Jasper Fforde: Shades of Grey

Ich habe ein ganz besonderes Bücherregal.

Es ist kein materielles Bücherregal aus Holz, sondern mehr ein virtuelles Bücheregal. Es steht in meinem Kopf, und es enthält Bücher. Die Anzahl Bücher, die darin „steht“ ist überschaubar.

Manche Bücher sind für mich sehr einprägsam. Seiten, ganze Kapitel, oder sogar der vollständige Text brennen sich dann ins Gedächtnis ein, sodass ich tatsächlich später einfach „im Kopf“ das Buch wieder aufblättern und lesen kann.

Dabei sind das nicht immer unbedingt die Bücher, die mir am besten gefallen. Genau genommen, habe ich keine Ahnung, was der Auslöser ist, dass manche Texte sich einfach Bild für Bild abrufbar abspeichern und andere nicht.

Obwohl ich viel lese, bekommt dieses Bücherregal nicht besonders oft Zuwachs. Es können Jahre vergehen, bevor ich wieder ein Buch finde, das in dieses „Regal“ rutscht.

Seit dieser Woche habe ich nun ein neues Buch dort stehen. Während, wie gesagt, nicht jedes so gespeicherte Buch zu meinen Lieblingsbüchern gehört – dieses tut es definitiv.

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ffordeshades

„Shades of Grey“ hat nichts mit „50 Shades of Grey“ zu tun. Es ist ein Buch von Jasper Fforde, und wer mit Ffordes Werken vertraut ist, kann sich schon vorstellen, welche Art von Buch es ist. Fforde war Kameraassistent für James Bond: GoldenEye und dürfte im Literaturbereich am besten für seine „Thursday Next“-Serie bekannt sein (Gruß an den Kollegen, der die ins Deutsche übersetzt hat: Sie haben ja nicht mal ernsthaft VERSUCHT, den Büchern gerecht zu werden…).

Nun. Shades of Grey heißt auf Deutsch „Grau“, ist im Eichborn-Verlag erschienen und ich habe es in Übersetzung nicht gelesen. Daher kann ich mich leider nicht dazu äußern, wie gut oder schlecht diese ist. Die Buchausgabe ist vergriffen, Kindle benutze ich nicht. Ich hoffe, dass hier ein Übersetzer dran war, der sein Handwerk wirklich versteht – das Buch ist meiner Einschätzung nach extrem schwer zu überestzen, wobei ich mir vorstellen kann, dass eine sorgfältige Übersetzung auch wahnsinnig viel Spaß machen könnte. Wenn jemand die deutsche Fassung kennt, darf er mir gerne mitteilen, ob sie was taugt! Nachfolgend sind alle übersetzten Begriffe daher nur meine eigenen Übertragungen aus dem Originaltext!

Das Setting ist erst mal ordentlich bizarr. Wir befinden uns weit in der Zukunft. Etwa 500 Jahre vor der Geschichte, die erzählt wird, passierte Etwas. Was genau? Weiß keiner. Geschichte wurde abgeschafft, wie eigentlich die allermeisten Fakten. Wilde Spekulation ist eher „in“.

Die Menschen leben im „Kollektiv“ – das anscheinend speziell die britischen Inseln überzieht. Die Bevölkerungszahlen werden streng kontrolliert. Fortpflanzen ist nur mit Erlaubnis möglich. Man lebt nach einem strengen Regelwerk. Einige der Regeln sind recht sinnvoll – etwa lautet Regel 1, dass man nichts tun darf, das einem anderen Menschen schadet. Andere muten genauso bizarr an, wie die Welt an sich, wieder andere sind einfach nur zum-sich-wegwerfen komisch. Regel 9.3.88.32.025 etwa besagt: Die Gurke und die Tomate sind Obst, die Avocado ist eine Nuss. Um eine ausgewogene Ernährung für Vegetarier sicherzustellen, ist das Huhn am ersten Dienstag des Monats offiziell Gemüse.

Klingt soweit noch nach „Ach, wieder irgendeine Dystopie, was ist daran so ungewöhnlich?“

Na, es wäre nicht Fforde, wenn es nicht ein bisschen ins surreale anmutende ginge.

