Fantastisches

Klar, es gibt sie – die absolute fantasielosen Autisten.

Und es gibt Autisten, die Fantasie und Kreativität nur aus dem Wörterbuch kennen.

(Nebenbei: Kreativität und Fantasie gehen zwar gerne Hand in Hand, sind aber weder deckungsgleich noch immer gemeinsam oder in gleicher Intensität auftretend.)

Dazu soviel:

Der Autismus hat die Fantasielosigkeit nicht gepachtet. Es gibt sie auch unter den absolut neurotypischen Menschen… Der fantasiebefreiteste Mensch, der mir bislang über den Weg gelaufen ist, ist ausgerechnet einer der am wenigsten autistischen Menschen, die ich kenne.

Und es gibt „uns“ auch durchaus in kreativ und fantasiebegabt. Man findet uns unter den Künstlern, den Autoren, den Komponisten…

Vielleicht ist es ja so, dass der Autismus die „Ausrichtung“ in der einen oder anderen Richtung verstärkt. Zumindest kenne ich keine Autisten im „Mittelfeld“.

 *

Der Drang, das zu erklären, überkam mich auch gerade, als ich mich spaßeshalber in eine Informationsveranstaltung zum Thema Autismus gesetzt hatte. Die fand in meiner Nähe statt, war an Eltern autistischer Kinder gerichtet, und ich wollte gerne mal wissen, wie denn der Stand der Dinge so wäre… meine eigene Grundschulzeit ist schließlich doch schon ein paar Jahrzehnte her.

Dort erzählte der Dozent nun mehrmals von der mangelnden Fantasie, wiederholte immer wieder, autistische Kinder würden keine Rollenspiele spielen. Mich wunderte dies etwas. Nun können sicher bei weitem nicht alle autistischen Kinder was mit Rollenspielen anfangen, aber ein Ausschlusskriterium ist das ja wohl kaum.

Klarer wurde die Sache, als die Übersicht an die Wand projiziert wurde. „Klein klassisches Rollenspielen“ stand da.

Gut, können wir das dann bitte auch so vorlesen? Genau so wie es da steht?

Der Dozent wundert sich. Was macht es für einen Unterschied?

 

Ganz einfach:

Ich nehme mich mal eben als Beispiel. An Fantasie mangelt es mir nicht, die Kreativität ist auch ganz gut aufgestellt. Meine Herangehensweise bei der Anwendung beider Eigenschaften entspricht vielleicht nicht immer den „klassischen“ Erwartungen.

(Das finde ich so übrigens auch bei einigen ebenfalls schreibenden „Kollegen“ wieder… Wir haben auch immer Probleme damit, in „gemischte“ Schreibgruppen zu passen, während ein Forum für professionelle und Hobby-Schriftsteller, das ich regelmäßig besuche, mit jedem Jahr einen höheren Autistenanteil erwirbt. NTs fühlen sich dort irgendwie auf Dauer nicht mehr so gut aufgehoben.)

Zurück zum Rollenspiel.

Rollenspiele gab es bei uns viele, das ganz übliche Vater/Mutter/Kind-Spiel ebenso wie ganz wilder Variationen, vom Stranden in der Urzeit zu Stranden auf einsamen Inseln, Betreiben von Tanz- oder Reitschulen, was auch immer uns gerade interessierte.

Dabei hatten meine Geschwister und diverse Nachbars- und andere Kinder immer ihre Lieblingsrollen, die sie übernehmen wollten – manchmal auch mit kürzeren oder längeren Debatten, wer denn nun wer sein durfte. Daran war ich in der Tat auch nie interessiert.

[Figur] sein wollen ist mir fremd. Aus einem rein experimentellen/analytischen Blickwinkel sicher nicht uninteressant, aber kein Bedürfnis. Und so übernahm ich auch als Kind nie eine bestimmte Rolle.

Ich bezeichnete meine Rolle bei solchen Spielen immer als „der Rest.“ Den Vater, der früh zur Arbeit ging und spät erst heimkam, Verkäufer, Lehrer, Nachbarn, etc. – immer angepasst je nach Setting.

Zum einen waren meine Einsätze so überschaubar, und die Anzahl möglicher Abläufe auf die ich mich kurzfristig einstellen musste war begrenzt.

Zum anderen hatte das Ganze für mich einen wahnsinnigen Vorteil:

Ich hatte das komplette Spiel in der Hand.

Die anderen Spieler konnten nämlich so gut wie nichts machen, ohne irgendwie mit jemandem zu interagieren, über den ich die Kontrolle hatte. Und da lernte ich früh, einfach alle Richtungen zu blockieren und abzuschneiden, die für mich nicht passten. Ohne, dass ich zu dem Zeitpunkt gewusst hätte, was ich da eigentlich tue, habe ich das Spiel damit einfach an den Rahmen angepasst, den ich handhaben konnte. Gestört hat es keinen.

 *

Ich spiele seit dem Teenageralter Das Schwarze Auge und Dungeons and Dragons. Damals rutschte ich schnell in die Rolle des „Dungeon Masters“, des Spielleiters, und die wurde ich auch nie wieder los.

Zwei kurzfristige Versuche, mich als „echter“ Spieler zu betätigen scheiterten kläglich. Die Arbeiten, die der DM im Hintergrund auszuführen hat, das Im-Kopf-behalten der Werte, der Punkte, wer ist gerade wo, welcher NSC (Nicht-Spieler-Charakter) weiß was, etc., bedeutet für mich eben doch wesentlich weniger Anstrengung, als mich der Unsicherheit des Spielers auszusetzen.

Denn die andere Seite des Rollenspieltischs ist für mich bis heute stressig bis unangenehm – ich fühle mich den Launen des DM ausgeliefert, treibe in einer Welt ohne Struktur und Halt. Wenn ich zwar weiß, um was es geht, aber eben nicht genug davon, wenn die Figur, die ich spiele, Wissen haben muss, das ich nicht habe, ich aber auch nicht einfach etwas erfinden darf, da es der DM-Vorgabe zuwider laufen könnte… Dann stresst mich das. Dann spiele ich auch nicht gut. Spaß macht es erst recht nicht.

Dasselbe gilt, wenn eine Reaktion kommt, mit der ich nicht gerechnet hatte. Klar, das kann mir als DM auch passieren – aber dann kenne ich alle Optionen, weiß, wo ich hin will, und kann entsprechend lenken.

 *

Was mir beim Rollenspielen in der Position des „echten“ Spielers im Weg steht ist keineswegs mangelnde Fantasie (und auch nicht die Unfähigkeit eine Rolle zu übernehmen. Das mache ich ja auch täglich, wenn ich mich im Umgang mit Anderen an Konventionen anpasse, die mir naturgemäß nicht liegen.) – sondern die Spielsituation als solche mit allen Unsicherheiten, die ihr zwangsweise zu eigen sind.

