Fließend Wasser

Dürfen wir vorstellen? Unser Vogelbad.

Zwei Wellensittiche auf der Tränke

Einer unserer Menschen findet nämlich Technik ganz toll. Deswegen hat sie Rohre in den Boden gelegt, und jetzt haben wir fließendes Wasser im Vogelzimmer. Wenn wir zu viel rausgebadet haben, oder das Wasser sonst irgendwie weniger oder ganz aus versehen schmutzig geworden ist, hat sie draußen neben dem Lichtschalter einen Knopf in der Wand und kann den ganzen Brunnen nachüfllen oder abpumpen und neu füllen lassen. Cool, oder?

Das Zimmer-/Gartenbrunnenmodell, das ich hier als Grundlage verwendet habe, kommt von einer britischen Firma. Die Papageien haben sowas noch in groß im Wohnzimmer stehen, allerdings mit Auffüllung von Hand. Die Pumpe die das Wasser im Brunnen zirkuliert war dabei, der Filter ist super und kommt mit der Verunreinigung durch die Wellis und Finken (bzw. die Papageien) gut zurecht. Der einzige „Nachteil“: Es wurde nur ein britischer Stecker mitgeliefert. Bei dem hier egal, weil ich den Stecker eh‘ abgebaut habe, und das Ding direkt mit dem Schalter verkabelt ist. Der Wohnzimmerbrunnen läuft über einen Adapter problemlos.
Erstmalig gesehen auf der Nürnberger Consumenta. Die Verkäuferin hielt Aras… erst redeten wir über Vögel, dann wurde der Wohnzimmerbrunnen bestellt. Was ihre Aras nicht kaputtbekommen schaffen meine Graupapageien auch nicht, dachte ich mir. Richtig gedacht. Also falls jemand noch ein cooles Extra für die Piepmätze sucht…

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So bitte nicht – „Die schlaue Box“

„Hey“, schreibt mich eine Bekannte an, „Brauchst du noch was zum Spenden? Das hier wär‘ doch was für dich, oder?“ Den anliegenden Link kenne ich bereits, hatte ich ihn doch zuvor schon auf der Social-Media-Seite einer anderen Bekannten gesehen. Und reichlich unbegeistert kommentiert.

Der Artikel

Klingt doch ganz gut? Vielleicht, auf den allerersten Blick, mit einem zugekniffenen Auge und im Vorbeifahren.

Im Artikel selbst lässt schon mich der erste Satz an der Recherchequalität zweifeln. Man mag zu der Sache mit der einheitlichen Bezeichnung „Autismusspektrum“ stehen, wie man will, und es ist kein Geheimnis: ich bin dagegen. Dennoch ist das nun mal seit drei Jahren die „offiziell“ vorgesehene Konvention. Hier wird also schon mal mit veralteten Begrifflichkeiten gearbeitet. Sicher, vielleicht teilt der Autor des Artikels meine Einstellung. Dann sieht die Wahl aber unkommentiert immer noch so aus, als wäre die Recherche vergessen worden. Daran ändert m. E. auch der erklärende Einschub nichts. Deshalb bin ich zumindest in der Theorie gewillt, den restlichen Inhalt mit einer Prise Salz zu genießen.

(Über die Sache mit der Grammatik und Zeichensetzung müsste man sich mit dem Autor auch nochmal unterhalten).

Hier meine Gedanken zum Inhalt so, wie er da steht:

Jawohl, Hilfestellung für die Schule ist notwendig, wichtig und würde auch von mir massiv begrüßt. Soweit gehe ich mit Frau Ott d’accord.

Nun steht hier aber: „Petra Ott’s [sic!] Traum ist es daher, jede Schule mit dem Koffer auszustatten, um autistische Kindern [sic!] aber auch Lehrer im Umgang mit diesen im Schulalltag zu unterstützen.“

Die Grundregel ist:
***Kennst du einen Autisten, kennst du genau einen Autisten.***

Den Autisten schlechthin, den Prototypen, das Maß aller autistischen Dinge, den gibt es nicht. Was dem einen hilft, kann den anderen total aus der Bahn werfen. Stellt man nun „jede[r] Schule“ einen solchen Koffer zur Verfügung, mit der Information „um autistische Kinder […] im Schulalltag zu unterstützen“ wird jedoch genau das suggeriert.

Hier, die Lösung.
Für autistische Kinder.
Im Allgemeinen.

Die wird nun aber den einigen mehr helfen, den anderen weniger, und wieder anderen überhaupt nicht.

Was geschieht nun aber mit denen, denen es weniger (oder gar nicht) hilft?

Hier öffnet man Tür und Tor für die Schuldzuweisung: „Du willst nicht.“
Es kommt die Erwartungshaltung „Schau, jetzt hast du schon dieses tolle Hilfsmittel, jetzt musst du es auch können“.
Funktioniert es nicht, ist dann ganz schnell das Kind schuld, das sich quer stellt, obwohl man jetzt schon extra diese Box angeschafft und eingesetzt hat… warum funktioniert der Autist nun also nicht, wie gewünscht, wenn man ihm doch die Lösung präsentiert?

Laut Artikel sagte Frau Ott, sie würden den Lehrern keinen Vorwurf machen, diese seien mit autistischen Kindern eben überfordert. Dies wird sich mit einer solchen Box im großen Rahmen nicht ändern. Sehr wohl jedoch wird sie die Erwartung wecken, dass das geschehen wird.

Von einem Lehrer ohne spezifische Ausbildung kann ich nicht erwarten, dass er Einblick in die Vielseitigkeit und die große Anzahl der Varietäten des Autismus hat. (Dass der Lehrer angesichts der Autismus-„rate“ dringend geschult werden müsste, da es wohl kaum einen Lehrer geben wird, der nie einem autistischen Schüler begegnet, steht auf einem anderen Blatt.)

Von jemandem der sich, wie Frau Ott laut Artikel, „[im] Studium jahrelang mit dem Asperger-Autismus auseinandersetzte“ erwarte ich dieses Wissen jedoch.

*

Brillenträger kennen es: Es wird kaum jemand durch die Brille des Nachbarn annähernd so gut sehen, wie durch die eigene. Es müsste schon ein großer Zufall sein, dass gerade zweimal die gleiche Stärke benötigt wird. Setzt man dem Kurzsichtigen eine Lesebrille auf, wird er noch schlechter sehen. Setzt man dem Weitsichtigen eine Fernbrille auf, gilt dasselbe. Das sind nur zwei von zahlreichen Möglichkeiten, die bei der Anpassung einer Brille zu beachten sind.

Niemand käme auf die Idee zu sagen: „Wir statten einfach alle Schulen mit Brillen mit Stärke X aus, und jeder Schüler, der schlecht sieht, bekommt eine“ – und dann auch noch zu erwarten, dass das funktioniert.

Das ist aber das Prinzip, das hier beschrieben wird.

Genau wie Sehfehler in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten können und ein präzise angepasstes Hilfsmittel benötigen, geht hier eine „One-size-fits-all“-Lösung an der Sache vorbei.

Unterstützung für Autisten im Unterricht: Ja, absolut und jederzeit.

Aber angepasst an den Einzelfall.

Immer individuell, nie generisch.

Und bitte in einer Weise, die keine Erwartungen weckt, die das Gros der autistischen Grundschüler nicht wird halten können.

Newstead Abbey, Nottingham, Juni 2016

Normalerweise stehe ich ja nicht so sehr auf Dichtung (was häufig überrascht, da mit gereimte Texte sehr schnell im Gedächtnis bleiben. Einzig – nur weil ich es kann, heißt es noch lange nicht, dass ich es aus Spaß mache. Gedichte bleiben mit im Kopf, ohne dass ich dazu wirklich selbst einen großen Beitrag leiste. Das ist so ein bisschen wie Atmen. Das passiert halt.

Normalerweise stehe ich nicht auf Dichtung, oder Dichter, aber es gibt die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Diese heißt George Gordon, starb 1824 im griechischen Freiheitskrieg und ist allgemein besser bekannt als Lord Byron.

