Kundenservice

Es ist etwas über eine Woche her – ich hörte ein „KNACK“, und dann konnte ich nichts mehr sehen – weil meine Brille in zwei Teile zerbrochen rechts und links heruntergefallen war.

Mittig über der Nase durchgebrochen, vollkommen unmotiviert – wohl einfach durch zunehmenden Spannungsaufbau weil der Rahmen vielleicht ein bisschen verdreht war, die Brille schon etwas älter…

Nicht so tragisch. Wenn eine Brillenstärke hat wie ich, hat man auch eine Ersatzbrille.

Aufgesetzt und festgestellt: Die Ersatzbrille hat einen Kratzer. Den ich im Blickfeld habe. Nonstop. Und nicht ausblenden kann. Der mich komplett kirre macht. Mistvieh.

Der Kratzer war noch nicht da, als ich sie das letzte Mal gebraucht hatte… Wo er herkommt – keine Ahnung. Niemand außer mir hat diese Ersatzbrille in der Hand, da ich aufgrund der Situation – keine Brille, nicht genug Sehvermögen um mich zu orientieren, geschweige denn zu lesen, etc. (Und ich habe keine Stimmerkennungssoftware bzw. Sprachausgabe auf dem Handy, d.h. schon jemanden anzurufen würde schwer!) – das Etui mit der Ersatzbrille zuverlässiger bei mir trage als meinen Geldbeutel oder Haustürschlüssel… Also muss ich es wohl selbst gewesen sein.

Auf jeden Fall war der Kratzer da und nervig, und aber immerhin konnte ich so mal eben zum nächsten Optiker. Nicht dem, zu dem ich normalerweise gehe, sondern dem um die Ecke. Weil ich mit dem Kratzer nicht Autofahren möchte. Der lenkt ab.

Meine Befürchtung, dass da nichts zu richten ist, bestätigte sich. Okay, ich wusste schon eine Weile, dass eine neue Brille fällig sein würde, WEIL der alte Rahmen schon an anderen Stellen geflickt war… immer aufgeschoben. Ich hab ja ’ne Ersatzbrille, falls was ist…

Meine Gläser sind allerdings nur mit Bestellung zu bekommen, da nicht nur die starke Stärke sondern auch noch andere Zusatzsachen eingeschliffen werden müssen. Und da ich ein bestimmtes, besonders hochbrechendes und damit dünneres und leichteres Material will, geht die Bestellung auch nur im Ausland. Dauert. Überbrücken, indem man die alten Gläser mal in einen neuen Rahmen macht? (Klar, wäre theoretisch auch als Dauerlösung gegangen, aber die Gläser haben im Lauf der Jahre halt auch schon etwas gelitten, v.a. am Rand… also war der Gedanke, auch gleich neue zu bestellen nicht so weit hergeholt.)

Mein Gestell ist seit vier Jahren nicht mehr auf dem Markt.

Bei mir macht sich in dem Moment so langsam beginnende Panik breit. Neues Brillengestell. Andere Gläserform. Andere Farbe. Anderer Blickfeldrand. Etc. Ich brauche EWIG, um mich daran zu gewöhnen. Echt jetzt. Normalerweise würde ich in der Situation wechseln zwischen der neuen Brille und der alten, vertrauten Ersatzbrille, aber die hat ja einen Kratzer…. Und der nervt, und hilft mir gerade auch echt nicht dabei, mich auf die Situation mit dem „dieses Gestell ist nicht mehr auf dem Markt“ zu konzentrieren.

Bevor ich noch entschieden habe, ob es sich wohl lohnen wird, das so dezidiert zu formulieren (was will der Verkäufer schon groß machen? Wenn es dieses Gestell bzw. diese Gestellform nicht mehr auf dem Markt gibt, gibt es die eben nicht mehr…), schaut mich der Verkäufer etwas komisch an und meint dann: „Geben Sie mir mal 20 Minuten.“

Und verschwindet.

Und kommt wieder, breit grinsend.

Ein Brillengestell besteht aus drei Teilen: Einem rechten Bügel, einem linken Bügel und einem Mittelteil, in das die Gläser eingesetzt werden. Diese gibt es jeweils einzeln als Ersatzteile.

Der nette Verkäufer hat zum Telefon gegriffen, und so lange bei Kollegen rumtelefoniert, bis er einen rechten Bügel, einen linken Bügel und ein Mittelteil in der richtigen Farbe beieinander hatte, die noch irgendwo als Ersatzteile auf Lager lagen.

Seit gestern habe ich jetzt wieder eine unzerkratzte meine-Brille.

Und ein Glas zum Austauschen von dem mit Kratzer ist natürlich auch bestellt. Bei dem Optiker in meiner Nähe. Obwohl das eigentlich gar nicht mein „normaler“ Optiker ist. Hat er sich verdient.

Advertisements

Wir sind keine Muggel

Man sagt uns ja gerne mal fehlende Fantasie nach… Darüber kann man sich in meiner Familie nicht beklagen. Wir waren schon immer gut drin, „in“ Büchern und Filmen zu „leben“, und praktizieren das mit Hingabe – und zwar die NTs und die Autisten gleichermaßen.

Die sogenannte „vierte Wand“?  Ist bei uns vornehmlich dazu da, durchbrochen zu werden. Einen Roman zu lesen, einen Film zu schauen, ohne irgendwie mit dem Inhalt zu „interagieren“… dafür fehlt uns irgendwie häufig der Ernst.

 

Irgendwie musste ich heute dran denken, wie der letzte Harry-Potter-Film im Kino lief. Das war, glaube ich, das letzte Mal, dass ich ein Kino betreten habe. Wir hatten Tickets für die ganze Familie. Vorpremiere.

Wir traten familienintern zu sechst an: Meine Mutter, drei erwachsene Töchter und zwei Söhne im Teenageralter; dann noch dazu noch etliche Freunde und Bekannte. Alles in Allem hatten wir zwei komplette Reihen gebucht.

