Heute waren Weihnachtseinkäufe angesagt.

Normalerweise hasse ich es, in der Weihnachtssachenverkaufssaison mehr als absolut notwendig vor die Tür zu gehen. Weihnachtsgerüche finde ich schrecklich. Vor allem Nelken.

Also, wenn ich sage „Heute“, meine ich Samstag, was für mich gerade noch als „Heute“ zählt, weil ich noch nicht geschlafen habe.

War vollkommen okay. Wir waren fast sechs Stunden unterwegs, von Laden zu Laden, waren Weihnachtsbaum und Weihnachtsmarktanfänge auf dem Grand Place anschauen… bisschen Schaufenster gucken… alles Sachen, die ich normalerweise sehr ungern machen würde – oder gar nicht.

Aber heute war das in Ordnung, denn heute bin ich relativ NT.

Ich bin nämlich erkältet.

Erster Vorteil der Erkältung: Die verstopfte Nase blockiert den Geruchssinn teilweise, sodass ich die Weihnachtsgerüche nur gedämpft abbekomme. Hilft schon mal.

Zweiter Vorteil der Erkältung: Ich weiß, dass NTs sagen, sie haben, wenn es ihnen schlecht geht/sie erkältet sind „Watte im Kopf“. Das finden sie in der Regel eher unangenehm, sie fühlen sich langsam, reagieren auf Input nur mit Verzögerung… korrigiert mich, wenn ich da falsch liege, aber so entnehme ich es den Beschreibungen.

Aber genau das passiert mir bei einer Erkältung auch. Das, was dem NT das Hirn soweit lahmlegt, dass er kaum etwas auf die Reihe bekommt, fährt auch bei mir die Aufnahmefähigkeit und –geschwindigkeit herunter. Ich verliere Input. Was ankommt, ist weniger scharf, weniger genau, weniger detailliert, verschwommener, ungenauer. Ich nehme keine Details mehr wahr – oder zumindest nicht das, was ich als Details bezeichnen würde. Eine große Menge an Information geht verloren.

Und im gleichen Maß, in dem die Erkältung als „Filter“ dient, geht meine Fähigkeit in die Höhe, NT-typische Dinge zu machen.

Wie etwa einen Einkaufsbummel in der Weihnachtssaison.

Ich bin nicht nach dem ersten Geschäft überladen. Allerdings habe ich auch bei Weitem nicht so viele Information aufgenommen, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Was mich stört ist, dass ich sicher bin, sehr viel übersehen zu haben. Ähnlich, wie ich bei NTs häufig das Gefühl habe, dass sie sehr viel in ihrer Umwelt übersehen.

Heute gehe ich also mal als NT… oder zumindest so, wie ich mir vorstelle, dass NTs die Welt sehen.

Fast, zumindest, denn noch kann ich zweispurig denken. So schlimm ist die Erkältung nicht (wird sie auch nicht werden, ist schon wieder dabei, sich zu verabschieden).

Das erste Mal, dass mir dieses Phänomen bewusst wurde, war während meiner Studienzeit. Ich war zum ersten Mal seit langem so richtig, richtig böse erkältet, und mein Gehirn hatte einfach eine seiner beiden Denkspuren „zugemacht“. Ich kann normalerweise hervorragend zwei Sachen gleichzeitig verarbeiten. In meinem Kopf läuft quasi ein echter Dual-Core-Prozessor. Liegt übrigens nicht am Autismus, sondern an der Hochbegabung.

Das war in dem Moment anders, und ich empfand es als wahnsinnig frustrierend. Ich kam mir auf einmal „richtig blöd“ vor. Lesen verlangte ungeteilte Aufmerksamkeit, „nebenbei“ noch über etwas anderes nachdenken ging nicht mehr – ich merkte irgendwann, dass ich von der letzten Seite oder gar dem letzten Kapitel nichts aufgenommen hatte. So kannte ich mich nicht.

In dem Zusammenhang äußerte ich einer Kommilitonin gegenüber, dass ich mich gerade mental sehr langsam fühlte und beschrieb ihr das „Phänomen“ auch. Und sie lachte. Und lachte. Und lachte.

Nachdem sie fertiggelacht hatte, meinte sie dann: „Weißt du, Johanna, die meisten von uns HABEN nur einen Prozessor im Hirn. Du hast gerade das Denken eines ganz normalen Menschen beschrieben. So läuft das für uns immer.“

Das saß erst mal. Denn so bewusst war mir der Vorteil, den ich alleine durch die schnellere Informationsverarbeitung habe, vorher nämlich nicht. Ich wusste zwar, dass ich schneller bin, als der Durchschnitt, aber das Ausmaß war erst mal erschreckend.

Dabei weiß ich natürlich nicht – denn ich kann ja nicht in den Kopf eines Anderen hineinschauen – inwiefern der Eindruck der Kommilitonin wirklich stimmte.

Genauso wenig weiß ich, inwieweit mein Eindruck wirklich stimmt, dass mein krankheitsbedingt in Watte gepacktes Hirn einen NT simuliert.

Aber ich weiß, dass meine Fähigkeit, sensorischen Input zu ertragen, ohne davon zusätzlich zu ermüden oder überladen zu werden, in der Situation massiv zunimmt. So sehr, dass die allgemeine Abgeschlagenheit durch die Erkältung und die ganzen anderen unangenehmen Symptome nicht „ausreichen“, um die Bilanz ins Negative zu ziehen.

In Situationen, in denen es darum geht, viel Input auszuhalten, bin ich aktuell „leistungsfähiger“ als üblich. Gleichzeitig wirke ich auf Leute, denen ich begegne „normaler“. Vermutlich, weil ich nicht ständig auf irgendetwas reagiere, das sie gekonnt wegignorieren.