Also bin ich – nach wie vor oder auch mal wieder – da, wo ich vor 35 Jahren angefangen habe: Ich spiele „den Rest“. Und zwar mit Freude.

Monster du weg da!

Es war irgendwann in den 1990ern. Ich hatte ein neues Spiel auf dem PC. Beim Titel bin ich mir nicht mehr sicher. Könnte Stonekeep gewesen sein. Irgendein Dungeonspiel in jedem Fall. Das war noch eine Zeit in der Spiele in der Regel keine Sprachausgabe hatten und die Hintergrundmusik eher blechern klang.

Umso größer die Überraschung, beim Öffnen einer Tür aus dem Lautsprecher angequiekt zu werden.

„Das mein Haus! Monster, du weg da!“

Huch.

Ich erst mal rückwärts wieder in den Gang, Tür zu, drüber nachdenken. Das war definitiv ein … Kobold? Goblin? Irgendsowas, ein Monster, das ich in dem Spiel hätte erlegen sollen, aber offensichtlich wohnt der hier.

Ich finde es ja immer noch recht witzig, dass mich dieses kleine Wesen immer deutlich mehr beschäftigt hat, als die hundert anderen, die ich vorher und nachher erschlagen habe. Der wohnte da. Für den war ich das Monster, und ich wollte/musste durch seine Wohnung latschen. Und weil er das verständlicherweise verhindern wollte, musste ich ihn dazu vorher noch umbringen. Hab ich auch gemacht, im Spiel. Sagt vielleicht auch was über mich aus.

Sobald ich es mir leisten konnte, kaufte ich mir ein Haus. So mag ich das. Keine Nachbarn über oder unter mir, die mich nerven, niemanden den ich nerve, keinen, den man im Treppenhaus grüßen muss, und ich habe bessere Kontrolle über meine Umwelt.

Die nächsten Jahre wurde renoviert, umgebaut, geändert, angepasst, der größte Teil davon in Handarbeit, und so wurde aus dem Haus, das ich kaufte mit vielen Stunden Arbeit mein Haus.

Ich habe grundsätzlich nichts gegen Besuch. Ich lasse sogar die Zeugen Jehovas rein, denn ich diskutiere sehr gerne über Themen, die mich interessieren. Ich habe einen Bereich in meinem Haus, den ich als „öffentlich“ betrachte, in den jeder Gast ohne zu Fragen kommen darf. Soweit okay.

Es fängt dann an, wenn der Gast erstmalig das Bad aufsuchen muss.

„Vorsicht mit dem warmen Wasser, das ist bei mir heißer.“

Das vergesse ich immerhin nie.

Was ich erwarte: Die Person passt beim Aufdrehen auf.

Was ich mit viel Glück bekomme: „Warum?“

Was ich meistens bekomme: Gute Ratschläge, wie ich das richten könnte, Hinweise darauf, dass das gefährlich ist, die dringende Aufforderung doch morgen früh gleich den Klempner zu rufen, oder, bei Weitem am Schlimmsten: „Soll ich mir das mal anschauen?“

Nein. Nein, sollst du nicht. Ich hasse lauwarmes Wasser. In meinem Bad steht eine extrem große Wanne, die ich auch gerne und viel nutze, und der Heißwassertank im Keller fasst deutlich weniger Wasser als die Wanne. Sprich: Will ich bei 45°C baden (ich will) muss das heiße Wasser mit mehr als 45°C (Standardtemperatur) aus meiner Leitung kommen, weil ich sonst meine Wanne nicht voll bekomme. Und deswegen hab‘ ich den Thermostat am Boiler raufgedreht. So, dass ich eine Wannenfüllung mit 45° am Stück schaffe. Nebenbei: „Weil der Thermostat am Boiler höher steht“ ist in der Regel nicht die gewünschte Antwort auf „Warum?“.

In jedem Fall war die Warnung bezüglich der Temperatur kein Hilferuf an den offenbar überlebensfähigeren und besser informierten Gast, das „Problem“ für mich zu lösen, sondern lediglich eine Warnung, da ich nicht möchte, dass derselbe Gast sich unversehens 65° warmes Wasser über die Hände laufen lässt. Dann geht das Geschrei nämlich richtig los.

Meine Leitungen. Meine Wassertemperatur. Wenn dir, lieber Gast, das nicht passt, dann wasch‘ dir die Hände woanders.

Das ist schließlich mein Haus.

Der Gast ist dann im Bad, denkt an die Wassertemperatur, plötzlich quietscht es hinter der Badezimmertür, und mir fällt ein… ach ja… da war ja noch was.

Gast hat soeben herausgefunden dass nicht nur die Wassertemperatur höher ist als normal, sondern auch der Druck auf der Leitung. Ich kann es nämlich nicht ausstehen, wenn mir das Wasser in der Dusche so unentschlossen über den Rücken plätschert. Die Massagestrahleinstellung des Duschkopfs hilft nur bedingt. Glücklicherweise gibt es einstellbare Pumpen für die Wasserleitungen. Meine ist eingestellt. Nur halt nicht auf das, was in den meisten Haushalten aus der Leitung kommt.

Dreht man nun am Waschbecken voll auf, spritzt einer der Strahl in Form eines Querschlägers an. Man kann ja auch langsam aufdrehen.

Da musst du mal den Klempner holen, das kann man so nicht lassen, das macht die Leitungen kaputt, oder soll ich mir das mal anschauen?!

Nein. Sollst du nicht. Du sollst gerade nur zwei Dinge tun: Deine Pfoten von meinen Wasserleitungen lassen, und dich jedes weiteren Kommentars enthalten. Die Leitungen halten das aus. Das weiß ich, weil ich sie verlegt habe. Weil sie speziell mit Blick auf den erhöhten Druck abgenommen wurden. Ich weiß, wo meine Schweißstellen sind, ich weiß, wie ich im Notfall rankäme, sollte wirklich mal was sein, und wäre eine Reparatur notwendig, würde ich dazu sicher keinen Klempner bemühen.

Und mal so ganz nebenbei: Das mein Haus.

„Ich dreh‘ mal die Heizung hoch.“

Kannste machen, wird dir aber nicht helfen.

Also jetzt mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht weiß, woher du die Frechheit nimmst. Was ist das bitte für ein Benehmen? Ich fläze mich schließlich auch nicht in anderer Leute Wohnzimmer und mache erst mal die Heizung aus und das Fenster auf, oder?

Ich friere nicht, überhitze aber schnell. Heißes Wasser mag ich, aber bei 18 °C Lufttemperatur ist Schluss. Der Lieblingsmann zuckt mit den Schultern und zieht sich ’nen Pulli an.

Meine Heizkörper sind thermostatgeregelt, und an die Regelung kommt der freundliche Gast nicht ran.