Am Vorabend liefen ich weiß nicht mehr wie viele Filme am Stück, und direkt nach Mitternacht der letzte Teil. Bei Teil 7/1, dem letzten vor Mitternacht, habe ich dann schon nicht mehr wahnsinnig viel vom Film mitbekommen… außer, dass der Film-Scabior optisch voll in mein Beuteschema passte. Ich hangelte mich also von einer Szene zur nächsten, ließ den Rest so auf mich einrieseln… und meinte im Abspann zu den neben mir Sitzenden in etwa, es würde mir jetzt reichen, wenn ich Film-Scabior aus der Leinwand ziehen könnte, den letzten Teil müsste ich anderweitig gar nicht anschauen.

Kommentar meiner Mutter: „Das willst du nicht, der ist doch dumm wie zehn Meter Feldweg.“

Ich: „Also, ich wollte mich eigentlich nicht mit ihm unterhalten…“

Staubtrockener Kommentar einer Freundin in todernstem Tonfall: „Johanna, du sollst keine Todesser aus dem Film ziehen. Das ist erstens gefährlich fürs Publikum und stört zweitens massiv die Handlung.“

Dem schlagenden Argument konnte ich mich dann nicht verwehren. Scabior blieb im Film 😉

 

Zwei Tage später, Essen bei meinen Eltern. Mein Bruder kommt kopfschüttelnd zu mir.

„Du hast dich doch im Kino fürs Popcorn on Slytherin-Schalter angestellt. Das geht nicht. Muggelgeborene können nicht in Slytherin sein.“

Ich überlege gerade noch, was ich darauf sage, da kommt meine Mutter um die Ecke, nimmt meinen Bruder an der Schulter und drückt ihn auf einen Stuhl, stellt sich vor ihn und sagt, im Ton einer unendlich wichtigen Ankündigung: „Kind… ich muss dir was sagen.“

Totenstille im Raum.

Meine Mutter holt einmal tief Luft, dann: “ Eigentlich solltest du das nicht SO erfahren… Wir sind keine Muggel: Du bist ein Squib.“

… und Montags Spaghetti

Es kommt immer mal wieder vor, dass sich bestimmte Themen auf seltsame Weise häufen. Nachdem wochen-, monate-, jahrelang niemand etwas davon erwähnt hat, taucht es plötzlich ständig auf.

So ein Thema fällt mir in letzter Zeit immer wieder auf, im Gespräch und beim Lesen auf Foren. Eltern autistischer Kinder sprechen von den „Essstörungen“ ihrer Kinder. Auch einige Autisten selbst listen „Essstörung“ in der Reihe ihrer Problematiken auf.

Da muss ich mich jedes Mal fragen: Sprechen die wirklich von Essstörungen?

Wissen die, was Essstörungen sind?

*

Ich zitiere mal Wikipedia, da die Definition dort recht eingängig ist:

“ Mit Essstörung bezeichnet man eine Verhaltensstörung mit meist ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden. Zentral ist die ständige gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema „Essen“. Sie betrifft die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und hängt mit psychosozialen Störungen und mit der Einstellung zum eigenen Körper zusammen“

https://de.wikipedia.org/wiki/Essst%C3%B6rung

 

In der Liste der Essstörungen findet man Anorexie, Bulimie, Esssucht, und anderes

 

Der ICD-10 – die Diagnoserichtlinien – nennt unter den Essstörungen:

Anorexie (Magersucht) in allen möglichen Varianten – “ durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert.“;

Bulimie  – durch „wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert“

Essattacken – Übermäßiges Essen als Reaktion auf belastende Ereignisse

Erbrechen bei psychischen Störungen

Pica

Psychogener Appetitverlust.

 

Es gibt jedoch auch viele andere Gründe, seine Ernährung einzuschränken, oder auch ungewöhnlich zu gestalten.


Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Allergien oder Unverträglichkeiten ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aufgrund von Krankheiten wie Zöliakie ist KEINE Essstörung.

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus religiösen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus ethischen oder anderen Gründen ist KEINE Essstörung

Das Meiden bestimmter Lebensmittel aus kulturellen Gründen ist KEINE Essstörung

Sich einfach aus „Spaß an der Freude“ für eine vegetarische oder vegane Lebensweise zu entscheiden ist KEINE Essstörung.

Das Meiden von Lebensmitteln, die als ekelhaft empfunden werden ist KEINE Essstörung (sonst sind bald noch alle essgestört, die etwa keine gerösteten Insekten essen mögen).

Das Meiden von Lebensmitteln, die nicht dem eigenen Geschmacksvorzug entsprechen, ist KEINE Essstörung.


 

Wie ist das nun mit den Autisten und dem Essen?

 

Ich kann nur für mich sprechen, aber es gibt einige Dinge, die mich beim Essen beeinflussen.

 

Das Offensichtlichste zuerst: Geschmack/Geruch.

Durch die fehlenden Filter nehme ich beides schon in sehr geringen Mengen sehr stark wahr. Ein Geruch/Geschmack, der mir sehr unangenehm ist, ist der der Gurke. Ich finde diese Geschmacksnote ekelerregend.
Das heißt für mich: Ich kann nicht einfach die Gurkenscheibe vom Sandwich nehmen und den Rest des Sandwichs essen. Ich schmecke die Gurke weiterhin, da der Geruch am restlichen Belag klebt. Wenn ich Pech habe und ein Sandwich erwische, das in einem engen Raum (dem Kasten an der Autobahnraststätte etwa) neben einem Sandwich mit Gurke lag, reicht das schon. Es ist nicht mehr genießbar. Stellt euch einfach mal vor, ihr würdet versuchen, ein Brot zu essen, das lange genug neben einer Pfütze Erbrochenem lag, um den Geruch anzunehmen. Viel Spaß.

Da ich Gerüche (das meiste, was wir als „Geschmack“ bezeichnen, sind ja in der Tat Gerüche) sehr intensiv „abbekomme“, werden sie mir vor allem in Kombination auch schnell zu viel. Stellt euch vor, es wäre doppelte oder dreifache Menge Glutamat ins Essen geraten.

Alternativ, denkt an das Phänomen „Amerikanische Süßigkeiten“. Wie oft hört man, dass Süßigkeiten aus den USA einfach nur künstlich und ekelhaft süß schmecken? Wie oft hört man, dass sich Leute „da drüben“ freuen, wenn wir ihnen was von unserem Süßkram schicken? (Ich habe auch ein paar Amerikaner, die ich mit Süßigkeits-„CARE“-Paketen versorge – im Gegenzug gibt es Bücher.)

