Ursula Poznanski: Schatten

Ursula Poznanski ist eine österreichische Autorin von Jugendbüchern und Thrillern für Erwachsene. Mit ersteren konnte sie mich nicht überzeugen. Ihre Reihe um Beatrice Kaspary und ihren Kollegen Wenninger lese ich aber recht gern.

Die Bücher spielen in und um Salzburg, und ich finde, die Wahl eines Orts, an dem sich die Autorin gut auskennt, war eine weise Entscheidung. Ihr Buch Erebos soll in London spielen, und für mich, die ich ja doch regelmäßig Zeit dort verbringe, ist es eben schon sehr „SOLL“ in London spielen. Das Setting in Salzburg ist stimmiger.

Von außen betrachtet, hat das Buch ein großes Manko für mich: Der Coverstil passt nicht gut zu den ersten drei Bänden. Ich werde nie verstehen, warum Verlage mitten in einer Serie den „Look“ der Bücher ändern zu müssen glauben. Schade.

Es geht, natürlich, um Mord. „Schatten“ ist der vierte Band. Das Ermittlerteam ist seit Buch eins größtenteils unverändert, aber es gaben deutliche Entwicklungen stattgefunden – Entwicklungen, die durchaus konsistent und in sich logisch sind.

Erzählt wird aus Sicht von Beatrice Kaspary. In diesem Buch kommt erstmalig auch ihr Kollege (und seit dem letztem Band ihr Lover) Florin (ohne a) Wenninger „zu Wort“. Eine wirklich eigene Charakterstimme haben seiner Erzählkapitel nicht. Das stört mich nicht weiter, aber wer wirklich gerne ein Buch mit deutlich unterschiedlichen Erzählstimmen liest, wird hier enttäuscht sein.

Was mir hier mal wieder gut gefällt – wie auch im letzten Buch schon – ist, dass sich die Figuren nicht so wahnsinnig blöd anstellen. Weder enthalten sie sich gegenseitig aus fadenscheinigen Gründen wichtige Informationen vor, noch tun sie die Gedanken des jeweils anderen leichtfertig ab, um später dann eines Besseren belehrt werden zu können, noch brauchen sie ewig, um einen Zusammenhang zu finden… Jawohl, das mag ich. Dass man „dennoch“ einen spannenden Fall aufbauen kann, beweist Frau Poznanski hier einmal mehr.

Der Schreibstil ist gut zu lesen. Auf der Lesung neulich meinte sie, dass sie nicht so wahnsinnig Österreichisch schreibe und deswegen auch in Deutschland größeren Erfolg habe als in Österreich. Den zweiten Teil dieser Aussage kann ich nicht kontrollieren, aber dem ersten schließe ich mich an. Wo ich bei Andreas Gruber (den ich durchaus auch gerne lesen) gelegentlich über österreichische Begriffe „stolpere“, ist die Sprache bei Poznanski sehr überregional neutral gehalten. Damit eignen sich die Bücher auch gut zum Nebenherlesen, wenn ich nicht unendlich viel Konzentration aufbringen kann – oder speziell als Flugzeuglektüre. Ich glaube, ich habe alle vier Kaspary-Bücher bislang in der Luft gelesen.

Sicher kann man Band vier für sich alleine lesen. Mehr Sinn gibt es aber, wenn man ihn in Folge mit Band drei liest. Die Verknüpfung der beiden Bücher könnte extrem gezwungen, künstlich und unlogisch sein. Könnte, ist sie aber nicht, weil Frau Poznanski es schafft, diese Verbindung so aufzubauen, dass es in sich konsistent ist. Ob sie in Band drei wirklich schon wusste, dass sie Band vier so schreiben würde, oder ob sie einfach nur sehr geschickt ihre eigene Vorlage nutzte und den von Band drei noch herumspringenden „Ball“ annahm – hätte ich sie vielleicht auf der Lesung fragen sollen, aber bei solchen Fragen zögere ich immer sehr. Man will ja nicht durch eine unvorsichtige Formulierung für den Rest des Publikums „spoilern“.

