Die Belagerung von Burgos

Und es trug sich zu…

…dass Wellington auch nicht immer auf Anhieb gewann.

So geschehen in Burgos, im Jahr 1812.

Burgos war eine Festung in Nordspanien. Die Burg bereits damals noch nicht die Ruine, die sie heute ist. In der Tat wurde sie 1813 von den französischen Truppen in die Luft gejagt, als diese aus Burgos abzogen.

Nun befinden wir uns jedoch noch einige Monate vor diesem Zeitpunkt. Die Garnison in Burgos wird angeführt von Jean-Louis Dubreton, Brigadegeneral der Franzosen.

Wellington hatte gerade eine Reihe von erfolgreichen Aktionen hinter sich und die französischen Truppen aus mehreren Städten und Festungen vertrieben. Dubreton allerdings erwies sich als besonnenerer Stratege als seine Kollegen.

Portugal war zu dem Zeitpunkt bereits fest in den Händen der Alliierten, befreit von den Besatzern. Die Armee aus Portugiesen und Briten rückte dann weiter vor, durch Spanien Richtung Frankreich. Im Juli 1812 hatte Marschall Marmont Salamanca verloren. Im August zogen die Briten unter Jubel der Bevölkerung in Madrid ein. König Joseph (Napoleon Bonapartes Bruder) floh nach Valencia. Marschall Soult verließ mit seinen Truppen nun endlich Andalusien (nachdem er dem entsprechenden Befehl des „spanischen“ Königs Joseph zuvor nicht Folge geleistet hatte, und marschierte ebenfalls Richtung Osten. In dem Wissen, dass er ein Problem haben würde, wenn die beiden Teile der französischen Armee, die bei  Joseph waren, sich mit denen von Soult vereinen konnten, machte Wellington sich daran, seine Position zu sichern. Er ließ mehrere Divisionen unter „Daddy Hill“ in Madrid zurück, um die Hauptstadt zu verteidigen, und marschierte mit seinen Truppen nordwärts. Burgos war ein strategisches Ziel. Eine Einnahme der Stadt hätte Vorstöße weitere französischer Verstärkungen bzw. die Versorgung aus Richtung Norden gestört.

Im September brachte Wellington also seine Truppen in Stellung. Ein Infanterieangriff im großen Stil kam für ihn dieses Mal nicht in Frage. Er hatte im letzten Jahr gerade zwei Belagerungen zwar erfolgreich aber jeweils mit schweren Verlusten abgeschlossen.

Er wollte zunächst versuchen, auf anderem Weg einen Pfad in die Stadt freizumachen. Zu diesem Zweck gab es die „Military Artificers“, heute „Royal Engineers“, auch bezeichnet als „Sappers“; Sappeure haben Aufgaben wie Brücken bauen, Brücken sprengen, Belagerungsgräben ausheben, Annährungsgräben buddeln (also Gräben, in denen man an die Befestigungsanlagen rankommt), Mienen legen, Mienen in Annäherungsgräben legen um damit hoffentlich die Befestigungsanlagen in die Luft zu jagen… Leider war diese Truppe zu der Zeit in der britischen Armee eine ziemlich „stiefmütterlich“ behandelte, unterbesetzt und nicht ausreichend ausgestattet. Die Arbeiten selbst waren auch nicht besonders sicher, vor allem auch aufgrund der unzureichenden Ausrüstung. An der Belagerung beteiligt waren fünf Ingenieure und acht Sappeure. Einer aus jeder Gruppe fiel, ein Ingenieur und sieben weitere Sappeure endeten auf den Verwundetenlisten.

Die Verteidigung erfolgte in zwei Linien. Die äußere konnte Wellington am 19. September einnehmen, was jedoch mit hohen Verlusten unter den eingesetzten Brigaden einherging, da diese zu früh von den Verteidigern entdeckt wurden.

Die innere Verteidigungslinie nutzte die Anlagen der Burg. Im ersten Anlauf ließ Wellington hier also eine Mine unter der Mauer platzieren und zünden. Dies funktionierte so weit auch, die Mauer stürzte ein. Leider fand man bei der darauf folgenden Erstürmung heraus, dass es sich lediglich um eine alte Mauer handelte, die einer neueren Mauer vorgelagert war. Die eigentliche Verteidigungsanlage der Franzosen war noch intakt.

Der zweite Anlauf – Es war inzwischen Oktober – gestaltete sich schwerer, denn die Anstrengungen zur Vorbereitung der Erstürmung der Festung wurden entdeckt. Es sah nun so aus, dass die Briten tagsüber an ihren Vorbereitungen arbeiteten und die Franzosen diese des Nachts wieder zerstörten. Dennoch schafften sie es, am 4. Oktober eine neue Mine zu zünden und tatsächlich eine Bresche in die äußere Verteidigungsanlage zu schlagen. Der folgende Angriff brachte den Alliierten immerhin einen kleinen Stützpunkt nahe der Festung.

Das war Dubreton nun aber doch zu viel, und er startete am Folgetag einen Gegenangriff, schlug die Belagerer zurück, und nahm einen großen Teil ihrer Ausrüstung an sich. Diese Vorgehensweise behielt er nun erst mal bei, was die Arbeiten der Belagerer doch sehr störte. Zu allem Überfluss begann es nun auch noch, in Strömen zu regnen. In gefluteten Gräben kann man nur sehr schlecht mit Sprengstoff arbeiten, und so konnte auch erst zum 18. Oktober erneut eine Mine gezündet werden. Der folgende versuchte Sturm war jedoch nicht sehr erfolgreich, da die Verteidigung zu gut organisiert war, und den Angreifern auch so langsam die Munition ausging.

Da nun auch noch Verstärkungen für die Franzosen anrückten, musste Wellington sich mit seinen Truppen zurückziehen. Außerdem bedrohte inzwischen Soult auf dem Weg aus Andalusien die Stellung in Madrid, die spanischen Truppen verweigerten gerade die Hilfe, weil deren oberster Kommandant sich übergangen fühlte und schmollte, und die Franzosen nahmen eine strategisch wichtige Brücke ein.

