Es kommt immer mal wieder vor, dass wir im Kostüm fliegen.

Also: Vor allem mein Mann.

Meine Reenactment-Kleidung überlebt es gut, wenn man sie faltet und in eine Tasche packt. Bei seiner Uniform sieht das etwas anders aus. Die Jacke freut sich nicht unbedingt über das Einpacken, die Stiefel ins unpraktisch, sperrig und riskant zu verpacken und der Hut würde wohl kaum überleben, wenn er nicht separat verpackt würde… er kann also entweder drei zusätzliche Gepäckstücke einchecken und bezahlen, um alle drei Sachen sicher ans Ziel zu bringen, oder sie einfach von vorneherein anziehen.

Natürlich zieht ein Mann in voller historischer Uniform Aufmerksamkeit auf sich.

Die Security-Mitarbeiter sind übrigens erstaunlich cool, was das betrifft. Die fragen bestenfalls, wo es denn hingehen soll oder zu welcher Schlacht wie fliegen. Probleme gab es noch nie. Das Schwert wird kurz in Augenschein genommen, aber natürlich nehmen wir kein echtes Schwert mit an Bord – nicht mal ein nachgemachtes. Das „Schwert“ ist dann lediglich ein Griff, der in der Scheide befestigt wird. Reine Optik, absolut nutzlos.

Kaum hat man sich dann hingesetzt, dauert es nicht lange, bis die ersten Leute um einen herumstehen, Fotos machen wollen, oder klar etwas fragen möchten, sich aber nicht trauen, oder glauben, Leute anzustarren sei weniger unhöflich, als einfach den Mund aufzumachen.

Unterhaltungswert hatte der Herr mittleren Alters, der uns einmal in Frankfurt begegnete.

Er hatte keine Hemmungen, uns anzureden. Genauer gesagt: mich, denn dass ich deutlich besser deutsch spreche dürfte er dem zuvor belauschten Austausch an der Sicherheitsschleuse entnommen haben.

Der Herr im Anzug komplett mit Aktentasche kommt also auf mich zu und sagt ohne „Guten Morgen“ oder ähnlich unnötige Einleitungen, mit dem Daumen auf meinen Mann zeigend: „Wo ham’se ’n das da aufgetrieben?“

Ich schwanke einen Moment zwischen einer freundlichen Informationsgabe und einem unhöflichen Anraunzen, da fällt mir etwas ein, und wie es manchmal so ist, rede ich, bevor ich weiter drüber nachdenke:
„Ach, wissen Sie, mein Bruder studiert höhere Physik, die arbeiten als Studentenprojekt an einer Zeitmaschine, und ‚das da‘ kam beim Testlauf raus. Spricht auch nur altes Französisch. Jetzt bring ich ihn nach Frankreich, damit keiner was merkt.“

Mein Mann schaut sehr gezielt woanders hin und fängt an, mit großen Augen die Anzeigeschilder zu studieren.

Der Herr im Anzug schaut… im ersten Moment komplett überrumpelt, dann legt sich seine Stirn in Falten, ich kann die Zahnräder fast anlaufen hören. Und ich kann euch sagen, sie klingen ziemlich rostig. Er schaut von mir zu meinem Mann, zu mir, zu ihm, zu den Security-Leuten, zu ihm, zu mir…

Und sagt schließlich: „Echt jetzt?“

Ich schieße noch zurück: „Ja, natürlich, was sonst?“ drehe mich um und schnappe mir meinem Mann, der inzwischen weiß, wo wir weiter hinmüssen, um auf unseren Flug zu warten…

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10 Gedanken zu “Reenactors im Flughafen

  1. Seeeeeeehr gut reagiert 🙂
    Ganz ehrlich, ich müsste da aber auch einfach hinsehen, weil ich das faszinierend finde, natürlich diese Epoche sehr mag, die Uniform sehr anziehend…. Jaaaa was soll man da denken… Zu fragen würde ich mich eben nicht trauen, leider.
    Es gehört schon Selbstbewusstsein dazu um SO am Flughafen aufzuschlagen 🙂
    Und deine Erklärung… Na ja… Bei der heutigen Technik weiß man ja nie….

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    1. Es ist selten, dass mir sowas einfällt.. Umsomehr schätze ich es, wenn es doch passiert.
      An Selbstbewusstsein mangelt es dem Herrn nicht, was ich sehr zu schätzen weiß. So muss ich nicht dauernd aufpassen, dass ich ihn nicht überrenne.
      Meistens darf man so angezogene Leute aber schon fragen! Zumindest wohin sie unterwegs sind, werden sie dir üblicherweise mitteilen. Bloß die Begleitung würde ich nicht so blöd anquatschen.

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      1. Ich bin doch viel zu schüchtern dafür 😉 wenn wir unterwegs sind und ich merke da kommt jemand, der uns eventuell anspricht, bin ich eher der Typ, der so ein wenig HINTER MANN verschwindet. Etwas besser ist es nur, wenn ich Hund dabei habe, das gibt mir etwas Sicherheit.
        So coole Kommentare fallen mir leider meist erst Stunden später ein…

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      2. Meistens stehe ich nur da und gucke böse, wenn mir einer so blöd kommt.
        Was ich schon öfter gehört habe ist, dass es für die Leute, die in Uniform reisen gar nicht so schlimmt ist (also das beachtet werden), weil die Leute eh nur die Uniform sehen und nicht die Person dahinter, und man sich sozusagen direkt hinter der Aufmachung verstecken kann.
        Mein Mann sieht aber in der historischen Kleidung viel stimmiger aus als in moderner… und in „normalen“ Sachen immer irgendwie maskiert.

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