Abzug bekommt das Buch für einen kleinen Abschnitt von vielleicht fünfzehn Seiten mitten im Endteil. Dort liest sich der Text, als hätte ihn jemand anders geschrieben. Wenn das spannungserhöhend sein sollte: Es hat nicht funktioniert. Plötzlich wird dem Leser plump und mit Ankündigung Information vorenthalten, um dann die Auflösung dramatischer zu machen. Wird sie allerdings nicht, denn bis diese kommt bin ich zumindest schon dermaßen genervt von dem Spiel, dass es mir schon ziemlich egal ist. Bei einem Autor, der sonst schlechter schreibt, würde ich sagen „Der kann es halt nicht anders“. Poznanski kann aber, wie sie an anderer Stelle und in anderen Bänden beweist. Was dieser Abschnitt sollte… keine Ahnung.

Danach geht es dann allerdings in gewohnter Manier weiter, und das Ende vom Ende des Bands ist wieder so angenehm geschrieben wie der Anfang, die Mitte und der Anfang vom Ende.

Auf jeden Fall bin ich nun gespannt, wie es weitergeht. Das nächste Buch wird bestimmt wieder gekauft.

Karen Rose: Every Dark Corner

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Normalerweise mache ich um Romantikbücher einen ganz großen Bogen.

Ich meine jetzt nicht Bücher, die eine Handlung haben und in denen zufällig auch ein Pärchen vorkommt, sondern Bücher, deren Hauptzweck es ist, Protagonist Männlich mit Protagonist Weiblich, Protagonist Weiblich 1 mit Protagonist Weiblich 2 oder Protagonist Männlich 1 mit Protagonist Männlich 2 ins Bett zu bekommen. Vor fünfzehn Jahren oder so hab ich sowas mal übersetzt. Für Geld. Mein Bedarf ist noch mindestens 150 Jahre lange gedeckt. Wenn nicht länger.

Es heißt ja so schön, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Karen Rose ist die Ausnahme, die meine Regel hier bestätigt. Also: ihre Bücher.

Entdeckt habe ich sie vor etwa zehn Jahren. Damals las ich in kürzester Zeit alle Bücher, die sie bislang veröffentlicht hatte. Seither steht sie auf meiner Liste der Autoren, die beobachtet, vorbestellt und umgehend gelesen werden. Wenn notwendig, nehme ich mir dafür einen Tag Urlaub.

Die Bücher kann man wohl als Romantikthriller oder so ähnlich bezeichnen. Sie spielen immer im Bereich der Strafverfolgung. Die Protagonisten sind Polizisten, FBI-Leute, Polizeipsychologen, Anwälte, Staatsanwälte, Privatdetektive und Ähnliches. Die Fälle sind meist sehr brutal, die Themen hart. Der gewöhnliche Serienmörder kommt vor, ist aber eher die Ausnahme. Von häuslicher Gewalt bis zu Zwangsprostitution, Menschenhandel und sogar Kinderpornographie gehen die Fälle. Parallel dazu finden sich dann immer zwei aus dem Ermittlerteam. Das bekommt sie hin, ohne dass es gezwungen ist, oder der eine Plot den anderen stört.

Die Bücher spielen alle in derselben „Welt“ – die Figuren wiederholen sich, überschneiden sich, man bekommt hier einen Einblick in den einen Teil der Familie, dort einen in den anderen. Es hält die Bücher zusammen, und es macht das Lesen manchmal einfacher, wenn man bereits bekannte Elemente hat.

Eine Sache, die mir besonders gut gefällt, ist ihre ungewöhnlich gute Darstellung behinderter Charaktere. Frau Roses Tochter ist gehörlos, entsprechend spielen gehörlose Figuren immer wieder eine (auch tragende) Rolle. Auch andere Dinge baut sie aber ein, und – man findet die entsprechenden Figuren auf beiden Seiten des Plots – mal auf Seite der Verbrecher, mal auf Seite der Gesetzeshüter. Wer die Nase voll hat von „perfekten“ Helden kann sich hier austoben.