Nachdem er am 21. Oktober so sauber abgezogen war, dass die Franzosen erst einen Tag später merkten, dass sie nicht mehr belagert wurden, wurde Wellington auf dem Weg in Richtung des Rests seiner Armee immer deutlicher klar, wie schlecht seine Position im Vergleich zu den sich immer mehr konsolidierenden Franzosen geworden war. Er erteilte daher Ende Oktober Befehl an Hill, Madrid aufzugeben.

Um sich an einer sicheren Position neu zu gruppieren und einen erneuten Vorstoß zu beginnen, bewegten sie sich sehr weit nach Westen und gaben dabei große Landstriche in Spanien auf, die danach erneut erobert werden mussten. Der Rückzug erwies sich als katastrophal. Die Versorgung war komplett zusammengebrochen, Hunger, Kälte, schlechtes Wetter und fehlende Ausrüstung führten zu zahlreichen Verlusten. Hätten die Franzosen hier realisiert, was vor sich ging, und eine volle Verfolgung angeordnet, hätten sie vermutlich einen großen Teil der Alliierten Armee vernichtend schlagen können, und die Geschichte wäre anders ausgegangen.

Wie es nun aber war, konnte Wellington seine Männer schließlich in gesicherter Position wieder sammeln und über den Winter zu Kräften kommen lassen. Die relativ kurzfristige Anwesenheit in Spanien 1812 war jedoch keineswegs umsonst gewesen. Vielmehr war es ein wichtiger Grundstein für die spätere Unterstützung in der spanischen Bevölkerung, als Wellington Spanien 1813 erneut einnahm. Die Briten, denen das Plündern und Vergewaltigen bei Todesstrafe verboten war, wurden dann als Befreier gesehen, entgegen der Französischen Besatzer, die sich nahmen, was sie wollten.

Burgos wurde in Juni 1813 endgültig eingenommen. Die Franzosen sorgten dabei für einen sehr effektvollen Abzug: Bevor sie gingen, jagten sie die Burg in die Luft: mit solcher Eile, dass sie nicht auf die Evakuierung ihrer eigenen Leute warteten. Um die Zweihundert Soldaten aus ihren eigenen Reihen starben in der Explosion.

Die Belagerung von Burgos (Reenactment)

Wir hatten ja eigentlich schon ein Leihpferd für meinen Mann gebucht, damals…

Denn ab einer bestimmten Distanz wird es unpraktisch, eigene Pferde mitzunehmen. Wir waren zu dem Zeitpunkt ein gutes Jahr zusammen, ich begleitete ihn zwar auf Veranstaltungen, spielte aber noch nicht selbst mit, sondern hielt mich im Hintergrund und beschäftigte mich mit Pferdeputzen, Mikros anheften und Ähnlichem. Ich kannte ihn auf jeden Fall lange genug, um zu wissen, dass es den Herrn nie längere Zeit ohne irgendwelche Schäden gibt.

In dem Fall war er gerade eine Woche vorher zu faul gewesen, die fünfzig Meter bis zur Treppe zu laufen, und von einer etwa 1,80 m hohen Mauer gesprungen. Kann man machen. Würde ich vermutlich auch machen. Nur sollte man vorher schauen, wo man hinspringt.

In dem Fall war das wohin frisch aufgeschütteter Kies, er kam schlecht auf, knickte um… und lief dann noch gut vier Stunden auf einem angeknacksten Fuß und einem gerissenen Band im Knöchel, weil „der Stiefel ist ja gut und hält das.“ Mag sein, aber fast hätte er dann denselben an dem Abend auch mit ins Bett nehmen müssen.

Nun gut, so ein Knöchel lässt sich mit einer Plastikschiene einigermaßen unaufdringlich stabilisieren, und dem Auftritt stand insofern nicht allzu viel im Weg – wenn man davon absieht, dass in den historischen Stiefeln nicht so unendlich viel Platz ist, und man sich deswegen für den Auftritt wieder darauf verlassen „muss“, dass der Stiefel ausreicht. Nur: Immerhin ist er so vernünftig, angeschlagen nicht auf Fremdpferde zu steigen und dann mit diesen in die Schlacht zu reiten.

Das Kuschelpferd musste also mit. Und da wir keinesfalls so früh los konnten, dass wir mit Hänger hätten fahren können und der Flug ohnehin schon gebucht war, war es ein Glück dass immer irgendjemand aus der Truppe Ausrüstung per Auto transportiert. Dort sollte nun also das Kuschelpferd mitfahren. Im Hänger natürlich.

*

Wir flogen also am Freitag, nachdem der Mann, der damals eben „nur“ mein Freund war, Feierabend hatte, einmal quer über Frankreich nach Spanien, fuhren dann weiter nach Burgos, und kamen einigermaßen im Zeitplan an.

Die Franzosen waren als Verteidiger unterhalb der Burgruine platziert, die Briten als Angreifer außerhalb der Stadt.

Kaum angekommen – wir hatten noch nicht mal Zeit, nach unserem Zelt zu sehen – kam uns ein ziemlich zerknirscht dreinblickender Fahrer entgegen. Den Grund dafür bekamen wir dann auch schnell zu sehen: Was ein dunkelbraunes Pferd hätte sein sollen, hatte sich in ein hochzufriedenes Schlammmonster verwandelt. In anderen Worten: Er hatte dem Kuschelpferd was Gutes tun wollen, und es auf der Wiesen laufen lassen – und es hatte sich kurzerhand mit Anlauf in das einzige Gewässer weit und breit geworfen, das dank der Jahreszeit und der Temperaturen nur eine seichte Schicht Wasser über viel Schlamm darstellte, und sich darin ausführlich herumgewälzt.

