Scheidung mal anders

Und es trug sich zu…

… dass England den vermutlich amüsantesten Scheidungsfall aller Zeiten erlebte

Scheidungen sind ja an  und für sich meistens nicht so witzig. Gelegentlich allerdings sind sie geradezu spektakulär.

Wir schreiben das Jahr 1810.

Da es sonst gleich sehr unübersichtlich wird, möchte ich die Protagonisten dieses kleinen Scheidungsfalls kurz vorstellen.

Da hätten wir:

Henry Paget, Jahrgang 1768, Erbe seines Vaters, seit 1795 verheiratet mit
Caroline Elizabeth Villiers, Jahrgang 1774, genannt „Car“;
aus der Ehe sind bislang acht Kinder hervorgegangen.

Henry Wellesley, Jahrgang 1770, Politiker, seit 1803 verheiratet mit
Charlotte Cadogan, Jahrgang 1781, genannt „Char“;
aus der Ehe sind bislang vier Kinder hervorgegangen.

George Campbell (Duke of Argyll), Jahrgang 1768, genannt „Argyll“.
Bislang unverheiratet.

Die ganze Sache hatte zwei Jahre zuvor begonnen, als Charlotte den ärztlichen Rat erhielt, zur Förderung ihrer Gesundheit zu reiten. Nun konnte ihr Ehemann es sich leider nicht leisten, ihr ein Pferd oder einen Reitlehrer zur Verfügung zu stellen.

Die Lösung fand sich, als Henry Paget sich freundlicherweise bereiterklärte, beides zu besorgen – oder, genauer gesagt: das Pferd zu besorgen und den Reitlehrer selbst zu machen. Da Paget einer der absolut besten Reiter auf der Insel gewesen sein dürfte, war Henry Wellesley (dieser war im Übrigen der jüngere Bruder meines „Atty“, der seinerseits damals noch weit davon entfernt war, Herzog zu sein) auch sehr angetan davon.

„Char“ bekam also ihre Reitstunden, und die taten ihrer Gesundheit gleich so gut, dass sie nochmal schwanger wurde – das vierte der obigen Kinder.

Jetzt wurde also erst mal nicht mehr geritten, dafür unterhielten die beiden – Charlotte und Paget – einen regen Briefkontakt.

Ihr Umfeld hatte allerdings, wie es bei solchen Umfeldern halt so ist, einiges zu der Sache beizutragen. So etwa ausführliche Kommentare dazu, dass Charlotte und Paget zu viel Zeit zusammen verbracht hätten, und ojeh, wo das wohl hinführen würde..?

In Anbetracht dessen bot nun Charlotte ihrem Ehemann nun nach der Geburt ihres Sohns Anfang 1809 an, jeglichen Kontakt mit Paget eizustellen. Henry Wellesley winkte ab. Das sei schon in Ordnung, er habe volles Vertrauen in sie…  nur das mit dem Reiten möge sie doch bitte bleibenlassen.

Gut. Das Reiten ließen sie also bleiben. Stattdessen kam es jetzt zu ausgedehnten gemeinsamen Spaziergängen, und bald fing Charlotte an, ihren Diener, der sie als Eskorte begleitete, für ein, zwei Stunden wegzuschicken, wenn sie mit Paget spazierte.


Derweil hatte sich im Hause Paget auch das eine oder andere ereignet.

Henry Paget blieb nicht verborgen, dass die Korrespondenz seiner Gattin Caroline mit George Campbell, dem Herzog Argyll, vielleicht nicht mehr so ganz angemessen war, für eine verheiratete Frau und einen unverheirateten Mann.

Das nachfolgende Gespräch ist im Detail zwar nicht überliefert, im Ergebnis jedoch schon, nämlich in Form eines Briefwechsels zwischen zwei Brüdern von Henry Paget, die sich darüber auslassen. Glaubt man den beiden, muss es etwa so abgelaufen sein:

Henry Paget:  „Car, ich höre du stehst auf Argyll.“

Caroline Paget: „Wo hörst du denn sowas?“

Henry: „Isses so?“

Caroline: „Und was, wenn es so wäre?“

Henry: „Das wäre sehr praktisch.“

Caroline: „Bitte was wäre das?“

Henry: „Praktisch wäre das. Weißt du, da ist diese Frau.“

Caroline: „Charlotte. Wellesley.“

Henry: „Ich sehe, du weißt Bescheid. Also, ich mag Charlotte, und Charlotte mag mich. Und du magst Argyll und Argyll mag dich. Also machen wir das so: Wenn sich Henry Wellesley von Charlotte scheiden lässt, lasse ich mich von dir scheiden, dann heirate ich Charlotte und du heiratest Argyll und wir sind alle glücklich – also, alle außer Wellesley.“

Caroline: „Und wenn Wellesley sich nicht scheiden lassen will?“

Henry: „Naja, dann muss ich weiter außerehelich mit Charlotte schlafen, und du müsstest dann halt auch außerehelich mit Argyll… aber das ginge ja auch, oder?“

Caroline: „Und was sagen Charlotte und Argyll dazu?“


Charlotte hatte inzwischen – es war März geworden – erste Schritte eingeleitet und etwa bei einer Schneiderin einen Satz Kleidung „für eine Freundin“ bestellt, die dort auf Abruf bereitgehalten werden sollten.