Diesen Effekt des „zu viel“, bei dem neben dem Hauptgeschmack – „Süß“, „Sauer“, etc. – nichts anderes mehr durchkommt, habe ich auch bei anderen Dingen.

„Süßsauer“ geht gar nicht, das überlastet meine Geschmackswahrnehmung so, dass ich nach ein bis zwei Bissen nichts mehr runter bekomme.

 

Ein ähnlicher Effekt, bei dem ich schon nach wenigen Bissen „satt“ bin, tritt ein, wenn ich zu viele Geschmacksnoten mische. Das „satt“ ist in dem Fall so zu verstehen, dass der Körper aufgrund der Überladung mit unterschiedlichen Eindrücken die weitere Aufnahme verweigert. Der Hunger kommt dann wieder, sobald sich das etwas gelegt hat, was durchaus eine Weile dauern kann, bei einer Mischung ohne „Dominanten“ Geschmack bei mir aber glücklicherweise nicht allzu viel Zeit benötigt.

Ich mische Essen auf dem Teller nur, wenn ich es nicht vermeiden kann. Soßen, Ketchup, Zucker, Salz, was auch immer man normalerweise auf dem Essen verteilen würde, kommt bei mir an den Tellerrand. Dann wird Bissen für Bissen nach Bedarf und Kapazität eingetunkt.

Ausnahmen mache ich bei einigen wenigen Dingen, die entweder für mich nicht stark ins Gewicht fallen (es gibt tatsächlich auch Gerüche/Geschmacksnoten, auf die ich Hyposensibel reagiere, die ich also weniger stark wahrnehme als andere), oder ganz bestimmte Soßen, die ich seit Jahren oder Jahrzehnten unverändert kenne, und für die ich daher eine Art speziellen künstlichen Filter aufgebaut habe – eine Toleranz sozusagen. Die in meiner Familie gekochte Tomatensoße für die Spaghetti wäre dafür ein Beispiel.

 

Für den NT ist es wohl relativ leicht, einen unangenehmen Geschmack durch Trinken von Wasser oder Abwarten loszuwerden.

Ich hingegen habe den unter Umständen noch stundenlang im Mund, und da unangenehm oft sehr intensiv wahrgenommen wird, übertönt er dann alles andere.

Dafür habe ich ein paar wenige für mich angenehme Gerüche, die ich ebenfalls sehr intensiv wahrnehme, und die ich zum „überdecken“ verwenden kann.

Das erste Mal, dass ich das regelmäßig gemacht habe, habe ich es noch nicht mal mit Absicht getan. Ich hätte damals keinem sagen können, warum genau ich das mache… aber ich hatte damals eine seltsame „Liebe“ für Pullmoll Wildkirsch entdeckt. Es musste exakt diese eine Geschmacksrichtung sein, und über Jahre hinweg hatte ich fast ständig eines davon im Mund.

Leider ist das Zeug zuckerfrei, und auf der Dose steht so schön „kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“. Das habe ich lange einfach ausgesessen – die Gewöhnung erfolgte leider nicht so hundertprozentig – aber irgendwann im zweiten oder dritten Studiensemester kam der Punkt, an dem ich den übermäßigen Verzehr wirklich einstellen musste. Das war auch in etwa der Zeitpunkt, an dem mir der Sinn hinter meinem Pullmollkonsum dann plötzlich recht deutlich klar wurde.

Heute habe ich üblicherweise Zitronenbonbons in der Tasche, wahlweise Fisherman’s Friend (Zitrone, im Notfall auch die „normalen“), und eine Tüte FF im Auto liegen. Auf die annähernd ununterbrochene Verwendung verzichte ich allerdings.

 

Ein zweiter großer Punkt für mich ist die Textur.

Neben dem Geschmack ist auch das Gefühl des Essens im Mund relevant.

Für mich persönlich ist es sehr wichtig, dass mein Essen nicht glatt ist, sondern texturiert.

Beispiel Kartoffelpüree: Selbstgemacht aus gestampften Kartoffeln hat es eine unregelmäßige Textur, die ich angenehm finde und gerne essen. Angerührt aus der Tüte ist es glatt, einheitlich, ohne „Unterbrechung“ der Masse, und löst in meinem Mund das Gefühl aus, als würde sich dort drin etwas glitschiges, glibberiges, rutschiges und sehr selbständiges im Mund. Klingt nicht besonders angenehm, oder?

Genau… ist es auch nicht.

Deshalb esse ich auch Suppe ungern ohne Einlage. Geröstete Brotwürfel, Backerbsen, oder auch einfach nur eine großzügige Zugabe von geschnittenem Schnittlauch machen die Suppe essbar. Außer, die Suppe ist ohnehin dick und texturiert, wie die Kartoffelsuppe meiner Mutter. Dann ist sie sowieso essbar. Allerdings habe ich auch dann gerne ein Butterbrot daneben, von dem ich zwischenrein mal einen Bissen zugeben kann.

Anderes Beispiel: Der Spinat mit dem Blubb schmeckt toll, aber bitte nur mit Rührei kombiniert, sonst habe ich da nämlich auch ein Konsistenzproblem. Pudding ist mir am liebsten, wenn er kleine Klumpen hat, also so, wie er eigentlich nicht sein soll. Grießbrei ist toll, weil er richtig zubereitet seine Textur nicht verliert.

Mittel der Wahl gegen andauerndes Geglibber im Mund noch Stunden nach der Mahlzeit: Tüte Kartoffelchips. Die sind schön hart, bröselig und können bei mir zum Überdecken „herhalten“.

 

Ähnlich ist mein Verhältnis zu Bandnudeln. Eigentlich mag ich alle Arten von Pasta gerne. Mit Bandnudeln allerdings stehe ich auf Kriegsfuß. Da habe ich gefühlt den Mund voll (lebender) Regenwürmer. Muss nicht sein.

 

Eine weitere Textur, die ich überhaupt nicht ausstehen kann, ist alles, was faserig ist. Fleisch war das erste, was in dem Bereich „fiel“ – viel gegessen habe ich es ohnehin nie. Ich bin seit ich ca. 10 Jahre alt war Vegetarier. Spargel beispielsweise hat aber eine ähnlich unangenehme Textur, sodass ich ihn, auch wenn er mir geschmacklich sehr zusagen würde, nie außerhalb der Spargelcremesuppe (mit Schnittlauch bitte) esse.

