Die Belagerung von Burgos (Reenactment)

Wir hatten ja eigentlich schon ein Leihpferd für meinen Mann gebucht, damals…

Denn ab einer bestimmten Distanz wird es unpraktisch, eigene Pferde mitzunehmen. Wir waren zu dem Zeitpunkt ein gutes Jahr zusammen, ich begleitete ihn zwar auf Veranstaltungen, spielte aber noch nicht selbst mit, sondern hielt mich im Hintergrund und beschäftigte mich mit Pferdeputzen, Mikros anheften und Ähnlichem. Ich kannte ihn auf jeden Fall lange genug, um zu wissen, dass es den Herrn nie längere Zeit ohne irgendwelche Schäden gibt.

In dem Fall war er gerade eine Woche vorher zu faul gewesen, die fünfzig Meter bis zur Treppe zu laufen, und von einer etwa 1,80 m hohen Mauer gesprungen. Kann man machen. Würde ich vermutlich auch machen. Nur sollte man vorher schauen, wo man hinspringt.

In dem Fall war das wohin frisch aufgeschütteter Kies, er kam schlecht auf, knickte um… und lief dann noch gut vier Stunden auf einem angeknacksten Fuß und einem gerissenen Band im Knöchel, weil „der Stiefel ist ja gut und hält das.“ Mag sein, aber fast hätte er dann denselben an dem Abend auch mit ins Bett nehmen müssen.

Nun gut, so ein Knöchel lässt sich mit einer Plastikschiene einigermaßen unaufdringlich stabilisieren, und dem Auftritt stand insofern nicht allzu viel im Weg – wenn man davon absieht, dass in den historischen Stiefeln nicht so unendlich viel Platz ist, und man sich deswegen für den Auftritt wieder darauf verlassen „muss“, dass der Stiefel ausreicht. Nur: Immerhin ist er so vernünftig, angeschlagen nicht auf Fremdpferde zu steigen und dann mit diesen in die Schlacht zu reiten.

Das Kuschelpferd musste also mit. Und da wir keinesfalls so früh los konnten, dass wir mit Hänger hätten fahren können und der Flug ohnehin schon gebucht war, war es ein Glück dass immer irgendjemand aus der Truppe Ausrüstung per Auto transportiert. Dort sollte nun also das Kuschelpferd mitfahren. Im Hänger natürlich.

*

Wir flogen also am Freitag, nachdem der Mann, der damals eben „nur“ mein Freund war, Feierabend hatte, einmal quer über Frankreich nach Spanien, fuhren dann weiter nach Burgos, und kamen einigermaßen im Zeitplan an.

Die Franzosen waren als Verteidiger unterhalb der Burgruine platziert, die Briten als Angreifer außerhalb der Stadt.

Kaum angekommen – wir hatten noch nicht mal Zeit, nach unserem Zelt zu sehen – kam uns ein ziemlich zerknirscht dreinblickender Fahrer entgegen. Den Grund dafür bekamen wir dann auch schnell zu sehen: Was ein dunkelbraunes Pferd hätte sein sollen, hatte sich in ein hochzufriedenes Schlammmonster verwandelt. In anderen Worten: Er hatte dem Kuschelpferd was Gutes tun wollen, und es auf der Wiesen laufen lassen – und es hatte sich kurzerhand mit Anlauf in das einzige Gewässer weit und breit geworfen, das dank der Jahreszeit und der Temperaturen nur eine seichte Schicht Wasser über viel Schlamm darstellte, und sich darin ausführlich herumgewälzt.

Antrocknen lassen, dann abbürsten… was anderes kann man da, in Ermangelung eines zur Verfügung stehenden Wasserschlauchs, kaum machen.

Während das Pferd langsam etwas beleidigt wurde, weil es keiner beschmusen wollte, ging es für uns also erst mal ins Zelt, dann einen Zeitplan holen – und mich ausführlich von dem Zuständigen ausschimpfen lassen, weil ich mir erlaubte, die Broschüre mit demselben erst mal abzuphotographieren, um den Plan quasi „unverlierbar“ bei mir zu haben. Ach ja… die Urheberrechtsregeln und das Kopierverbot in Spanien… Wie konnte ich sie nur vergessen? Schon zu meinen Studienzeiten waren die legendär. Regel Nummer 1 in Spanien: Versuche nie, nie, NIEMALS irgendeine Drucksache zu kopieren, wo dich jemand dabei sehen kann. Und geh‘ dazu bloß nicht in einen Copyshop, sofern du dort nicht rausfliegen willst. Nein, auch nicht schnell einen Artikel oder eine Seite Lehrbuch, die du für’s Studium bräuchtest. Irgendwie schaffte ich es, den Herrn Broschürenausgeber zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass ich das Foto wieder löschen würde, sobald die Veranstaltung vorbei war, und ich auch wirklich NUR den Zeitplan und keine Beschreibungstexte oder Fotos drauf hatte.
(Ist das eigentlich inzwischen besser? Ich hab’s noch seitdem noch nicht wieder ausprobiert).

Etwas ungewöhnlich war der Zeitplan auch. Normalerweise sind Reenactments fortlaufende Angelegenheiten. Die Lager sind eigentlich geöffnet, solange jemand wach ist, und nur während der Schlachten geschlossen, wenn nicht genug Leute übrig wären, um Aufsicht zu führen. Geboten ist eigentlich durchgängig etwas. Hier war es aber so, dass nur bestimmte Zeiten vorgesehen waren, zu denen für ein paar Stunden „Lagerleben“ praktiziert wurde, und am Samstag mehrmals „Leerlauf“ war – Zeiten, zu denen wirklich nichts vorgesehen war.

Wieder im Zelt wurde erstmalig klar, dass die Streunersituation dort sehr extrem war. Es ist allgemein so, dass man in Spanien und Portugal viel mehr streunende Tiere trifft als bei uns. Diese sind auch in der Regel relativ zutraulich, da sie daran gewöhnt sind, von Touristen gefüttert zu werden. Man könnte auch sagen: Aufdringlich. Da historisch korrekte Zelte aber keine verschließbaren Netze sondern nur sehr undicht schließende Planen haben, ist es so gut wie unmöglich, zu verhindern, dass man hin und wieder ungefragt Besuch bekommt. An diesem Wochenende gab es aber wirklich ungewöhnlich viele ungeladene Gäste.

