Tut dir das denn nicht auch weh..?

„…macht dir das gar nicht aus, so nach letztem Jahr?“

Letztes Jahr? Was war denn letztes Jahr mit Kindern? Doch eigentlich gar nichts.

Und dann kommt es mir…

Letztes Jahr – ja, letztes Jahr war diese Sache, als mein Mann sich für eine Veranstaltung vom Veranstalter ein Pferd lieh… das ist ganz normal und kommt öfter vor, nämlich immer dann wenn man das eigene nicht mitnehmen will oder kann. In dem Fall war das Leihpferd aber auch für ihn ein paar Konfektionsgrößen zu hoch und hatte außerdem absolut keine Lust auf die ganze Chose.

Im Ergebnis konnte der Mann dann nachfolgend eindrucksvoll beweisen, dass man mit einer Rippenserienfraktur zwar nicht unbedingt aufs Pferd steigen muss, aber, so man es nur dringend genug will, durchaus kann. Zum unendlichen Schrecken des Assistenzarztes, der dies irgendwann rausfand.

An das Kind denkt er hier gar nicht… aber anscheinend sollte ich nun allgemein etwas dagegen haben, dass der Mann ein Pferd reitet, das nicht seines ist. Oder vielleicht ein Pferd reitet, das sich nicht gut benimmt. Oder…?

Aus dem Nicken wird ein Kopfschütteln. „Nö. Macht mir nichts aus.“

Er schaut ungläubig.

Ich schaue zurück, zucke mit den Schultern.

Ich verstehe es nicht. Mein Mann ist erwachsen – und zwar nicht erst seit heute. Er reitet seit einigen Jahrzehnten. Er wird wissen, auf welches Pferd er sich setzen will – und auf welches nicht. Ja, es gab eine Situation, in der er sich verschätzt hatte, es kamen einige ungünstige Sachen zusammen, und das ganze endete mit Verletzungen, die für ihn sicher sehr unangenehm und schmerzhaft waren (und im Übrigen zunehmend lustiger wurden, je weiter sie verheilten. Ja, vielleicht haben wir beide einen seltsamen Humor.).

Wenn er das als Grund sehen würde, jetzt nicht auf ein Fremdpferd zu steigen, würde ich dazu nichts sagen.

Wenn er das nicht als Grund sieht, jetzt nicht auf ein Fremdpferd zu steigen, sage ich dazu genau dasselbe: gar nichts.

Wenn er wieder runterfällt und sich wieder was tut – Dann tut das ihm weh, nicht mir. Und, da müssen wir uns auch nichts vormachen, der nächste kaputte Knochen wird kommen – mein Mann hat ein wahnsinniges Talent dafür, sich selbst zu zerlegen. Wenn nicht mit dem Pferd dann mit dem Motorrad. Oder dem Quad. Oder einfach nur, indem er ohne zu schauen von einer höheren Mauer springt.

Ich möchte mir von Keinem sagen lassen, was ich reiten darf oder nicht. Ich werde sicher nicht versuchen, einem geübten Reiter vorzuschreiben, worauf er sich setzen darf. Warum nehmen sich überhaupt Leute heraus, anderer Leute Grenzen „festzulegen“? Das nennen sie dann „um jemanden besorgt sein“ oder „es gut mit jemandem meinen“ oder „das Beste für jemanden wollen“.

Ich nenne das bevormunden. Auch, wenn es nicht so gemeint ist. Vielleicht nicht so gemeint ist. Solange jemand niemanden außer sich selbst einem Risiko aussetzt, sehe ich nicht ein, warum ich mich einmischen sollte. Auch nicht, wenn das mein Mann ist.

Erst recht nicht, wenn es mein Mann ist.

Der Mann gehört mir doch nicht… Der kann durchaus für sich entscheiden, was er tut und lässt. Die Konsequenzen trägt schließlich auch er.

Ich würde es vielleicht anders sehen, wenn er nach jeder Verletzung wochenlang jammern und sich bedienen lassen würde – wenn es also doch irgendwie auch für mich Konsequenzen hätte. Tut er aber nicht.