Die Menschen dieser Zeit sind alle mehr oder weniger Farbenblind. Die gesamte Gesellschaft basiert ausschließlich darauf, welche und wie viele Farben der einzelne sieht. Im Alter von 20 Jahren wird jeder auf Farbsehen geprüft und erhält dann seine Einstufung. Karriere, soziales „Standing“, Heiratsaussichten – alles hängt davon ab. Die „Grauen“ sind die Arbeiter- und Dienerklasse. Leider gibt es davon immer weniger, weil die „farbigen“ Familien alles tun, um ihr Farbsehen nicht zu verlieren. So sind die Grauen allgemein überarbeitet. Immerhin können sie so mehr verdienen, meint jemand im Buch. Leider nutzt ihnen das nichts. Sie können zwar so viel verdienen, wie sie wollen, aber die Beträge, die sie ausgeben dürfen, sind begrenzt.

A propos – diese Welt hat zwei Währungen: Merits und Cents. Merits werden zum Handeln verwendet, aber auch als Belohnung für gutes Verhalten vergeben… oder zur Strafe abgezogen. Sinkt der Meritstand zu tief, heißt es ab zur Umerziehung.

Zurück zu den Farben… unter den Farbsehenden fängt die Hierarchie unten mit rot an und hört oben mit lila auf. Nachnamen weisen immer auf die Farbe und die Intensität des Farbsehens hin. Durch Heirat kann der „tiefer“ eingestufte Partner in die Farbe des „höher“ eingestuften umklassifiziert werden. Theoretisch könnte man so direkt von Grau zu Lila werden – jedoch kommt eine solche Verbindung eher selten vor. „Wenn du willst, dass deine Nachfahren dich hassen,“ heißt es nämlich, „dann heirate spektrumabwärts.“

Dieses eingeschränkte Farbsehen gilt jedoch nur für natürliche Farben – und alten Farben, aus der Zeit bevor Etwas Passiert ist. Andererseits jedoch kann aus altem eingefärbtem Kunststoff künstliches Pigment extrahiert werden, mit dem „Univision“ – für alle sichtbare – Farben erzeugt werden können. Reiche Familien kaufen sich dann eingefärbte Möbel, eingefärbtes Essen, etc., damit jeder, der zu Besuch kommt, auch sieht, wie reich man eben genau ist.

Daneben werden Farben auch zu ganz anderen Zwecken verwendet: Als Drogen etwa (vor allem Grüntöne) oder zu medizinischen Zwecken. Manche Farben sind so gefährlich, dass sie verboten sind. Es heißt sogar, es gäbe irgendwo ein Gebäude, das in einer Farbe gestrichen ist, die den Betrachter durch bloßes Ansehen tot umfallen lässt.

Das Regelwerk ist unfehlbar und enthält unter anderem eine Liste der Gegenstände, deren Produktion zulässig ist. Der Löffel fehlt dort, und so haben sich die Löffel inzwischen zu einer seltenen Ware entwickelt. Wer einen hat, trägt ihn vorzugsweise am Körper, um Diebstahl zu verhindern. Wer zwei hat, hat auf jeden Fall eine sehr gute Verhandlungsposition, könnte er doch einen eintauschen.

Was nicht in den Regeln steht, gilt als Apokrypha und wird wegignoriert. So etwa der „Gefallene“ – ein Mann, der an einen Stuhl aus Metall gefesselt vom Himmel gefallen und beim Aufprall verstorben ist. Der liegt noch immer – inzwischen ist kaum mehr als das Skelett übrig – genau da, wo er gelandet ist. Da er nicht offiziell existiert, kann ihn auch keiner wegräumen oder recyceln.
Diese Vorgehensweise führt dann auch zu interessanten Situationen, wenn man einen „apokryphen“ Menschen im Dorf hat, der lustig ins Zimmer spaziert kommt, das Abendessen mitnimmt und sich wieder verzieht… darf man doch nicht mal zugeben, ihn gesehen zu haben. So bleibt dann nur der Seufzer „Niemand hat gerade unsers Suppe gegessen…“ und die Suche nach einem Ersatz für die ausgefallene Mahlzeit.

