Eine Woche England

Normalerweise beschränke ich Reisen soweit möglich auf maximal zwei Übernachtungen. Dass wir diesmal von Mittwoch bis Montag, jeweils einschließlich, weggefahren sind, und ich dabei kein besonders schlechtes Gefühl hatte, hing zuerst mal daran: Organisiert wurde dieser Ausflug von einer autistischen Freundin; und die Teilnehmer alle Autisten oder Autisten mit NT-Partner im Anhang. Das machte die ganz Angelegenheit schon mal etwas entspannter.

Dazu jetzt kurz – irgendwann schreibe ich dazu ausführlich: Ich mache bei Freundschaften eine ganz klare Unterscheidung in AS und NT. Ich habe zwei NT-Freundinnen, und das ist auch die absolute Obergrenze für mich.  Alles Weitere wäre sehr viel zu anstrengend.

Bei Mit-Autisten ist meine Toleranzgrenze in Anzahl, Kontaktumfang und –dauer usw. deutlich höher, und ich finde es sehr viel weniger anstrengend. Sowohl als Sender als auch als Rezipient.

Der Gedanke war also: 8 x 2, Kombination je AS/NT, zusammen drei ganze und zwei halbe Tage in einem ehemaligen Kloster, das für Gruppenveranstaltungen vermietet wird, Spaß haben.

Einige Dinge laufen dabei etwas anders ab, als man es vielleicht so „üblich“ ist.

Es gingen zunächst einige E-Mails rum. Jeweils ein Thema, mit der Option, entweder die Grundfrage beschreibend zu beantworten oder den beiliegenden Fragebogen auszufüllen. Ich wähle bei sowas den Fragebogen. Ich mag Fragebögen.

Einmal ging es um Aktivitäten – das Thema des Ausflugs sollte „Game of Thrones“ sein – also: Welche der in Frage kommenden Dinge wollte man machen/nicht machen/nur unter bestimmten Umständen machen, beim LARP welche Figur(en) spielen, etc.

Die zweite ging um die „chores“, die Aufgaben – wir kamen als Selbstversorger, also musste eingekauft werden, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, Essen gekocht usw. Man gab an, was man zu machen bereit war/unbedingt machen wollte/gar nicht machen wollte, ob bestimmte Tageszeiten für einen Einsatz bevorzugt wurden und ob man mit bestimmten Personen unbedingt oder gar nicht zusammenarbeiten wollte.

Die dritte ging um Persönliches. Grenzen, Abstand, Regeln, Dinge, die unbedingt gekauft werden müssten, Dinge, die Probleme machen würden durch Geruch etc., welche Art von Schlafplatz, wäre man bereit, das Badezimmer mit anderen zu teilen usw.

Daraus wurden dann zum einen der Zeitplan erstellt, zum anderen die Zimmerzuteilung und die Einkaufspläne gemacht. Außerdem ging eine Rundmail raus, in der für alle zusammengefasst wurde, bei wem auf was zu achten ist. Jeweils mit Bitte um Rückmeldung, falls Probleme auftreten würden.

Nun sind solche Zeitpläne genau etwas, das mich normalerweise leicht aus der Bahn werfen würde – nämlich dann, wenn sie kurzfristig geändert werden, weil schnell beschlossen wird, doch irgendetwas zu verlängern, zu verkürzen, zu ändern, jemand spontan auf komplett neue Ideen kommt usw.

Genau das ist z. B. ein Stressfaktor, den ich mir in dieser Anordnung ersparen kann. Wenn nämlich 50% der Anwesenden genau das gleichen Problem hätte, und die anderen 50% dran gewöhnt sind, dass man nicht einfach mal schnell was umwirft, dann wird der Zeitplan zu einem Sicherheitsfaktor.

*

Aufgrund einer Streiksituation bei BA wurden wir gebeten, frühzeitig zum Flughafen zu kommen. Soweit kein Problem. Laptop geht mit, ab in die Lounge, ich arbeite weiter, der Herr beschäftigt sich mit einem Buch.

Der Flug wie üblich problemlos; das Kabinenpersonal sehr bemüht, der Steward wurde etwas panisch als ich den Salat ablehnte (war Hähnchen drin) … Vegetarisch hätte man vorbestellen müssen… Hatte ich nicht, hatte ja gar nicht vorgehabt, an Bord zu essen.

