Klar, es gibt sie – die absolute fantasielosen Autisten.

Und es gibt Autisten, die Fantasie und Kreativität nur aus dem Wörterbuch kennen.

(Nebenbei: Kreativität und Fantasie gehen zwar gerne Hand in Hand, sind aber weder deckungsgleich noch immer gemeinsam oder in gleicher Intensität auftretend.)

Dazu soviel:

Der Autismus hat die Fantasielosigkeit nicht gepachtet. Es gibt sie auch unter den absolut neurotypischen Menschen… Der fantasiebefreiteste Mensch, der mir bislang über den Weg gelaufen ist, ist ausgerechnet einer der am wenigsten autistischen Menschen, die ich kenne.

Und es gibt „uns“ auch durchaus in kreativ und fantasiebegabt. Man findet uns unter den Künstlern, den Autoren, den Komponisten…

Vielleicht ist es ja so, dass der Autismus die „Ausrichtung“ in der einen oder anderen Richtung verstärkt. Zumindest kenne ich keine Autisten im „Mittelfeld“.

 *

Der Drang, das zu erklären, überkam mich auch gerade, als ich mich spaßeshalber in eine Informationsveranstaltung zum Thema Autismus gesetzt hatte. Die fand in meiner Nähe statt, war an Eltern autistischer Kinder gerichtet, und ich wollte gerne mal wissen, wie denn der Stand der Dinge so wäre… meine eigene Grundschulzeit ist schließlich doch schon ein paar Jahrzehnte her.

Dort erzählte der Dozent nun mehrmals von der mangelnden Fantasie, wiederholte immer wieder, autistische Kinder würden keine Rollenspiele spielen. Mich wunderte dies etwas. Nun können sicher bei weitem nicht alle autistischen Kinder was mit Rollenspielen anfangen, aber ein Ausschlusskriterium ist das ja wohl kaum.

Klarer wurde die Sache, als die Übersicht an die Wand projiziert wurde. „Klein klassisches Rollenspielen“ stand da.

Gut, können wir das dann bitte auch so vorlesen? Genau so wie es da steht?

Der Dozent wundert sich. Was macht es für einen Unterschied?

 

Ganz einfach:

Ich nehme mich mal eben als Beispiel. An Fantasie mangelt es mir nicht, die Kreativität ist auch ganz gut aufgestellt. Meine Herangehensweise bei der Anwendung beider Eigenschaften entspricht vielleicht nicht immer den „klassischen“ Erwartungen.

(Das finde ich so übrigens auch bei einigen ebenfalls schreibenden „Kollegen“ wieder… Wir haben auch immer Probleme damit, in „gemischte“ Schreibgruppen zu passen, während ein Forum für professionelle und Hobby-Schriftsteller, das ich regelmäßig besuche, mit jedem Jahr einen höheren Autistenanteil erwirbt. NTs fühlen sich dort irgendwie auf Dauer nicht mehr so gut aufgehoben.)

Zurück zum Rollenspiel.

Rollenspiele gab es bei uns viele, das ganz übliche Vater/Mutter/Kind-Spiel ebenso wie ganz wilder Variationen, vom Stranden in der Urzeit zu Stranden auf einsamen Inseln, Betreiben von Tanz- oder Reitschulen, was auch immer uns gerade interessierte.

Dabei hatten meine Geschwister und diverse Nachbars- und andere Kinder immer ihre Lieblingsrollen, die sie übernehmen wollten – manchmal auch mit kürzeren oder längeren Debatten, wer denn nun wer sein durfte. Daran war ich in der Tat auch nie interessiert.

[Figur] sein wollen ist mir fremd. Aus einem rein experimentellen/analytischen Blickwinkel sicher nicht uninteressant, aber kein Bedürfnis. Und so übernahm ich auch als Kind nie eine bestimmte Rolle.

Ich bezeichnete meine Rolle bei solchen Spielen immer als „der Rest.“ Den Vater, der früh zur Arbeit ging und spät erst heimkam, Verkäufer, Lehrer, Nachbarn, etc. – immer angepasst je nach Setting.

Zum einen waren meine Einsätze so überschaubar, und die Anzahl möglicher Abläufe auf die ich mich kurzfristig einstellen musste war begrenzt.

Zum anderen hatte das Ganze für mich einen wahnsinnigen Vorteil:

Ich hatte das komplette Spiel in der Hand.

Die anderen Spieler konnten nämlich so gut wie nichts machen, ohne irgendwie mit jemandem zu interagieren, über den ich die Kontrolle hatte. Und da lernte ich früh, einfach alle Richtungen zu blockieren und abzuschneiden, die für mich nicht passten. Ohne, dass ich zu dem Zeitpunkt gewusst hätte, was ich da eigentlich tue, habe ich das Spiel damit einfach an den Rahmen angepasst, den ich handhaben konnte. Gestört hat es keinen.