 

„Du musst besser auf ihn aufpassen“, sagte meine Schwiegermutter. „Mein Sohn braucht jemanden, der ihn bremst und der schaut, dass er auf sich aufpasst.“

Der Schwiegervater darauf zu ihr: „Dein Sohn will so jemanden aber nicht.“

 

„Der Mann kriegt nie ’ne Frau ab“, erzählte mir einer seiner Kumpels, damals als wir uns gerade frisch gefunden hatten und sein Freundeskreis noch nicht so recht mitbekommen hatte, dass er nun vergeben war. „Keine will sich bei jedem unerwarteten Anruf fragen müssen, was er sich jetzt wieder getan hat.“

 

„Aber“, fragte mich eine Freundin, „tut dir das nicht auch weh, wenn ihm was passiert? Wenn jemandem, der mir wichtig ist, was passiert, dann spüre ich das doch auch irgendwie und es tut mir weh und ich möchte das nicht.“

 

Bitte wie?

Das ist nun wieder so ein Punkt, an dem ich an meine Grenzen stoße. Wenn mein Mann vom Pferd fällt, tut ihm das vermutlich schon weh – mir aber nicht. Und zwar nicht deswegen, weil er mir nicht wichtig wäre, sondern weil ich eben nicht runtergefallen bin. Weil mich kein Pferd getreten hat, weil ich noch immer oben sitze.

Wie funktioniert dieses „das tut mir auch weh“?

Ich kann mir das nicht vorstellen. Wie soll ich das spüren, was nicht meinem Körper passiert?

Natürlich weiß ich in der Situation, dass es für ihn schmerzhaft ist. Darüber freue ich mich nicht, es ist mir auch nicht egal, aber es tut mir auch nicht weh. Wirklich. Wissen und fühlen, das sind doch zwei getrennte Dinge. Und ich würde mir niemals rausnehmen, für ihn zu entscheiden, wie viel Schmerzen – oder welches Risiko – er für sich riskiert.

Ich reagiere allerdings auch eher ungehalten, wenn jemand versucht, mir vorzuschreiben, was ich zu tun oder nicht zu tun habe… weil es „sicherer“ oder „besser“ für mich ist, weil ich dafür „nicht stark genug“ oder „nicht groß genug“ bin (ich bin in der Tat recht klein), weil ich mir dabei etwas tun könnte. (Klar. Könnte ich vermutlich. Und wenn, dann ist das mein Problem…).

Den anderen machen lassen, was er für sich entschieden hat, scheint allgemein als Zeichen von mangelndem Interesse gewertet zu werden. Für mich ist es im Gegenteil zu einem gewissen Grad eine Frage der Höflichkeit – auf jeden Fall aber immer eine Frage des Respekts und des Respektierens.

Abgesehen davon, dass es jetzt gerade mal mein Mann ohne bleibende Schäden bis in sein aktuelles Alter geschafft hat, woraus zu schließe, dass er durchaus weiß, welche Grenzen er nicht überschreiten sollte. Ich habe insofern also schon gar keinen Grund, einschreiten zu wollen.

Aber, wie so oft… bin ich da mal wieder komisch und anders, wie es scheint.

Irgendein Mechanismus fehlt mir da. Wenn ich so drüber nachdenke glaube ich, ich würde diesen auch gar nicht haben wollen. Er klingt mir nämlich äußerst unpraktisch.

Mein Mann legt mir dieses Fehlen zum Glück nicht als Desinteresse aus. Würde er das tun, wäre er vermutlich auch nicht mein Mann, denn dann hätte er mein „Desinteresse“ bereits bei unserer allerersten Begegnung zu spüren bekommen.

