Vom Können und Nicht-Können

Eine Erinnerung – lange her. Ich male eine Zeichnung aus. Wir sind irgendwo unterwegs, ich beschäftige mich. Ich will anfangen, mein gerade gezeichnetes Pferd auszumalen, aber der braune Stift bricht ab. Ich habe keinen Spitzer dabei. Ich fange an, mich aufzuregen, weil ich das Bild nicht fertigmalen kann. Meine Mutter wirft einen Blick drauf und meint: „Muss das Pferd braun sein? Es gibt doch auch schwarze Pferde.“ Und schiebt mir den schwarzen Stift hin.

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Ich habe zwei NT-Freundinnen. Von diesen ist eine blind. Da ergibt es sich, dass man gelegentlich gemeinsam vor einem dreidimensionalen Stadtmodell steht und das gemeinsam betrachtet.

So standen wir da dann auch mal wieder, und es näherte sich eine Mutter mit zwei Kindern. Eines der Kinder deutete auf die Punkte und fragte, was das sei. Die Mutter antwortete, die Punkte seien für Leute wie „die Frau dort“, die nicht lesen könnten weil sie blind seien.

Wir standen nahe genug, um das zu hören, und meine Freundin hatte wohl gerade Lust, Aufklärungsarbeit zu leisten.

„Entschuldigung“, sagte sie, „ich muss das jetzt korrigieren: Ich kann sehr wohl lesen. Ich lese diese Punkte.“

Die Kinder, wie Kinder halt so sind, waren sofort interessiert, fragten nach. Zum Glück hatte die Dame Zeit, denn ihre Kinder standen die nächsten 90 Minuten vor diesem Stadtmodell und lernten Braille lesen. Gut, mit den Augen, aber trotzdem. Nebenbei bekam die Mutter, die ziemlich schnell ebenfalls anfing, Fragen zu stellen, dann auch noch ein paar Erklärungen.

Mit heimgenommen haben die drei hoffentlich unter anderem die Information: Nur, weil jemandem die örtliche Mainstream-Methode nicht zugänglich ist, bedeutet das nicht, dass dieser jemand die Aktivität nicht ausüben kann. Vielleicht macht er sie nur ein bisschen anders…

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Mit dem Können ist das allgemein so eine Sache.

Wenn ich nach China oder Japan reise, und dort die Schilder nicht entziffern kann, kann ich dann plötzlich nicht mehr lesen?
Wenn ein Mensch aus einem arabischen Land, der sein Leben lang arabisch geschrieben hat, nach Europe kommt – kann der nicht lesen? Mein inzwischen verstorbener Opa hat nie gelernt, Antiqua („unsere“ Buchstaben) zu schreiben, sondern schrieb sein Leben lang Fraktur (echte Fraktur, nicht dieses elende Sütterlin). Konnte der deswegen nicht schreiben?

Ich habe links nicht mehr ausreichend Feinmotorik, um einen Stift zu führen, rechts wesentlich mehr als meine Unterschrift gelernt. Ich tippe meine Texte in der Regel. Kann ich nun nicht schreiben?

Was ist zum Beispiel mit Stephen Hawking? Kann der nicht schreiben, weil er seine Bücher Zeichen für Zeichen in den Computer eingibt, statt einen Stift in die Hand zu nehmen? Aber Bücher geschrieben hat er trotzdem…

So einfach ist das mit dem Können oder Nichtkönnen also gar nicht, vor allem, wenn es um Generalisierungen geht.

 

Schreiben können. Lesen können. Zeichnen können…

 

In einer Zeit, in der es ausgefeilte OCR-Programme (Texterkennung) gibt, kann man so ziemlich jeden gedruckten Text einscannen und vom Computer in gesprochenen Text (oder eine andere Form der Ausgabe) umwandeln lassen. Ja, kleine Fehler entstehen noch immer, vor allem bei Namen, aber im Großen und Ganzen ist es kein großer Aufwand mehr, einen Text eigenständig lesen zu können, selbst wenn man die gedruckten Buchstaben nicht direkt in Bedeutung umwandeln kann. Egal, ob das nun daran liegt, dass man nicht den Text nicht sieht, oder irgendwo in der Informationsverarbeitung liegt, oder ganz Gründe hat.

In einer Zeit, in der es gute Spracherkennungsprogramme gibt – die auch an Akzent, Dialekt oder undeutliche Aussprache, ungewöhnliche Spracheigenheiten und Ähnliches mit relativ geringem Aufwand zu gewöhnen sind – muss niemand mehr einem Stift über das Papier bewegen oder buchstabieren können, um selbst zu schreiben.

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Warum „hängen“ wir uns so oft an der Methode „auf“?