*

Einigermaßen typisch für Autisten dürfte es sein, tagelang – wochenlang – das gleiche essen zu können – und zu wollen. Prä-vegetarisch musste es bei mir jeden Abend Leberwurstbrot sein. Danach Frischkäsetoast. Dann Käsebrot. Jede dieser Phasen dauerte mehrere Jahre.

Wenn ich für mich alleine koche, gibt es oft Tag für Tag dasselbe Essen. Gerne auch zweimal am Tag. Das Gehirn bastelt sich eine Art Filterersatz. Der einheitliche Geschmack lenkt weniger ab, wird beruhigend statt störend, unterbricht den Ablauf nicht mehr. Ist im Nachgeschmack leichter auszublenden. Er erfordert schlicht weniger Energie, und warum sollte ich ohne guten Grund Kapazitäten verschwenden?

Ich sage gerne – und zwar nur halb als Witz – dass ich nun wirklich alt genug bin, um jeden Tag Käsespätzle zu essen, wenn mir das passt.

 

Nur montags nicht – denn montags gibt es Spaghetti.

Das wiederum hat einen Hintergrund, der in meine Kindheit zurückreicht. Ich war die älteste von fünf. Irgendwann hatte jedes Kind andere Zeiten, andere Verpflichtungen, Verabredungen, Nachmittagsunterricht, Musikschule, etc. Der Montag war bei uns ein besonders stressiger Tag.

Spaghetti sind schnell zu kochen, wenig Aufwand in der Zubereitung und im Wegräumen, und auch leicht durch Zubereiten von zwei Soßen für die Vegetarier und die Nichtvegetarier anzupassen. Und so gab es bei uns montags Spaghetti. Wöchentlich. Über Jahre.

Auch da bildet sich eine Art Filterersatz aus. Eher eine Art Schablone, vielleicht. Spaghetti gehören für mich zum Montag. Der Geschmack von Spaghetti mit Napoli-Soße, einem Schuss geschmolzener Butter und geriebenem Käse sagt meinem Gehirn noch heute: Das Wochenende ist vorbei. Zeit, was zu arbeiten. Und: Du hast heute Nachmittag was zu tun. Bei Spaghetti schaltet mein Körper direkt in den „Macher-Modus“ und mobilisiert Energie. Ehemals für den Nachmittagsunterricht. Heute nutze ich das auch gerne, um schon mal einen Vorsprung mit der Arbeit für die Woche zu erlangen. Schlecht sind Spaghetti „außer der Reihe“ am Wochenende – denn abschalten oder ausspannen ist kaum möglich, wenn sich gerade alles auf „Action“ eingestellt hat.

Und bevor jemand über meine Montagsspaghetti lacht: Der Kasperl und der Seppl haben auch jeden Donnerstag Bratwurst mit Sauerkraut (siehe Ottfried Preußler: Räuber Hotzenplotz)

*

Und wie lief das nun in meiner Kindheit?

Eigentlich sogar relativ problemlos.

Wir konnten uns zum Frühstück und Abendessen unser Essen frei wählen. Das durfte auch über Jahre hinweg täglich dasselbe sein (in dem Zusammenhang übrigens: Warum bitte irritiert es keinen NT, wenn ein anderer NT über Jahrzehnte jeden Tag dasselbe zum FRÜHSTÜCK isst, aber bei allen anderen Mahlzeiten wird großes Theater gemacht? Warum bitte ist das Frühstück die einzige Mahlzeit, bei der fehlende Varietät „normal“ sein darf?).

Mittags gab es, was es eben gab (und montags Spaghetti), aber Essen wurde nie „gemischt“ auf den Tisch gestellt. Die Nudeln getrennt von der Soße, das Fleisch separat, jedes vernünftig trennbare Gemüse in einer eigenen Schüssel… Mischen konnte jeder auf dem Teller. Weglassen, was einem nicht zusagte, auch. Wie heißt es so schön bei Janosch? Jeder darf essen, was gut für ihn ist.

Es ist aber gerade dieses unproblematische „iss, was für dich passt“, das es möglich macht, auch mal etwas neues auszuprobieren. Hätte ich davon ausgehen müssen, ein potenziell unangenehmes, ekelhaftes, schlecht schmeckendes Essen aufessen zu müssen (oder erst nach langer lauter Diskussion liegen lassen dürfen), wäre ich sicher noch weniger bereit gewesen, einmal etwas neues auszuprobieren. Je mehr Ärger ein „Problem“ macht, desto mehr wird man versuchen, es zu vermeiden. Mir tun Kinder leid, die sich, wissend, dass es gleich ganz großes Kino geben wird, wenn sie nach dem ersten Probieren merken, das Essen geht nicht, verzweifelt an einige wenige bekannte Sachen klammern. Das ist aber auch keine Essstörung… das nennt man anders…

 

Ein Problem, in gewisser Weise, waren (und sind gelegentlich) Restaurants. Als Kind hatte ich, wenn wir auswärts essen waren, genau ein Gericht, das ich sinnvoll bestellen und essen konnte: Pommes Frites. Die sind einigermaßen einheitlich, d.h. es funktioniert eine „Essensschablone“ von zu Hause, im Notfall salzt man so lange, bis man nichts anderes mehr schmecken kann… Die große Katastrophe kam dann, wenn es unerwartet einmal keine gab. Dann war doppelt Not am Mann, weil nicht nur mental keine passende „Schablone“ dabei war, sondern auch noch die bereits „eingelegte“ leer blieb. Also: Der erwartete Reiz (Geschmack/Textur/Temperatur/etc.) blieb aus, dafür gab es unter Umständen einen komplett anderen, auf den ich nicht vorbereitet war. Overload garantiert. Meltdown unter Umständen nicht weit entfernt, vor allem, da ja Gasthäuser auch sonst nicht gerade die reizärmsten Umgebungen sind.

Heute telefoniere ich bei mir unbekannten Restaurants vorzugsweise vorher einmal mit der Örtlichkeit und kläre ab, was es gibt. Auf Onlinekarten ist nicht unbedingt Verlass. Da ich vegetarisch esse, ist die Absprache auch aus dem Blickwinkel oft sinnvoll. Die meisten Örtlichkeiten haben inzwischen gute vegetarische Gerichte, aber es kommt auch immer mal vor, dass jemand nicht mit der Zeit gehen möchte. Dann gehe ich auch nicht – allerdings nicht mit der Zeit, sondern mit zum Essen.

