Fortsetzung von hier

Samstag, Morgen bis Mittag

Ich bin kein Morgenmensch , ohne Kaffee erst recht nicht, aber immerhin hatte unser Quartier einen solchen. Der Mann war sogar schon wach und hatte mir eine Tasse reserviert. Ich trinke meinen ersten Kaffee des Tages durchaus auch lauwarm oder kalt, zu Hause auch häufig in Form des Rests von gestern…damit hole ich mir dann gerade genug Energie, um mir einen neuen zu machen.

Zugegeben, seit dem Kaffeevollautomaten (zusammen mit dem Roomba die beste Anschaffung der letzten Jahre!) ist das nicht mehr wirklich notwendig, Knöpfchen drücken kann ich auch im Halbschlaf, aber Gewohnheiten sterben langsam.

Auf jeden Fall kippe ich also eine Tasse nur noch mittelwarmem Kaffee runter, zur Überraschung der Gastgeber, und verziehe mich dann nochmal, um meine Tasche zu sortieren und sicherzustellen, dass alles da ist. Denn natürlich habe ich zu meinem Feldchirurgen eine historische Arzttasche mit Inhalt, und während ich die zwar nicht tatsächlich am Patienten zum Einsatz bringe, muss man doch öfter mal interessierten Zuschauern erklären, was da was ist, was man damit macht, wie, warum, seit wann, und wie das heute so ist. Das geht deutlich besser, wenn man in der eigenen Tasche auch wirklich was findet. Tunlichst auf den ersten Griff und ohne Hinschauen.

Bis ich damit fertig bin, ist der Herr fertig gestriegelt und rasiert… so richtig mit Schaum und aus- und einklappendem Messer, wir leben schließlich gerade das neunzehnte Jahrhundert aus. Zumindest, wenn es nicht um die Kaffeemaschine geht. Das mit dem Rasieren bekommt er in der Tat auch hin, ohne dass der Feldchirurg gleich eingreifen müsste. Eigentlich erstaunlich, da er Verletzungen sonst eher magisch anzieht.

Wären wir irgendwo im Lager, hätten wir das Führstück alle zusammen im oder vor dem Messezelt oder im oder vor dem Zelt des Befehlshabers eingenommen. So frühstückt jeder für sich in seinem Quartier, und es finden sich dann alle Koordinatoren langsam bei der Besprechung ein. Die meisten Leute reisen ja doch in Gruppen an, oft in Form einer speziellen Kompanie, und es wird dann ein Vertreter abdelegiert.

Wir gehen also kurz den Plan für die erste Schlacht durch. Wie gesagt: Keine historische, sondern nur was fürs Publikum. Es geht darum, in 45 bis 60 Minuten möglichst viel zu zeigen – unterschiedliche Formationen – Kolonne, Karree, Linie –, Kavallerie vs. Fußsoldaten, Artillerie (wie wird so ein Ding benutzt, und was tut man dagegen?), am besten mit Gelegenheit, das Laden der Musketen gut sichtbar vorzuführen. Es ist erstaunlich schwer, das alles zu planen, wenn man bedenkt, dass es in den meisten nachgestellten Kämpfen tatsächlich ganz von selbst vorkommt.

Der zweite Kampf, nachmittags, soll die Erstürmung der Festung darstellen. Beginnend mit dem Überwinden der Mauer wird in einigen Straßen und Plätzen gekämpft. Auch ein paar Gebäude sollen eingenommen werden. Eines davon wurde uns als Lazarett zugewiesen. Die Auswahl erfolgte hier danach, wo man am besten Publikum platzieren kann, die Leute wollen ja was sehen – und das ist bei Straßenkämpfen sehr schwer. Entsprechend ungern haben wir diese. Wir hatten auch noch keine Gelegenheit, uns die Stellen bei Tageslicht (oder eigentlich überhaupt) anzusehen, und arbeiten aktuell nur mit den erhaltenen Plänen.

Nachdem also abgesprochen wurde, wer sich wann auf dem Feld einfindet, wer sich wo aufstellt und wer danach wen wie wo angreift, ist noch kurz sicherzustellen, dass nach dem Kampf unser Lagerersatz durchgängig ausreichend besetzt ist. Zwar haben wir, der Belagerungssituation geschuldet, kein „echtes“ Militärlager, wohl aber einen Teil des Platzes, auf dem der obligatorische historische Markt stattfindet, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen, kleinere Sachen vorzuführen, unser Mittagessen zu kochen – das Frühstück wird meist vom Organisator gestellt, für weitere Mahlzeiten sind die Teilnehmergruppen oft selbst verantwortlich.