Warum lese ich im Blog einer Mutter, die laut eigener Aussage in der Arbeit für Autisten aktiv ist, ihr autistischer Sohn könne nicht zeichnen – Direkt unter einer Zeichnung, die derselbe Sohn angefertigt hat. Auf dem Computer. Im Grafikprogramm.
Der Text beginnt: „Obwohl er nicht zeichnen kann…“ (sinngemäß weiter: macht er Bilder am Computer).

Warum ist die Zeichnung, die am Computer erstellt wurde, aus Sicht dieser Frau keine Zeichnung?
Warum hat sie nicht den Wert einer Zeichnung mit Bleistift und Papier?
Warum nimmt sie die Methode wichtiger als das Ergebnis?
Warum kommen solche Aussagen, immer und immer wieder, von Leuten, die sich selbst als Unterstützer bezeichnen?
Ist solchen Leuten nicht klar, wie destruktiv diese Herangehensweise ist?
Welche Nachricht sendet das?
An ihren Sohn?
An andere Autisten?
An andere Leute allgemein?

Solche Aussagen haben meines Erachtens in dem Zusammenhang nichts verloren.

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Immer wieder habe ich das Gefühl, dass wir vor lauter Fokus auf die Defizite gar kein Interesse daran haben, uns die Lösungen anzuschauen.

Vielleicht können wir uns das nächste Mal, wenn jemand mit der Mainstream-Methode nicht kann ja auch einfach mal fragen: muss er denn? Geht es nicht auch einfach anders? Das Pferd ist doch nicht weniger ein Pferd, wenn es schwarz statt braun ist…

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Es kostet mich weniger als zwanzig Minuten, um einen beliebigen Computer mit einem neueren Windows (WIN95 wäre schwierig) und einem beliebigen Scanner so einzurichten, dass er jeden gedruckten Text in hörbare Sprache umwandelt.

Gut, ich bin dabei recht zügig, weil ich es schon oft genug gemacht habe.
Aber selbst jemand, der das zum ersten Mal macht, sollte nicht mehr als eine Stunde investieren müssen. Eine Stunde, damit derjenige, der Buchstabenketten – aus welchem Grund auch immer – nicht in Inhalt umwandeln kann eben doch lesen kann.

Zehn Minuten Installationszeit und dreißig Minuten Eingewöhnungszeit kostet es heute, um ein Diktierprogramm (Spracherkennung) zum Laufen zu bringen. Damit kann man nicht nur Texte eingeben, sondern den kompletten Computer steuern. Warum habe ich also erst gestern wieder einen Menschen im jungen Erwachsenenalter getroffen, der „nicht schreiben kann„?

Nebenbei: Wir verwenden, auch wenn wir durchaus selbst lesen und tippen können, beide Techniken gerne und viel bei der Arbeit.
Der „Mercedes“ unter den OCRs kostet 150 Euro.
Der „Mercedes“ der Spracherkennung kostet 130 Euro.
Mercedes fahren kann nett sein und lohnt sich sicher, wenn man damit „seine Brötchen verdient“, aber, um beim Autobild zu bleiben: zum Ausprobieren tut es auch der gebrauchte Golf.

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Wir waren heute am Pferdeputzen, eine junge Dame, die öfter im Stall ist… gefühlt irgendwie unteres Ende Teenageralter … erzählte von einem Thema, das sie interessiert. Ich: „Ah, dann hast du ja sicher [Buchtitel] gelesen?“ – Die danebenstehende aufsichtführende mit Ohrstöpseln versehene, in exakt diesem Moment sich ein Hörbuch zu Gemüte führende Mutter: „Aber nein, sie kann doch nicht lesen!“

Nach einem sprachlosen Moment von mir: „Also dafür, dass Sie es nicht gelesen haben, kannten Sie das neuen Karen-Slaughter-Buch aber verdammt gut.“ (War ein Buch, von dem sie letztes Mal erwähnte, das Hörbuch gerade durch zu haben, und wir hatten uns etwas drüber unterhalten.)

Jetzt ist sie beleidigt.

So bitte nicht – „Die schlaue Box“

„Hey“, schreibt mich eine Bekannte an, „Brauchst du noch was zum Spenden? Das hier wär‘ doch was für dich, oder?“ Den anliegenden Link kenne ich bereits, hatte ich ihn doch zuvor schon auf der Social-Media-Seite einer anderen Bekannten gesehen. Und reichlich unbegeistert kommentiert.

Der Artikel

Klingt doch ganz gut? Vielleicht, auf den allerersten Blick, mit einem zugekniffenen Auge und im Vorbeifahren.