Der Pilot war einer dieser Landekünstler, bei denen man erst mitbekommt, dass das Flugzeug wieder unten ist, wenn es bremst.

Am Flughafen wurden wir vom Mann der Londoner Freundin empfangen, dem ich es wirklich hoch anrechne, dass er uns jedes Mal abholt, wenn wir kommen. Es ist eine knappe Stunde Fahrt durch London, aber andernfalls müssten wir eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, was für mich sehr stressig ist.

Da die Londoner Freundin und ich uns ein Spezialinteresse teilen, hat es sich so eingebürgert, dass wir uns bei jedem Treffen jeweils ein neues bzw. neu entdecktes Buch zum Thema mitbringen und austauschen. Zum Glück verstehen sich die beiden Männer gut, und so können wir auch ohne schlechtes Gewissen erst mal eine Weile unter uns fachsimpeln, während die beiden sich eben über was anderes unterhalten.

Nach dem Abendessen folgte noch ein bisschen Requisiten basteln, dann recht zeitig Schlafen… denn am nächsten Morgen mussten wir raus.

*

Meine Erinnerung an die frühen Morgenstunden ist eher verschwommen…das ist bei mir so üblich. Kaffee beschleunigt den Aufwachprozess, und so war ich dann doch ausreichend wach um den Schwan anzuschauen … das Museum lag freundlicherweise direkt an unserer Strecke.

Tolles Tier, der Schwan. Ich muss sagen, ich habe eigentlich gar keine Worte, um das zu beschreiben. Wer in den nächsten Wochen in London ist, sollte sich den auf keinen Fall entgehen lassen!

Nach dem Schwan ging es dann per Auto nach Nordengland. Dort stellte ich zuerst mal fest: Unsere Unterkunft ist offenbar einer dieser Orte aus Harry Potter, die man nur findet, wenn man bereits weiß, wo sie sind.

Also im Ernst: Da hätte ich niemals ohne jemanden zum Zeigen hingefunden. Es stellte sich später auch noch raus dass andere trotz telefonischer Anleitung wirklich nicht hinfanden, und wir sozusagen einen Suchtrupp losschicken mussten.

Das „Problem“ dabei ist: Das Gelände wurde im Lauf der Zeit komplett mit Wohnhäusern umbaut, sodass nur ein sehr enger Weg (eine knappe Gehwegbreite etwa) zwischen zwei Häusern hindurch zum Eingangstor führt. Dieser Weg ist unbeschriftet und sieht von der Straße aus eher aus, als würde er in einen Hinterhof führen. Der Gang endet an einer Holzplatte an Scharnieren mit Riegel. Erst dahinter kommt der eigentliche Zugang zum Gelände. Bis man durch dieses erste improvisierte Tor ist, sieht man absolut nichts von dem, was dahinter liegt. (Parken muss man um die Ecke.)

Hat man erst mal reingefunden… ist die Unterkunft aber einfach toll. Sie ist für Selbstversorger gedacht, es gibt eine große Küche, einen Speiseraum, viele Zimmer, mehrere Badezimmer pro Stockwerk mit Duschen und Badewannen, eine Sauna und anderes… Wir nutzten in erster Linie die beiden „Sitting rooms“ – große wohnzimmerartige Räume mit vielen bequemen Sitzmöbeln. Aus dem größeren flog als erstes der Tisch raus, weil wir Freifläche brauchten. Wir wollten ja schließlich irgendwie Theaterspielen.

Im Lauf des Nachmittags trudelten so nacheinander alle ein. Die einen verzogen sich erst mal direkt in ihre Zimmer, die anderen halfen beim Lebensmittel rauftragen und wegräumen, der für den Abend eingeteilte Koch machte seine Pläne… Die Requisiten wurden aufgestellt, die Skripte ausgelegt.

Eine kleine Beinahekatastrophe gab es dann als eine NT-Frau – der dazugehörige Mann war bereits da – den Veranstaltungsort nicht fand. Trotz mehrfachem Anrufen und einweisen. Irgendwann waren dann doch alle da, das Abendessen war gegessen, und wir hatten für den Abend auf dem Plan stehen, die ersten Szenen durchzuspielen.