Antrocknen lassen, dann abbürsten… was anderes kann man da, in Ermangelung eines zur Verfügung stehenden Wasserschlauchs, kaum machen.

Während das Pferd langsam etwas beleidigt wurde, weil es keiner beschmusen wollte, ging es für uns also erst mal ins Zelt, dann einen Zeitplan holen – und mich ausführlich von dem Zuständigen ausschimpfen lassen, weil ich mir erlaubte, die Broschüre mit demselben erst mal abzuphotographieren, um den Plan quasi „unverlierbar“ bei mir zu haben. Ach ja… die Urheberrechtsregeln und das Kopierverbot in Spanien… Wie konnte ich sie nur vergessen? Schon zu meinen Studienzeiten waren die legendär. Regel Nummer 1 in Spanien: Versuche nie, nie, NIEMALS irgendeine Drucksache zu kopieren, wo dich jemand dabei sehen kann. Und geh‘ dazu bloß nicht in einen Copyshop, sofern du dort nicht rausfliegen willst. Nein, auch nicht schnell einen Artikel oder eine Seite Lehrbuch, die du für’s Studium bräuchtest. Irgendwie schaffte ich es, den Herrn Broschürenausgeber zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass ich das Foto wieder löschen würde, sobald die Veranstaltung vorbei war, und ich auch wirklich NUR den Zeitplan und keine Beschreibungstexte oder Fotos drauf hatte.
(Ist das eigentlich inzwischen besser? Ich hab’s noch seitdem noch nicht wieder ausprobiert).

Etwas ungewöhnlich war der Zeitplan auch. Normalerweise sind Reenactments fortlaufende Angelegenheiten. Die Lager sind eigentlich geöffnet, solange jemand wach ist, und nur während der Schlachten geschlossen, wenn nicht genug Leute übrig wären, um Aufsicht zu führen. Geboten ist eigentlich durchgängig etwas. Hier war es aber so, dass nur bestimmte Zeiten vorgesehen waren, zu denen für ein paar Stunden „Lagerleben“ praktiziert wurde, und am Samstag mehrmals „Leerlauf“ war – Zeiten, zu denen wirklich nichts vorgesehen war.

Wieder im Zelt wurde erstmalig klar, dass die Streunersituation dort sehr extrem war. Es ist allgemein so, dass man in Spanien und Portugal viel mehr streunende Tiere trifft als bei uns. Diese sind auch in der Regel relativ zutraulich, da sie daran gewöhnt sind, von Touristen gefüttert zu werden. Man könnte auch sagen: Aufdringlich. Da historisch korrekte Zelte aber keine verschließbaren Netze sondern nur sehr undicht schließende Planen haben, ist es so gut wie unmöglich, zu verhindern, dass man hin und wieder ungefragt Besuch bekommt. An diesem Wochenende gab es aber wirklich ungewöhnlich viele ungeladene Gäste.

Nach einem schnellen Abendessen im Zelt – und vorsichtigem Wegräumen aller Reste – machten wir uns dann erst mal daran, das Kuschelpferd zu säubern. Und das dauerte. Auch angetrockneter Schlamm bürstet sich nicht so schnell aus, wie man sich das gerne vorstellen möchte. Zuerst waren wir noch zu zweit am Striegeln, dann kam doch irgendwann der Moment, in dem der Mann nicht mehr so recht stehen konnte, und sich lieber das Sattelzeug nahm und dieses nochmal durchpolierte, während ich weiter das Pferd bearbeitete. Wäre geplant gewesen, dass Kuschelpferdchen mitkommt, hätten wir natürlich auch einen Stallburschen/Pferdeknecht dabei gehabt, wie sich das für einen hochrangigen Offizier eben gehört hätte. Der hatte nun aber so kurzfristig das Wochenende nicht freinehmen können.

Irgendwann war das Pferd wieder vorzeigbar, und wir verkrümelten uns ins Zelt, verjagten zwei Katzen und legten uns schlafen.

*

Der Morgen begann erst mach recht zoologisch, denn diverse Vierbeiner waren offenbar sehr gut drauf geprägt: Menschen in Zelten = Futter. Den Gefallen taten wir ihnen nicht. Der Großteil ließ sich auch gut hinauskomplimentieren, eine graue Katze blieb jedoch stur unter dem Tisch sitzen, mit aufgestelltem Fell, und fauchte sehr unmissverständlich… Ich trat dann mal lieber den Rückzug an.

Die Offiziersbesprechung fand vor dem Frühstück statt. Da dachte wohl jemand, alle, die keine Spanier sind, sind absolute Frühaufsteher. Allgemeine Erheiterung löste es aus, dass die Tafel zum Planen der Schlacht nicht wie übliche ein Black- oder Whiteboard mit Kreide oder Marker war, sondern eine Magnettafel, und die Truppen durch kleine Magnetplättchen dargestellt wurden, die wohl aus dem Geometrieunterricht entwendet worden waren. Die Franzosen waren also die grünen Vierecke und die Briten die roten Kreise… wenigstens was blaues hätten sie uns geben können…

Nach dem Frühstück hatten wir tatsächlich frei – da ja nicht fortlaufend Programm vorgesehen war. Wir nutzten die Gelegenheit, denn Burgos hat ein Buchmuseum. Es ist das Museo del Libro Fadrique de Basilea, recht leicht zu finden. Sollte man sich anschauen, wenn man Bücher mag und durch Burgos kommt. Allerdings: Es ist schon sehr Spanisch… Es wird alles nicht so genau genommen, auch mit dem Beschriften. Faksimile oder Original? Man muss gelegentlich schon selbst etwas Arbeit aufwenden, wenn man wissen will, das man gerade vor sicht hat.

Danach zog es uns noch zur Kathedrale. Wenn ich mich richtig erinnere, ging das sogar mit demselben Ticket.
Ein gotischer Bau, und wie es gotische Gebäude halt so an sich haben, echt ein Wahnsinnsbauwerk. Riesig. Einfach nur alles riesig. Spezielle Beachtung sollte man der Fensterrosette in über dem Haupteingang schenken.

