10. Nacht: Die Wäscherin bei St. Michael

Die Stadt Weiden besitzt so einiges an Kirchen. Eine davon, die St. Michaelskirche nahe des alten Rathauses, ist zur Weihnachtszeit der Schauplatz eines sehr speziellen Spuks.

Es heißt, wenn die Glocken während der Christmette zur Wandlung läuten, erscheint in der Nähe der Kirche eine Frau, begleitet von einem sehr unangenehmen Geruch. Sie kommt, um im Stadtbach Windeln zu waschen. Dieser allerdings fließt schon lange nicht mehr am Pfarrhof vorbei, sodass sie wohl inzwischen unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen muss.

Diese alljährliche Arbeit verrichtet sie zur Strafe, dass sie einst statt die Messe zu besuchen, ihre Wäsche machte. Wäsche und Rauhnächte vertragen sich ja bekannterweise nicht nur dann nicht so gut, wenn man dafür den Gottesdienst schwänzt… Auch diese Wäscherin hat ihre fehlende Vorsicht damals wohl nicht lange überlebt.

 

7. Nacht: Die Holzfräulein

In nahezu allen deutschen Waldgebieten leben sie: Die Holzfräulein mit ihren vielen unterschiedlichen Namen. So auch im Oberpfälzer Wald. Klein sind sie, so ist man sich einig. Nicht besonders hübsch anzusehen, was an der eher ungepflegten Erscheinung liegen mag. Alt wirken sie, mit runzligen Gesichtern und häufig weißem Haar. Moos wächst ihnen am Körper, vor allem an den Füßen, etwa wie die behaarten Füße der Hobbits.

Sie kleiden sich in pflanzliches Material aus dem Wald, in dem sie hausen, oft in hohlen Baumstämmen, aber auch in Wurzelstöcken, Erdlöchern oder an anderen Orten. Man kann sie manchmal beim Handarbeiten entdecken. Ihre Haushaltsführung merkt man auch vor allem des Morgens, wenn der Rauch aus ihren Backöfen dem Morgennebel zum Verwechseln ähnlich über dem Moos liegt.

Ihnen wohlgesonnenen Menschen schenken sie ihren Segen und kleine Hilfen für den Haushalt. Sie achten auf die Kinder im Wald und weisen Verirrten den rechten Weg. Andererseits kommen sie gerne in die Küche und nehmen sich einen Anteil am frisch Gebackenen. Es ist Teil ihres rechtmäßigen Lohns dafür, dass sie die Menschen ihren Wald nutzen lassen. Auch von der Ernte ist ihnen ein Anteil abzugeben. Gerade in der Adventszeit kommen sie gerne ins Haus und verbringen auch die Nacht dort. Sie sind nicht gefährlich –  ihr Erscheinen wird als Anzeichen für bevorstehendes Glück angesehen.

Mit dem Zeichen von drei eingeritzten Kreuzen wird ein Brotlaib vor dem Anschneiden markiert, damit sie wissen, sie sind willkommen und dürfen sich ihren Anteil abholen. Dies wird bei uns teils tatsächlich noch immer so praktiziert.

Sie übernehmen dann gelegentlich Aufgaben im Haushalt, können jedoch leicht vertrieben werden: Fluchende Menschen sind ihnen zuwider. Wie die im Norden bekannten Heinzelmännchen verschwinden sie auf ewig, wenn man ihnen Kleidung schenkt.

Der natürliche Feind der Holzfräulein ist die Wilde Jagd, denn diese hetzt sie unbarmherzig und tötet sie, wenn sie sie erwischt. Schutz finden sie auf Baumstümpfen, in die der Holzfäller drei Kreuze geschnitten hat. Da jedoch dies, ebenso wie andere Bräuche, zunehmend in Vergessenheit gerät, finden die Holzfräulein immer weniger Schutz und werden immer mehr gefunden, zerrissen und gefressen. Daher sind werden sie seltener und seltener, und sind heute kaum noch zu finden.

Es gibt unterschiedliche Interpretationsansätze dazu, warum die Holzfräulein gerade so unbarmherzig von der Wilden Jagd unter Odin verfolgt werden. Eine geht dahin, dass sie ursprünglich aus einem konkurrierenden Religionssystem stammen.

6. Nacht: Bannorte

Bannorte sind Stellen, an die böse Geister gebunden werden können, auf dass sie jene in Frieden lassen, denen sie zuvor zugesetzt haben. Natürlich sollte man diese Orte gerade während der Rauhnächte meiden.

Einige davon befinden sich in Sumpfgebieten und sind ohnehin schwer zu erreichen; ein Weiher liegt auf dem US-Truppenübungsplatz bei Grafenwöhr, und sollte schon deswegen nicht als Ausflugsziel gewählt werden.

