Gerade in der Mittagspause

Lieblingsmann: „Wenn wir auf der anderen Straßenseite laufen würden, könnten wir zwei PokeStops mehr abgreifen.“

Ich: „Geh nur, ich treff ich dann oben wieder an der Ampel, wo ich immer über die Straße gehe.“

Kollegin vom Lieblingsmann: „Manchmal weiß man echt nicht, wer von euch beiden mehr spinnt…“

Advertisements

Ich kann dieses Buch nicht lesen…

Also, jetzt nicht weil ich nicht lesen könnte.

Vor vielen Jahren habe ich meine eigenen Bücher mit in den Kindergarten geschleppt, weil der dort vorhandene „Lesestoff“ den Namen nicht verdiente, und den einen oder anderen Erwachsenen damit verblüfft, dass ich fehlerfrei aus der Zeitung vorlesen konnte.

Karl May hatte ich so etwa im Alter von neun Jahren unter dem Weihnachtsbaum, Winnetou I – III… Das führte zu Verwirrung, nicht ob der etwas antiquierten Sprache, sondern weil mich aus irgendeinem Grund die Schreibweise in der ersten Person störte – es dauerte eine Weile, bis ich mit „dem Ich“ zurechtkam.

Dabei hatte ich bereits zuvor Moby Dick verschlungen, zuerst in der altersgemäß bearbeiteten Fassung und dann aus dem Regal meiner Mutter, von ihr kommentiert mit „Das wird dir so noch nicht gefallen“. Oh, aber es gefiel! Schatzinsel  folgte, Gullivers Reisen, womit meine „Klassikerreise“ begonnen hatte, hatten wir leider nur die Kurzfassung im Haus. Robinson Crusoe, dann einmal quer durch Mark Twain, dazwischen immer wieder Moby Dick, das Buch das mich nie wieder losgelassen hat.

Etwa ein Jahr drauf hatte mich die Perry Rhodan Sammlung meiner Mutter dann im Griff, und als ich mir von meinem Ersparten das Star Trek Romanpaket kaufen durfte, das im Fernsehen regelmäßig beworben wurde –wenn auch mit selbst bei der Hotline anrufen müssen, natürlich mit Eltern im Hintergrund – war mein Leseglück erst mal perfekt. Ich glaube zwei der sechs Bücher aus dem Paket (Spocks Welt & McCoys Träume) kann ich mit etwas Anstrengung heute noch auswendig.

Also daran, dass ich nicht lesen könnte, liegt es wirklich nicht.

An der Sprache liegt es auch nicht. Englisch lese ich auch schon fast so lange wie deutsch.

Und auch der Inhalt ist es nicht. Inhaltlich werde ich an einem Buch, das sich auf ein Spezialinteresse bezieht, sicher nichts aussetzen.

Aber welcher – man verzeihe mir die Ausdrucksweise – absolute Volltrottel kommt denn bitte auf die Idee, heute noch auf reinweiß gebleichtem Hochglanzpapier zu drucken? Also, ich sehe zwar im Finstern relativ gut – vergleichsweise jetzt, und nur mit Brille, ohne wird das nie was –, ich komme mit wenig Licht aus, aber ETWAS Licht brauche ich auch. Und sobald ich etwas Licht habe sind sie da – die Reflexionen und Spiegelungen auf diesem Papier, die mir den Text durcheinanderbringen.

So, stelle ich mir vor, fühlt sich Legasthenie an. Die Buchstaben die ich gerade lesen will sind nur teilweise da, es kostet eine wahnsinnige Anstrengung , die Wörter auszumachen, die mir die Spiegelungen teilweise nehmen. Und die Spieglung bewegt sich auch noch mit, sobald ich das Buch, den Kopf, oder beides bewege.

Also, ich mag Puzzles, aber nicht, wenn ich einfach nur in Ruhe meinen Neuerwerb lesen möchte.

bild1

(Nein das ist nicht der Blitz!)

