Beschreibung von Kriegsgeschehen aus dem 19. Jh; Erwähnung von Vergewaltigung; wer das nicht lesen möchte, bitte überspringen.

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Und es trug sich zu…

… dass Wellington mal wieder eine Stadt belagerte.

Wir schreiben den 6. April 1812. Der Ort ist Badajoz. Seit etwa drei Wochen sitzt die Anglo-Portugiesische Armee vor den Toren und belagert die Stadt. Im Januar war Ciudad Rodrigo eingenommen worden, jetzt stand Badajoz auf dem Plan. „Eingenommen“ ist hier gleichzusetzen mit „befreit“, denn die Städte befanden sich in der Hand der französischen Armee – und zwar keineswegs mit dem Einverständnis der örtlichen Spanier.

Badajoz galt als strategisch wichtiger Stützpunkt. Zwei Versuche einer Belagerung waren bereits gescheitert. Der Dritte sollte nun Erfolg bringen.

Die französischen Truppen in der Stadt unter General Armand Philippon zählten etwa 5000 Mann. Das war an sich im Vergleich mit der Stärke der Belagerer nicht so sehr viel, aber die Stadt war extrem gut befestigt. Neben den üblichen Mauern und Befestigungsanlagen war hier auch das Land außerhalb der Mauern mit versteckten Sprengsätzen gespickt und teilweise geflutet worden, was die Annäherung an die Stadt besonders erschwerte.

Die alliierte Armee vor den Toren der Stadt hatte etwas mehr als die fünffache Mannstärke der Verteidiger. Nach ihrer Ankunft Mitte März hatte sich diese Armee erst mal eingegraben – im recht wörtlichen Sinn. Immer wieder waren Versuche unternommen worden, die Stadt anzugreifen, nie war man besonders weit gekommen. Ein vorgelagertes Fort konnten sie jedoch in den letzten Märztagen einnehmen, was ihnen die Möglichkeit verschaffte, ihre Kanonen näher an die Stadt zu bewegen. Im Lauf der ersten fünf Tage des Aprils wurden nun durch ständigen Beschuss drei Breschen in die Mauern geschossen.

Damit war zumindest theoretisch die Möglichkeit gegeben, Badajoz einzunehmen – man hatte einen Weg hinein. So richtig gut war das immer noch nicht – die Verteidiger wussten schließlich genau, wo man kommen würde.

Allerdings entsprach es der Tradition der Kriegsführung jener Zeit, dass eine Festung, in die eine gangbare Bresche geschlagen war, sich dem Feind ergab. Wellington sandte also zu Philippon, mit der Aufforderung, seine Pläne zu erklären, und der Ankündigung, seine Übergabe der Stadt anzunehmen – oder andernfalls die Stadt zu stürmen.

Philippon allerdings, ob nun in dem Glauben, Badajoz dennoch halten zu können, oder schlicht aus Trotz, verweigerte die Aufgabe der Stadt. Es folgte nun die Aufforderung Wellingtons, in diesem Fall den Zivilisten das Verlassen der Stadt zu gestatten. Dem zumindest kam der französische Befehlshaber nach. Einige Tausend Spanier zogen aus der Stadt aus. Die Opferzahlen wären andernfalls wohl noch deutlich höher gelegen.

(So, und jetzt stelle man sich dieses Vorgehen mal in der heutigen Zeit vor…)

Die Stürmung der Stadt begann, wie üblich mit Freiwilligentrupps, die versuchten, durch die Breschen zu gelangen. Diese ersten Trupps, im Englischen passend als „Forlorn Hope“ bezeichnet – auch wenn sich die Etymologie hier tatsächlich etwas anders darstellt, als man auf den ersten Blick meinen würde – kamen häufig einem Selbstmordkommando gleich.

Unter starkem Feuer aus der Stadt stürmten also nun die Briten – speziell der Teil unter General Picton – Badajoz. Es wurde zu einem der blutigsten Siege der Napoleonischen Kriege. In kurzer Zeit stapelten sich die Verwundeten und Toten in den Breschen, doch gelang es Wellingtons Armee schließlich, die Stadt einzunehmen. Philippon hatte sich noch rechtzeitig abgesetzt und in eine Nebenanlage geflüchtet.