Lord Byron war befreundet mit Mary, damals noch Godwin, und Percy Shelley, und als er dank seiner übermäßigen Schulden im April 1816 sozusagen aus England hinausflog, fand er sich nur wenige Monate später mit den beiden, seinem Leibarzt und Marys Stiefschwester am Genfer See wieder. Dort ging es wohl recht hoch her, und es kam dann eben im Juni der Tag, an dem sie sich keine Spukgeschichten mehr vorlesen, sondern ihre eigenen schreiben wollten. Zwei davon sind erhalten: Byrons Fragment of a Novel, später von Polidori als The Vampyre überarbeitet in eigenem Namen veröffentlicht, und Marys Anfänge zu The Modern Prometheus – die Geschichte, die wir heute als Frankenstein kennen.

Nun jährte sich dieser Schreibeabend zum 200. Mal, und die Gelegenheit wurde genutzt um eine Themenkonferenz zu organisieren – wo besser als in Newstead Abbey, dem Heim der Familie Gordon seit dem 16. Jahrhundert – bis Byron das Anwesen 1818 verkaufte, um seine Finanzen aufzubessern.

Und auf diese Veranstaltung wollte ich eigentlich. Etwas überrascht stellte ich aber fest, dass die recht begehrt war, und ich bereits nur noch auf die Warteliste gesetzt werden konnte. Nachdem ich über längere Zeit nichts hörte, hatte ich schon kaum mehr daran gedacht. Schließlich, in wirklich allerletzter Minute, wenn man die Anreisestrecke bedenkt, kam ein Anruf. Ich könnte zwei Plätze haben, wenn ich sie noch wollte. Der Mann klärte kurz ab, ob er so kurzfristig freinehmen dürfte – er durfte in der Tat –, ich bestätigte die Tickets, wir buchten den Flug.

Unterkunft stellte sich als kompliziert heraus, es war so kurzfristig nichts zu bekommen, das für uns passte. Natürlich, „irgendwo schnell“ unterkommen könnte man immer mal, aber das mache ich sehr ungerne. Unser Rückflug, ebenfalls suboptimal, ging von London aus. Die Zeit war einfach zu knapp, um unsere Wunschflüge zu buchen, wir mussten nehmen, was es noch gab. Wir hatten also am nächsten Morgen nochmal eine ziemlich lange Strecke zu fahren. Die Entscheidung fiel schließlich dahingehend, bei einer Bekannten in Manchester zu schlafen – oder eher darauf zu warten, dass die Nacht rum ist – und dann frühmorgens aufzubrechen. Auch suboptimal, aber gut… Sie hatte es angeboten, als ich sie nach einer Hotelempfehlung fragte, obwohl es unwahrscheinlich war, dass wir uns morgens aus der Wohnung schleichen konnten, ohne sie zu wecken. „Suboptimal“ war also irgendwie der rote Faden, der sich durch diese Reise zog.

Entsprechend trat ich sie schon in der Erwartung an, dass alles nicht so recht passen würde. Zu einer stressigeren Zeit hätte ich die Fahrt wohl lieber bleiben lassen, so war ich relativ sicher, dass es gehen würde, v.a. weil ich danach zwei Wochen Ruhe ohne Termine hatte.

Am Abend vor dem Abflug – ich war bereits in Bayern, weil unser Flug von München aus ging – erreichte mich dann noch eine E-Mail. „Ich möchte die geladenen Gäste bitten, den formellen Dresscode zu respektieren.“ Sag mal, Herr Organisator, geht’s noch? Das sagst du mir 24 Stunden vor Veranstaltungsbeginn? Sorry, geht nicht weil is‘ nicht. Es ging also eine E-Mail zurück, dass ich in dem Fall bitte wieder ausgeladen werden möchte, keinesfalls würde ich in „formellem Dresscode“ entsprechender Kleidung einen Flug und zwei Zugfahrten machen, um dann mit ca. 20 Minuten Luft vor der Veranstaltung anzukommen. „Ordentlich aber praktisch“ könnte ich ihm anbieten, und ich könnte ihm bereits jetzt versprechen, dass unser Schuhwerk reisetauglich sein würde, aber keinesfalls irgendeinem Dresscode entspräche. Er schrieb zurück, das sei doch natürlich eine Ausnahmesituation bei der darüber hinweggesehen würde. Nun gut, Eindruck hatte er jedenfalls schon hinterlassen. Ich vermutlich auch.

Bei uns ging es also sehr früh nach München. Da ich längere Überland- bzw. Autobahnfahrten als durchaus entspannend empfinde, durfte der Mann auch noch etwas Schlaf aufholen. Der hatte ja am Vortag noch arbeiten müssen und war erst mitten in der Nacht aus Belgien gekommen.

Der Flug ging problemlos, der Kaffee im Flieger fiel nicht negativ auf (damit hat der Flug dann schon mal einen Punkt gut bei mir). In Manchester hatten wir etwa eine dreiviertel Stunde Leerlauf, bevor unser Zug ging. Das reichte zwar nicht, um wirklich etwas anzuschauen aber es war genug, um mal eine Runde frische Luft zu schnappen und ein bisschen zu laufen. Wir sind ja an sich sehr gerne zu Fuß unterwegs und brauchen das auch irgendwie.

Ich hasse Züge eigentlich und finde Zugfahren schrecklich desorientierend. Etwas besser wird es, wenn ich den Laptop mitnehmen und unterwegs ein bisschen arbeiten kann, was natürlich sehr vom Zug und dem Füllgrad abhängt. Es war relativ früh am Tag, da ging es. Von der Strecke nach Sheffield habe ich so natürlich nichts mitbekommen, für mich aber besser so.

In Sheffield hieß es dann Umsteigen mit Wartezeit, dort suchten wir uns dann erst mal ein Subway. Davon gibt es in Sheffield erfreulich viele. Subway ist für mich ein praktisches mal-schnell-was-essen unterwegs. Egal, wo ich bin, ich kann mir mein Sub immer so bestellen, wie ich es will, und es schmeckt immer ausreichend gleich.

Die Zugverbindung von Sheffield nach Nottingham heißt, mit gutem Grund natürlich, „Robin Hood Line“. Das macht es immerhin einfacher, nicht aus Versehen in den falschen Zug zu steigen.

Offiziell fährt man, um nach Newstead Abbey zu kommen, bis Nottingham durch und steigt dort in den Bus, der einen dann wieder entlang der gleichen Strecke ein Stück zurückfährt. Wir stiegen allerdings einfach bei Newstead Village aus und liefen den Rest. Länger brauchten wir dafür auch nicht. Die Strecke ist mit 20 Minuten Fußweg ausgeschildert. Das ist großzügig bemessen. Wir brauchten etwas mehr als 10, also wäre bei einer „normalen“ Gehgeschwindigkeit wohl ca. 15 min. zu erwarten.

Newstead Abbey heißt deswegen Abbey (=Abtei), weil das Gebäude ursprünglich als Kloster errichtet wurde und einem Augustinischen Orden diente. Unter Henry VIII wurden jedoch ab 1536 die katholischen Klöster aufgelöst und enteignet. Einige Klosterkirchen blieben als normale Pfarrkirchen in Verwendung, viele wurden einfach abgebrannt und zerstört, sind teils bis heute als Ruinen erhalten. Wieder andere wurden einer weltlichen Verwendung zugeführt, wie eben auch Newstead Abbey, das 1540 von John Byron erworben wurde und bis 1818 im Besitz der Familie blieb. Dazu gehören sehr umfangreiche Ländereien, Parks, Gärten und Nebenanlagen. Wenn man genug Zeit hätte, könnte man sich das auch größtenteils anschauen.

Uns blieben etwa 30 Minuten zur Verfügung, die wir in einer ruhigen Gartenecke zubrachten.

Unsere Veranstaltung begann dann mit einer kleinen Führung. Newstead Abbey wurde mehrfach umgebaut, vor allem nach Byrons Verkauf auch recht umfassend. Zwischenrein gab es mal einen Brand, die Restauration danach ist nicht unbedingt das, was ich mir unter denkmalschützerisch wertvoll vorstelle. Das Gebäude ist sehr viktorianisch – was auch recht hübsch ist, aber eben nach Byrons Zeit liegt. Es gibt, sah ich, Ausstellungsbereiche, die sich der Zeit als Abtei sowie den späteren Zeiten widmen. Wir wurden nur durch die Byronausstellung geführt. Diese ist… nun ja, nett. Es finden sich Möbelstücke, Briefe, Portraits des Dichters, aber es ist eben nur eine Sammlung.

