Und irgendwo sitzt ein kleiner Sprachwissenschaftler in der Ecke und weint: Wenn der Deutsche aufgrund der englischen Sprachregeln Sonderwünsche an seine Sprache stellt

Ich habe heute Morgen versprochen, noch etwas zum Thema „Formulierung Autist vs. Mensch mit Autismus“ zu schreiben.

Dem komme ich dann hiermit nach.

Ich gehe das jetzt mal nicht aus meinem persönlichen Empfinden heraus an, sondern aus der Sicht des Sprachwissenschaftlers.

Wir wissen, es gibt in jeder Sprache Regeln.

Es gibt Regeln dafür, wie neue Wörter zu bilden sind.

Es gibt Regeln dafür, wie man Wörter voneinander ableitet.

Grundsätzlich wird im Deutschen das Konzept „Mensch, der etwas tut“ durch Anfügen des Suffix (der Nachsilbe) „-er“ an den Wortstamm gebildet.

Ein Mensch, der lehrt, ist etwa ein Lehr-er.

Ein Mensch, der läuft, ist ein Läuf-er.

Ein Mensch, der bäckt, ist ein Bäck-er.

Ein Mensch, der Briefe austrägt, ist ein Brief-träg-er.

Und ein Mensch, der auf dem Bau arbeitet, ist ein Bau-arbeit-er

(Ein paar spezielle Ausnahmen gibt es, denn ein Kocher ist eben gerade nicht der Mensch, sondern eher das Ding, mit dem der Koch arbeitet… da wird es dann gerade etwas komplizierter aber nicht minder spannend. Bleiben wir mal bei der Grundregel.)

Ein Deutsch-er kann dasselbe aber auch mit Adjektiven machen.

Ein Mensch, der weise ist, ist ein Weis-er.

Ein Mensch, der groß ist, ist ein Groß-er.

Ein Mensch, der dünn ist, ist ein Dünn-er.

Ein Deutsch-er kann auch von anderen Substantiven ableiten.

Ein Mensch, der mit Technik zu tun hat, ist ein Technik-er

Ein Mensch, der Chemie betreibt, ist ein Chemi-k-er (das -k- als bindender Buchstabe, denn „Chemier“ könnte man nicht wirklich aussprechen; gibt es je nach Buchstabenkombination auch mit ‑l-).

Ein Mensch, der Medizin betreibt mit ein Medizin-er.

Das ist mal die Grundregel. Es gibt nun Sonderfälle, bei denen die Ableitungen anders gebildet werden. Den Hintergrund kann ich gerne auf Wunsch erklären, hier werde ich mich aus Platzgründen mal darauf beschränken, festzustellen, dass es so ist.

Ein Mensch, der sich mit einer -logie befasst etwa, ist kein -loger, sondern nur ein -loge: Psychologe, Astrologe, Urologe.

Ein Mensch, der sich hingegen mit einer -nomie befasst, ist ein -nom: Astronom, Gastronom, Ökonom…

Und wird der Mensch von einer -istik oder einem -ismus abgeleitet (wie und warum diese beiden Suffixe zusammenhängen, kann ich auf Wunsch auch erklären, sprengt mir hier ebenfalls den Rahmen) – dann ist er ein -ist.

Linguistik => Linguist (das ist der Sprachwissenschaft-l-er… also der Nervtöt-er, der hier gerade diesen Artikel verfasst).

Autismus => Autist (siehe Anmerkung in Klammern im direkt vorhergehenden Absatz).

 

Tl;dr: Im Deutschen kann man durch ein an einen Wortstamm angehängtes Suffix ausdrücken, dass man sich auf einen Menschen bezieht, auf den eine bestimmte Eigenschaft/ein Konzept/etc. zutrifft.


So, jetzt hatten wir das Deutsche.

Jetzt gehen wir mal ins Englische.

Das Englische hat ebenfalls Ableitungsregeln, an die sich die Sprache zu halten hat.

Also: Die englische Sprache. Der deutschen Sprache können die englischen Sprachregeln getrost am Allerwertesten vorbei…ihr wisst schon.

In der Regel ist es so: Ein Mensch, der etwas tut – von einem Verb abgeleitet – ist im Englischen erst mal ein -er, wie im Deutschen.

to teach (lehren) wird zum teach-er (Lehrer).

to run (laufen) wird zum run-n-er (Läufer; das zweite n hat seinen Ursprung in den Ausspracheregeln).

to sleep (schlafen) wird zum sleep-er (Schläfer).

Der cook macht übrigens im Englischen den gleichen Scheiß, wie der deutsche Koch, und aus demselben Grund, der nicht minder spannend ist, aber kein bisschen mehr hier hingehört.

Das Englische kann das Ganze auch mit Substantiven.

Der Mensch, der sich mit der philosophy befasst, ist ein philosoph-er.

Der Mensch, der sich mit geography befasst, ist ein geograph-er.

Der Mensch, der sich mit astronomy befasst, ist ein astronom-er.

(Ihr sehr schon, die Regeln unterscheiden sich leicht vom Deutschen)

Auch im Englischen haben wir nun wieder ein paar alternative Suffixe je nach Ausgangswort:

Der sich mit einer –ology befasst, wird ein –ist: psychologist, biologist, geologist.

Aus den –istics (eine Untergruppe der Wissenschaften) kann ich mir ebenfalls den -ist ableiten – linguistics > linguist. (Das ist wieder der hier vorliegende Klugscheiß-er)

So, jetzt wird’s lustig.

Wenn ich als Ausgangswort einen –ism habe…

… dann kann ich davon im Englischen keinen Menschen ableiten. Der -ism sieht zwar dem deutschen ‑ismus zunächst verdammt ähnlich, aber es ist halt doch nicht dasselbe.

Der Englische –ism ist selbst bereits eine Ableitung. Es kommt nicht der „protestant“ vom „protestantism„, sondern der „protestantism“ vom „protestant.“ Woran erkenne ich das? Ganz einfach… weil der eine deutlich mehr Suffixe am Stück hat, als der andere…

Ebenso stand nicht der heroism (Heldenhaftigkeit) dem hero (Held) Pate, sondern andersherum.

So, jetzt wird’s blöd… denn jetzt hat unser hier vorliegender Klugscheiß-er ein Problem, wäre er doch gerne auch ein aut—Scheißt drauf, dann halt person with autism.

