Es weihnachtet sehr

Alle Jahre wieder tauchen sie auf, diese Fragen. Das ganze Jahr über, weil jeder irgendwann Geburtstag hat, aber zu Weihnachten ganz besonders. Auf den Plattformen, in den Facebook-Gruppen, in den Foren, liest mal dann:

Was schenkt ihr euren Kindern so? Mein Kind wünscht sich nichts.

Oder: Mein Kind wünscht sich nur [diese eine Sache].

Oder … Sachen zu [diesem einen Interesse].

Oder: Eine Sache, die ja gar kein echter Wunsch ist.

Oder: … aber das ist doch für viel jüngere.

Oder: … aber das ist doch für Mädchen.

und weitere unzählige Varianten davon.

 

Ich beantworte die Frage, ganz pauschal:

Sprechen nicht gravierende Gründe dagegen (die finden sich beim eigenen Pony sicher eher als bei einer Barbiepuppe): Schenkt dem Kind, was sich das Kind wünscht.

Das Kind möchte nur Figuren einer bestimmten Serie, hat aber schon 28 davon?
Dann finden die 29. und die 30. doch sicher auch noch Platz.
Sagt mal zu einem Briefmarkensammler: Du brauchst nicht noch eine Briefmarke, du hast schon so viele.

Das Kind hat ein besonderes Interesse und wünscht sich nur dazu etwas?
Man findet sicher etwas, das mit dem Interesse zu tun hat.
Das Interesse ist Computerspielen? Das ist nicht nützlich?
Ja… und? Es geht um ein Geschenk.

Ein Geschenk soll Freude machen.

Und zwar dem Beschenkten.

Geschenkt wird nach meinem Verständnis so, wie es zum Empfänger passt. Was ich davon halte, ist erst mal komplett irrelevant, denn ich muss mich über dieses Geschenk nicht freuen. Ich schenke nicht für mich, sondern für den Empfänger.

*

Werfen wir mal einen Blick aufs Kind, das sich das 326. Matchboxauto gewünscht, aber ein Buch übers Programmieren bekommen hat.

Es gibt wenige Sachen, die sich schlimmer anfühlen, als ein Geschenk, das nicht für die Person gedacht ist, die man ist, sondern für die Person, die der andere gerne gehabt hätte. Das Kind, das sich die Eltern gewünscht hätten. Das offensichtlich nicht man selbst ist.

Schenkt ihr gegen den Wunsch des Kinds ein Geschenk das ihr für „besser“ haltet, sendet ihr nicht nur die Botschaft:

Deine Wünsche sind mir egal.

Ihr sendet auch die Botschaft:

Du bist falsch.
Nichts machst du richtig.
Du hast schon wieder was falsch gemacht.
Nicht mal wünschen kannst du anständig.
Das, was du dir da wünschst, ist unangemessen (wahlweise beschämend, wenn sich das Kind etwa ein Spielzeug gewünscht hätte, das „offiziell“ für jüngere ist, oder mit dem jeweils anderen Geschlecht in Verbindung gebracht wird).

Glaubt mir bitte eines: Diese Botschaft bekommen junge Autisten oft genug. Ihr müsst das nicht auch noch ausbauen.

*

Bei vielen erwachsenen Autisten in meinem Umfeld hat unter anderem gerade dieses Vorgehen (zusammen mit den erzwungenen Feiern) irgendwann dazu geführt, dass sie Geburtstage, insbesondere die eigenen, und sonstige Geschenkefeste nur noch als unangenehm empfinden und vermeiden.

Wobei – ich kenne auch ein paar NTs, bei denen nach Vorschrift gewünscht werden musste, die sich nicht mit ihren Interessen gedeckt haben, und die ähnliche Einstellungen entwickelt haben.

*

Bitte:

Respektiert die Wünsche und Interessen eurer Kinder.

Schenkt nicht nach dem, was euch gefällt, sondern wählt das, was dem Kind gefällt.

Schenkt nicht nach dem, was die Nachbarn beeindruckt, oder was die Oma oder Tante loben wird.

Schenkt ausschließlich so, wie es zum Empfänger passt.