Wellesley war vielleicht nicht der schnellste, was die Vergnügungen seiner Angetrauten betraf, aber irgendwann kapierte er es auch und stellte sie zur Rede. Dabei redete er sich dermaßen in Rage, dass er sie schließlich anschrie, entweder sie oder er müssten am folgenden Tag ausziehen.

Charlotte nahm ihn beim Wort. Am nächsten Tag verließ sie das Haus, nahm eine Kutsche und fuhr zu Paget.

Kaum dass Wellesley merkte, dass sie genau das gemacht hatte, was er verlangt hatte, fiel ihm ein, dass er das nicht so gemeint hatte. Er machte sich also auf die Suche nach seiner Frau, konnte diese aber zunächst nicht auffinden. Über die Schneiderin schaffte er es schließlich, herauszufinden, wo sie sich aufhielt.

Dorthin übermittelte er ihr nun also ein Schreiben, in dem er ihr mitteilte, dass sie selbstverständlich zu ihm zurückkommen dürfe.

Charlottes Antwort war ein langes und sehr höfliches Schreiben, dessen Inhalt sich etwa so zusammenfassen lässt: „Nö.“


Paget und Charlotte zogen nun zunächst gemeinsam in eine kleine Wohnung, die einem Freund Pagets gehörte. Eine Sache gab es, über die Charlotte unglücklich war: Ihr Mann hatte die Kinder. Das ließ sich nun gerade nicht ändern, und es war in Scheidungssituationen zu der Zeit auch üblich – sofern man von „üblich“ sprechen konnte – , dass der Ehemann die Kinder behielt. Schließlich war der hauptsächlich anerkannte Scheidungsgrund Ehebruch durch die Frau.

Bei Paget und Caroline sah die Absprache von vorneherein anders aus: Deren acht Kinder blieben auf Carolines Wunsch bei ihr.

Es folgte eine Vielzahl von Briefen. Etwa so:

Wellesley an Charlotte: Kannst zurückkommen.

Charlotte an Wellesley: Nö.

Wellesley an Charlotte: Komm zurück!

Charlotte an Wellesley: Nö.

Wellesley an Charlotte: Komm bitte zurück!

Charlotte an Wellesley: Nö.

Pagets Brüder an Paget: Sag mal, spinnst du?

Paget an Brüder: Nö.

Pagets Vater an Charlotte: Verlass meinen Sohn!

Paget an Pagets Vater: Halt du dich da raus, Papa!


Die Zeitungen bekamen Wind davon und ließen sich ausführlich über die Situation aus. Skandale mochte man ja immer schon gerne.

Mit viel Überredungskunst schafften es Charlottes und Pagets jeweilige Brüder, die beiden zu einem „Experiment“ zu überreden. Sie sollten sich einen Monat lang nicht sehen, um festzustellen, ob sie die Situation mit etwas Abstand nicht anders betrachten würden.

Sie hielten zwölf Tage durch.

Paget erhielt ein paar Duellforderungen von Charlottes Bruder. Henry Wellesley verklagte ihn auf Schadensersatz – das war zu der Zeit üblich, bei Ehebruch – und bekam, was wohl kaum überraschend war, Recht.

Paget und Charlotte zogen aufs Land.

Um irgendwie mit den gemeinschaftlichen Plänen vorwärts zu kommen – Argyll hatte inzwischen Caroline schon mal vorsorglich einen Heiratsantrag gemacht, den sie ebenso vorsorglich schon mal angenommen hatte – mussten nun zwei Scheidungen vollzogen werden.

Die einfachere hätte die der Wellesleys sein sollen. An dem Ehebruch war ja wohl nicht zu rütteln – sollte man meinen – und die Scheidung hätte eine reine Formsache sein sollen.

Nur Henry Wellesley wollte nicht so mitspielen. Der erklärte mal wieder, dass er seine Frau doch gerne zurück hätte… und überhaupt sei er gar nicht so sicher, dass sie wirklich den Ehebruch vollzogen hatten. Außerdem fühlte er sich als alleinerziehender Vater, trotz der Dienerschaft und Verwandtschaft, die ihm die Arbeit abnahm, stark überfordert. Charlotte würde von ihm also keine Scheidung bekommen, solange er keinen Beweis für den Ehebruch hatte.

Charlotte und Paget schüttelten einmal gemeinschaftlich den Kopf und machten sich dran, den Beweis zu produzieren. Dieser kam am 4. März 1810 zur Welt und wurde auf den Namen Emily getauft.

Nun wurde also endlich geschieden – nämlich Henry Wellesley von Charlotte, wobei Wellesley inzwischen die Nase vom um-die-Kinder-kümmern dermaßen voll hatte, dass er es Paget gleich tat und die Kinder zur Mutter schickte – was dieser wiederum nur Recht war.


Kaum, dass diese Scheidung rechtskräftig war, wandte sich nun Caroline an einen Anwalt. Sie wollte sich von Henry scheiden lassen – der hatte ja nun eben auch Ehebruch begangen, und das war ein guter Scheidungsgrund.