Dabei war die Regelung im Großen und Ganzen die: jeder kann mit so viel oder wenig Einsatz spielen, wie er will. Der eine steht eben auf der Bühne und liest seinen Text ab, der andere spielt seine Rolle mit vollem Körpereinsatz, Kostüm und Requisiten… jeder, wie es ihm zusagt. Szenen mit Körperkontakt, fesseln von Gefangenen, Schwertkämpfen, etc. werden zuvor zwischen den Beteiligten abgesprochen. Ebenfalls sprechen die jeweils Beteiligten vorher ab, falls sie eine Szene nicht nach Skript spielen sondern improvisieren wollen.

Ich war erstaunt, wie gut das in der Tat ging. Die Requisiten waren teils etwas gewöhnungsbedürftig. Die Wölfe waren Plüschtiere, und da wir nicht genug Wölfe zusammengebracht hatten, wurde mit Plüschkatzen aufgefüllt. Schwerter reichten vom richtigen LARP-Schwert bis zum funktionsfähigen (leuchtenden) Laserschwert – klar, man braucht ja brennende Schwerter und auch mal Fackeln … Zitat vom Wochenende: „Und sie nahm ihr Laserschwert und machte sich auf den Weg“.

Wir waren ja nun alles erwachsene Leute zwischen 30 und 45, und daher „nicht das kleinste Bisschen“ albern. Nee, ist klar… natürlich bleibt die Sache nicht bierernst, wenn das einzige für den Auftritt zur Verfügung stehende Pferd ein Steckenpferd ist, die Dracheneier als Avocados geboren wurden und fehlende Requisiten einfach durch ein Blatt Papier ersetzt werden, auf dem die Bezeichnung des fehlenden Gegenstands steht.

Spaß hatten wir jedenfalls.

Ganz toll übrigens: was an „inneren Organen“ benötigt wurde, hatte vorher jemand aus geschmolzenen Haribo-Erdbeeren nachgeformt und großzügig mit Theaterblut verziert. Diese speziellen Requisiten wurden anschließend noch ihrer ursprünglich vorgesehenen Verwendung zugeführt.

Zwar hatte jeder zugeteilte Rollen, aber es spielte nicht unbedingt jeder in jeder „Sitzung“ mit. Wer gerade Pause wollte oder brauchte, konnte in seinem Zimmer bleiben, spazieren gehen oder sonst was machen, und die Rollen wurden bei Bedarf kurzfristig umverteilt.

Es wurde natürlich nicht nur Game of Thrones gespielt an dem Wochenende. Die Pokémon-Go-Spieler schickten immer mal wieder Jagdtrupps aus, es gab Diskussionsrunden zu vorher genannten Themen (ähnlich Viktorianischer Parlour-Diskussionsrunden, wie sie gerne mal zur Unterhaltung abgehalten wurden), Karten- und Brettspielrunden, Abends wurde die Sauna angeworfen, irische und schottische Folkmusik gesungen und getanzt (wir hatten Flöte- und Gitarrenspieler samt Instrumenten dabei). Einige hatten ihre eigenen Projekte dabei, einige gingen außerhalb der Spielerunden direkt in ihr Zimmer und blieben da, bis es entweder Zeit zum Essen oder Zeit zum weiterspielen war.

Frühstück und Mittagessen lief jeweils so, dass jeder sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbst holte, was er wollte. Es gab dabei Schränke und einen Kühlschrank, die für die Köche reserviert waren und die von diesen bestellten Zutaten enthielten, und Schränke und einen anderen Kühlschrank, aus denen sich jeder einfach bedienen konnte. Speziell für eine Person besorgte Lebensmittel waren beschriftet.
Zum Abendessen kochen sowie am Sonntag zum Brunch (= Full English Breakfast) war jeweils ein Koch mit zwei Helfern eingeteilt. Gekocht haben alle hervorragend. Es wurde immer in Variationen gekocht, der anfangs rumgesendeten Liste entsprechend, sodass immer jeder was zu essen hatte. Wer nicht im Speiseraum essen wollte, nahm sich eben einen Teller mit aufs Zimmer – oder ließ sich einen bringen.