Ja… Das da in der Mitte? Das sieht nicht nur so aus wie ein Davidstern – es ist einer. Das Ornament wurde nämlich durch die jüdische Gemeinde von Burgos finanziert und deswegen so gestaltet.

Ich mag ja mechanisches Spielzeug, Spieluhren, alles, was aufziehbar ist, und so wollte ich auch unbedingt noch bis zur vollen Viertelstunde bleiben und den Papamoscas anschauen. Das ist eine über einer Uhr angebrachte Figur, die immer zur Viertelstunde ein Glöckchen läutet und mit den Zähnen klappert.

Fast hätten wir es dann nicht rechtzeitig zur Parade geschafft… was noch nicht mal daran lag, dass der Herr langsamer lief als üblich, sondern daran, dass wir schlicht den Verkehr unterschätzt hatten.

*

Das Mittagessen gab es für die Offiziere an der Offizierstafel und für uns Helfer „hinter den Kulissen“, was auch ganz gut so war, weil ich nicht so wirklich begeistert vom Angebot war, und sich das quasi auf dem Präsentierteller immer weniger gut macht.

Es folgten dann zwei Stunden Lagerleben, während denen ich größtenteils den Dolmetscher spielte – obwohl mir Dolmetschen ja eigentlich gar nicht liegt. Zum Glück erwartet in dem Zusammenhang niemand, dass es wirklich fließend geht, geschweige denn simultan.
Außerdem kam ich dazu, zahlreiche Fotos von diversen Touristen zu machen, die unbedingt ein Bild von sich mit Uniformierten wollten und jemanden brauchten, der auf den Auslöser drückt.

Es folgte die Schlacht, die hier so aussah, dass die Briten versuchten, unsere Stellung zu stürmen, und wir sie tapfer in die Flucht schlugen. Es war damals in der Tat nicht gelungen, Burgos im ersten Anlauf einzunehmen, und Wellington musste sich zunächst zurückziehen. Das Kuschelpferd trug seinen Menschen brav durch die Schlacht und machte keinen Blödsinn, vom Schlammbad war auch nichts mehr zu sehen.

Der Abend bestand dann aus ruhigem alleine mit den anderen Darstellern und Helfern am Feuer sitzen und unterhalten. Abendprogramm war nicht geplant.

Eine sehr gute Burgaleser Spezialität gab es im Übrigen zum Abendessen: den Queso de Burgos, einen Frischkäse aus Schafsmilch, der wie Pudding in Formen „gegossen“ und gestürzt serviert wird. Man isst den Käse auch nicht auf Brot, sondern schneidet  Scheiben oder „Pizzastücke“ und isst diese belegt – oder mit Honig. Nein, nicht igitt sagen. Frischkäse mit Honig ist in Spanien durchaus üblich, wird auch in Deutschland in Tapasbars serviert und schmeckt erstaunlich angenehm.

*

Den Sonntag finden wir dafür damit an, dass wir fast verschliefen und der Herr sein Frühstück quasi am Einsatzort essen musste, denn für Sonntagvormittag waren nochmal zwei Stunden Lagerleben angesetzt. Diese endeten um 12 Uhr. Danach hatten wir noch ein bisschen Zeit, um unsere Sachen zu packen, die Zelte abzubauen und den Platz zu räumen – wirklich viel Luft war aber nicht eingeplant.

Wir kamen dann auch wirklich nur mit einigen Minuten Abstand zu unserer „Deadline“ vom Platz weg – auf dem Weg zurück zum Flughafen, während das Kuschelpferd es sich bereits wieder im Hänger bequem gemacht hatte und quer durch Frankeich nach Hause gegondelt wurde.

Ah ja… Das erste was ich am darauffolgenden Montag machte war, mich gegen Tollwut impfen zu lassen. Auf dass ich mich das nächste Mal nicht wieder lieber von einem fauchenden Streuner aus meinem eigenen Zelt vertreiben lasse, als einen Zusammenstoß zu riskieren…Das habe ich seitdem auch immer aktuell gehalten.

 


Bilder von Wikipedia.

Fassade der Kathedrale:
Photo taken by Juan García at 2005-05-30 of the Burgos Cathedral at Burgos, Spain
Papamoscas:
Gemeinfrei
Käse:
Aufgenommen von Valdavia

Weihnachtsgeschenke

Dass es Weihnachten Geschenke gibt ist normal, üblich, war schon immer so und ist auch überall so… Wie jeder weiß.

…oder?

…oder vielleicht doch nicht?

Genau. Eben doch nicht.

Eigentlich ist die Sache mit den Weihnachtsgeschenken gar nicht so uninteressant.

Werfen wir mal einen Blick auf Weihnachten. Bevor ein allzu großer Anteil der Bevölkerung vergessen hat, was da überhaupt gefeiert wird, war Weihnachten mal die Feier von Jesu Geburt. Jawohl, in unserer Gegend verschmolzen in Termin und Brauchtum mit den heidnischen Julfest.

Was heißt „in unserer Gegend“?

Sagen wir’s mal so: England ist nicht sooo weit weg, aber der Weihnachtsbaum hielt dort erst im 19. Jahrhundert Einzug, sozusagen als „Import“ über Prinz Albert, der seinen deutschen Weihnachtsbaum mit in die neue Heimat brachte. Also nicht durch abhacken und einpacken, sondern durch Fortführung der Tradition im Königshaus. Und weil alle wollen, was die Queen hat, hat man nun heute in England auch Weihnachtsbäume. Und das natürlich schon immer.

Also, Weihnachten, Jesu Geburt… Geschenke? Ja, die gibt es zum Geburtstag, aber wenn man nicht gerade bei Pippi Langstrumpf ist, bekommt die doch das Geburtstagskind, und nicht die Gäste… warum beschenken wir uns zu Weihnachten?

