Eine Erinnerung – lange her. Ich male eine Zeichnung aus. Wir sind irgendwo unterwegs, ich beschäftige mich. Ich will anfangen, mein gerade gezeichnetes Pferd auszumalen, aber der braune Stift bricht ab. Ich habe keinen Spitzer dabei. Ich fange an, mich aufzuregen, weil ich das Bild nicht fertigmalen kann. Meine Mutter wirft einen Blick drauf und meint: „Muss das Pferd braun sein? Es gibt doch auch schwarze Pferde.“ Und schiebt mir den schwarzen Stift hin.

*

Ich habe zwei NT-Freundinnen. Von diesen ist eine blind. Da ergibt es sich, dass man gelegentlich gemeinsam vor einem dreidimensionalen Stadtmodell steht und das gemeinsam betrachtet.

So standen wir da dann auch mal wieder, und es näherte sich eine Mutter mit zwei Kindern. Eines der Kinder deutete auf die Punkte und fragte, was das sei. Die Mutter antwortete, die Punkte seien für Leute wie „die Frau dort“, die nicht lesen könnten weil sie blind seien.

Wir standen nahe genug, um das zu hören, und meine Freundin hatte wohl gerade Lust, Aufklärungsarbeit zu leisten.

„Entschuldigung“, sagte sie, „ich muss das jetzt korrigieren: Ich kann sehr wohl lesen. Ich lese diese Punkte.“

Die Kinder, wie Kinder halt so sind, waren sofort interessiert, fragten nach. Zum Glück hatte die Dame Zeit, denn ihre Kinder standen die nächsten 90 Minuten vor diesem Stadtmodell und lernten Braille lesen. Gut, mit den Augen, aber trotzdem. Nebenbei bekam die Mutter, die ziemlich schnell ebenfalls anfing, Fragen zu stellen, dann auch noch ein paar Erklärungen.

Mit heimgenommen haben die drei hoffentlich unter anderem die Information: Nur, weil jemandem die örtliche Mainstream-Methode nicht zugänglich ist, bedeutet das nicht, dass dieser jemand die Aktivität nicht ausüben kann. Vielleicht macht er sie nur ein bisschen anders…

*

Mit dem Können ist das allgemein so eine Sache.

Wenn ich nach China oder Japan reise, und dort die Schilder nicht entziffern kann, kann ich dann plötzlich nicht mehr lesen?
Wenn ein Mensch aus einem arabischen Land, der sein Leben lang arabisch geschrieben hat, nach Europe kommt – kann der nicht lesen? Mein inzwischen verstorbener Opa hat nie gelernt, Antiqua („unsere“ Buchstaben) zu schreiben, sondern schrieb sein Leben lang Fraktur (echte Fraktur, nicht dieses elende Sütterlin). Konnte der deswegen nicht schreiben?

Ich habe links nicht mehr ausreichend Feinmotorik, um einen Stift zu führen, rechts wesentlich mehr als meine Unterschrift gelernt. Ich tippe meine Texte in der Regel. Kann ich nun nicht schreiben?

Was ist zum Beispiel mit Stephen Hawking? Kann der nicht schreiben, weil er seine Bücher Zeichen für Zeichen in den Computer eingibt, statt einen Stift in die Hand zu nehmen? Aber Bücher geschrieben hat er trotzdem…

So einfach ist das mit dem Können oder Nichtkönnen also gar nicht, vor allem, wenn es um Generalisierungen geht.

 

Schreiben können. Lesen können. Zeichnen können…

 

In einer Zeit, in der es ausgefeilte OCR-Programme (Texterkennung) gibt, kann man so ziemlich jeden gedruckten Text einscannen und vom Computer in gesprochenen Text (oder eine andere Form der Ausgabe) umwandeln lassen. Ja, kleine Fehler entstehen noch immer, vor allem bei Namen, aber im Großen und Ganzen ist es kein großer Aufwand mehr, einen Text eigenständig lesen zu können, selbst wenn man die gedruckten Buchstaben nicht direkt in Bedeutung umwandeln kann. Egal, ob das nun daran liegt, dass man nicht den Text nicht sieht, oder irgendwo in der Informationsverarbeitung liegt, oder ganz Gründe hat.

In einer Zeit, in der es gute Spracherkennungsprogramme gibt – die auch an Akzent, Dialekt oder undeutliche Aussprache, ungewöhnliche Spracheigenheiten und Ähnliches mit relativ geringem Aufwand zu gewöhnen sind – muss niemand mehr einem Stift über das Papier bewegen oder buchstabieren können, um selbst zu schreiben.