Dabei stellten die vier – also Caroline, Charlotte, Paget und Argyll – nun aber fest: so einfach ging das mal wieder nicht.

Es konnte nämlich nach englischem Recht sich lediglich der Ehemann von der ehebrechenden Ehefrau scheiden lassen – nicht aber umgekehrt.

Na gut, einfachste Lösung: Caroline und Argyll lassen sich beim Ehebruchbegehen erwischen, Paget reicht die Scheidung ein.

Da spielte aber Argyll nicht mit: Ehebruch begehen gerne, aber erwischen lassen nicht, weil „Meine Mutter bringt uns um.“

Nun gab es aber zum Glück einen Ausweg: Das schottische Gesetz unterschied sich nämlich vom englischen, und dort konnte auch die Frau die Scheidung einreichen. Voraussetzung: Die Parteien des Scheidungsfalls mussten mindestens 40 Tage lang in Schottland gelebt haben.

Die vier packten also ihre Koffer und mieteten sich in Schottland ein Haus.

Dort hatten sie nun erst mal 40 Tage Zeit, um weitere Pläne zu schmieden, und die waren durchaus notwendig.

Das Gesetz hatte nämlich noch zwei Haken:

Der erste: Der Mann durfte unter keinen Umständen anschließend die Frau heiraten, die der Anlass zur Scheidung war.

Der zweite: Absprachen waren verboten.

Zu Problem Nummer 2 gab es nun wirklich nur eine Lösung: Gemeinschaftlicher Meineid.

Problem Nummer 1 hätte sich relativ leicht lösen lassen, indem Paget sich einfach mit einer anderen Frau im Bett hätte erwischen lassen. Da spielten nun aber weder Paget noch Charlotte mit.

Also wurden die vier kreativ. Paget mietete sich unter einem schlecht angenommenen Decknamen mit einer Begleiterin in einem Hotel ein. Die Begleiterin war dicht verschleiert, nahm ihre Mahlzeiten im Zimmer ein, und zeigte ihr Gesicht nie vor dem Personal.

Caroline entwickelte plötzlich ob der Abwesenheit ihres Mannes und wissend um seine kürzliche Affäre mit Charlotte den „Verdacht“, ihr Mann hätte erneut eine Geliebte, und beauftragte einen Detektiv, ihm nachzustellen.

Dieser wurde wie gewünscht fündig, konnte nur leider ebenfalls die Frau nicht identifizieren. Eine Frau war es aber jedenfalls, und sie war in Pagets Bett gewesen, und die beiden mit Begeisterung bei der Sache – und so hatte Caroline die Handhabe, die sie brauchte, um ihre Scheidung einzureichen.

Lord und Lady Paget wurden geschieden.

Henry Paget heiratete Charlotte, womit Lord Paget nun eine neue Lady Paget hatte.

Der Herzog Argyll heiratete Caroline und machte sie zur Herzogin (was auch Carolines Familie mit der ganzen Angelegenheit versöhnte).

Die vier fuhren zusammen in die Flitterwochen.

Henry Wellesley biss sich vermutlich in den Allerwertesten.


Die englische – und auch die schottische – Gesellschaft war entrüstet und erzürnt. Das Quartett Paget/Argyll kümmerte sich nicht drum. 1811 schreibt Caroline an Pagets Bruder, „anything that I had thought happiness in the former part of my life was not for a moment to be compared to the superlative degree of bliss which I am now enjoying“ („alles, was ich in meinem Leben früher für Glück gehalten habe, war  nicht im geringsten Vergleichbar mit der überragenden Freude, die ich jetzt genießen darf.“)

Henry und Charlotte Paget machten weiter, wie sie schon mal angefangen hatten, und zeugten im Lauf der nächsten Jahre neun weitere Kinder.

Die Ehe der Argylls blieb kinderlos, zumindest, was gemeinsame Kinder betraf. Es waren ja nun aber wirklich genug Kinder da – Carolines acht, Charlottes vier plus zehn… Die Kinder lebten abwechselnd bei den beiden Familien, nannten Caroline „Mama Argyll“ und Charlotte „Mama Paget“.


1815 stand man vor einem hochkomplizierten Problem. Napoleon war wieder da, und man war gerade dabei, den großen Showdown vorzubereiten. Oberbefehlshaber sollte sein – klar – Arthur Wellesley, inzwischen Herzog Wellington. Aber sein Stellvertreter, der zweite in der Rangfolge? Es kamen nicht so viele in Frage.

In der festen Annahme, damit einen Wutausbruch auf Seiten Wellingtons zu provozieren, schrieb man ihm also einen sehr höflichen Entschuldigungsbrief. Es täte allem Leid aber es ginge nicht anders – der Stellvertreter müsse Lord Uxbridge sein – Henry Pagets Vater war nämlich inzwischen verstorben, und er hatte den Titel geerbt. Man wisse ja, der sei mit Wellingtons Schwägerin durchgebrannt, aber es müsse halt nun mal doch sein…

Wellington, wie immer praktisch denkend und absolut nicht mit einem Sinn für Etikette oder gesellschaftliche Normen geschlagen, schrieb zurück: „Ich verspreche, nicht mit ihm durchzubrennen.“

Ergänzung: Warum sagt denn keiner, dass ich die Quelle nicht mit einkopiert habe?