Der Bekannte aus der Reenactmentgruppe hat wohl doch irgendwo Recht mit seinem nächsten Satz, den er ziemlich kopfschüttelnd von sich gibt: „Na, da haben sich ja wirklich die richtigen gefunden…“

Manchmal frage ich mich beim Aufstehen schon, was mich abends geritten hat… wenn ich zum Beispiel um 2:30 aus dem Bett rolle, um in spätestens einer halben Stunde das Haus zu verlassen. Üblicherweise sitze ich zu der Zeit noch am PC und bin am arbeiten – am produktivsten bin ich schon immer nachts. Selbst einer meiner Kunden, der Ratgeber zu gesünderer Lebensführung schreibt und davon überzeugt ist, es gäbe nur sehr wenige Menschen, deren Biorhythmus auf Nachtaktivität ausgelegt ist, kam schließlich zu dem Schluss, dass ich wohl ein solcher sein müsse. Er sendet mir seither seine Aufträge grundsätzlich fünf Minuten, bevor er Feierabend macht, was zwar nett gemeint ist, aber für mich bedeutet, dass ich keine Rückfragen mehr stellen kann, bevor ich anfange. Wie war das mit dem gut gemeint?

In diesem Fall jedenfalls stehe ich nicht zum Arbeiten auf, sondern weil ich am Vortag aus irgendeinem Grund meinte, ich wollte meinen Mann zu einer Veranstaltung begleiten. Es war Frühling, so grob die Zeit um Pfingsten, und irgendein Veranstalter, der mich nur peripher interessierte, hatte eine Veranstaltung mit örtlichen Vereinen auf die Beine gestellt – im relativ wörtlichen Sinn, es sollte ein Umzug sein, der sich im Zickzack durch das Umland und die Dörfer der Gegend zog, und in allen Definition des Wortes ziemlich lang werden würde. Die vorgesehene Strecke – mit Pausen – hatte nach der Karte, die wir uns angeschaut hatten, über 30 km, und das Ganze sollte sehr früh starten. Genau genommen um 4 Uhr morgens mit einer Morgenandacht, zu der wir nicht zu gehen vorhatten.

Der Mann war bereits vor mir aus dem Bett gefallen – er braucht im Bad deutlich länger als ich. Der Wasserhahn war eher rücksichtslos und hatte die Lautstärke voll aufgedreht, ich wollte zurück ins Bett, und überhaupt…

Allerdings habe ich für mich eine Regel, und die besagt: Ich bleibe zu Hause und entziehe mich einer Situation wenn ich muss, da gibt es auch keine Diskussion und kein „um jemandem einen Gefallen zu tun“ – wenn ich andererseits aber die nur gerade normale Unlust verspüre, und das Problem in keiner Weise mit Overload oder Ähnlichem zu tun hat, dann sehe ich das nicht als Entschuldigung an – vor allem nicht, wenn ich bereits zugesagt hatte. Erwarte ich allerdings auch von anderen. „Versprochen ist versprochen“ hieß es bei uns, und bei mir ist „gesagt“ und „versprochen“ relativ bedeutungsgleich.

Nun, mein Mann würde kein Wort sagen, wenn ich einfach wieder ins Bett gehen würde, aber trotzdem – oder gerade darum – mache ich es nicht.

Ich bin halbwegs durch meinen ersten Kaffee, als er vollkommen wach in die Küche kommt. Er macht sich nicht die Mühe, irgendwas zu mir zu sagen, wofür ich dankbar bin. Er weiß, dass er gerade eh keine Antwort bekommen würde. Zum Glück brauche ich heute keine ausführliche Verkleidung – Ich werde nicht im Kostüm mitreiten sondern ganz normal schwarz in schwarz das „Gepäck“ transportieren – also alles, was man bei so einer Strecke dabei haben sollte, das aber nicht jeder einzeln irgendwie am Sattel tragen muss.

Den Herrn stört die frühe Stunde überhaupt nicht – der würde wahrscheinlich noch früher aufstehen, solang es bedeutet, dass er sich dann ins achtzehnte/neunzehnte Jahrhundert begeben darf. Heute etwas ungewöhnlich, weil der Veranstalter drum gebeten hatte, nicht im militärischen Aufzug aufzutauchen. Die Uniform bleibt heute also im Schrank, und der Straußenfedernhut muss auch zuhause bleiben.

Mein Lieblingspferd wundert sich etwas darüber, zu so nachtschlafender Zeit aus dem Stall geholt zu werden. Das Kuschelpferd vom Mann kennt solche Anwandlungen schon und wacht gerade weit genug auf, um auf dem Weg zum Hänger nicht zu stolpern – der ist zufrieden damit, wenn er beim verladen – und nachher beim ausladen – mal ausführlich geknuddelt wird.