Ein gebannter Geist ist seinem Herrn Arbeit schuldig. Nur eine kurze Zeitspanne, heißt es, während der Dämmerung, kann er einigermaßen frei in Krähenform verbringen und seine geringe Freizeit genießen.

Unter den Bannorten befindet sich auch die Burgruine von Flossenbürg – ein Ort, den ich während der Rauhnächte in der Tat meiden würde, im Sommer und allgemein bei gutem Wetter als Rückzugsort aber sehr schätze.

Die offiziell zugänglichen Bereiche der Ruine, ausgestattet mit Geländern und Treppen für Besucher.

Blick aus dem Burghof

Die Reste des Wehrturms

Alle Bilder von Wikipedia (Von Mibeer – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20712143)

4. Nacht: Das Rabenbrückerl

Von Klobenreuth nach Neustadt kann man auf der Straße gehen. Man könnte jedoch auch eine Abkürzung nehmen, durch den Wald und über den Bach. Das war auch der Weg, auf dem die Klobenreuther Gemeindemitglieder früher Sonntags zur Kirche nach Neustadt gingen. Allerdings wird der Weg nicht nach Einbruch der Dunkelheit benutzt, und schon gar nicht in Zeiten mit erhöhtem Spukaufkommen.

Die Brücke über den Bach – der „Rabenbach“ ist mehr ein kleiner Steg aus Granit.

Einst wurde in Neustadt eine Diebin gefasst. Da ihr Diebstahl besonders schwerwiegend war, wurde nicht nur die Todesstrafe ausgesprochen und vollstreckt, sondern die Strafe weiter verschärft: Der Leichnam sollte an einem Baum entlang des Wegs nach Klobenreuth aufgehängt werden, und dort hängen, bis die Raben das Fleisch abgefressen hatten.

Dies wurde so ausgeführt, und das Urteil wurde an der Stelle am Bach vollstreckt, an der noch immer die kleine Brücke steht.

Es heißt, seitdem hätte der Teufel selbst dort Zugang, und manch einer hat ihn schon gesehen, wie er bei der Brücke nachts mit zwei Kumpanen und Spielkarten auf achtlose Reisende wartet – denn zum  „Schafkopfen“ braucht man vier Mann.

Die Diebin von damals allerdings hat die Stelle ebenfalls nicht verlassen. Sie erscheint nachts im weißen Kleid – oder Büßerhemd.

Eine Begegnung wird so geschildert: In Klobenreuth lag eine Frau in den Wehen, und ein Kind aus dem Dorf wurde nach Neustadt geschickt, die Hebamme hohlen. Dem Jungen wurde eindringlich mitgeteilt, dass es eile, und so nahm er, auch wenn es bereits Nacht war, den Weg durch den Wald. Bei der Brücke begegnete er dann – wie zu erwarten – der „weißen Frau“, die ihm den Weg wies und ihn weiter zur Eile anhielt. Sei es aufgrund seines Alters, der Art seines Botengangs, oder weil sie allgemein keinen Groll gegen die Lebenden hegt – sie scheint es zumindest in dieser Nacht gut gemeint zu haben.

Leider sind keine anderen Begegnungen mit ihr bekannt, bei denen es zu Gesprächen gekommen wäre.

 

Linguistisch interessant: Der Steg wird als „Roombrückerl“ gesprochen. Es wird allgemein verstanden, dass das „Rabenbrückerl“ heißen soll. Jedoch: Im örtlichen Dialekt existiert das Wort „Rom“ oder „Room“ für „Raben“ nicht.

 

2. Nacht: Der Kalte Baum bei Vohenstrauß

Ein paar Kilometer südwestlich der Ortschaft Vohenstrauß liegt der Einödhof Kaltenbaum. Benannt ist er nach einer dort wachsenden Steinlinde, dem „Kalten Baum“. Es heißt, er sei annähernd 800 Jahre alt – oder noch älter. Eine urkundliche Ersterwähnung gibt es angeblich aus dem 14. Jahrhundert. Betrachtet man die urkundlichen Erwähnungen allerdings genauer, stößt man auf Anderes. Der Baum diente eine Grenzmarkierung, wurde in Grenzstreitigkeiten gefällt und neu gepflanzt; verdorrte und wurde neu gepflanzt; sah nicht mehr schön aus und wurde neu gepflanzt. Aktuell setzt im die vorbeiführende Autobahn arg zu.

Der Name leitet sich wohl davon her, dass er an exponierte Stelle steht, und der kalte „Böhmische“ [Wind] hier besonders stark und oft pfeift.