*

Und wenn das Kind das Äußern von Wünschen komplett verweigert? Dann denkt bitte mal zurück an die letzten Male, bei denen ein Wunsch geäußert wurde. Welche Botschaft habt ihr da vermittelt?

(Und ja… es gibt auch solche unter uns, denen einfach das ganze Brimborium zu viel ist, denen die Überraschung zuwider ist – mir übrigens auch, deswegen bitte ich darum, ausschließlich von meinem Amazon-Wunschzettel zu schenken – und die vielleicht gar nicht immer in der Lage sind, sich auf einen neuen Gegenstand einzulassen. Und wenn das so ist… dann macht ihnen das doch bitte nicht zum Vorwurf.)

Weihnachtsgeschenke

Ich weiß gar nicht, was ich heuer als mein liebstes „Weihnachtsgeschenk“ zählen soll.

Die selbstgestrickten Socken von ‚Tao‘, die ich zwar noch nicht erhalten habe, aber bereits von Fotos kenne, sind da ein ganz heißer Kandidat.

Oder das Geschenk von meinem Mann, aus logistischen Gründen vorzeitig überreicht (normalerweise schenken wir beide erst zu Neujahr): Konzertkarten für einen Auftritt des einzigen Menschen dem meine echte, vollumfängliche und aus tiefem Herzen kommende Bewunderung gilt, und das schon seit ca. 20 Jahren. Dem ich soooo gerne mal begegnet wäre, was sich nie ergeben hat. Aftershow-Dinnerkarten liegen auch noch bei.

Oder etwa das komplett ungeplante „Geschenk“… War ich doch mit oben erwähnter ‚Tao‘ in der Großen Stadt einkaufen, als mir ihre Aufmerksamkeit etwas „beschert“ hat, das ich so gar nicht erwartet hätte:

Bleistifte.

Bleistifte, die sich von meiner inzwischen doch eher sehr unkooperativen  Hand halten lassen.

Nicht ewig lange. Die Hand wird schnell müde.

Aber.

Nach ca. zehn Jahren „Abstinenz“.

Ist es einfach nur cool, wieder was ordentliches aufs Papier zu bringen.

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Heute gehe ich als NT

Heute waren Weihnachtseinkäufe angesagt.

Normalerweise hasse ich es, in der Weihnachtssachenverkaufssaison mehr als absolut notwendig vor die Tür zu gehen. Weihnachtsgerüche finde ich schrecklich. Vor allem Nelken.

Also, wenn ich sage „Heute“, meine ich Samstag, was für mich gerade noch als „Heute“ zählt, weil ich noch nicht geschlafen habe.

War vollkommen okay. Wir waren fast sechs Stunden unterwegs, von Laden zu Laden, waren Weihnachtsbaum und Weihnachtsmarktanfänge auf dem Grand Place anschauen… bisschen Schaufenster gucken… alles Sachen, die ich normalerweise sehr ungern machen würde – oder gar nicht.

Aber heute war das in Ordnung, denn heute bin ich relativ NT.

Ich bin nämlich erkältet.

Erster Vorteil der Erkältung: Die verstopfte Nase blockiert den Geruchssinn teilweise, sodass ich die Weihnachtsgerüche nur gedämpft abbekomme. Hilft schon mal.

Zweiter Vorteil der Erkältung: Ich weiß, dass NTs sagen, sie haben, wenn es ihnen schlecht geht/sie erkältet sind „Watte im Kopf“. Das finden sie in der Regel eher unangenehm, sie fühlen sich langsam, reagieren auf Input nur mit Verzögerung… korrigiert mich, wenn ich da falsch liege, aber so entnehme ich es den Beschreibungen.

Aber genau das passiert mir bei einer Erkältung auch. Das, was dem NT das Hirn soweit lahmlegt, dass er kaum etwas auf die Reihe bekommt, fährt auch bei mir die Aufnahmefähigkeit und –geschwindigkeit herunter. Ich verliere Input. Was ankommt, ist weniger scharf, weniger genau, weniger detailliert, verschwommener, ungenauer. Ich nehme keine Details mehr wahr – oder zumindest nicht das, was ich als Details bezeichnen würde. Eine große Menge an Information geht verloren.

Und im gleichen Maß, in dem die Erkältung als „Filter“ dient, geht meine Fähigkeit in die Höhe, NT-typische Dinge zu machen.