In dieser Welt gibt es neben dem angeblich tödlich gestrichenen Gebäude ein paar sehr typische Todesformen: Schwäne sind sehr gefährlich. Insbesondere gilt dies für die Riesenschwäne. Dabei handelt es sich um extrem große fliegende Vögel, die scheinbar keine Beine haben, nie im gelandeten Zustand entdeckt werden, nicht mit den Flügeln schlagen müssen, und in sehr großer Höhe kreisen. Wie groß diese Tiere tatsächlich sind, ist schwer zu sagen – schließlich dürfte noch keiner eine direkte Begegnung überlebt haben.

Blitze sind ebenfalls sehr gefährlich, und die einzelnen Ortschaften bauen unterschiedlichste Mechanismen, um sie einzufangen und ihre Bewohner zu schützen. Insbesondere Kugelblitze gelten als tödlich und hinterhältig.

Mit dem Farbsehen ist die Fähigkeit verlorengegangen, die Pupillen zu erweitern um bei geringem Lichteinfall zu sehen. Die Nacht an sich ist daher ebenfalls sehr gefährlich – wer sich nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb der sicher beleuchteten Gebiete aufhält, überlebt dieses Erlebnis nur selten.

Dennoch – die häufigste Todesursache ist eine Krankheit namens Mildew („Mehltau“); die ersten Symptome sind taube Ellenbogen und schnell wachsende Fingernägel. Wer betroffen ist, verabschiedet sich von seiner Familie und begibt sich in den „Grünen Saal“ – wo er durch medizinisches Grün in einen Zustand der Verzückung versetzt wird und schließlich verstirbt. Dann wird die Leiche versiegelt, denn Mehltauopfer husten einige Stunden nach dem Tod noch einmal und stoßen dabei Sporen aus, die die Krankheit weiter verbreiten. So ziemlich jeder, der nicht einem Schwan oder Blitz zum Opfer fällt, oder in der Nacht verloren geht, holt sich irgendwann den Mehltau und ist nach spätestens 24 Stunden tot.
Der Mehltau hat auch noch ein paar andere interessante Eigenschaften – so gibt es etwa eine Variante, die umgehend auftritt, wenn sich eine Person eine irreversible Verletzung zugezogen hat – traumatischer Mehltau nennt man das. Und es scheint dass der „Pöbel“ – Menschen, die unzivilisiert außerhalb der Städte in der Wildnis leben – dagegen auch noch immun sind. Sehr seltsam…

Zu irgendeinem Zeitpunkt wurde wohl – so nimmt man an – das genetische Material von Tieren und Pflanzen so verändert, dass diesen nun jeweils ein Strichcode irgendwo im Fell oder auf der Haut wächst. Strichcodes sammeln und entschlüsseln ist ein beliebtes Hobby – es ist übrigens Pflicht, mindestens ein Hobby zu haben, ebenso, wie es Pflicht ist, ein Instrument zu spielen. Fast alles hat Strichcodes: Rennschnecken, Bisons, Strauße, Giraffen, das Letzte Kaninchen… wenige Dinge haben keine, wie etwa Rhododendrons und Äpfel. Menschen… haben einen. Er wächst anstelle eines Fingernagels an der linken Hand.

In diese Welt wirft uns Fforde nun also gemeinsam mit Eddie, dem Erzähler und Protagonisten, direkt in die Verdauungskapsel einer fleischfressenden Pflanze – denn dort steckt er gerade. Während er darauf wartet, verdaut zu werden, erzählt er uns genau, wie er in diese missliche Lage genommen ist. Dabei schafft Fforde es, die Welt in der Erzählung vorzustellen, ohne in „Achtung, hier kommt eine Erklärung“ zu verfallen. Die Figuren sind teils sehr seltsam, aber innerhalb der Welt konsistent. Manches erscheint komischer als es müsste – was nicht die Schuld des Autors ist, sondern im Gegenteil an der Konditionierung des Lesers liegt. Die Sache mit der Mitgift und den arrangierten Ehen etwa wirkt gefühlt erst dann ganz besonders seltsam, wenn es der junge Mann ist, der quasi an die Familie seiner zukünftigen „Verkauft“ wird und auch noch einen Teil seiner eigenen Mitgift zu stellen hat. Da kann man als Leser dann trotz – oder vielleicht gerade wegen – der eher surrealen Umgebung eigene Annahmen etwas hinterfragen.