George Charles Henry Victor Paget: One Leg: The Life and Letters of Henry William Paget, First Marquess of Anglesey, K.G. 1768-1854,  Jonathan Cape Ltd, 1961 (S. 89-112)

The Arrow Man – C. J. Leyendecker & Charles Beach

Um die hundert Jahre ist es her, als in der Werbung in den Vereinigen Staaten eine spezielle Werbefigur auftauchte: der „Arrow Collar Man“.

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Arrow stellte Hemden her. Die Werbeposter – damals gemalt, nicht photographiert – zeigten einen jungen Mann, sehr männlich, gut gebaut unter seinen Hemden, sehr gepflegt und gut frisiert.

Der Arrow (Collar) Man startete seine Webekarriere auf Hemdenwerbung, aber er blieb dort nicht lange. Auf anderen (ebenfalls gemalten) Postern machte er in der Zeit zwischen den Weltkriegen Werbung für alles Mögliche. Socken. Football. Armee.

Man konnte ihm eigentlich nicht mehr ausweichen, dem Arrow Collar Man. Wer wollte das auch schon. Er war ja wirklich sehr schön anzusehen.

Irgendwann erschien er dann auch recht spärlich bekleidet – wir sprechen schließlich von den 1920er Jahren –, um für Rasierapparate zu werben.

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Was halten unsere Männer heute eigentlich von diesem Konzept?

Die Bilder kamen alle aus einer Feder – oder genauer gesagt: aus einem Pinsel. Noch genauer gesagt aus dem von Herrn Joseph Christian („J.C.“) Leyendecker.

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J. C. Leyendecker (1874 – 1951); Bild von Wikipedia (gemeinfrei)

Leyendecker, Jahrgang 1874, war gebürtiger Deutscher. Seine Eltern wanderten mit den beiden Söhnen Joseph und Frank 1882 in die USA aus. Beide Brüder zeigten ein Talent für die Kunst. Mit 16 war Joseph bereits als Maler und Graveur angestellt. Seine erste Auftragsarbeit bestand aus Bibelillustrationen. Abends nahm er Kunstunterricht.

1898 gingen beide Brüder nach Paris, um dort weiter Kunst zu studieren. Nach ihrer Rückkehr nahmen sie sich zusammen eine Wohnung und begannen ihre Karriere als Illustratoren. Sie stellten damals zahlreiche Coverbilder für Zeitschriften her.

Dann verlegten sich beide Brüder auf das zeichnen und malen von Werbung. In diesem Zusammenhang tauchte dann eben erstmalig der Arrow Collar Man auf, der sich von da an durch Leyendeckers komplette Karriere spannte.

Wie kein anderes Werbesymbol definierte er den eleganten amerikanischen Mann der 1910er und ’20er Jahre.

1914 zogen die Brüder in ein eigenes Haus mit Studio. Im ersten Weltkrieg machte der Arrow Collar Man Werbung für eben diesen – auf Rekrutierungsaufrufen. Nach dem Krieg folgten wieder andere Werbeplakate. Die 1920er Jahre waren erfolgreichste Zeit für Leyendecker, überschattet sicher vom Tod seines Bruders Frank im Jahr 1924.

Ab ca. 1930 gingen die Aufträge zurück. Die Werbebranche jener Zeit erholte sich nie vom Wall Street Crash 1929. Leyendecker lebte zurückgezogen. Es gab keine großen Partys mehr bei ihm. Er hatte weiterhin Aufträge, wenn auch nicht derselben Masse wie zuvor. Im zweiten Weltkrieg wurde er erneut als Maler von Militärpostern eingesetzt.

J. C. Leyendecker verstarb 1951.

Bald nach Leyendeckers Tod verschwanden seine Poster, seine Bilder mit dem Arrow Collar Man. Sie tauchten einfach nicht mehr auf. Leyendecker selbst wurde nicht mehr erwähnt. Man findet ihn kaum in der einschlägigen Literatur.

Warum, fragt man sich, verschweigt man einen Künstler, der eine zu ihrer Zeit geradezu ikonische Werbefigur geschaffen hatte? Eine Figur, die die Wahrnehmung des Männerbilds während ihrer „aktiven“ Zeit stark mit geprägt hatte? Einen Künstler, der auch noch für ganz andere Dinge verantwortlich war – schließlich stammte von ihm auch die Darstellung des Santa Claus in der standardisierten Form wie sie heute noch bekannt ist.

Nun, es dürfte wohl daran liegen, dass nach seinem Tod ein kleines Detail bekannt wurde.

Leyendecker wurde nicht nur von seiner jüngeren Schwester Mary Augusta überlebt, sondern auch von Charles Beach.

Charles Beach, der jahrzehntelang mit den Geschwistern Leyendecker zusammenlebte, ist oben zu sehen: Auf jedem einzelnen Poster. In J. C. Leyendeckers Testament sind er und Mary zu gleichen Teilen als Erben genannt.

Der Arrow Collar Man war keine erfundene Gestalt – und er war auch nicht irgendein Model.