Und da merke ich dann schon, dass es eben „nur“ Lord Byron ist. Das Ganze ist wirklich nett, reißt mich aber nicht vom Hocker. Auch ein Lord Byron wird bei mir eben immer nur die zweite Geige spielen, hinter jenem Mann, den er selbst in einem Gedicht mit dem Titel „The Best of Cutthroats“ (Der beste Halsabschneider) bedachte (der übrigens tatsächlich in der Lage gewesen wäre, die erste Geige zu spielen), und den Byron, so seine Aussage zu mehreren Gelegenheiten, gerne hätte hängen sehen. Na, die Antipathie zumindest ging in beide Richtungen, Wellington regte dringend an, Byron zu erschießen. Wellington musste heute aber zu Hause bleiben, es geht ja um Byron.

Was ich gerne gesehen hätte, wären z.B. Räume gewesen, die eingerichtet sind, wie sie es zu der Zeit waren, in der Byron dort lebte. Oder wenigstens soweit das im Rahmen der Umbauten möglich ist. Dass man sich etwa in nachgemachter Kleidung, wie sie auf Byrons Portraits zu sehen ist, photographieren lassen kann, ist für mich auch eher eine Spielerei, die ich nicht unbedingt haben muss.

Okay… mal gerade sichergehen: Objektiv gesehen ist die Ausstellung gut. Subjektiv war sie nicht das, was ich sehen wollte.

Es folgten die Vorträge, also der eigentliche Hauptteil der Veranstaltung. Wir hatten glücklicherweise einen Randplatz. Während ich allgemein nicht gut damit zurechtkomme, Köpfe im Blickfeld zu haben, ließ sich das mit Augen zumachen gut handhaben – ich musste schließlich nicht sehen, was der Redner da vorne macht, und so auf halber Strecke zwischen dem Restpublikum sollte es ihm auch nicht negativ auffallen. Es gab mehrere Beiträge unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Qualität. Der Großteil bezog sich natürlich auf Byron und die Shelleys, eine befasste sich mit Adaptionen von Frankenstein und, dank der Verbindung über Fragment of a Novel kamen wir auch noch in den Genuss eines kleinen Vortrags über den Vampir im allgemeinen und den britischen Vampyre im speziellen. Vampire mag ich ja, wie gesagt.

Zusammen mit einer kleinen Diskussionsrunde dauerte das ganze deutlich länger als geplant, und vor dem nachfolgenden gemeinsamen Abendessen verabschiedeten wir uns mit Hinweis darauf, dass wir einen Zug erwischen mussten. Wenn die Bekannte aus Manchester uns schon bei sich schlafen ließ, wollten wir wenigstens pünktlich sein, und nicht mit knapp zwei Stunden Verspätung aufschlagen.

Auf der Rückfahrt wurde das Umsteigen in Sheffield recht knapp, klappte aber. Gerade hatten wir uns in dem Zug nach Manchester auf freie Plätze gesetzt und mal eben E-Mails abgerufen, als eine Nachricht einer Freundin auf Facebook auftauchte. Ich schrieb zurück, sie entschuldigte sich schon mal im Voraus, sie sei im Zug und wüsste nicht, wie lange ihre Verbindung halten würde. Kurzes Grinsen. Wir auch. Aber bestimmt nicht im gleichen Zug, oder? Sie: In welchem sitzt ihr denn? Ich: Sheffield-Manchester. Sie: Nee, aber wenn ihr in Manchester aussteigt und ein bisschen wartet, könnt ihr bei mir einsteigen.

Kurzes allseitiges Koordinieren, dann stand fest: Wir tun unserer Bekannten und uns selbst diese Übernachtung nicht an – was wohl allen Beteiligten so nur Recht war – fahren stattdessen direkt nach London, schlafen dort bei der Freundin und werden am nächsten Tag von deren Mann zum Flughafen gefahren. Tja, auf die Idee hätte man echt vorher auch kommen können. Hier ist es dann von Vorteil, dass ich auf Reisen generell etwas weniger auf einen vorgeplanten Ablauf festgelegt bin und 1-2 Tage mit plötzlichen Umplanungen ohne größere Katastrophen zurecht komme.
Die Londoner Freundin ist ebenfalls Autistin, auch mit einem NT verheiratet, wir machen auch öfter mal was im Viererpack und verbringen auch schon mal ein Wochenende dort – oder sie bei uns. Nebenbei teilen wir uns ein Spezialgebiet, und die beiden Herren können sich in der Küche vergnügen (beide sind tolle Köche), während wir neue Erkenntnisse austauschen. Wäre das ganze jetzt geplant gewesen, hätte jede von uns noch ein Buch zum Thema dabei gehabt, das dann die Besitzerin wechseln würde, das muss dann dieses Mal leider ausfallen.

Damit endete der Tag dann doch noch entspannter, als zuvor für möglich gehalten, mit einer Flasche gutem Whiskey und Brettspielen, und ich konnte mir am Folgetag die öffentlichen Verkehrsmittel zum Flughafen sparen.

Grundsätzlich – ich würd’s wieder machen, aber nur mit mehr Vorlaufzeit und mehr Gelegenheit zur Organisation.

 

 

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus  auf Projekt Gutenberg
Frankenstein; Or, The Modern Prometheus by Mary Wollstonecraft Shelley auf Project Gutenberg

Lord Byron: Ein Fragment auf Projekt Gutenberg
Fragment of a Novel by Lord Byron auf sff.net

John William Polidori: Der Vampyr auf vampyrbibliothek.de
The Vampyre, by John William Polidori
auf Project Gutenberg

Wenn der blöde Mensch uns keinen Nistkasten geben will…

… müssen wir das eben selbst in die Hand nehmen, dachten sich die Wellis wohl.

Wir sind doch Höhlenbrüter, und graben in freier Wildbahn auch schon mal in Felsen… Felsen haben wir keine, aber eine Hauswand hätten wir. Juhuu, lasst uns eine Höhle in die Wand fressen!

hohle
Fünf Wellensittiche und ein Zebrafink

Ja… Dieser dunkle Fleck an dem die Dame da an der Wand sitzt ist ein Loch… in der Außenwand meines Hauses. Ganz großes Kino, Welli, ganz großes Kino. Ein Glück, dass die Wand so dick ist, in das Loch bringe ich die Hand bis etwa zur Daumenwurzel schon rein.

Leute, das geht so nicht. Am Montag wird die Wand erst mal komplett mit Klettermaterial abgedeckt, dann schauen wir weiter.

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 2)

Fortsetzung von hier

Samstag, Morgen bis Mittag

Ich bin kein Morgenmensch , ohne Kaffee erst recht nicht, aber immerhin hatte unser Quartier einen solchen. Der Mann war sogar schon wach und hatte mir eine Tasse reserviert. Ich trinke meinen ersten Kaffee des Tages durchaus auch lauwarm oder kalt, zu Hause auch häufig in Form des Rests von gestern…damit hole ich mir dann gerade genug Energie, um mir einen neuen zu machen.

Zugegeben, seit dem Kaffeevollautomaten (zusammen mit dem Roomba die beste Anschaffung der letzten Jahre!) ist das nicht mehr wirklich notwendig, Knöpfchen drücken kann ich auch im Halbschlaf, aber Gewohnheiten sterben langsam.

Auf jeden Fall kippe ich also eine Tasse nur noch mittelwarmem Kaffee runter, zur Überraschung der Gastgeber, und verziehe mich dann nochmal, um meine Tasche zu sortieren und sicherzustellen, dass alles da ist. Denn natürlich habe ich zu meinem Feldchirurgen eine historische Arzttasche mit Inhalt, und während ich die zwar nicht tatsächlich am Patienten zum Einsatz bringe, muss man doch öfter mal interessierten Zuschauern erklären, was da was ist, was man damit macht, wie, warum, seit wann, und wie das heute so ist. Das geht deutlich besser, wenn man in der eigenen Tasche auch wirklich was findet. Tunlichst auf den ersten Griff und ohne Hinschauen.