Senfkristall

Es ist ein paar Jahre her. Ich war dabei, eine Immobilie zu kaufen. Der aktuelle Eigentümer hatte sich etwas übernommen – großes altes Gebäude, Renovierung deutlich teurer als geplant… Wir saßen bei ihm im Wohnzimmer, es sollte geklärt werden, welche Kosten ich zu übernehmen bereit wäre usw. Eigentlich keine große Sache, allerdings fand ich die Art einer anwesenden Person extrem schwer zu tolerieren. Viel fehlte nicht mehr, und ich hätte ihm gesagt, wo er sich seine überhebliche Art hinstecken konnte.

Etwa zu dem Zeitpunkt fiel der Hausherrin ein, dass sie ja mal Getränke anbieten könnte. Ich war schon halb dabei, abzulehnen – jetzt noch irgendein Trinkgefäß zu bekommen, das mir in der Verwendung unangenehm wäre, war gerade nichts, das ich brauchen konnte… das allerletzte, was ich jetzt wollte, war noch ein Kunststoffbecher oder irgendwas…

Dementsprechend rutschte mir auch direkt, als sie die Gläser auf den Tisch stellte, recht erfreut raus: „Oh, Thomy-Senfkristall. Cool, die hab ich auch.“

Dem eher unangenehmen Menschen klappte dann gleich mal der Mund wieder zu… es wurde später noch spekuliert, er hätte wohl schon angesetzt gehabt, sich abfällig über Leute zu äußern, die aus Senfgläsern trinken, weil sie sich keine Trinkgläser leisten können oder so.

Naja, vorbeugend stellte ich dann bim nächsten Termin (der bei mir stattfand) direkt das „Senfkristall“ auf den Tisch.

 

Was ich nicht so recht nachvollziehen kann, ist der Gedanke, dass die Weiterverwendung der Senfgläser als Trinkglas was mit „sich leisten können“ zu tun hat. Es sind Gläser. Sie haben eine gute Form, eine praktische Größe, sie sind ohnehin im Haus, und wegwerfen wäre doch wohl Verschwendung…

Also ich jedenfalls bin mit dem „Senfkristall“ aufgewachsen, es waren sowohl bei meinen Großeltern als auch bei meinen  Eltern die Alltagsgläser, und es sind auch meine. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin, und das „Senfkristall“ auf den Tisch kommt, dann freut mich das, weil es sich „richtig“ anfühlt. Die Form, die Größe, die Art, wie das Glas in der Hand liegt, das Gefühl beim Trinken – es stimmt einfach. Es ist, wie es für mich „sein sollte“.

Ja, es kann ganz schön blöd sein, wenn man sich an sowas so „aufhängen“ kann, aber es gibt echt Trinkgefäße, da halte ich lieber den ganzen Tag ohne was zu trinken durch, als dass ich die an die Lippen setze. Dazu gehört Kunststoff (fühlt sich für mich immer „warm“ an und verdirbt jedes Getränk), alles, was im Mundbereich eine Struktur hat, die ich beim Trinken fühle, und alles, was so dünnwandig ist, dass ich das Gefühl habe, ich könnte Problemlos ein Stück rausbrechen.  Außerdem Formen, die nicht ganz rund sind.

Ungern mag ich auch Gläser, in denen ich schlecht abschätzen kann, wie viel noch drin ist, und solche, die irgendwelche Gimmicks im Boden haben. Da schaue ich dann nirgends anders mehr hin.

Am einfachsten ist es also wirklich, man stellt mir das Senfkristall hin.

 

In dem Zusammenhang sorgte meine Mutter gerade für Erheiterung.

Bei ihr gibt es kein Thomy-Senfkristall sondern Develey-Senfkristall – weil sie Thomy nicht mag, und gekauft werden die Dinger ja nun mal wegen dem Senf, der drin ist. Die Gläser sind aber in der Größe usw. so gut wie identisch, nur der Fuß unterscheidet sich etwas.

Allerdings hat meine Mutter gerade mit Develey ein kleines „Hühnchen zu rupfen“. Denn das Unternehmen ist umgestiegen.

„Von Trinkgläsern auf Marmeladengläser“, um es mit ihren Worten zu sagen.

Ich schaute erst mal etwas sparsam. Sie hielt mir ein Glas unter die Nase und nahm den Deckel ab.

„Sind hervorragende Marmeladengläser ,“ sagte sie. „Nur trinken kann man halt nicht draus.“

Ah. Schraubverschluss meint sie… ihre Marke ist vom glatten Rand auf einen Schraubverschluss umgestiegen… Kapiert habe ich es, aber ob ich jemals den Gedanken aus dem Kopf bekomme, dass Develey Senf im Marmeladenglas verkauft… oder das Kopfkino dazu wieder los werde…

 

Das bisschen Haushalt…

Ich mag einiges sein, aber eines bin ich definitiv nicht: eine begnadete Hausfrau.

Zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Vergangenheit habe ich diverse Szenarien gedanklich durchgespielt. Immer wieder komme ich zu dem Schluss: eigentlich müsste ich eine Haushälterin einstellen.

Dumm nur, dass ich den Gedanken hasse, jemanden in meinen Sachen zu haben. Jemanden, der mir meine Sachen durcheinander bringt; wichtige Sachen nicht dahin zurückstellt, wo ich sie haben will; möglicherweise meint, umdekorieren zu dürfen (ist bei einschlägigen Agenturen tatsächlich Teil der Aufgabenbeschreibung einer Haushälterin); eventuell mal ein Atty fallenlässt…

*

Sicher, schon eine „einfache“ Putzfrau würde helfen, aber da habe ich bis auf das umdekorieren die gleichen Probleme.

Wo, mag man sich fragen, ist denn eigentlich das Problem? Putzen ist doch ganz einfach. Das kann und macht doch jeder… oder?

Ja… genau. Ganz einfach.

Erstes Problem: Wahl der Putzmittel.

Viele Leute denken bei „Krankenhaus“ mal gleich an den Geruch von Desinfektions- und Reinigungsmitteln und finden diesen unangenehm. Gut. Haltet mal bitte den Geruch samt Reaktion gedanklich fest.