Nach einem schnellen Abendessen im Zelt – und vorsichtigem Wegräumen aller Reste – machten wir uns dann erst mal daran, das Kuschelpferd zu säubern. Und das dauerte. Auch angetrockneter Schlamm bürstet sich nicht so schnell aus, wie man sich das gerne vorstellen möchte. Zuerst waren wir noch zu zweit am Striegeln, dann kam doch irgendwann der Moment, in dem der Mann nicht mehr so recht stehen konnte, und sich lieber das Sattelzeug nahm und dieses nochmal durchpolierte, während ich weiter das Pferd bearbeitete. Wäre geplant gewesen, dass Kuschelpferdchen mitkommt, hätten wir natürlich auch einen Stallburschen/Pferdeknecht dabei gehabt, wie sich das für einen hochrangigen Offizier eben gehört hätte. Der hatte nun aber so kurzfristig das Wochenende nicht freinehmen können.

Irgendwann war das Pferd wieder vorzeigbar, und wir verkrümelten uns ins Zelt, verjagten zwei Katzen und legten uns schlafen.

*

Der Morgen begann erst mach recht zoologisch, denn diverse Vierbeiner waren offenbar sehr gut drauf geprägt: Menschen in Zelten = Futter. Den Gefallen taten wir ihnen nicht. Der Großteil ließ sich auch gut hinauskomplimentieren, eine graue Katze blieb jedoch stur unter dem Tisch sitzen, mit aufgestelltem Fell, und fauchte sehr unmissverständlich… Ich trat dann mal lieber den Rückzug an.

Die Offiziersbesprechung fand vor dem Frühstück statt. Da dachte wohl jemand, alle, die keine Spanier sind, sind absolute Frühaufsteher. Allgemeine Erheiterung löste es aus, dass die Tafel zum Planen der Schlacht nicht wie übliche ein Black- oder Whiteboard mit Kreide oder Marker war, sondern eine Magnettafel, und die Truppen durch kleine Magnetplättchen dargestellt wurden, die wohl aus dem Geometrieunterricht entwendet worden waren. Die Franzosen waren also die grünen Vierecke und die Briten die roten Kreise… wenigstens was blaues hätten sie uns geben können…

Nach dem Frühstück hatten wir tatsächlich frei – da ja nicht fortlaufend Programm vorgesehen war. Wir nutzten die Gelegenheit, denn Burgos hat ein Buchmuseum. Es ist das Museo del Libro Fadrique de Basilea, recht leicht zu finden. Sollte man sich anschauen, wenn man Bücher mag und durch Burgos kommt. Allerdings: Es ist schon sehr Spanisch… Es wird alles nicht so genau genommen, auch mit dem Beschriften. Faksimile oder Original? Man muss gelegentlich schon selbst etwas Arbeit aufwenden, wenn man wissen will, das man gerade vor sicht hat.

Danach zog es uns noch zur Kathedrale. Wenn ich mich richtig erinnere, ging das sogar mit demselben Ticket.
Ein gotischer Bau, und wie es gotische Gebäude halt so an sich haben, echt ein Wahnsinnsbauwerk. Riesig. Einfach nur alles riesig. Spezielle Beachtung sollte man der Fensterrosette in über dem Haupteingang schenken.

Ja… Das da in der Mitte? Das sieht nicht nur so aus wie ein Davidstern – es ist einer. Das Ornament wurde nämlich durch die jüdische Gemeinde von Burgos finanziert und deswegen so gestaltet.

Ich mag ja mechanisches Spielzeug, Spieluhren, alles, was aufziehbar ist, und so wollte ich auch unbedingt noch bis zur vollen Viertelstunde bleiben und den Papamoscas anschauen. Das ist eine über einer Uhr angebrachte Figur, die immer zur Viertelstunde ein Glöckchen läutet und mit den Zähnen klappert.

Fast hätten wir es dann nicht rechtzeitig zur Parade geschafft… was noch nicht mal daran lag, dass der Herr langsamer lief als üblich, sondern daran, dass wir schlicht den Verkehr unterschätzt hatten.

*

Das Mittagessen gab es für die Offiziere an der Offizierstafel und für uns Helfer „hinter den Kulissen“, was auch ganz gut so war, weil ich nicht so wirklich begeistert vom Angebot war, und sich das quasi auf dem Präsentierteller immer weniger gut macht.

Es folgten dann zwei Stunden Lagerleben, während denen ich größtenteils den Dolmetscher spielte – obwohl mir Dolmetschen ja eigentlich gar nicht liegt. Zum Glück erwartet in dem Zusammenhang niemand, dass es wirklich fließend geht, geschweige denn simultan.
Außerdem kam ich dazu, zahlreiche Fotos von diversen Touristen zu machen, die unbedingt ein Bild von sich mit Uniformierten wollten und jemanden brauchten, der auf den Auslöser drückt.

Es folgte die Schlacht, die hier so aussah, dass die Briten versuchten, unsere Stellung zu stürmen, und wir sie tapfer in die Flucht schlugen. Es war damals in der Tat nicht gelungen, Burgos im ersten Anlauf einzunehmen, und Wellington musste sich zunächst zurückziehen. Das Kuschelpferd trug seinen Menschen brav durch die Schlacht und machte keinen Blödsinn, vom Schlammbad war auch nichts mehr zu sehen.

Der Abend bestand dann aus ruhigem alleine mit den anderen Darstellern und Helfern am Feuer sitzen und unterhalten. Abendprogramm war nicht geplant.

Eine sehr gute Burgaleser Spezialität gab es im Übrigen zum Abendessen: den Queso de Burgos, einen Frischkäse aus Schafsmilch, der wie Pudding in Formen „gegossen“ und gestürzt serviert wird. Man isst den Käse auch nicht auf Brot, sondern schneidet  Scheiben oder „Pizzastücke“ und isst diese belegt – oder mit Honig. Nein, nicht igitt sagen. Frischkäse mit Honig ist in Spanien durchaus üblich, wird auch in Deutschland in Tapasbars serviert und schmeckt erstaunlich angenehm.

*

Den Sonntag finden wir dafür damit an, dass wir fast verschliefen und der Herr sein Frühstück quasi am Einsatzort essen musste, denn für Sonntagvormittag waren nochmal zwei Stunden Lagerleben angesetzt. Diese endeten um 12 Uhr. Danach hatten wir noch ein bisschen Zeit, um unsere Sachen zu packen, die Zelte abzubauen und den Platz zu räumen – wirklich viel Luft war aber nicht eingeplant.