Ich bin immerhin weit genug aufgewacht, um kurz zu überlegen ob wir nicht lieber unseren Ersatzschimmel mitnehmen sollten als mein Lieblingspferd – der Ersatzschimmel gehört einem Bekannten, der schon länger alles Interesse am Reiten verloren hat, aber sein Pferd nicht hergeben will. Daher hat er es uns als Zusatzpferd für unsere Veranstaltungen zur freien Verfügung gestellt. Mein Lieblingspferd ist relativ frisch gekauft, war noch nie auf einer Veranstaltung mit uns, und während ich relativ sicher bin, dass es sich benehmen wird, frage ich mich doch kurz, ob es nicht doch geschickter wäre… Naja, aber nun ist meiner ja schon verladen, und außerdem ist es vielleicht doch besser, ihn bei einer solchen Veranstaltung zu testen, und nicht im Reenactment zwischen Musketen, Kanonen und allgemeinem Chaos.

Allzu weit haben wir es nicht. Wir kommen gut und pünktlich an, finden unseren Parkplatz. Der Herr geht sich mal drum kümmern, dass wir angekündigt/angemeldet werden. Ich lade derweil die Pferde aus. Das Kuschelpferd wird mal kurz geknuddelt, das Lieblingspferd liegt wohl eher auf meiner Wellenlinie – der sieht aus, als würde er gleich im Stehen einschlafen und froh sein, wenn ihn gerade keiner anfasst. Die Meinung ändert er gleich, wenn ich die Bürste auspacke, aber für den Moment schweigen wir uns mal einfach nur an.

Ein Becher Kaffee taucht in meinem Blickfeld auf. Ich schaue auf, irgendjemand steht da, es ist nicht mein Mann, weiter komme ich nicht, denn das Gesicht sagt mir gar nichts. Am Kostüm erkenne ich gerade auch niemanden, wir tragen ja heute keine Uniformen … Der Becher ist anscheinend für mich gedacht, ich nehme ihn, sage Danke, weiß gerade auch gar nicht ob Französisch oder Niederländisch, im nächsten Moment könnte ich gar nicht mehr sagen in welcher Sprache ich mich jetzt eigentlich bedankt hatte…

Der Kaffee ist schwarz aber sehr belgisch, warum habe ich eigentlich keinen von zu Hause mitgenommen?

Die Veranstaltung sollte mit einer Morgenandacht beginnen, die sparen wir uns, stattdessen werden die Pferde mal ordentlich durchgestriegelt. Dabei wacht man auch auf. Der Rest unserer Truppe trudelt ein, an den Pferden erkenne ich dann auch etwa wer wer ist.

Es wird aufgesattelt, fast tut es mir leid, dass ich nicht wenigstens einen historischen Sattel für mein Pferd habe, das sollte definitiv die nächste Anschaffung sein. Das Lieblingspferd schaut sich angemessenes Benehmen beim Kuschelpferd ab, nur etwas weniger knuddelverrückt – ich bin ja immer noch der Überzeugung, da wurden zwei Persönlichkeiten vertauscht und irgendwo sitzt in einem Spielwarenladen ein Teddybär und versucht verzweifelt zu wiehern.

Neben den üblichen Teilnehmern haben sich tatsächlich ein paar eingefunden, die zwar zum Stall, nicht aber zu unserer Reenactmentgruppe gehören. Erkennt man an den eher improvisierten Kostümen und daran, dass sie eine rechte Unruhe in die Sache bringen. Warum die hier mitmachen wollen, verstehe ich nicht, aber wenn ich nachfrage, muss ich das nachfolgende Gespräch auch irgendwie rumbringen, also halte ich lieber den Mund. Was ich nie verstehen werde ist, warum man Pferde, die offenbar weder dafür ausgebildet noch dafür geeignet sind, auf solche oder ähnliche Veranstaltungen schleppen muss. Und nein, das ist nicht das gleiche, das ich mit meinem Pferd gemacht habe. Er ist verkehrssicher, er dreht bei Menschenmengen nicht durch, er geht gut in der Gruppe und er hat keine Angst vor flatternden oder bunten Dingern. Das Risiko ist für mich also durchaus überschaubar.