Dann ziehen die Teilnehmer in Gruppen ab, um sich ihre Schwarzpulverzuteilung zu holen – nicht ohne noch einmal ermahnt zu werden, sich dieses gut einzuteilen, denn es muss für beide Schlachten reichen. Schwarzpulverausgabe ist genau einmal am Tag, und wenn es weg ist, ist es weg.

Die Artillerie verzieht sich aufs Feld, die Kanonen testen – Reenactmentkanonen sind auch nur Kanonen und leiden manchmal unter denselben Problemen wie ihre historischen Vorbilder. Es soll ja nun aber jede stattfindende Explosion gezielt ablaufen, und wenn zwischenrein eine Kanone ungeplant verstopft und nicht mehr zündet, kommt das für die Schlacht auch eher ungünstig – auch wenn es das Publikum gelegentlich recht witzig findet.

Zu dem Zeitpunkt taucht auch erstmalig der lokale Photograph auf, der uns den Rest des Tages immer mal wieder auflauern wird. Ich mag ja nicht gerne photographiert werden, und die Herrschaften mit den Kameras respektieren dies zumeist auch. Im Hintergrund mal mit drauf sein lässt sich nicht vermeiden, und Privataufnahmen irgendwelcher Besucher auch nicht, aber gut…
Mein Mann hat dieses „Problem “ nicht und posiert mal schnell für die ersten Photos des Tages..

Wir stellen dann nur noch schnell sicher, dass mein Handy erreichbar ist. Eine Sache, die ich verweigere, ist der Knopf im Ohr. Ich hasse Kopfhörer und ich hasse die Ohrsteckerknöpfe fast noch mehr. Nein, kein Headset für mich. Wenn mich jemand braucht, werde ich eben ganz anachronistisch mein Handy aus der Tasche nehmen müssen. In dem Wissen, dass er mich anfunken kann, wenn er mich braucht, trennen sich dann unsere Wege. Er holt sein Schwarzpulver, sein Pferd und wird mit „Philippon“ den Kampfplatz inspizieren (Der Oberbefehlshaber ist häufig zu sehr mit seiner Rolle beschäftigt, um gleichzeitig die Koordination machen zu können. – Außerdem muss Philippon ja in der zweiten Schlacht verschwinden und aus der Stadt fliehen… da wäre dann nicht mehr so viel mit Koordination).

Ich schließe mich derweil schnell mit den anderen Chirurgen kurz und suche mir dann den Weg ins englische Lager, um mich da mal umzuschauen. Vor der Schlacht mischen sich die beiden Seiten üblicherweise eher weniger, bzw. nur in den Koordinationstreffen. Da ich in meiner Position aber keine Uniform trage, stört sich niemand dran, dass ich doch schon vorbeischaue.

Etwas lachen muss ich über die Frau in vollem Kostüm, die ein Pferd in vollem Kostüm Gassi führt wie ein Hündchen. Vor meinem inneren Auge hebt das Tier am nächsten Baum das Bein. Vor meinen äußeren Augen natürlich nicht, aber es scheint seinen Spaziergang sehr zu genießen.

Die Briten und die Portugiesen sind tatsächlich mit Vertretern aller relevanten Truppen angereist: portugiesische Uniformen, britische Redcoats und die grünen Uniformen der Rifle Brigade sieht man. Sir Thomas Picton, der zu Waterloo seine Männer in Abendgarderobe und Zylinder statt in Uniform befehligte, ist auch sehr gut getroffen dargestellt–ob der Mann, der ihn spielt, nun von selbst so gerne flucht oder das für die Rolle extra einstudieren musste, lasse ich mal dahingestellt. Er gibt jedenfalls einen sehr überzeugenden und nicht zu überhörenden Picton ab, wie er gerade seine Männer zusammenstaucht.

Die Soldaten ziehen dann Kompanie für Kompanie ab zum Einexerzieren. Es müssen schließlich um die zweihundert Menschen, von denen die meisten noch nie zusammen „gekämpft“ haben, gleich gemeinsam eine Schlacht schlagen, und dabei aussehen, wie eine eingespielte Armee. Um da im Vorfeld etwas zu üben, bekommt jede Seite einen Exerzierplatz zur Verfügung gestellt, und kann dort etwas üben. Wie viel davon wirklich stattfindet und was genau gemacht wird, ist den jeweiligen Befehlshabern selbst überlassen.

