10. Nacht: Die Wäscherin bei St. Michael

Die Stadt Weiden besitzt so einiges an Kirchen. Eine davon, die St. Michaelskirche nahe des alten Rathauses, ist zur Weihnachtszeit der Schauplatz eines sehr speziellen Spuks.

Es heißt, wenn die Glocken während der Christmette zur Wandlung läuten, erscheint in der Nähe der Kirche eine Frau, begleitet von einem sehr unangenehmen Geruch. Sie kommt, um im Stadtbach Windeln zu waschen. Dieser allerdings fließt schon lange nicht mehr am Pfarrhof vorbei, sodass sie wohl inzwischen unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen muss.

Diese alljährliche Arbeit verrichtet sie zur Strafe, dass sie einst statt die Messe zu besuchen, ihre Wäsche machte. Wäsche und Rauhnächte vertragen sich ja bekannterweise nicht nur dann nicht so gut, wenn man dafür den Gottesdienst schwänzt… Auch diese Wäscherin hat ihre fehlende Vorsicht damals wohl nicht lange überlebt.

 

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6. Nacht: Bannorte

Bannorte sind Stellen, an die böse Geister gebunden werden können, auf dass sie jene in Frieden lassen, denen sie zuvor zugesetzt haben. Natürlich sollte man diese Orte gerade während der Rauhnächte meiden.

Einige davon befinden sich in Sumpfgebieten und sind ohnehin schwer zu erreichen; ein Weiher liegt auf dem US-Truppenübungsplatz bei Grafenwöhr, und sollte schon deswegen nicht als Ausflugsziel gewählt werden.

Ein gebannter Geist ist seinem Herrn Arbeit schuldig. Nur eine kurze Zeitspanne, heißt es, während der Dämmerung, kann er einigermaßen frei in Krähenform verbringen und seine geringe Freizeit genießen.

Unter den Bannorten befindet sich auch die Burgruine von Flossenbürg – ein Ort, den ich während der Rauhnächte in der Tat meiden würde, im Sommer und allgemein bei gutem Wetter als Rückzugsort aber sehr schätze.

Die offiziell zugänglichen Bereiche der Ruine, ausgestattet mit Geländern und Treppen für Besucher.

Blick aus dem Burghof

Die Reste des Wehrturms

Alle Bilder von Wikipedia (Von Mibeer – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20712143)

4. Nacht: Das Rabenbrückerl

Von Klobenreuth nach Neustadt kann man auf der Straße gehen. Man könnte jedoch auch eine Abkürzung nehmen, durch den Wald und über den Bach. Das war auch der Weg, auf dem die Klobenreuther Gemeindemitglieder früher Sonntags zur Kirche nach Neustadt gingen. Allerdings wird der Weg nicht nach Einbruch der Dunkelheit benutzt, und schon gar nicht in Zeiten mit erhöhtem Spukaufkommen.

Die Brücke über den Bach – der „Rabenbach“ ist mehr ein kleiner Steg aus Granit.

Einst wurde in Neustadt eine Diebin gefasst. Da ihr Diebstahl besonders schwerwiegend war, wurde nicht nur die Todesstrafe ausgesprochen und vollstreckt, sondern die Strafe weiter verschärft: Der Leichnam sollte an einem Baum entlang des Wegs nach Klobenreuth aufgehängt werden, und dort hängen, bis die Raben das Fleisch abgefressen hatten.

Dies wurde so ausgeführt, und das Urteil wurde an der Stelle am Bach vollstreckt, an der noch immer die kleine Brücke steht.

Es heißt, seitdem hätte der Teufel selbst dort Zugang, und manch einer hat ihn schon gesehen, wie er bei der Brücke nachts mit zwei Kumpanen und Spielkarten auf achtlose Reisende wartet – denn zum  „Schafkopfen“ braucht man vier Mann.

Die Diebin von damals allerdings hat die Stelle ebenfalls nicht verlassen. Sie erscheint nachts im weißen Kleid – oder Büßerhemd.

Eine Begegnung wird so geschildert: In Klobenreuth lag eine Frau in den Wehen, und ein Kind aus dem Dorf wurde nach Neustadt geschickt, die Hebamme hohlen. Dem Jungen wurde eindringlich mitgeteilt, dass es eile, und so nahm er, auch wenn es bereits Nacht war, den Weg durch den Wald. Bei der Brücke begegnete er dann – wie zu erwarten – der „weißen Frau“, die ihm den Weg wies und ihn weiter zur Eile anhielt. Sei es aufgrund seines Alters, der Art seines Botengangs, oder weil sie allgemein keinen Groll gegen die Lebenden hegt – sie scheint es zumindest in dieser Nacht gut gemeint zu haben.