Wir kamen dann auch wirklich nur mit einigen Minuten Abstand zu unserer „Deadline“ vom Platz weg – auf dem Weg zurück zum Flughafen, während das Kuschelpferd es sich bereits wieder im Hänger bequem gemacht hatte und quer durch Frankeich nach Hause gegondelt wurde.

Ah ja… Das erste was ich am darauffolgenden Montag machte war, mich gegen Tollwut impfen zu lassen. Auf dass ich mich das nächste Mal nicht wieder lieber von einem fauchenden Streuner aus meinem eigenen Zelt vertreiben lasse, als einen Zusammenstoß zu riskieren…Das habe ich seitdem auch immer aktuell gehalten.

 


Bilder von Wikipedia.

Fassade der Kathedrale:
Photo taken by Juan García at 2005-05-30 of the Burgos Cathedral at Burgos, Spain
Papamoscas:
Gemeinfrei
Käse:
Aufgenommen von Valdavia

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Routenplaner

Am Flughafen. Wir warten, in voller Montur, auf unseren Flug. Der Herr in kompletter Uniform, ich deutlich dezenter, aber auch bereits in „Arbeitskleidung“.

Ein kleines Mädchen tapst immer wieder zwischen dem Sitzplatz ihrer Eltern und uns hin und her, schaut uns an, studiert uns eingehend, läuft zurück, redet mit den Eltern.

Das Spiel wiederholt sich einige Male, dann kommt sie, Papa an der Hand rüber. Sie grüßen freundlich, der Papa ermutigt sie, „selbst zu fragen“.

Die Frage die Kommt: „Wo habt ihr eure Pferde?“

Oh.. die haben wir nicht dabei.

Der Papa erzählt uns, sie wären in diesem Sommer mit Kind auf einem Event gewesen, die bunten Uniformen hätten es ihr sehr angetan, und eben vor allem die Pferde…

Mein Mann, sehr nett, beugt sich vor und erklärt dem Kind: Pferde kann man im Flugzeug leider nicht mitnehmen, denn die passen nicht auf den Sitz, und im Gang wären sie der Stewardess im Weg.

Das Kind nicht verstehend, tapst davon. Kommt wieder. Ziemlich aufgeregt.

Es dauert einen Moment, bis zu uns durchdringt: Das Kind hat sich jetzt in unfehlbarer Kinderlogik zurechtgelegt: Wenn wir mit dem Flieger fliegen und das Pferd nicht im Flieger mitkann… muss das Pferd wohl unten vorauslaufen. (Armes Pferd!) Und, ihr Sorge:
„Wie findet das jetzt hin? Und wenn es sich verläuft?“

Mein Mann kann das Kind beruhigen. Da besteht kein Risiko, meint er. Er hat nämlich, wie er sagt, vor Aufbruch seinem Pferd sein GPS aus dem Auto gegeben.

Ich ging dann mal ganz schnell was zu trinken holen, bevor ich den Kampf gegen das Kopfkino verloren hätte…

Schlacht von Austerlitz – Reenactment (Teil 2)

Fortsetzung von hier

Auch der Samstag blieb trocken.

Erste Amtshandlung des Tages nach Kaffee für mich und Frühstück für den Mann: Ab in den Stall und Pferde sichten. Wenig begeisterte uns die Ankündigung, wir würden ausgebildete Dressur-(Turnier-)Pferde zur Verfügung gestellt bekommen. Weniger wegen „Hilfe, das Pferd ist so teuer“, und mehr deswegen, weil das Gros der ausgebildeten Turnierdressurpferde nicht gerade für Nervenstärke und gutes Benehmen bekannt ist. Das ergibt sich leider aus der eher katastrophalen Ausbildung, die sich nur auf Leistung und nicht auf die Grundlagen konzentriert.

Vor dem Stall stehen zwei Wachen mit Bärenfellmützen – Mitglieder der alten Garde Napoleons.

„Oh“, sagt der Mann, „Ist der Chef schon da?“

Der Soldat schaut ihn ob der Respektlosigkeit finster an, aber er spielt einen der wenigen, die sich das tatsächlich leisten dürfen, also missbilligt er schweigend.

Wir treten ein, sehen Napoleon auch direkt seitlich am Gebäude stehend – ihm gegenüber ein Fernsehteam, das ihm ein Mikrofon unter die Nase hält. Er gibt sein Interview mit sichtbarer Freude. Als Napoleondarsteller muss man sowas schon mögen.

Wir bleiben mal schön aus dem Bild und schauen nach unseren zugeteilten Rössern.

Die werden uns gesattelt übergeben und machen einen angenehm ruhigen Eindruck. Runde um den Platz damit… naja, Dressurpferde müssen sich ja per Definition eigentlich gut lenken lassen. Tun sie auch. Wie sie dann im Gefecht aussehen werden wir sehen… spätestens beim Einexerzieren.

Zumindest schwingt der Mann mal sein Schwert etwas, und das Gefuchtel zumindest stört sein Pferd nicht.

Ich merke mir allerdings eines – nächstes Mal vorsorglich Sporen mitbringen. Manche historischen Sättel machen es einem wirklich schwer, mit dem Bein „ans Pferd zu kommen“ und wirken fast so isolierend wie Westernsättel. Dann hat man entweder eine Verlängerung am Stiefel, oder am nächsten Morgen Muskelkater. Da ich in meiner Rolle meistens nicht reite, spare ich mir das üblicherweise. Hier wurde uns aber mitgeteilt, wer kein Fußsoldat ist und reiten kann bekommt auch ein Pferd, denn die Strecke zum Gefechtsplatz ist etwas länger und soll aus Rücksicht auf den Park nicht mit dem Auto angefahren werden.

Das Wetter ist immer noch trocken, der Himmel grau und dicht bewölkt. Der Mann friert trotz Pelzmantel. Ich nicht, trotz dünnem Segeltuchmantel.

Meistens findet das Einexerzieren so halböffentlich statt – also für das Publikum zugänglich, aber sie müssen schon aktiv da hin wollen, rausfinden wo es ist, und hingehen. Nicht hier. Hier ist es offiziell ausgeschildert und Teil des Veranstaltungsplans. Fußsoldaten, Kavallerie getrennt. Jeweils angesetzt mit einer Stunde.