Ja aber… wo kommt denn nun eigentlich dieses autism her? Eben habe ich noch gesagt, der –ism ist bereits abgeleitet, also müssten wir doch nur zum Ausgangswort zurück, nicht wahr? Von dort können wir ja unseren Menschen ableiten.

Jetzt zeigt sich das Englische in seiner ganzen Boshaftigkeit…

Tl;dr: Prinzipiell geht das im Englischen meistens auch. Aber nur meistens.


Wer aufgepasst hat, wird es gemerkt haben.

Im Deutschen habe ich von Verben, Adjektiven und Substantiven abgeleitet.

Im Englischen habe ich nur von Verben und Substantiven abgeleitet.

Das liegt nicht etwa daran, dass ich die Adjektive vergessen hätte…

Das Englische ist nach seinem Regelsatz nicht in der Lage, von einem Adjektiv eine Form abzuleiten, die durch ihr Suffix impliziert „Mensch, auf den dieses Adjektiv zutrifft.“

Ich kann im Englischen aus „tall“ (groß) keinen „tall-er“ machen – das heißt nicht „Großer“ sondern „größer (als…)“. Auch keinen tallist. Das ist einfach nur Schwachsinn.

Ich kann zu meinem kleinen Bruder auf Englisch nicht „littl-er“ sagen. Ich kann den dunkelhäutigen Menschen nicht als „black-er“ bezeichnen.

Es gäbe keinen Sinn. Es gibt diese Ableitung nicht. Sie ist nicht vorgesehen.

Das gilt auch, wenn das Adjektiv auf –istic endet. Die sind übrigens, wie die „-ism„-Substantive, auch schon irgendwo abgeleitet. Von „autistic“ kann ich also schon aus zwei Gründen keine Person ableiten: a.) es ist ein Adjektiv, b.) es ist selbst schon abgeleitet.

Ja, aber wovon? WOVON? Was ist die Wurzel?

Das ist jetzt etwas unangenehm für das Englische. Die gibt es nicht!

Wie kann das sein?

Ganz einfach… Das Wort „autism“ wurde als Fremdwort in dieser Form eingeführt. Damals, vor 100 Jahren. Das ist kein Englisch gewachsenes Wort, und deswegen kam auch nicht gleich die ganze Familie mit.

Blöd ist das… für den autism, und aber auch für den… die autistic person.

Tl;dr: Englisch kann ein ziemliches Arschloch sein. Es klaut Wörter und nimmt nur die Hälfte mit. Konsequenzen bleiben nicht aus.


Nun haben wir gerade gelernt, das Englische könne sich nicht vom Adjektiv ein Nomen erschließen, in dem die Bedeutung „Mensch auf den X zutrifft“ impliziert ist.

Wird nun versucht, das zu umgehen, indem man den Menschen einfach nur mit dem Adjektiv bezeichnet, so führt das verständlicherweise nicht gerade zu Freude. Man wurde soeben zu einem Adjektiv reduziert. Ein Adjektiv alleine ist ein Bezeichner ohne Bezeichnetes. Ein Adjektiv alleine ist quasi gar nichts. Auf jeden Fall keine Person.

Und nun ist es so, dass es im Englischen eine durchaus gängige, jedoch extrem unhöfliche, sehr ruppige und respektlose Form der Anrede darstellt, eine Person mit einem Adjektiv zu bezeichnen.

Der Rothaarige könnte etwa als „Red“ angesprochen werden, womit der Sprecher impliziert, dass er es nicht wert ist, beim Namen genannt zu werden, dass das einzig relevante an ihm dieses eine herausstechende Merkmal ist.

Stellt euch mal vor, ihr würdet im Deutschen jemanden ansprechen mit: „He! Du, Blond!“ Auf die Idee käme ja keiner. Exakt das ist im Englischen aber … naja, zwar extrem unhöflich, aber rein sprachlich zulässig.

Es wird verständlich sein, dass man im Englischen keine große Lust haben wird, sich etwa als „Autistic“ bezeichnen zu lassen.

Tl;dr: Englisch ist hervorragend dazu geeignet, Leute mit Adjektiven zu beleidigen.


Da wir nun also unser Gegenüber nicht beleidigen wollen, stellen wir sicher, dass wir die Reduzierung auf das Adjektiv vermeiden. Also brauchen wir ein Bezeichnetes zu unserem Bezeichner („großer Mensch“: groß = Bezeichner; Mensch = Bezeichnetes).

Wir sagen also: tall person; wise man (Achtung, nicht wise guy, das sieht zwar auf den ersten Blick richtig aus, ist aber schon wieder der Klugscheiß-er); disabled per—ach, das ist jetzt aber etwas blöd…

Wer Englisch kann, wird es gerade vielleicht gemerkt haben: Das Wort „disabled“ bedeutet in seiner eigentlichen Grundbedeutung nicht „behindert“.

Wörtlich übersetzt wäre eine „disabled person“ erst mal ein außer Funktion gesetzter, deaktivierter, ausgeschalteter, untauglicher Mensch.

Ist nicht gemeint?

Ist klar, aber das ändert nichts daran, dass das Wort „disabled“ für den englischen Muttersprachler eben diesen Beigeschmack niemals verlieren wird.

Deshalb regt man sich als englischsprachiger Behindert-er darüber auch nicht ganz zu Unrecht auf.

Dafür hat das Englische aber nun dank der Funktion seiner Sprache nur eine Lösung:

People first. Menschen zuerst.

Sage ich nicht „disabled person“ sondern „person with disability“ kann ich dieses Problem umgehen.

Das steckt als Grundprinzip hinter dem Aufruf „People first„.

Da sich viele Leute nicht besonders viel mit der Sprache beschäftigen, sondern lieber mal gleich vorbeugend mitschimpfen wollen, hätten dann andere Gruppen auch gerne „people-first-„Sprache gehabt. Was auch an sich kein Problem ist – im Englischen. Denn die vorher verwendete Konstruktion für das Adjektiv, welches auch immer es gerade war, war ja ohnehin schon nur eine Verlegenheitslösung.

Tl;dr: Das Englische hat in der Tat einen Grund vorzuweisen, warum die Nennung des Personen-Substantives an erster Stelle nicht so albern ist, wie es zunächst den Anschein hat.