 

Praktisch ist das ja schon.

Aber wisst ihr was?

Genau diese Situation führt mir immer wieder vor Augen, dass ich nicht kein Autist sein möchte. Die Welt immer so gedämpft zu sehen mag in vielen Bereichen das Leben einfacher machen. Aber der Gedanke, wie viel mir dabei entgehen würde… wie oberflächlich mein Eindruck von meiner Umwelt wäre, wie schwer die genaue Analyse eines Gegenstands? Wie lange es dauert, um mich auf eine Sache „einzuschießen“?

Das empfinde ich aus meiner aktuellen Sicht als sehr schlechten Tausch. In dem Moment tun mir dann die NTs schon fast ein bisschen Leid – gesetzt den Fall, der Vergleich passt wirklich. Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr alles verpasst…

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14 Gedanken zu “Heute gehe ich als NT

  1. So einen Dualcore im Hirn hätt ich irgendwie auch ganz gern. XD Das funktioniert bei nur, wenn ich zwei Dinge tu, die in völlig anderen Bereichen Aufmerksamkeit erfordern. zB malen und nebenher ein Hörbuch hören oder eine Serie gucken. (Wobei das meist auch nur 1-2 Stunden klappt, bevor ich müde werde.) >_>

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    1. Malen… Ich kämpfe ja nun seit einigen Monaten gegen den Drang, wieder mit dem Zeichnen anzufangen.
      Hörbuchfans sind wir auch, nur kommen wir kaum dazu aktuell. Serie… habe ich gerade diesen Sommer zum ersten Mal seit Highlander und Babylon 5 (Ende ’90er Jahre…) eine gefunden, die mich so mitgerissen hat, dass ich mich wirklich hingesetzt und sie angeschaut habe.

      Was ich oft mache ist z. B. ein Buch lesen und parallel dazu austüfteln, wie ich ein Übersetzungsproblem lösen kann.

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  2. „Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr alles verpasst…“
    Stimmt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich darüber froh sein soll oder nicht.
    Einerseits wäre es definitiv verlockend, mal einen oder mehrere Tage lang die Welt mit dem ganzen Input zu betrachten, den du jeden Tag hast.
    Andererseits wäre mein NT-Hirn damit vermutlich völlig überfordert. Und falls ich von den paar Tagen doch mehr hätte als höllische Kopfschmerzen, bestünde die Gefahr, dass ich dann anschließend den Rest meines Lebens bedaure, was ich alles NICHT mitbekomme. Weil ich dann plötzlich ganz genau wüsste, was mir entgeht, statt nur allgemein zu verstehen, dass du eben mehr Dinge wahrnimmst als ich.

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  3. Weihnachten… Welch ein Unwort 😊 aber wenigstens hast du es gut gemanagt, die Erkältung passte somit ja.
    Einmal NT wäre ich Freitag auch gerne gewesen, anstatt den leeren IC den vollen Enno erwischt, zwar nur zwei Stationen, aber völlig fertig. SO fertig, dass ich mir für die 3 Kilometer vom Bahnhof ein Taxi nehmen wollte zum Termin… O-Ton Taxifahrer: „Da gegenüber ist die Bushaltestelle…“
    Doooch… Da habe ich auch schon Watte im Kopf, weil ich irgendwie krampfhaft ALLES ausblenden muss…

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      1. Ich vermute, der war angepisst, weil die Strecke zu kurz war, er verdient nicht viel dabei und muss sich dann am Bahnhof wieder hinten in die Reihe stellen.
        Fast schon lustig war ja die Aufschrift auf dem Auto „KRANKENFAHRTEN „, wollte erst drunter schreiben, aber keine Kurzstrecken für Autisten…

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  4. Ob es Robert auch so geht?
    Er sagt es ja nicht, er kann es nicht erklären.
    Nun meidet er Feste. Taufe, Hochzeit etc.
    Weihnachtsmarkt weiss ich noch nicht. Letzes Jahr war er noch dabei.
    Kann sich die Reizüberflutung aufbauen, je älter er wird?
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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    1. Sorry, dass das jetzt so lange dauerte, ich war so gut wie gar nicht privat online die letzten Wochen!
      Für mich war es so, dass einige Sachen im Lauf der Zeit einfacher wurden, andere schwerer. Bei bestimmten Reizen habe ich fast ständig einen „Grundstresspegel“, da ist es dann entsprechend schwerer, wenn noch was dazu kommt.
      Und natürlich ist es so, dass es als KInd einfacher war, mich einfach in mein Zimmer zu setzen und da drei Tage nicht rauszukommen um Stress abzubauen (auch wenn ich das auch nicht so ausgedrückt hätte). Die Anforderungen an die zu erfüllenden Tätigkeiten stiegen einfach – von außen, aber auch „von innen“, also von mir an mich selbst.
      Zum anderen ist es aber auch so, dass sich meine Prioritäten teils sehr geändert haben. Manche Dinge, für die ich den Stress früher in Kauf genommen hätte, sind mir nicht mehr wichtig genug, um sie mir mit Blick auf den Kosten/Nutzen-Faktor „anzutun“.

      Familienfeiern fand ich übrigens insbesondere dann grässlich, wenn wir zur Familie meines Vaters mussten – niemand auf meiner „Wellenlänge“, entweder ich rede und keiner kapiert, was ich sage, oder ich höre zu und kann nicht mitreden, weil die Lebenswelt einfach so sehr eine andere ist… Wo der NT dann wohl in Smalltalk und bedeutungslose Nichtigkeiten verfallen würde, was mir aber schon wieder zu für Aufwand für nichts ist.
      Seit dem Tod meiner Großeltern auf dieser Seite der Familie haben wir zu dem Zweig der Familie quasi keinen Kontakt mehr. Die andere Seite ist da passender.

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