Sonnenbrille aufsetzen hilft auch nichts, da bräuchte ich ja eine Sonnenbrille für das Buch, nicht für mich…

Irgendwann entnervt aufgegeben, Buch weggelegt, zum Physiker der Familie gegangen und mir einen Satz Polarisationsfilter geholt. Polfilter sind tolle Spielsachen, und lassen sich unter anderem verwenden, um Lichtreflexionen von Büchern zu entfernen.

bild2

Also doch Sonnenbrille fürs Buch.

Geht doch.

(Lieber Verlag, bitte verwenden Sie künftig vernünftiges Papier. Schont nicht nur die Umwelt, sondern auch die Nerven mancher Leser. Besten Dank.)

Überschätzt

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“

Huch. Ja, klar, natürlich ist alles in Ordnung. Der Flug war ereignislos, ich bin nach der Landung zügig aus der Maschine gekommen und vor dem großen Ansturm der Passagiertraube mit massenweise Handgepäck, kleinen Kindern und allgemeinem Chaos einigermaßen geordnet an und durch die Passkontrolle, und nun habe ich mich eben schön aus dem Weg an eine Wand gestellt und warte auf den Lieblingsmann – denn der hat unser Handgepäck und ist damit deutlich langsamer dran.

Irgendwas sollte ich jetzt auch sagen, aber ich bin in der Sprache noch nicht so ganz angekommen – zwar beherrsche ich zwei tote und eine ganze Handvoll lebende Sprachen, und würde im größten Teil West-, Südwest-, Mittel- oder Nordeuropas nicht verhungern, wenn ich nur in der Landessprache kommunizieren dürfte, aber dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – brauche ich häufig einen Moment, um mich sprachlich umzustellen. Eben drei Tage in England verbracht, mein Hirn läuft noch in English und weiß gerade nicht so recht, warum es nun einen Satz auf Deutsch bilden soll…

„Jaja, alles super.“ Das klingt nicht mal für mich überzeugend, und ich weiß dass es stimmt. Er schaut zweifelnd. Ich schaue etwas düster zurück, bin jetzt bereits etwas genervt – ich finde es nicht besonders toll, wenn Wildfremde mir ohne weiteren Grund ein Gespräch aufzudrängen versuchen. Noch schlimmer wenn der Fremde offenbar meint einen Grund zu haben, und sich dieser mir absolut nicht erschließt. Ich gehe in Gedanken gerade durch, was ich seit der Landung gemacht habe. Habe ich in dem Versuch, der Masse zu entgehen irgendwelchen Blödsinn gemacht, den ich nicht bemerkt habe? War ich ungeplant unhöflich zu der Dame in der Passkontrolle? Hat er vielleicht schon mal versucht mich anzusprechen und ich habe es komplett wegignoriert?

Er sagt irgendwas, das ich nur halb mitbekomme weil ich durch die Überlegung abgelenkt bin. Seinen Text aus dem Hintergrundlärmpegel im Flughafen herauszudividieren braucht eben ungeteilte Aufmerksamkeit.

Dafür sehe ich aber meinen Lieblingsmann kommen. Der Herr vor mir bemerkt offenbar meinen Blick, dreht sich um beobachtet, wie er näher kommt.

Da ist er, und bevor er mir meine Tasche geben kann, legt der andere schon wieder los: „Belästigt der Herr Sie?“

Wenn wir jetzt im Comic wären, hätte ich ein Fragezeichen über dem Kopf, denn ich habe keine Ahnung, wie er auf die Idee kommt.

„Äh – nein? Das ist mein Mann? Mit meinem Gepäck?“ Wenn ich irgendwie nachvollziehen könnte, was der Herr sich denkt, wäre es leichter, zu antworten. So habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht so genau weiß, auf welche Frage ich antworte. Also, die Worte waren schon klar, aber der Hintergrund dazu fehlt mir vollständig. Wie kann man denn irgendwas, das er gerade gemacht hat, so interpretieren? Ich mag zwar nicht die Beste im Interpretieren sein, aber normalerweise kann ich doch wenigstens im Nachhinein einigermaßen erraten, was los ist.