Jetzt habe ich viel, lange und ausdauernd über das Englische erzählt. Warum machen wir diesen Schmarren, wie man bei uns sagt, nun aber im Deutschen? Warum wollen manche Leute „Mensch mit Autismus, obwohl – siehe oben – der Aut-ist doch die Person – anders als im Englischen – implizieren kann, viel kürzer und ökonomischer ist…?

Die Lösung ist hier ebenso einfach wie blöd:

Wenn es aus Amerika kommt, ist es gut.

Wenn es im Internet steht, ist es gut.

Wenn es im Internet steht und Englisch ist, übersetzen wir es mal Wort für Wort ins Deutsche und verbreiten es weiter.

Wenn es auf Deutsch im Internet steht, ist es gut.

Wenn ich den Deppen erwische, der die „Geheimtipps“ für den amerikanischen Straßenverkehr ins Deutsche übersetzt und quer über Facebook verteilt hat, und damit –zig leichtgläubigen Leuten der Marke „Wenn’s im Internet steht, wir des schon stimmen“ eine Anleitung zum Brechen der deutschen Straßenverkehrsordnung in 12 Punkten gegeben hat, hagelt es Werke der vergleichenden Rechtswissenschaft.

Weil gut meinende aber nicht besonders gut mitdenkenden Menschen die englischen Artikel, Facebook-Beiträge u. ä. – mal in Handarbeit und mal mit Google Translator – ins Deutsche bringen und weiterverteilen, kommt zahlreichen Menschen gar nicht erst der Gedanke, dass die Aussage inhaltlich für die deutsche Sprache kompletter Bullshit (Ausscheidung eines männlichen Paarhufers mit nur geringer Relevanz für den vorliegenden Sachverhalt) ist. Steht da ja auf Deutsch. Wird schon stimmen.

Kann man sich ein bisschen echauffieren.

Das Einzige, was der „Mensch mit Autismus“ im Deutschen macht, ist, öffentlich kundzugeben, dass er keine Ahnung hat, wie seine Sprache funktioniert, und außerdem bei Internetquellen die Herkunft nicht prüft.

Leider, leider ist diese Sorte Internetbenutz-er nicht besonders selten, dafür aber gleich ganz besonders laut.

Viele Menschen tendieren dann auch gleich dazu, Lautstärke mit Qualität gleichzusetzen.

Das, liebe Les-er, ist ein Trugschluss.

Tl;dr: Wenn es für die englische Sprache sinnvoll ist, kann es für die deutsche Sprache immer noch komplett unnötig sein, stellenweise albern.


Kann doch nicht so tragisch sein, Deutsch, Englisch, alles Sprachen, muss doch gehen…

Dann versucht bitte mal, mit der Anleitung von eurem alten Backofen eure neue Waschmaschine zu bedienen.

Sind beides Elektrogeräte. Muss doch gehen.


Und wer nun soweit gelesen hat, dem sage ich nun, als sprachwissenschaftlich vorbelasteter Aut-ist (und warum das an dieser Stelle trotz XX-Chromosom nicht Aut-ist-in heißt ist eine andere Geschichte und soll, falls gewünscht, ein Andermal erklärt werden):

Vielen Dank für die geschätzte Aufmerksamkeit!

 

Tl;dr bedeutet übrigens „Too long; didn’t read“ und weist u. a. (und in diesem Fall) auf eine knappe Zusammenfassung der Kernaussage des vorhergehenden Abschnitts hin, falls dieser zu lang zu lesen ist…

 

 

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Synchronisation

Es ist bekannt – in Deutschland werden Filme synchronisiert.

Zwar gab es „immer“ in „allen“ Ländern zu gewissem Grad beides, aber bis die DVDs anfingen, das Untertiteln  überall einzuführen und eine zunehmende Faulheit der Zuschauer auch in ehemals typischen „Untertitelungsländern“ zu einer Erhöhung der Synchronisationsrate geführt hat, gab es eine relativ klare Einteilung.

Deutschland synchronsiert. Die Niederlande untertiteln. Spanien synchronisiert. Frankreich untertitelt. Italien synchronisiert. England untertitelt.

Zufällige Verteilung?

Nein, gar nicht.

Mag jemad raten? Ohne Tante Google zu bemühen?

Warum könnte das so sein?

 

Der Dolmetscher

„Ah, du bist Übersetzer…“

„…und wohnst in Brüssel…“

„… dolmetscht du dann auch für die EU?“

Meine Lieblingsfrage. Also: nicht.

„Ah, du bist Übersetzer…“

„…was dolmetscht du so?“

Gar nichts.

Ich bin, wie gesagt, Übersetzer. Würde ich dolmetschen, wäre ich Dolmetscher.

Viele Leute sind wahnsinnig überrascht, wenn sie erfahren, dass das nicht dasselbe ist. Nicht mal das gleiche. Nicht mal wirklich ähnlich. Gut, beides hat das damit zu tun, eine Sprache für eine Person, die diese Sprache nicht spricht, verständlich zu machen. Aber da hört es auch schon auf.

Leider bringt diese fehlende Information nicht nur Erklärungsbedarf mit sich, sondern manchmal auch rechte Schwierigkeiten – wenn ich etwa einem Bekannten klar machen muss, dass ich seine Veranstaltung nicht deswegen nicht dolmetschen werde, weil ich es nicht will, keine Lust habe oder er mir nicht genug Geld anbietet (vermutlich wäre sogar alles drei dennoch der Fall), sondern weil ich es nicht kann.

Einmal rief mich meine Schwester an: Ich müsse ihr bitte schnell etwas für jemanden übersetzen, es würde nicht lange dauern. Ich sagte „okay“ und erwartete, eine E-Mail mit dem Text zu erhalten. Stattdessen fand ich mich eine Minute später in einer Telefonkonferenz wieder. Ich stotterte mich irgendwie durch das Gespräch, danach bekam meine Schwester dann noch „unter vier Augen“ eine längere Darlegung zum Thema Übersetzen und Dolmetschen.

*

Wo ist nun der Unterschied?

Zunächst, ganz einfach: Der Übersetzer übersetzt schriftlich, der Dolmetscher mündlich.

In der Regel arbeitet der Übersetzer im Büro oder sonstwo am Computer. Der Dolmetscher ist in der Regel vor Ort, bzw. gelegentlich am Telefon zugeschaltet.