Bis ich damit fertig bin, ist der Herr fertig gestriegelt und rasiert… so richtig mit Schaum und aus- und einklappendem Messer, wir leben schließlich gerade das neunzehnte Jahrhundert aus. Zumindest, wenn es nicht um die Kaffeemaschine geht. Das mit dem Rasieren bekommt er in der Tat auch hin, ohne dass der Feldchirurg gleich eingreifen müsste. Eigentlich erstaunlich, da er Verletzungen sonst eher magisch anzieht.

Wären wir irgendwo im Lager, hätten wir das Führstück alle zusammen im oder vor dem Messezelt oder im oder vor dem Zelt des Befehlshabers eingenommen. So frühstückt jeder für sich in seinem Quartier, und es finden sich dann alle Koordinatoren langsam bei der Besprechung ein. Die meisten Leute reisen ja doch in Gruppen an, oft in Form einer speziellen Kompanie, und es wird dann ein Vertreter abdelegiert.

Wir gehen also kurz den Plan für die erste Schlacht durch. Wie gesagt: Keine historische, sondern nur was fürs Publikum. Es geht darum, in 45 bis 60 Minuten möglichst viel zu zeigen – unterschiedliche Formationen – Kolonne, Karree, Linie –, Kavallerie vs. Fußsoldaten, Artillerie (wie wird so ein Ding benutzt, und was tut man dagegen?), am besten mit Gelegenheit, das Laden der Musketen gut sichtbar vorzuführen. Es ist erstaunlich schwer, das alles zu planen, wenn man bedenkt, dass es in den meisten nachgestellten Kämpfen tatsächlich ganz von selbst vorkommt.

Der zweite Kampf, nachmittags, soll die Erstürmung der Festung darstellen. Beginnend mit dem Überwinden der Mauer wird in einigen Straßen und Plätzen gekämpft. Auch ein paar Gebäude sollen eingenommen werden. Eines davon wurde uns als Lazarett zugewiesen. Die Auswahl erfolgte hier danach, wo man am besten Publikum platzieren kann, die Leute wollen ja was sehen – und das ist bei Straßenkämpfen sehr schwer. Entsprechend ungern haben wir diese. Wir hatten auch noch keine Gelegenheit, uns die Stellen bei Tageslicht (oder eigentlich überhaupt) anzusehen, und arbeiten aktuell nur mit den erhaltenen Plänen.

Nachdem also abgesprochen wurde, wer sich wann auf dem Feld einfindet, wer sich wo aufstellt und wer danach wen wie wo angreift, ist noch kurz sicherzustellen, dass nach dem Kampf unser Lagerersatz durchgängig ausreichend besetzt ist. Zwar haben wir, der Belagerungssituation geschuldet, kein „echtes“ Militärlager, wohl aber einen Teil des Platzes, auf dem der obligatorische historische Markt stattfindet, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen, kleinere Sachen vorzuführen, unser Mittagessen zu kochen – das Frühstück wird meist vom Organisator gestellt, für weitere Mahlzeiten sind die Teilnehmergruppen oft selbst verantwortlich.

Dann ziehen die Teilnehmer in Gruppen ab, um sich ihre Schwarzpulverzuteilung zu holen – nicht ohne noch einmal ermahnt zu werden, sich dieses gut einzuteilen, denn es muss für beide Schlachten reichen. Schwarzpulverausgabe ist genau einmal am Tag, und wenn es weg ist, ist es weg.

Die Artillerie verzieht sich aufs Feld, die Kanonen testen – Reenactmentkanonen sind auch nur Kanonen und leiden manchmal unter denselben Problemen wie ihre historischen Vorbilder. Es soll ja nun aber jede stattfindende Explosion gezielt ablaufen, und wenn zwischenrein eine Kanone ungeplant verstopft und nicht mehr zündet, kommt das für die Schlacht auch eher ungünstig – auch wenn es das Publikum gelegentlich recht witzig findet.

Zu dem Zeitpunkt taucht auch erstmalig der lokale Photograph auf, der uns den Rest des Tages immer mal wieder auflauern wird. Ich mag ja nicht gerne photographiert werden, und die Herrschaften mit den Kameras respektieren dies zumeist auch. Im Hintergrund mal mit drauf sein lässt sich nicht vermeiden, und Privataufnahmen irgendwelcher Besucher auch nicht, aber gut…
Mein Mann hat dieses „Problem “ nicht und posiert mal schnell für die ersten Photos des Tages..

Wir stellen dann nur noch schnell sicher, dass mein Handy erreichbar ist. Eine Sache, die ich verweigere, ist der Knopf im Ohr. Ich hasse Kopfhörer und ich hasse die Ohrsteckerknöpfe fast noch mehr. Nein, kein Headset für mich. Wenn mich jemand braucht, werde ich eben ganz anachronistisch mein Handy aus der Tasche nehmen müssen. In dem Wissen, dass er mich anfunken kann, wenn er mich braucht, trennen sich dann unsere Wege. Er holt sein Schwarzpulver, sein Pferd und wird mit „Philippon“ den Kampfplatz inspizieren (Der Oberbefehlshaber ist häufig zu sehr mit seiner Rolle beschäftigt, um gleichzeitig die Koordination machen zu können. – Außerdem muss Philippon ja in der zweiten Schlacht verschwinden und aus der Stadt fliehen… da wäre dann nicht mehr so viel mit Koordination).

Ich schließe mich derweil schnell mit den anderen Chirurgen kurz und suche mir dann den Weg ins englische Lager, um mich da mal umzuschauen. Vor der Schlacht mischen sich die beiden Seiten üblicherweise eher weniger, bzw. nur in den Koordinationstreffen. Da ich in meiner Position aber keine Uniform trage, stört sich niemand dran, dass ich doch schon vorbeischaue.

Etwas lachen muss ich über die Frau in vollem Kostüm, die ein Pferd in vollem Kostüm Gassi führt wie ein Hündchen. Vor meinem inneren Auge hebt das Tier am nächsten Baum das Bein. Vor meinen äußeren Augen natürlich nicht, aber es scheint seinen Spaziergang sehr zu genießen.

Die Briten und die Portugiesen sind tatsächlich mit Vertretern aller relevanten Truppen angereist: portugiesische Uniformen, britische Redcoats und die grünen Uniformen der Rifle Brigade sieht man. Sir Thomas Picton, der zu Waterloo seine Männer in Abendgarderobe und Zylinder statt in Uniform befehligte, ist auch sehr gut getroffen dargestellt–ob der Mann, der ihn spielt, nun von selbst so gerne flucht oder das für die Rolle extra einstudieren musste, lasse ich mal dahingestellt. Er gibt jedenfalls einen sehr überzeugenden und nicht zu überhörenden Picton ab, wie er gerade seine Männer zusammenstaucht.

Die Soldaten ziehen dann Kompanie für Kompanie ab zum Einexerzieren. Es müssen schließlich um die zweihundert Menschen, von denen die meisten noch nie zusammen „gekämpft“ haben, gleich gemeinsam eine Schlacht schlagen, und dabei aussehen, wie eine eingespielte Armee. Um da im Vorfeld etwas zu üben, bekommt jede Seite einen Exerzierplatz zur Verfügung gestellt, und kann dort etwas üben. Wie viel davon wirklich stattfindet und was genau gemacht wird, ist den jeweiligen Befehlshabern selbst überlassen.

Ich lasse mir Zeit, um auf den Gefechtsplatz zu kommen. Schließlich müssen wir uns nicht großmächtig aufstellen. Wir haben ein Lazarettzelt. Was dort drinnen vor sich geht, sieht von außen keiner. Davor ist ein Tisch aufgestellt, auf dem für das Publikum mal etwas Verwundetenbehandlung gezeigt werden kann. Amputationen wird es heute nicht geben, da wir keinen Reenactor mit abnehmbaren Körperteilen dabei haben.