Zeitgleich finden im Park auch Vorführungen statt – insbesondere unterschiedlicher Fechttechniken. Mehrere Gruppen sind ausschließlich für die Vorführungen angereist und werden nicht an der Schlacht teilnehmen.

Interaktiv wird es auch, denn die Veranstalter haben ein historisches Reitturnier organisiert. Das kann man sich jetzt grob so wie das vorstellen, was wir heute Ponyspiele nennen – nur eben in historischen Uniformen/historischer Kleidung und zumeist auf Großpferden. Ringe werden mit dem Schwert aufgespießt, etc.

Ich freue mich, dass ich die nicht exerzieren muss und Zeit habe, mir die Qualifikationsrunde anzuschauen. Da sind ein paar sehr schöne Pferde mit dabei – und die unseren lässt das Geknalle auch komplett kalt. Sehr schön.

Eines muss ich da direkt mal wieder merken: Vom Pferd aus stresst mich die Masse und das Gewusel wesentlich weniger als zu Fuß. Man ist doch etwas weiter weg, und außerdem hat man ein Pferd direkt bei sich, das hilft immer, so blöd das vielleicht klingt.

Das Mittagessen fällt sparsam aus, aber uns wurde ein größeres Festmahl nach gewonnener Schlacht in Aussicht gestellt. Soweit, so gut… verhungern werden wir jedenfalls nicht, und wer wirklich mehr Hunger hat, kann sich auf dem Markt ja einfach einen Crépe holen. Oder eine Wurstsemmel. Oder Suppe.

Ganz gerne gesehen hätte ich die Vorführung der österreichischen „Jäger“, aber das beißt sich mit dem Schlachtenplan, denn ich muss auf meinen Posten und mich um die Verwundeten kümmern.

Davon haben wir heute relativ wenige, was vermutlich daran liegt, dass der Boden recht kalt ist, und keiner so Recht Lust hat, auf diesem zusammenzubrechen und liegenzubleiben. Das wiederum wäre aber eine Grundvoraussetzung dafür, als Verwundet zu gelten.

Die Schlacht tobt – es sind sehr viele Gruppen da, es ist viel los auf dem Feld. Die Offiziere haben alle Hände voll zu tun, und mein Mann ist nach der Schlacht komplett nassgeschwitzt. Damit friert er natürlich anschließend noch mehr…

Irgendwann auf dem Rückritt zum „Hauptquartier“ reiht sich einer der Offiziere neben mir ein und meint: „Er  legt’s echt drauf an…“

Wer ist „er“ und warum legt er’s drauf an…?

Ich blicke mich um. Da er es zu mir gesagt hat ist „er“ vermutlich mein Mann… der unterhält sich grade mit seinem Kaiser und…naja, ihm ist kalt. Er hat sich die Zügel um das Handgelenk gewickelt und die Hände in den Ärmeln seines Wahnsinnsmantels versteckt. Wenn er meint.

Kurz darauf nimmt er die Zügel dann doch wieder auf, denn ihm fällt ein, man könnte ja mal aus Jux eine kleine Dressurkür hinlegen, wenn man schon das passende Pferd dazu hat.

Wir kommen alle angemessen beeindruckt „zuhause“ an und werden dort tatsächlich mehr als großzügig verköstigt.

Gut gestärkt geht es zurück in die Stadt. Inzwischen ist es finster, man muss schon aufpassen mit den Pferden.

Jetzt dürfen wir aber aufs Rathaus marschieren, wo wir – auch wenn im Original die Schlacht zu dieser Tageszeit schon lange vorbei war – auf letzten Widerstand treffen und es noch einmal zu einem Feuergefecht kommt…

.…das dann nahtlos in ein wunderschönes Feuerwerk übergeht. Ich liebe Feuerwerke, und gut choreographierte erst recht. Meinetwegen hätte es gerne doppelt so lang sein dürfen. Mündungsblitze am Boden, Feuerwerkssterne im Himmel – interessante Kombination.

Abendessen gibt es zu Hause, immer noch im Kostüm und „in character“, ein paar Stunden später.

Unser Gastgeber hat noch ein ganz besonderes Angebot für uns…

…und so stehen wir am nächsten Morgen früher auf, als wir müssten.

Danke-ich-frühstücke-nicht hat er nicht vergessen, aber meinen Kaffee bekomme ich stark und schwarz.

Tja, und dann geht es zurück aufs Pferd… aber nicht alleine, denn heute morgen dürfen wir den Falken beim üben zusehen. Wahnsinn, diese Vogel. Noch mehr, einen davon mit auf dem Pferd zu haben, oder starten zu lassen, oder wieder landen zu lassen… Einfach nur wow. Sprachlos. Immer noch. Mamagei und Papagei sage ich das lieber nicht, nicht dass die noch eifersüchtig werden…

Nach unserem kleinen Ausflug in die Falkenjagd nehmen wir uns noch die Zeit für das, was das ganze Wochenende über nicht geklappt hat – eine Führung durch Schloss Slavkov, bzw. das Museum dort.

Und dann geht es auch, das Mittagessen in Form belegter Brote in der Tasche, schon wieder auf die Heimfahrt. Definitiv ein Wochenende, das man nicht so schnell vergisst.

Thomas Lawrence: The Duke of Wellington mounted on Copenhagen as of Waterloo (1818)

Ölbild "Thomas Lawrence: The Duke of Wellington mounted on Copenhagen as of Waterloo (1818)" als Leinwanddruck

Hier: Leinwanddruck.

Da ist er also, der erste aus meinem Geburtstags-„Abo“.

Gut ausgewählt hat er, der Mann. Es ist mein zweitliebstes Gemälde von Wellington. Er hat gut dran getan, nicht mein Lieblingsbild auszusuchen – ich denke er weiß genau, dass ich bei diesem von einem Druck nur enttäuscht sein könnte. (Irgendwann werden ich mir eine richtige Kopie malen lassen, aber „irgendwann“ ist noch nicht.)

Das Bild wartete auf mich, als wir gestern von Austerlitz zurückkamen.