Als Übersetzer habe ich einen Text in fixierter Form vorliegen. Ich tippe diesen Text in einer anderen Sprache und gebe ihn in fixierter Form wieder ab. Der Dolmetscher hat nur selten einen Text auf Papier vorliegen und wenn, dann hilft es nicht viel (mehr dazu später).

Als Übersetzer kann ich unterschiedliche Übersetzungen durchdenken und mich dann für die beste Entscheiden. Der Dolmetscher muss sofort handeln und „Output“ präsentieren.

Als Übersetzer kann ich korrigieren und überarbeiten. Der Dolmetscher hat nur einen Versuch.

Als Übersetzer kann ich in ein Wörterbuch schauen oder recherchieren. Der Dolmetscher hat nur das, was er im Kopf hat.

Zusammenfassung:

Übersetzer Dolmetscher
Schriftlich Mündlich
In der Regel im Büro In der Regel vor Ort
Hat den Text vorliegen Hört den Text meistens nur
Hat Zeit zum Nachdenken Muss sofort ein Ergebnis produzieren
Kann überarbeiten und korrigieren Kann nicht korrigieren
Kann nachschlagen Kann nicht nachschlagen

 

Klingt das jetzt danach, als hätte der Dolmetscher den bei weitem schwereren Job?

Für mich schon!

Für den ausgebildeten Dolmetscher nicht unbedingt, denn der wiederum ist für seine Arbeit ausgebildet, nicht aber für die Feinheiten des Übersetzens. Der Dolmetscher darf sich auf die Kernaussage konzentrieren, während ich versuchen muss, Mehrdeutigkeiten mit zu übertragen. Der Dolmetscher muss sich in der Regel wenig Gedanken darüber machen, für welches Zielpublikum er übersetzt, da seine Situation klar ist, und er das Zielpublikum direkt vor Augen hat.

Der Dolmetscher muss sich nicht mit unterschiedlichen Dateiformaten herumschlagen, er muss nicht mehrere Textverarbeitungsprogramme, Tabellenkalkulationsprogramme und Präsentationsprogramme beherrschen. Er muss auch nicht schnell und richtig tippen können.

Beide Arbeiten können sehr anstrengend sein, aber auf unterschiedliche Weise.

*

Beim Dolmetschen unterscheidet man zunächst zwei Arbeitsweisen: Konsekutivdolmetschen und Simultandolmetschen. Andere Begriffe, die man zuweilen hört, sind „Konferenzdolmetschen“, „Flüsterdolmetschen“ oder „Schriftdolmetschen“.

Beim Konsekutivdolmetschen wird mit Verzögerung gedolmetscht. Der Sprecher spricht , und erst wenn er Pause macht, kommt der Dolmetscher dran und wiederholt den Text in der Zielsprache.

Nachteil: Zeitaufwändig.
Vorteil: Keine technischen Hilfsmittel notwendig.

Denkt euch nun mal bitte in einen Vortrag. Der Redner schließt mindestens einen kompletten Sinnzusammenhang ab. Das kann sein, dass er fünf oder zehn Minuten spricht. Nun sollt ihr diesen eben gehörten Text in einer anderen Sprache wiederholen, ohne wichtige Punkte auszulassen.

Klingt unmöglich?

Selbst in einem Gespräch („Gesprächsdolmetschen“), in dem nur drei oder vier Sätze am Stück gesagt werden, bevor die Verdolmetschung folgt, wird es schwer.

Deswegen verbringen Dolmetscher in der Ausbildung mehrere Semester bis mehrere Jahre (!) mit dem Erlernen und Verfeinern von Notizentechnik. Stenografie ist schneller als Handschrift, die Notizentechnik des Dolmetschers nochmal deutlich schneller als Stenografie. Durch Verwendung von Kürzeln, Symbolen, eine bestimmte Anordnung auf dem Blatt und Markierungen schafft der Konsekutivdolmetscher sich einen Merkzettel, der ihm bei der Wiedergabe hilft.

Die Wiedergabe in der Zielsprache erfolgt nicht als wörtliche Übersetzung, sondern als gestraffte und unter Umständen leicht umstrukturierte Reproduktion. Das Ziel ist es, dem Zuhörer („Rezipient“) den Inhalt des Texts zu vermitteln, und dabei so wenig Zeit wie möglich in Anspruch zu nehmen. Andernfalls würde ja die Veranstaltung doppelt so lang werden.

Ist der Kunde nett, stellt er dem Dolmetscher vor der Veranstaltung Unterlagen sowie die Druckfassungen der geplanten Reden oder Vorträge zur Verfügung. Ist er es nicht, muss sich der Dolmetscher auf das verlassen, was er vor der Veranstaltung zum Thema recherchieren kann. Denn: Kennt er ein Wort, dessen Bedeutung oder den Zusammenhang in einer der beiden Sprachen nicht, wird er es nicht dolmetschen können. Mal schnell ins Wörterbuch schauen oder Wikipedia aufmachen geht nicht.

Selbst wenn der Dolmetscher die Textvorlage erhält, kann er nicht einfach einen Text vorfertigen und auswendig lernen oder ablesen. Redner und Präsentatoren halten sich fast nie an die Textvorlage. Jede Abweichung kann relevant sein. Es muss daher aus der Situation entschieden werden, ob die Änderung gedolmetscht werden muss.

*

Klang das alles jetzt schon wahnsinnig anstrengend und stressig?

Dolmetscher sind so unglaubliche Leute (ernsthaft, ich habe die allergrößte Hochachtung vor jedem Dolmetscher!), die können noch eines draufsetzen!

Das Simultandolmetschen sieht so aus:

Während der Konferenz, der Präsentation oder dem Vortrag sitzen viele Dolmetscher abgeschottet in Kabinen. Sie haben Kopfhörer auf und Mikrophone. Jeder Teilnehmer kann sich einen Kopfhörer oder Ohrstöpsel nehmen und, z. B. durch Knöpfe am Tisch die gewünschte Sprache einstellen. Während der Redner oder der Vortragende spricht, kommt aus dem Ohrstöpsel bereits der Text in der gewünschten Sprache, mit einer Verzögerung von nur einem halben bis einem ganzen Satz.

Für den Dolmetscher bedeutet das, dass er seine Gehirnleistung sozusagen zweiteilen muss: Er muss den Ausgangstext des Redners hören, im Kopf umwandeln, und die zielsprachige Fassung aussprechen, während er ununterbrochen dem Redner zuhört und den fortlaufenden Text umwandelt. Er muss also gleichzeitig hören und sprechen, dazwischen verarbeiten, und darf sich weder durch das Zuhören am Sprechen hindern, noch durch das Sprechen beim Zuhören stören.