Es war einmal vor langer Zeit, da gab es zu Weihnachten keine Geschenke. Das winterliche Geschenkefest war der 6. Dezember – St. Nikolaus. Dort ergeben sich die Geschenke tatsächlich aus der Nikolauslegende.
Dann kam Martin Luther, der kurzerhand die Heiligenverehrung abschaffte. Kein heiliger Nikolaus, kein Nikolausfest, keine Geschenke…. Nein, das kann man schwer durchsetzen. So wurde das Geschenkegeben im Protestantismus auf das Weihnachtsfest verlegt, der Geber war nun der „heilige Christ“. Daraus entstand das Christkind. Die Katholiken schenkten erst mal weiter am 6. Dezember.

Der Weihnachtsmann, der keineswegs, wie oft behauptet wird, identisch mit St. Nikolaus ist, entstand in seiner heutigen Form soweit durch Quellen belegbar erst im 19. Jahrhundert und ist eine Verschmelzung unterschiedlicher Gestalten, darunter eben auch St. Nikolaus. Allgemein setzte sich der Weihnachtsmann eher im Norden und Osten, das Christkind eher im Süden und Westen Deutschlands durch.

Das Weihnachtsfest wurde ab ca. 1800 auch immer größer und wichtiger gefeiert, und so verschob sich dann auch bei den Katholiken der Fokus – und das Geschenkegeben. Der nächste Katholik, der sich über Mischung der Konfessionen oder ökumenische Gottesdienste beschwert, könnte darüber mal nachdenken.

Wie ist das nun aber anderswo? Nach der Logik, dass das Geschenkegeben an Weihnachten auf Luther zurückgeht, müsste sich ja ergeben, dass in Gegenden, die von der Reformation weniger geprägt sind, die Geschenke auch an anderen Terminen übergeben werden.

Ganz so einfach ist es nicht – in den einst großteils protestantischen Niederlanden etwa ist der Nikolaustag noch größer als Weihnachten.
In Spanien und Italien gibt es die Geschenke traditionell auch nicht an Weihnachten – sondern an einem ganz anderen Termin, der jedoch immerhin irgendwie mit Geschenken in Verbindung steht: Dreikönig. Allerdings verschiebt sich dort aktuell der Geschenketermin auch zunehmend auf die Weihnachtstage – aus rein praktischen Gründen: Es ist einfach praktischer, den eigenen (Schul‑)Kindern ihre Geschenke zu BEGINN, und nicht am ENDE der Weihnachtsferien zu übergeben.

Und warum schenken wir uns nun überhaupt etwas, mitten in Winter?

Das älteste überlieferte Geschenkefest in Europa ist der Neujahrstag. Geschenkegabe zum Beginn des neuen Jahres lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Teilweise hielt sich dieser Brauch, je nach Region mehr oder weniger ausgeprägt.

Mein Mann und ich werden  zwar den heutigen Abend mit meiner Familie verbringen, und auch Geschenke mitbringen und bekommen, unser persönlicher gegenseitiger Geschenketag wird aber Neujahr sein. So, wie es unsere Figuren aus dem Re-enactment auch gehalten hätten/haben.

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 2)

Fortsetzung von hier

Samstag, Morgen bis Mittag

Ich bin kein Morgenmensch , ohne Kaffee erst recht nicht, aber immerhin hatte unser Quartier einen solchen. Der Mann war sogar schon wach und hatte mir eine Tasse reserviert. Ich trinke meinen ersten Kaffee des Tages durchaus auch lauwarm oder kalt, zu Hause auch häufig in Form des Rests von gestern…damit hole ich mir dann gerade genug Energie, um mir einen neuen zu machen.

Zugegeben, seit dem Kaffeevollautomaten (zusammen mit dem Roomba die beste Anschaffung der letzten Jahre!) ist das nicht mehr wirklich notwendig, Knöpfchen drücken kann ich auch im Halbschlaf, aber Gewohnheiten sterben langsam.

Auf jeden Fall kippe ich also eine Tasse nur noch mittelwarmem Kaffee runter, zur Überraschung der Gastgeber, und verziehe mich dann nochmal, um meine Tasche zu sortieren und sicherzustellen, dass alles da ist. Denn natürlich habe ich zu meinem Feldchirurgen eine historische Arzttasche mit Inhalt, und während ich die zwar nicht tatsächlich am Patienten zum Einsatz bringe, muss man doch öfter mal interessierten Zuschauern erklären, was da was ist, was man damit macht, wie, warum, seit wann, und wie das heute so ist. Das geht deutlich besser, wenn man in der eigenen Tasche auch wirklich was findet. Tunlichst auf den ersten Griff und ohne Hinschauen.

Bis ich damit fertig bin, ist der Herr fertig gestriegelt und rasiert… so richtig mit Schaum und aus- und einklappendem Messer, wir leben schließlich gerade das neunzehnte Jahrhundert aus. Zumindest, wenn es nicht um die Kaffeemaschine geht. Das mit dem Rasieren bekommt er in der Tat auch hin, ohne dass der Feldchirurg gleich eingreifen müsste. Eigentlich erstaunlich, da er Verletzungen sonst eher magisch anzieht.

Wären wir irgendwo im Lager, hätten wir das Führstück alle zusammen im oder vor dem Messezelt oder im oder vor dem Zelt des Befehlshabers eingenommen. So frühstückt jeder für sich in seinem Quartier, und es finden sich dann alle Koordinatoren langsam bei der Besprechung ein. Die meisten Leute reisen ja doch in Gruppen an, oft in Form einer speziellen Kompanie, und es wird dann ein Vertreter abdelegiert.