Fforde ist ein Meister der Beschreibungen auf einer Ebene, die mich zumindest sehr tief „erwischt“. So fiel mir etwa auf, dass ich alleine aufgrund der sehr farbspezifischen Wortwahl und der an die Wahrnehmung des Protagonisten angepassten Beschreibung nach Lektüre selbst die Farbigkeit um mich herum ganz anders – nicht intensiver, aber deutlich bewusster – wahrgenommen habe. Es war ein interessanter Effekt.

Was mir noch besonders gut gefällt ist, dass die Welt, egal wie bizarr, seltsam und unwahrscheinlich sie anmutet, am Ende Sinn gibt. Ich verstand die Lösung beim Lesen in einem Aha!-Moment einige Kapitel bevor die wichtigsten Punkte für den Erzähler selbst aufgelöst wurden. Es waren die Barcodes, die mich drauf brachten, zusammen mit den Schwänen und dem „Gefallenen“.

Sehr gut gefällt mir auch die Vielzahl der Anspielungen auf literarische Werke und alles von Musicals bis Brettspiele unserer Zeit. Oft lassen sich die Halb- und Falschüberlieferungen dann tatsächlich einsortieren. Das Buch hatte für mich keine Längen, keine echten Kopfschüttelmomente und keine Inkonsistenzen, die mit Blick auf die Auflösung nicht logisch sind. Es enthält natürlich ein paar Druckfehler, jedoch bietet Herr Fforde auf seiner Website neben etlichen Gimmicks auch ein Upgradecenter für seine Bücher an – detaillierte Anleitungen zur Beseitigung der gefundenen Druckfehler, sortiert nach Buch und Ausgabe, einschließlich einer Art Exlibris, das man sich ausdrucken und einkleben kann, und das darauf hinweist, dass das Buch nun die „vom Autor genehmigte Version 1.1“ sei. So trägt dann sogar das, was sonst eher nervig erscheint, zur Unterhaltung bei.

Jetzt müsste Herr Fforde nur dazu kommen, Band zwei und drei zu veröffentlichen. Da er ein sehr regelmäßiger Schreiber ist, habe ich hier jedoch volles Vertrauen darin, dass die Bände noch kommen. Für 2018 ist auf jeden Fall ein Buch aus dieser Welt angesagt, wenn auch eine Vorgeschichte, und noch nicht die Fortsetzung. Das Fforde-Buch von 2017 – der Autor veröffentlicht in schöner Regelmäßigkeit ein Buch pro Jahr – soll ein Standalone sein, das bereits vorbestellt ist.

Markus Heitz: Wédōra – Staub und Blut

Markus Heitz ist ein deutscher Fantasyautor; erstmalig fiel er mir auf weil mir beim Durchblättern eines seiner in unserer Jetztzeit spielenden Fantasybücher der sehr gute Umgang mit der deutschen Sprache auffiel. Deutsch ist wirklich nicht einfach zu schreiben, v.a. wenn es spannend und nicht langatmig oder schwer zu lesen sein soll.

Ich finde nicht alle seine Werke gut, und definitiv manche besser als andere. Zumindest mal probieren möchte ich seine Serien aber schon.

So hielt kürzlich „Wédōra – Staub und Blut“ bei mir Einzug-

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Der Klappentext:

Im Mittelpunkt einer gigantischen Wüste liegt die schwer befestigte Stadt Wédōra.
Sämtliche Handelswege der fünfzehn Länder rings um das Sandmeer kreuzen sich hier, Karawanen und Kaufleute finden Wasser und Schutz. Hierin verschlägt es den Halunken Liothan und die Gesetzeshüterin Tomeija.  Die beiden kommen zum ungünstigsten Zeitpunkt in die Stadt, steht Wédōra doch kurz vor einem gewaltigen Krieg, denn die geheimnisvollen Stämme der Wüste rufen zum Sturm auf die mächtige Stadt. Liothan und Tomeija geraten schnell in ein tödliches Netz aus Lügen und Verschwörungen, besitzen sie doch Fähigkeiten, die für alle Seiten kriegsentscheidend sein können.

Punkt 1:
Der Klappentext ist irreführend, und das mag ich nicht.

Klar, es „verschlägt“ die beiden in die Stadt – sie werden von einem Hexer dorthin gezaubert, aus ihrer Welt in eine andere.