Ich lasse mir Zeit, um auf den Gefechtsplatz zu kommen. Schließlich müssen wir uns nicht großmächtig aufstellen. Wir haben ein Lazarettzelt. Was dort drinnen vor sich geht, sieht von außen keiner. Davor ist ein Tisch aufgestellt, auf dem für das Publikum mal etwas Verwundetenbehandlung gezeigt werden kann. Amputationen wird es heute nicht geben, da wir keinen Reenactor mit abnehmbaren Körperteilen dabei haben.

Die Zuschauer finden sich fast zeitgleich mit den ersten Soldaten ein, die im Feld aufmarschieren und Aufstellung nehmen. Die Schotten tuten etwas auf ihren Dudelsäcken, die Flötisten flöten und die kleinen Trommler geben sich redlich Mühe, den Takt zu halten. Einzelne Offiziere galoppieren ihre kostümierten Pferde mal um den Platz – weniger zum Aufwärmen und mehr, damit das Publikum schon mal was zu sehen hat. Die Ansage beginnt, der Ablauf wird ab nun kommentiert.

Da man sich das Fluten und Verminen des Geländes vor der Stadt gespart hat, muss auch keine aufpassen, wo er hintritt.
Die Schlacht beginnt. Wir haben erst mal nichts zu tun als zuzuschauen. Musketen sind ziemlich laut, rauchen und stinken. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich tatsächlich an den Geruch. Kanonen sind noch lauter und rauchen noch stärker. Das Schlachtfeld liegt schnell unter Nebel, man kann nur noch mit Mühe sehen, wer gerade was macht – umso wichtiger ist sowohl die vorherige Koordination als auch die Sache mit den Headsets, man will ja nicht aus Versehen mal einen Trupp Kavallerie in eine Linienformation reiten.

Das Ganze geht so etwa fünfzehn Minuten mit Schussabtausch und Kommentar, dann werden die Pferde nach hinten abgezogen. Das ist notwendig, damit vorne gestorben werden kann. Eine relativ wichtige Regel: Solange die Kavallerie oder berittene Offiziere im Feld sind, stirbt keiner. Heißt, es darf niemand auf den Boden fallen und dort liegen bleiben. Pferde treten zwar nicht freiwillig auf einen liegenden Körper, aber ein Restrisiko des Durchgehens besteht selbst bei gut ausgebildeten Pferden immer. Außerdem sind die Sichtverhältnisse durch den Schwarzpulverrauch wirklich sehr schlecht, und das Pferd sieht unter Umständen gar nicht so genau, worauf es tritt. Gestorben wird daher also nur während vorgegebener Zeitfenster, während derer niemand durchs Bild reitet.

Ab da habe ich dann auch zu tun – zum einen werden vor dem Zelt immer zwei bis drei „Verwundete“ versorgt , zum anderen werden im Zelt die angetragenen Verwundeten soweit dekoriert, dass man ihnen die Verwundung anschließend auch abnimmt. Da wir noch eine Schlacht vor uns haben, halten wir uns etwas zurück. Auch Theaterblut hinterlässt nämlich böse Flecken, die man nicht mal einfach so im Feld rauswaschen kann.

Sobald man im Einsatz ist, merkt man eigentlich kaum mehr, wie die Zeit vergeht. Plötzlich wird es still draußen, und die verbleibenden Soldaten marschieren wieder auf. Die Fahnenbandverleihung findet zwar normalerweise erst am Ende der letzten Schlacht statt, da aber in der Nachmittagsschlacht aus Platzgründen nicht alle Gruppen mitmachen können, gibt es bereits eine kurze Vergabe für die anderen.

Dann dürfen die Zuschauer aufs Feld, um sich mit den siegreiche und den verlierenden Soldaten und Offizieren photographieren zu lassen. Bei uns schauen nur wenige Neugierige vorbei, das ist normal. Die Chirurgen wurden im echten Krieg damals auch etwas unter-gewürdigt. Passt also. Dennoch können wir erst einpacken, wenn sich das Publikum in Richtung Mittagessen verstreut.