*

Warum „hängen“ wir uns so oft an der Methode „auf“?

Warum lese ich im Blog einer Mutter, die laut eigener Aussage in der Arbeit für Autisten aktiv ist, ihr autistischer Sohn könne nicht zeichnen – Direkt unter einer Zeichnung, die derselbe Sohn angefertigt hat. Auf dem Computer. Im Grafikprogramm.
Der Text beginnt: „Obwohl er nicht zeichnen kann…“ (sinngemäß weiter: macht er Bilder am Computer).

Warum ist die Zeichnung, die am Computer erstellt wurde, aus Sicht dieser Frau keine Zeichnung?
Warum hat sie nicht den Wert einer Zeichnung mit Bleistift und Papier?
Warum nimmt sie die Methode wichtiger als das Ergebnis?
Warum kommen solche Aussagen, immer und immer wieder, von Leuten, die sich selbst als Unterstützer bezeichnen?
Ist solchen Leuten nicht klar, wie destruktiv diese Herangehensweise ist?
Welche Nachricht sendet das?
An ihren Sohn?
An andere Autisten?
An andere Leute allgemein?

Solche Aussagen haben meines Erachtens in dem Zusammenhang nichts verloren.

*

Immer wieder habe ich das Gefühl, dass wir vor lauter Fokus auf die Defizite gar kein Interesse daran haben, uns die Lösungen anzuschauen.

Vielleicht können wir uns das nächste Mal, wenn jemand mit der Mainstream-Methode nicht kann ja auch einfach mal fragen: muss er denn? Geht es nicht auch einfach anders? Das Pferd ist doch nicht weniger ein Pferd, wenn es schwarz statt braun ist…

*

Es kostet mich weniger als zwanzig Minuten, um einen beliebigen Computer mit einem neueren Windows (WIN95 wäre schwierig) und einem beliebigen Scanner so einzurichten, dass er jeden gedruckten Text in hörbare Sprache umwandelt.

Gut, ich bin dabei recht zügig, weil ich es schon oft genug gemacht habe.
Aber selbst jemand, der das zum ersten Mal macht, sollte nicht mehr als eine Stunde investieren müssen. Eine Stunde, damit derjenige, der Buchstabenketten – aus welchem Grund auch immer – nicht in Inhalt umwandeln kann eben doch lesen kann.

Zehn Minuten Installationszeit und dreißig Minuten Eingewöhnungszeit kostet es heute, um ein Diktierprogramm (Spracherkennung) zum Laufen zu bringen. Damit kann man nicht nur Texte eingeben, sondern den kompletten Computer steuern. Warum habe ich also erst gestern wieder einen Menschen im jungen Erwachsenenalter getroffen, der „nicht schreiben kann„?

Nebenbei: Wir verwenden, auch wenn wir durchaus selbst lesen und tippen können, beide Techniken gerne und viel bei der Arbeit.
Der „Mercedes“ unter den OCRs kostet 150 Euro.
Der „Mercedes“ der Spracherkennung kostet 130 Euro.
Mercedes fahren kann nett sein und lohnt sich sicher, wenn man damit „seine Brötchen verdient“, aber, um beim Autobild zu bleiben: zum Ausprobieren tut es auch der gebrauchte Golf.

*

Wir waren heute am Pferdeputzen, eine junge Dame, die öfter im Stall ist… gefühlt irgendwie unteres Ende Teenageralter … erzählte von einem Thema, das sie interessiert. Ich: „Ah, dann hast du ja sicher [Buchtitel] gelesen?“ – Die danebenstehende aufsichtführende mit Ohrstöpseln versehene, in exakt diesem Moment sich ein Hörbuch zu Gemüte führende Mutter: „Aber nein, sie kann doch nicht lesen!“

Nach einem sprachlosen Moment von mir: „Also dafür, dass Sie es nicht gelesen haben, kannten Sie das neuen Karen-Slaughter-Buch aber verdammt gut.“ (War ein Buch, von dem sie letztes Mal erwähnte, das Hörbuch gerade durch zu haben, und wir hatten uns etwas drüber unterhalten.)

Jetzt ist sie beleidigt.