Wie etwa einen Einkaufsbummel in der Weihnachtssaison.

Ich bin nicht nach dem ersten Geschäft überladen. Allerdings habe ich auch bei Weitem nicht so viele Information aufgenommen, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Was mich stört ist, dass ich sicher bin, sehr viel übersehen zu haben. Ähnlich, wie ich bei NTs häufig das Gefühl habe, dass sie sehr viel in ihrer Umwelt übersehen.

Heute gehe ich also mal als NT… oder zumindest so, wie ich mir vorstelle, dass NTs die Welt sehen.

Fast, zumindest, denn noch kann ich zweispurig denken. So schlimm ist die Erkältung nicht (wird sie auch nicht werden, ist schon wieder dabei, sich zu verabschieden).

Das erste Mal, dass mir dieses Phänomen bewusst wurde, war während meiner Studienzeit. Ich war zum ersten Mal seit langem so richtig, richtig böse erkältet, und mein Gehirn hatte einfach eine seiner beiden Denkspuren „zugemacht“. Ich kann normalerweise hervorragend zwei Sachen gleichzeitig verarbeiten. In meinem Kopf läuft quasi ein echter Dual-Core-Prozessor. Liegt übrigens nicht am Autismus, sondern an der Hochbegabung.

Das war in dem Moment anders, und ich empfand es als wahnsinnig frustrierend. Ich kam mir auf einmal „richtig blöd“ vor. Lesen verlangte ungeteilte Aufmerksamkeit, „nebenbei“ noch über etwas anderes nachdenken ging nicht mehr – ich merkte irgendwann, dass ich von der letzten Seite oder gar dem letzten Kapitel nichts aufgenommen hatte. So kannte ich mich nicht.

In dem Zusammenhang äußerte ich einer Kommilitonin gegenüber, dass ich mich gerade mental sehr langsam fühlte und beschrieb ihr das „Phänomen“ auch. Und sie lachte. Und lachte. Und lachte.

Nachdem sie fertiggelacht hatte, meinte sie dann: „Weißt du, Johanna, die meisten von uns HABEN nur einen Prozessor im Hirn. Du hast gerade das Denken eines ganz normalen Menschen beschrieben. So läuft das für uns immer.“

Das saß erst mal. Denn so bewusst war mir der Vorteil, den ich alleine durch die schnellere Informationsverarbeitung habe, vorher nämlich nicht. Ich wusste zwar, dass ich schneller bin, als der Durchschnitt, aber das Ausmaß war erst mal erschreckend.

Dabei weiß ich natürlich nicht – denn ich kann ja nicht in den Kopf eines Anderen hineinschauen – inwiefern der Eindruck der Kommilitonin wirklich stimmte.

Genauso wenig weiß ich, inwieweit mein Eindruck wirklich stimmt, dass mein krankheitsbedingt in Watte gepacktes Hirn einen NT simuliert.

Aber ich weiß, dass meine Fähigkeit, sensorischen Input zu ertragen, ohne davon zusätzlich zu ermüden oder überladen zu werden, in der Situation massiv zunimmt. So sehr, dass die allgemeine Abgeschlagenheit durch die Erkältung und die ganzen anderen unangenehmen Symptome nicht „ausreichen“, um die Bilanz ins Negative zu ziehen.

In Situationen, in denen es darum geht, viel Input auszuhalten, bin ich aktuell „leistungsfähiger“ als üblich. Gleichzeitig wirke ich auf Leute, denen ich begegne „normaler“. Vermutlich, weil ich nicht ständig auf irgendetwas reagiere, das sie gekonnt wegignorieren.

 

Praktisch ist das ja schon.

Aber wisst ihr was?

Genau diese Situation führt mir immer wieder vor Augen, dass ich nicht kein Autist sein möchte. Die Welt immer so gedämpft zu sehen mag in vielen Bereichen das Leben einfacher machen. Aber der Gedanke, wie viel mir dabei entgehen würde… wie oberflächlich mein Eindruck von meiner Umwelt wäre, wie schwer die genaue Analyse eines Gegenstands? Wie lange es dauert, um mich auf eine Sache „einzuschießen“?