Die Zuschauer finden sich fast zeitgleich mit den ersten Soldaten ein, die im Feld aufmarschieren und Aufstellung nehmen. Die Schotten tuten etwas auf ihren Dudelsäcken, die Flötisten flöten und die kleinen Trommler geben sich redlich Mühe, den Takt zu halten. Einzelne Offiziere galoppieren ihre kostümierten Pferde mal um den Platz – weniger zum Aufwärmen und mehr, damit das Publikum schon mal was zu sehen hat. Die Ansage beginnt, der Ablauf wird ab nun kommentiert.

Da man sich das Fluten und Verminen des Geländes vor der Stadt gespart hat, muss auch keine aufpassen, wo er hintritt.
Die Schlacht beginnt. Wir haben erst mal nichts zu tun als zuzuschauen. Musketen sind ziemlich laut, rauchen und stinken. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich tatsächlich an den Geruch. Kanonen sind noch lauter und rauchen noch stärker. Das Schlachtfeld liegt schnell unter Nebel, man kann nur noch mit Mühe sehen, wer gerade was macht – umso wichtiger ist sowohl die vorherige Koordination als auch die Sache mit den Headsets, man will ja nicht aus Versehen mal einen Trupp Kavallerie in eine Linienformation reiten.

Das Ganze geht so etwa fünfzehn Minuten mit Schussabtausch und Kommentar, dann werden die Pferde nach hinten abgezogen. Das ist notwendig, damit vorne gestorben werden kann. Eine relativ wichtige Regel: Solange die Kavallerie oder berittene Offiziere im Feld sind, stirbt keiner. Heißt, es darf niemand auf den Boden fallen und dort liegen bleiben. Pferde treten zwar nicht freiwillig auf einen liegenden Körper, aber ein Restrisiko des Durchgehens besteht selbst bei gut ausgebildeten Pferden immer. Außerdem sind die Sichtverhältnisse durch den Schwarzpulverrauch wirklich sehr schlecht, und das Pferd sieht unter Umständen gar nicht so genau, worauf es tritt. Gestorben wird daher also nur während vorgegebener Zeitfenster, während derer niemand durchs Bild reitet.

Ab da habe ich dann auch zu tun – zum einen werden vor dem Zelt immer zwei bis drei „Verwundete“ versorgt , zum anderen werden im Zelt die angetragenen Verwundeten soweit dekoriert, dass man ihnen die Verwundung anschließend auch abnimmt. Da wir noch eine Schlacht vor uns haben, halten wir uns etwas zurück. Auch Theaterblut hinterlässt nämlich böse Flecken, die man nicht mal einfach so im Feld rauswaschen kann.

Sobald man im Einsatz ist, merkt man eigentlich kaum mehr, wie die Zeit vergeht. Plötzlich wird es still draußen, und die verbleibenden Soldaten marschieren wieder auf. Die Fahnenbandverleihung findet zwar normalerweise erst am Ende der letzten Schlacht statt, da aber in der Nachmittagsschlacht aus Platzgründen nicht alle Gruppen mitmachen können, gibt es bereits eine kurze Vergabe für die anderen.

Dann dürfen die Zuschauer aufs Feld, um sich mit den siegreiche und den verlierenden Soldaten und Offizieren photographieren zu lassen. Bei uns schauen nur wenige Neugierige vorbei, das ist normal. Die Chirurgen wurden im echten Krieg damals auch etwas unter-gewürdigt. Passt also. Dennoch können wir erst einpacken, wenn sich das Publikum in Richtung Mittagessen verstreut.

Langsam habe ich durchaus auch Hunger, gegen ein Mittagessen wäre nichts einzuwenden…

 

 

Die Erstürmung von Badajoz, 6.4.1812

Beschreibung von Kriegsgeschehen aus dem 19. Jh; Erwähnung von Vergewaltigung; wer das nicht lesen möchte, bitte überspringen.

*

Und es trug sich zu…

… dass Wellington mal wieder eine Stadt belagerte.

Wir schreiben den 6. April 1812. Der Ort ist Badajoz. Seit etwa drei Wochen sitzt die Anglo-Portugiesische Armee vor den Toren und belagert die Stadt. Im Januar war Ciudad Rodrigo eingenommen worden, jetzt stand Badajoz auf dem Plan. „Eingenommen“ ist hier gleichzusetzen mit „befreit“, denn die Städte befanden sich in der Hand der französischen Armee – und zwar keineswegs mit dem Einverständnis der örtlichen Spanier.

Badajoz galt als strategisch wichtiger Stützpunkt. Zwei Versuche einer Belagerung waren bereits gescheitert. Der Dritte sollte nun Erfolg bringen.

Die französischen Truppen in der Stadt unter General Armand Philippon zählten etwa 5000 Mann. Das war an sich im Vergleich mit der Stärke der Belagerer nicht so sehr viel, aber die Stadt war extrem gut befestigt. Neben den üblichen Mauern und Befestigungsanlagen war hier auch das Land außerhalb der Mauern mit versteckten Sprengsätzen gespickt und teilweise geflutet worden, was die Annäherung an die Stadt besonders erschwerte.

Die alliierte Armee vor den Toren der Stadt hatte etwas mehr als die fünffache Mannstärke der Verteidiger. Nach ihrer Ankunft Mitte März hatte sich diese Armee erst mal eingegraben – im recht wörtlichen Sinn. Immer wieder waren Versuche unternommen worden, die Stadt anzugreifen, nie war man besonders weit gekommen. Ein vorgelagertes Fort konnten sie jedoch in den letzten Märztagen einnehmen, was ihnen die Möglichkeit verschaffte, ihre Kanonen näher an die Stadt zu bewegen. Im Lauf der ersten fünf Tage des Aprils wurden nun durch ständigen Beschuss drei Breschen in die Mauern geschossen.

Damit war zumindest theoretisch die Möglichkeit gegeben, Badajoz einzunehmen – man hatte einen Weg hinein. So richtig gut war das immer noch nicht – die Verteidiger wussten schließlich genau, wo man kommen würde.

Allerdings entsprach es der Tradition der Kriegsführung jener Zeit, dass eine Festung, in die eine gangbare Bresche geschlagen war, sich dem Feind ergab. Wellington sandte also zu Philippon, mit der Aufforderung, seine Pläne zu erklären, und der Ankündigung, seine Übergabe der Stadt anzunehmen – oder andernfalls die Stadt zu stürmen.

Philippon allerdings, ob nun in dem Glauben, Badajoz dennoch halten zu können, oder schlicht aus Trotz, verweigerte die Aufgabe der Stadt. Es folgte nun die Aufforderung Wellingtons, in diesem Fall den Zivilisten das Verlassen der Stadt zu gestatten. Dem zumindest kam der französische Befehlshaber nach. Einige Tausend Spanier zogen aus der Stadt aus. Die Opferzahlen wären andernfalls wohl noch deutlich höher gelegen.

(So, und jetzt stelle man sich dieses Vorgehen mal in der heutigen Zeit vor…)

Die Stürmung der Stadt begann, wie üblich mit Freiwilligentrupps, die versuchten, durch die Breschen zu gelangen. Diese ersten Trupps, im Englischen passend als „Forlorn Hope“ bezeichnet – auch wenn sich die Etymologie hier tatsächlich etwas anders darstellt, als man auf den ersten Blick meinen würde – kamen häufig einem Selbstmordkommando gleich.

Unter starkem Feuer aus der Stadt stürmten also nun die Briten – speziell der Teil unter General Picton – Badajoz. Es wurde zu einem der blutigsten Siege der Napoleonischen Kriege. In kurzer Zeit stapelten sich die Verwundeten und Toten in den Breschen, doch gelang es Wellingtons Armee schließlich, die Stadt einzunehmen. Philippon hatte sich noch rechtzeitig abgesetzt und in eine Nebenanlage geflüchtet.