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11 Gedanken zu “Vom Können und Nicht-Können

  1. Nun ja das ist natürlich schon sehr genau definiert mit dem KÖNNEN! Wenn man es wie du gedanklich auseinander nimmt und wirklich wöchentlich bezieht, hast du ja vollkommen recht.
    Ich denke in den meisten Fällen wird NICHT KÖNNEN jedoch eher als etwas nicht wirklich gut können verwendet.

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    1. Hmm… ich weiß nicht. Wenn du einem jungen Menschen ständig vermittelst „Du kannst das nicht…“ und dich dann auch auf dieser Ebene mit ihm bewegst… hat das doch auch Folgen, oder? ich meine jetzt nicht nur praktisch, sonern auch in der Selbstwahrnehmung und der Angewohnheit, einfach „Kann nicht“ zu sagen und zu verweigern statt nach einer Lösung zu schauen. Ich bin aus dem Zusammenhang auch ziemlich sicher, dass beide Damen, sowohl die im Stall als auch die im Blog, es auch nicht als „nicht gut“ können meinten.

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      1. Ja das ist schon richtig, kenne ich ja auch aus meiner Kindheit. Das waren auch so bescheuerte Leute… Du kannst das eh nicht und dahinter noch so manchen Zusatz. Habe ich als Kind resigniert so hingenommen. Bis ich älter wurde und dann haben mich solche Sprüche erst recht angeheizt zu beweisen: DOCH ICH KANN DAS.

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      2. Den Sprung schaffen halt leider nicht alles… und ich denke, bei vielen bleibt auch das „Kann ich nicht“ als Grundbotschaft lang irgendwo erhalten, das finde ich nicht so gut.

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      3. Die Botschaft habe ich vielleicht tief in mir und beim Versagen kommt dann die Stimme… Gleich gewusst, aber in der Regel bin ich eher so… Euch zeig ich’s…

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  2. Ich stelle mir gerade die Situation vor, wenn jemand sagen würde, Blinde könnte ja nicht lesen. Und dann würde ich sagen „Blinde können sehr wohl lesen! Sie lesen durch das Ertasten der Brailleschrift.“

    Die Standard-Antwort, die ich auf meinen Einwand bekäme, wäre: „Daniel, jetzt sei doch nicht wieder so spitzfindig! Du weisst doch genau, was gemeint ist.“

    Das ist jedenfalls meine bisherige Lebenserfahrung: Diese ganzen Überlegungen, die dieser Blogpost darlegt, werden doch von Außenstehenden gar nicht nachvollzogen. Statt dessen wird nur wahrgenommen, daß da jemand wieder mal alles wörtlich nimmt, während alle anderen es „richtig“ verstanden haben.

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    1. Jaja, außer es passt ihnen gerade, es wörtlich zu verstehen, dann können sie das auch gut.
      Ob es nun der zufällig rausgegriffene Mensch da draußen nachvollziehen können muss, weiß ich auch nicht. Aber jemand, der mit Menschen arbeitet, die in irgendeiner Weise eingeschränkt sind, sollte sich die Mühe schon machen. Und ich finde schon, dass Eltern sich dieses „kann nicht“ öfter mal verkneifen könnten, täte den Kindern vielleicht besser…

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  3. Es gibt da einen älteren Blogpost von Aleksander Knauerhase, wo ihm dieses „Du weisst doch, was gemeint ist“ sogar von körperlich behinderten vorgehalten wird:

    https://quergedachtes.wordpress.com/2013/12/04/uber-liebe-und-leid/

    Es wird zwar nicht exakt in dieser Formulierung geäußert, aber eigentlich drücken die Reaktionen, die Aleksander in seiner Schilderung zitiert, genau das aus: „Du weisst doch genau, daß mit ‚Behinderung‘ körperliche Behinderungen gemeint sind.“

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    1. Das „das weiß man doch…“ ist eine sehr gefährliche Sache, nicht nur für Autisten. Darauf zu achten, solche Annahmen zu finden und zu entfernen (also unmissverständlich auszuformulieren) ist eine der Dinge, die man als Übersetzer unbedingt machen muss, da das auch bei neurotypischen Menschen nicht mehr funktioniert, sobald der Referenzrahmen ein anderer ist. Dabei egal, ob ich von einer Zielgruppe für eine andere innerhalb derselben Sprache „übersetze“ – also etwa einen für Erwachsene geschriebenen Text für Kinder umschreibe oder einen für Juristen geschriebenen Text für Ingenieure formuliere – oder von einer Sprache in die andere.
      Insofern bin ich auf das „aber das weiß man doch von selbst“ schon rein beruflich massiv „allergisch“.

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