Kernschmelze

Meltdown. Kernschmelze.

Ich zitiere Wikipedia:

„Als Kernschmelze bezeichnet man einen schweren Unfall in einem Kernreaktor, bei dem sich […] Brennstäbe übermäßig erhitzen und schmelzen. […]

Eine Kernschmelze kann auftreten, wenn die Reaktorkühlung und auch jede Notkühlung ausfällt. Die Nachzerfallswärme – sie entsteht nach Unterbrechung der Kernspaltung unvermeidlich – bewirkt dann, dass die Brennelemente sich stark erhitzen, schmelzen und das Schmelzgut (Corium) am Boden des Reaktors zusammenläuft.

Falls bei einem solchen Unfall auch das Reaktorgefäß zerstört wird, kann hochradioaktives Material unkontrolliert in die Umgebung gelangen und Mensch und Umwelt gefährden – ein Unfall, den man als Super-GAU bezeichnet.“

 

Im Zusammenhang mit Autismus hat „Meltdown“ natürlich nichts mit Radioaktivität zu tun. Dennoch wird der Begriff nicht grundlos verwendet.

 

Beim Lesen in den Foren finde ich oft Eltern, die von den „Wutanfällen“ ihrer Kinder erzählen. Meine erste Frage, immer: Sind das Wutanfälle? Oder sind das Meltdowns?

Der Unterschied ist in der Tat wichtig. Unterschiedliche Auslöser. Unterschiedliche Auswirkungen. Unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen.

Meltdowns gibt es laut und leise, mit Fremd- oder Autoaggression, mit Schreien oder durch Verstummen und komplett in sich zurückziehen. Wenn mir Eltern erzählen, ihre autistischen Kinder hätten noch nie einen Meltdown gehabt, würde ich das Kind gerne dafür beneiden, in einer so stressreduzierten Umgebung zu leben, fürchte aber eher, dass die Eltern in Frage in Gedanken an einem Klischee der Ausdrucksform hängen, und den Vorgang nicht erkennen.

 

Wie und wann kommt es zum Meltdown?

Meltdowns sind die ultimative Stressreaktion. Gibt man einen Autisten und einen Nichtautisten in dieselbe Situation, setzt man beide denselben Stimuli aus, wird der Autist mit hoher Wahrscheinlichkeit den höheren Stresspegel aufweisen. Das liegt an den fehlenden Filtern. Für uns ist alles ständig lauter, greller, extremer. Wir bekommen selten Pausen, in denen das Gehirn die Welt einfach ausfiltert. Die Methoden, mit denen wir uns diese Pausen nehmen können, werden uns allzu oft von den Nichtautisten in unserer Umwelt nicht so recht vergönnt. Selbst wenn wir sie bekommen – stehen wir den Rest der Zeit im Schnitt unter mehr Stress als der Nichtautist. Einfach nur dadurch, dass wir leben. Uns in der Welt aufhalten. Den ständigen Input von außen aushalten müssen.

Nein, dafür kann keiner was.

Stresspegel kann man messen. An bestimmten Blutwerten zum Beispiel.

Stresshormone kurbeln übrigens den Körper an, machen ihn kampf- und fluchtbereit und übermäßig aufmerksam. „Übermäßig aufmerksam“ verstärkt für uns das Problem, denn wir nehmen ohnehin schon mehr wahr als wir eigentlich verarbeiten können. „Kampf- und fluchtbereit“ führt dazu, dass viele von uns manche Stoffe schneller verbrennen, als wir sie durch Ernährung zuführen können. Wir neigen dazu, in Mangelerscheinungen abzurutschen, was zu allgemeinem Unwohlsein führt, was den Umgang mit dem Autismus jetzt auch nicht gerade erleichtert.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll… sofern ich jemals wieder die Zeit finde, regelmäßig zu schreiben… ein andermal erzählt werden.

 

So. Was machen Stresshormone im Körper?

Adrenalin und Cortisol sind die beiden wichtigsten „verdächtigen“. Sie beschleunigen den Herzschlag, erhöhen den Blutdruck, Muskeln spannen sich an, Blutzucker steigt. Die Atmung wird schneller. Die Verdauung wird vorerst eingestellt, um keine unnötige Energie zu verbrauchen.

Die Situation ist jetzt schon nicht so wahnsinnig angenehm, aber wenn der Stresspegel nun weiter ansteigt, und weiter, und weiter, dann kommt irgendwann der Punkt, an dem eine Art obere Gefahrengrenze erreicht ist. Der Körper registriert das Übermaß an Stresshormonen und hat nur eine Möglichkeit, dies zu interpretieren: Es besteht eine akute Lebensbedrohung.

Das ist keine bewusste Entscheidung. Ihr könnt es euch fast wie einen Schalter vorstellen, der umgelegt wird. So, wie ein Behälter irgendwann überläuft, wenn man immer weiter Wasser nachfüllt, ob er nun will oder nicht.

Wenn dieser Schalter „umkippt“, setzt das Denken aus. Dass objektiv keine Gefahr besteht, ist irrelevant. Der Körper schaltet auf reines Überleben. Mitdenken würde stören, es würde Reaktionen verlangsamen, es könnte in der Situation, auf die eine solche Reaktion eigentlich zugeschnitten ist, den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Bewusste Kontrolle gibt es nicht mehr. Je nach Situation und persönlicher Veranlagung ist dann alles möglich von: In sich verkriechen („totstellen“) und apathisch auf nichts mehr reagieren, über weglaufen (Flucht) bis hin zu wildem Angriff auf alles, was sich nähert, alles, was einen berührt.

 

Und dann?