Wir gehen also kurz den Plan für die erste Schlacht durch. Wie gesagt: Keine historische, sondern nur was fürs Publikum. Es geht darum, in 45 bis 60 Minuten möglichst viel zu zeigen – unterschiedliche Formationen – Kolonne, Karree, Linie –, Kavallerie vs. Fußsoldaten, Artillerie (wie wird so ein Ding benutzt, und was tut man dagegen?), am besten mit Gelegenheit, das Laden der Musketen gut sichtbar vorzuführen. Es ist erstaunlich schwer, das alles zu planen, wenn man bedenkt, dass es in den meisten nachgestellten Kämpfen tatsächlich ganz von selbst vorkommt.

Der zweite Kampf, nachmittags, soll die Erstürmung der Festung darstellen. Beginnend mit dem Überwinden der Mauer wird in einigen Straßen und Plätzen gekämpft. Auch ein paar Gebäude sollen eingenommen werden. Eines davon wurde uns als Lazarett zugewiesen. Die Auswahl erfolgte hier danach, wo man am besten Publikum platzieren kann, die Leute wollen ja was sehen – und das ist bei Straßenkämpfen sehr schwer. Entsprechend ungern haben wir diese. Wir hatten auch noch keine Gelegenheit, uns die Stellen bei Tageslicht (oder eigentlich überhaupt) anzusehen, und arbeiten aktuell nur mit den erhaltenen Plänen.

Nachdem also abgesprochen wurde, wer sich wann auf dem Feld einfindet, wer sich wo aufstellt und wer danach wen wie wo angreift, ist noch kurz sicherzustellen, dass nach dem Kampf unser Lagerersatz durchgängig ausreichend besetzt ist. Zwar haben wir, der Belagerungssituation geschuldet, kein „echtes“ Militärlager, wohl aber einen Teil des Platzes, auf dem der obligatorische historische Markt stattfindet, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen, kleinere Sachen vorzuführen, unser Mittagessen zu kochen – das Frühstück wird meist vom Organisator gestellt, für weitere Mahlzeiten sind die Teilnehmergruppen oft selbst verantwortlich.

Dann ziehen die Teilnehmer in Gruppen ab, um sich ihre Schwarzpulverzuteilung zu holen – nicht ohne noch einmal ermahnt zu werden, sich dieses gut einzuteilen, denn es muss für beide Schlachten reichen. Schwarzpulverausgabe ist genau einmal am Tag, und wenn es weg ist, ist es weg.

Die Artillerie verzieht sich aufs Feld, die Kanonen testen – Reenactmentkanonen sind auch nur Kanonen und leiden manchmal unter denselben Problemen wie ihre historischen Vorbilder. Es soll ja nun aber jede stattfindende Explosion gezielt ablaufen, und wenn zwischenrein eine Kanone ungeplant verstopft und nicht mehr zündet, kommt das für die Schlacht auch eher ungünstig – auch wenn es das Publikum gelegentlich recht witzig findet.

Zu dem Zeitpunkt taucht auch erstmalig der lokale Photograph auf, der uns den Rest des Tages immer mal wieder auflauern wird. Ich mag ja nicht gerne photographiert werden, und die Herrschaften mit den Kameras respektieren dies zumeist auch. Im Hintergrund mal mit drauf sein lässt sich nicht vermeiden, und Privataufnahmen irgendwelcher Besucher auch nicht, aber gut…
Mein Mann hat dieses „Problem “ nicht und posiert mal schnell für die ersten Photos des Tages..

Wir stellen dann nur noch schnell sicher, dass mein Handy erreichbar ist. Eine Sache, die ich verweigere, ist der Knopf im Ohr. Ich hasse Kopfhörer und ich hasse die Ohrsteckerknöpfe fast noch mehr. Nein, kein Headset für mich. Wenn mich jemand braucht, werde ich eben ganz anachronistisch mein Handy aus der Tasche nehmen müssen. In dem Wissen, dass er mich anfunken kann, wenn er mich braucht, trennen sich dann unsere Wege. Er holt sein Schwarzpulver, sein Pferd und wird mit „Philippon“ den Kampfplatz inspizieren (Der Oberbefehlshaber ist häufig zu sehr mit seiner Rolle beschäftigt, um gleichzeitig die Koordination machen zu können. – Außerdem muss Philippon ja in der zweiten Schlacht verschwinden und aus der Stadt fliehen… da wäre dann nicht mehr so viel mit Koordination).

Ich schließe mich derweil schnell mit den anderen Chirurgen kurz und suche mir dann den Weg ins englische Lager, um mich da mal umzuschauen. Vor der Schlacht mischen sich die beiden Seiten üblicherweise eher weniger, bzw. nur in den Koordinationstreffen. Da ich in meiner Position aber keine Uniform trage, stört sich niemand dran, dass ich doch schon vorbeischaue.

Etwas lachen muss ich über die Frau in vollem Kostüm, die ein Pferd in vollem Kostüm Gassi führt wie ein Hündchen. Vor meinem inneren Auge hebt das Tier am nächsten Baum das Bein. Vor meinen äußeren Augen natürlich nicht, aber es scheint seinen Spaziergang sehr zu genießen.

Die Briten und die Portugiesen sind tatsächlich mit Vertretern aller relevanten Truppen angereist: portugiesische Uniformen, britische Redcoats und die grünen Uniformen der Rifle Brigade sieht man. Sir Thomas Picton, der zu Waterloo seine Männer in Abendgarderobe und Zylinder statt in Uniform befehligte, ist auch sehr gut getroffen dargestellt–ob der Mann, der ihn spielt, nun von selbst so gerne flucht oder das für die Rolle extra einstudieren musste, lasse ich mal dahingestellt. Er gibt jedenfalls einen sehr überzeugenden und nicht zu überhörenden Picton ab, wie er gerade seine Männer zusammenstaucht.