Diese Vorgehensweise ist für den Zeitablauf und den Komfort der Teilnehmer bei Weitem die bessere… für den Komfort des Dolmetschers natürlich nicht.

Die erforderliche Konzentration ist immens. Deswegen sind die Sprachkabinen mit zwei bis drei Dolmetschern „bestückt“, die im Fünf- oder maximal Zehnminutentakt durchtauschen. Länger kann man diese Art von Konzentration nicht aufrechterhalten.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber zu „meiner Zeit“ – also, als ich im Studium war – gab es nur eine einzige Universität, die Simultandolmetschen aktiv unterrichtete, mit Kabinen und allem. Unsere Studenten waren die einzigen, die mit ihrem Diplom bereits die Fähigkeit hatten, mit der Technik in der Dolmetschkabine umzugehen, sich mit dem Umschalten zwischen mehreren Dolmetschern auskannten und die Situation überhaupt bereits realistisch erlebt hatten. Um diese Übung zu gewährleisten, organisierte und organisiert die Universität die sogenannten „Freitagskonferenzen“ – eine Vortragsreihe zu unterschiedlichen Themen, die von den Studenten verdolmetscht wird. Jeder Universitätsangehörige ist eingeladen und die Lehrer kommen üblicherweise ebenfalls, um ihre jeweiligen Schüler zu begutachten.

Neben dem oben beschriebenen Kabinendolmetschen gibt es noch andere Formen des Simultandolmetschens:
Beim Flüsterdolmetschen sitzt der Dolmetscher neben oder hinter seinem Kunden und dolmetscht leise nur für diesen.
Beim Gebärdensprachdolmetschen wird zwischen Lautsprache und Gebärdensprache gedolmetscht. Auch das findet meistens simultan statt.
Das Relaydolmetschen kommt zum Einsatz, wenn der Sprecher eine eher seltene Sprache spricht. Dann dolmetscht ein Übersetzer diese Sprache in eine „üblichere“ Sprache – z. B. Englisch oder Französisch – und alle anderen Dolmetscher dolmetschen die Verdolmetschung in ihre Zielsprachen. Damit spart man sich den Aufwand, etwas 24 verschiedene Dolmetscher zu finden, um, sagen wir mal, Gälisch in acht verschiedene Sprachen zu übersetzen. Einen für Gälisch-Englisch findet man doch eher, und 24 für Englisch > Zielsprache auch…

*

Was ist nun mit den anderen Begriffen, die ich oben genannt hatte?

Konferenzdolmetschen beschreibt einfach das Dolmetschen einer Konferenz oder einer konferenzähnlichen Situation. Meistens erfolgt das simultan, aber auch konsekutives Dolmetschen kommt vor.

Schriftdolmetschen ist ähnlich wie Gebärdensprachdolmetschen für Gehörlose gedacht. Im Gegensatz zum Gebärdensprachdolmetschen wird jedoch nur in eine Richtung gedolmetscht. Heißt: Der Gebärdensprachdolmetscher macht die Lautsprache für den Gehörlosen verständlich und die Gebärdensprache für den Hörenden. Der Schriftdolmetscher tippt das gehörte, sodass der Gehörlose es auf seinem eigenen Bildschirm sehen kann. Daher eignet sich das Schriftdolmetschen für Vorträge und Präsentationen, weniger aber für interaktive Situationen.

*

Eines ist, denke ich, klar: Das Dolmetschen ist sehr fehleranfällig. Die Leistung des Dolmetschers sollte nicht unterschätzt werden, auch wenn ihm ein Schnitzer passiert.

Damals an der Uni unterhielt ich mich mit einer Kommilitonin. „Weißt du“, sagte sie, „wenn du so gar nicht drüber nachdenken kannst, was du da eigentlich sagst, und das alles automatisch ablaufen muss…“ und sie wollte sagen: „dann dolmetscht du früher oder später mal kompletten Blödsinn.“
Offenbar war sie in Gedanken auch schon wieder am Dolmetschen oder so, denn raus kam: „… dann dolsdumetscht…“ Seit dem Tag bezeichneten wir unter uns das Konzept „Fehler machen beim Dolmetschen“ als „Dolsdumetschen“ , zur Erheiterung und Verwirrung neuer Studenten.

So, und weil ich der Meinung bin, dass man durchaus über Dolmetschfehler lachen darf, auch wenn man sie dem Dolmetscher selbst nicht vorzuhalten braucht… und weil aus dem „dolsdumetschen“ manchmal ganz witzige Sachen entstehen:

Es war 2005, und George Lucas gab ein Interview, das – simultan – gedolmetscht wurde. Natürlich sollte sich der Dolmetscher, der George Lucas dolmetscht, vorher vielleicht in relevante Dinge aus seinem Werk einlesen, aber wir wissen schon mal nicht, wie viel Vorwarnung der hatte… und sicher nicht auf dem Plan der Zusammenfassung oder vorgeschriebenen Texte stand der Satz, den Lucas abschließend sagte: „May the force be with you!“ (Möge die Macht mit euch sein). Ein berühmtes Zitat aus Star Wars.

Ein Star-Wars-Fan war er bestimmt nicht, der Dolmetscher. Denn, was dolmetschte der?

„Am vierten Mai sind wir bei Ihnen.“

Force falsch als „fourth“ – vierter – zu hören… na ja, wenn man das Zitat nicht kennt, kann es wohl passieren. Dass dann „May“ Mai und nicht „Möge“ wird – logisch. Aus dem Rest machte er, was er konnte…

Er erntete großen Spott, und die Sache sprach sich rum…

Dass jedoch die Star-Wars-Fangemeinde seit 2011 international am 4. Mai den „Star-Wars-Tag“ begeht hat, trotz hartnäckiger Gerüchte, keinen Kausalzusammenhang damit.