Leider sind keine anderen Begegnungen mit ihr bekannt, bei denen es zu Gesprächen gekommen wäre.

 

Linguistisch interessant: Der Steg wird als „Roombrückerl“ gesprochen. Es wird allgemein verstanden, dass das „Rabenbrückerl“ heißen soll. Jedoch: Im örtlichen Dialekt existiert das Wort „Rom“ oder „Room“ für „Raben“ nicht.

 

1. Nacht: Friedhofkirche Neustadt/Waldnaab

Frontansicht der Kapelle; das Gebäude ist hellgrün gestrichen und hat einen kleinen Turm in der Mitte der schmalen Seite, über dem Eingang.

Das kleine Städtchen Neustadt an der Waldnaab ist mit vier katholischen Kirchen bei unter 6000 Einwohnern sehr gut bestückt.

Eine der vier ist die Friedhofkirche „Zur heiligen Dreifaltigkeit“, datierend aus dem Jahr 1662. Heute wird sie nur noch als Kapelle genutzt.

Tafel „Friedhofkirche Hl. Dreifaltigkeit/Erbaut im Jahre 1662 von Johann Kirchberger, Neustadt

Friedhof und Kirche befinden sich an einem Ort, an dem traditionsgemäß die nächste Welt ohnehin etwas näher liegt als üblich.

Wünscht man keinen Kontakt zu den Toten, sollte man den Friedhof, und insbesondere die Kapelle, während der Rauhnächte nach Einbruch der Dunkelheit meiden. Betritt man den Friedhof dennoch, wird man in der Kapelle Licht sehen.

Sollte ein Unerschrockener sich nun nähern und die Tür öffnen um einzutreten, wird er eine Gemeinde versammelt sehen, die gemeinsam Gottesdienst feiert. Die Gläubigen sind die Seelen der Verstorbenen des letzten Jahres. Auf dem Altar brennen unzählige Kerzen, daher kommt das Licht. Jede Kerze repräsentiert ein Mitglied der lebenden Gemeinde.

Möchte man vermeiden, mehr zu erfahren, als man möglicherweise wissen will, sollte man nun schleunigst den Rückweg antreten. Bleibt man jedoch aus Neugier als Zuschauer, oder hält einen die Furcht wie angewurzelt in der Tür, so kann es sein, dass man dort noch steht, wenn eine Kerze auf dem Altar erlischt.

Dann erhebt sich einer der Geister und nähert sich dem sterblichen Zuschauer. Dieser mag in dem Schemen einen geliebten Menschen erkennen, der im letzten Jahr gegangen ist.

Sofern er nun nicht doch die Flucht ergreift, wenn ihn die unnatürliche Kälte des Toten erreicht, wird ihm in einem Lufthauch ein Name zugeflüstert werden. Der Name desjenigen, dessen Kerze eben erloschen ist: Die erste Person, die im neuen Jahr der Gemeinschaft der Toten beitreten wird.

Seiten-/Rückansicht der Kirche; es ist zu sehen, dass der Altarraum die Form eines halben Achtecks hat. Im Vordergrund Gräber.

Alle Fotos sind von Wikipedia (By btr – Own work, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2515509).

Die Rauhnächte

Die Rauhnächte sind in der Tradition mit der ich aufgewachsen sind, zwölf Nächte um den Jahreswechsel, beginnend mit der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember und endend mit der Nacht vom 5. auf den 6. Januar. Regional sind Beginn und Ende sowie Dauer etwas unterschiedlich.

Ich komme, wie in hin und wieder bereits erwähnt, aus einem katholischen Haushalt. Allerdings ist meine Familie genau das, was Bruno Jonas in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Bayern“ beschreibt. Man bezeichnet es auch gelegentlich als Bayrisch-Katholisch, wobei ich ohne nachzusehen, nicht sicher bin, ob der Begriff bei Herrn Jonas so vorkommt. Die Beschreibung jedenfalls tut es: Katholizismus, gemischt mit einer gesunden Portion Volksbrauch und Volksglauben. Man kann ja nie wissen, ob die damals nicht doch Recht hatten, nicht wahr?