„Deine Heizung wird nicht richtig warm, muss man bestimmt mal Entlüften. Soll ich mir das mal anschauen?“

Nein. Mal abgesehen davon, dass dich keiner eingeladen hat, mit meinen Heizkörpern zu spielen, hast du dich gerade schon dadurch disqualifiziert, dass du die Sache mit dem Thermostat und der Einstellung offenbar nicht verstanden hast. Zieh dir was über, wenn dir kalt ist. Oder setz dich ins Vogelzimmer – auch ein Grund, warum meine gefiederten Mitbewohner ihr eigenes Zimmer haben: Die haben es gerne etwas wärmer als ich. Oder versuch‘ nur ruhig weiter am Heizkörper rumzustellen. Es wird dir nichts helfen.

Das nämlich mein Haus.

„Ooooh, dein Licht ist so grell! Du kannst da so angenehmere Lampen kaufen! Mit so weicherem Licht.“

Warum sollte ich? Hast du eine Ahnung, wie lang ich suchen musste, um das Kaltlicht zu finden, das jetzt installiert ist?

Ach ja, würde ich mich jetzt gerade nicht über dich ärgern, würde ich dir eventuell zeigen, dass es zu jedem Satz Kaltlicht-LEDs einen identisch ausgerichteten Satz Warmlicht-LEDs gibt, und dir den Trick verraten, mit dem man diese einschaltet. So werde ich das allerdings gerade bleiben lassen, und du wirst mit meinem Licht zurechtkommen müssen.

Mein Haus.

Am meisten gefressen habe ich dann noch die Herrschaften, die meinen, mein Dekorationsverhalten verbessern zu müssen, und mal anfangen lustig umzuräumen – oder mir hilfreich irgendwelches Dekomaterial schenken, da ich ja so einseitig dekoriert habe zuhause. (Das sind dann die, die beleidigt sind, wenn sie ihre Geschenk beim nächsten Besuch nicht mehr vorfinden. Weil es weitergegeben wurde, an  jemanden dem so was gefällt, zum Beispiel. Ich habe keinen Platz, um Mist aufzuheben, um den ich nicht gebeten habe und der mir nicht ins Konzept passt.)

Außerdem:
Erstens heißt das nicht „einseitig“ sondern „thematisch passend“, und zweitens … geht das außer mir eventuell noch den Lieblingsmann was an (der die thematisch passende Deko aktiv dadurch unterstützt, bei jeder Gelegenheit weitere dazu passende Gegenstände anzuschleppen, sodass sich das „Problem“ seit seinem Erscheinen keineswegs halbiert, sondern bestenfalls verdoppelt hat), und dann sehr lange niemanden.

Was ich aber gar nicht verstehe ist, dass die obigen Verhaltensweisen offenbar als normal empfunden werden. Für mich sind diese Einmischungen und Anmaßungen, die mir bislang nur durch NTs präsentiert wurden, deutlich übergriffiger als die direkten oder unverblümten „typisch autistischen“ Kommentare, für die Unsereiner gerne mal gerügt wird.

Warum ist die Grundannahme hier bitte nicht die, dass Dinge deswegen so sind, weil ich sie so haben will?

Vielleicht war es ja doch gar nicht so komisch, dass ich den kleinen Kobold damals erschlagen habe. Damit, sich anderer Leute Wohnraum zueigen zu machen, scheint kaum jemand Probleme zu haben.

Für alle, die in meiner Wohnung gerne ungefragt Hand anlegen wollen, gibt es für mich aber nur eines zu sagen:

Das mein Haus.

Monster du weg da!

Den Wald vor Bäumen

„Hier, hab dir Eis mitgebracht“, sagt der Lieblingsmann.

„Danke“, sage ich und versuche irgendwie angemessen begeistert zu klingen, während ich mir denke Na super.

Nicht, weil ich gerade kein Eis will. Es ist ziemlich warm, und ich habe selbst auch schon drüber nachgedacht, schnell zur Eisdiele zu laufen und mir einen Becher zu holen. Und dem Lieblingsmann natürlich auch einen. Die örtliche Eisdiele ist sogar in der Lage, eine Bestellung vernünftig auszuführen.

Es ist aber schön länger warm, und ich weiß genau, wo die Eisschaufeln sind: In der Spülmaschine. Die ist noch nicht voll genug um sie einzuschalten. Die Plastiklöffelchen von der Eisdiele gehen gar nicht, und Eis mit normalem Teelöffel finde ich jetzt auch nicht so toll. Es gibt eben für manche Sachen genau das richtige Werkzeug, und das Werkzeug für einen Eisbecher ist die Eisschaufel.

Der Eisbecher bewegt sich in mein Blickfeld, und oben drin steht…

Eine Eisschaufel.

Huch?

Ich schaue etwas blöd, er grinst.

„Wo hasn’t die jetzt her?“

Er grinst noch etwas breiter. „Aus der Spülmaschine, hab schnell abgespült.“

 *

Manche Eigenschaften, die „typisch Autist“ sind, haben so ihre Vorteile. Andere haben eher Nachteile. Und oft kommt es doch einfach nur auf den Zusammenhang an.

Dass ich mich auf eine Sache „einschießen“ kann und keine Ablenkung an mich heranlasse, dass ich konzentriert über einen längeren Zeitraum an einer Sache arbeiten kann, mit einer Intensität die „nicht normal“ ist, das ist in meinem Beruf grundsätzlich von Vorteil. Es ermöglicht mir eine Arbeitsgeschwindigkeit und -qualität, die wenige erreichen, und erlaubt mir Einarbeiten in Themengebiete in Rekordzeit.

Andererseits führt der gleiche Mechanismus dann zu den regelmäßigen Momenten, in denen ich selbst am liebsten rückblickend den Kopf nachdrücklich und wiederholt mit der Tischplatte in Kontakt bringen würde.

Das sind dann diese Momente, in denen ich vor Bäumen den Wald nicht sehe – und mir der Fokus auf einen Punkt, oder eine Kette von Punkten  – Keine sauberen Eisschaufeln da > Spülmaschine noch nicht voll genug > Keinen passenden Löffel > Entweder falschen Löffel nehmen oder kein Eis essen – den Blick für die doch eher naheliegende Lösung nimmt. Vielleicht nicht, weil ich es theoretisch nicht könnte, aber immerhin weil ich wie die Schnecke, die auf ihrer eigenen Spur im Kreis kriecht, keinen Blick mehr dafür habe, was rechts und links von meinem Fokuspunkt liegt – und dabei noch nicht mal merke, dass ich mich gerade hervorragend als Anschauungsobjekt für Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein eignen würde. Zumindest nicht, bis mich jemand mehr oder weniger nachdrücklich von der gelaufenen Spur schubst.

Aus jenem Holze…

Ich stehe auf Wörter.

Ich bin Linguist, ich darf das.

Manchmal stehe ich auch auf Wörtern, zum Beispiel wenn ich an das obere Regal muss und keine Trittleiter zur Hand habe. Ein Merriam Webster’s und zwei PONS und die Sache ist erledigt. Das ist aber was anderes und tut hier weniger zur Sache.

