damals trug ich noch Ohrringe, und ich tauschte an dem Tag auf jeden Fall die vorherigen Kinderohrringe gegen ein Paar „erwachsenere“ Stecker aus, die ich mir ausgesucht hatte.
Ist auch egal… was für mich zählte war, dass meine Großeltern am Vortag anreisten und mir mein Opa eine umklebte Schachtel  in die Hand drückte. Dazu muss ich sagen, dass meine kleine Obsession mit Moby Dick tatsächlich bis in und vor diese Zeit zurückgeht. Ja, ich weiß, neunjährige lesen normalerweise noch nicht gerade Moby Dick. Bei uns hieß es immer, gelesen wird, was gefällt, und Kinder lesen nicht weiter, wenn das Buch noch nichts für sie ist. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits mit einer Klassenkameradin, deren Mutter Schneiderin war und die daher für das Alter sehr gut mit Nadel und Faden umgehen konnte und auch ein bisschen Ahnung davon hatte, wie man eben Sachen näht, aus einem alten Betttuch einen „weißen Wal“ gebastelt. Der war trotzdem irgendwie suboptimal. Und da kam nun eben mein Opa und brachte mir – am Tag vorher, weil es sich nicht so wahnsinnig gut für den Geschenketisch eignete … ein Extrageschenk.

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Er durfte dann doch mit auf’s Geschenkefoto…

Jahrelang hatte mein Opa im Treppenhaus aufgeklebte Puzzles aufgehängt. Segelschiffe. Jahrelang bekam er von mir zum Geburtstag oder zu Weihnachten neue ausgeklebte Segelschiffpuzzles. Es war die einzige Situation, in der ich bereit war, ein Puzzle auf Holz zu kleben.

Das erste Gedicht meines Lebens lernte ich auswendig, um es beim Geburtstag meines Opas aufzusagen. Es waren vier Zeilen, und die kann ich sogar noch.

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So viel Dorn‘ ein Rosenstock / So viel Haar‘ ein Ziegenbock / So viel Flöh‘ ein Pudelhund / So viel Jahr‘ bleib du gesund

Vor zwei Jahren stand ich mit der örtlichen Museumschefin im Museum, und sie erwähnte, dass sie sich mit den historischen Glasmacherwerkzeugen nicht auskenne. Ich rief Opa an, um zu fragen, ob er dazu nicht ein Buch hätte oder zumindest wüsste. Eine halbe Stunde später stand er im Museum und erklärte und zeigte.

In jüngeren Jahren war mein Opa bei der freiwilligen Feuerwehr. Kurzfristig im Faschingsverein. Später begleitete er meinen Vater zu politischen Veranstaltungen, war aber selbst nicht aktiv. Er trieb immer und bis ins hohe Alter Sport, was wohl auch massiv dabei half, dass er sich von dem schweren Herzinfarkt, den er mit Anfang 60 hatte, wieder voll erholte. Noch letzten Montag bei der Aufnahme ins Krankenhaus war der aufnehmende Arzt überrascht von seinem für sein Alter eigentlich ungewöhnlich guten Allgemeinzustand.

Eigentlich, wäre da nicht die Tatsache, dass er in den letzten drei Monaten rapide abgenommen hatte. Anfang des Jahres noch fuhr er selbst Auto, ging Einkaufen, ging Schwimmen, kochte, schmiss große Teile des Haushalts, kümmerte sich um meine aufgrund langjährigem Rheumas pflegebedürftige Oma. Dann ging es rapide abwärts, er konnte nicht mehr essen, schließlich kaum noch trinken.

Anfang der Woche bat er darum, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Zu dem Zeitpunkt wussten wir bereits, dass wir die ihm verbleibende Zeit maximal in Wochen, eher in Tagen rechnen. Meine Brüder waren in der Woche vorher aus ihren jeweiligen Universitätsstädten gekommen, um noch mal einen Nachmittag mit ihm zu verbringen.

Ich war gestern das letzte Mal bei ihm, wir wechselten uns ab. Zu dem Zeitpunkt bekam er auf seinen Wunsch hin nur noch Morphium. Er schlief am frühen Nachmittag ein, und ist unseres Wissens nicht mehr aufgewacht.

Nach einem extrem vollen heutigen Tag gehe ich jetzt noch eine Kerze anzünden. Für den besten Opa, den man sich wünschen kann.

28.12.1934 – 30.06.2017

 

Neulich in Glasgow…

…wurde ein Atty versteigert, das ich unbedingt wollte. Ich habe es auch bekommen.

Nun lieferte die Spedition es heute endlich bei uns zu Hause ab.

fireplace screen

Das Bild ist gestickt, aufgezogen, hinter Glas… das ganze Teil gehörte mal dazu, als Schutz vor fliegender Asche und Funken vor einen offenen Kamin gestellt zu werden.

Das Motiv ist, wie ich schon mal irgendwo vermerkt habe, mein zweitliebstes Wellington-Bild.

Am liebsten würde ich mich jetzt davor setzen und ihn einfach nur ein paar Stunden lang anschauen. Dummerweise muss ich aber heute noch was arbeiten.

Mein Neffe ist 2,5 Jahre alt, und vollkommen normal – für unsere Verhältnisse. Andere sähen schon etwas seltsames Verhalten. Darin, wie er spielt. Womit, welche Spiele, wie. Es muss genau richtig sein. Keine Duplosteine unterschiedlicher Farben mischen. Die Gleise für die Eisenbahn müssen richtig verlegt sein. Er gibt Anweisungen. Nicht immer sehr artikuliert, aber in der Regel ausreichend genau. Muss man halt aufpassen.

Mahlzeiten waren einige Zeit schwierig. Essen wurde häufiger verweigert als gegessen. Das Essen steht nun wieder getrennt auf dem Tisch, in kleinen Schüsseln. Vor der Mahlzeit wird benannt, was wo drin ist – was es ist, welche Eigenschaften es hat. Heiß, warm, kalt, glatt, körnig, etc. Das Kind kann ausprobieren, lernt aber gleich, zu benennen, was er essen mag. Bananen gehen immer. Man kann statt Champignons auch Bananen aufs Risotto tun. Vor allem, wenn Reis und Pilze eh in unterschiedlichen Schüsseln auf dem Tisch stehen. Teile der Restfamilie stellen fest: Das schmeckt sogar. (Schauder).

Anziehen muss sein, und es muss zum Wetter passen. Oma gibt vor wie warm und wie langärmlig, Neffe sucht aus, was aus dem Bereich angezogen wird. Er schießt sich auf zwei Oberteile ein. Diese werden in anderen Farben & Aufdrucken angeschafft. Ende der Tränen beim Anziehen.

Zähneputzen muss sein. Ob manuell oder mit elektrischer Zahnbürste, rundem oder eckigem Kopf kann sich das Kind aussuchen. Waschen muss sein. In der Dusche, am Waschbecken oder in der Badewanne kann man aussuchen. Auch mit unter drei Jahren.

Man könnte sich natürlich auch eine große Menge Extrastress machen, wenn man das gerne wollte. Muss man aber nicht.