Zur Übersetzung kann ich mich nicht äußern, da ich die Bücher nie auf Deutsch gelesen habe. Das Original liest sich sehr flüssig, sehr angenehm, aber nicht monoton oder zu vereinfacht.

Karen Rose ist aktuell die einzige Autorin, bei der ich Sexszenen nicht einfach aus Langeweile überblättere. Sie schafft es, einen der restlichen Geschichte angemessenen Ausdruck beizubehalten, ohne Stilbrüche. Weder wird sie plötzlich schwammig und unklar, noch ergeht sie sich in unnötigen Detailbeschreibungen. Es ist einfach Teil der Geschichte, und so finde ich es auch lesbar. Normalerweise langweilen mich solche Szenen unsäglich.

Das neueste Buch, „Every Dark Corner“, hat zwei aus vorherigen Büchern bekannte Figuren in den Hauptrollen und zahlreiche bekannte Figuren in Nebenrollen. Es ist eine direkte Fortsetzung des vorherigen Buchs „Alone in the Dark“, ließe sich aber auch alleinstehend lesen. Das Ende bereitet ganz klar eine weitere Fortsetzung vor. Ihr nächstes Buch erscheint noch dieses Jahr, wobei die Ankündigung eher darauf schließen lässt, dass es einen anderen, früheren Handlungsstrang fortsetzen wird.

Große Themen sind Kinderpornographie, Drogenhandel und posttraumatische Belastungsstörung; wer von einem oder mehreren dieser Themen keine Details lesen möchte, sollte das Buch bleiben lassen.

Eine Sache, die mir an diesem Buch sehr positive aufgefallen ist, ist das vernünftige Verhalten der Figuren. Damit meine ich, dass ich als Leser nicht das Gefühl habe, dem einen oder anderen mal ein paar leichte Schläge auf den Hinterkopf verpassen zu müssen, um übermäßige Blödheit zu beseitigen – sowohl, was das Erkennen von Spuren, Hinweisen und Zusammenhängen betrifft, als auch, was die beginnende Beziehung im Buch angeht.

Die Figuren tun ihr Bestes, um den Fall zum Abschluss zu bringen, auch wenn es ihnen nicht immer gefällt. Niemand gefährdet durch dämliches Verhalten den Fall und muss im letzten Moment einlenken, niemand hat plötzlich im Vakuum eine rettende Idee, sondern es puzzeln alle an ihrem Ende, bis das Gesamtbild für alle stimmt. Fehler werden gemacht, aber nicht in der schrecklich hinkonstruierten Form, wegen der ich Krimis häufiger halb gelesen zur Seite lege. Und es geht in der Tat ohne! Die Geschichte bleibt spannend, die Figuren bleiben bei aller Vernunft menschlich.

Auf den klischeehaften Ablauf des Romantikbereichs, den Frau Rose in ihren ersten Büchern noch verfolgte – man wusste genau, ca. 2/3 durchs Buch kommt der große Streit, die zeitweilige Trennung, dann die böse Wendung, nach der einer dem anderen zu Hilfe eilen muss (bei Karen Rose kann das durchaus auch mal die Frau sein, die dem Mann aus der Klemme helfen muss) und dann liebt man sich doch. Darüber ist sie – zum Glück – hinweg. Ich finde den Romantikteil auch nochmal wesentlich weniger nervig, wenn die Beteiligten sich wie erwachsene Menschen benehmen, und nicht wie dreizehnjährige.

Tja. Was soll ich sonst noch sagen? Das Buch würde von mir 5 von 5 Sternen bekommen, in so ziemlich jeder Kategorie, die mir einfällt.

Leider ist die Coverversion, in der ich die ersten Bücher gekauft habe, für die Neuesten nicht erhältlich. Das stört mich etwas, weil es ein Bruch im Regal ist.

Trotzdem… das nächste Buch ist schon vorbestellt.