Und jetzt stellt euch bitte vor, dass ich diesen unangenehmen, penetranten, alles durchdringenden, stechenden, teilweise fast in der Nase schmerzhaften Geruch bei der großen Mehrheit der auf dem Markt befindlichen Putzmittel empfinde. Will man das wirklich mehr als absolut notwendig im Haus haben?

Selbst bei den Putzmitteln, die mir erträglich sind, habe ich den Geruch sehr lange um mich, und er ist auch so recht intensiv – und stört bei anderen Wahrnehmungen. Nach dem Großputz vom Samstag, gefolgt von mehreren Stunden mit geöffneten Fenstern zum Durchlüften, einem Familien-Kaffeetrinken und zwei kompletten Tagen Zeit…konnte ich am Montagabend das Zeug noch immer riechen. Und nein, ich empfinde das nicht als frisch und angenehm, sondern als ziemlich penetrant und störend.

Leider kann man nicht alles mit Neutralseife putzen. Also, man kann schon, aber es ist nicht besonders effizient. Und danach riecht die ganze Wohnung nach Seife. Aber eben wenigstens nur nach Seife.

Der Putzmittelgeruch hängt übrigens nicht nur in der Wohnung, sondern auch: An der Kleidung, die ich dabei getragen habe, meinen Händen und meinen Haaren. Am liebsten würde ich während der Putzarbeiten also mehrmals unter die Dusche springen, Haare waschen, umziehen…. Geht natürlich nicht.

Heute den einen Raum, morgen den anderen, wie das manche Leute in meiner Familie machen, ist schon deswegen undenkbar, weil ich dann dem Putzmittelgeruch nie entfliehen könnte…

Zweites Problem: Material

Handschuhe gehen mal gar nicht. Es gibt nur zwei Situationen, in denen ich mich dazu durchringen kann, Handschuhe zu tragen:

  • Gelegentlich zum Reiten, wenn die Temperaturen zu weit runter gehen, um ohne noch gut Gefühl für die Zügel zu haben. Dann trage ich sehr, sehr gut sitzende Lederhandschuhe.
  • Zum Fechten, wenn ich befürchten muss, dabei was auf die Finger zu bekommen. Ich brauche meine Hände funktionsfähig, da ich doch relativ viel tippe.
  • Als Papagei und Mamagei frisch bei mir waren und Papagei sehr aggressiv war, aber aufgrund seines Gesundheitszustands regelmäßig gehandelt werden musste, zog ich dazu Handschuhe an, um ständig Verletzungen durch seinen Schnabel/kaputte Finger zu vermeiden.

Auf keinen Fall würde ich aber mit meinen guten Handschuhen putzen, und Putzhandschuhe aller Art gehen einfach gar nicht.

Ich habe nun aber auch allgemein ein Problem mit glatten Stoffen auf der Haut. Ist euch mal aufgefallen, wie schwer es ist, andere Lappen als Microfaser zu bekommen in der heutigen Zeit? Frottee-Handtücher eignen sich leider auch nicht für alles…

Drittes Problem: Muss das weg?

Ich stelle mir das so vor: Der NT schaut hin und sieht auf den ersten Blick „Aha. Da ist ein Fleck.“ Oder „Aha. Das ist ein Muster.“ Oder „Aha. Das ist Teil vom Untergrund.“

Da mir automatische Filter fehlen, fehlt mir auch dieser Effekt: Die natürliche Musterung des Grantibodens in Wohnzimmer und Küche, die Struktur des Korkfußbodens im oberen Stockwerk, die Maserung im Parkett im Esszimmer, die Marmorierung der Fliesen im Bad… alles das verschwimmt für mich mit Flecken, Dreck, Staub..

Ich muss tatsächlich erst mal jede Abweichung von der Grundfarbe analysieren. Was ist das? Muss das weg? Und wenn ja, dann nach dem Wischen erneute Analyse: Ist es jetzt weg? Ist noch was da, das nicht zum Untergrund gehört? Habe ich durch Verwischen neue Flecken produziert?

Da für mich unter Umständen ein Kaffeefleck nicht auffallender zu sehen ist, als ein „normaler“ Farbeinschluss im Stein muss ich quasi Quadratzentimeter für Quadratzentimeter prüfen, ob ich alles erwischt habe.

Das endet dann damit, dass ich entweder wie Roomba und Scooba einfach mehrfach in allen Richtungen durch die Wohnung wische (Was hier am Beispiel Fußboden erläutert ist, lässt sich natürlich auf jede andere Fläche übertragen), oder ich mich, dem Rat von Beppo Straßenkehrer folgend, Fliese für Fliese vorwärtsarbeite.

In jedem Fall jedoch wird dabei etwas, das den meisten Leuten als mental nicht besonders anspruchsvolle Arbeit geläufig ist, bei der man gut nebenbei Hörbuch oder Musik hören oder irgendwelchen Gedanken nachhängen kann, zu einem ziemlich anstrengenden Act, der aufgrund der ständig notwendigen bewussten Filterarbeit auf „für den Kopf“ sehr ermüdend wird.
Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ich seit 20 Minuten am Glaseinsatz der Bibliothekstür wische, weil ich zwar sehe, dass da ein Fleck ist… aber nicht mehr genug Kapazität übrig ist, um zu registrieren, dass ich auf der falschen Seite der Scheibe stehe.
Dann wiederum passiert es auch, dass ich etwas als „Dreck“ wahrnehme und erst merke, dass es doch da hingehört hätte, wenn ich angefangen habe, das Material anzugreifen. So hat etwa einer meiner Stühle eine sehr abgeriebene Stelle am Bezug. Der Stoff war dort einfach von der (eigentlich sehr zurückhaltenden) Musterung her etwas heller…

Irgendwann ist die Konzentration weg. Ich sehe nicht mehr, was ich mache – also, ich sehe es schon, aber ich nehme nur noch Einheitsbrei wahr und kann Untergrund von Schmutz nicht mehr unterscheiden

*

Dasselbe Problem habe ich übrigens auch, wenn mir jemand auf meinen Pullover deutend hilfreich mitzuteilen meint: „Du hast da ’nen Fleck“. Ich sehe nämlich vor lauter Web- oder Strickmuster (besonders schlimm sind da diese Stoffe, die dieses Mini-Strickmuster aufweisen…). Meine Kleidung mag für die meisten Augen einheitlich schwarz sein, aber wenn ich da drauf anschaue, sehe ich da alles Mögliche andere. Da festzustellen, welche Abweichung ein Fleck, und nicht einfach Stoffstruktur sein soll…

Ich wische also etwa an der gezeigten Stelle rum, das hilfreiche Gegenüber meint: „Schau doch mal in den Spiegel“, impliziert dabei: Dann siehst du es besser.