Die Soldaten ziehen dann Kompanie für Kompanie ab zum Einexerzieren. Es müssen schließlich um die zweihundert Menschen, von denen die meisten noch nie zusammen „gekämpft“ haben, gleich gemeinsam eine Schlacht schlagen, und dabei aussehen, wie eine eingespielte Armee. Um da im Vorfeld etwas zu üben, bekommt jede Seite einen Exerzierplatz zur Verfügung gestellt, und kann dort etwas üben. Wie viel davon wirklich stattfindet und was genau gemacht wird, ist den jeweiligen Befehlshabern selbst überlassen.

Ich lasse mir Zeit, um auf den Gefechtsplatz zu kommen. Schließlich müssen wir uns nicht großmächtig aufstellen. Wir haben ein Lazarettzelt. Was dort drinnen vor sich geht, sieht von außen keiner. Davor ist ein Tisch aufgestellt, auf dem für das Publikum mal etwas Verwundetenbehandlung gezeigt werden kann. Amputationen wird es heute nicht geben, da wir keinen Reenactor mit abnehmbaren Körperteilen dabei haben.

Die Zuschauer finden sich fast zeitgleich mit den ersten Soldaten ein, die im Feld aufmarschieren und Aufstellung nehmen. Die Schotten tuten etwas auf ihren Dudelsäcken, die Flötisten flöten und die kleinen Trommler geben sich redlich Mühe, den Takt zu halten. Einzelne Offiziere galoppieren ihre kostümierten Pferde mal um den Platz – weniger zum Aufwärmen und mehr, damit das Publikum schon mal was zu sehen hat. Die Ansage beginnt, der Ablauf wird ab nun kommentiert.

Da man sich das Fluten und Verminen des Geländes vor der Stadt gespart hat, muss auch keine aufpassen, wo er hintritt.
Die Schlacht beginnt. Wir haben erst mal nichts zu tun als zuzuschauen. Musketen sind ziemlich laut, rauchen und stinken. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich tatsächlich an den Geruch. Kanonen sind noch lauter und rauchen noch stärker. Das Schlachtfeld liegt schnell unter Nebel, man kann nur noch mit Mühe sehen, wer gerade was macht – umso wichtiger ist sowohl die vorherige Koordination als auch die Sache mit den Headsets, man will ja nicht aus Versehen mal einen Trupp Kavallerie in eine Linienformation reiten.

Das Ganze geht so etwa fünfzehn Minuten mit Schussabtausch und Kommentar, dann werden die Pferde nach hinten abgezogen. Das ist notwendig, damit vorne gestorben werden kann. Eine relativ wichtige Regel: Solange die Kavallerie oder berittene Offiziere im Feld sind, stirbt keiner. Heißt, es darf niemand auf den Boden fallen und dort liegen bleiben. Pferde treten zwar nicht freiwillig auf einen liegenden Körper, aber ein Restrisiko des Durchgehens besteht selbst bei gut ausgebildeten Pferden immer. Außerdem sind die Sichtverhältnisse durch den Schwarzpulverrauch wirklich sehr schlecht, und das Pferd sieht unter Umständen gar nicht so genau, worauf es tritt. Gestorben wird daher also nur während vorgegebener Zeitfenster, während derer niemand durchs Bild reitet.

Ab da habe ich dann auch zu tun – zum einen werden vor dem Zelt immer zwei bis drei „Verwundete“ versorgt , zum anderen werden im Zelt die angetragenen Verwundeten soweit dekoriert, dass man ihnen die Verwundung anschließend auch abnimmt. Da wir noch eine Schlacht vor uns haben, halten wir uns etwas zurück. Auch Theaterblut hinterlässt nämlich böse Flecken, die man nicht mal einfach so im Feld rauswaschen kann.

Sobald man im Einsatz ist, merkt man eigentlich kaum mehr, wie die Zeit vergeht. Plötzlich wird es still draußen, und die verbleibenden Soldaten marschieren wieder auf. Die Fahnenbandverleihung findet zwar normalerweise erst am Ende der letzten Schlacht statt, da aber in der Nachmittagsschlacht aus Platzgründen nicht alle Gruppen mitmachen können, gibt es bereits eine kurze Vergabe für die anderen.

Dann dürfen die Zuschauer aufs Feld, um sich mit den siegreiche und den verlierenden Soldaten und Offizieren photographieren zu lassen. Bei uns schauen nur wenige Neugierige vorbei, das ist normal. Die Chirurgen wurden im echten Krieg damals auch etwas unter-gewürdigt. Passt also. Dennoch können wir erst einpacken, wenn sich das Publikum in Richtung Mittagessen verstreut.

Langsam habe ich durchaus auch Hunger, gegen ein Mittagessen wäre nichts einzuwenden…

 

 

Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 1)

Normalerweise finden Reenactments an den Jahrestagen der dargestellten Ereignisse dar. Da die meisten Reenactors voll berufstätig sind (je nach Rolle muss es kein teures Hobby sein, aber kostenlos ist es nie), und ja auch die Zuschauer Zeit haben sollten, werden sie zumeist auf das vorhergehende oder das folgende Wochenende gelegt.

Da aber ein spanischer oder portugiesischer Sommer wirklich sehr heiß werden kann, und da kaum jemand Lust hat, sich das dann anzutun – historische Kleidung bedeutet in dem Fall für die Soldaten und Offiziere: lange Unterhosen, Strümpfe, Hose aus Leinen oder (vorzugsweise) Wollstoff, Unterhemd, Hemd (hoher Kragen, Ärmel bis zu den Handgelenken), Weste, Jacke und unter Umständen zweite Jacke, Schal oder Halstuch. Die Damen haben es nur unwesentlich besser, auch Kleider sind bodenlang, Unterrock und Unterhemd müssen sein, etc. Wir Feldchirurgen haben es noch relativ gut getroffen, denn aufgrund unserer eher unsauberen Arbeit dürfen wir auch „in Hemdsärmeln“ (also ohne Jacke) und unter Umständen sogar nicht zurückgekrempelten Ärmeln arbeiten. Dafür tragen wir zum „amputieren“ dann schon mal Lederschürzen, die Dinger sind auch recht schwer. In jedem Fall: Kaum jemand möchte freiwillig unter so vielen Lagen Stoff bei über 35 Grad das Wochenende verbringen, und auch noch fast durchgängig aktiv sein dabei.