Das Original, in der Sammlung des Earl Barthurst, ist mit knapp 4 m x knapp 2,5 m (156 x 96 Zoll) deutlich größer als mein Druck („Das Original würden wir in keiner Richtung durch die Tür bringen, und erst Recht nicht im Treppenhaus um die Ecke, also denk‘ nicht mal dran.“). Diese Übergröße ist nicht ungewöhnlich für Lawrence.

Ich liebe die Lawrence-Bilder ja wegen ihrer Details und der wahnsinnig genauen Beobachtung des Künstlers. Er hat auch Bilder in vernünftigeren Größen gemalt, aber auch dort sitzt jedes Bisschen. Er achtet auf die Kleinigkeiten in einem Gesicht. Da gibt es eine Kleinigkeit an Wellington, die man neben den Lawrence-Bildern fast ausschließlich in einer einzigen Quelle findet: der einen existierenden Daguerreotypie.

Bei dem Bild von Wellington auf Copenhagen fällt mir als erstes auf, dass die Proportionen stimmen. Wellington war kein großer Mann. Er war auch nicht besonders klein, mehr so der Durchschnitt für seine Zeit, er war aber sehr dünn, was ihn größer wirken ließ.
Copenhagen war auch kein großes Pferd. Viel hätte nicht gefehlt, und wie Marengo (Napoleons Lieblingspferd) hätte ihn nur sein Araberblut davor „gerettet“, ein Pony zu sein. Nicht, dass sich sein Herr daran gestört hätte, denn Wellington ritt durchaus Ponys, fand sie in bestimmten Situationen einem Großpferd sogar vorzuziehen. In einem Brief rät er einem Freund dringend davon ab, ohne Pony anzureisen, da ein Reitpferd in dem Gelände, in dem die geplante Jagd stattfinden sollte, keine Chance hätte.

Die meisten Bilder stellen Copenhagen jedoch als großen englischen Vollblüter dar (der Teil an Copenhagen, der kein Araber war, war in der Tat englischer Vollblüter). Der Sieger von Waterloo darf wohl nicht in 150 cm Höhe sitzen.

Copenhagens erste Karriere – als Rennpferd – war weder besonders lang noch besonders erfolgreich. Er wurde verkauft, erneut verkauft, und landete 1813 bei Arthur Wellesley, dessen Lieblingspferd er schnell wurde. Sein neuer Besitzer sagte über ihn, es gäbe sicher schnellere Pferde, schönere und umgänglichere, aber keiner könnte es an Ausdauer mit Copenhagen aufnehmen. Die Schlacht von Waterloo verbrachte Wellington ohne Pferdewechsel: das Pferd war 17 Stunden lang ununterbrochen im Einsatz, nach einer nicht besonders langen Rast in der Nacht zuvor, da er schon am Vortag längere Strecken zurücklegen musste. Nachdem die Schlacht geschlagen und der Reiter abstieg, schlug Copenhagen noch nach ihm aus.

Besonders bequem war er wohl auch nicht zu sitzen. Zumindest äußerten sich Personen, die ihn leihweise reiten durften, reichlich unbegeistert, und Wellington selbst soll lachend angemerkt haben, der Ruhm, Copenhagen reiten zu dürfen, sei deutlich größer, als der Komfort.

Copenhagen, unter anderem bekannt dafür, dass er sich zum Fressen am liebsten hinlegte, wurde Jahre später auf den Landsitz des Herzogs in den wohlverdienten Ruhestand geschickt, wo er seine Zeit als Deckhengst und Lieblings der Damen verbrachte, die ihm Kuchen, Torten und Schokolade zusteckten. Er verstarb 1836 im Alter von 28 Jahren.

Zu seinen Lebzeiten war sein Langhaar verwendet worden, um Schmuckstücke herzustellen. Einer ging noch einen Schritt weiter. Als Copenhagen am Tag nach seinem Tod sein eigenes Militärbegräbnis unter Aufsicht seines langjährigen Reiters Wellington erhielt, fiel dem auf, dass jemand dem toten Pferd einen Huf abgeschnitten hatte – wohl als Andenken. Es war eine der Gelegenheiten, in denen Wellington seine direkte Umwelt in den Genuss eines seiner Wutanfälle brachte. Der Huf wurde nach dem Tod des Herzogs zurückgegeben, als ein Diener ihn dem Erben überreichte – mit der Erklärung, er hätte ja nicht ahnen können, dass der Leichnam eines Pferds Wellington so (oder überhaupt in irgendeiner Weise) wichtig sei. Arthur Junior ließ daraus ein Tintenfass anfertigen, das heute in Apsley House in London noch zu sehen ist.

Copenhagen spielt unter anderem eine Rolle in Susanna Clarkes Kurzgeschichte „The Duke of Wellington Misplaces his Horse“, abgedruckt in „The Ladies of Grace Adieu“.

 

Richard Edgcumbe (Hrsg.): The Diary of Frances Lady Shelley, 1787 – 1817, John Murray, London, 1912

Sir William Fraser, Bart.: Words on Wellington, George Routledge & Sons, London, 1889

Julian Charles Young: A Memoir of Charles Mayne Young, Tragedian, With Extracts From His Son’s Journal, McMillan and Co., London, 1871

 

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 2)

Fortsetzung von hier

Samstag, Morgen bis Mittag

Ich bin kein Morgenmensch , ohne Kaffee erst recht nicht, aber immerhin hatte unser Quartier einen solchen. Der Mann war sogar schon wach und hatte mir eine Tasse reserviert. Ich trinke meinen ersten Kaffee des Tages durchaus auch lauwarm oder kalt, zu Hause auch häufig in Form des Rests von gestern…damit hole ich mir dann gerade genug Energie, um mir einen neuen zu machen.

Zugegeben, seit dem Kaffeevollautomaten (zusammen mit dem Roomba die beste Anschaffung der letzten Jahre!) ist das nicht mehr wirklich notwendig, Knöpfchen drücken kann ich auch im Halbschlaf, aber Gewohnheiten sterben langsam.

Auf jeden Fall kippe ich also eine Tasse nur noch mittelwarmem Kaffee runter, zur Überraschung der Gastgeber, und verziehe mich dann nochmal, um meine Tasche zu sortieren und sicherzustellen, dass alles da ist. Denn natürlich habe ich zu meinem Feldchirurgen eine historische Arzttasche mit Inhalt, und während ich die zwar nicht tatsächlich am Patienten zum Einsatz bringe, muss man doch öfter mal interessierten Zuschauern erklären, was da was ist, was man damit macht, wie, warum, seit wann, und wie das heute so ist. Das geht deutlich besser, wenn man in der eigenen Tasche auch wirklich was findet. Tunlichst auf den ersten Griff und ohne Hinschauen.

