Am Mercedes steckt der Schlüssel

Du gehst die Straße entlang. Da steht, am Straßenrand geparkt, ein polierter Mercedes. Deiner ist es nicht. Du hast ihn nicht gebaut, du hast ihn nicht gekauft. Aber er gefällt dir. Nehmen wir mal einfach an, du hast einen Führerschein, du fährst gerne Auto, und dieses Auto gefällt dir.

Also brichst du die Tür auf, schließt ihn kurz (nehmen wir mal an, du weißt, wie das geht) und fährst damit weg.

Rechtslage? Klar.

Würdest du das machen?

Wohl eher nicht.

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Du gehst die Straße entlang. Da steht, am Straßenrand geparkt, ein polierter Mercedes. Deiner ist es nicht. Du hast ihn nicht gebaut, du hast ihn nicht gekauft. Aber er gefällt dir. Nehmen wir mal einfach an, du hast einen Führerschein, du fährst gerne Auto, und dieses Auto gefällt dir.

Die Tür ist offen, und der Schlüssel steckt. Also steigst du ein, drehst den Schlüssel im Schloss, das Auto spring an, und du fährst weg.

Rechtslage? Immer noch klar. Bestenfalls wird die Versicherung etwas zur Parksituation zu sagen haben.

Würdest du das machen?

Wohl eher nicht, selbst wenn es den einen oder anderen geben wird, der nun sagt: Würde dem Eigentümer Recht geschehen, was lässt er das Ding da so stehen… Trotzdem ist den meisten von uns doch klar: Dieses Auto muss da so stehen bleiben. Mitnehmen ist nicht.

Zurück zum Anfang.

Du gehst die Straße entlang. Da steht, am Straßenrand geparkt, ein polierter Mercedes. Deiner ist es nicht. Du hast ihn nicht gebaut, du hast ihn nicht gekauft.

Die Tür ist offen, und der Schlüssel steckt. Also steigst du ein, drehst den Schlüssel im Schloss, das Auto spring an, und du fährst weg.

Dieses Mal willst du das Auto gar nicht für dich. Du willst es einfach nur einem Bekannten bringen, der kein Auto hat. Damit der künftig auch eines hat. Der würde nämlich auch gerne damit fahren…

Rechtslage? Dürfte immer noch klar sei.

Würdest du das machen?

Ich vermute: Nein. Robin Hood mag von den Reichen gestohlen haben und den Armen gegeben haben, aber Diebstahl war es dennoch. Damals schon. Heute auch.

Zurück zum Anfang.

Du gehst die Straße entlang. Da steht, am Straßenrand geparkt, ein polierter Mercedes. Deiner ist es nicht. Du hast ihn nicht gebaut, du hast ihn nicht gekauft.

Die Tür ist offen, und der Schlüssel steckt. Also steigst du ein, drehst den Schlüssel im Schloss, das Auto spring an, und du fährst weg.

Heute willst du das Auto weder für dich, noch für deinen Freund, der keines hat. Heute willst du es einfach nur auf den Marktplatz stellen und dort der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, damit alle, die gerne mal einen Mercedes fahren würden, das auch mal tun können. Eine Runde um den Block, dann ist der nächste dran. Wie beim Karussell. Du willst auch kein Geld dafür nehmen und keinen Nutzen daraus ziehen. Du möchtest einfach nur „allen“ etwas Gutes tun.

Rechtslage? Die Argumentation wird nichts ändern.

Würdest du das machen?

Mir fallen aus dem Effeff ein bis zwei Leute ein, die sich das überlegen würden… ich denke, der Großteil würde es dennoch nicht tun.

Denn: Wir sind doch so gut wie alle inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem wir den Unterschied zwischen „meins“ und „deins“ kennen; an dem wir verstehen, dass das Eigentum einer Person nicht einfach zur freien Verfügung steht.

Stellt euch mal vor, was passieren würde, wenn sich an der Garderobe im Restaurant (ja, ich weiß, es gibt solche Leute und deswegen klebt auch so gut wie immer ein Zettel dran, dass für die Garderobe nicht gehaftet wird) jeder einfach den Mantel nehmen würde, der ihm gefällt, weil schließlich kein Name des Eigentümers dran steht.