Es gibt jedoch auch andere Erklärungen.

Eine etwa geht dahin, dass verwitwete Gräfin sich in einen eben aus dem Kreuzzug heimgekehrten Grafen verliebte. Er war zwar angetan, verweigerte jedoch die Beziehung, da die Dame bereits zwei Kinder aus erster Ehe hatte, und er nicht die Nachkommen eines anderen aufziehen wollte. Mit Zauberei entledigte sich die Frau ihrer Kinder, und nach deren Tod trafen sich Graf und Gräfin auf halber Strecke zwischen ihren Heimatorten.
Er forderte von ihr eine Erklärung für den Tod ihrer Kinder, und sie ließ sich dazu hinreißen, ihm die Wahrheit zu sagen – „Sie sind deinetwegen gestorben.“ Er richtete sie auf der Stelle mit seinem Schwert und be- oder ver-grub sie an Ort und Stelle. Dabei fiel ein Samenkorn, das sich während seiner Zeit im Heiligen Land in seiner Kleidung verfangen hatte, und dort noch immer wartete, mit in das Grab, verband sich mit dem kalten Herz der Mörderin und wuchs zum Kalten Baum.
Der fast ununterbrochene Wind, der den Baum umweht, ist der umgehende Geist der Frau.

Die Wilde Jagd geht hier insbesondere in den Rauhnächten besonders wild um. Hexen dürfen sich ihr anschließen, müssen jedoch darauf achten, nicht plötzlich selbst gejagt zu werden.

Vom kalten Baum nach Norden blickend sieht man den als „Elm“ bekannten Wald. Besonders dicht und dunkel, ist dieser Wald ebenso wie das direkte Umfeld des kalten Baums ein Bereich, der von der Bevölkerung weitestgehend gemieden wurde. Zu viele arme Seelen und Geister gingen hier um. Die Wilde Jagd bricht aus dem Elm zu ihrem Rundritt durch unsere Ecke der Oberpfalz auf. Ein schwarzer Pudel bewacht die Wege und verwehrt Wanderern nach Einbruch der Dunkelheit den Durchgang. Holzfräulein und Hoimänner, zwei Varianten der örtlichen Waldgeister, leben.

Es ranken sich so viele Sagen um diesen Baum, dass ich nicht versuchen werde, sie hier alle aufzuzählen. Besonders interessant finde ich jedoch diejenigen, die sich mit der Zukunft befassen. So soll die letzte Schlacht am Kalten Baum geschlagen werden; Er heißt, der Baum würde das Menschengeschlecht überdauern und den Aufstieg einer neuen, glücklichen Menschheit sehen.
In dem Zusammenhang ist eine andere Erklärung über den Ursprung des Kalten Baums von Interesse. In ihr kam ein Reisender aus dem Norden in einer Kutsche, vor die Ziegen gespannt waren. An seinem Hut steckte ein Ast. Den steckte er in den Boden, er schlug Wurzeln und es wuchs daraus der Kalte Baum.
Im weiteren Verlauf soll, wenn die letzte Schlacht geschlagen ist, ebenfalls aus Norden ein Paar kommen, sich unter dem Baum niederlassen und dort ihre Familie gründen. Ihre Nachkommen sollen sich von hier aus erneut über die Welt verbreiten.

Wer mit den Inhalten der Edda vertraut ist, wird die Grundzüge wiedererkennen.

Sollten wir etwa einen Ableger von Yggdrasil hier an der Autobahn stehen haben?

Zugegeben: Es wäre recht beeindruckend für den Zweig der Weltenesche, zu einer Linde heranzuwachsen. Natürlich würde ich mir aber niemals anmaßen, Yggdrasil seine genauen Fähigkeiten vorschreiben zu wollen.

Da ich keine eigenen Fotos habe und Wikipedia nichts hergibt… der Kalte Baum ist hier zu sehen:

http://www.panoramio.com/photo/23730657

http://www.panoramio.com/photo/23730682

Die Rauhnächte

Die Rauhnächte sind in der Tradition mit der ich aufgewachsen sind, zwölf Nächte um den Jahreswechsel, beginnend mit der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember und endend mit der Nacht vom 5. auf den 6. Januar. Regional sind Beginn und Ende sowie Dauer etwas unterschiedlich.

Ich komme, wie in hin und wieder bereits erwähnt, aus einem katholischen Haushalt. Allerdings ist meine Familie genau das, was Bruno Jonas in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Bayern“ beschreibt. Man bezeichnet es auch gelegentlich als Bayrisch-Katholisch, wobei ich ohne nachzusehen, nicht sicher bin, ob der Begriff bei Herrn Jonas so vorkommt. Die Beschreibung jedenfalls tut es: Katholizismus, gemischt mit einer gesunden Portion Volksbrauch und Volksglauben. Man kann ja nie wissen, ob die damals nicht doch Recht hatten, nicht wahr?

