„Alles in Ordnung bei Ihnen?“

Huch. Ja, klar, natürlich ist alles in Ordnung. Der Flug war ereignislos, ich bin nach der Landung zügig aus der Maschine gekommen und vor dem großen Ansturm der Passagiertraube mit massenweise Handgepäck, kleinen Kindern und allgemeinem Chaos einigermaßen geordnet an und durch die Passkontrolle, und nun habe ich mich eben schön aus dem Weg an eine Wand gestellt und warte auf den Lieblingsmann – denn der hat unser Handgepäck und ist damit deutlich langsamer dran.

Irgendwas sollte ich jetzt auch sagen, aber ich bin in der Sprache noch nicht so ganz angekommen – zwar beherrsche ich zwei tote und eine ganze Handvoll lebende Sprachen, und würde im größten Teil West-, Südwest-, Mittel- oder Nordeuropas nicht verhungern, wenn ich nur in der Landessprache kommunizieren dürfte, aber dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – brauche ich häufig einen Moment, um mich sprachlich umzustellen. Eben drei Tage in England verbracht, mein Hirn läuft noch in English und weiß gerade nicht so recht, warum es nun einen Satz auf Deutsch bilden soll…

„Jaja, alles super.“ Das klingt nicht mal für mich überzeugend, und ich weiß dass es stimmt. Er schaut zweifelnd. Ich schaue etwas düster zurück, bin jetzt bereits etwas genervt – ich finde es nicht besonders toll, wenn Wildfremde mir ohne weiteren Grund ein Gespräch aufzudrängen versuchen. Noch schlimmer wenn der Fremde offenbar meint einen Grund zu haben, und sich dieser mir absolut nicht erschließt. Ich gehe in Gedanken gerade durch, was ich seit der Landung gemacht habe. Habe ich in dem Versuch, der Masse zu entgehen irgendwelchen Blödsinn gemacht, den ich nicht bemerkt habe? War ich ungeplant unhöflich zu der Dame in der Passkontrolle? Hat er vielleicht schon mal versucht mich anzusprechen und ich habe es komplett wegignoriert?

Er sagt irgendwas, das ich nur halb mitbekomme weil ich durch die Überlegung abgelenkt bin. Seinen Text aus dem Hintergrundlärmpegel im Flughafen herauszudividieren braucht eben ungeteilte Aufmerksamkeit.

Dafür sehe ich aber meinen Lieblingsmann kommen. Der Herr vor mir bemerkt offenbar meinen Blick, dreht sich um beobachtet, wie er näher kommt.

Da ist er, und bevor er mir meine Tasche geben kann, legt der andere schon wieder los: „Belästigt der Herr Sie?“

Wenn wir jetzt im Comic wären, hätte ich ein Fragezeichen über dem Kopf, denn ich habe keine Ahnung, wie er auf die Idee kommt.

„Äh – nein? Das ist mein Mann? Mit meinem Gepäck?“ Wenn ich irgendwie nachvollziehen könnte, was der Herr sich denkt, wäre es leichter, zu antworten. So habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht so genau weiß, auf welche Frage ich antworte. Also, die Worte waren schon klar, aber der Hintergrund dazu fehlt mir vollständig. Wie kann man denn irgendwas, das er gerade gemacht hat, so interpretieren? Ich mag zwar nicht die Beste im Interpretieren sein, aber normalerweise kann ich doch wenigstens im Nachhinein einigermaßen erraten, was los ist.

„Sie müssen trotzdem nicht—“

Ich höre auf ihm zuzuhören.

Wenn ich jetzt sagen würde, was ich mir denke, wäre das im höchsten Grade unverschämt. Erstens versuche ich das zu vermeiden, und zweitens muss ich davon ausgehen dass der Herr tatsächlich glaubt, ich bräuchte aus irgendeinem Grund seine Hilfe, und ihm jetzt an den Kopf zu werfen was ich gerade von ihm halte, würde ihn sicher nicht gerade ermutigen, das Angebot in einer anderen Situation zu wiederholen, bei einer anderen Frau die vielleicht tatsächlich dankbar dafür wäre. Versuche ich, ihm gegenüber höflich bis freundlich zu bleiben, wird es extrem unsicher und unecht klingen, da komplett konstruiert.

Also ignoriere ich ihn für den Augen blick – gut, das ist auch nicht besonders nett von mir – und übersetze stattdessen die Situation mal eben für den Lieblingsmann, dessen Deutschkenntnisse eher beschränkt sind. Der schenkt dem Herrn seinen „Echt jetzt?“ Blick und gibt mir derweil meine Tasche. Kurzaufenthalte wie diesen machen wir grundsätzlich nur mit Handgepäck.

Der Herr wartet auf Antwort in seine Richtung, also reiße ich mich nochmal zusammen.

„Schauen Sie, ich weiß nicht, was Sie da falsch verstanden haben, aber es ist wirklich alles okay.“

Er schaut zweifelt.

„Sie sind da vorhin so schnell aufgestanden und ’nur weg von dem’…“

Oh.

„Äääh, nein. Also ja, also ich mag das Gewusel nicht, wenn alle gleichzeitig ihr Handgepäck suche und dann auf dem Flieger stürmen. Drum schau ich dass ich als erstes rauskomme und Abstand zwischen mich und die Masse bringe, und mein Mann sammelt in Ruhe das Gepäck…“

Er schaut zweifelnd. Überzeugt ist er nicht. Aber er gibt Ruhe. Und ich bin linguistisch auch wieder im Land. Super.

Wir gehen unser Auto aus der Tiefgarage befreien, und ich schüttle innerlich noch den Kopf. Wenn der Herr uns ausreichend genau beobachtet hat, um zu merken, dass ich alleine voraus bin, und das sehr zügig, hat er dann nicht auch gesehen, dass wir den ganzen Flug über in bester Zweisamkeit nebeneinander saßen, jeder ein Buch in der Hand und immer mal wieder dann anderen grinsend anstupsend und auf eine Textstelle zeigend? Dass da nichts, aber auch gar nichts vorgefallen ist, dass die Annahme rechtfertigt, irgendwas wäre nicht in Ordnung? Dass wir direkt vor dem Landeanflug noch meinen Geldbeutel etc. aus dem Rucksack unterm Vordersitz gefischt haben, damit ich mein Zeug beieinander habe? Hat der nicht gemerkt, dass das irgendwie nicht zu seinem Eindruck passte?

 *

 Ich weiß, dass ich selbst es sehr schwer finde, die Hintergründe von Situationen zu schließen. Mit genug Informations-Input und Konzentration geht es häufig, aber intuitiv erfassen – das ist jetzt so oder so – das ist sehr, sehr schwer, und passiert nur extrem selten.

Was mir allerdings noch schwerer fällt als zu verstehen, wie der NT-Mensch das macht, ist wann er das tut. Und in welchem Umfang. Das sehe ich auch gerne bei Asperger-„Kollegen“. Wir neigen wohl gelegentlich etwas dazu, eure Fähigkeiten zu überschätzen. Dieses Erfassen und Interpretieren – das ist etwas, das ihr könnt, und wir nicht, oder nur mit Schwierigkeiten. Dass es auch da Grenzen gibt… nun, das vergesse ich ganz leicht mal.

Und nebenbei: Ich sehe zwar, dass es sie gibt – aber ich habe absolut keine Ahnung, wo sie sind.

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