*

Nun möchte ich das einschränken: Bei Sachen haben wir das Ganze verstanden.

In anderen Bereichen hapert es noch extrem. Insbesondere, wenn es um das sogenannte geistige Eigentum geht. Das Urheberrecht. Das Copyright. Das ist übrigens nicht dasselbe.

Warum ist mir das Thema wichtig?

Weil ich, durch Künstler und Autoren im weitesten Sinn im Bekanntenkreis ständig den Schaden sehe, der durch wildes Weiterverbreiten angerichtet wird?

Weil ich, selbst Autorin, weiß, wie viel Arbeit hinter einem gut formulierten Text steckt, wie viel Zeit in einem Werk jeder Art, und es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit finde, wenn diese Zeit, dieser Aufwand mit Füßen getreten wird?

Weil ich beruflich ständig mit dem Thema zu tun habe, auf allen Seiten?

Eine Mischung wird es sein, von diesen und noch einigen weiteren Punkten.

Ein Bild, hergestellt von einem Künstler, ist dessen Eigentum. Stellt dieser Künstler das Bild ins Internet, ist das nett von ihm. Sofern es nicht ausdrücklich drunter steht, ist das jedoch keine Einladung, es zu kopieren, selbst zu benutzen, sich auf ein T-Shirt zu drucken, auf die eigene Website zu stellen oder das eigene Blog damit zu zieren. Sofern nicht eine ausdrückliche Pauschalerlaubnis gegeben wird, in Form eines Hinweises unter der Veröffentlichung oder einer entsprechenden Lizenzerklärung (die oft bestimmte Bedingungen enthält, die man lesen sollte), gilt erst mal das gleiche, wie für den Mercedes oben: Nicht erlaubt heißt verboten.

Will ich den Mercedes fahren – will ich das Bild nutzen – muss ich den Eigentümer um Erlaubnis bitten. Erhalte ich diese, gebietet zumindest der grundlegende Anstand wenigstens ein Dankeschön (bzw. die Nennung des Eigentümers mit Hinweis auf die Genehmigung. Geht ganz einfach: „Mit freundlicher Genehmigung von X“).

Nun gut, anständig sein kann man, muss man aber nicht…aber: wenn ich nun ein Bild sehe, auf Blog von Person A, ohne Hinweis auf den Urheber… ist das kein Freibrief, das Bild weiterzuverbreiten. (So, wie eben auch die Jacke, an der kein Name klebt, nicht einfach mitgenommen werden darf.) Und an wen ich mich wenden muss, um rauszufinden, ob ich das darf, weiß ich dann u.U. auch nicht. Es wäre also auch den anderen gegenüber, die es vielleicht ebenfalls nutzen möchten, nett.

In der Rubrik „Technik“ oben findet ihr übrigens unter anderem eine Erklärung, wie man den Urheber von Bildern ohne Quelle ausfindig machen kann. Ist halt Aufwand.

Ich finde es schon aussagekräftig, dass eine Freundin es auf die Anfrage hin, ob sie jemandem ein von ihr geändertes Strickmuster zur Verfügung stellen würde, für notwendig hielt, darauf hinzuweisen, dass sich die Person das Original aber bitte vorher von der Schöpferin kaufen sollte. Da habe ich wohl auch erst mal geschaut, wie die sprichwörtliche Kuh im Gewitter. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Jemand hat Arbeit in dieses Ding gesteckt. Es ist ja wohl das Mindeste, diese Person für diese Arbeit, sofern man sie nutzen möchte, auch zu entlohnen.

Und Texte? Texte werden im Internet auch gerne verbreitet. Von Tumblr auf Facebook und umgekehrt, von Twitter überallhin, quer durch alle Plattformen. Mal mit Angabe des Autors, mal ohne. Mal mit Link zum Original, mal ohne. Mal durch Teilen, mal durch Kopieren.

Kurz: Teilen über den vorgesehenen Button ist die einzige Methode, die ohne extra Nachfragen gewählt werden sollte. Nur dann bleibt die Verknüpfung erhalten. Diese Texte, in die ebenfalls jemand Zeit, Überlegung und unter Umständen eine Menge Herzblut gesteckt hat, erhalten wir kostenlos zum Lesen.