Das empfinde ich aus meiner aktuellen Sicht als sehr schlechten Tausch. In dem Moment tun mir dann die NTs schon fast ein bisschen Leid – gesetzt den Fall, der Vergleich passt wirklich. Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr alles verpasst…

Weihnachtsgeschenke

Dass es Weihnachten Geschenke gibt ist normal, üblich, war schon immer so und ist auch überall so… Wie jeder weiß.

…oder?

…oder vielleicht doch nicht?

Genau. Eben doch nicht.

Eigentlich ist die Sache mit den Weihnachtsgeschenken gar nicht so uninteressant.

Werfen wir mal einen Blick auf Weihnachten. Bevor ein allzu großer Anteil der Bevölkerung vergessen hat, was da überhaupt gefeiert wird, war Weihnachten mal die Feier von Jesu Geburt. Jawohl, in unserer Gegend verschmolzen in Termin und Brauchtum mit den heidnischen Julfest.

Was heißt „in unserer Gegend“?

Sagen wir’s mal so: England ist nicht sooo weit weg, aber der Weihnachtsbaum hielt dort erst im 19. Jahrhundert Einzug, sozusagen als „Import“ über Prinz Albert, der seinen deutschen Weihnachtsbaum mit in die neue Heimat brachte. Also nicht durch abhacken und einpacken, sondern durch Fortführung der Tradition im Königshaus. Und weil alle wollen, was die Queen hat, hat man nun heute in England auch Weihnachtsbäume. Und das natürlich schon immer.

Also, Weihnachten, Jesu Geburt… Geschenke? Ja, die gibt es zum Geburtstag, aber wenn man nicht gerade bei Pippi Langstrumpf ist, bekommt die doch das Geburtstagskind, und nicht die Gäste… warum beschenken wir uns zu Weihnachten?

Es war einmal vor langer Zeit, da gab es zu Weihnachten keine Geschenke. Das winterliche Geschenkefest war der 6. Dezember – St. Nikolaus. Dort ergeben sich die Geschenke tatsächlich aus der Nikolauslegende.
Dann kam Martin Luther, der kurzerhand die Heiligenverehrung abschaffte. Kein heiliger Nikolaus, kein Nikolausfest, keine Geschenke…. Nein, das kann man schwer durchsetzen. So wurde das Geschenkegeben im Protestantismus auf das Weihnachtsfest verlegt, der Geber war nun der „heilige Christ“. Daraus entstand das Christkind. Die Katholiken schenkten erst mal weiter am 6. Dezember.

Der Weihnachtsmann, der keineswegs, wie oft behauptet wird, identisch mit St. Nikolaus ist, entstand in seiner heutigen Form soweit durch Quellen belegbar erst im 19. Jahrhundert und ist eine Verschmelzung unterschiedlicher Gestalten, darunter eben auch St. Nikolaus. Allgemein setzte sich der Weihnachtsmann eher im Norden und Osten, das Christkind eher im Süden und Westen Deutschlands durch.

Das Weihnachtsfest wurde ab ca. 1800 auch immer größer und wichtiger gefeiert, und so verschob sich dann auch bei den Katholiken der Fokus – und das Geschenkegeben. Der nächste Katholik, der sich über Mischung der Konfessionen oder ökumenische Gottesdienste beschwert, könnte darüber mal nachdenken.

Wie ist das nun aber anderswo? Nach der Logik, dass das Geschenkegeben an Weihnachten auf Luther zurückgeht, müsste sich ja ergeben, dass in Gegenden, die von der Reformation weniger geprägt sind, die Geschenke auch an anderen Terminen übergeben werden.

Ganz so einfach ist es nicht – in den einst großteils protestantischen Niederlanden etwa ist der Nikolaustag noch größer als Weihnachten.
In Spanien und Italien gibt es die Geschenke traditionell auch nicht an Weihnachten – sondern an einem ganz anderen Termin, der jedoch immerhin irgendwie mit Geschenken in Verbindung steht: Dreikönig. Allerdings verschiebt sich dort aktuell der Geschenketermin auch zunehmend auf die Weihnachtstage – aus rein praktischen Gründen: Es ist einfach praktischer, den eigenen (Schul‑)Kindern ihre Geschenke zu BEGINN, und nicht am ENDE der Weihnachtsferien zu übergeben.