Die Sache mit dem Aufgeben der Festung, nachdem eine gangbare Bresche geschlagen war, hatte noch eine Kehrseite: Eine Festung oder Stadt, die die Kapitulation verweigerte, war nach der Einnahme der Gnade der Sieger vollkommen ausgeliefert. Plünderungen und Misshandlungen bis hin zur Tötung der Männer und Vergewaltigung der Frauen wurden als „gutes Recht“ des Siegers über die uneinsichtigen Verteidiger betrachtet.

Wellington, durchaus bekannt für seine eher mal „seltsamen“ Ansichten, führte diesbezüglich normalerweise ein sehr strenges Regime. Soll heißen: Plünderer wurden bestraft – von der Peitsche bis hin zur Erschießung – Vergewaltiger wurden gehenkt, und zwar jeweils egal ob aus den eigenen Reihen oder nicht. Galgen, deren Tote in britischer Uniform mit der Aufschrift „Atty was here.“ verziert waren, finden mehrfach Erwähnung. Entsprechend zurückhaltend fielen die meisten Stürmungen durch seine Armee dann auch aus.

Im Fall von Badajoz allerdings lagen die Dinge anders. Die Männer hatten gerade mehrere Wochen Belagerung hinter sich, hatten unter hohen Verlusten die Stadt eingenommen, wo nach allen Erwartungen minimale bis gar keine Verluste hätten geschehen sollen (wenn sich die Stadt nämlich ergeben hätte). Die Situation schaukelte sich schnell hoch – so weit, dass die Soldaten alle Vorsicht in den Wind schlugen und sich der Stadt und ihrer verbleibenden Bewohner genauso bedienten, wie es andere Armeen der Zeit regelmäßig taten. Es ging so weit, dass sich die Offiziere aus der Stadt zurückziehen mussten, da sie ihre Soldaten nicht mehr unter Kontrolle halten konnten und bei dem Versuch, einzuschreiten, riskierten, auf der Stelle erschossen zu werden. (Was mehreren unter ihnen auch genauso passierte.) Die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung werden auf ca. 4000 geschätzt –nur unwesentlich weniger als die Gesamtverluste der alliierten Armee an diesem Tag.

Wellington selbst kamen beim Anblick der Ergebnisse die Tränen – einer der wenigen dokumentierten Augenblicke, in denen er tiefere Gefühlsregungen erkennen ließ.

Es blieb nichts anderes zu tun, als den Dingen ihren Lauf zu lassen, den Soldaten die Zeit zu geben, sich zu beruhigen. Die Ordnung konnte erst nach drei Tagen einigermaßen wiederhergestellt werden. Der errichtete Galgen wurde nicht verwendet – zu groß war die Anzahl der Beteiligten, zu schwer, festzustellen, wer nun genau was getan hatte. Die Strafe für die meuternden Soldaten beschränkte sich so auf Auspeitschungen.

Philippon hatte sich inzwischen den Briten ergeben. Er verteidigte seine Entscheidung, die Kapitulation zu verweigern, damit, die Breschen seien nicht gangbar gewesen – seiner Meinung nach belegt durch die hohen Opferzahlen bei dem Versuch der Stürmung. Die Geister der Historiker scheiden sich hier.

Der französische General jedenfalls bekleckerte sich weiterhin nicht gerade mit Ehre. Als kriegsgefangener Offizier auf Ehrenwort in seinen Bewegungen relativ frei (auch das war üblich), nutzte er die erste Gelegenheit zur Flucht und kehrte im August desselben Jahres ohne formellen Austausch zu seiner Truppe zurück.

Ein weiteres Nachspiel hatte das Ende der Belagerung von Badajoz noch: Sie endete in der wohl unwahrscheinlichsten und doch erfolgreichsten Liebesgeschichte der Napoleonischen Kriege.

Fortsetzung folgt.

 

Quellen:

William Lawrence: The Autobiography of Sergeant William Lawrence, Sampson Low, Marston, Searle & Rivington, London, 1886
G. C. Moore (Editor): The Autobiography of Lieutenant-General Sir Harry Smith, John Murray, London, 1903
Sir Charles Oman: A History of the Peninsular War: Volume V, October 1811 to August 1812, Clarendon Press, Oxford, 1914
The dispatches of Field Marshall the Duke of Wellington, K.G. during his various campaigns in India, Denmark, Portugal, Spain, the Low Countries, and France : From 1799 to 1818. Compiled from official and authentic documents, John Murray, London, 1834

 

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2 Gedanken zu “Die Erstürmung von Badajoz, 6.4.1812

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