Gesprochen habe ich relativ spät, lange noch nur in der Familie. Zu verwirrend die Vielzahl der Wörter, und die ewige Unsicherheit, ob ich das richtige benutze. Die Suche nach der genauen Bedeutung dieser Wörter führte nicht nur zu einer ständigen Erweiterung nicht nur von Wortschatz und Sprachverständnis – sondern schließlich auch zu großer Freude beim Erlernen von Fremdsprachen.

*

Wörter sind eine tolle Erfindung, denn sie erlauben uns, Sachen auszudrücken. Soweit klar, oder?

Wir haben allgemeinere Wörter, Sammelbegriffe, aber auch spezifischere Wörter.

Wenn ich „Fisch“ sage, mag der eine sich die gebratene Forelle von gestern Abend vorstellen, der andere einen Hai, der dritten hat grad das Märchen mit der Scholle gehört und der vierte denkt an die Neon daheim im Aquarium. Dann gibt’s immer noch den Schlaumeier, der einen Delphin im Kopf hat. (Das ist mein Blog. Hier muss ich kein „f“ schreiben wenn ich nicht mag!)

Der Bedeutungsumfang jedes Worts ist einzigartig.

Eine Sache, die das Lernen einer Sprache für mich besonders spannend macht, ist das Finden, Durchdenken und hoffentlich Verstehen dieser Eigenheiten. Das Neulernen von Wörtern die etwas ausdrücken, für das ich in einer anderen Sprache wenigstens einen erklärenden Nebensatz gebraucht hätte, empfinde ich als Bereicherung.

Die Umwelt, in der eine Sprache sich entwickelt, hat eine direkte Auswirkung auf die Sprache selbst, auf die Wörter in ihr. Damit meine ich nicht nur Neukreationen, sei es nun der Selfie-Stick oder das W-LAN, sondern auch lange etablierte Begriffe.
Für den Finnen oder Schweden wird Schnee im der Regel eine größere Rolle spielen als für den Ägypter. Das Finnische und das Schwedische tun sich beim Beschreiben von unterschiedlichen Schneearten und der implizierten Eigenschaften und Risiken derselben auch wesentlich leichter als das Arabische. Je enger der Kontakt der Sprecher mit einer Sache, und je wichtiger es ist, im Zweifel schnell Informationen geben zu können, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Sprache einen genaueren Begriff haben wird.

Ein Blick auf die Sprache sagt so auch einiges über die Sprecher aus. Der ewige Linguistenwitz, Spanisch hätte kein Wort für „pünktlich“, hat seine Berechtigung. Nicht, weil etwa im Wörterbuch hinter dem deutschen Wort „pünktlich“ auf der spanischen Seite ein großes Fragezeichen prangen würde, sondern weil die dort aufgeführten Begriffe eben nicht unbedingt unserem Verständnis von pünktlich entsprechen. „Auf den Punkt“, „genau zu dieser Zeit“ ist dort eher die Bedeutung. Das Konzept der Pünktlichkeit… nun, nicht so sehr. Die deutsche Pünktlichkeit entspricht eben nicht der dortigen Lebenswelt. Wozu sollten sie da ein Wort haben… Damit wir es im Urlaub leichter haben, uns über die Züge aufzuregen, die ja noch nicht mal zu Hause pünktlich kommen? Wohl kaum.

Was ist typisch deutsch/englisch/französisch/russisch? Als Linguist sage ich mal – immer die Sachen, die keine Übersetzung in eine andere Sprache haben. Spätestens aus den vielen „German words you should know“ Varianten auf Facebook und Co. dürften die Meisten wissen, dass der Feierabend, der innere Schweinehund, das Fernweh und wie sie nicht alle heißen, recht sprachspezifisch sind. Nicht ohne Erklärung übersetzbar ist aber auch das deutsche Durchsetzungsvermögen – und hätte eine von weniger ordnungs- und strukturliebenden Sprechern es geschafft, so viele wirklich wunderschöne Wörter für Varianten von „Chaos“ oder „Unordnung“ hervorzubringen? Wohl kaum.

*

Begriffe und deren Verwendung wirken sich aber auch direkt darauf aus, wie wir die Welt wahrnehmen. Ob Türkis nun eher Blau oder eher Grün ist, da scheiden sich die Geister.
Das hier ist aber doch beides blau, oder?

blau

Einmal hellblau, einmal dunkelblau. Zwei Töne derselben Farbe. Blue. Bleu. Blau. Beides blau.
Für uns.
Für den Deutschen, den Engländer, viele andere.

Andere Sprachen unterscheiden diese Farben aber, geben ihnen unterschiedliche Namen. Sprecher dieser Sprachen nehmen das, was für uns Farbtöne sind, so unterschiedlich wahr, wie wir blau und grün, oder grün und gelb.

Wieder andere Sprachen kennen wesentlich weniger Farbbegriffe. Es gibt Sprachen, die Farbe überhaupt nur in „hell“ und „dunkel“ unterscheiden. Dann kommen Sprachen mit hell/dunkel/+ ein Wort für rot/gelb/braun (soweit ich weiß aber nie blau oder grün oder sonst was). Etc.

Hellblau/dunkelblau, celeste/azul? Zwei Varianten einer Farbe, zwei Farben?

Es ist nicht immer klar zu erkennen, wo Ursache und Wirkung liegen. Klar ist jedoch, Wahrnehmung und Sprache sind verbunden.

Natürlich kann der Sprecher einer Sprache mit drei Farbwörtern rein basierend auf den Fähigkeiten seiner Augen und seines Gehirns gelb von grün, blau von schwarz, violett von rosa unterscheiden. Genau wie wir im obigen Beispiel die linke Farbe von der rechten unterscheiden können.

Genau wie wir dort aber zweimal blau wahrnehmen, wird der in einem der obigen Sprachgebiete Aufgewachsene aber eben noch nicht einmal „blau“ empfinden. Er hat kein Wort für „blau“, das Konzept existiert entsprechend nicht für ihn, solange er seine eigene Sprache nicht verlässt.

Festzustellen, wo die Hintergründe dazu sind, ist spannend. Warum unterscheidet der Franzose zwischen vorher und nachher, während den Belgier nur interessiert, dass es „nicht jetzt“ ist? Ist egal? Also, mir nicht.

In dem Zusammenhang möchte ich auch auf 1984 verweisen. Ich denke wir erinnern uns alle an die Kunstsprache „Neusprech“. Wer es nicht tut, dem sei angeraten sich das Buch nochmal – oder erstmalig – zu Gemüte zu führen. Verkehrt ist das, was dort über die Wechselwirkung zwischen Sprache und Wahrnehmung gesagt wird, nämlich in den Grundzügen erst mal nicht.