Die Rauhnächte sind eine Zeit, in der unsere Welt und die „nächste“, die Anderwelt, wie immer man sie nennen möchte, etwas näher beieinander sind als sonst. Diese Eigenschaft teilen sie sich je nach Tradition mit den Sonnwendtagen, den Tag-Nacht-Gleichen, und den Tagen genau auf halber Strecke zwischen diesen.

Während es für die Bezeichnung Raunacht oder Rauhnacht mehrere mögliche Ableitungen gibt, ist der Ursprung relativ eindeutig zu bestimmen:
Er dürfte in einer alten Zeitrechnung liegen, die auf dem Mondkalender basierte. Dieser hat 354 Tage. Um nun den Kalender mit dem Sonnenjahr in Einklang zu bringen, und nicht die Jahreszeiten durch die Monate tanzen zu lassen, muss man die fehlenden Tage irgendwo unterbringen – und das sind eben genau elf Tage – oder zwölf Nächte. Unsere Rauhnächte, die „außerhalb der Zeit“ (also außerhalb des Kalenders) liegen. Solche Tage zum Auffüllen des Mondkalenders werden allgemein auch als „tote Tage“ bezeichnet.
Diese Auffassung wird übrigens auch dadurch gestützt, dass wir diese Tage, selbst wenn uns die Bezeichnung oder Bedeutung der Rauhnächte nicht bekannt ist, gelegentlich als die Zeit „zwischen den Jahren“ bezeichnen. Genau das dürfen sie einmal gewesen sein.

Heute finden wir Verweise auf diesen besonderen Zeitraum auch dort, wo die Rauhnächte an sich kaum eine oder gar keine Rolle spielen – etwa in den Twelve Days of Christmas im angelsächsischen Raum.

Die Rauhnächte sind also ein Zeitraum, in der wir dem Anderen etwas näher sind. Als solche sind sie von jeher besonders gut für alles geeignet, das einen Kontakt zur Anderwelt erfordert. Kontakt mit den Verstorbenen; Wahrsagen; Geisterbeschwörung; Magie.

Andersherum öffnet sich die Tür auch in unsere Richtung. Je nach Tradition durchgehend oder lediglich in der mittleren Nacht – der Silvesternacht – haben Geister und tote Seelen freien Zugang zu unserer Welt. Warum machen wir zu Silvester so viel Lärm, mit Böllern und Feuerwerk? Um die bösen Geister zu erschrecken und abzuhalten, natürlich, die in dieser Nacht in unsere Welt strömen und sich nach einem guten Platz umsehen, um ihr Unwesen zu treiben!

Es heißt, Tiere könnten in den Rauhnächten in Menschensprache kommunizieren.

Die Wilde Jagd, angeführt von Odin selbst, bricht – erneut nach Tradition unterschiedlich – in den Rauhnächten oder speziell in der Silvesternacht – auf und macht sich auf den Weg zu einer neuen Runde. Deswegen sind in den Rauhnächten auch keine weißen Laken zum Trocknen aufzuhängen. Die Wilde Jagd könnte sie im Vorbeireiten mitnehmen und im Lauf des Jahres zum Totentuch für den Besitzer umwandeln. Eigentlich sollte man das Wäschetrocknen auf der Leine komplett bleiben lassen. Die Wilde Jagd findet es nicht lustig, wenn sie sich in den gespannten Schnüren verfängt.

Wie erwähnt – auch zum Wahrsagen eignen sich die Rauhnächte hervorragend, und auch das hat sich natürlich erhalten. Wir benutzen die Silvesternacht ja immer noch gerne zum Orakeln, auch wenn es sicher die Wenigsten ernst nehmen.

So… und weil ich die Rauhnächte mag, und gerne mit euch teilen möchte, werde ich versuchen, in den nächsten zwölf Tagen zwölf thematisch passende Geschichten aus der Tradition meiner Heimatgegend mit euch zu teilen.

 

Sigrid Früh: Rauhnächte. Märchen, Brauchtum, Aberglaube, Verlag Stendel, Waiblingen, 1998

Jacob Grimm: Deutsche Mythologie, 1835

Bruno Jonas: Gebrauchsanweisung für Bayern, Piper Taschenbuch, 2007

Rudolf Kleinpaul: Die Lebendigen und die Toten: Volksglauben, Religion und Sage, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Berlin/Leipzig, 1898