Gespräche fand ich allgemein auch in der Gruppe verhältnismäßig entspannt, schon allein deswegen weil wirklich immer nur einer redete. Wenn sich zwei Gespräche im gleichen Raum entwickelten und es dadurch zu Problemen durch Lärmpegel kam, ging die Gruppe, die näher an der Tür saß, in einen anderen Raum. Bei Wortfindungs-/Artikulationsproblemen sah die Lösung dann so aus, dass die betroffene Person, die etwas sagen wollte, aber gerade entweder die passenden Wörter oder gar keine Wörter rausbrachte, einfach „Words!“ sagte bzw. einen Zettel mit dem Wort drauf hochhielt. Dann wurde gestoppt, die jeweilige Person konnte sich in Ruhe die Wörter sortieren, aufschreiben oder anderweitig den gewünschten Inhalt kommunizieren.

Alles in Allem: Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass eine Zusammenkunft von 16 Personen so relaxt ablaufen kann…Wir sind definitiv nächstes Jahr wieder dabei.

 

 

„Er hat da ja auch so ein Spezialinteresse…“

…sagt sie und deutet auf meinen Mann.

Ich schüttle den Kopf.

Nee.

*

Ich war vergleichsweise alt, als mir erstmalig klar wurde, dass der Grad an Interesse, das ich einem Thema entgegenbringen kann, nicht „normal“ ist.

Noch älter war ich, als mir klar wurde, wie groß der Unterschied zwischen einem intensiven neurotypischen Interesse und einem „echt“ autistischem Spezialinteresse ist.

Wie ist das nun mit dem Spezialinteresse?

Zunächst mal – wie bei allem: Es ist wohl für jeden ein bisschen anders. Für mich ist es so, wie ich es hier schreibe. Es wird andere geben, die es teilweise oder ganz anders erleben.

Ein Spezialinteresse ist ein relativ eng gefasstes Thema, das mich interessiert, und mit dem ich mich sehr ausführlich beschäftige.

Bleibt das immer gleich?

Nicht unbedingt. Man wird älter, man entwickelt sich weitere, wie sich Interessen verschieben, so können sich auch Spezialinteressen verschieben. Interessiert ihr euch noch für dieselben Dinge, die ihr mit 10 toll fandet? Oder mit 15? Nein? Tja, seht ihr… ich größtenteils auch nicht.

Meine Beobachtung – man korrigiere mich gerne, wenn jemand anderweitige gemacht hat – ist, dass sich im Erwachsenenalter nicht mehr „so viel tut“ und man eher einem Thema treu bleibt, während sich wie bei jedem in der Kindheit/Jugend eher mal Änderungen ergeben.

Auch so würde ich aber sagen, mein Fokus wechselt ein bisschen, mal ist das eine präsenter, mal das andere, durchaus auch einfach eine Frage der Gelegenheit und der Versorgung mit Material.

Ich würde sagen, ich habe zwei Dauer-Spezialinteressen, die immer und unverändert präsent sind.
Eines kann ich zurückverfolgen bis… naja, solange ich denken kann – und über Erzählungen sogar bis vor die Zeit, an die ich mich bewusst erinnere. Ich vermute mal, das Thema werde ich nie loswerden – möchte ich auch gar nicht – das ist so fest mit meinem Hirn verschmolzen.
Das andere habe ich als Erwachsener „erworben“.

Es gibt auch durchaus Themen, die mich noch immer fesseln können, aber nicht mehr so allumfassend wie sie das in der Vergangenheit konnten. Es gibt immer mal wieder etwas, bei dem ich mir in kurzer Zeit sehr viel anlese, es dann aber nicht weiterverfolge.

Wenn du anfängst, dich für etwas zu interessieren, weißt du dann, ob das ein Spezialinteresse wird?

Ich möchte behaupten, inzwischen ja.
Wenn ich mir vorstelle, dass bei einem normalen Interesse meine Aufmerksamkeit mit Druckknöpfen am Thema befestigt wird, sie schon „einschnappt“ aber ich erst mal „draufdrücken“ muss, dann ist das Thema, das zum Spezialinteresse wird eher so der Effekt eines entgegengesetzt gepolten Magneten. Flutsch, da bin ich.

Und kannst du das verhindern?

Ja äh…  Kannst du verhindern, dass du dich für etwas interessierst? Nicht wirklich, oder? Du kannst dem Interesse allerdings einfach nicht nachgehen, wenn du es nicht für gut oder angemessen oder sinnvoll hältst. Kann ich theoretisch auch, aber ganz so einfach ist es für mich nicht.