Im Artikel selbst lässt schon mich der erste Satz an der Recherchequalität zweifeln. Man mag zu der Sache mit der einheitlichen Bezeichnung „Autismusspektrum“ stehen, wie man will, und es ist kein Geheimnis: ich bin dagegen. Dennoch ist das nun mal seit drei Jahren die „offiziell“ vorgesehene Konvention. Hier wird also schon mal mit veralteten Begrifflichkeiten gearbeitet. Sicher, vielleicht teilt der Autor des Artikels meine Einstellung. Dann sieht die Wahl aber unkommentiert immer noch so aus, als wäre die Recherche vergessen worden. Daran ändert m. E. auch der erklärende Einschub nichts. Deshalb bin ich zumindest in der Theorie gewillt, den restlichen Inhalt mit einer Prise Salz zu genießen.

(Über die Sache mit der Grammatik und Zeichensetzung müsste man sich mit dem Autor auch nochmal unterhalten).

Hier meine Gedanken zum Inhalt so, wie er da steht:

Jawohl, Hilfestellung für die Schule ist notwendig, wichtig und würde auch von mir massiv begrüßt. Soweit gehe ich mit Frau Ott d’accord.

Nun steht hier aber: „Petra Ott’s [sic!] Traum ist es daher, jede Schule mit dem Koffer auszustatten, um autistische Kindern [sic!] aber auch Lehrer im Umgang mit diesen im Schulalltag zu unterstützen.“

Die Grundregel ist:
***Kennst du einen Autisten, kennst du genau einen Autisten.***

Den Autisten schlechthin, den Prototypen, das Maß aller autistischen Dinge, den gibt es nicht. Was dem einen hilft, kann den anderen total aus der Bahn werfen. Stellt man nun „jede[r] Schule“ einen solchen Koffer zur Verfügung, mit der Information „um autistische Kinder […] im Schulalltag zu unterstützen“ wird jedoch genau das suggeriert.

Hier, die Lösung.
Für autistische Kinder.
Im Allgemeinen.

Die wird nun aber den einigen mehr helfen, den anderen weniger, und wieder anderen überhaupt nicht.

Was geschieht nun aber mit denen, denen es weniger (oder gar nicht) hilft?

Hier öffnet man Tür und Tor für die Schuldzuweisung: „Du willst nicht.“
Es kommt die Erwartungshaltung „Schau, jetzt hast du schon dieses tolle Hilfsmittel, jetzt musst du es auch können“.
Funktioniert es nicht, ist dann ganz schnell das Kind schuld, das sich quer stellt, obwohl man jetzt schon extra diese Box angeschafft und eingesetzt hat… warum funktioniert der Autist nun also nicht, wie gewünscht, wenn man ihm doch die Lösung präsentiert?

Laut Artikel sagte Frau Ott, sie würden den Lehrern keinen Vorwurf machen, diese seien mit autistischen Kindern eben überfordert. Dies wird sich mit einer solchen Box im großen Rahmen nicht ändern. Sehr wohl jedoch wird sie die Erwartung wecken, dass das geschehen wird.

Von einem Lehrer ohne spezifische Ausbildung kann ich nicht erwarten, dass er Einblick in die Vielseitigkeit und die große Anzahl der Varietäten des Autismus hat. (Dass der Lehrer angesichts der Autismus-„rate“ dringend geschult werden müsste, da es wohl kaum einen Lehrer geben wird, der nie einem autistischen Schüler begegnet, steht auf einem anderen Blatt.)

Von jemandem der sich, wie Frau Ott laut Artikel, „[im] Studium jahrelang mit dem Asperger-Autismus auseinandersetzte“ erwarte ich dieses Wissen jedoch.

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Brillenträger kennen es: Es wird kaum jemand durch die Brille des Nachbarn annähernd so gut sehen, wie durch die eigene. Es müsste schon ein großer Zufall sein, dass gerade zweimal die gleiche Stärke benötigt wird. Setzt man dem Kurzsichtigen eine Lesebrille auf, wird er noch schlechter sehen. Setzt man dem Weitsichtigen eine Fernbrille auf, gilt dasselbe. Das sind nur zwei von zahlreichen Möglichkeiten, die bei der Anpassung einer Brille zu beachten sind.

Niemand käme auf die Idee zu sagen: „Wir statten einfach alle Schulen mit Brillen mit Stärke X aus, und jeder Schüler, der schlecht sieht, bekommt eine“ – und dann auch noch zu erwarten, dass das funktioniert.

Das ist aber das Prinzip, das hier beschrieben wird.

Genau wie Sehfehler in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten können und ein präzise angepasstes Hilfsmittel benötigen, geht hier eine „One-size-fits-all“-Lösung an der Sache vorbei.

Unterstützung für Autisten im Unterricht: Ja, absolut und jederzeit.

Aber angepasst an den Einzelfall.

Immer individuell, nie generisch.

Und bitte in einer Weise, die keine Erwartungen weckt, die das Gros der autistischen Grundschüler nicht wird halten können.