Flotsam & Jetsam

Im englischen Sprachgebrauch hört man die Begriffe „Flotsam“ und „Jetsam“ zumeist gemeinsam. Übertragen werden sie oft verwendet, um Dinge – oder Personen – zu beschreiben, die irgendwie durch die Ritzen gefallen sind und nun sozusagen ziel- und sinnlos treiben…

Eigentlich sind es Begriffe aus dem Seerecht. Übersetzt wird beides als „Treibgut“, jedoch ist die Unterscheidung in der ursprünglichen Verwendung relevant. „Flotsam“ sind Wrackteile oder Ladungsteile, die nach einer Havarie oder einem Unfall im Wasser treiben bzw. angeschwemmt werden. „Jetsam“ sind Schiffsteile oder Teile der Ladung, die mit Absicht über Bord geworfen wurden, etwa um Ballast loszuwerden oder um speziell zu verhindern, dass die Ladung mit dem Schiff untergeht.

Wenn ich unterwegs bin und mich umsehe, komme ich mir eben manchmal auch vor, wie ein Treibgutsammler. Ich wühle in dem angeschwemmten „Angebot“ und hoffe, irgendwo Goldmünzen zu finden… Sozusagen, denn natürlich suche ich keine Goldmünzen.

Für mich ist „Flotsam“ etwas, das ich mehr zufällig finde, das irgendwie schon durch –zig Hände gegangen ist, und bei dem die direkte Herkunft nicht mehr festzustellen ist. Als „Jetsam“ bezeichne ich entsprechend die eher unverhofften Funde, die ich direkt vom Vorbesitzer in einem gezielten Verkauf bekomme – etwa auf dem Flohmarkt oder auch mal per eBay.

*

Mein Lieblingsmann besteht drauf, dass die Mittagspause außer in strömendem Regen außerhalb der Arbeitsstätte verbracht wird. Wenn ich von der Bibliothek aus arbeite, sind wir also mittags immer eine Weise unterwegs. Das ist ganz nett, der Park ist nicht weit. Wenn das Wetter aber nicht so schön ist, zieht es uns oft eher in die andere Richtung. Dann landen wir wie heute etwa in einer Buchhandlung oder einem Antiquariat.

Das Schöne an Antiquariaten ist ja: man weiß vorher nie, was man findet.

Hier steckte also zwischen vielem Niederländisch und Französisch – mehr Niederländisch als Französisch in diesem Fall – ein dünnes deutsches Büchlein, sehr unscheinbar. Titel: „Nürnberg – 100 Jahre unter der Krone Bayerns.“

Der Mann entdeckt’s, schlägt es auf, grübelt, blättert, und fragt: „Hast du Geld dabei?“

„Ja, brauchst du welches?“

„Nee, aber du.“

Sagt’s und hält mir das Buch hin. „Seite 9, mittlerer Absatz, zweiter Eintrag.“

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Das ist Flotsam. Und ein „Atty“.

Aus jenem Holze…

Ich stehe auf Wörter.

Ich bin Linguist, ich darf das.

Manchmal stehe ich auch auf Wörtern, zum Beispiel wenn ich an das obere Regal muss und keine Trittleiter zur Hand habe. Ein Merriam Webster’s und zwei PONS und die Sache ist erledigt. Das ist aber was anderes und tut hier weniger zur Sache.

Gesprochen habe ich relativ spät, lange noch nur in der Familie. Zu verwirrend die Vielzahl der Wörter, und die ewige Unsicherheit, ob ich das richtige benutze. Die Suche nach der genauen Bedeutung dieser Wörter führte nicht nur zu einer ständigen Erweiterung nicht nur von Wortschatz und Sprachverständnis – sondern schließlich auch zu großer Freude beim Erlernen von Fremdsprachen.

*

Wörter sind eine tolle Erfindung, denn sie erlauben uns, Sachen auszudrücken. Soweit klar, oder?

Wir haben allgemeinere Wörter, Sammelbegriffe, aber auch spezifischere Wörter.

Wenn ich „Fisch“ sage, mag der eine sich die gebratene Forelle von gestern Abend vorstellen, der andere einen Hai, der dritten hat grad das Märchen mit der Scholle gehört und der vierte denkt an die Neon daheim im Aquarium. Dann gibt’s immer noch den Schlaumeier, der einen Delphin im Kopf hat. (Das ist mein Blog. Hier muss ich kein „f“ schreiben wenn ich nicht mag!)

Der Bedeutungsumfang jedes Worts ist einzigartig.

Eine Sache, die das Lernen einer Sprache für mich besonders spannend macht, ist das Finden, Durchdenken und hoffentlich Verstehen dieser Eigenheiten. Das Neulernen von Wörtern die etwas ausdrücken, für das ich in einer anderen Sprache wenigstens einen erklärenden Nebensatz gebraucht hätte, empfinde ich als Bereicherung.

Die Umwelt, in der eine Sprache sich entwickelt, hat eine direkte Auswirkung auf die Sprache selbst, auf die Wörter in ihr. Damit meine ich nicht nur Neukreationen, sei es nun der Selfie-Stick oder das W-LAN, sondern auch lange etablierte Begriffe.
Für den Finnen oder Schweden wird Schnee im der Regel eine größere Rolle spielen als für den Ägypter. Das Finnische und das Schwedische tun sich beim Beschreiben von unterschiedlichen Schneearten und der implizierten Eigenschaften und Risiken derselben auch wesentlich leichter als das Arabische. Je enger der Kontakt der Sprecher mit einer Sache, und je wichtiger es ist, im Zweifel schnell Informationen geben zu können, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Sprache einen genaueren Begriff haben wird.

Ein Blick auf die Sprache sagt so auch einiges über die Sprecher aus. Der ewige Linguistenwitz, Spanisch hätte kein Wort für „pünktlich“, hat seine Berechtigung. Nicht, weil etwa im Wörterbuch hinter dem deutschen Wort „pünktlich“ auf der spanischen Seite ein großes Fragezeichen prangen würde, sondern weil die dort aufgeführten Begriffe eben nicht unbedingt unserem Verständnis von pünktlich entsprechen. „Auf den Punkt“, „genau zu dieser Zeit“ ist dort eher die Bedeutung. Das Konzept der Pünktlichkeit… nun, nicht so sehr. Die deutsche Pünktlichkeit entspricht eben nicht der dortigen Lebenswelt. Wozu sollten sie da ein Wort haben… Damit wir es im Urlaub leichter haben, uns über die Züge aufzuregen, die ja noch nicht mal zu Hause pünktlich kommen? Wohl kaum.