Magnet. Flutsch. Kleb. Das muss man dann erst mal auseinanderpulen – Meine Mutter hatte zwei recht starke rechteckige Magneten im Nähkorb, zum Nadeln suchen und so. Schönes Spielzeug für uns Kinder. Die waren auch recht schwer auseinaderzuziehen, wenn sie sich erst mal hatten. Der Druckknopf geht viel leichter auf.

Also, Magneten auseinanderfummeln, und dann – dann kannst du deinen Druckknopf einfach zur Seite legen, aber sobald ich meinen Magneten loslasse – Flutsch – klebt der wieder auf dem anderen.

Ich müsste jetzt also einen der beiden Magneten umdrehen und aus Anziehung Abstoßung machen. Kann ich. Aber warum sollte ich das tun?
(In der Tat hatte ich damals, als mein neueres „Dauerspezialinteresse“ aufkam – aus praktischen Gründen – in Betracht gezogen. Im Nachhinein sage ich mal, wäre blöd gewesen. Nee, das passt schon so, wie es ist.)

Es gibt ja Autisten, die haben von selbst gar kein Spezialinteresse. Ich vermute mal, denen fehlt es auch nicht.

Ich kenne aber Autisten, die das Spezialinteresse „von zu Hause her“ (also Eltern…) verboten bekommen haben. Zu obsessiv, zu unnormal, zu viel, zu… (Halte ich übrigens für absolut grausam.) Eine mir bekannte Autistin dieser Art dreht daher noch heute immer mit Gewalt den Magneten um, und sammelt so immer wieder Themen an, mit denen sie absolut nichts zu tun haben will, die sie tatsächlich abstoßen – und zwar immer und zuverlässig dem Moment folgend, in dem ihr klar wird, dass sie gerade mehr-als-üblich oder detaillierter-als-üblich Zeit mit dem Thema verbracht hat. Schade, das, denn ihr entgeht dabei vermutlich etwas, nämlich der – ich bezeichne es jetzt mal als „Stressabbaueffekt“.

*

Und was ist jetzt der Unterschied zwischen deinem Spezialinteresse und dem Hobby deines Mannes?

So richtig bewusst wurde mir der Unterschied wie gesagt sehr spät – genau genommen eben, als ich eben diesen Mann kennengelernt habe.
Der hat in der Tat ein extrem intensives Hobby, das er seit sehr langer Zeit sehr intensiv verfolgt. Er kennt sich mit dem damit zusammenhängenden Bereich hervorragend aus, liest viel davon, kann auch Detailfragen oft beantworten, sammelt Dinge dazu, hatte seine Wohnung passend dekoriert…

Sein Hobby und mein Spezialinteresse sind nicht deckungsgleich. Sie sind sich nahe genug, um sich gegenseitig zu ergänzen, weit genug voneinander entfernt, um keine „Kompetenzstreitigkeiten“ aufkommen zu lassen. Nahe genug, dass wir uns nicht gegenseitig auf die Nerven gehen damit.

Zum einen sind aber die Grenzen seines Interesses nicht so streng gesteckt. Ich habe eine klare Trennlinie zwischen „Interesse“ und „Kein Interesse“. Dinge fallen entweder auf die eine oder auf die andere Seite. Bei ihm ist das mehr so ein fließender Übergang.

Zweitens, angenommen wir sind gerade beide voll in unserem Element, und es kommt etwas dazwischen – dann macht er den Druckknopf auf und kümmert sich um das, was dazwischen gekommen ist. Ich muss erst mal anhalten, die Magneten auseinanderfummeln, wenigstens so eine Art mentalen Pappkarton finden, den ich dazwischenklemmen kann – also meine Gedanken und Konzentration soweit blockieren, dass sie gerade nicht da weitermachen können, wo sie vorher waren – und dann kann ich mich um das andere kümmern, aber es dauert ziemlich lange, bis ich aufhöre, das Stück „Pappe“ zu „spüren“.

Drittens, jetzt wird es dann wirklich auffallend. Ich kann immer.

Ich meine, natürlich kostet meinen Mann sein Hobby im Normalfall weniger Anstrengung und Energie als seine Arbeit oder andere Dinge, die ihn weniger interessieren. Natürlich wird er abends eher seinem Hobby nachgehen wollen, als noch ein bisschen zu arbeiten, oder etwas total Langweiliges zu machen. Oder zum Runterkommen bei Stress.

