Wie ärgert man einen Autisten?

Man ändert das Design der Margarineverpackung.

 

Kann doch nicht so schlimm sein?

Naja.

 

Es fliegt immer mal wieder der Begriff „Filterschwäche“ durch den Raum, die Zeit und das Internet.

Ich sage auch gerne: Ich lebe in einem Wimmelbild.

Kennt ihr die? Diese Bilder, auf denen unendlich viel los ist, und man soll was drauf finden.

Hier, so was!

Wimmelbild!

 

Sag mir mal ganz schnell, wie viele Kaffeetassen sind da drauf? Wo ist das gelbe Männchen mit der roten Krawatte? Ist da irgendwo ein Eisbecher?

Nein, nicht suchen. Draufschauen und mit einem Blick sehen!

Könnt ihr nicht?

Ja, ach so.. Also, ich auch nicht.

 

Stell dir jetzt bitte vor, diesen Detailgrad nehme ich immer wahr.

Nun stell dir bitte vor, was du als NT wahrnimmst, würde im Vergleich etwa das sein. Bitte nochmal: Wo ist das gelbe Männchen mit der roten Krawatte?

Wimmelbild_sw_2

Geht gleich schneller, oder?

Natürlich stehe ich jetzt nicht ständig da und brauche Stunden, um mir drüber klar zu werden, was um mich herum ist. Das Gehirn „gewöhnt“ sich dran und bastelt sich eine Art Schablone. Heißt: Alles, was so aussieht (sich so anhört, so schmeckt, etc.) wie das Verarbeitungsprogramm in meinem Kopf gelernt hat, dass es sein soll, wird getrost ignoriert. Das allerdings so vollkommen, dass ich in der Tat wissen muss, wo meine Sachen sind, denn sobald etwas nicht an der Stelle ist, an der ich es erwarte, muss ich im Wimmelbild suchen. Und zwar im komplett farbigen.

 

Nun passt mein abgespeichertes Muster aber nur auf den exakt richtig aussehenden/klingenden/schmeckenden Reiz. Alles, was davon abweicht, wird automatisch als „wichtig“ und gefälligst wahrzunehmen und zu verarbeiten empfunden. Das ist wichtig, denn sonst würde ich auf meiner „Hausstrecke“ z. B. nicht merken, wenn ein Radfahrer aus der Nebenstraße geschossen kommt, während ich geradeauslaufe. Wäre blöd.

Nun schaltet aber das Hirn in dem Augenblick auf volle Aufmerksamkeit.

Heißt: Ich möchte mir ein Brot streichen, öffne meinen Kühlschrank, und habe, von der Schablone abweichend, die „falsche“ Margarinedose im Blick. Dann macht mein Gehirn: ABWEICHUNG! FALSCH! Hier, lieber Mensch, ich gebe dir jetzt mal alles, was ich sehe und du kannst dann was damit anfangen und  mir sagen was ich damit mache.

Stell dir mal vor, du gehst mit geschlossenen Augen in eine Disco und machst diese dort mitten in Chaos, farbigen Discolichtern und Stroboskopstrahler auf. Das ist dann so in etwa der Effekt. Plötzlich ist ALLES da. Das verarbeite dann bitte erst mal alles. Aber schnell, und bitte dran denken, was du aus dem Kühlschrank nehmen wolltest, während nebenbei auch noch die Geräuscheschablone abschaltet, und dir das Summen des Kühlschranks in den Ohren liegt, und zwei Zimmer weiter das Fenster offensteht und der Verkehr draußen Geräusche macht, und nebenbei hat es 30 Grad und du riechst den feuchten Kaffeesatz im Vollautomaten, denn die Geruchsschablone ist auch weg, und außerdem zieht sich links am Ärmel ein Faden aus dem Saum und liegt auf der Haut, und übrigens steht der Kühlschrank immer noch offen, aber eigentlich müsstest du grade dringender das Fenster zumachen, und den Faden abschneiden, und essen wolltest du auch noch und…

Wäre ich jetzt vier, oder acht, oder vielleicht sogar vierzehn, wär’s das jetzt. Zu viel, zu schnell, zu viele Eindrücke auf einmal sind körperlich schmerzhaft, wenn sie unvermittelt plötzlich kommen sowieso…

Bin ich aber nicht, und ich führe seit über einem Vierteljahrhundert meinen eigenen Haushalt und ich kann das „ab“ – mehr oder weniger zumindest. Kühlschrank zu. Fenster zu. Faden ab. Essen kann ich mir jetzt eh sparen. Würde jetzt jeden Bissen jeden Millimeter bis zum Magen verfolgen können und dort dann noch liegen spüren, hätte noch in einer Stunde das Gefühl, Krümel im Mund zu haben, weil der Eindruck nicht weggeht, würde alles schmecken wie mit einer Ladung Geschmacksverstärkern verfeinert, …

Erst mal eine Runde Spezialinteresse nachgehen, um die Aufmerksamkeit wieder auf „normal“ zu stellen.

Später neuer Anlauf.

Allerdings habe ich gerade in vielleicht zwei Minuten eine Menge an Energie verbrannt, die ich auch anders hätte nutzen können. Zum Beispiel um einmal auf bekannten Wegen einkaufen zu gehen. Oder mit der Familie Mittagessen. Oder zwei Kapitel von einem Sachbuch auf Universitätsniveau zu lesen und den Inhalt zu behalten. Davon, dass ich jetzt nochmal mindestens 30 Minuten brauche, bis ich mich wieder auf irgendetwas anderes als Sinneseindrücke und Spezialinteresse konzentrieren kann, was heißt, dass ich nachher 30 Minuten länger arbeite wenn ich eigentlich Feierabend hätte, und nebenbei Energie fehlt, weil ich nicht nur mehr verbrannt habe als vorgesehen war, sondern auch nicht gegessen habe, und bei geringer Energie eh alles schwerer wird…

 

Aber man kann sich doch daran gewöhnen, oder? Und die Schablone ändern auf die neue Packung?

Ja. Kostet aber Energie.

Und das muss nicht sein, im Sommer, wenn sie mir die Hitze draußen eh ständig abzieht.

Das muss nicht sein in einem Zeitraum, in dem ich jedes Wochenende andere Aktivitäten habe, denen ich nachgehen will.

Das will ich dann machen können, wenn ich die Zeit und die Energie dafür zur Verfügung haben.

Aber in über 25 Jahren Haushalt merkt man’s ja irgendwann…

Altneu

Und deswegen gehe ich dann eben an den gelben Sack und stecke die letzte Margarinedose im „richtigen“ Design in die Spülmaschine… die trägt die neue jetzt bis auf weiteres als Mantel.

mix

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