Wer, Wie, Was

Ich denke, wir erinnern uns alle an die Muppets.

Sesamstraße, richtig?

Die Sesamstraße entstand 1969 in den USA. Der Gedanke war, ein Bildungsprogramm für Kinder aus – ich verwende mal den Modeausdruck – bildungsfernen Familien zu bieten, das sie auf die Schule vorbereiten würde und vor- und außerschulisch Inhalte vermitteln könnte, die bei anderen Familien die Eltern übernahmen. Deswegen die ganze Zählerei, Buchstabiererei usw. Die Figuren waren speziell so zugeschnitten, dass sich Kinder aus Großstädten mit ihnen identifizieren können sollten, statt an deren Lebenswelt vorbeizuschießen, wie es andere Programme taten.

Die Sendung war erfolgreich, wurde sehr beliebt, und schließlich auch in andere Länder exportiert. Soviel nur mal eben zum Hintergrund des Formats.

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Vielleicht habt ihr es gehört – wahrscheinlich habt ihr es gehört – vor zwei Jahren wurde ein Muppet namens „Julia“ eingeführt. Julia „hat Autismus“, wie es so schön unschön ausgedrückt in der Vorstellung heißt.

Als Julia erstmalig auftauchte – zunächst nur als ein theoretisches Muppet, über das (den? die? Was zum Kuckuck ist der richtige Artikel für Muppet?) gesprochen wurde und vornehmlich auf der Website, nicht als tatsächliche Figur. Damals gab es erste Reaktionen. Julia wurde mit Freuden aufgenommen – vor allem von neurotypischen Betrachtern, die es toll fanden, dass eine „Randgruppe“ dort nun auch vertreten und vorgestellt wurde.

Weniger groß war die Begeisterung unter den Autisten selbst. Nach dem ersten „schön, eine autistische Figur“ kam sehr schnell die Ernüchterung. Das verfügbare Material war mager und einseitig. Allein schon der sprachliche Ansatz des (englischen) Materials geht am Ziel vorbei. Wie viele „Kollegen“ möchte ich auch im Englischen nicht als „Person with autism“ bezeichnet werden, denn Autismus ist keine Krankheit, die man sich irgendwo einfängt, auch kein erworbener Zustand., sondern schlicht ein Teil von mir. Es war ein häufig genannter Kritikpunkt, der nach über einem Jahr noch immer nicht beseitigt wurde. Stattdessen wird immer mal wieder drauf hingewiesen, dass man mit Autismusvertretungen gesprochen hätte um das Material zu erstellen. Inwieweit das tatsächlich der Fall war… inwieweit Input tatsächlich verwendet wurde – kann ich nicht beurteilen. Ich fürchte, es wurde nur das verwendet, was die Macher eh machen wollten.

Sieht man sich auf der Website zu Muppets & Autismus genauer um – und ich habe jetzt lange darüber nachgedacht, ob ich den Link hier mit einfüge oder nicht. Die Entscheidung fiel wie folgt: der Link befindet sich unten hinter diesem Artikel. Er führt auf die Hauptseite. Ich verlinke nicht direkt auf die Videos, auf die ich mich gleich beziehe. Wenn ihr sie sehen wollt, könnt ihr euch durchklicken, sie sind unter „Videos for Parents“, aber ich will keinen direkten Link von meinem Blog auf dieses Material. Dort finden sich in zumindest dem Videos „A Sibling Story“ und „Thomas’s Story“ einige Szenen, die ich absolut untragbar finde. Festhalten, körperlich wegziehen, „anbinden“ … ich finde den Umgang mit autistischen Kindern, der da gezeigt wird abstoßend. Ich will mich auch gar nicht vorstellen, was „Thomas“ davon hielt, dass ihn eine Kamera in seinen Entspannungsraum verfolgte, in dem er eigentlich zur Ruhe kommen können sollte. Das Video „Being a Supportive Parent“ umfasst quasi die Aussage, dass autistische Kinder therapiert werden müssen, um aufzuhören, den Eltern die Erfahrung des Kindergroßziehens zu ruinieren.

Ich hab mich dann nicht weiter durch die Website geklickt. An der Stelle reichte es mir einfach.

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Nun, über ein Jahr später wurde Muppet „Julia“ als Puppe eingeführt. In der Hoffnung, man hätte inzwischen dazugelernt, habe ich es mir angeschaut. Beworben wurde Julia auch noch

sesstreet
Screenshot aus dem Werbeclip

„…und soll Zuschauern mit Autismus und ihren Familien eine Figur geben, mit der sie sich identifizieren können.“

Na… da haben wir’s nun wieder. Julia in den bislang existierenden Clips ist eine weitere Darstellung des Stereotyps, mit dem sich wohl kaum ein Autist identifizieren wird. In der aktuellen Form wird sie

Einer meiner ersten Gedanken war „Super, jetzt kommen gleich noch ein paar mehr an mit: Du wedelst nicht mit den Händen, also KANNST du nicht Autist sein“ oder das immer beliebte „aber du sprichst doch mit Leuten… du kannst doch nicht…“
Ja, klar. Man benutzt häufige Eigenschaften für die Figur, aber aufgrund der hohen Diversität des Autismusspektrums ist es eben nicht möglich, damit eine Figur zu schaffen, mit der sich deine hohe Anzahl an „betroffenen“ Zuschauern identifizieren können. Hätte ich Julia als Kind gesehen, hätte ich sicher nicht gesagt „He – die ist ja wie ich!“ – Sie ist es nicht. Ich hätte sehr wenig mit ihr gemeinsam gehabt.

Natürlich – Autismus ist zu komplex um ihn in einer einzelnen Figur angemessen darzustellen. Aber musste es so strikt dem Medienstereotyp entsprechen?

Vermutlich – denn es ist ziemlich klar: das Zielpublikum ist eben nicht der Autist, egal, was die Werbung behauptet. Das Zielpublikum ist der neurotypische Zuschauer. Die Botschaft? Aktuell erkenne ich da vor allem „Um dich als NT adäquat zu verhalten, musst du auch mit Autisten spielen, auch wenn die es dir schwer machen und es Anstrengung von dir verlangt“. Nicht die allerbeste Botschaft. Zu sehen, dass dem „autistischen“ Muppet dann ungefragt das Spiel der anderen aufgedrängt wird („wenn du selbst nicht „richtig“ mitspielst, mache ich es eben in deinem Namen“)… Sorry, Sesamstraße, aber ich da kann ich keinen Beifall klatschen.

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Eine Anmerkung noch an die, die mir bereits auf anderen Plattformen vorgehalten haben, es sei ja erst der Anfang und man müsse ihnen Zeit geben: Sie hatten seit Oktober 2015 Zeit. Das Feedback war da. Die Zeit wurde nicht genutzt. Was genau soll ich jetzt noch erwarten?

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Der Link, wie versprochen