Irgendwann hatte ich mal keine Lust auf das Spiel und schoss direkt zurück, dass ich das eben im Spiegel genausowenig sehe… erntete dafür einen komplett verwirrten Blick, dann: „Aber du hast doch jetzt auch dran rumgewischt…“

Ja… dort, wo du hingedeutet hattest. Das kann ich in der Tat tun, auch ohne den Fleck selbst wahrzunehmen… Wirklich, das geht…

Autisten verursachen Impfstoffe – T-Shirt für die Impfgegner-Gegner

Habe grade dieses T-Shirt gefunden. Das würde ich mir ja sofort kaufen, nur… Farbig und vorne mit Aufschrift… ich würde es nicht tragen. Vielleicht hat ja von euch jemand Lust.

(RedBubble ist eine Plattform, auf der Künstler und Designer ihre Werke in unterschiedlicher Form verkaufen können, und die gute Konditionen für den jeweiligen Künstler bietet. Die Qualität der Ware ist super. Ich kaufe dort häufiger, wenn ich „ausgefallene“ Geschenke brauche – also sicherstellen will, dass niemand anders genau *die* Idee hatte.)

(Die Aufschrift: „Autistics cause Vaccines“ – „Autisten verursachen Impfstoffe“ – ist eine umkehrung dieses unsäglichen Slogans… nebenbei mit Bezug auf den Autistenanteil in den Naturwissenschaften.

Kleider machen Leute

Kennt ihr das?

Irgendwann kommt der Punkt, da geben alle T-Shirts gleichzeitig den Geist auf. Hier ein Loch, da ein Loch, die Naht am Kragen, der Saum, alles löst sich in Wohlgefallen auf. Bei mir kommt noch da dazu, was ich als „Geierfraß“ bezeichne: irgendwann hat alles kleine Löchlein von Papageienkrallen, und wehe, es steht irgendwo ein Fädchen ab… da kann so ein Mamagei einfach nicht widerstehen.

Nun lösten sich bei mir gerade nicht nur die T-Shirts auf, sondern auch die Sweatshirts, die Hoodies und die Pullis. Alles gleichzeitig.

Okay, macht nichts… Kleidung kann man ja nachkaufen.

Wenn es nur so einfach wäre…

Einfach wäre langweilig, nicht wahr?

Erste Herausforderung: Material.

Ich kann glattes Material auf der Haut nicht ausstehen. Der Trend geht aber dahin, dass Stoffe immer glatter, immer synthetischer, immer pflegeleichter werden. Pflegeleicht mag ja sein, aber was bringt mir das, wenn ich den ganzen Tag das Gefühl habe, dass Ameisen auf der Haut krabbeln –und nicht nur krabbeln sondern zwischenrein auch mal beißen. Noch schlimmer: Das Gefühl geht nicht sofort weg, wenn ich das Kleidungsstück in Frage ausgezogen habe, es ist jedoch sofort da, wenn ich es anhabe. Damit ist die Anprobe im Laden schon mal problematisch, weil ich ab Stück 2 nicht mehr zuverlässig sagen kann, spüre ich noch den Rest von Stück 1, oder …

Dabei hätte ich grundsätzlich nichts gegen Synthetikstoffe, wenn diese halt entsprechend texturiert wären. Natürlich nicht nur bei Kleidung.
Wir hatten zu Hause hübsche Handtücher im Bad hängen- eine Seite weich und „kuschelig“ mit Motiv oder Muster. Solange ich denken kann, habe ich zum Abtrocknen die rauere „Rückseite“ dieser Handtücher genommen. Die „Vorderseite“ sah zwar auf dem Haken nett aus, aber zum Verwenden fand ich sie doch eher ungeeignet. Heute habe ich nur Frottee-Handtücher in Verwendung, die beidseitig OK sind.

Leinen und Wollstoffe, also das, was viele Leute als kratzig und unangenehm empfinden, sind mir am liebsten. Leider findet man diese nur sehr eingeschränkt. Als ich mehr Zeit für solche Dinge hatte, nähte ich vieles selbst. Dazu irgendwann mal einen eigenen Post.

Zweite Herausforderung: Farbe

Muster, Motive, Aufschriften, Kontrastnähte – finde ich alles irritierend.

Erwähne ich das, höre ich immer mal wieder, das würde ich doch gar nicht sehen.

Doch, das sehe ich. Ich sehe sehr wohl, ob vorne auf meinem T-Shirt/Pulli/etc. ist. Nicht nur ich, aber die meisten Gehirne blenden die Information halt aus. Wenn ich das machen muss, geht mir bereits ein Stück Energie ab, das ich lieber auf etwas anderes verwenden würde. Zum Beispiel darauf, an der Kasse der Person vor mir nicht die Waren einfach aufs Band zu schmeißen, weil das Auflegen zu lange dauert und ich zwischen Musikgedudel, Unterhaltungen um mich herum, buntem Laden, Geruch von der Wursttheke her und dem kleinen Kind, das ständig zwischen aller Leute Füße herumwuselt wirklich dringend den Laden verlassen will.

Es mag unproportional klingen, aber das ist wie mit einem Wasserhahn. Wenn der den ganzen Tag tropft, läuft auch ziemlich viel Volumen weg, obwohl es nicht so aussieht. Auf Dauer merkt man es an der Wasserrechnung.
Ich bekomme die Rechnung eben etwas früher präsentiert.

Immer mal wieder sehe ich ein Motiv, das mir gefällt. Wider besseren Wissens kaufe ich auch so einmal alle zwei oder drei Jahre ein Stück. Das trage ich dann einmal, dann ziehe ich mich bei nächster Gelegenheit um, und das bedruckte Teil wird zu Unterkleidung degradiert.