Dafür ist bei einem der Pferde im improvisierten Kostüm schon vom Zuschauen klar, dass das mal lieber zuhause geblieben wäre. Alles ist aufregend, und kein Mensch ist da, um mal einzugreifen. Ein Mädel – ich würde sie auf maximal 11 schätzen, aber ich bin schlecht im Schätzen und höre später, dass vierzehn sein soll – ist weit und breit die einzige Person, die versucht, dem Tier irgendwie die Trense ins Maul zu schieben. Was das Kind um die Uhrzeit hier verloren hat, frage ich mich auch…

Leider finden wir genau das kurz darauf heraus, weil sie in den Sattel klettert – was auch erst beim Wiederholungsversuch klappt, weil das Pferd nicht stehenbleibt. Die will jetzt nicht im Ernst mitreiten…?

Sie will. Ihr Pferd ist allerdings anderer Meinung, denn das läuft zuerst mal zielstrebig zurück in Richtung Hänger. Das mit dem umdrehen bekommt sie nicht so recht hin, das ganze wird etwas unschön, und das Kind landet schließlich im Dreck. Super. Erster Abwurf, bevor der Umzug angefangen hat. Ich hoffe, dass sie das Pferd jetzt wieder verlädt, und das ganze bleiben lässt – kein Mensch hat an einem solchen Tag Lust, ständig noch ein Auge auf jemanden zu halten der entweder nicht genug reiten kann, oder sein Pferd nicht unter Kontrolle hat, oder beides… Das hat jetzt mal ausnahmsweise nichts mit meiner Antipathie für Kinder zu tun.

Das wäre aber zu viel verlangt, sie will wieder aufsteigen. Das Pferd ist ihr ohnehin zwei Nummern zu groß, hat außerdem auch keine Lust, sie aufsteigen zu lassen. Pferd dreht sich im Kreis, Kind hopst mit einem Fuß im Steigbügel hinterher, irgendein Erwachsener nimmt das Pferd am Zügel und das Kind zieht sich in den Sattel. Pferd reißt den Kopf hoch, zieht dem Mann fast den Zügel aus der Hand… das wird so nichts.

Der helfende Mann lässt los, das Pferd macht kehrt und läuft davon. Klapp-klapp-klapp auf der Straße, das Kind hat nicht mal die Zügel in der Hand…

Mein Mann dreht sein Kuschelpferd, trabt hinterher und holt die beiden zurück.

Das Kind ist inzwischen am plärren, aber nicht weil das Pferd jetzt schon zweimal mir ihr durchgegangen ist, sondern weil er ihr gerade gesagt hat, dass sie so nicht mitreiten kann, und die Veranstaltung hier für sie endet. Als unser Koordinator ist mein Mann auch derjenige, der im Zweifel das Machtwort spricht. Der Vater des Kinds hat dazu jetzt auch einiges zu sagen, tut das sehr laut und erschreckt das Pferd damit, womit das Kind zum zweiten Mal an diesem Morgen den Boden küsst.

Sie WILL ABER mitreiten, sie hat sich SCHON SO LANG drauf gefreut, sie MUSS EINFACH…

Der Vater schimpft, das Kind heult, mein Mann erklärt, ich steige mal selbst auf um nachher nicht den Verkehr aufzuhalten, irgendwann muss die Andacht ja vorbei sein…

Und verpasse dabei dann fast, dass er seinerseits absteigt. Dass er nicht verhindern können wird, dass das Kind irgendwie mitreitet, war ihm an der Stelle wohl klar. Er wählt die irgendwie logische Lösung, drückt dem Mädel die Zügel seines Kuschelpferds in die Hand und nimmt das ihre stattdessen. Er ist anderthalb Köpfe großer als das Kind und kommt auch beim ersten Versuch in den Sattel, steigt dann sehr schnell nochmal ab, um sie Sporen abzuschnallen.