„Sie müssen trotzdem nicht—“

Ich höre auf ihm zuzuhören.

Wenn ich jetzt sagen würde, was ich mir denke, wäre das im höchsten Grade unverschämt. Erstens versuche ich das zu vermeiden, und zweitens muss ich davon ausgehen dass der Herr tatsächlich glaubt, ich bräuchte aus irgendeinem Grund seine Hilfe, und ihm jetzt an den Kopf zu werfen was ich gerade von ihm halte, würde ihn sicher nicht gerade ermutigen, das Angebot in einer anderen Situation zu wiederholen, bei einer anderen Frau die vielleicht tatsächlich dankbar dafür wäre. Versuche ich, ihm gegenüber höflich bis freundlich zu bleiben, wird es extrem unsicher und unecht klingen, da komplett konstruiert.

Also ignoriere ich ihn für den Augen blick – gut, das ist auch nicht besonders nett von mir – und übersetze stattdessen die Situation mal eben für den Lieblingsmann, dessen Deutschkenntnisse eher beschränkt sind. Der schenkt dem Herrn seinen „Echt jetzt?“ Blick und gibt mir derweil meine Tasche. Kurzaufenthalte wie diesen machen wir grundsätzlich nur mit Handgepäck.

Der Herr wartet auf Antwort in seine Richtung, also reiße ich mich nochmal zusammen.

„Schauen Sie, ich weiß nicht, was Sie da falsch verstanden haben, aber es ist wirklich alles okay.“

Er schaut zweifelt.

„Sie sind da vorhin so schnell aufgestanden und ’nur weg von dem’…“

Oh.

„Äääh, nein. Also ja, also ich mag das Gewusel nicht, wenn alle gleichzeitig ihr Handgepäck suche und dann auf dem Flieger stürmen. Drum schau ich dass ich als erstes rauskomme und Abstand zwischen mich und die Masse bringe, und mein Mann sammelt in Ruhe das Gepäck…“

Er schaut zweifelnd. Überzeugt ist er nicht. Aber er gibt Ruhe. Und ich bin linguistisch auch wieder im Land. Super.

Wir gehen unser Auto aus der Tiefgarage befreien, und ich schüttle innerlich noch den Kopf. Wenn der Herr uns ausreichend genau beobachtet hat, um zu merken, dass ich alleine voraus bin, und das sehr zügig, hat er dann nicht auch gesehen, dass wir den ganzen Flug über in bester Zweisamkeit nebeneinander saßen, jeder ein Buch in der Hand und immer mal wieder dann anderen grinsend anstupsend und auf eine Textstelle zeigend? Dass da nichts, aber auch gar nichts vorgefallen ist, dass die Annahme rechtfertigt, irgendwas wäre nicht in Ordnung? Dass wir direkt vor dem Landeanflug noch meinen Geldbeutel etc. aus dem Rucksack unterm Vordersitz gefischt haben, damit ich mein Zeug beieinander habe? Hat der nicht gemerkt, dass das irgendwie nicht zu seinem Eindruck passte?

 *

 Ich weiß, dass ich selbst es sehr schwer finde, die Hintergründe von Situationen zu schließen. Mit genug Informations-Input und Konzentration geht es häufig, aber intuitiv erfassen – das ist jetzt so oder so – das ist sehr, sehr schwer, und passiert nur extrem selten.

Was mir allerdings noch schwerer fällt als zu verstehen, wie der NT-Mensch das macht, ist wann er das tut. Und in welchem Umfang. Das sehe ich auch gerne bei Asperger-„Kollegen“. Wir neigen wohl gelegentlich etwas dazu, eure Fähigkeiten zu überschätzen. Dieses Erfassen und Interpretieren – das ist etwas, das ihr könnt, und wir nicht, oder nur mit Schwierigkeiten. Dass es auch da Grenzen gibt… nun, das vergesse ich ganz leicht mal.

Und nebenbei: Ich sehe zwar, dass es sie gibt – aber ich habe absolut keine Ahnung, wo sie sind.