Eine Beschäftigung mit meinem Spezialinteresse ist für mich aber nicht nur weniger anstrengend als eine Beschäftigung mit etwas anderem – sondern auch weniger anstrengend als Nichtstun. Klingt komisch? Ist aber so.

Mein Mann verbraucht bei seinem Hobby immer noch Energie, und es gibt Zeiten, da ist er auch dafür zu geschafft. Je fertiger ich von anderen Sachen bin, desto dringender wird mir das Bedürfnis, mich mit einem Spezialinteresse zu beschäftigen. Es ist so ein bisschen Urlaub fürs Hirn. Ich habe mir sagen lassen, manche Leute bekommen den Effekt durch Meditation. Vielleicht ist da gar nicht so viel um, von der internen Wirkung. Alle Gedanken, alle Überlegungen, alle Energiefresser, werden weggesperrt, und das einzige was bleiben darf ist eine sehr geordnete Art zu Denken, ein Fokus auf einer – und nur einer – Sache.

Da vergisst man dann auch schon mal das Essen.

Oder das Schlafen. Ist mir auch schon passiert, dass dann plötzlich wieder Morgen war. Naja, das ist dann eher suboptimal.

Da war einmal eine Zeit, in der ich extrem im Stress war. So richtig, nächste Haltestelle Meltdown. Alles ging drunter und drüber, es gab keine Möglichkeit mehr, runterzukommen, weil ständig noch eins und noch eins draufgepackt wurde, von allen möglichen Seiten.

Es war schon fast eine Verzweiflungstat – ich wusste, ich muss irgendwie genug Energie auffüllen um aus diesem Tief auszukommen… Ich buchte den nächsten Flug München-London. Nahm den Tag frei. Nachts um 3 zum Flughafen. Ersten Flieger des Morgens. Vom Flughafen ab in die Tube. 45 Minuten U-Bahn über mich ergehen lassen, um 9:30 am Ziel. Die nächsten sieben Stunden direkt am Kern meines Spezialinteresses verbracht, nichts anderes um mich… Einfach nur schön. Bällebad für meinen Kopf, wenn ihr so wollte. Reinlegen ins Vergnügen und drin rumrollen (nur dass ich mich natürlich nicht im wörtlichen Sinn auf den Teppich gelegt habe… das konnte ich mir gerade noch verkneifen. )

Ich war kurz vor Mitternacht wieder zu Hause, auf dem Rückweg am Flughafen sogar noch dran gedacht, dass ich mal was essen sollte.

Wer käme schon auf die Idee, im höchsten Stress schnell einen Day-Trip nach England zu unternehmen? Mir hätte aber ein Tag nichts tun im dem Moment gar nichts gebracht, außer dass die Arbeit am darauf folgenden Tag zusätzlich zu machen gewesen wäre. So hatte ich sieben Stunden am Stück Tiefenentspannung. Einmal Neustart fürs Gehirn, der Arbeitsspeicher ist wieder frei, die hängenden Prozesse laufen wieder…

Normalerweise lasse ich es nicht ganz so weit kommen – aber diesen Day-Trip habe ich seitdem öfter wiederholt, vor allem wenn ich gerne komplett aufgeladen in einen stressigen Zeitabschnitt starten will. Dann mache ich allerdings auch mal halb/halb, treffe mich dort mit einer ebenfalls autistischen Freundin, mit der ich mir das andere Spezialinteresse teile. Dann verbringen wir dazu ein paar Stunden im Austausch, meistens bei einem ausgedehnten Spaziergang durch den einen oder anderen Park.

Andere finden es dann oft verwunderlich. Sie würden das nicht hinbekommen, sagen sie mir, an einem Tag nach London und zurück… das sei doch so viel Stress, zweimal in den Flieger, man hat ja auch kaum Zeit (ich finde 7-8 Stunden sind eigentlich eine Menge Zeit, wenn man sie mit dem Richtigen verbringt), also nein, wie kann ich das nur…

Für mich laden diese Stunden dazwischen eben sehr viel mehr Energie auf, als mich die An- und Rückreise kosten, da ich mich in dieser Zeit wirklich mit gar nichts anderem beschäftige – auch mit gar nichts anderem beschäftigen muss. Ich stelle mir einen Wecker, um eine Rückfahrt nicht zu verpassen, und dann kann ich einfach alles andere vergessen.

Und den Effekt bekommt man mit einem Hobby, egal, wie intensiv man es verfolgt, eben nicht hin.