Das Kind kommt jetzt auch im ersten Versuch rauf, weil das Kuschelpferd weiß, wie die schwere Übung „Stillstehen“ funktioniert: Vier Hufe auf dem Boden und nicht rühren, bis der Mensch da oben richtig sitzt.

Das mit dem Reiten klappt aber immer noch nicht so super, denn Kuschelpferd ist zwar, wie eine Bekannte einmal  sagte, eine absolute Lebensversicherung für den Reiter, braucht aber schon irgendwie verständliche Anweisungen um zu wissen, was er tun soll. Er steht also erst mal etwas verwirrt da rum, merkt schließlich, dass er laufen soll… wohin ist er sich nicht so ganz sicher. Sein Mensch ist inzwischen davongeritten, um sein Reittier mal kurz etwas Dampf ablassen zu lassen, aber alles nicht so schlimm… es gibt ja noch die Frau von eigenen Menschen, und deren Lieblingspferd… da kann man sich ja mal anhängen.

Ich verdrehe die Augen, als mir klar wird, dass ich jetzt für den Rest des Tages einen Schatten haben werde – was natürlich sinnvoll ist, denn solange das Kuschelpferd mir nachläuft, bleibt das Kind zumindest aus dem Pulk der Reiter raus… als unverkleideter Gepäckträger reite ich etwas abseits hinter der Gruppe, was mir nur entgegenkommt. Theoretisch.

Einer aus unserer Truppe reitet sein Pferd neben meines, hält an, und schüttelt den Kopf. „Sag mal…“ fängt er in leicht lustig klingendem Niederländisch an, „…macht dir das gar nichts aus?“

Doch, will ich gerade antworten, natürlich macht mir das was aus, ich kann Kinder nicht ausstehen, und jetzt habe ich voraussichtlich den ganzen Tag über eines an der Backe…

Halb wundere ich mich noch, dass er das überhaupt weiß, und frage mich, ob es denn so offensichtlich ist… ganz wach genug um gleichzeitig zu denken und schnell zu antworten bin ich aber zum Glück noch nicht, denn er ist noch nicht fertig, und sein nächster Halbsatz macht dann klar, dass er gar nicht das Kind meinte:

„…so nach letztem Jahr?“

[Fortsetzung folgt]

Urlaubsreview – Tag 4

SCS und Wien

Wir haben einige Besorgungen zu erledigen und steuern daher zunächst die SCS an.

SCS steht für Shopping City Süd und ist ein großes Einkaufszentrum südlich von Wien.

Jetzt könnte man annehmen, dass mich das stresst. Tut es lustigerweise nicht. Es gibt ein paar Situationen, die für mich mit einem Mix aus unterschiedlichen Eindrücken genau auf dem Punkt zwischen Stimulation und Überlastung liegen, den ich wahnsinnig angenehm und sogar entspannend finde. Dazu gehören Volksfeste und Jahrmärkte, Verbrauchermessen, Apsley House, der Münchner Hauptbahnhof und eben auch große Einkaufszentren wie dieses.

Zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass ein Buch mit dessen Erscheinen ich gar nicht mehr gerechnet hatte, nachdem der Autor über Jahre verschwunden schien, nun in der Auslage liegt. Also rein in die Buchhandlung, und da ich nicht mit nur einem Buch wieder raus kann, einen ganzen Armvoll Bücher ausgesucht. Zwei davon zweisprachig – Deutsch-Latein. Jetzt kann ich schauen, wie ich das alles in die Regale bekomme.

Wir decken uns noch etwas mit Kleinigkeiten ein, um einem Bekannten ein Dankeschönpaket für einen uns zuvor geleisteten Gefallen zu packen, und beschließen, dass es für einen Besuch „unseres“ Billardcafés etwas zu früh am Tag ist.

Zwischen stöbern und aussuchen ist es inzwischen allerdings Zeit, etwas Essbares zu suchen, und da gibt es für mich in der SCS nur eine Anlaufstelle: Subway.