Langsam habe ich durchaus auch Hunger, gegen ein Mittagessen wäre nichts einzuwenden…

 

 

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6 Gedanken zu “Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 2)

    1. Ganz arg unterschiedlich. Die „ungeraden“ Jubiläen sind kleiner, die runden entsprechend größer.
      Die kleinsten, die ich bisher gesehen habe, dürften so um die 50 Darsteller gehabt haben, die größten ca. 6500 (in Worten: Sechstausendfünfhundert) im Feld, plus Tross, Ehefrauen, sonstiger Anhang im Lager. Das wäre z. B. Völkerschlacht Leipzig 2013 der Fall gewesen, da war es nur knapp unter der Zahl. Bei dem Umfang ist Sterben im Feld dann aber aus Sicherheitsgründen allgemein nicht erlaubt.
      Es gibt eigentlich immer einen Verein, der nur für die Ausrichtung einer bestimmten Jahrfeier (also eines Reenactments) zuständig ist, z. B. ist das in Leipzig für die Völkerschlacht der Verband Jahrfeier Völkerschlacht b. Leipzig 1813 e.V. Die veröffentlichen dann auf ihren Webseiten und auch oft auf einer zentraleren Seite ihre Termine und was sie genau spielen wollen (es haben sich die Schlachten ja mit sehr viel mehr Personen abgespielt und sie waren auch oft viel länger, also wird eine Szene herausgegriffen.). Die Reenactmentgruppen stellen meistens eine bestimmte Kompanie oder ein bestimmtes Regiment dar, und melden sich dann bei den Schlachten an, bei denen sie a.) historisch dabei waren und b.) Lust und Zeit haben, hinzufahren. Dann gibt es noch die ganz hochrangigen Offiziere, die gehören zwar auch meistens (allerdings nicht alle) offziell zu einem Verein/einer Truppe, reisen aber durchaus auch alleine an. Da hat wohl so jeder seine Paraderolle, wobei die meisten aber auch in anderen Rollen einspringen, wie halt Bedarf besteht.Wenn eine bestimmte Zeit vor der Veranstaltung nicht genug Anmeldungen da sind, tritt dann auch der Veranstalter mal direkt an einzelne Gruppen heran und fragt an, „Wollt ihr nicht…?“
      Der Veranstalter stellt einen Platz für die Bivouaks zur Verfügung, Zelte bringt jeder selbst mit. Frühstück, meistens in Form von belegten Semmeln und Kaffee, also sehr reduziert, wird gestellt, für den Rest ist jede Gruppe selbst zuständig. Manche Veranstalter kochen noch Mittags oder Nachmittags irgendwo in einem großen Topf Suppe oder Eintopf. Wenn man selbst nicht kochen will, muss man sich halt da verpflegen, wo die Zuschauer es auch tun. Schwarzpulver stellt der Organisator, Leihpferde gibt es normalerweise gegen vorherige Anmeldung.

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      1. OMG 6500 Leute… schluck… Hut ab für den Veranstalter, ich würde durchdrehen!
        Finde das aber schon faszinierend und spannend mal zu lesen wie das hinter den Kulissen so abläuft.
        So Darsteller, die Familien spielen, gehören die in der Regel auch in real zusammen oder gibt es da auch viele, die sich nur zum spielen treffen?

        Fasziniert hat mich ja auch die Aussage: sterben im Feld ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt
        Köstlich 😉

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      2. Interessant ist für mich immer, dass die richtig großen auch gut funktionieren, die kleinen dann aber eher mal in Chaos ausarten.
        Familien – also es gibt beides. Es gibt auch Leute, die ganz klar sagen, ein Ehepaar das Ehepaar spielt geht gar nicht, das funktioniert nicht. Bei manchen funktioniert es sehr gut, z.B. bei einem der Napoleons und seiner (also Napoleons) zweiten Gattin. Da ich keine Offziersgattin spielen würde (Kleid, igitt) hat sich die Frage bei uns nie gestellt, mein Mann hat eine Frau aus der Gruppe als Ehefrau seiner Figur dabei.
        Für mein Gefühl ist es aber auch so: Man kann sich besser auf seine Figur konzentrieren und es gibt weniger Probleme, wenn sich die gespielte Person vielleicht dem Partner gegenüber nicht so verhalten würde, wie man das zu Hause erwartet. Es war ja auch der Umgang miteinander in der Zeit durchaus oft ein Anderer. Da ist es leichter, den Abstand zu wahren, wenn man nicht „in echt“ verheiratet ist. Andererseits haben wir einen Kavalleristen, der von einer Frau gespielt wird, und deren Freund spielt die Ehefrau im Tross. Also welche Kombination funktioniert, muss da jeder selbst rausfinden. Im Tross hat man ja auch durchaus Handwerker, Händler usw., da ist es dann schon aus praktischen Gründen sinnvoller, wenn die „historischen“ Familien eben im echten Leben „nur“ Kollegen sind, dass eine ganze Familie wirklich dem gleichen Berufszweig nachgeht und daher auch durchweg das Wissen/Können hätte ist ja eher selten geworden.

        Impressionen von so einer 6,5K-Mann-Schlacht: https://www.youtube.com/watch?v=AdmovdEixjs

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