Da haben wir schon das erste Problem. Heitz jongliert nicht eine, sondern zwei neue Welten gleichzeitig. Nun könnte man das natürlich nutzen, um dem Publikum die eine oder die andere oder sogar beide durch die Augen der Figuren, die sich aus ihrer gewöhnlichen Umgebung gerissen sehen, aus deren Reaktionen vorzustellen. Leider lässt er zahlreiche Gelegenheiten dazu ungenutzt.

Die Welt von Wédōra wird am besten beschrieben und erklärt durch die „Meta“-Inhalte – abgedruckte Seiten aus Geschichts-und Textbüchern aus der Welt, die zwischen die Kapitel eingefügt sind. Diese Vorgehensweise gefällt mir sehr gut, aber ich hätte gerne mehr solche Informationen auch im Haupttext gefunden. Bis zuletzt bin ich mir nicht sicher, wie lang ein Mâne ist. Vorne im Buch heißt es „vier volle Monde“ – das wären vier Wochen. Im Text wiederum werden „sieben Sonnen“ (sieben Tage) mit „einem Mâne“ gleichgesetzt. Ob es nun vorne oder im Text ein Fehler ist… Das müsste man sich irgendwie hintenrum quer erschließen.

A propos Mâne… praktischerweise sprechen die beiden in der andere Welt Gestrandeten ausgerechnet die örtlich übliche Sprache! Mit Ausnahme einiger weniger Wörter, wie etwa denen für „Jahr“ und eben einen anderen Zeitraum. Ansonsten gibt es keinerlei Verständigungsprobleme! Wahrlich erstaunlich, bedenkt man, wie sehr sich alleine Mundarten schon von Ort zu Ort unterscheiden können, und dass eine der Figuren kaum lesen und schreiben kann, und daher mit einer Schriftsprache/Standardsprache wenig vertraut sein dürfte

Die Welt von Wédōra ist durchaus interessant. Ich denke, sie hat sehr großes Potenzial. Leider nutzt der Autor dieses kaum.

Ein Problem, das ich mit Heitz‘ neueren Büchern habe ist, dass in ihnen einfach alles zu viel wird. Es ist, als wollte er jede Idee, die er hat, in das Buch packen. Jede. Einzelne. Es ist zu viel. Manchmal wäre weniger mehr, und hier ist es definitiv der Fall.

Immer wieder schaltet er nach „Walfor“, in die Herkunftswelt der beiden zurück. Zu den Figuren dort kann man kaum eine Leserbeziehung aufbauen, da man so gut wie nichts über sie erfährt. Es bleibt Handlung mit im Grund unbekannten, austauschbaren Figuren. Da der Leser darüberhinaus die „Lösung aus diesem Teil der Geschichte bereits kennt, empfand ich diese Kapitel als langweilig.

In Wédōra laufen mehrere Handlungsstränge parallel. Ähnlich der unendlichen Geschichte führt alles Mögliche zu weiteren Abzweigungen, und ähnlich wie in der unendlichen Geschichte werden diese nicht weiterverfolgt. Hier allerdings dient das nicht dem Buchaufbau, und liest sich einfach nur schlampig. Man hat das Gefühl, wenn man das Buch zuklappt, hängen überall lose Handlungsstränge zwischen den Seiten hervor. So ein bisschen wie herausquellende Gedärme… und für den Roman genauso tödlich!

Vielleicht hat er ja vor, diese in Nachfolgebänden abzuarbeiten. Dann wäre es meines Erachtens dennoch besser gewesen, sie nicht alle in diesem Buch bereits einzuführen.

Weiterhin gibt es Handlungsstränge, die zwar abgeschlossen sind, aber zur Haupthandlung nichts beitragen und nur Seiten fressen. Das ist schade, denn davon würden mindestens zwei locker jeweils ein eigenes Buch abgeben, wenn sie komplett ausformuliert wären und nicht hopplahopp abgearbeitet würden.

Viele Geheimnisse und Mysterien werden erwähnt, angedeutet, angeschnitten – und bleiben dann angeschnitten liegen. Herr Heitz schreibt im Schlusswort, die Welt sei ursprünglich zum Rollenspielen entworfen worden. Mag sein, dass diese ganzen Mysterien Startpunkte für Quests oder Abenteuer hätten werden sollen… aber nochmal: Sie alle in ein Buch zu quetschen ist zu viel.