Das Prinzip funktioniert natürlich nicht nur über Sprachen hinweg, sondern auch in Fachgebieten ein- und derselben Sprache. Damit meine ich nicht nur den echten Fachjargon. Wer mit Reittieren nichts am Hut hat, wird dazu neigen, jedes Exemplar von Equus ferus caballus übergreifend als „Pferd“ zu bezeichnen und – wichtiger – die Unterschiede auch nicht sehen. Rein physisch natürlich schon, aber der visuelle Input wird keine Bedeutung haben, die über die Information „Pferd“ hinausgeht. Für die meisten dürfte das auch reichen. Gespräche im Stall finden aber meistens etwas spezifischer statt. Wer das Welsh-Pony als Pferd anspricht erntet vielleicht ein kleines Grinsen. Aber schon mal einem Islandpferde-Fan zu seinem Pony gratuliert? Nein? Kleiner Tipp: Ich würd’s bleiben lassen. Und, um nochmal auf die Farben zu kommen – ich kann zwar im Deutschen die Farbe eines Schecken spezifizieren, indem ich die „bunte“ Fellfarbe beschreibend an das Wort anhänge – aber eine echte, statt beschreibende, Übersetzung für skewbald und piebald fehlt mir im Deutschen.

*

Ich schätze eine gezielte Kommunikation. Je genauer, desto lieber ist mir ein Begriff. Sag‘ nicht zu mir „Bring Blumen mit“, wenn du Rosen willst. Oder eher: wenn du keine Rosen willst. Ich mag sie nämlich, die Rosen, und so ist die Rose schnell meine Standardblume.

Ich halte keine Vögel, sondern Sittiche und Papageien. Also, Vögel sind das natürlich schon, aber ich würde das nicht so sagen. Denn auch Finken sind Vögel, und ich würde freiwillig keinen Finken ins Haus lassen. Diese finde ich doch eher nervtötend und uninteressant.

Bouldern, Freeclimbing und Klettern haben gemeinsam, dass man irgendwo raufsteigt, aber ich würde bei der Einladung doch gerne wissen mich erwartet.

Auf meinem Schreibtisch, zu Hause im Büro, steht ein Telefon. Was sieht der Leser vor sich? Sicher nicht das, was ich hier neben mir habe: Schwarz, mit Wählscheibe, der Hörer mit geringeltem Kabel am Gerät befestigt. Warum? Weil ich noch eines habe und es mich optisch anspricht. Es ist mir sehr viel lieber als die programmierbaren schnurlosen, die immer irgendwo im Haus liegen und nie aufzufinden sind wenn man sie braucht. Drückt man auf die Klingeltaste ist die Batterie leer und sie rühren sich nicht… Nein, mein Telefon, das bleibt wo es ist, ist mir fürs Büro wirklich praktischer. Und klar, es ist ein Telefon, genau wie mein Blackberry und mein Privathandy Telefone sind. Und doch sind die drei Geräte nicht deckungsgleich. Das Telefon im Büro mag nicht verloren gehen, dafür kann es weder SMS schreiben noch Nummern speichern (Die sind dafür im ‚berry…). Verwechslung in der Praxis ausgeschlossen… in der Unterhaltung nicht immer.

Wo die Sprache, in der ich mich gerade bewege, „versagt“, bediene ich mich gerne auch mal anderer Sprachen – zumindest gedanklich. Ausgesprochen versuche ich es zu vermeiden, wobei wir zu Hause doch eine eher babylonisch anmutende Verständigungsweise pflegen. Da fliegen die Sprachen wild durcheinander, und wenn gerade keine richtig passt gibt es eben Varianten von „Darmok und Jalak auf Tanagra.“

Okay – ich mag also Wörter. Spezifische Wörter sind mir lieber als generelle Sammelbegriffe. Ich mag nicht „Baum“ sagen, wenn es eine Birke ist.

Und ich reagiere eher ungehalten, wenn man mir Wörter wegnehmen will.

*

Deswegen – und nun komme ich nach über 1000 Wörtern auch endlich zum Thema – bin ich nicht glücklich über die nun nicht mehr völlig neue Zusammenfassung aller Varianten unter „Autismusspektrum“. Es ist mir zu vage. Es umfasst zu viel. Würde es nach mir gehen, hätten wir viel mehr Begriffe, um mit einem Wort Variationen auszudrücken.
Dass Mancher meint, sogar die geringe Differenzierung, die wir hatten, wegnehmen zu müssen, empfinde ich als Verlust.
Es ist für mich nicht ein Weg hin zum umfassenderen „akzeptieren“ unterschiedlicher Varianten, sondern vielmehr ein Auslöschen von Variationen, das der Wirklichkeit nicht entspricht. Es nimmt den Anwendern des Begriffs das Bewusstsein, dass Autismus eben nicht gleich Autismus ist.

Reinhard Mey singt „Ich bin aus jenem Holze geschnitzt…“ Es eignet sich nicht jeder Baum für Schachfiguren, Kuckucksuhren, oder auch als Hackklotz. Es kann auch nicht jeder Autist mit jedem andere Autisten gleichgesetzt werden. Es wäre nicht fair, den jungen Mann, der mir neulich auf dem Mittelaltermarkt mit seinen Eltern gegenübersaß, an meinen Möglichkeiten zu messen; kennt jemand nur das nonverbale autistische Kind irgendwelcher Bekannten und nimmt dieser jemand an, Autismus sei immer vergleichbar, wird er sich stark wundern zu hören, dass manche von „uns“ auch Unternehmen führen … keiner, den ich kenne, mag gerne mit Dustin Hoffman’s Rainman vergleichen werden. Autismus und Autismus, das ist genauso schlecht gleichzusetzen wie Baum und Baum.

Ich freue mich nicht über das Zusammenwerfen der Diagnose. Ich halte es für kontraproduktiv. Das hat auch nichts mit mehr oder weniger autistisch zu tun oder mit schwerer oder leichter betroffen, mit Glück oder Pech haben … es nimmt aber die ohnehin schon viel zu geringe Möglichkeit der Differenzierung und Spezifizierung vollends weg.

Ich mag Wörter, und ich möchte keines davon verlieren. Ich finde es auch nicht gut, wenn Leute pauschal behaupten, „wir“ würden die One-Size-Fits-All Diagnoseregel gutheißen. Die homogene Gruppe der gleich denkenden, gleich funktionierenden, in allem – oder auch nur in einem Punkt – übereinstimmenden Autisten gibt es nicht.

Und das ist auch gut so.

Ohne Handschuhe

Meine Hände sehen gerade irgendwie aus, als hätte ich mit einem Kaktus gekämpft. Oder seit 5:30 heute Morgen geholfen, ein historisches Feldlager aufzubauen. Auf schlecht vorbereitetem Gelände, nach einer Trockenzeit, die gerade lange genug war, um diverses Gestrüpp waffenfähig zu machen – und ohne Handschuhe.

Zieh doch Handschuhe an – gehört in mindestens fünf Sprachen.
Hilft nichts, die Handschuhe bleiben, wo sie sind – in den Gürtel gesteckt. Ich kann mit Handschuhen nicht arbeiten. Irgendwas an den Händen, gerade fest genug um nicht runterzufallen, lose genug um sich ständig zu bewegen, wechselnder Kontakt, ständig Stimulation durch den Stoff – geht nicht. Ich soll ja auch noch was arbeiten, und nicht nur dastehen und verzweifelt mit den Händen wedeln.