Führen wir uns aber mal kurz vor Augen, wie Suchmaschinen und Social Media funktionieren: Jeder Klick, jedes „Teilen“, jedes „Like“ wertet einen Eintrag auf. (Deswegen ist es auch unsinnig, mit „Daumen runter“ oder bösen Kommentaren zu antworten…die Algorithmen erkennen den Inhalt nicht, und am Ende hat man faktisch den Eintrag unterstützt, gegen den man wettern wollte. Dazu aber mehr ein andermal.)

Aufwerten bedeutet: Der Eintrag wird öfter in Suchen angezeigt, er wird „wertvoller“ für Werbeschaltungen, er gewinnt an nutzbarem Wert für den Autor. Das Wenigste, das man tun könnte, wenn einem ein Eintrag so gut gefallen hat, dass man ihn mit anderen teilen möchte, ist doch wohl, dies auf eine Weise zu tun, die auch demjenigen nützt, der ihn ursprünglich erstellt hat.

Dazu darf aber die Verbindung zum Ursprungsartikel nicht abreißen. Daher: Teilen, nie kopieren. Und zum Kopieren erst die Erlaubnis einholen. Und bitte auch bedanken. Wenigstens in der Form, dass andere Leute, die den kopierten Artikel sehen, erkennen können, wo er her ist, und dass die Person der Kopie zugestimmt hat. Zahlreiche Autoren und Plattformen haben übrigens auch Standardtexte, die an kopierte Texte angehängt werden sollen, und die alle relevanten Inhalte enthalten.

Muss ich jetzt bei allem, was ich zitiere, um Erlaubnis bitten?

Nein. Ein Zitat ist „eine wörtlich übernommene Stelle aus einem Text oder ein Hinweis auf eine bestimmte Textstelle“, so Wikipedia. Das Urheberrecht regelt das Zitat in §51. Dabei ist das sogenannte Großzitat, also das „zitieren“ eines vollständigen Werks – das wäre die Situation des Kopierens eines kompletten Artikels – nur im Rahmen wissenschaftlicher Werke zulässig. Das dürfte auf die wenigsten Blogs zutreffen.

Oder ist das Kopieren in Blogs oder auf Social Media etwa eine öffentliche Wiedergabe nach §52? Diese unterliegt aber einer Vergütungspflicht, sofern das Werk nicht zu bestimmten Zwecken einem begrenzten Personenkreis zugänglich gemacht wird. Der Personenkreis ist beim öffentlichen Posten aber nicht begrenzt.

Zulässig ist die Reproduktion zum privaten, eigenen Gebrauch. Deswegen dürfen wir hier auch mit einem Buch in den Copyshop gehen und uns das Buch kopieren, um diese Kopie dann zu Hause aufzubewahren. (In Spanien z. B. ist dies nicht erlaubt). Der ist beim öffentlichen Posten im Internet nicht mehr gegeben.

Und Übersetzungen? Grundsätzlich darf ich erst mal alles übersetzen, sofern ich einen Grund dazu habe. Erlaubt ist das im UrhG in §62(2) („Sofern der Benutzungszweck es erfordert…“). Aber was mache ich dann mit meiner Übersetzung? Grundsätzlich dasselbe wie mit dem ursprünglichen Werk: Für den Privatgebrauch kann ich mir übersetzen, was immer ich möchte. Oder übersetzen lassen. Oder für meine Bekannte übersetzen, die kein Englisch kann. Die Übersetzung veröffentlichen entspricht dann aber der Situation des Gesamtzitats. Ist meine Facebookseite, ist mein Blog eine wissenschaftliche Arbeit? Eher nicht.

Also: Nur mit Erlaubnis. Sei es eine Pauschalerlaubnis in Form einer entsprechenden Lizenzerklärung oder eines Hinweises unter dem Werk, oder eine direkte Erlaubnis durch Kontakt mit dem Urheber. Und auch hier wieder: Zumindest der Anstand gebietet es, eine erteilte Erlaubnis auch zu erwähnen.

Wobei ich ohnehin nicht verstehe, was so schwer daran ist, das zu tun, wenn man sie schon eingeholt hat.