Jahrzehntelang himmelte (ausgerechnet) die amerikanische Öffentlichkeit Leyendeckers Lebensgefährten an. Tja. Dumm gelaufen, für die amerikanische Öffentlichkeit…

Mit Ausnahme einer Biographie aus den 1970ern findet man erst in den letzten Jahren wieder Erwähnungen. Zumeist sind es Ausstellungskataloge. Weitere Werke gibt es in einigen amerikanischen Museen und auf http://www.americanartarchives.com, umfassende Abdrucke in dem unten genannten Werk aus dem Jahr 2008.

Michael Schau: J. C. Leyendecker, New York, 1974,

Laurence & Judy Goffmann Cutler: J.C. Leyendecker, Harry N. Abrams, 2008

Frida Kahlo

Da wir offenbar noch nicht genug Kuschel- und Dekokissen haben, musste mal wieder Nachschub her. Wenn man dann noch Bezüge findet, die zum einen interessante Motive haben und zum anderen vom Material bzw. der Textur her noch nicht vorhanden sind, ist die Kaufentscheidung schnell getroffen. Und da wir uns eh nicht entscheiden konnten, welches Motiv wir wollten, ist es auch praktisch, dass wir sowieso zwei Wohnorte auszustatten haben.

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Die auf den Bezügen dargestellte Frau ist Frida Kahlo de Rivera (1907-1954), eine mexikanische Malerin. Ihr Wert wird häufig dem Surrealismus zugerechnet, auch wenn sie selbst dieser Einordnung nicht zustimmte. Ihr Stil erinnert oft an naive oder volkstümliche Malerei.

Ihr Vater stammte aus Deutschland, wanderte nach Mexiko aus und nahm mit der mexikanischen Staatsbürgerschaft auch den spanischen Vornamen Guillermo (Wilhelm) an. Von ihm lernte Frida das Malen und Fotografieren.

Im Alter von 18 Jahren wurde Frida bei einem Busunfall schwer verletzt. Zwar erholte sie sich wider Erwarten zunächst fast vollständig, doch begleiteten sie die Folgen der schweren Verletzungen zeitlebens. Besonders traf es sie, dass sie nicht mehr in der Lage war, ein Kind auszutragen. Sie hatte mehrere Fehlgeburten und musste schließlich den Wunsch nach einem Kind aufgeben. Spätfolgen führten schließlich auch zur Amputation ihres rechten Fußes.

Ihre Ehe mit Diego Rivera, einem viel älteren mexikanischen Künstler, hielt zunächst zehn Jahre. Nur ein Jahr nach der Scheidung heirateten sie erneut.

In einem Umfeld, in dem die Rolle der Frau sehr eng definiert war, sprengte Frida die Grenzen. Sie trank, sie rauchte, ihr Sinn für Humor war derb, ihre Bilder fielen in Stil und Motiven aus dem Rahmen des üblichen. Sie trug Männerkleidung, schnitt sich auch schon mal die Haare kurz und betonte in ihren Selbstportraits oft Damenbart und Augenbrauen, was gar nicht dem weiblichen „Schönheitsideal“ entsprach. Bereits in einer Fotoserie  ihres Vaters aus dem Jahr 1926 ist Frida neben ihren Geschwistern im dreiteiligen Herrenanzug  zu sehen, komplett mit allen Accessoires.
Andererseits trat sie jedoch auch absolut feminin in mexikanischer Tracht und mit dem Schmuck der Ureinwohnerinnen auf und stellte sich so dar.

Frida Kahlos Werk wurde von der mexikanischen Regierung zum nationalen Kulturgut erklärt. Eines ihrer Bilder ist aktuell das am teuersten verkaufte Werk eines Malers aus Lateinamerika. Ihre Bilder haben häufig einen Bezug zu ihrem eigenen Leben, und insbesondere zu allem, was in diesem schwer oder schmerzhaft war: Der Unfall, die Fehlgeburten, die Untreue ihres Mannes und vieles mehr.

Es gibt zahlreiche Biographien und biographische Filmwerke zum Leben von Frida Kahlo. Empfehlen würde ich den Spielfilm Frida mit Salma Hayek in der Hauptrolle. Er basiert auf einer Biographie von Herrera und ist gleichermaßen Dokumentation und Unterhaltungsfilm.

 

Hayden Herrera: Frida Kahlo, Malerin der Schmerzen, Rebellin gegen das Unabänderliche, Scherz, München, 1983

Hayden Herrera: Frida Kahlo. Ein leidenschaftliches Leben, Scherz, Bern 1995

 

Michel Ney (1769 – 1815)

Und es trug sich zu…

7. Dezember 1815. Jardin du Luxembourg, Paris. Morgens.

Der Verurteilte steigt gefasst aus der Kutsche. Er ist nicht in Uniform gekommen, sehr zur Erleichterung des Chefs des Exekutionskommandos. Dem Helden Rangabzeichen und Orden abreißen zu müssen wäre nicht nach seinem Geschmack gewesen.

Im blauen Gehrock und Zylinder nimmt der Mann Aufstellung vor der Mauer. Die Augenbinde verweigert er. Er wird dem Tod ins Gesicht sehen. Aufrecht stehend, nicht kniend. Seine Frau wartet derweil noch im Vorzimmer des Königs auf eine Audienz. Sie hofft noch immer darauf, eine Begnadigung für ihren Ehemann durchsetzen zu können.