Die Hauptfiguren haben beide Vergangenheit, viel wird angedeutet, nichts wird aufgelöst. Es ist nicht zufriedenstellend. Zum einen erfährt man Details, die so oft erwähnt werden, dass man davon ausgehen muss, sie würden nochmal relevant – Liothans alte Verletzung etwa – nur um dann festzustellen: Es ist für die Story absolute irrelevant. Alles in Allem habe ich nicht das Gefühl, die Protagonisten kennengelernt zu haben. Es sind eher generische Figuren, komplett mit ungewöhnlicher Augenfarbe und „Fluch“, und einem großen gedachten Schild über ihren Köpfen: „Diese Figur hat eine Vergangenheit und ist interessant“. Leider lügt das Schild.

Schließlich, noch ein Punkt von „zuviel des Guten“: Herr Heitz hat sich anscheinend in die Diakritika verliebt.
Was sind Diakritika (Einzahl: Diakritikon)?
Der Fliegendreck auf und unter den Buchstaben!
Wédōra – das Dings auf dem é und das Dings auf dem ō.
Das Strichelchen auf dem o heißt übrigens Makron und die Punkte auf dem ä, ö und ü im deutschen sind keine echten Diaktritika.
Äh, ja… Diaktritika also….
Die verteilt Herr Heitz großzügig quer über alle möglichen Namen. Dazu verwendet er Buchstabenkombinationen, die für unterschiedliche Sprachen typisch sind, gemischt. Wenn er die Welt damit fremder erscheinen lassen will – Glückwunsch, es funktioniert nicht. Es nervt nur unheimlich beim Lesen, wenn sich das Hirn nicht entscheiden kann, wie es das nun beim mentalen vorlesen aussprechen soll. Einen Ausspracheleitfaden hat der Autor leider nicht beigelegt. Hat Tomeija nun ein niederländisches „ij“, ein deutsches „ei“+j, ein Spanisches „j“? Wir werden es nie rausfinden. Und ihr Beruf? Die Ordnungshüterin ist eine „Scīrgerēfa“. Nein, auch die Diakritika können nicht drüber weg täuschen, dass er da einen Sherriff ausgenommen und verstümmelt hat.

Wie erwähnt, mir fiel Heitz erstmals wegen der guten Verwendung der deutschen Sprache auf. Davon sieht man in diesem Buch nicht viel. Die Sprechweise der Figuren liest sich gekünstelt, unnatürlich… angelehnt am ehesten an Marktsprech, die Kunstsprache der Mittelaltermärkte. Jubel und Händegeklapper gibt es dafür aber nicht, sondern eher nochmal ein letztes Augenrollen!

Das Ende ist konstruiert, übereilt und m. E. nicht logisch, aber natürlich notwendig, wenn der Autor weitere Bücher über diese Figuren in dieser Welt schreiben will. Ein paar Zufälle passen dennoch allzugut zusammen, zu viel Information wird auf den letzten Seiten aus der Luft gezaubert und plötzlich von den Protagonisten als „richtig, wussten wir schon“ bestätigt.

Die Welt an sich ist jedoch ein Genuss… im Bereich „Worldbuilding“ erhält dieses Buch von mir volle Punktzahl mit Sternchen. Durch die Ausführung kommt es im Endergebnisse auf 2,5-3 Sternchen.

Würde ich eine Fortsetzung lesen?

Vermutlich. Schon weil ich wissen wollen würde, ob er wirklich den einen oder anderen Handlungsstrang fertigschreiben will.

Erinnert das Titelbild außer mit eigentlich noch jemanden an Sauron?

Carolyne Larrington: Winter is Coming

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A Song of Ice and Fire – vielen wohl besser bekannt unter dem Titel der Fernsehserie, Game of Thrones – entdeckte ich 1997, nicht allzu lange nach der Veröffentlichung des ersten Bands. Ich weiß noch, wo ich den her hatte: In einer Zeit vor Amazon – mein Amazonkonto datiert von 2004 – war das Bestellen fremdsprachiger Bücher zwar möglich, aber durchaus immer ein Erlebnis. Damals traf ich schloss ich meinen ersten „Versorgungspakt“ mit einer Amerikanerin: Sie schickte mit alle drei Monate eine Schachtel mit Büchern und ich schickte ihr alle drei Monate eine Schachtel mit deutschen Süßigkeiten. Ähnliche Absprachen habe ich heute noch mit mehreren Kollegen laufen.