Und erneut: Mit Rücksicht auf den Autor, der Arbeit, Zeit, Herzblut in seine Arbeit gesteckt hat, sollte man die Linkkette zum Original nicht unterbrechen. Das bedeutet, Teilen & Ergänzen der Übersetzung, um dem Autor den Nutzen aus den zusätzlichen Klicks auch zu lassen. Das sollte nicht extra erwähnt werden müssen, sondern eine Selbstverständlichkeit sein.

„Aber wenn doch nun kein Autor drunter steht?“ –Dann kannst du wohl davon ausgehen, dass du bereits eine „Raubkopie“ liest. Nein, davon, dass es der andere auch schon gemacht hat, wird das, was du gerade tun willst, nicht besser. Es gibt zwar den Begriff des „verwaisten Werks“, doch wird dort verlangt, dass der „Rechtsinhaber auch durch eine sorgfältige Suche nicht festgestellt oder ausfindig gemacht werden konnte“. Die anderen Einschränkungen lasse ich jetzt mal kompletten außen vor, denn ganz ehrlich? Niemand, der einen Internetbrowser mit Google besitzt, kann mir ernsthaft weiß machen, er wäre nicht in der Lage, herauszufinden, wo ein von irgendjemandem kopierter Text herkommt…

„Aber ich will doch nur, dass alle meine Bekannten, die Sprache X nicht verstehen, den Text auch lesen können.“ Ja, fein. Dann frag‘ nach und mach‘ es richtig. Den fremden Mercedes kannst du auch nicht einfach als besseren Autoscooter auf den Marktplatz stellen, nur weil du willst, dass alle mal fahren dürfen.

Es sind hier oben zwei Dinge gemischt: Die reine Rechtslage – ja, eine Urheberrechtsverletzung in dem Umfang wird kaum strafrechtlich verfolgt werden, schon alleine, weil sich die Urheber den Stress nicht antun wollen – und die Frage des Respekts vor der Arbeit anderer Leute, die ich oben auch als „Anstand“ bezeichnet habe. Ich wüsste es zu schätzen, wenn wir davon allgemein etwas mehr zeigen würden.

 

Soo, und nachdem es nun hoffentlich alle einschlägigen Personen hinbekommen, meinen Klarnamen und meinen Blognamen überein zu bringen, wünsche ich schon mal allseits frohes Lästern. Keine Sorge – wir tun’s auch.

Der Dolmetscher

„Ah, du bist Übersetzer…“

„…und wohnst in Brüssel…“

„… dolmetscht du dann auch für die EU?“

Meine Lieblingsfrage. Also: nicht.

„Ah, du bist Übersetzer…“

„…was dolmetscht du so?“

Gar nichts.

Ich bin, wie gesagt, Übersetzer. Würde ich dolmetschen, wäre ich Dolmetscher.

Viele Leute sind wahnsinnig überrascht, wenn sie erfahren, dass das nicht dasselbe ist. Nicht mal das gleiche. Nicht mal wirklich ähnlich. Gut, beides hat das damit zu tun, eine Sprache für eine Person, die diese Sprache nicht spricht, verständlich zu machen. Aber da hört es auch schon auf.

Leider bringt diese fehlende Information nicht nur Erklärungsbedarf mit sich, sondern manchmal auch rechte Schwierigkeiten – wenn ich etwa einem Bekannten klar machen muss, dass ich seine Veranstaltung nicht deswegen nicht dolmetschen werde, weil ich es nicht will, keine Lust habe oder er mir nicht genug Geld anbietet (vermutlich wäre sogar alles drei dennoch der Fall), sondern weil ich es nicht kann.

Einmal rief mich meine Schwester an: Ich müsse ihr bitte schnell etwas für jemanden übersetzen, es würde nicht lange dauern. Ich sagte „okay“ und erwartete, eine E-Mail mit dem Text zu erhalten. Stattdessen fand ich mich eine Minute später in einer Telefonkonferenz wieder. Ich stotterte mich irgendwie durch das Gespräch, danach bekam meine Schwester dann noch „unter vier Augen“ eine längere Darlegung zum Thema Übersetzen und Dolmetschen.

*

Wo ist nun der Unterschied?

Zunächst, ganz einfach: Der Übersetzer übersetzt schriftlich, der Dolmetscher mündlich.

