Das meine ich doch nicht so…

Ich könnte regelmäßig in die Luft gehen – Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse überproportional viel mit Eltern junger Autisten zu tun. Und darunter gibt es einige, die ihre Kinder gerne als „Auti“ oder „Aspie“ bezeichnen.

Es ist kein Geheimnis: ich finde das schrecklich.

Ja, ich weiß auch, es gibt unter uns einige, die sich selbst so nennen. Das werde ich nicht verstehen, aber wenn es sich um die für sich selbst gewählte Bezeichnung eines Menschen handelt, verwendet durch diesen Menschen, kann ich es akzeptieren. Ohne ausdrückliche Aufforderung würde ich diesen Menschen aber auch nicht so bezeichnen. Weder ihm gegenüber, noch jemand anders gegenüber. Das Wort „Autist“ ist nicht ungebührlich lang.

Wie mein Vater immer so gerne sagte: „So viel Zeit muss sein“.

Wenn eine blinde Freundin sich selbst als „Blindfisch“ bezeichnet, kann sie das gerne tun. Das gibt mir und jedem anderen aber nicht das Recht, es ebenso zu machen.

Ich bin alt genug, um mich bereits darüber geärgert zu haben, als in den jüngeren Jahrgängen unserer Schule die Wörter „Spast“ und „Spasti“ in Mode kamen.

Liebe Eltern – wie ist das? Wenn euer Kind eine spastische Lähmung hätte, würdet ihr es als „Spasti“ bezeichnen, und mir dann erklären, das sei ja nett gemeint? Würdet ihr euer blindes Kind als „Blindi“ oder euer gehörloses Kind als „Taubi“ bezeichnen? (Bin das eigentlich ich, oder klingt das nach Schlumpf?)

Nein, ihr müsst mir diese Frage nicht beantworten. Beantwortet sie einfach nur euch selbst gegenüber mal kurz und ehrlich. Und falls die Antwort „nein“ wäre, fragt euch, warum nicht.

 

Ich habe mit dem Prinzip dieser Bezeichnungen viele Probleme. Ich greife hier einmal eines heraus.

Ich höre immer wieder: „Das ist ja ein Kosename“ – „Ich meine das ja nett.“

Wisst ihr, wo man „ich meine das ja gar nicht böse!“ und „ich meine das ja nett!“ hört? Immer und immer und immer wieder?

Beim Triezen, beim Ärgern, beim Belästigen.

Beim Mobbing.

In der Schule, aber auch sonst.

Ob „Spast“ oder „Fetti“ oder sonst etwas – Die Standardantwort auf einen Rüffel ob der verwendeten Bezeichnungen ist eine Variation von „Aber ich meine das doch nett.“

Und, ans Opfer gewandt: „Du weißt doch, dass ich das nicht böse meine, oder? Das macht dir doch nichts aus, oder?“

Ach ja… das hat man ja von zu Hause schon gelernt, nicht wahr? Wenn es nicht böse gemeint ist, darf man sich nicht darüber ärgern. Dann ist das hinzunehmen. Ist ja nett gemeint.

Wie genau wollt ihr euren Kindern erklären, dass diese Regelung NUR für euch gilt?

Warum sollte die überhaupt für euch gelten?

Was meint ihr, wie viel schwerer macht ihr es einem Kind, das vielleicht ohnehin schon Schwierigkeiten hat, Intentionen zu erraten, indem ihr diese Grauzone schafft?

Es ist okay, wenn es nett gemeint ist… Ein Prinzip, von dem sicher jeder, der Mobbing in irgendeiner Weise erlebt hat, mehr als ein Lied singen kann.

Eine Art von Übergriff, gegen die sich zu wehren umso schwerer wird, wenn von zu Hause aus Zweifel gesät werden, ob es nicht DOCH okay ist… solange es nicht böse gemeint ist…

Wenn bereits darauf konditioniert wurde, dass es doch okay ist… schließlich sagen Mama und Papa ja auch so etwas Ähnliches…und die meinen es ja auch nicht böse…

 

 

Zu oft höre ich dann auch den Satz: „Aber ich habe mit meinem Kind geredet, und mein Kind sagt, das ist für ihn/sie okay.“

Leute, wisst ihr was? Die Verantwortung für euer Verhalten auf eure Kinder (oder Teenager) abzuschieben?

Geht gar nicht.

Ihr werdet doch bitte als seit etlichen Jahren volljähriger Mensch etwas mehr Überblick über euer Handeln haben als eure Kinder, auch wenn diese schon im Teenageralter sein sollten.

Wollt ihr mir im Ernst erzählen, euer Kind würde das besser überblicken als ihr?

Oder, in Kurzfassung:

WER IST DENN HIER DER ERWACHSENE?