Und so finden eben nur die „runden“ Jubiläen wirklich im Sommer statt, während die „kleinen“ Jahrestage auf die kühlere Jahreszeit verschoben und eben im Voraus begangen oder nachgeholt werden. Wenn dann noch ein Veranstaltungsort mehrere Schlachten ausrichten muss oder möchte, und man für alle passende Termine finden muss… dann kann es schon mal passieren, dass man Badajoz eben auch mal in einer anderen Jahreszeit verteidigt, obwohl es im April eigentlich noch gar nicht so sehr heiß gewesen wäre. Da fand halt gerade was anderes statt.

Es ist auch eigentlich gar nicht so schlimm, dem ziemlich trüben Deutschland und nicht minder trüben Belgien mal ein Wochenende zu entkommen, denn in Spanien ist das Wetter noch ganz nett.

Badajoz liegt am Rio Guadiana in Extramadura, und wäre die Stadt ein winziges bisschen weiter Westlich, könnte man über die portugiesische Grenze spucken. Oder in anderen Worten: Der Flughafen von Badajoz ist deutlich weiter von Badajoz weg als Portugal. Nebenbei wird dieser ausschließlich von Madrid aus bedient, nur mit einer einzigen Fluglinie, und nur an Wochentagen. Nach längerem Hin und Her, abwägen von Zug oder Nicht-Zug oder doch tatsächlich Flug nach Portugal und dann Anreise von dort, entschieden wir uns schließlich für einen Flug nach Madrid und dafür, die letzten ca. 350 km dann per Mietwagen zurückzulegen.

Das ging soweit auch ganz gut. Flug ereignislos, wir flogen in zivil. Oft ist es so dass irgendjemand aus der Truppe die ganze Strecke mit dem Auto fährt, um größere Ausrüstungsteile wie Zelte usw. zu transportieren. Dort kann man dann die Kostüme mitgeben und sie sich vor Ort wieder abholen. Das hat seine Vorteile. Kann man das nämlich nicht, tut man gut dran, in vollem Kostüm zu fliegen, denn ein Verpacken und Flugzeugtaugliche Koffer/Taschen überlebt die Ausrüstung eher weniger. Das wiederum führt dann zu interessanten Situationen mit den Mitreisenden. Dazu aber ein Andermal.

Wir treffen also am späteren Freitagnachmittag in Badajoz ein, was in Spanien noch gar nicht so sehr spät ist – da die Spanier gerne Mittags etwas länger Pause machen und dann länger in den Abend aktiv sind. Hat auch was mit dem Wetter zu tun.

Da wir zu den Verteidigern gehören, haben wir nicht viel Arbeit. Die Briten und Portugiesen bauen vermutlich gerade ihr Lager vor der Stadt auf… Wir beziehen mal in aller Ruhe unser Quartier. Streng genommen sollte ich ja so rollenmäßig nicht mit meinem Mann zusammen untergebracht sein, aber hier nehmen wir es aus rein praktischen Gründen etwas weniger genau. Er: Chef unserer Truppe, und häufig noch Koordinator für mehrere andere Truppen – Ich: Habe einen „Nebenjob“ als Nachrichtenübermittler, Bote und in der Koordination mit unseren englischen Kollegen.

Unser Gepäck ist schon da, also verwandeln wir uns mal schnell in unsere Gegenstücke aus dem 19. Jahrhundert. Beim Abendessen mit den Koordinatoren der anderen Gruppen folgt die erste kurze Besprechung des Wochenendes. Zwei Schlachten am Samstag, Parade am späten Nachmittag, Sonntags noch Hochzeit, an der wir ausnahmsweise teilnehmen dürfen. Klar, Belagerung von Badajoz ohne nachfolgende Hochzeit geht nicht, auch wenn im Original bestimmt keine französischen Offiziere eingeladen waren. Wir bekommen die Pläne für die erste Samstagsschlacht, die nicht historisch korrekt ist sondern rein der Publikumsbelustigung dient, um uns diese in Ruhe anzuschauen und am Morgen noch letzte Fragen klären zu können. Die Headsets werden geprüft – Sehr anachronistisch tragen die höheren Offiziere nämlich meist einen Knopf im Ohr und ein Mikro am Kragen, um sich bei der Schlacht koordinieren zu können.

Dann löst sich die Versammlung auf, und wir lassen uns noch den Weg zum Stall beschreiben, wo wir tatsächlich noch jemanden antreffen, und unser Leihpferd in Empfang nehmen können. Da Leihpferde nicht in unendlich großer Menge zur Verfügung stehen, haben wir nur eines bekommen – für den Herren Offizier. Der Feldchirurg wird wohl zu Fuß unterwegs sein müssen.
Die nächsten zwei Stunden werden damit verbracht, das Sattelzeug zu prüfen, das Pferd zu striegeln, aufzusatteln und mal eine Runde probezureiten.
Fazit: Pferd soweit auf dem Platz zu beurteilen vollkommen OK. Laut Aussage des Stallpersonals auch an Schlachtenlärm gewöhnt. Ein bisschen lustig sieht es ja aus, da das Pferd etwas klein geraten ist für ihn, aber es macht nicht den Eindruck, als würde es seinen Reiter als unbillige Härte empfinden.

Der Freitagabend endet mit einem Bummel über den obligatorischen Markt, der die meisten Reenactments begleitet, der zu einem kurzen Meet and Greet mit Bekannten wird, die man immer mal wieder auf Veranstaltungen trifft. Aber wirklich nur kurz – denn spätestens um 6:30 ist für uns am Samstag die Nacht zu Ende, und etwas Schlaf sollten wir doch bekommen…