Die Rauhnächte sind eine Zeit, in der unsere Welt und die „nächste“, die Anderwelt, wie immer man sie nennen möchte, etwas näher beieinander sind als sonst. Diese Eigenschaft teilen sie sich je nach Tradition mit den Sonnwendtagen, den Tag-Nacht-Gleichen, und den Tagen genau auf halber Strecke zwischen diesen.

Während es für die Bezeichnung Raunacht oder Rauhnacht mehrere mögliche Ableitungen gibt, ist der Ursprung relativ eindeutig zu bestimmen:
Er dürfte in einer alten Zeitrechnung liegen, die auf dem Mondkalender basierte. Dieser hat 354 Tage. Um nun den Kalender mit dem Sonnenjahr in Einklang zu bringen, und nicht die Jahreszeiten durch die Monate tanzen zu lassen, muss man die fehlenden Tage irgendwo unterbringen – und das sind eben genau elf Tage – oder zwölf Nächte. Unsere Rauhnächte, die „außerhalb der Zeit“ (also außerhalb des Kalenders) liegen. Solche Tage zum Auffüllen des Mondkalenders werden allgemein auch als „tote Tage“ bezeichnet.
Diese Auffassung wird übrigens auch dadurch gestützt, dass wir diese Tage, selbst wenn uns die Bezeichnung oder Bedeutung der Rauhnächte nicht bekannt ist, gelegentlich als die Zeit „zwischen den Jahren“ bezeichnen. Genau das dürfen sie einmal gewesen sein.

Heute finden wir Verweise auf diesen besonderen Zeitraum auch dort, wo die Rauhnächte an sich kaum eine oder gar keine Rolle spielen – etwa in den Twelve Days of Christmas im angelsächsischen Raum.

Die Rauhnächte sind also ein Zeitraum, in der wir dem Anderen etwas näher sind. Als solche sind sie von jeher besonders gut für alles geeignet, das einen Kontakt zur Anderwelt erfordert. Kontakt mit den Verstorbenen; Wahrsagen; Geisterbeschwörung; Magie.

Andersherum öffnet sich die Tür auch in unsere Richtung. Je nach Tradition durchgehend oder lediglich in der mittleren Nacht – der Silvesternacht – haben Geister und tote Seelen freien Zugang zu unserer Welt. Warum machen wir zu Silvester so viel Lärm, mit Böllern und Feuerwerk? Um die bösen Geister zu erschrecken und abzuhalten, natürlich, die in dieser Nacht in unsere Welt strömen und sich nach einem guten Platz umsehen, um ihr Unwesen zu treiben!

Es heißt, Tiere könnten in den Rauhnächten in Menschensprache kommunizieren.

Die Wilde Jagd, angeführt von Odin selbst, bricht – erneut nach Tradition unterschiedlich – in den Rauhnächten oder speziell in der Silvesternacht – auf und macht sich auf den Weg zu einer neuen Runde. Deswegen sind in den Rauhnächten auch keine weißen Laken zum Trocknen aufzuhängen. Die Wilde Jagd könnte sie im Vorbeireiten mitnehmen und im Lauf des Jahres zum Totentuch für den Besitzer umwandeln. Eigentlich sollte man das Wäschetrocknen auf der Leine komplett bleiben lassen. Die Wilde Jagd findet es nicht lustig, wenn sie sich in den gespannten Schnüren verfängt.

Wie erwähnt – auch zum Wahrsagen eignen sich die Rauhnächte hervorragend, und auch das hat sich natürlich erhalten. Wir benutzen die Silvesternacht ja immer noch gerne zum Orakeln, auch wenn es sicher die Wenigsten ernst nehmen.

So… und weil ich die Rauhnächte mag, und gerne mit euch teilen möchte, werde ich versuchen, in den nächsten zwölf Tagen zwölf thematisch passende Geschichten aus der Tradition meiner Heimatgegend mit euch zu teilen.

 

Sigrid Früh: Rauhnächte. Märchen, Brauchtum, Aberglaube, Verlag Stendel, Waiblingen, 1998

Jacob Grimm: Deutsche Mythologie, 1835

Bruno Jonas: Gebrauchsanweisung für Bayern, Piper Taschenbuch, 2007

Rudolf Kleinpaul: Die Lebendigen und die Toten: Volksglauben, Religion und Sage, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Berlin/Leipzig, 1898