Bis ich damit fertig bin, ist der Herr fertig gestriegelt und rasiert… so richtig mit Schaum und aus- und einklappendem Messer, wir leben schließlich gerade das neunzehnte Jahrhundert aus. Zumindest, wenn es nicht um die Kaffeemaschine geht. Das mit dem Rasieren bekommt er in der Tat auch hin, ohne dass der Feldchirurg gleich eingreifen müsste. Eigentlich erstaunlich, da er Verletzungen sonst eher magisch anzieht.

Wären wir irgendwo im Lager, hätten wir das Führstück alle zusammen im oder vor dem Messezelt oder im oder vor dem Zelt des Befehlshabers eingenommen. So frühstückt jeder für sich in seinem Quartier, und es finden sich dann alle Koordinatoren langsam bei der Besprechung ein. Die meisten Leute reisen ja doch in Gruppen an, oft in Form einer speziellen Kompanie, und es wird dann ein Vertreter abdelegiert.

Wir gehen also kurz den Plan für die erste Schlacht durch. Wie gesagt: Keine historische, sondern nur was fürs Publikum. Es geht darum, in 45 bis 60 Minuten möglichst viel zu zeigen – unterschiedliche Formationen – Kolonne, Karree, Linie –, Kavallerie vs. Fußsoldaten, Artillerie (wie wird so ein Ding benutzt, und was tut man dagegen?), am besten mit Gelegenheit, das Laden der Musketen gut sichtbar vorzuführen. Es ist erstaunlich schwer, das alles zu planen, wenn man bedenkt, dass es in den meisten nachgestellten Kämpfen tatsächlich ganz von selbst vorkommt.

Der zweite Kampf, nachmittags, soll die Erstürmung der Festung darstellen. Beginnend mit dem Überwinden der Mauer wird in einigen Straßen und Plätzen gekämpft. Auch ein paar Gebäude sollen eingenommen werden. Eines davon wurde uns als Lazarett zugewiesen. Die Auswahl erfolgte hier danach, wo man am besten Publikum platzieren kann, die Leute wollen ja was sehen – und das ist bei Straßenkämpfen sehr schwer. Entsprechend ungern haben wir diese. Wir hatten auch noch keine Gelegenheit, uns die Stellen bei Tageslicht (oder eigentlich überhaupt) anzusehen, und arbeiten aktuell nur mit den erhaltenen Plänen.

Nachdem also abgesprochen wurde, wer sich wann auf dem Feld einfindet, wer sich wo aufstellt und wer danach wen wie wo angreift, ist noch kurz sicherzustellen, dass nach dem Kampf unser Lagerersatz durchgängig ausreichend besetzt ist. Zwar haben wir, der Belagerungssituation geschuldet, kein „echtes“ Militärlager, wohl aber einen Teil des Platzes, auf dem der obligatorische historische Markt stattfindet, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen, kleinere Sachen vorzuführen, unser Mittagessen zu kochen – das Frühstück wird meist vom Organisator gestellt, für weitere Mahlzeiten sind die Teilnehmergruppen oft selbst verantwortlich.

Dann ziehen die Teilnehmer in Gruppen ab, um sich ihre Schwarzpulverzuteilung zu holen – nicht ohne noch einmal ermahnt zu werden, sich dieses gut einzuteilen, denn es muss für beide Schlachten reichen. Schwarzpulverausgabe ist genau einmal am Tag, und wenn es weg ist, ist es weg.

Die Artillerie verzieht sich aufs Feld, die Kanonen testen – Reenactmentkanonen sind auch nur Kanonen und leiden manchmal unter denselben Problemen wie ihre historischen Vorbilder. Es soll ja nun aber jede stattfindende Explosion gezielt ablaufen, und wenn zwischenrein eine Kanone ungeplant verstopft und nicht mehr zündet, kommt das für die Schlacht auch eher ungünstig – auch wenn es das Publikum gelegentlich recht witzig findet.

Zu dem Zeitpunkt taucht auch erstmalig der lokale Photograph auf, der uns den Rest des Tages immer mal wieder auflauern wird. Ich mag ja nicht gerne photographiert werden, und die Herrschaften mit den Kameras respektieren dies zumeist auch. Im Hintergrund mal mit drauf sein lässt sich nicht vermeiden, und Privataufnahmen irgendwelcher Besucher auch nicht, aber gut…
Mein Mann hat dieses „Problem “ nicht und posiert mal schnell für die ersten Photos des Tages..

Wir stellen dann nur noch schnell sicher, dass mein Handy erreichbar ist. Eine Sache, die ich verweigere, ist der Knopf im Ohr. Ich hasse Kopfhörer und ich hasse die Ohrsteckerknöpfe fast noch mehr. Nein, kein Headset für mich. Wenn mich jemand braucht, werde ich eben ganz anachronistisch mein Handy aus der Tasche nehmen müssen. In dem Wissen, dass er mich anfunken kann, wenn er mich braucht, trennen sich dann unsere Wege. Er holt sein Schwarzpulver, sein Pferd und wird mit „Philippon“ den Kampfplatz inspizieren (Der Oberbefehlshaber ist häufig zu sehr mit seiner Rolle beschäftigt, um gleichzeitig die Koordination machen zu können. – Außerdem muss Philippon ja in der zweiten Schlacht verschwinden und aus der Stadt fliehen… da wäre dann nicht mehr so viel mit Koordination).

Ich schließe mich derweil schnell mit den anderen Chirurgen kurz und suche mir dann den Weg ins englische Lager, um mich da mal umzuschauen. Vor der Schlacht mischen sich die beiden Seiten üblicherweise eher weniger, bzw. nur in den Koordinationstreffen. Da ich in meiner Position aber keine Uniform trage, stört sich niemand dran, dass ich doch schon vorbeischaue.

Etwas lachen muss ich über die Frau in vollem Kostüm, die ein Pferd in vollem Kostüm Gassi führt wie ein Hündchen. Vor meinem inneren Auge hebt das Tier am nächsten Baum das Bein. Vor meinen äußeren Augen natürlich nicht, aber es scheint seinen Spaziergang sehr zu genießen.