Gummi- oder Plastikhandschuhe gehen übrigens noch weniger. Alles, was glatt und untexturiert ist, ertrage ich nur sehr kurz auf der Haut. Ich kenne Leute, die reagieren auf das Geräusch von quietschendem Styropor mit Brechreiz. Mit geht das mit Gummi-/Plastikhandschuhen ähnlich…

Also zerkratze ich mir eben bei der Arbeit die Hände.

Was daran noch etwas schwerer zu erklären ist: Es stört mich nicht.

Gut, mein Schmerzempfinden ist etwas seltsam – in manchen Körperregionen gar nicht vorhanden, in anderen verzögert, und wohl allgemein etwas geringer als im Durchschnitt.

Diese kleinen Schnitte und Kratzer an den Händen spüre ich teilweise schon (zum andern Teil nehme ich sie als das genaue Gegenteil wahr – als absolut gefühllose Stellen). Es stört mich nur nicht.

Schmerz ist bei weitem nicht das unangenehmste Gefühl, das der Körper produzieren kann. Jucken, zum Beispiel, ist deutlich unangenehmer. Sonst würden wir es ja nicht mit Schmerz überlagern (Kratzen macht genau das).

Das Gefühl, das sich bei mir einstellt, wenn ich bestimmte Texturen – oder eher fehlende Texturen – berühre ist für mich noch unangenehmer. Je mehr jetzt die im Lauf des Tages angesammelten Kratzer und Minischnitte zwischen mir und der Textur stehen, desto weniger muss ich darüber nachdenken, was ich wie lange in der Hand halten muss.

Nach dem Wochenende werde ich dann noch ein oder zwei Tage haben, in denen ich vielleicht mal alle die Sachen in Angriff nehmen sollte, die ich vor mir herschiebe, weil sich das unangenehme Gefühl dabei nicht umgehen lässt…

Ich kann dieses Buch nicht lesen…

Also, jetzt nicht weil ich nicht lesen könnte.

Vor vielen Jahren habe ich meine eigenen Bücher mit in den Kindergarten geschleppt, weil der dort vorhandene „Lesestoff“ den Namen nicht verdiente, und den einen oder anderen Erwachsenen damit verblüfft, dass ich fehlerfrei aus der Zeitung vorlesen konnte.

Karl May hatte ich so etwa im Alter von neun Jahren unter dem Weihnachtsbaum, Winnetou I – III… Das führte zu Verwirrung, nicht ob der etwas antiquierten Sprache, sondern weil mich aus irgendeinem Grund die Schreibweise in der ersten Person störte – es dauerte eine Weile, bis ich mit „dem Ich“ zurechtkam.

Dabei hatte ich bereits zuvor Moby Dick verschlungen, zuerst in der altersgemäß bearbeiteten Fassung und dann aus dem Regal meiner Mutter, von ihr kommentiert mit „Das wird dir so noch nicht gefallen“. Oh, aber es gefiel! Schatzinsel  folgte, Gullivers Reisen, womit meine „Klassikerreise“ begonnen hatte, hatten wir leider nur die Kurzfassung im Haus. Robinson Crusoe, dann einmal quer durch Mark Twain, dazwischen immer wieder Moby Dick, das Buch das mich nie wieder losgelassen hat.

Etwa ein Jahr drauf hatte mich die Perry Rhodan Sammlung meiner Mutter dann im Griff, und als ich mir von meinem Ersparten das Star Trek Romanpaket kaufen durfte, das im Fernsehen regelmäßig beworben wurde –wenn auch mit selbst bei der Hotline anrufen müssen, natürlich mit Eltern im Hintergrund – war mein Leseglück erst mal perfekt. Ich glaube zwei der sechs Bücher aus dem Paket (Spocks Welt & McCoys Träume) kann ich mit etwas Anstrengung heute noch auswendig.

Also daran, dass ich nicht lesen könnte, liegt es wirklich nicht.

An der Sprache liegt es auch nicht. Englisch lese ich auch schon fast so lange wie deutsch.

Und auch der Inhalt ist es nicht. Inhaltlich werde ich an einem Buch, das sich auf ein Spezialinteresse bezieht, sicher nichts aussetzen.

Aber welcher – man verzeihe mir die Ausdrucksweise – absolute Volltrottel kommt denn bitte auf die Idee, heute noch auf reinweiß gebleichtem Hochglanzpapier zu drucken? Also, ich sehe zwar im Finstern relativ gut – vergleichsweise jetzt, und nur mit Brille, ohne wird das nie was –, ich komme mit wenig Licht aus, aber ETWAS Licht brauche ich auch. Und sobald ich etwas Licht habe sind sie da – die Reflexionen und Spiegelungen auf diesem Papier, die mir den Text durcheinanderbringen.

So, stelle ich mir vor, fühlt sich Legasthenie an. Die Buchstaben die ich gerade lesen will sind nur teilweise da, es kostet eine wahnsinnige Anstrengung , die Wörter auszumachen, die mir die Spiegelungen teilweise nehmen. Und die Spieglung bewegt sich auch noch mit, sobald ich das Buch, den Kopf, oder beides bewege.

Also, ich mag Puzzles, aber nicht, wenn ich einfach nur in Ruhe meinen Neuerwerb lesen möchte.

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(Nein das ist nicht der Blitz!)

Sonnenbrille aufsetzen hilft auch nichts, da bräuchte ich ja eine Sonnenbrille für das Buch, nicht für mich…

Irgendwann entnervt aufgegeben, Buch weggelegt, zum Physiker der Familie gegangen und mir einen Satz Polarisationsfilter geholt. Polfilter sind tolle Spielsachen, und lassen sich unter anderem verwenden, um Lichtreflexionen von Büchern zu entfernen.

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Also doch Sonnenbrille fürs Buch.

Geht doch.

(Lieber Verlag, bitte verwenden Sie künftig vernünftiges Papier. Schont nicht nur die Umwelt, sondern auch die Nerven mancher Leser. Besten Dank.)

Lieber Herr Eisverkäufer,

Wir halten hier nun seit zwei Minuten unseren Showdown am Straßenverkauf der Eisdiele. Ich könnte schon lange mein Eis haben, Sie Ihr Geld, und der Herr hinter mir seine Bestellung in Arbeit. In zwei Minuten kann man eine Menge Eis verkaufen. Wenn es dem Leser nicht besonders lang klingt, liegt das wohl eher daran, dass dieser gerade nicht bei 32 Grad in der Schlange steht und auf Abkühlung hofft.