Und warum schenken wir uns nun überhaupt etwas, mitten in Winter?

Das älteste überlieferte Geschenkefest in Europa ist der Neujahrstag. Geschenkegabe zum Beginn des neuen Jahres lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Teilweise hielt sich dieser Brauch, je nach Region mehr oder weniger ausgeprägt.

Mein Mann und ich werden  zwar den heutigen Abend mit meiner Familie verbringen, und auch Geschenke mitbringen und bekommen, unser persönlicher gegenseitiger Geschenketag wird aber Neujahr sein. So, wie es unsere Figuren aus dem Re-enactment auch gehalten hätten/haben.

Ich packe meinen … Schuhkarton?

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Punkt 1: Ich kann mit Kindern eigentlich gar nicht.

Punkt 2: Ich bin katholisch aufgewachsen, aus Überzeugung aus der Kirche ausgetreten, und könnte gut und gerne den Rest meines Lebens verbringen, ohne nochmal ein christliches Fest sehen zu müssen. Weihnachten bedeutet mir erst mal grundsätzlich gar nichts.

Trotzdem packe ich alljährlich Weihnachtsgeschenke für Kinder, die ich gar nicht kenne. Die Aktion nennt sich in Deutschland „Weihnachten im Schuhkarton“ und es gibt sie so ziemlich überall. Es gibt sie auch schon recht lange.

Den ersten Schuhkarton packte ich im Studium. Eine Kommilitonin war sehr engagiert in unterschiedlichen sozialen Bereichen, und macht viel Werbung. Ihre Begeisterung war erst mal ausreichend ansteckend um das auch mal mitzumachen.

Im zweiten Jahr wurde ein Austauschstudent auf die Gruppe der Päckchenpacker aufmerksam. Was wir da machen? Schuhkartons packen. Er grinste. „Ich mach‘ mit.“ Im nächsten Moment erzählte er dann – von seinem eigenen Schuhkarton, den er vor Jahren als Schüler bekommen hatte.

Es war sicher nicht jedes Jahr einer dabei, aber wir hatten immer wieder Austausch- und Auslandsstudenten, die selbst mal auf der Empfängerseite gestanden hatten.

Ich bin sicher, es gibt viele Kinder, die diese Kartons bekommen, sich über die Sachen hoffentlich freuen (oder auch nicht) und das war’s. Aber auch Leute zu treffen, die von sich sagen – „Das Schulmaterial aus dem Karton hat mir wirklich geholfen, in der Schule weiterzumachen“ oder „Darüber habe ich überhaupt erst so richtig realisiert, wie groß die Welt ist, und angefangen, mich für andere Orte und Sprachen zu interessieren – heute studiere ich Sprachen und werde Dolmetscher“ – das sagt mir doch irgendwie, dass diese Kartons eben auch hier und da Kinder wirklich auf einer Ebene erreichen, die etwas „ausmachen“ kann. Kann, nicht muss. Aber manchmal sollte „kann“ einfach reichen. Sobald es was mit „könnte irgendwo Bildung oder Schule unterstützen“ zu tun hat, reicht mir „kann“.

Natürlich, die Kartons werden im Rahmen von Weihnachtsfeiern verteilt. Natürlich verwenden die örtlichen Gemeinden das als „Werbung“. Natürlich wird da über Jesus erzählt. Es ist Weihnachten. Wer darüber jammert, dass mit diesen Kartons missioniert würde, sollte sich vielleicht nochmal dran erinnern, was zu Weihnachten eigentlich gefeiert wird. Und doch bitte einfach selbst keine packen, wenn ihn das stört. (Wer da wirklich und ernsthaft etwas anderes zum selben oder an einem ähnlichen Datum feiert, wird es nicht „Weihnachten“ nennen.) Also ja, eine Aktion die sich Weihnachten im Schuhkarton nennt, wird wohl recht christlich angehaucht sein. Welche christliche Geschmacksrichtung genau das nun bei uns organisiert, ist übrigens zweitrangig, denn die Verteilungen vor Ort erfolgen in den dort ohnehin ansässigen Gemeinden. Da kommt nichts „Neues“, da wird auch nicht von irgendwelchen Sekten missioniert (wie mir mal jemand erklären wollte).