Was ist typisch deutsch/englisch/französisch/russisch? Als Linguist sage ich mal – immer die Sachen, die keine Übersetzung in eine andere Sprache haben. Spätestens aus den vielen „German words you should know“ Varianten auf Facebook und Co. dürften die Meisten wissen, dass der Feierabend, der innere Schweinehund, das Fernweh und wie sie nicht alle heißen, recht sprachspezifisch sind. Nicht ohne Erklärung übersetzbar ist aber auch das deutsche Durchsetzungsvermögen – und hätte eine von weniger ordnungs- und strukturliebenden Sprechern es geschafft, so viele wirklich wunderschöne Wörter für Varianten von „Chaos“ oder „Unordnung“ hervorzubringen? Wohl kaum.

*

Begriffe und deren Verwendung wirken sich aber auch direkt darauf aus, wie wir die Welt wahrnehmen. Ob Türkis nun eher Blau oder eher Grün ist, da scheiden sich die Geister.
Das hier ist aber doch beides blau, oder?

blau

Einmal hellblau, einmal dunkelblau. Zwei Töne derselben Farbe. Blue. Bleu. Blau. Beides blau.
Für uns.
Für den Deutschen, den Engländer, viele andere.

Andere Sprachen unterscheiden diese Farben aber, geben ihnen unterschiedliche Namen. Sprecher dieser Sprachen nehmen das, was für uns Farbtöne sind, so unterschiedlich wahr, wie wir blau und grün, oder grün und gelb.

Wieder andere Sprachen kennen wesentlich weniger Farbbegriffe. Es gibt Sprachen, die Farbe überhaupt nur in „hell“ und „dunkel“ unterscheiden. Dann kommen Sprachen mit hell/dunkel/+ ein Wort für rot/gelb/braun (soweit ich weiß aber nie blau oder grün oder sonst was). Etc.

Hellblau/dunkelblau, celeste/azul? Zwei Varianten einer Farbe, zwei Farben?

Es ist nicht immer klar zu erkennen, wo Ursache und Wirkung liegen. Klar ist jedoch, Wahrnehmung und Sprache sind verbunden.

Natürlich kann der Sprecher einer Sprache mit drei Farbwörtern rein basierend auf den Fähigkeiten seiner Augen und seines Gehirns gelb von grün, blau von schwarz, violett von rosa unterscheiden. Genau wie wir im obigen Beispiel die linke Farbe von der rechten unterscheiden können.

Genau wie wir dort aber zweimal blau wahrnehmen, wird der in einem der obigen Sprachgebiete Aufgewachsene aber eben noch nicht einmal „blau“ empfinden. Er hat kein Wort für „blau“, das Konzept existiert entsprechend nicht für ihn, solange er seine eigene Sprache nicht verlässt.

Festzustellen, wo die Hintergründe dazu sind, ist spannend. Warum unterscheidet der Franzose zwischen vorher und nachher, während den Belgier nur interessiert, dass es „nicht jetzt“ ist? Ist egal? Also, mir nicht.

In dem Zusammenhang möchte ich auch auf 1984 verweisen. Ich denke wir erinnern uns alle an die Kunstsprache „Neusprech“. Wer es nicht tut, dem sei angeraten sich das Buch nochmal – oder erstmalig – zu Gemüte zu führen. Verkehrt ist das, was dort über die Wechselwirkung zwischen Sprache und Wahrnehmung gesagt wird, nämlich in den Grundzügen erst mal nicht.

Das Prinzip funktioniert natürlich nicht nur über Sprachen hinweg, sondern auch in Fachgebieten ein- und derselben Sprache. Damit meine ich nicht nur den echten Fachjargon. Wer mit Reittieren nichts am Hut hat, wird dazu neigen, jedes Exemplar von Equus ferus caballus übergreifend als „Pferd“ zu bezeichnen und – wichtiger – die Unterschiede auch nicht sehen. Rein physisch natürlich schon, aber der visuelle Input wird keine Bedeutung haben, die über die Information „Pferd“ hinausgeht. Für die meisten dürfte das auch reichen. Gespräche im Stall finden aber meistens etwas spezifischer statt. Wer das Welsh-Pony als Pferd anspricht erntet vielleicht ein kleines Grinsen. Aber schon mal einem Islandpferde-Fan zu seinem Pony gratuliert? Nein? Kleiner Tipp: Ich würd’s bleiben lassen. Und, um nochmal auf die Farben zu kommen – ich kann zwar im Deutschen die Farbe eines Schecken spezifizieren, indem ich die „bunte“ Fellfarbe beschreibend an das Wort anhänge – aber eine echte, statt beschreibende, Übersetzung für skewbald und piebald fehlt mir im Deutschen.

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Ich schätze eine gezielte Kommunikation. Je genauer, desto lieber ist mir ein Begriff. Sag‘ nicht zu mir „Bring Blumen mit“, wenn du Rosen willst. Oder eher: wenn du keine Rosen willst. Ich mag sie nämlich, die Rosen, und so ist die Rose schnell meine Standardblume.

Ich halte keine Vögel, sondern Sittiche und Papageien. Also, Vögel sind das natürlich schon, aber ich würde das nicht so sagen. Denn auch Finken sind Vögel, und ich würde freiwillig keinen Finken ins Haus lassen. Diese finde ich doch eher nervtötend und uninteressant.

Bouldern, Freeclimbing und Klettern haben gemeinsam, dass man irgendwo raufsteigt, aber ich würde bei der Einladung doch gerne wissen mich erwartet.

Auf meinem Schreibtisch, zu Hause im Büro, steht ein Telefon. Was sieht der Leser vor sich? Sicher nicht das, was ich hier neben mir habe: Schwarz, mit Wählscheibe, der Hörer mit geringeltem Kabel am Gerät befestigt. Warum? Weil ich noch eines habe und es mich optisch anspricht. Es ist mir sehr viel lieber als die programmierbaren schnurlosen, die immer irgendwo im Haus liegen und nie aufzufinden sind wenn man sie braucht. Drückt man auf die Klingeltaste ist die Batterie leer und sie rühren sich nicht… Nein, mein Telefon, das bleibt wo es ist, ist mir fürs Büro wirklich praktischer. Und klar, es ist ein Telefon, genau wie mein Blackberry und mein Privathandy Telefone sind. Und doch sind die drei Geräte nicht deckungsgleich. Das Telefon im Büro mag nicht verloren gehen, dafür kann es weder SMS schreiben noch Nummern speichern (Die sind dafür im ‚berry…). Verwechslung in der Praxis ausgeschlossen… in der Unterhaltung nicht immer.