„Drei Kugeln im Becher, keine Sahne. Eine Stracciatella… “

So weit sind wir gekommen. So weit sind wir immer noch, denn ich werde die nächste Kugel nicht ansagen, bevor die erste im Becher ist, und der Herr Verkäufer ist offenbar entschlossen, keine Kugel in den Becher zu füllen, bevor er die volle Liste hat.

Dann aber wird er sie – ich kaufe ja auch nicht zum ersten Mal ein Eis – in der Reihenfolge in den Becher geben, in der sie ihm gerade ins Auge fallen.

Das wiederum möchte ich vermeiden.

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Normalerweise ist Süßes nicht so mein Ding. Eis, gerade im Sommer – ja doch, schon. Und manchmal habe ich auch so einen Tag an dem ich etwas experimenteller drauf bin und mal eine neue Sorte ausprobieren möchte. Weil sie gut klingt. Weil ich wissen will „wie das als Eis schmeckt“. Oder auch weil es eine relativ sichere Methode ist, um auszuprobieren, wie ich auf eine Geschmacksrichtung reagiere.

Das ist nämlich so eine Sache. Die Hyper- und Hyposensibilität bei Sinneseindrücken… Geruch und Geschmack kann besonders ärgerlich sein. Manche Geschmacksrichtungen nehme ich kaum oder gar nicht wahr (Brokkoli. Schmeckt wie Pappe. Also eigentlich nach gar nichts. Wobei mir beim Tippen jetzt so einfällt, dass ich ja gar nicht weiß, wie Pappe für den neuro-normalen Geschmackssinn schmeckt… Vielleicht kann mich da mal jemand der auch schon mal versucht hat beim Puzzle legen nebenher Kartoffelchips zu essen aufklären.) oder aber auch extrem verstärkt (Gurke. Rieche ich auf Distanz und gegen den Wind. Widerlich. Vom belegten Brot die Gurke runternehmen und den Rest essen ist auch nicht, ich schmecke dennoch nur Gurke, alles andere ist überdeckt. Gilt häufig auch für das Sandwich das danebenlag. Da Gurken häufige Erscheinungen auf fertig belegten Broten sind, könnt ihr euch jetzt vorstellen was ich üblicherweise nicht kaufe.). Andere, soweit ich es beurteilen kann, „ganz normal“, aber im Voraus weiß ich es eben nicht.

Wenn ich nun also eine neue Sorte Eis ausprobiere, besteht das Risiko, dass ich noch Stunden später mit einem absolut ekelhaften Geruch/Geschmack in Mund und Nase herumlaufe. Das möchte ich nun aus unterschiedlichen Gründen nicht – mal ehrlich, wenn euch jemand einen Teller vorsetzt und sagt „Iss, könnte genial schmecken, kann aber auch sein dass dir danach bis heute Nacht speiübel ist“ – wie viel Neugier braucht es, ums zu riskieren?

Zum Glück gibt es eben auch Geschmacksrichtungen, auf die ich extrem empfindlich reagiere, die ich aber sehr gerne habe. Zitrone überdeckt so ziemlich alles. Außer Gurken, aber Gurkeneis… naja, wohl eher nicht. Also kommt nach der Testkugel eine Kugel Zitroneneis. Wenn die Testkugel gut war, habe ich zwei gute Geschmacksrichtungen in Folge, wenn sie schlecht war, kann ich den Geschmack überdecken und wenn sie nach gar nichts schmeckt habe ich wenigstens das Zitroneneis gehabt.

Damit kommt aber schon das nächste Problem – Textur. Oder eben keine. Eis hat es halt leider so an sich, eher glatt und untexturiert zu sein, was für mich in größerer Menge ein sehr unangenehmes Gefühl ist. Ungefähr so wie versehentlich eine Dicke Fliege im Kaffee zu übersehen, der einfällt, dass sie doch noch lebt. Nur glitschiger und schmieriger. Der Übergang von „gefühlt noch okay“ zu „so richtig, richtig ekelhaft“ kann von einem Löffel zum nächsten kommen. Bei zwei Kugeln ist das Risiko schon relativ groß.

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Eisbecher und -waffeln dürften so eines der ersten Dinge gewesen sein, bei denen ich mich eben „zusammengerissen“ und die unangenehmen Nebeneffekte hingenommen habe. Eis ist für Kinder ja doch ein relativ guter Anreiz. Über viele Jahre war ich ja davon überzeugt, es gäbe nur drei zulässige Sorten, und diese müssten immer in Kombination gegessen werden. Vanilleschokoerdbeer, kennt das außer mir jemand? Zu essen natürlich auch in dieser Reihenfolge, was für mich ehrlich gesagt ziemlich dämlich war, weil damit die angenehmste Sorte zuerst und die unangenehmste zuletzt kam.

Kinder legen sich ja allgemein gerne mal Erklärungen zurecht über die Erwachsene nur schmunzeln können. Wer im Regeln erschließen von vorneherein nicht gut ist, kommt da unter Umständen noch zu viel interessanteren Schlussfolgerungen. Ich wette, den Hall of Fame der skurrilsten Kinder-Welterklärungen halten Autisten. Ich jedenfalls war unter anderem davon überzeugt, alles, was nicht „Vanilleschokoerdbeer“ war, wäre nur für Erwachsene. So in etwa auf einer Ebene mit Kaffee und Aktenzeichen XY.

Was sich meine Mutter gedacht hat als ich irgendwann fragte, wie alt man denn sein müsse, um etwas anderes zu bestellen, weiß ich nicht… die Antwort schon: „Du kannst dir bestellen was immer du willst.“

Ich war noch auf Jahre hinaus nicht sicher ob sie das eher so allgemein meinte, oder ganz speziell darauf bezogen dass *ich*… naja. In jedem Fall entdeckte ich in der Folgezeit die Rettung für das Texturproblem: Stracciatella ist eine Sorte, die man so ziemlich an jedem Eisstand bekommt, und die in den allermeisten Fällen ausreichend Textur „mitbringt“ um nicht unangenehm zu sein. Oder mir das ekelhafte Gefühl wieder zu vertreiben. Es gab bestimmt zehn, wohl eher fast 15, Jahre, in denen ich keine andere Eissorte bestellt habe. Irgendwann entdeckte ich dann noch, dass Krokant Sahne texturiert = essbar macht und man Eis auch im Becher zum Mitnehmen bestellen kann und sich damit die labbrige Waffel sparen kann…

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Also, ich wiederhole: Die perfekte Kombination:

1.) Sorte, die ich probieren will

2.) Zitrone als Geschmacksentferner

3.) Stracciatella als Texturentferner

Das geht aber nur, wenn ich meine Kugeln in dieser Reihenfolge bekomme. Andernfalls muss ich sie entweder so essen wie geliefert, oder heimgehen und umsortieren. Beides suboptimal.

Die Reihenfolge in der ich bestellte – also umgekehrt wie oben angegeben – ist Teil meiner Bestellung und bitte einzuhalten.

Klar, ich könnte das dem Eisverkäufer jetzt auseinandersetzen – aber mal ganz ehrlich: Muss ich das? Geht ihn das was an?