Die Entdeckung von Subway (als Kette, nicht dieses speziellen Subway) war für mich ein Glückstreffer. Subway findet man so ziemlich überall, und es gibt überall das gleiche. Ich kann so sehr gut auch mal eine Stresssituation entschärfen, indem ich mir etwas absolut vertrautes zu Essen hole. Oder nicht zusätzlich Stress basteln, indem ich in ein Fremdrestaurant gehe. Und überhaupt ist es im Urlaub auch schön, mal etwas Bekanntes zu haben.

Da ich gerne mal aufs Trinken vergesse, bis die Dehydrierungskopfschmerzen anfangen, finde ich auch O’Mellis‚ Saft- und Smoothiebar sehr praktisch. Da man auch hier sein Getränk selbst zusammenstellen kann, sollte jeder was Passendes finden können.

 

Und nochmal übten wir uns in Spontaneität. Seit Jahren wollten wir mal in Wien Fiakerfahren gehen. Bislang passte es nie. Zeit war nun da, Lust sowieso, also Einkäufe schnell nach Hause, und wieder ins Auto. Dank der vielen Einbahnstraßen fahre ich in Wien relativ gerne. Das Navi sagt mir, wo ich hinmuss, und da ich keinen Gegenverkehr habe, machen auch die engen Sträßchen nichts. München könnte sich mehrere Scheiben abschneiden.

Die Fiaker waren eine angenehme Überraschung, die Pferde machten einen guten Eindruck – ich hatte vorher erwartet, dass mich das Ganze dann vor Ort mehr Überwindung kosten würde, aber die Tiere wirkten wirklich sehr gepflegt, ausgeruht und aufmerksam – ein Eindruck, der sich in der folgenden Stunde bestätigt hat. Wir buchten die lange Runde – eine Stunde durch Wien.

Es ist schon ein spezielles Erlebnis, so in der offenen Kutsche. Es ist Ewigkeiten her, dass ich das letzte Mal als Mitfahrer gefahren bin. Ich fahre zwar bei unseren Veranstaltungen auch gelegentlich, aber dann eher Karren als Kutschen, und auf dem Kutschbock sitzend mit den Zügeln in der Hand. Durchgeschüttelt wird man auf dem Kopfsteinpflaster natürlich ordentlich, und schwerhörig sollte man auch nicht sein – zumindest nicht, wenn man dem laufenden Kommentar des Fiakers folgen möchte. Der referiert nämlich eine Stunde lang über Gebäude, deren Bewohner und Architektur, Denkmäler, Brunnen, Plätze und berühmte Cafés – das ganze logischerweise mit dem Gesicht direkt von den Passagieren abgewandt, und daher in die entgegengesetzte Richtung sprechend. Die Anstrengung, ihm zu folgen, zahlt sich aber aus.

Die Passanten sind auch nicht uninteressant – manche grüßen und winken tatsächlich, eine Dame gestikuliert grinsend aus einem Bus, neben dem wir an der Ampel halten. Einige wenige Idioten versuchen, die Pferde zu stören (was ihnen nicht gelingt) und durch den Fiaker auch schleunigst unterbunden wird.

Das Wetter ist perfekt, der einzige echte Störfaktor sind die zahlreichen Baustellen. Am Ende der Stunde haben sich Fiaker und Pferde ihren Lohn plus Trinkgeld redlich verdient.

 

Auf dem Rückweg zum Auto gibt es für uns dann noch einen Zwischenstopp an der Staatsoper – oder genauer gesagt, in deren Andenkenladen. Dieser führt nämlich auch zahlreiche Aufzeichnungen von Aufführungen an unterschiedlichen großen Häusern auf DVD. Ich kaufe dort recht gerne ein. Auf Anfrage sperren die Herren und Damen einem dort nämlich die Vitrinen im Hinterzimmer auf und lassen einen dort alleine, um in Ruhe auszuwählen. Keine nervigen Empfehlungen, kein Gehetze, keine Ablenkung… und so fällt mein Einkauf dort auch immer recht großzügig aus.

 

Gelaufene KM: ca. 15; da ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass ich diese Aufstellung schreiben werde, habe ich die genaue Start- und Endzeit der Fiakerfahrt nicht mitgeschrieben.