Den Feuerbefehl, so heißt es, gibt er selbst.

„Soldaten, wenn ich den Feuerbefehl gebe, schießt auf mein Herz. Wartet auf den Befehl. Es wird der Letzte sein, den ich euch gebe. Ich protestiere gegen meine Verurteilung. Ich habe in hundert Schlachten für Frankreich gekämpft, aber nicht eine gegen es. Soldaten, schießt!“

Zwölf Mann zählt das Exekutionskommando. Zwölf Schüsse gehen los, und der Mann geht zu Boden, getroffen von elf Kugeln. Die zwölfte schlägt eine Scharte in die Mauer. Einer der zwölf hatte sich geweigert, auf den Tapfersten der Tapferen zu schießen.

Michel Ney (1769 - 1815)
Michel Ney (1769 – 1815)

Er war Michel Ney, geboren als Sohn eines Böttchers in Saarlouis im Januar 1769. Ein guter Jahrgang für das Militär. Wellington und Napoleon waren im selben Jahr geboren, ebenso eine Reihe anderer hochrangiger Offiziere aus der Zeit.

Michel wuchs zweisprachig auf – zu Hause sprach man Deutsch, in der Schule Französisch. In der Notarausbildung eignete er sich eine beeindruckende Handschrift an. Wellingtons Schreibe kann ich nach Jahrelanger Übung mit einiger Mühe entziffern, aber selbst Neys Unterschrift ist ein Kunstwerk.

Gegen den Wunsch seines Vaters trat er in die Armee ein, gerade zum richtigen Zeitpunkt. Nicht lange zuvor, und er hätte in seinem Stand keine Chance gehabt, über den einfachen Soldaten hinaus befördert zu werden. So aber stieg er, der schnell als einer der besten Fechter bekannt wurde und den Ruf hatte, absolut jedes Pferd reiten zu können, in der Armee schnell auf – als Offizier in der Kavallerie. Er erreichte den höchsten Rang der französischen Armee, wurde 1805 von Napoleon zum Maréchal d’Empire ernannt (im Frankreich unter Napoleon in ziviler Titel und nicht – wie im England, Preußen oder Bayern der Zeit – ein militärischer Rang. Auswirkung hatte der Titel militärisch vor allem optisch: Marschälle dürfen weiße Straußenfedern am Hut tragen.).

Ney heiratete in den Adel ein. Seine Ehefrau war Aglaé Auguié, Tochter einer Hofdame Marie Antoinettes. An der Ehe war Napoleons Ehefrau nicht ganz unschuldig – die hatte sich das so ausgedacht. Sie hatte sich aber wohl auch etwas dabei gedacht. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor, und sie scheint auch sonst recht harmonisch verlaufen zu sein, was wohl kaum nur an der geteilten Liebe zur Musik liegen kann. Darüber, wie gut oder schlecht sein Querflötespiel nun tatsächlich war, gehen die Quellen auseinander.

Für seine militärischen Leistungen wurde er in den Adel erhoben und zum Herzog von Elchingen, später Fürst von Moskova ernannt. Im Russlandfeldzug wurde er als der letzte Mann auf russischem Boden bekannt – Michel Ney, die Nachhut der Grande Armee. Dennoch waren seine militärischen Entscheidungen nicht immer tadellos. Er konnte auch übereilt sein, der Michel Ney. Manchmal kann man nur den Kopf schütteln ob seiner Entscheidungen.

1814 war er der Sprecher der Offiziere, die Napoleon zur Abdankung zwangen. Er soll es gewesen sein, der seinem Kaiser die Botschaft überbrachte, das Militär stünde nicht mehr hinter ihm. „Die Armee gehorcht mir!“ schimpfte Napoleon. Ney schüttelte den Kopf. „Nein, Sire. Die Armee gehorcht nur noch ihren Generälen.“

Sie setzten sich durch. Napoleon ging in die erste – kurze – Verbannung. Ney wurde Oberbefehlshaber des Militärs unter Louis XVIII. Zwar hatte der König seine Titel und Stellung bestätigt, doch blieb er für den alten Adel der Emporkömmling aus dem Volk. Sollte das dazu beigetragen haben, dass er ein Jahr später erneut die Seite wechselte? Als Napoleon zurückkehrte und nach Paris marschierte, ritt Ney los, nach dem Versprechen an den König, Napoleon nach Paris zu bringen –“In einem eisernen Käfig“. Ganz so kam es nicht. Wenn Bonaparte eines wusste, dann wie er seine Männer begeistern konnte. Die Soldaten, geschickt um ihn zu verhaften, stellten sich auf seine Seite. Ney gab nach. Napoleon zog nach Paris, während der Marschall sich auf seinen Landsitz zurückzog, um dort noch eine Weile zu schmollen, bis schließlich Napoleon nach ihm schickte. Er brauchte seinen Tapfersten der Tapferen – den Spitznamen hatte ihm der Kaiser auf dem Rückzug aus Russland verpasst – an seiner Seite.

Und Ney kam.