Die Briten und die Portugiesen sind tatsächlich mit Vertretern aller relevanten Truppen angereist: portugiesische Uniformen, britische Redcoats und die grünen Uniformen der Rifle Brigade sieht man. Sir Thomas Picton, der zu Waterloo seine Männer in Abendgarderobe und Zylinder statt in Uniform befehligte, ist auch sehr gut getroffen dargestellt–ob der Mann, der ihn spielt, nun von selbst so gerne flucht oder das für die Rolle extra einstudieren musste, lasse ich mal dahingestellt. Er gibt jedenfalls einen sehr überzeugenden und nicht zu überhörenden Picton ab, wie er gerade seine Männer zusammenstaucht.

Die Soldaten ziehen dann Kompanie für Kompanie ab zum Einexerzieren. Es müssen schließlich um die zweihundert Menschen, von denen die meisten noch nie zusammen „gekämpft“ haben, gleich gemeinsam eine Schlacht schlagen, und dabei aussehen, wie eine eingespielte Armee. Um da im Vorfeld etwas zu üben, bekommt jede Seite einen Exerzierplatz zur Verfügung gestellt, und kann dort etwas üben. Wie viel davon wirklich stattfindet und was genau gemacht wird, ist den jeweiligen Befehlshabern selbst überlassen.

Ich lasse mir Zeit, um auf den Gefechtsplatz zu kommen. Schließlich müssen wir uns nicht großmächtig aufstellen. Wir haben ein Lazarettzelt. Was dort drinnen vor sich geht, sieht von außen keiner. Davor ist ein Tisch aufgestellt, auf dem für das Publikum mal etwas Verwundetenbehandlung gezeigt werden kann. Amputationen wird es heute nicht geben, da wir keinen Reenactor mit abnehmbaren Körperteilen dabei haben.

Die Zuschauer finden sich fast zeitgleich mit den ersten Soldaten ein, die im Feld aufmarschieren und Aufstellung nehmen. Die Schotten tuten etwas auf ihren Dudelsäcken, die Flötisten flöten und die kleinen Trommler geben sich redlich Mühe, den Takt zu halten. Einzelne Offiziere galoppieren ihre kostümierten Pferde mal um den Platz – weniger zum Aufwärmen und mehr, damit das Publikum schon mal was zu sehen hat. Die Ansage beginnt, der Ablauf wird ab nun kommentiert.

Da man sich das Fluten und Verminen des Geländes vor der Stadt gespart hat, muss auch keine aufpassen, wo er hintritt.
Die Schlacht beginnt. Wir haben erst mal nichts zu tun als zuzuschauen. Musketen sind ziemlich laut, rauchen und stinken. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich tatsächlich an den Geruch. Kanonen sind noch lauter und rauchen noch stärker. Das Schlachtfeld liegt schnell unter Nebel, man kann nur noch mit Mühe sehen, wer gerade was macht – umso wichtiger ist sowohl die vorherige Koordination als auch die Sache mit den Headsets, man will ja nicht aus Versehen mal einen Trupp Kavallerie in eine Linienformation reiten.

Das Ganze geht so etwa fünfzehn Minuten mit Schussabtausch und Kommentar, dann werden die Pferde nach hinten abgezogen. Das ist notwendig, damit vorne gestorben werden kann. Eine relativ wichtige Regel: Solange die Kavallerie oder berittene Offiziere im Feld sind, stirbt keiner. Heißt, es darf niemand auf den Boden fallen und dort liegen bleiben. Pferde treten zwar nicht freiwillig auf einen liegenden Körper, aber ein Restrisiko des Durchgehens besteht selbst bei gut ausgebildeten Pferden immer. Außerdem sind die Sichtverhältnisse durch den Schwarzpulverrauch wirklich sehr schlecht, und das Pferd sieht unter Umständen gar nicht so genau, worauf es tritt. Gestorben wird daher also nur während vorgegebener Zeitfenster, während derer niemand durchs Bild reitet.

Ab da habe ich dann auch zu tun – zum einen werden vor dem Zelt immer zwei bis drei „Verwundete“ versorgt , zum anderen werden im Zelt die angetragenen Verwundeten soweit dekoriert, dass man ihnen die Verwundung anschließend auch abnimmt. Da wir noch eine Schlacht vor uns haben, halten wir uns etwas zurück. Auch Theaterblut hinterlässt nämlich böse Flecken, die man nicht mal einfach so im Feld rauswaschen kann.

Sobald man im Einsatz ist, merkt man eigentlich kaum mehr, wie die Zeit vergeht. Plötzlich wird es still draußen, und die verbleibenden Soldaten marschieren wieder auf. Die Fahnenbandverleihung findet zwar normalerweise erst am Ende der letzten Schlacht statt, da aber in der Nachmittagsschlacht aus Platzgründen nicht alle Gruppen mitmachen können, gibt es bereits eine kurze Vergabe für die anderen.

Dann dürfen die Zuschauer aufs Feld, um sich mit den siegreiche und den verlierenden Soldaten und Offizieren photographieren zu lassen. Bei uns schauen nur wenige Neugierige vorbei, das ist normal. Die Chirurgen wurden im echten Krieg damals auch etwas unter-gewürdigt. Passt also. Dennoch können wir erst einpacken, wenn sich das Publikum in Richtung Mittagessen verstreut.

Langsam habe ich durchaus auch Hunger, gegen ein Mittagessen wäre nichts einzuwenden…

 

 

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 1)

Normalerweise finden Reenactments an den Jahrestagen der dargestellten Ereignisse dar. Da die meisten Reenactors voll berufstätig sind (je nach Rolle muss es kein teures Hobby sein, aber kostenlos ist es nie), und ja auch die Zuschauer Zeit haben sollten, werden sie zumeist auf das vorhergehende oder das folgende Wochenende gelegt.