Die Sache mit dem Aufgeben der Festung, nachdem eine gangbare Bresche geschlagen war, hatte noch eine Kehrseite: Eine Festung oder Stadt, die die Kapitulation verweigerte, war nach der Einnahme der Gnade der Sieger vollkommen ausgeliefert. Plünderungen und Misshandlungen bis hin zur Tötung der Männer und Vergewaltigung der Frauen wurden als „gutes Recht“ des Siegers über die uneinsichtigen Verteidiger betrachtet.

Wellington, durchaus bekannt für seine eher mal „seltsamen“ Ansichten, führte diesbezüglich normalerweise ein sehr strenges Regime. Soll heißen: Plünderer wurden bestraft – von der Peitsche bis hin zur Erschießung – Vergewaltiger wurden gehenkt, und zwar jeweils egal ob aus den eigenen Reihen oder nicht. Galgen, deren Tote in britischer Uniform mit der Aufschrift „Atty was here.“ verziert waren, finden mehrfach Erwähnung. Entsprechend zurückhaltend fielen die meisten Stürmungen durch seine Armee dann auch aus.

Im Fall von Badajoz allerdings lagen die Dinge anders. Die Männer hatten gerade mehrere Wochen Belagerung hinter sich, hatten unter hohen Verlusten die Stadt eingenommen, wo nach allen Erwartungen minimale bis gar keine Verluste hätten geschehen sollen (wenn sich die Stadt nämlich ergeben hätte). Die Situation schaukelte sich schnell hoch – so weit, dass die Soldaten alle Vorsicht in den Wind schlugen und sich der Stadt und ihrer verbleibenden Bewohner genauso bedienten, wie es andere Armeen der Zeit regelmäßig taten. Es ging so weit, dass sich die Offiziere aus der Stadt zurückziehen mussten, da sie ihre Soldaten nicht mehr unter Kontrolle halten konnten und bei dem Versuch, einzuschreiten, riskierten, auf der Stelle erschossen zu werden. (Was mehreren unter ihnen auch genauso passierte.) Die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung werden auf ca. 4000 geschätzt –nur unwesentlich weniger als die Gesamtverluste der alliierten Armee an diesem Tag.

Wellington selbst kamen beim Anblick der Ergebnisse die Tränen – einer der wenigen dokumentierten Augenblicke, in denen er tiefere Gefühlsregungen erkennen ließ.

Es blieb nichts anderes zu tun, als den Dingen ihren Lauf zu lassen, den Soldaten die Zeit zu geben, sich zu beruhigen. Die Ordnung konnte erst nach drei Tagen einigermaßen wiederhergestellt werden. Der errichtete Galgen wurde nicht verwendet – zu groß war die Anzahl der Beteiligten, zu schwer, festzustellen, wer nun genau was getan hatte. Die Strafe für die meuternden Soldaten beschränkte sich so auf Auspeitschungen.

Philippon hatte sich inzwischen den Briten ergeben. Er verteidigte seine Entscheidung, die Kapitulation zu verweigern, damit, die Breschen seien nicht gangbar gewesen – seiner Meinung nach belegt durch die hohen Opferzahlen bei dem Versuch der Stürmung. Die Geister der Historiker scheiden sich hier.

Der französische General jedenfalls bekleckerte sich weiterhin nicht gerade mit Ehre. Als kriegsgefangener Offizier auf Ehrenwort in seinen Bewegungen relativ frei (auch das war üblich), nutzte er die erste Gelegenheit zur Flucht und kehrte im August desselben Jahres ohne formellen Austausch zu seiner Truppe zurück.

Ein weiteres Nachspiel hatte das Ende der Belagerung von Badajoz noch: Sie endete in der wohl unwahrscheinlichsten und doch erfolgreichsten Liebesgeschichte der Napoleonischen Kriege.

Fortsetzung folgt.

 

Quellen:

William Lawrence: The Autobiography of Sergeant William Lawrence, Sampson Low, Marston, Searle & Rivington, London, 1886
G. C. Moore (Editor): The Autobiography of Lieutenant-General Sir Harry Smith, John Murray, London, 1903
Sir Charles Oman: A History of the Peninsular War: Volume V, October 1811 to August 1812, Clarendon Press, Oxford, 1914
The dispatches of Field Marshall the Duke of Wellington, K.G. during his various campaigns in India, Denmark, Portugal, Spain, the Low Countries, and France : From 1799 to 1818. Compiled from official and authentic documents, John Murray, London, 1834

 

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 1)

Normalerweise finden Reenactments an den Jahrestagen der dargestellten Ereignisse dar. Da die meisten Reenactors voll berufstätig sind (je nach Rolle muss es kein teures Hobby sein, aber kostenlos ist es nie), und ja auch die Zuschauer Zeit haben sollten, werden sie zumeist auf das vorhergehende oder das folgende Wochenende gelegt.

Da aber ein spanischer oder portugiesischer Sommer wirklich sehr heiß werden kann, und da kaum jemand Lust hat, sich das dann anzutun – historische Kleidung bedeutet in dem Fall für die Soldaten und Offiziere: lange Unterhosen, Strümpfe, Hose aus Leinen oder (vorzugsweise) Wollstoff, Unterhemd, Hemd (hoher Kragen, Ärmel bis zu den Handgelenken), Weste, Jacke und unter Umständen zweite Jacke, Schal oder Halstuch. Die Damen haben es nur unwesentlich besser, auch Kleider sind bodenlang, Unterrock und Unterhemd müssen sein, etc. Wir Feldchirurgen haben es noch relativ gut getroffen, denn aufgrund unserer eher unsauberen Arbeit dürfen wir auch „in Hemdsärmeln“ (also ohne Jacke) und unter Umständen sogar nicht zurückgekrempelten Ärmeln arbeiten. Dafür tragen wir zum „amputieren“ dann schon mal Lederschürzen, die Dinger sind auch recht schwer. In jedem Fall: Kaum jemand möchte freiwillig unter so vielen Lagen Stoff bei über 35 Grad das Wochenende verbringen, und auch noch fast durchgängig aktiv sein dabei.

Und so finden eben nur die „runden“ Jubiläen wirklich im Sommer statt, während die „kleinen“ Jahrestage auf die kühlere Jahreszeit verschoben und eben im Voraus begangen oder nachgeholt werden. Wenn dann noch ein Veranstaltungsort mehrere Schlachten ausrichten muss oder möchte, und man für alle passende Termine finden muss… dann kann es schon mal passieren, dass man Badajoz eben auch mal in einer anderen Jahreszeit verteidigt, obwohl es im April eigentlich noch gar nicht so sehr heiß gewesen wäre. Da fand halt gerade was anderes statt.

Es ist auch eigentlich gar nicht so schlimm, dem ziemlich trüben Deutschland und nicht minder trüben Belgien mal ein Wochenende zu entkommen, denn in Spanien ist das Wetter noch ganz nett.

Badajoz liegt am Rio Guadiana in Extramadura, und wäre die Stadt ein winziges bisschen weiter Westlich, könnte man über die portugiesische Grenze spucken. Oder in anderen Worten: Der Flughafen von Badajoz ist deutlich weiter von Badajoz weg als Portugal. Nebenbei wird dieser ausschließlich von Madrid aus bedient, nur mit einer einzigen Fluglinie, und nur an Wochentagen. Nach längerem Hin und Her, abwägen von Zug oder Nicht-Zug oder doch tatsächlich Flug nach Portugal und dann Anreise von dort, entschieden wir uns schließlich für einen Flug nach Madrid und dafür, die letzten ca. 350 km dann per Mietwagen zurückzulegen.

Das ging soweit auch ganz gut. Flug ereignislos, wir flogen in zivil. Oft ist es so dass irgendjemand aus der Truppe die ganze Strecke mit dem Auto fährt, um größere Ausrüstungsteile wie Zelte usw. zu transportieren. Dort kann man dann die Kostüme mitgeben und sie sich vor Ort wieder abholen. Das hat seine Vorteile. Kann man das nämlich nicht, tut man gut dran, in vollem Kostüm zu fliegen, denn ein Verpacken und Flugzeugtaugliche Koffer/Taschen überlebt die Ausrüstung eher weniger. Das wiederum führt dann zu interessanten Situationen mit den Mitreisenden. Dazu aber ein Andermal.