Bei weitem nicht alle ehemaligen Päckchenempfänger, die ich getroffen habe, würden sich heute als gläubig oder überhaupt als Christen bezeichnen. Einige erzählen aber, dass die Gemeinderäumlichkeiten für sie der einzige Ort waren, an dem sie ungestört Hausaufgaben machen, lernen, spielen konnten. Auch das haben sie teilweise überhaupt erst über diese Aktion mitbekommen. Man darf nicht vergessen, dass die Lebenswirklichkeit in den Empfängerländern oft nicht mit unserer zu vergleichen ist.

So, und da packe ich also Weihnachtspäckchen, obwohl ich mit dem Christentum nichts am Hut habe, und mit Kindern auch nicht. Meine Familie packt inzwischen auch mit.

Wir machen es noch immer ganz „traditionell“ im selbstumklebten Schuhkarton. Geschenkboxen könnte man aber inzwischen auch fertig bestellen.

Was packen wir?

Man packt für eine von sechs Gruppen – Mädchen oder Junge, Alter 2-4, 5-9 oder 10-14. Das scheint auf den ersten Blick als Gruppen ziemlich groß und schwer zu beschenken zu sein, in der Praxis ist es eigentlich gar nicht so kompliziert.

Ich habe mich mit der Leiterin der örtlichen Sammelstelle kurzgeschlossen, denn es wird regional sehr unterschiedlich gepackt. Am vorherigen Wohnort gab es immer zu wenige Schachteln für die Gruppe 2-4 – hier packen viele für die Kleinen“, aber für „Junge 10-14“ mangelt es. Wir packen also hier für die ganz Kleinen gar nicht, dafür lieber einen mehr für die Großen.

Ebenso habe ich über die Sammelstellenleiterin erfahren, dass es hier einen Strickkreis gibt, der Mützen, Schals, Handschuhe macht, die auf die Päckchen verteilt werden. Daher geben wir kein Geld mehr für diese Dinge aus, stecken das lieber in andere Sachen – außer es ergibt sich gerade zufällig, dass wir etwas sehen, das uns besonders anspricht.

Wir rechnen ca. 25 – 30 Euro für einen Karton, ich könnte aber auch problemlos für den halben Preis packen, das würde nur etwas mehr Planung verlangen.

Gruppe 2-4 klammern wir aus; In Gruppe 5-9 und 10-14 gibt es bei uns eine ganze Handvoll Sachen, die gleichmäßig in jede Schachtel kommen:

Süßigkeiten
Eine Tafel Vollmilchschokolade (zolltechnisch unbedenklich, viele Süßigkeiten sind aus unterschiedlichen Gründen gar nicht erlaubt, einfache Vollmilchschokolade ist so ziemlich das sicherste)

Hygieneartikel
Eine Zahnbürste und eine Tube Zahnpasta
Mädchen: Haarbürste, Jungen: Kamm.
In die Mädchenpakete legen wir noch ein Päckchen Haargummis/Haarspangen, vorzugsweise nicht rein-rosa (heuer war das Angebot einfach miserabel, verkauft denn kein Laden mehr unterschiedlich gefärbten Haarschmuck?!).
(Sachen wie Seife sind nicht gewünscht, weil dann oft das ganze Paket danach riecht. Irgendwie verständlich.)

Musikinstrument
Mundharmonika oder Blockflöte. Wäre das erste, was ich weglassen würde, wenn ich den Preis verringern wollte. Blockflöten passen übrigens nur in die allerwenigsten Kartons mit einigermaßen akzeptablen Abmessungen, also erst Karton messen, dann Flöte kaufen.