In einem dieser Pakete lag damals „Game of Thrones“, ich las und befand es für gut.

Ich habe seitdem zwischen den langen Wartezeiten zwischen den Büchern, dem Tonfall, den Herr Martin seinen Lesern gegenüber teils anschlägt, und der sinkenden Qualität der Inhalte das Interesse am Lesen weiterer Bände umfassend verloren, was aber nicht bedeutet, dass mich die Serie an sich nicht mehr interessiert.

Auf meinem Schreibtisch steht eine sehr gut ausgearbeitete Büste von Sandor Clegane – lange vor der Fernsehserie und in Anlehnung an die Buchbeschreibung gefertigt. Wer mit diesem Modell ein Problem hat, hat ein Problem mit meinem Büro (und das kommt in der Tat gelegentlich vor).

Nun fand ich also dieses Buch: Winter is Coming, von Carolyne Larrington

Speziell werden hier die Motive, Inhalte, Figuren und Kulturen der Serie mit der Geschichte und Mythologie unserer Welt verglichen.

Die Autorin ist Historikerin, und das merkt man. Das Buch ist sehr stark in wissenschaftlichem Stil aufgebaut, vielleicht teils etwas trocken, was meiner Meinung nach hier kein Schaden ist.

Die Vergleiche sind logisch, gut durchdacht, verständlich erklärt und mit zahlreichen Verweisen auf Sekundärliteratur – von der ich mir auch das eine oder andere Werk zulegen werde. Ein paar Sachen waren mir neu, allerdings hat eine kurze Recherche zu dem wenig überraschenden Ergebnis geführt, dass die Autorin wusste, wovon sie spricht.

Ob nun Herr Martin seine Serie wirklich in dem Ausmaß durchdacht hat, das ihm Frau Larrington unterstellt, lasse ich mal dahingestellt.

Leider habe ich beim Kauf des Buchs nicht bedacht, dass ich die deutsche Übersetzung gekauft habe. Diese ist aus Sicht des Übersetzers sehr gut gemacht – leider, muss ich hier sagen. Denn die Übersetzung der Bücher und der Serie selbst erfolgte in einer Weise, auf die man sich doch glatt in die 1960er Jahre versetzt fühlt – damals, als es gerade modern war, Straßennamen, Ortsnamen, Personennamen und anderes mitzuübersetzen.

Bei manchen Werken mag das angemessen und sogar notwendig sein. Denken wir da an Herr der Ringe, von dem Tolkien selbst ja behauptete, es sei eine Übersetzung ins Englische, einschließlich einer längeren Abhandlung über die Übersetzung der Namen. Als weiteres Beispiel sei Harry Potter genannt, wo vielen Namen eine Bedeutung innewohnt, die durchaus relevant für die Charakterisierung der entsprechenden Person oder für die Eigenschaften eines Orts ist. Allerdings entschied man sich selbst dort schließlich für das Prinzip „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Wer sich, wie ich, noch an die Erstausgabe der Übersetzung erinnern kann, kann vielleicht noch an den Satz denken „Sirius Schwarz hat es mir geliehen“ – Hagrid zu Dumbledore über das fliegende Motorrad, als er Harry abholt. Den „Sirius Schwarz“ kennen wir natürlich besser als Sirius Black, unübersetzt.

Im Lied von Eis und Feuer jedoch hatte der Übersetzer keine Hemmungen und erging sich in einer wahren Orgie der Namensübersetzungen. Da ich die Bücher auf Deutsch nie gelesen habe, bin ich mit den übersetzten Begriffen nur sehr oberflächlich vertraut. So fiel mir das Lesen hier teils etwas schwer, weil ich immer wieder erst nachschlagen musste, wer denn nun wer ist, und was denn nun wo liegt. Fazit: Nächstes Mal besser aufpassen, in welcher Sprache ich einkaufe.

Wenn das Thema interessiert und man auch etwas unbekanntere geschichtliche Episoden interessant findet, würde ich das Werk als solches aber uneingeschränkt empfehlen.