Die Frage ist für uns oft schwer zu beantworten – welche Informationen sollte man teilen, was hat den anderen nicht zu interessieren? In diesem Fall sage ich mal für mich, es geht ihn absolut nichts an. Hätte er einfach angefangen, die erste bestellte Kugel in den Becher zu geben, wären wir schon lange fertig und würden nichts aufhalten… dann müsste auch die Dame zwei Leute hinter mir nicht anfangen zu mosern, warum sich Leute erst an der Theke entscheiden, was sie wollen.

„Nee, der Herr hat vergessen wo er welches Eis hat,“ gibt der Herr direkt hinter mir zurück, bevor ich entschieden habe, ob ich den Kommentar meinerseits kommentiere.

Mit finsterem Blick fängt der Herr hinter der Theke endlich an, seinen Auftrag auszuführen. Na, geht doch. (Klar, seine Kollegen können es ja auch…)

Trotzdem… nächstes Mal lieber wieder in die Stammeisdiele, wo ich meine Münzen auf den Tresen lege und dafür meinen Becher bekomme.

Wortlos.

Ohne Diskussion oder Verzögerungen.

Definitiv einfacher.

Entschuldigung, ich kenn‘ dich nicht

Eigentlich wollte ich ja nur schnell was zur Post bringen.

Wäre an sich kein Problem gewesen, hätte nicht auf halber Strecke ein Herr beschlossen, die Richtung zu wechseln und mich anzusprechen.

Wäre an sich auch kein Problem.

Allerdings wüsste ich doch ganz gerne, mit wem ich gerade rede.

Ausschlussverfahren. Haare sind grau, also streiche ich mal geistig alle, die jünger sind als ich selbst. Er sagt „du“, also kennen wir uns wohl entweder schon etwas länger, oder er ist ein Familienfreund, der uns einfach alle duzt. Offenbar kennen wir uns nicht gut genug, dass er weiß, dass er mir mal schnell einen Tipp zu seiner Person geben sollte. Vermutlich eher Gruppe 2. Er fragt nach meinem Haus – wohl entweder jemand, der sich für Architektur/Denkmalschutz interessiert, oder jemand aus dem Viertel. Er erwähnt sein eigenes, und wenn er jetzt noch etwas sagt, mit dem ich das Haus identifizieren kann, sollte ich auch wissen wer er ist, also mal schnell ein bisschen genauer nachgefragt und – Bingo! Es ist der Nachbar drei Häuser den Berg runter. Puh. Der Rest des Gespräches wird meinerseits etwas entspannter.

 

*

 

Gesichter … In der großen Mehrheit der Fälle sagen sie mir gar nichts.

Zumindest in natura. Gebt mir ein Foto, und ich weiß durchaus, wer da drauf ist. Stellt mir den Film auf Standbild, und die Chance steigen immens, dass ich die Schauspieler identifizieren kann.

Nur, lebende, sich bewegende Gesichter?

Da ist einfach zu viel los.

Data, der Android aus Star Trek, äußerst sich einmal überrascht über die immense Anpassungsfähigkeit von Kindern, deren Parameter sich ja ständig ändern. So ähnlich fühle ich mich mit Gesichtern. Da bleibt am lebenden Objekt nie etwas lange genug gleich  um damit etwas anzufangen. Alles ändert sich, verschiebt sich, verzerrt sich, ständig. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, wie andere Leute daraus einen sinnvollen Input entnehmen.

Auf die Überlastung, das „Zuviel“ der Informationen, reagiere ich ganz automatisch damit, nur noch Bruchstücke wahrzunehmen, Einzelteile die mehr oder weniger viel Aussagegehalt haben können.

 

Erinnert ihr euch an Wetten dass..?, damals als die Serie noch einigermaßen witzig war?

Da kamen regelmäßig Wetten, bei denen jemand seine Klassenkameraden oder Vereinskumpane an der Nase, oder am rechten Ohr, etc. erkennen wollte.

Gut, ja – solche Ausschnitte in etwa bekomme ich dann auch mit, kann die aber nicht zu einem vernünftigen Ganzen zusammensetzen. Wenn ich sehr viel Glück habe, ist der Ausschnitt gerade aussagekräftig genug, um ihn zuzuordnen.

Ja, manchmal geht das.

 

Vor Jahren hatte ich ziemlich viele Puzzles in der klassischen 1000-Teile-Größe. Und wir hatten einen Korb, in dem rumliegende Einzelteile gesammelt wurden. Gelegentlich musste man diese dann wieder in die Schachteln zurücksortieren. Da kam es dann schon vor, dass einige Teile direkt zuzuordnen sind, weil man an den Ausschnitten gerade das Motiv ausreichend erkennen kann. Weil eben gerade diese Teile  zufällig Motivausschnitte zeigen, die eindeutig sind.

Wesentlich wahrscheinlicher war aber, dass da absolut nichtssagende Teile vor uns lagen. Blauer Himmel, grüne Wiese, – fangt damit mal was an, wenn ihr die Teile in die richtige Schachtel werfen sollt. Dann muss man das Puzzle erst legen um zu schauen, wo was fehlt.

 

Wenn ich mir also die Gesamtheit der Einzelteile eines Gesichts der grünen Wiese in einem Puzzle entsprechend vorstelle, bei der die Teile doch irgendwie so aussehen als würden sie in jedes Motiv mit Wiese passen, dann sind besonders herausstehende Merkmale das Gegenstück zu Blumen, Tieren und was da im Puzzle sonst so auf der Wiese vorkommt und das grün unterbricht, und mir eben einen Tipp dahin geben würde, in welches Motiv das Teil gehört.

Könnte ich das Gesicht nun solange nach einem Teil absuchen das ich erkenne, bis ich eines gefunden habe?

Theoretisch ja. Praktisch empfinden es die meisten Leute aber doch eher als unhöflich. Außerdem bin ich dann erst mal beschäftigt und bekomme von dem Gespräch nichts mehr mit. Meine Rechenleistung würde schließlich für die Rasterfahndung nach einem verwertbaren Detail draufgehen. Außerdem kontrolliere ich die Teile, die sich herauskristallisieren nicht bewusst. Auch da – im stillstehenden Bild kann ich das. Im ständig bewegten Gesicht zerreißt es das Bild bevor ich mich an irgendetwas bewusst „festhalten“ kann – ich müsste von vorne anfangen, oder eben nehmen, was ich bekomme.

 

Das ganze trifft übrigens nicht nur auf relativ „fremde“ Leute zu…

Ich muss ungefähr 12 gewesen sein, als ich heim kam, und eine fremde Frau im Garten arbeiten sah. Schnell ins Haus lief, um meine Mutter zu fragen wer das denn sei… und zunehmend in Panik geriet, diese nicht finden zu können.

Ich schätze, es kann sich jeder denken, was los war – an der Verwirrung war ein Frisörbesuch beteiligt…