In der Regel arbeitet der Übersetzer im Büro oder sonstwo am Computer. Der Dolmetscher ist in der Regel vor Ort, bzw. gelegentlich am Telefon zugeschaltet.

Als Übersetzer habe ich einen Text in fixierter Form vorliegen. Ich tippe diesen Text in einer anderen Sprache und gebe ihn in fixierter Form wieder ab. Der Dolmetscher hat nur selten einen Text auf Papier vorliegen und wenn, dann hilft es nicht viel (mehr dazu später).

Als Übersetzer kann ich unterschiedliche Übersetzungen durchdenken und mich dann für die beste Entscheiden. Der Dolmetscher muss sofort handeln und „Output“ präsentieren.

Als Übersetzer kann ich korrigieren und überarbeiten. Der Dolmetscher hat nur einen Versuch.

Als Übersetzer kann ich in ein Wörterbuch schauen oder recherchieren. Der Dolmetscher hat nur das, was er im Kopf hat.

Zusammenfassung:

Übersetzer Dolmetscher
Schriftlich Mündlich
In der Regel im Büro In der Regel vor Ort
Hat den Text vorliegen Hört den Text meistens nur
Hat Zeit zum Nachdenken Muss sofort ein Ergebnis produzieren
Kann überarbeiten und korrigieren Kann nicht korrigieren
Kann nachschlagen Kann nicht nachschlagen

 

Klingt das jetzt danach, als hätte der Dolmetscher den bei weitem schwereren Job?

Für mich schon!

Für den ausgebildeten Dolmetscher nicht unbedingt, denn der wiederum ist für seine Arbeit ausgebildet, nicht aber für die Feinheiten des Übersetzens. Der Dolmetscher darf sich auf die Kernaussage konzentrieren, während ich versuchen muss, Mehrdeutigkeiten mit zu übertragen. Der Dolmetscher muss sich in der Regel wenig Gedanken darüber machen, für welches Zielpublikum er übersetzt, da seine Situation klar ist, und er das Zielpublikum direkt vor Augen hat.

Der Dolmetscher muss sich nicht mit unterschiedlichen Dateiformaten herumschlagen, er muss nicht mehrere Textverarbeitungsprogramme, Tabellenkalkulationsprogramme und Präsentationsprogramme beherrschen. Er muss auch nicht schnell und richtig tippen können.

Beide Arbeiten können sehr anstrengend sein, aber auf unterschiedliche Weise.

*

Beim Dolmetschen unterscheidet man zunächst zwei Arbeitsweisen: Konsekutivdolmetschen und Simultandolmetschen. Andere Begriffe, die man zuweilen hört, sind „Konferenzdolmetschen“, „Flüsterdolmetschen“ oder „Schriftdolmetschen“.

Beim Konsekutivdolmetschen wird mit Verzögerung gedolmetscht. Der Sprecher spricht , und erst wenn er Pause macht, kommt der Dolmetscher dran und wiederholt den Text in der Zielsprache.

Nachteil: Zeitaufwändig.
Vorteil: Keine technischen Hilfsmittel notwendig.

Denkt euch nun mal bitte in einen Vortrag. Der Redner schließt mindestens einen kompletten Sinnzusammenhang ab. Das kann sein, dass er fünf oder zehn Minuten spricht. Nun sollt ihr diesen eben gehörten Text in einer anderen Sprache wiederholen, ohne wichtige Punkte auszulassen.

Klingt unmöglich?

Selbst in einem Gespräch („Gesprächsdolmetschen“), in dem nur drei oder vier Sätze am Stück gesagt werden, bevor die Verdolmetschung folgt, wird es schwer.

Deswegen verbringen Dolmetscher in der Ausbildung mehrere Semester bis mehrere Jahre (!) mit dem Erlernen und Verfeinern von Notizentechnik. Stenografie ist schneller als Handschrift, die Notizentechnik des Dolmetschers nochmal deutlich schneller als Stenografie. Durch Verwendung von Kürzeln, Symbolen, eine bestimmte Anordnung auf dem Blatt und Markierungen schafft der Konsekutivdolmetscher sich einen Merkzettel, der ihm bei der Wiedergabe hilft.