Dann geht es weiter mit:

Schulsachen
In jedes Päckchen kommt bei uns:
1) Schulhefte, kleiner Collegeblock oder leeres Buch
2) Bastelschere
[3) Packung Bleistifte, Radiergummi und Spitzer
4) Packung Filzstifte oder Fineliner
5) Kugelschreiber oder Gelstifte
6) Geodreieck und Lineal
7) Packung Buntstifte]
ODER Punkt 3-7 ersetzt durch ein komplett gefülltes Federmäppchen. Die Dinger sind normalerweise eher teuer und gehen hier im Rahmen unseres Budgets auch nur deswegen, weil wir einen kleinen Schreibwarenladen am Ort haben, der uns die gepackten Federmäppchen für einen symbolischen Betrag zur Verfügung stellt. Da ist neben den obigen Sachen jeweils noch ein Füller und ein Vorrat an Tintenpatronen mit drin. (Heuer waren keine Geodreiecke mit dabei, die haben wir dann lose beigelegt).
Die jüngere Gruppe bekommt dann noch jeweils eine Packung Wachsmalkreiden dazugepackt, die älteren einen Zirkel, und wenn wir welche bekommen haben, einen kleinen Solartaschenrechner.

Kleidung
Da bei uns, wie gesagt, Gestricktes ohnehin in großer Menge da ist und zugepackt wird, nehmen wir Handschuhe, Schals, Mützen nur mit, wenn uns etwas wirklich ins Auge springt. Was wir aber einpacken, ist jeweils eine Packung warme Socken und oder/Thermoleggins/Strumpfhose

Spielzeug
Bei mir kommt zunächst in jedes Päckchen ein Wurliwurm. Kennt ihr den noch? Das war dieser Wurm mit dem Nylonfaden… es gibt von mir keinen Karton ohne Wurli. Ohne anderen Grund als „weil ich das so will“. Es wird zunehmend schwerer, die Tierchen im Laden zu finden, Amazon verkauft sie zum Glück für ca. 3 Euro im Sechserpack, einzeln abgepackt und damit gut geeignet.

Dann wird aufgefüllt.
In die Mädchenkartons was zum Handarbeiten: Freundschaftsarmbänder, Miniwebrahmen, Strickliesl, was wir halt gerade bekommen;
In die Kartons der Älteren irgendein Knobel- oder Geduldspiel, das möglichst selbsterklärend ist, und bei dem man keine Anleitung verstehen muss… Ein Favorit bei mir ist das gute alte Tangram, war bei uns immer ungeschlagen im Beschäftigungsfaktor; wahlweise Solitaire oder etwas Ähnliches.
Je nach übrigem Platz: Ein Spiel für zwei oder mehr, für die Älteren nehme ich gerne Domino, für die Jüngeren mag ich den Packesel gern.
Aufgefüllt mit Straßenmalkreiden, kleiner Drache (die Sorte zum Drachensteigen lassen, nicht die mit dem Feuerspucken), diese… wie heißen sie denn? runde Propeller, die man auf ein Dings mit Schnur steckt, und wenn man an der Schnur zieht, hebt der Propeller ab?, kleines Puzzle, etc. Sehr stark abhängig davon, was gerade so verkauft wird.
Wenn genug Platz im Karton ist UND wir schöne aber nicht zu teure bekommen haben: ein kleines Kuscheltier.

Damit ist so ein Karton am Ende eigentlich ziemlich gut voll, ein kleines bisschen Luft lassen wir für das Zupacken der Stricksachen.

Jedes Jahr verschätzen wir uns mit dem Einkauf und haben am Ende noch Sachen übrig – die stecken wir in eine Tüte und geben sie mit ab, zum Zupacken, da es immer Leute gibt, die entweder nur halb gefüllte Kartons abgeben oder Inhalt hatten, der in der Sammelstelle entfernt wird (batteriebetriebene Sachen, zollrechtlich nicht zulässige Gegenstände, Kriegsspielzeug, gebrauchte Sachen, etc.). Ja, es wird wirklich jeder Karton geöffnet und geprüft, und das ist auch gut und leider notwendig so.

Was es von mir nicht gibt, ist der persönliche Gruß oder das Foto, das viele Leute beilegen. Ich möchte für den Empfänger absolut anonym bleiben, ohne irgendeine „persönliche“ Verbindung, egal, wie gering die wäre. Ich will weder meinen Namen, noch mein Bild hergeben. Sobald der Karton an der Abgabestelle die Hand wechselt, habe ich damit nichts mehr zu tun.

A propos Abgabestelle… Abgabeschluss ist nächsten Dienstag, sollte jemand noch einen gepackten Karton zu Hause stehen haben, sollte er ihn jetzt schnell genau dahinbringen!

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