Übermäßig viele Stimuli haben das Problem ausgelöst, und jeder weitere Stimulus – das heißt, jedes Wort, das gesprochen wird, jede Berührung… – verschlimmert die Situation. (Achtung: Bei manchen ist es umgekehrt und bestimmte Berührungen sind hilfreich. Bitte den Autisten in Frage fragen – aber nicht mitten im Meltdown, da kann er nämlich nicht sinnvoll antworten).

Dadurch, dass der Körper bereits alles mobilisiert hat, bringt man im Zustand des Meltdowns unter Umständen auch eine Kraft oder ein Tempo auf dem der/dem man sonst vielleicht gerade mal träumen kann.

In kürzester Zeit wird eine Unmenge an Energie verschossen. Irgendwann ist es vorbei. Der Körper ist erschöpft, es gibt keine Reserven mehr, man kann nicht anders als sich zu beruhigen. In der Situation, für die die Reaktion mal gedacht war… hat man dann entweder die Gefahr bereits beseitigt bzw. ist ihr entronnen, oder man geht in dem Augenblick drauf, in dem man „nicht mehr kann“.

In der Situation des Autisten in der heutigen Welt ist dann eben der Meltdown vorbei. Man kann sich beruhigen. Wird wieder ansprechbar. Ist tief erschöpft. Viele von uns brauchen nach einem Meltdown erst mal Schlaf, oft auch ungewöhnlich lange.

Es wird auch gelegentlich davon berichtet, dass man sich in Folge eines Meltdowns entspannter fühlt als vorher. Was auch logisch ist – denn aktuell ist im Körper alles, was eine Anspannungs-/Stressreaktion auslösen kann, verbrannt. Ja, als erwachsener Autist kann man u.U. die Entscheidung treffen, dass das jetzt ein sinnvoller Schritt ist, den Punkt zu provozieren.

Beim Kind – würde ich mich damit zurückhalten. Siehe gleich unten.

 

Der hohe Stresspegel verhindert übrigens die Bildung (zuverlässiger) Erinnerungen. Viele von uns haben keinerlei Erinnerungen an den Meltdown selbst. Es bleibt oft nur eine große Angst vor dem Auslöser, und vor dem Zustand selbst. Im Grund ist das, was man im Meltdown empfindet nämlich: Todesangst.

 

Haben nur Autisten Meltdowns?

Nein. Grundsätzlich kann man einen Meltdown bei jedem Menschen provozieren, wenn man ihn nur ausreichend viel Stress aussetzt.

Nur ist das beim NT nicht so einfach. Um den auf den gleichen Stresspegel zu bringen, braucht es deutlich mehr. Eben beispielsweise eine akut lebensbedrohliche Situation.

Die üblichen Verdächtigen:

Akute Katastrophen.
Folter.
Soldaten im Krieg.

Das sind so die Situationen, in denen der „Standardmensch“ den Meltdown am eigenen Leib erleben kann.

Was bedeutet: Der junge Autist, der tägliche Meltdowns durchlebt, erfährt die gleiche Menge an Stress wie ein Soldat im aktiven Kampfeinsatz unter Beschuss. Täglich. In der Schule. Zu Hause. In einem Umfeld, das eigentlich sicher sein sollte.

Wundert es da, dass so viele Autisten im Erwachsenenalter alle Diagnosekriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung erfüllen?

 

Deswegen die Grundregel: Meltdowns gilt es in allererster Linie zu vermeiden.

 

Und wie erkenne ich jetzt den Unterschied zwischen einem Meltdown und einfachem Zorn?

Eigentlich ganz einfach. Probe aufs Exempel wäre: Endet das Toben, wenn das Kind angeboten bekommt, seinen Willen zu bekommen? Wenn ja, war es kein Meltdown.

Nun ist diese Methode aber nicht in jeder Situation wünschenswert, und noch nicht mal in jeder Situation theoretisch machbar.

Ein anderes Verfahren mit relativ geringem Risiko eines falschen Ergebnisses: Geht Ablenkung? Biete dem Kind ein Glas Wasser an, sage irgendetwas mit der Situation komplett umzusammenhängendes, mach etwas total dämliches/albernes/etc. Im Meltdown wird keine Reaktion kommen. (Restrisiko besteht, dass sich das Kind im Zorn/Wutanfall auch nicht mehr dafür interessiert, andersrum dürfte kein Risiko bestehen.)

 

 

Meine zugrundeliegende Literatur für den Vergleich mit NTs:

Cognitive Performance and Mood associated with combat-like stress in Aviation, Space and Environmental Medicine;

Severe decrements in cognition, function and mood during simulated combat (Biological Psychiatry);

Stress induced deficits in special operations soldiers, idem.

Symptoms of dissociation in humans experiencing acute, uncontrollable stress (American Journal of Psychiatry);

Speziell zu Hormon- und Transmitterpegeln:

Relationships among Plasma Dehydroepiandrosterone Sulfate and Cortisol Levels, Symptoms of Dissociation and Objective Performance in Humans Exposed to Acute Stress (Archives of General Psychiatry),

Relationship among plasma cortisol, catecholamines, neuropeptide Y and human performance during exposure to uncontrollable stress (Psychosomatic Medicine),

Plasma Neuropeptide Y concentration in humans exposed to military survival training und Hormone Profiles in Humans experiencing Military Survival Training (beide Biological Psychiatry).

Autoren liefere ich auf Wunsch nach, die hatte ich nicht mit notiert, als ich die Liste das letzte Mal gebraucht habe.

Texte zur allgemeinen Wirkung von Stresshormonen finden sich auch auf Deutsch zahlreich online.