Die Wiedergabe in der Zielsprache erfolgt nicht als wörtliche Übersetzung, sondern als gestraffte und unter Umständen leicht umstrukturierte Reproduktion. Das Ziel ist es, dem Zuhörer („Rezipient“) den Inhalt des Texts zu vermitteln, und dabei so wenig Zeit wie möglich in Anspruch zu nehmen. Andernfalls würde ja die Veranstaltung doppelt so lang werden.

Ist der Kunde nett, stellt er dem Dolmetscher vor der Veranstaltung Unterlagen sowie die Druckfassungen der geplanten Reden oder Vorträge zur Verfügung. Ist er es nicht, muss sich der Dolmetscher auf das verlassen, was er vor der Veranstaltung zum Thema recherchieren kann. Denn: Kennt er ein Wort, dessen Bedeutung oder den Zusammenhang in einer der beiden Sprachen nicht, wird er es nicht dolmetschen können. Mal schnell ins Wörterbuch schauen oder Wikipedia aufmachen geht nicht.

Selbst wenn der Dolmetscher die Textvorlage erhält, kann er nicht einfach einen Text vorfertigen und auswendig lernen oder ablesen. Redner und Präsentatoren halten sich fast nie an die Textvorlage. Jede Abweichung kann relevant sein. Es muss daher aus der Situation entschieden werden, ob die Änderung gedolmetscht werden muss.

*

Klang das alles jetzt schon wahnsinnig anstrengend und stressig?

Dolmetscher sind so unglaubliche Leute (ernsthaft, ich habe die allergrößte Hochachtung vor jedem Dolmetscher!), die können noch eines draufsetzen!

Das Simultandolmetschen sieht so aus:

Während der Konferenz, der Präsentation oder dem Vortrag sitzen viele Dolmetscher abgeschottet in Kabinen. Sie haben Kopfhörer auf und Mikrophone. Jeder Teilnehmer kann sich einen Kopfhörer oder Ohrstöpsel nehmen und, z. B. durch Knöpfe am Tisch die gewünschte Sprache einstellen. Während der Redner oder der Vortragende spricht, kommt aus dem Ohrstöpsel bereits der Text in der gewünschten Sprache, mit einer Verzögerung von nur einem halben bis einem ganzen Satz.

Für den Dolmetscher bedeutet das, dass er seine Gehirnleistung sozusagen zweiteilen muss: Er muss den Ausgangstext des Redners hören, im Kopf umwandeln, und die zielsprachige Fassung aussprechen, während er ununterbrochen dem Redner zuhört und den fortlaufenden Text umwandelt. Er muss also gleichzeitig hören und sprechen, dazwischen verarbeiten, und darf sich weder durch das Zuhören am Sprechen hindern, noch durch das Sprechen beim Zuhören stören.

Diese Vorgehensweise ist für den Zeitablauf und den Komfort der Teilnehmer bei Weitem die bessere… für den Komfort des Dolmetschers natürlich nicht.

Die erforderliche Konzentration ist immens. Deswegen sind die Sprachkabinen mit zwei bis drei Dolmetschern „bestückt“, die im Fünf- oder maximal Zehnminutentakt durchtauschen. Länger kann man diese Art von Konzentration nicht aufrechterhalten.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber zu „meiner Zeit“ – also, als ich im Studium war – gab es nur eine einzige Universität, die Simultandolmetschen aktiv unterrichtete, mit Kabinen und allem. Unsere Studenten waren die einzigen, die mit ihrem Diplom bereits die Fähigkeit hatten, mit der Technik in der Dolmetschkabine umzugehen, sich mit dem Umschalten zwischen mehreren Dolmetschern auskannten und die Situation überhaupt bereits realistisch erlebt hatten. Um diese Übung zu gewährleisten, organisierte und organisiert die Universität die sogenannten „Freitagskonferenzen“ – eine Vortragsreihe zu unterschiedlichen Themen, die von den Studenten verdolmetscht wird. Jeder Universitätsangehörige ist eingeladen und die Lehrer kommen üblicherweise ebenfalls, um ihre jeweiligen Schüler zu begutachten.

