Fortsetzung von hier

Das Mittagessen findet sich in Form von Kartoffelsuppe aus dem großen Topf. Ich tunke Brot rein, um mir etwas Textur zu basteln. Schönes, knuspriges hausgebackenes Brot, das ich eigentlich auch ohne Suppe essen würde, aber erst gesehen habe als die Suppe schon im Teller war.

Kurzer Blick aufs Handy – keine Hilfsanforderungen bislang, also habe ich Zeit. Wie oft auf diesen Veranstaltungen gibt es eine Sammlerbörse. Ich werfe mal einen Blick drauf und finde tatsächlich einen Steingutkrug mit Wellington-Motiv. Zu Wellington gab es nämlich tatsächlich zu seinen Lebzeiten schon Fanartikel, und dort ist üblicherweise sein bei Erscheinen gerade aktueller Titel oder Rang mit angegeben. Hier steht ganz klar: Viscount Wellington. Damit datiert das Stück zwischen August 1809 und Juli 1812, also genau der Zeitraum in den unsere heutige Schlacht fällt.

Zwanzig Minuten drauf bin ich glücklicher Besitzer eines neuen alten „Atty“, wie wir die Objekte aus meiner Sammlung gerne nennen. Ich nehme dem Händler noch sein Verpackungsmaterial mit ab und wickle es wieder schön ein, bevor ich es bei unserem Ausrüstungsfahrer abgeben will, damit der es mir mit heim nimmt.

Der allerdings hat andere Vorstellungen und meint erst mal ganz trocken „Nee, das fährt nicht bei mir mit.“

Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt ein Witz sein sollte, weil ich den Befehlshaber der Engländer mit der französischen Ausrüstung mitschicken will, aber es stellt sich heraus: er meint es durchaus ernst. „Wenn das unterwegs kaputt geht, reißt du mir den Kopf ab,“ sagt er.

Äh… dann sollte es eben unterwegs nicht kaputt gehen. Dafür, das Ding im Handgepäck mit zurückzufliegen, ist es nämlich zu groß, und am Samstagnachmittag in Spanien einen Kurierdienst finden ist auch nicht so einfach. Wir verbleiben so, dass wir uns später nochmal drüber unterhalten, und ich bringe das gute Stück erst mal in unser Quartier.

Die Briten stellen langsam ihre kleinen Feierlichkeiten zum ersten Sieg ein und bereiten sich auf die Erstürmung der Stadt vor. Ich begebe mich entsprechend zu meinen Kollegen. Wir geben unserem Lazarett den letzten Schliff. Durch die Situation mit der Schlacht in der Stadt werden wir wohl keine direkten Zuschauer haben, dafür stehen wir nach der Schlacht für Fragen und Vorführungen zur Verfügung. Außerdem sollen die Angreifer ja auch in unser Gebäude eindringen, also muss nochmal sichergestellt werden, dass nichts Zerbrechliches an riskanten Stellen steht. Wir hängen alle an unserer Ausrüstung und es könnte ja jemand meinen, die Tür „eintreten“ zu müssen.

Von den Ansagen und Ankündigungen bekommen wir gar nicht so recht was mit. Das erste, das wir von der Schlacht hören, ist Musketenfeuer. Gar nicht mal so unrealistisch. Von der Schlacht selbst bekommen wir nichts mit, wohl aber von den „Verwundeten“, die bei uns angeliefert werden.

Die Einnahme des Gebäudes beschränkt sich dann doch auf den Vorraum, der von draußen durch ein größeres Tor noch einsehbar ist. Das stört uns nicht weiter und wird ignoriert. Das Ende der Schlacht verpassen wir dementsprechend auch, weil wir mit der Arbeit noch nicht fertig sind.

Als ich dann nichts mehr zu tun habe und mal eben nach draußen schaue, komme ich gerade rechtzeitig zu einem eher witzigen Anblick: Mein Mann kommt angeritten, Zügel und Schwert in der Linken, und mit der Rechten „unseren“ Photographen am Kragen bzw. an der Schulter seines Hemds haltend und „mitschleifend“. Das Ganze sähe etwas überzeugender aus, wenn sie nicht beide breit grinsen würden und offensichtlich Spaß hätten.

Wir werden auch nicht lange im Dunkeln darüber gelassen, was hier „vorgefallen ist“: Der Photograph, wird uns erzählt, hat sich irgendwoher eine Duellierpistole gegriffen und versucht, damit den unliebsamen Besatzer in französischer Uniform zu erschießen. Die Pistole hatte wohl Ladehemmungen (vielleicht ist es aber auch einfach nur eine Attrappe…), und der Angegriffene verteidigte sich mit gezogenem Schwert, was vom Pferd aus relativ gut geht… Nun möchte er dem „Verteidiger“ aus der spanischen Bevölkerung gerne ein Stück Ohr abgeschnitten haben.

Dieser lässt sich auch sehr gutmütig „verarzten“, und kann von Glück sagen, dass das „Blut“, das ihm jetzt auf den weißen Kragen getropft ist, in der Waschmaschine wieder rausgeht. Er freut sich jedenfalls sehr, nun „richtig“ mitgespielt zu haben.