Ein paar T-Shirts habe ich, die nur auf dem Rücken ein Motiv haben. Die habe ich drucken lassen. Da stört mich der Aufdruck nicht, und ich kann trotzdem das Motiv meiner Wahl spazieren tragen.

Naja, welches Motiv wird das wohl sein?

tshirtbild

Dritte Herausforderung: Schnitt und Co.

Lose sitzende Kleidung finde ich meistens schlecht. Der ständige Wechsel zwischen Berührung und Nichtberührung, oder eine ganz leichte Berührung, das treibt mich auf Dauer in den Wahnsinn. Allerdings ist es manchmal das kleinere Übel – im Sommer nämlich, wenn ich draußen sein muss. Dann ist mir weit und leicht, dafür lang, doch noch lieber, als mich direkt Sonne und Wind auszusetzen. Das bringt nämlich noch unangenehmere Gefühle.

Besonders wichtig ist mir, dass der Abschluss an den Ärmeln klar definiert ist. Ich muss spüren können, wo meine Kleidung aufhört.

Jawohl, ich bin ein Fan von langer, enger Unterwäsche. Dann habe ich nämlich mit der drüber getragenen Kleidung mehr Freiheiten. Ich habe schon öfter mal sehr enge Sweatshirts als Unterhemden zweckentfremdet. Leider wird mir aber schnell warm, dafür nicht kalt…

Kragen. Ein ewiges Theater. Steht was auf? Kann was aufstehen? Schlecht. Immerhin kann man einen Kragen, der ungewollt aufsteht und einen ungewünscht berührt mit einem kleinen Stich da befestigen, wo er hingehört. Rollkragen finde ich optisch toll, tragen kann ich sie auf keinen Fall. Zu viel Druck am Hals, ständig das Gefühl, zu ersticken.

Kleidungsstücke, die seitlich eng anliegen, finde ich auch schwer zu ertragen. Was liegt seitlich eng an? Eigentlich fast alles aus der Damenabteilung, das der weiblichen Anatomie nachempfunden ist. Ich kaufe meistens in der Männerabteilung ein. Trägt sich besser.

Hoodies, vor allem schwerere Hoodies, finde ich gut, obwohl ich die Kapuze nicht benutze. Sie macht einfach das Kleidungsstück nochmal etwas schwerer, das finde ich angenehm.


Nun gut… Ich kann jetzt also in einen Laden gehen und versuchen, einfarbige Kleidung aus nicht zu glattem Stoff mit vernünftigem Gewicht und passendem Kragen etc. zu bekommen.

Das dauert, kostet Nerven und meistens komme ich dann von einem wahnsinnig stressigen Tag mit ein oder zwei Stücken nach Hause.

Oder ich logge mich mal eben ein, fülle meinen Warenkorb, gehe zur Kasse, und lasse mir zwei Tage später einen Karton liefern. Zehn T-Shirts, zwei Hoodies, drei Sweatshirts, zwei Poloshirts, alles schwarz. Alles dieselbe Marke, die ich seit Jahren trage, die sich immer gleich anfühlt – auch über die einzelnen Varianten hinweg, also die Sweatshirts sind eben z. B. mit den T-Shirts identisch, außer, dass die Ärmel länger sind.

Damit ist der Schrank wieder voll, und ich hatte keinen Stress.

Und wenn sich meine Hosen auflösen, läuft es genauso. Einkauf derselben Marke, derselben Farbe, seit Jahren. Nach amerikanischen Maßen, sodass sich Länge und Weite beliebig kombinieren lassen. Ich bin ja eher klein, und habe schon deswegen anderweitig Schwierigkeiten beim Hosenkauf. Ebenfalls Männerschnitte. Sitzen besser und haben häufig auch größere Taschen.


Und wenn es aussieht, als würde ich „jeden Tag das gleiche“ tragen? Ist das noch dazu praktisch, weil ich nicht drüber nachdenken muss, was ich anziehe.

Vermessen

habe ich mich.

Bzw. nicht so wirklich… Aber angenommen, die Größe des Bilds sei in cm. angegeben.

Als es geliefert wurde, und ich die Größe des Pakets sah, schwante es mir schon…

Es waren Zoll…

Komplizierte Antworten

Wichtige Regel, muss man irgendwann lernen: Die Antwort sollte zur Frage passen. Dazu muss man zunächst den Kern der Frage erfassen, alle anderen Aspekte ignorieren und sich nur auf diesen Kern beziehen.

Allgemein meine ich, das gezielte Beantworten der gestellten Frage und nicht einer Alternativfrage sei ein eher autismusbezogenes Problem.

Dann passieren mir Gespräche wie dieses von gestern Vormittag.

Ich: „Ich möchte diesen Rahmen an eine Stelle hängen, an der es zu starken Temperaturschwankungen kommt: Direkt neben ein schlecht isoliertes Fenster. Wie groß ist das Risiko, dass sich das Holz schnell verzieht dabei?“

Antwort: „Wenn Sie einen Abstandhalter zwischen Rahmen und Wand anbringen, damit die Luft dahinter zirkulieren kann, besteht keine Gefahr von Schimmelbildung.“

Mir lag schon die Antwort auf der Zunge: „Wer ist hier Autist?!“

Nicht lustig…

…ist, wenn der Laden um die Ecke ein für mich… nun ja, nicht lebenswichtiges, aber doch zumindest für mein Wohlbefinden relevantes und massiv stressabbauendes Lebensmittel aus dem Sortiment nimmt.

Warum, zum Kuckuck? Es ist nichts ungewöhnliches, sie führen die Marke nach wie vor, sie haben nur diese eine Geschmacksrichtung nicht mehr. *seufz*.

Tja, dann werde ich wohl künftig meinen Wocheneinkauf, wenn ich in Bayern bin, in den großen Supermarkt in der nächsten Stadt verlegen müssen… ist ja albern, hier um die Ecke einkaufen, dann nochmal in die andere Stadt um einen einzigen Artikel zu holen…. kann ich gleich dort alles kaufen.

Und, nein, liebe Verkäuferin, Sie meinten es vielleicht nett, aber weder eine andere Geschmacksrichtung, noch eine andere Marke kommt in Frage. Exakt diese Sorte exakt dieser Marke ist seit ca. zwei Jahrzehnten einer meiner Top-Stresslöser.