Wir treffen also am späteren Freitagnachmittag in Badajoz ein, was in Spanien noch gar nicht so sehr spät ist – da die Spanier gerne Mittags etwas länger Pause machen und dann länger in den Abend aktiv sind. Hat auch was mit dem Wetter zu tun.

Da wir zu den Verteidigern gehören, haben wir nicht viel Arbeit. Die Briten und Portugiesen bauen vermutlich gerade ihr Lager vor der Stadt auf… Wir beziehen mal in aller Ruhe unser Quartier. Streng genommen sollte ich ja so rollenmäßig nicht mit meinem Mann zusammen untergebracht sein, aber hier nehmen wir es aus rein praktischen Gründen etwas weniger genau. Er: Chef unserer Truppe, und häufig noch Koordinator für mehrere andere Truppen – Ich: Habe einen „Nebenjob“ als Nachrichtenübermittler, Bote und in der Koordination mit unseren englischen Kollegen.

Unser Gepäck ist schon da, also verwandeln wir uns mal schnell in unsere Gegenstücke aus dem 19. Jahrhundert. Beim Abendessen mit den Koordinatoren der anderen Gruppen folgt die erste kurze Besprechung des Wochenendes. Zwei Schlachten am Samstag, Parade am späten Nachmittag, Sonntags noch Hochzeit, an der wir ausnahmsweise teilnehmen dürfen. Klar, Belagerung von Badajoz ohne nachfolgende Hochzeit geht nicht, auch wenn im Original bestimmt keine französischen Offiziere eingeladen waren. Wir bekommen die Pläne für die erste Samstagsschlacht, die nicht historisch korrekt ist sondern rein der Publikumsbelustigung dient, um uns diese in Ruhe anzuschauen und am Morgen noch letzte Fragen klären zu können. Die Headsets werden geprüft – Sehr anachronistisch tragen die höheren Offiziere nämlich meist einen Knopf im Ohr und ein Mikro am Kragen, um sich bei der Schlacht koordinieren zu können.

Dann löst sich die Versammlung auf, und wir lassen uns noch den Weg zum Stall beschreiben, wo wir tatsächlich noch jemanden antreffen, und unser Leihpferd in Empfang nehmen können. Da Leihpferde nicht in unendlich großer Menge zur Verfügung stehen, haben wir nur eines bekommen – für den Herren Offizier. Der Feldchirurg wird wohl zu Fuß unterwegs sein müssen.
Die nächsten zwei Stunden werden damit verbracht, das Sattelzeug zu prüfen, das Pferd zu striegeln, aufzusatteln und mal eine Runde probezureiten.
Fazit: Pferd soweit auf dem Platz zu beurteilen vollkommen OK. Laut Aussage des Stallpersonals auch an Schlachtenlärm gewöhnt. Ein bisschen lustig sieht es ja aus, da das Pferd etwas klein geraten ist für ihn, aber es macht nicht den Eindruck, als würde es seinen Reiter als unbillige Härte empfinden.

Der Freitagabend endet mit einem Bummel über den obligatorischen Markt, der die meisten Reenactments begleitet, der zu einem kurzen Meet and Greet mit Bekannten wird, die man immer mal wieder auf Veranstaltungen trifft. Aber wirklich nur kurz – denn spätestens um 6:30 ist für uns am Samstag die Nacht zu Ende, und etwas Schlaf sollten wir doch bekommen…

„Er hat da ja auch so ein Spezialinteresse…“

…sagt sie und deutet auf meinen Mann.

Ich schüttle den Kopf.

Nee.

*

Ich war vergleichsweise alt, als mir erstmalig klar wurde, dass der Grad an Interesse, das ich einem Thema entgegenbringen kann, nicht „normal“ ist.

Noch älter war ich, als mir klar wurde, wie groß der Unterschied zwischen einem intensiven neurotypischen Interesse und einem „echt“ autistischem Spezialinteresse ist.

Wie ist das nun mit dem Spezialinteresse?

Zunächst mal – wie bei allem: Es ist wohl für jeden ein bisschen anders. Für mich ist es so, wie ich es hier schreibe. Es wird andere geben, die es teilweise oder ganz anders erleben.

Ein Spezialinteresse ist ein relativ eng gefasstes Thema, das mich interessiert, und mit dem ich mich sehr ausführlich beschäftige.

Bleibt das immer gleich?

Nicht unbedingt. Man wird älter, man entwickelt sich weitere, wie sich Interessen verschieben, so können sich auch Spezialinteressen verschieben. Interessiert ihr euch noch für dieselben Dinge, die ihr mit 10 toll fandet? Oder mit 15? Nein? Tja, seht ihr… ich größtenteils auch nicht.

Meine Beobachtung – man korrigiere mich gerne, wenn jemand anderweitige gemacht hat – ist, dass sich im Erwachsenenalter nicht mehr „so viel tut“ und man eher einem Thema treu bleibt, während sich wie bei jedem in der Kindheit/Jugend eher mal Änderungen ergeben.

Auch so würde ich aber sagen, mein Fokus wechselt ein bisschen, mal ist das eine präsenter, mal das andere, durchaus auch einfach eine Frage der Gelegenheit und der Versorgung mit Material.

Ich würde sagen, ich habe zwei Dauer-Spezialinteressen, die immer und unverändert präsent sind.
Eines kann ich zurückverfolgen bis… naja, solange ich denken kann – und über Erzählungen sogar bis vor die Zeit, an die ich mich bewusst erinnere. Ich vermute mal, das Thema werde ich nie loswerden – möchte ich auch gar nicht – das ist so fest mit meinem Hirn verschmolzen.
Das andere habe ich als Erwachsener „erworben“.

Es gibt auch durchaus Themen, die mich noch immer fesseln können, aber nicht mehr so allumfassend wie sie das in der Vergangenheit konnten. Es gibt immer mal wieder etwas, bei dem ich mir in kurzer Zeit sehr viel anlese, es dann aber nicht weiterverfolge.

Wenn du anfängst, dich für etwas zu interessieren, weißt du dann, ob das ein Spezialinteresse wird?

Ich möchte behaupten, inzwischen ja.
Wenn ich mir vorstelle, dass bei einem normalen Interesse meine Aufmerksamkeit mit Druckknöpfen am Thema befestigt wird, sie schon „einschnappt“ aber ich erst mal „draufdrücken“ muss, dann ist das Thema, das zum Spezialinteresse wird eher so der Effekt eines entgegengesetzt gepolten Magneten. Flutsch, da bin ich.

Und kannst du das verhindern?

Ja äh…  Kannst du verhindern, dass du dich für etwas interessierst? Nicht wirklich, oder? Du kannst dem Interesse allerdings einfach nicht nachgehen, wenn du es nicht für gut oder angemessen oder sinnvoll hältst. Kann ich theoretisch auch, aber ganz so einfach ist es für mich nicht.

Magnet. Flutsch. Kleb. Das muss man dann erst mal auseinanderpulen – Meine Mutter hatte zwei recht starke rechteckige Magneten im Nähkorb, zum Nadeln suchen und so. Schönes Spielzeug für uns Kinder. Die waren auch recht schwer auseinaderzuziehen, wenn sie sich erst mal hatten. Der Druckknopf geht viel leichter auf.

Also, Magneten auseinanderfummeln, und dann – dann kannst du deinen Druckknopf einfach zur Seite legen, aber sobald ich meinen Magneten loslasse – Flutsch – klebt der wieder auf dem anderen.

Ich müsste jetzt also einen der beiden Magneten umdrehen und aus Anziehung Abstoßung machen. Kann ich. Aber warum sollte ich das tun?
(In der Tat hatte ich damals, als mein neueres „Dauerspezialinteresse“ aufkam – aus praktischen Gründen – in Betracht gezogen. Im Nachhinein sage ich mal, wäre blöd gewesen. Nee, das passt schon so, wie es ist.)

Es gibt ja Autisten, die haben von selbst gar kein Spezialinteresse. Ich vermute mal, denen fehlt es auch nicht.