Da aber ein spanischer oder portugiesischer Sommer wirklich sehr heiß werden kann, und da kaum jemand Lust hat, sich das dann anzutun – historische Kleidung bedeutet in dem Fall für die Soldaten und Offiziere: lange Unterhosen, Strümpfe, Hose aus Leinen oder (vorzugsweise) Wollstoff, Unterhemd, Hemd (hoher Kragen, Ärmel bis zu den Handgelenken), Weste, Jacke und unter Umständen zweite Jacke, Schal oder Halstuch. Die Damen haben es nur unwesentlich besser, auch Kleider sind bodenlang, Unterrock und Unterhemd müssen sein, etc. Wir Feldchirurgen haben es noch relativ gut getroffen, denn aufgrund unserer eher unsauberen Arbeit dürfen wir auch „in Hemdsärmeln“ (also ohne Jacke) und unter Umständen sogar nicht zurückgekrempelten Ärmeln arbeiten. Dafür tragen wir zum „amputieren“ dann schon mal Lederschürzen, die Dinger sind auch recht schwer. In jedem Fall: Kaum jemand möchte freiwillig unter so vielen Lagen Stoff bei über 35 Grad das Wochenende verbringen, und auch noch fast durchgängig aktiv sein dabei.

Und so finden eben nur die „runden“ Jubiläen wirklich im Sommer statt, während die „kleinen“ Jahrestage auf die kühlere Jahreszeit verschoben und eben im Voraus begangen oder nachgeholt werden. Wenn dann noch ein Veranstaltungsort mehrere Schlachten ausrichten muss oder möchte, und man für alle passende Termine finden muss… dann kann es schon mal passieren, dass man Badajoz eben auch mal in einer anderen Jahreszeit verteidigt, obwohl es im April eigentlich noch gar nicht so sehr heiß gewesen wäre. Da fand halt gerade was anderes statt.

Es ist auch eigentlich gar nicht so schlimm, dem ziemlich trüben Deutschland und nicht minder trüben Belgien mal ein Wochenende zu entkommen, denn in Spanien ist das Wetter noch ganz nett.

Badajoz liegt am Rio Guadiana in Extramadura, und wäre die Stadt ein winziges bisschen weiter Westlich, könnte man über die portugiesische Grenze spucken. Oder in anderen Worten: Der Flughafen von Badajoz ist deutlich weiter von Badajoz weg als Portugal. Nebenbei wird dieser ausschließlich von Madrid aus bedient, nur mit einer einzigen Fluglinie, und nur an Wochentagen. Nach längerem Hin und Her, abwägen von Zug oder Nicht-Zug oder doch tatsächlich Flug nach Portugal und dann Anreise von dort, entschieden wir uns schließlich für einen Flug nach Madrid und dafür, die letzten ca. 350 km dann per Mietwagen zurückzulegen.

Das ging soweit auch ganz gut. Flug ereignislos, wir flogen in zivil. Oft ist es so dass irgendjemand aus der Truppe die ganze Strecke mit dem Auto fährt, um größere Ausrüstungsteile wie Zelte usw. zu transportieren. Dort kann man dann die Kostüme mitgeben und sie sich vor Ort wieder abholen. Das hat seine Vorteile. Kann man das nämlich nicht, tut man gut dran, in vollem Kostüm zu fliegen, denn ein Verpacken und Flugzeugtaugliche Koffer/Taschen überlebt die Ausrüstung eher weniger. Das wiederum führt dann zu interessanten Situationen mit den Mitreisenden. Dazu aber ein Andermal.

Wir treffen also am späteren Freitagnachmittag in Badajoz ein, was in Spanien noch gar nicht so sehr spät ist – da die Spanier gerne Mittags etwas länger Pause machen und dann länger in den Abend aktiv sind. Hat auch was mit dem Wetter zu tun.

Da wir zu den Verteidigern gehören, haben wir nicht viel Arbeit. Die Briten und Portugiesen bauen vermutlich gerade ihr Lager vor der Stadt auf… Wir beziehen mal in aller Ruhe unser Quartier. Streng genommen sollte ich ja so rollenmäßig nicht mit meinem Mann zusammen untergebracht sein, aber hier nehmen wir es aus rein praktischen Gründen etwas weniger genau. Er: Chef unserer Truppe, und häufig noch Koordinator für mehrere andere Truppen – Ich: Habe einen „Nebenjob“ als Nachrichtenübermittler, Bote und in der Koordination mit unseren englischen Kollegen.

Unser Gepäck ist schon da, also verwandeln wir uns mal schnell in unsere Gegenstücke aus dem 19. Jahrhundert. Beim Abendessen mit den Koordinatoren der anderen Gruppen folgt die erste kurze Besprechung des Wochenendes. Zwei Schlachten am Samstag, Parade am späten Nachmittag, Sonntags noch Hochzeit, an der wir ausnahmsweise teilnehmen dürfen. Klar, Belagerung von Badajoz ohne nachfolgende Hochzeit geht nicht, auch wenn im Original bestimmt keine französischen Offiziere eingeladen waren. Wir bekommen die Pläne für die erste Samstagsschlacht, die nicht historisch korrekt ist sondern rein der Publikumsbelustigung dient, um uns diese in Ruhe anzuschauen und am Morgen noch letzte Fragen klären zu können. Die Headsets werden geprüft – Sehr anachronistisch tragen die höheren Offiziere nämlich meist einen Knopf im Ohr und ein Mikro am Kragen, um sich bei der Schlacht koordinieren zu können.

Dann löst sich die Versammlung auf, und wir lassen uns noch den Weg zum Stall beschreiben, wo wir tatsächlich noch jemanden antreffen, und unser Leihpferd in Empfang nehmen können. Da Leihpferde nicht in unendlich großer Menge zur Verfügung stehen, haben wir nur eines bekommen – für den Herren Offizier. Der Feldchirurg wird wohl zu Fuß unterwegs sein müssen.
Die nächsten zwei Stunden werden damit verbracht, das Sattelzeug zu prüfen, das Pferd zu striegeln, aufzusatteln und mal eine Runde probezureiten.
Fazit: Pferd soweit auf dem Platz zu beurteilen vollkommen OK. Laut Aussage des Stallpersonals auch an Schlachtenlärm gewöhnt. Ein bisschen lustig sieht es ja aus, da das Pferd etwas klein geraten ist für ihn, aber es macht nicht den Eindruck, als würde es seinen Reiter als unbillige Härte empfinden.

Der Freitagabend endet mit einem Bummel über den obligatorischen Markt, der die meisten Reenactments begleitet, der zu einem kurzen Meet and Greet mit Bekannten wird, die man immer mal wieder auf Veranstaltungen trifft. Aber wirklich nur kurz – denn spätestens um 6:30 ist für uns am Samstag die Nacht zu Ende, und etwas Schlaf sollten wir doch bekommen…