Wo die Sprache, in der ich mich gerade bewege, „versagt“, bediene ich mich gerne auch mal anderer Sprachen – zumindest gedanklich. Ausgesprochen versuche ich es zu vermeiden, wobei wir zu Hause doch eine eher babylonisch anmutende Verständigungsweise pflegen. Da fliegen die Sprachen wild durcheinander, und wenn gerade keine richtig passt gibt es eben Varianten von „Darmok und Jalak auf Tanagra.“

Okay – ich mag also Wörter. Spezifische Wörter sind mir lieber als generelle Sammelbegriffe. Ich mag nicht „Baum“ sagen, wenn es eine Birke ist.

Und ich reagiere eher ungehalten, wenn man mir Wörter wegnehmen will.

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Deswegen – und nun komme ich nach über 1000 Wörtern auch endlich zum Thema – bin ich nicht glücklich über die nun nicht mehr völlig neue Zusammenfassung aller Varianten unter „Autismusspektrum“. Es ist mir zu vage. Es umfasst zu viel. Würde es nach mir gehen, hätten wir viel mehr Begriffe, um mit einem Wort Variationen auszudrücken.
Dass Mancher meint, sogar die geringe Differenzierung, die wir hatten, wegnehmen zu müssen, empfinde ich als Verlust.
Es ist für mich nicht ein Weg hin zum umfassenderen „akzeptieren“ unterschiedlicher Varianten, sondern vielmehr ein Auslöschen von Variationen, das der Wirklichkeit nicht entspricht. Es nimmt den Anwendern des Begriffs das Bewusstsein, dass Autismus eben nicht gleich Autismus ist.

Reinhard Mey singt „Ich bin aus jenem Holze geschnitzt…“ Es eignet sich nicht jeder Baum für Schachfiguren, Kuckucksuhren, oder auch als Hackklotz. Es kann auch nicht jeder Autist mit jedem andere Autisten gleichgesetzt werden. Es wäre nicht fair, den jungen Mann, der mir neulich auf dem Mittelaltermarkt mit seinen Eltern gegenübersaß, an meinen Möglichkeiten zu messen; kennt jemand nur das nonverbale autistische Kind irgendwelcher Bekannten und nimmt dieser jemand an, Autismus sei immer vergleichbar, wird er sich stark wundern zu hören, dass manche von „uns“ auch Unternehmen führen … keiner, den ich kenne, mag gerne mit Dustin Hoffman’s Rainman vergleichen werden. Autismus und Autismus, das ist genauso schlecht gleichzusetzen wie Baum und Baum.

Ich freue mich nicht über das Zusammenwerfen der Diagnose. Ich halte es für kontraproduktiv. Das hat auch nichts mit mehr oder weniger autistisch zu tun oder mit schwerer oder leichter betroffen, mit Glück oder Pech haben … es nimmt aber die ohnehin schon viel zu geringe Möglichkeit der Differenzierung und Spezifizierung vollends weg.

Ich mag Wörter, und ich möchte keines davon verlieren. Ich finde es auch nicht gut, wenn Leute pauschal behaupten, „wir“ würden die One-Size-Fits-All Diagnoseregel gutheißen. Die homogene Gruppe der gleich denkenden, gleich funktionierenden, in allem – oder auch nur in einem Punkt – übereinstimmenden Autisten gibt es nicht.

Und das ist auch gut so.

Lingua franca

Sitzen sechs Leute im Restaurant und unterhalten sich. Nee, wird kein Witz.

Eigentlich ganz normal.  Jeder hat bestellt, jeder hat was bekommen, die Bestellungen haben sogar alle geklappt, die Runde ist entspannt.

Drei Paare, bestehend aus vier Herren und zwei Damen, das jüngste Paar irgendwo zwischen Mitte und Ende dreißig, das älteste klar jenseits der siebzig, das dritte irgendwo dazwischen.

Niemand benimmt sich daneben, aber immer wieder ist zu sehen, dass jemand, der in Hörweite am Tisch vorbeiläuft, kurz sichtbar nochmal hinhört und sich seinen Teil denkt. Seit ich drauf achte, fällt mir das auch auf. Stört jetzt nicht weiter, solang keiner stört.

Dann ist da dieses Kind. Im Schätzen bin ich schlecht, aber anhand der folgenden Konversation schätze ich die junge Dame mal in den Bereich 12-13. Jünger geht schlecht und älter hätte sie, hoffe ich, Besseres zu tun als fremde Leute zu stören. Kinder sind irgendwie wie Katzen. Kann man nichts mit ihnen anfangen, kommen sie zielstrebig auf eine zu, um einen daran zu erinnern, warum.

So auch hier, denn unter sechs Optionen such sie sich ausgerechnet mich aus.

„Entschuldigung, darf ich Sie was fragen?“

Immerhin ist sie höflich. Punkt für sie, und ich nicke – kann ja jetzt auch schlecht was anderes machen.

„Sprechen Sie Latein?“

Offensichtlich, würde ich jetzt gerne sagen, hört man doch, oder?!

Der Lieblingsmann hat trotz mangelnder Deutschkenntnisse ausreichend viel mitbekommen, kennt insbesondere meine Reaktionen recht gut, und tritt mir vorsorglich unterm Tisch ans Schienbein.

Sei nett, heißt das in dem Fall. Das Kind hat dir nichts getan.

Ich nicke.

„Warum?“

„Weil wir nicht dauernd ein Wörterbuch um den Tisch reichen wollen, und das die einzige Sprache ist, die wir alle sechs können.“

Sie ist sichtbar am Denken. Dann: „Mein Lehrer sagt, wenn man Latein kann, kann man sich weltweit mit allen gebildeten Leuten unterhalten.“

Jo. Das sagte mein Lateinlehrer damals auch schon, und zwar in genau dem Wortlaut. Würde ich jetzt nicht so ganz hundertprozentig unterschreiben, aber…

„Für uns klappt das jedenfalls ganz gut. Dann grüß‘ mal am Montag den Herrn R. schön von mir.“

Sie lacht, verspricht es und geht wieder.

Jetzt wüsste ich doch gern, ob sie’s tatsächlich getan hat. Und wenn ja, von wem.