 *

Ich spiele seit dem Teenageralter Das Schwarze Auge und Dungeons and Dragons. Damals rutschte ich schnell in die Rolle des „Dungeon Masters“, des Spielleiters, und die wurde ich auch nie wieder los.

Zwei kurzfristige Versuche, mich als „echter“ Spieler zu betätigen scheiterten kläglich. Die Arbeiten, die der DM im Hintergrund auszuführen hat, das Im-Kopf-behalten der Werte, der Punkte, wer ist gerade wo, welcher NSC (Nicht-Spieler-Charakter) weiß was, etc., bedeutet für mich eben doch wesentlich weniger Anstrengung, als mich der Unsicherheit des Spielers auszusetzen.

Denn die andere Seite des Rollenspieltischs ist für mich bis heute stressig bis unangenehm – ich fühle mich den Launen des DM ausgeliefert, treibe in einer Welt ohne Struktur und Halt. Wenn ich zwar weiß, um was es geht, aber eben nicht genug davon, wenn die Figur, die ich spiele, Wissen haben muss, das ich nicht habe, ich aber auch nicht einfach etwas erfinden darf, da es der DM-Vorgabe zuwider laufen könnte… Dann stresst mich das. Dann spiele ich auch nicht gut. Spaß macht es erst recht nicht.

Dasselbe gilt, wenn eine Reaktion kommt, mit der ich nicht gerechnet hatte. Klar, das kann mir als DM auch passieren – aber dann kenne ich alle Optionen, weiß, wo ich hin will, und kann entsprechend lenken.

 *

Was mir beim Rollenspielen in der Position des „echten“ Spielers im Weg steht ist keineswegs mangelnde Fantasie (und auch nicht die Unfähigkeit eine Rolle zu übernehmen. Das mache ich ja auch täglich, wenn ich mich im Umgang mit Anderen an Konventionen anpasse, die mir naturgemäß nicht liegen.) – sondern die Spielsituation als solche mit allen Unsicherheiten, die ihr zwangsweise zu eigen sind.

Also bin ich – nach wie vor oder auch mal wieder – da, wo ich vor 35 Jahren angefangen habe: Ich spiele „den Rest“. Und zwar mit Freude.

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17 Gedanken zu “Fantastisches

    1. Ich habe mich zu Schulzeiten schon gerne „fachfremd“ unterm Tisch schreibend beschäftigt. Ein Lehrer meinte mal, mir das Schreibheft wegnehmen zu müssen, und war – sagen wir mal extrem überrascht über dessen Inhalt. Das Wort Autismus stand da zwar nicht im Raum, aber es war ihm unbegreiflich, dass jemand, der so gerne Detailwissen ansammelt sich auch kreativ schreibend betätigt. (Er fand natürlich, sein Unterricht sei dazu ohnehin der falsche Ort, aber dann hätte er ihn eben etwas weniger fade gestalten sollen).

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  1. Ich mag Rollenspiele überhaupt nicht, zumindest nicht, wenn noch jemand mitspielt.
    Trotzdem mangelt es mir ganz sicher nicht an Phantasie, immerhin kann ich mich komplett in andere Welten versetzen und da förmlich weiter leben. Kreativ kann ich auch sein, sicher bei der Erschaffung von Bildern.

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    1. Das kann auch seine Vorteile haben. Zu viel Fantasie ist manchmal eher hinderlich… wenn sie einem plötzlich alles in den buntesten Farmen ausmalt, das schieflaufen könnte, oder einem so viele Optionen vorsetzt, dass man mit aller ebenfalls vorhandenen Logik nicht mehr aussortieren kann, welche sinnvoll sind.

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  2. Ich freue mich immer (und ich hoffe ich darf das schreiben )als Nanny bzw. auch Tagesmutter über Autismus zu lernen.Jan Jan schrieb ja auch schon Einiges.Ich werde unbedingt vorschlagen das es Weiterbildungskurse für uns zu diesem Thema gibt.Ich glaub das ist mega wichtig

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    1. Von mir aus darfst du das gerne schreiben. Bloß nie vergessen – kennst du einen Autisten kennst du genau einen Autisten. „Den“ Autisten gibt es nicht. Das ist ein Risiko, das ich bei Fortbildungen usw. immer sehe – dass manche Leute den Eindruck bekommen, es gäbe da einen Standard. Heißt jetzt aber nicht, dass ich gegen Fortbildungen wäre!

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      1. Nicht mein Lieblingsthema. So wie das bisher praktiziert wird leiden darunter m.E. in vielen Fällen alle Beteiligten. Um es sinnvoll anzugehen, wäre aber ein ganz anderer Personalschlüssel und auch eine viel umfassendere Ausbildung notwendig. Ich gehe davon aus, dass der durchschnittliche Lehrer es heute nicht leisten kann, allen gerecht zu werden.

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