Bei Waterloo muss ihm klar gewesen sein, dass die Schlacht nicht mehr zu gewinnen war. Es müsste ihm auch klar gewesen sein, was das für ihn bedeutete. Man kann es nämlich drehen und wenden, wie man will: Er hatte dem König die Treue geschworen, er hatte als Befehlshalber der Armee des Königreichs seine ihm gestellte Aufgabe nicht erfüllt, und kämpfte nun wieder unter Bonaparte. Fünf Pferde waren bereits unter ihm erschossen worden, und Ney stürmte zu Fuß, sein zerbrochenes Schwert schwingend. Es heißt es sah aus, als suche er den Tod – doch der wollte ihn nicht haben.

Napoleon floh, und wurde gefasst.

Ney floh, und ergab sich Anfang August den Männern des Königs. Er wollte den Menschen, die ihn versteckt hielten, die Durchsuchung durch die Soldaten ersparen.

Angeklagt wegen Hochverrat stand er vor dem Militärgericht – und das weigerte sich, über ihn zu urteilen. Vor dem Zivilgericht versuchte sein Anwalt einen letzten verzweifelten Schachzug. Aus Saarlouis stammend sei Ney kein Franzose, sondern Preuße, sagte er. Als solcher könnte er wohl kaum in Frankreich wegen Hochverrats angeklagt werden. Ney schnitt ihm das Wort ab. „Ich bin Franzose, und Franzose bleibe ich.“ Der Anwalt gab auf. Das Urteil wurde gesprochen.

Der Tod wird nicht mehr gefragt, ob er Ney haben wollte.

Ney fällt, elf Kugeln im Körper: sechs treffen seine Brust, drei den Kopf, eine den Hals, eine bricht ihm den Arm. Fünfzehn Minuten lässt man ihn im Dreck liegen, während sich Zuschauer sammeln. Ein Reiter springt mit seinem Pferd über den Toten. Ein Soldat holt sich ein makabres Andenken, indem er sein Taschentuch mit Neys Blut tränkt.

Ney, tot auf der Bahre, das Hemd geöffnet um die Einschusslöcher zu entblöén; im Vordergrund kniet eine betende Nonne.
Was der Atheist Ney hiervon wohl gehalten hätte?

7. Dezember 1815. Das Wartezimmer des Königs.

Aglaé wartet noch darauf, vorgelassen zu werden. Die Tür geht auf, ein Mann nähert sich. „Madame“, sagt er leise. „Geht nach Hause. Die Angelegenheit wegen der Ihr hier seid, wäre nun vergebens.“

A.H Atteridge: Marshal Ney: The Bravest of the Brave. Pen & Sword, 2005
Jonathan Gillespie-Payne: Waterloo: In the Footsteps of the Commanders, Pen & Sword Books, 2004
Harold Kurtz: Nacht der Entscheidung – Die Tragödie des Michel Ney. Köhler, Stuttgart, 1961
Henri Welschinger: Le maréchal Ney, 1815. E. Plon, Paris 1893

Kein Badajoz ohne Hochzeit

Und es trug sich zu…

…dass nach der Erstürmung von Badajoz zwei spanische Damen in das britische Lager kamen. Es war direkt nach der Einnahme der Stadt, als die britischen Soldaten unaufhaltsam plünderten.

Die beiden näherten sich den ersten Offizieren, die sie trafen, und die Ältere erklärte sich schnell: Sie waren die letzten verbleibenden Überlebenden einer Familie aus dem alten spanischen Adel. Eltern und Bruder waren im Krieg umgekommen. Sie hatten gerade die Plünderung überlebt – nicht ganz unbeschadet, denn die Soldaten, die ihnen ihren Schmuck abgenommen hatten, hatten ihnen nicht die Zeit gelassen, die Ohrringe abzunehmen, sondern sie direkt herausgerissen. Beide hatten frische Verletzungen.

Sie, die Ältere, war verheiratet. Ihr Mann diente bei der spanischen Armee und sie wünschte, ihn zu suchen und sich ihm anzuschließen. Für ihre jüngere Schwester Juana erbat sie den Schutz der britischen Offiziere. Die junge Dame war vor einer Woche 14 geworden. Sie war zuvor in einer Klosterschule erzogen worden und es war noch nicht lange her, dass man sie von dort aufgrund des Kriegszustands nach Hause geschickt hatte.

Einer der britischen Offiziere, die das Ganze mit ansahen war Henry George Wakelyn Smith, genannt „Harry“. Der Sohn eines englischen Landarztes und Pferdezüchters und einer Pastorentochter, ein mittlerer Sohn aus einer Großfamilie. Harry, mit seinen 24 Jahren (damit weiß der Leser hier nun mehr als er, denn er musste an seine Schwester in England schreiben, um sein eigenes Alter zu erfragen) volle zehn Jahre älter als Juana, ein Wildfang und rechter Draufgänger, immer in Bewegung. Liest man über ihn, fragt man sich unwillkürlich ob er in der heutigen Zeit nicht mit ADHS diagnostiziert worden wäre. Harry also, der glücklicherweise Spanisch annähernd so gut sprach wie English, hatte die Lösung für das Dilemma der Damen umgehend parat.