Nachdem die Schlacht vorbei ist, fängt die wirklich anstrengende Zeit an, denn nun kommen die Zuschauer mit ihren Fragen, und es steht kein Mittagessen „vor der Tür“, das sie relativ schnell wieder ablenkt. Wir sind also erst mal ganz gut beschäftigt. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut doch die Kommunikation klappt, egal, in welchem Land man gerade ist. Irgendjemand ist immer da, der nach Bedarf dolmetschen kann. Im Zweifel ich, obwohl ich ungerne dolmetsche.

Irgendwann ist es dann soweit, die Gesellschaft verläuft sich so langsam, es kommen erst weniger und dann gar keine Besucher mehr.

Wir räumen auf und sammeln uns so langsam in unseren jeweils zusammengehörenden Grüppchen um den Tag ausklingen zu lassen. Wir im Speziellen begeben uns dazu dann ins Lager der Briten, den dortigen Kommandanten nochmal zur gewonnen Schlacht gratulieren. Der Abend ist recht mild, und in Gedanken an die Temperaturen zu Hause sitzen wir dann noch bis gut nach Mitternacht am Lagerfeuer … womit sich auch die Frage nach dem Abendessen von selbst erledigt.

*

Auch am Sonntagvormittag zieht es uns nochmal zurück ins Lager des „Feindes“, denn Badajoz wäre eben nicht Badajoz, wenn es keine Hochzeit gäbe. Im Gegensatz zu damals dürfen heute eben auch die „Feinde“ mit teilnehmen.

Wir kommen fast zeitgleich mit den beiden spanischen Damen an, die bei der britischen Armee um Schutz für die Jüngere bitten – und ich bin absolut nicht überzeugt von der Darstellung der Juana, aber was bringt es, sich darüber zu beschweren?

Ich schaue mir die Show also mit an, bedauere es aber kein bisschen, dass wir relativ bald los müssen, um unsere Sachen zu packen und uns auf den Rückweg nach Madrid zu machen – bevor mich jemand fragen kann, wie/ob es mir gefallen hat. Am diplomatischsten bin ich immer dann, wenn ich mich gar nicht erst äußern muss.

Der Mann fängt allerdings auch an, kopfschüttelnd zu lachen, kaum dass wir das Lager verlassen haben, also bin ich wohl nicht ganz so alleine gewesen in meiner Meinung. Auch nicht schlecht zu wissen.

Die Rückreise verläuft glatt und unproblematisch, ohne besondere Vorkommnisse.

Ah, und mein Krug… fuhr natürlich doch mit unserem Gepäck, und kam tatsächlich unbeschädigt an. Die kleinen Defekte am oberne Rand sind dem Alter geschuldet und waren bereits vorhanden.

krug

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9 Gedanken zu “Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 3)

    1. Wenn es um „meine“ Materie geht eigentlich nicht, da muss ich eher aufpassen dass ich *nur * die Fragen beantworte und nicht rechts und links abschweife. Was wirklich nervt ist, wenn z. B. vor Waterloo gefragt wird, ob wir in diesem Jahr nicht mal gewinnen wollen. Und es gibt *immer* mindestens einen Deppen, der die Frage stellt.
      Mit in die Schlacht – nein, auf französischer Seite reizt mich das gar nicht, und wir spielen ja nun die Franzosen. Weiß auch nicht, ob ich wirklich mitten in dem Lärm und dem Rauch stehen müsste. Ich glaube ich habe schon die perfekte Rolle für mich gefunden.

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      1. *lach* Wenn du dich gerne unbeliebt machen willst, nur zu.

        Ähnlich gut kommt übrigens der Spruch „Das sollte man jetzt ärakonform amputieren“, falls du meinem Mann über’n Weg läufst wenn der mal wieder irgendwelchen Blödsinn angestellt und Hand in Gips oder Plastikschiene hat. Kommt echt *super* und hat er dann auch nicht schon zwanzigmal gehört an dem Tag. Achtung, Ironie 😉

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      2. Ich finde ja ab und zu sollte Mensch seine Grenzen austesten! 😉
        Werde das gleich in meine Frageliste aufnehmen, so intelligente Sätze fallen mir ja schließlich selten spontan ein, da ist eine gute Vorbereitung das A und O. 🙂

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      3. Weißt du welchen Satz ich am meisten hasse?? Egal was man erzählt, was man sagt, was man erklärt… Leute, die wirklich IMMER sagen: „Oh ja, DAS kenne / habe ich auch!“ Da fällt bei mir irgendwie die Luke zu 🙂
        So Schwachsinn fängt ja schon beim Arzt an „Oh ja, ich weiß wie Sie sich fühlen…“ Ach echt? Dazu müsste er in mir drin stecken und zumindest in meinen Kopf schauen *gähn….

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      4. Die armen Leute, die nie was eigenes haben sondern sich immer das leihen müssen, was der Sprecher gerade sagte! 😉 Ähnlich schlimm aber das Gegenstück, diesen sowas grundsätzlich nie passieren würde und die nichts nachvollziehen können weil „das ist ja so nicht normal“.

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