Ich kenne aber Autisten, die das Spezialinteresse „von zu Hause her“ (also Eltern…) verboten bekommen haben. Zu obsessiv, zu unnormal, zu viel, zu… (Halte ich übrigens für absolut grausam.) Eine mir bekannte Autistin dieser Art dreht daher noch heute immer mit Gewalt den Magneten um, und sammelt so immer wieder Themen an, mit denen sie absolut nichts zu tun haben will, die sie tatsächlich abstoßen – und zwar immer und zuverlässig dem Moment folgend, in dem ihr klar wird, dass sie gerade mehr-als-üblich oder detaillierter-als-üblich Zeit mit dem Thema verbracht hat. Schade, das, denn ihr entgeht dabei vermutlich etwas, nämlich der – ich bezeichne es jetzt mal als „Stressabbaueffekt“.

*

Und was ist jetzt der Unterschied zwischen deinem Spezialinteresse und dem Hobby deines Mannes?

So richtig bewusst wurde mir der Unterschied wie gesagt sehr spät – genau genommen eben, als ich eben diesen Mann kennengelernt habe.
Der hat in der Tat ein extrem intensives Hobby, das er seit sehr langer Zeit sehr intensiv verfolgt. Er kennt sich mit dem damit zusammenhängenden Bereich hervorragend aus, liest viel davon, kann auch Detailfragen oft beantworten, sammelt Dinge dazu, hatte seine Wohnung passend dekoriert…

Sein Hobby und mein Spezialinteresse sind nicht deckungsgleich. Sie sind sich nahe genug, um sich gegenseitig zu ergänzen, weit genug voneinander entfernt, um keine „Kompetenzstreitigkeiten“ aufkommen zu lassen. Nahe genug, dass wir uns nicht gegenseitig auf die Nerven gehen damit.

Zum einen sind aber die Grenzen seines Interesses nicht so streng gesteckt. Ich habe eine klare Trennlinie zwischen „Interesse“ und „Kein Interesse“. Dinge fallen entweder auf die eine oder auf die andere Seite. Bei ihm ist das mehr so ein fließender Übergang.

Zweitens, angenommen wir sind gerade beide voll in unserem Element, und es kommt etwas dazwischen – dann macht er den Druckknopf auf und kümmert sich um das, was dazwischen gekommen ist. Ich muss erst mal anhalten, die Magneten auseinanderfummeln, wenigstens so eine Art mentalen Pappkarton finden, den ich dazwischenklemmen kann – also meine Gedanken und Konzentration soweit blockieren, dass sie gerade nicht da weitermachen können, wo sie vorher waren – und dann kann ich mich um das andere kümmern, aber es dauert ziemlich lange, bis ich aufhöre, das Stück „Pappe“ zu „spüren“.

Drittens, jetzt wird es dann wirklich auffallend. Ich kann immer.

Ich meine, natürlich kostet meinen Mann sein Hobby im Normalfall weniger Anstrengung und Energie als seine Arbeit oder andere Dinge, die ihn weniger interessieren. Natürlich wird er abends eher seinem Hobby nachgehen wollen, als noch ein bisschen zu arbeiten, oder etwas total Langweiliges zu machen. Oder zum Runterkommen bei Stress.

Eine Beschäftigung mit meinem Spezialinteresse ist für mich aber nicht nur weniger anstrengend als eine Beschäftigung mit etwas anderem – sondern auch weniger anstrengend als Nichtstun. Klingt komisch? Ist aber so.

Mein Mann verbraucht bei seinem Hobby immer noch Energie, und es gibt Zeiten, da ist er auch dafür zu geschafft. Je fertiger ich von anderen Sachen bin, desto dringender wird mir das Bedürfnis, mich mit einem Spezialinteresse zu beschäftigen. Es ist so ein bisschen Urlaub fürs Hirn. Ich habe mir sagen lassen, manche Leute bekommen den Effekt durch Meditation. Vielleicht ist da gar nicht so viel um, von der internen Wirkung. Alle Gedanken, alle Überlegungen, alle Energiefresser, werden weggesperrt, und das einzige was bleiben darf ist eine sehr geordnete Art zu Denken, ein Fokus auf einer – und nur einer – Sache.

Da vergisst man dann auch schon mal das Essen.

Oder das Schlafen. Ist mir auch schon passiert, dass dann plötzlich wieder Morgen war. Naja, das ist dann eher suboptimal.

Da war einmal eine Zeit, in der ich extrem im Stress war. So richtig, nächste Haltestelle Meltdown. Alles ging drunter und drüber, es gab keine Möglichkeit mehr, runterzukommen, weil ständig noch eins und noch eins draufgepackt wurde, von allen möglichen Seiten.

Es war schon fast eine Verzweiflungstat – ich wusste, ich muss irgendwie genug Energie auffüllen um aus diesem Tief auszukommen… Ich buchte den nächsten Flug München-London. Nahm den Tag frei. Nachts um 3 zum Flughafen. Ersten Flieger des Morgens. Vom Flughafen ab in die Tube. 45 Minuten U-Bahn über mich ergehen lassen, um 9:30 am Ziel. Die nächsten sieben Stunden direkt am Kern meines Spezialinteresses verbracht, nichts anderes um mich… Einfach nur schön. Bällebad für meinen Kopf, wenn ihr so wollte. Reinlegen ins Vergnügen und drin rumrollen (nur dass ich mich natürlich nicht im wörtlichen Sinn auf den Teppich gelegt habe… das konnte ich mir gerade noch verkneifen. )

Ich war kurz vor Mitternacht wieder zu Hause, auf dem Rückweg am Flughafen sogar noch dran gedacht, dass ich mal was essen sollte.

Wer käme schon auf die Idee, im höchsten Stress schnell einen Day-Trip nach England zu unternehmen? Mir hätte aber ein Tag nichts tun im dem Moment gar nichts gebracht, außer dass die Arbeit am darauf folgenden Tag zusätzlich zu machen gewesen wäre. So hatte ich sieben Stunden am Stück Tiefenentspannung. Einmal Neustart fürs Gehirn, der Arbeitsspeicher ist wieder frei, die hängenden Prozesse laufen wieder…

Normalerweise lasse ich es nicht ganz so weit kommen – aber diesen Day-Trip habe ich seitdem öfter wiederholt, vor allem wenn ich gerne komplett aufgeladen in einen stressigen Zeitabschnitt starten will. Dann mache ich allerdings auch mal halb/halb, treffe mich dort mit einer ebenfalls autistischen Freundin, mit der ich mir das andere Spezialinteresse teile. Dann verbringen wir dazu ein paar Stunden im Austausch, meistens bei einem ausgedehnten Spaziergang durch den einen oder anderen Park.

Andere finden es dann oft verwunderlich. Sie würden das nicht hinbekommen, sagen sie mir, an einem Tag nach London und zurück… das sei doch so viel Stress, zweimal in den Flieger, man hat ja auch kaum Zeit (ich finde 7-8 Stunden sind eigentlich eine Menge Zeit, wenn man sie mit dem Richtigen verbringt), also nein, wie kann ich das nur…

Für mich laden diese Stunden dazwischen eben sehr viel mehr Energie auf, als mich die An- und Rückreise kosten, da ich mich in dieser Zeit wirklich mit gar nichts anderem beschäftige – auch mit gar nichts anderem beschäftigen muss. Ich stelle mir einen Wecker, um eine Rückfahrt nicht zu verpassen, und dann kann ich einfach alles andere vergessen.

Und den Effekt bekommt man mit einem Hobby, egal, wie intensiv man es verfolgt, eben nicht hin.

+8818…

Thematisch komplett unzusammenhängender Hinweis:

Es gehen wieder PING-Anrufe rum – habe auch welche erhalten. D.h. es ruft jemand an, lässt es 1-2 mal klingeln, legt auf. Der Sinn dabei ist, dass der Angerufene zurückrufen soll. Das wird dann teuer. Die Vorwahl ist +8818 bzw. 08818; das sind Satellitentelefone/internationale Rufnummern (Netz ist Globalstar). Dort wird KEINE Kostenansage gemacht, wenn ihr zurückruft (anders als es ja bei deutschen Nummern z. B. inzwischen Pflicht ist).

Also: Verpasster Anrufe mit +88…? Einfach wegignorieren.