„Ganz einfach: Ich heirate sie.“

Und Juana, nach einem guten Blick auf Captain Smith, fand, dass ihr das eigentlich nicht schlecht passte. Was kümmerte es sie, dass er Brite war? Nicht aus dem Adel kam. Anglikaner. Sie kein Wort Englisch sprach.
Es muss wohl irgendwie Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.

Ihre Schwester war weniger begeistert von der Idee. Brite, Arztsohn, Anglikaner… aber nun waren da schon zwei, die die Hochzeit wollten, und das zwar ausgerechnet das künftige Brautpaar.

Harry als britischer Offizier tat noch gut daran, die Hochzeitsgenehmigung von seinem Vorgesetzten einzuholen. Er ging einen Schritt weiter: Wellington selbst gab ihm seinen Segen für die Hochzeit – unter der Bedingung, dass er einen katholischen Priester zu beschaffen hatte, denn die Dame war schließlich katholisch, und es ging nicht an, ihr eine anglikanische Hochzeit aufzuzwingen.

Die Schwester stimmte schließlich ebenfalls zu, der Priester wurde gefunden. Wellington sprang für den fehlenden Brautvater ein und führte Juana zum Altar.

Der nachfolgende Versuch, Juana auf das Leben mit den anderen mitreisenden Ehefrauen im Tross der Armee vorzubereiten ging gehörig nach hinten los. Juana hörte sich nämlich die ausführlichen Beschreibungen der Schwierigkeiten und Probleme an, die Erklärungen, wozu ihr neuer Ehemann keine Zeit haben würde…

… und beschloss kurzerhand, das Leben im Tross sei nichts für sie.

Allerdings kam es ihr auch nicht in Frage, sich nach Lissabon schicken zu lassen, um dort auf ihn zu warten.

Nein, sie schloss sich direkt der Armee mit an, lebte im Zelt ihres Mannes, reiste mit den Soldaten und Offizieren, erledigte Harrys Haushalt und machte nebenbei noch die Wäsche und Flickarbeiten für einige seiner unverheirateten oder alleine reisenden Offizierskollegen mit. Sie fügte sich so gut in das Leben dort ein, dass niemand Grund zur Beschwerde hatte. Ob sie nun dem an Rheuma leidenden Vorgesetzen den Regenschirm hielt, sich um die Verwundeten kümmerte oder mal eben alleine einen halben Tagesritt zurück galoppierte, um unerlaubt geplünderte Ware zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückzubringen – sie wusste sich jederzeit nützlich zu machen. Wellington – der sie auch durchaus schon mal einspannte, wenn ihm noch ein Mann fehlte – stellte sie schließlich dem russischen Zaren als „Offizierin“ vor.

Juana hatte vor ihrer Hochzeit nie auf einem Pferd gesessen. Harry gehörte von Kindheit an zur Marke „Das Pferd, das ich nicht reiten kann, muss noch gefohlt werden“. Er brachte ihr auf einem seiner Ersatzpferde das Reiten (und wohl auch Schießen) bei, und nur wenige Wochen später übernahm sie eines seiner besten Pferde – den Andalusier Tiny –, den sie den Rest des Kriegs über und darüber hinaus ritt. Mit ihren diversen Pferden, Harrys sechzehn Jagdhunden und Juanas „Vitty“, einem Mops, den sie nach der Schlacht von Vittoria adoptierte, dazu den fast obligatorischen Ziegen als Milchspender, führten die beiden auch eine rechte Menagerie mit, die immer für eine Anekdote gut ist.

„Jenny“, wie sie sich in England nannte, trat einige Jahre später zum anglikanischen Glauben über, was den Bruch mit ihrer Familie in Spanien bedeutete. In Harrys Familie war sie willkommen – auch vorher bereits.

Bedenkt man, wie die Ehe zustande gekommen war, mag es erstaunen, dass sie erfolgreich war. Mit Ausnahme eines Jahres, das Harry in Amerika verbrachte – die Überfahrt war zu kostspielig als dass Offiziere ihre Frauen hätten mitnehmen dürfen – begleitete Juana ihren „Enrique“ auf jeden Posten, ob in Indien oder Südafrika (die Stadt Ladysmith in Südafrika? Genau. Diese Lady Smith war das.). Dabei beschränkte sie sich nie auf die Rolle der passiven Ehefrau, sondern war ihm immer eine gleichberechtigte Partnerin.

Georgette Heyer verarbeitete den Stoff der Begegnung und der frühen Jahre ihrer Ehe in ihrem Buch „The Spanish Bride“ („Die spanische Braut“), das so nahe an den Quellen ist, dass man es eigentlich schon eher als nur leicht bearbeitete Sammelfassung der diversen veröffentlichten Brief-Sammlungen und Tagebücher bezeichnen könnte denn als Roman.

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harry
Henry George Wakelyn Smith (1787 – 1860)
juana
Juana María de los Dolores de León Smith, Lady Smith (1798 – 1872)

Jane-Eliza Hasted: The Gentle Amazon – The Life & Times of Lady Smith, Museum Press Ltd., London, 1952
Johnny Kincaid: Adventures in the Rifle Brigade, in the Peninsula, France, and the Netherlands from 1809 to 1815, T. & W. Boone, London, 1830
G. C. Moore (Editor): The Autobiography of Lieutenant-General Sir Harry Smith, John Murray, London, 1903