Neben dem oben beschriebenen Kabinendolmetschen gibt es noch andere Formen des Simultandolmetschens:
Beim Flüsterdolmetschen sitzt der Dolmetscher neben oder hinter seinem Kunden und dolmetscht leise nur für diesen.
Beim Gebärdensprachdolmetschen wird zwischen Lautsprache und Gebärdensprache gedolmetscht. Auch das findet meistens simultan statt.
Das Relaydolmetschen kommt zum Einsatz, wenn der Sprecher eine eher seltene Sprache spricht. Dann dolmetscht ein Übersetzer diese Sprache in eine „üblichere“ Sprache – z. B. Englisch oder Französisch – und alle anderen Dolmetscher dolmetschen die Verdolmetschung in ihre Zielsprachen. Damit spart man sich den Aufwand, etwas 24 verschiedene Dolmetscher zu finden, um, sagen wir mal, Gälisch in acht verschiedene Sprachen zu übersetzen. Einen für Gälisch-Englisch findet man doch eher, und 24 für Englisch > Zielsprache auch…

*

Was ist nun mit den anderen Begriffen, die ich oben genannt hatte?

Konferenzdolmetschen beschreibt einfach das Dolmetschen einer Konferenz oder einer konferenzähnlichen Situation. Meistens erfolgt das simultan, aber auch konsekutives Dolmetschen kommt vor.

Schriftdolmetschen ist ähnlich wie Gebärdensprachdolmetschen für Gehörlose gedacht. Im Gegensatz zum Gebärdensprachdolmetschen wird jedoch nur in eine Richtung gedolmetscht. Heißt: Der Gebärdensprachdolmetscher macht die Lautsprache für den Gehörlosen verständlich und die Gebärdensprache für den Hörenden. Der Schriftdolmetscher tippt das gehörte, sodass der Gehörlose es auf seinem eigenen Bildschirm sehen kann. Daher eignet sich das Schriftdolmetschen für Vorträge und Präsentationen, weniger aber für interaktive Situationen.

*

Eines ist, denke ich, klar: Das Dolmetschen ist sehr fehleranfällig. Die Leistung des Dolmetschers sollte nicht unterschätzt werden, auch wenn ihm ein Schnitzer passiert.

Damals an der Uni unterhielt ich mich mit einer Kommilitonin. „Weißt du“, sagte sie, „wenn du so gar nicht drüber nachdenken kannst, was du da eigentlich sagst, und das alles automatisch ablaufen muss…“ und sie wollte sagen: „dann dolmetscht du früher oder später mal kompletten Blödsinn.“
Offenbar war sie in Gedanken auch schon wieder am Dolmetschen oder so, denn raus kam: „… dann dolsdumetscht…“ Seit dem Tag bezeichneten wir unter uns das Konzept „Fehler machen beim Dolmetschen“ als „Dolsdumetschen“ , zur Erheiterung und Verwirrung neuer Studenten.

So, und weil ich der Meinung bin, dass man durchaus über Dolmetschfehler lachen darf, auch wenn man sie dem Dolmetscher selbst nicht vorzuhalten braucht… und weil aus dem „dolsdumetschen“ manchmal ganz witzige Sachen entstehen:

Es war 2005, und George Lucas gab ein Interview, das – simultan – gedolmetscht wurde. Natürlich sollte sich der Dolmetscher, der George Lucas dolmetscht, vorher vielleicht in relevante Dinge aus seinem Werk einlesen, aber wir wissen schon mal nicht, wie viel Vorwarnung der hatte… und sicher nicht auf dem Plan der Zusammenfassung oder vorgeschriebenen Texte stand der Satz, den Lucas abschließend sagte: „May the force be with you!“ (Möge die Macht mit euch sein). Ein berühmtes Zitat aus Star Wars.

Ein Star-Wars-Fan war er bestimmt nicht, der Dolmetscher. Denn, was dolmetschte der?

„Am vierten Mai sind wir bei Ihnen.“

Force falsch als „fourth“ – vierter – zu hören… na ja, wenn man das Zitat nicht kennt, kann es wohl passieren. Dass dann „May“ Mai und nicht „Möge“ wird – logisch. Aus dem Rest machte er, was er konnte…

Er erntete großen Spott, und die Sache sprach sich rum…

Dass jedoch die Star-Wars-Fangemeinde seit 2011 international am 4. Mai den „Star-Wars-Tag“ begeht hat, trotz hartnäckiger Gerüchte, keinen Kausalzusammenhang damit.