Vom Können und Nicht-Können

Eine Erinnerung – lange her. Ich male eine Zeichnung aus. Wir sind irgendwo unterwegs, ich beschäftige mich. Ich will anfangen, mein gerade gezeichnetes Pferd auszumalen, aber der braune Stift bricht ab. Ich habe keinen Spitzer dabei. Ich fange an, mich aufzuregen, weil ich das Bild nicht fertigmalen kann. Meine Mutter wirft einen Blick drauf und meint: „Muss das Pferd braun sein? Es gibt doch auch schwarze Pferde.“ Und schiebt mir den schwarzen Stift hin.

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Ich habe zwei NT-Freundinnen. Von diesen ist eine blind. Da ergibt es sich, dass man gelegentlich gemeinsam vor einem dreidimensionalen Stadtmodell steht und das gemeinsam betrachtet.

So standen wir da dann auch mal wieder, und es näherte sich eine Mutter mit zwei Kindern. Eines der Kinder deutete auf die Punkte und fragte, was das sei. Die Mutter antwortete, die Punkte seien für Leute wie „die Frau dort“, die nicht lesen könnten weil sie blind seien.

Wir standen nahe genug, um das zu hören, und meine Freundin hatte wohl gerade Lust, Aufklärungsarbeit zu leisten.

„Entschuldigung“, sagte sie, „ich muss das jetzt korrigieren: Ich kann sehr wohl lesen. Ich lese diese Punkte.“

Die Kinder, wie Kinder halt so sind, waren sofort interessiert, fragten nach. Zum Glück hatte die Dame Zeit, denn ihre Kinder standen die nächste Zeit vor diesem Stadtmodell und lernten, wie man Braille liest. Gut, mit den Augen, aber trotzdem. Nebenbei bekam die Mutter, die ziemlich schnell ebenfalls anfing, Fragen zu stellen, dann auch noch ein paar Erklärungen.

Mit heimgenommen haben die drei hoffentlich unter anderem die Information: Nur, weil jemandem die örtliche Mainstream-Methode nicht zugänglich ist, bedeutet das nicht, dass dieser jemand die Aktivität nicht ausüben kann. Vielleicht macht er sie nur ein bisschen anders…

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Mit dem Können ist das allgemein so eine Sache.

Wenn ich nach China oder Japan reise, und dort die Schilder nicht entziffern kann, kann ich dann plötzlich nicht mehr lesen?
Wenn ein Mensch aus einem arabischen Land, der sein Leben lang arabisch geschrieben hat, nach Europe kommt – kann der nicht lesen? Mein inzwischen verstorbener Opa hat nie gelernt, Antiqua („unsere“ Buchstaben) zu schreiben, sondern schrieb sein Leben lang Fraktur (echte Fraktur, nicht dieses elende Sütterlin). Konnte der deswegen nicht schreiben?

Ich habe links nicht mehr ausreichend Feinmotorik, um einen Stift zu führen, rechts wesentlich mehr als meine Unterschrift gelernt. Ich tippe meine Texte in der Regel. Kann ich nun nicht schreiben?

Was ist zum Beispiel mit Stephen Hawking? Kann der nicht schreiben, weil er seine Bücher Zeichen für Zeichen in den Computer eingibt, statt einen Stift in die Hand zu nehmen? Aber Bücher geschrieben hat er trotzdem…

So einfach ist das mit dem Können oder Nichtkönnen also gar nicht, vor allem, wenn es um Generalisierungen geht.

 

Schreiben können. Lesen können. Zeichnen können…

 

In einer Zeit, in der es ausgefeilte OCR-Programme (Texterkennung) gibt, kann man so ziemlich jeden gedruckten Text einscannen und vom Computer in gesprochenen Text (oder eine andere Form der Ausgabe) umwandeln lassen. Ja, kleine Fehler entstehen noch immer, vor allem bei Namen, aber im Großen und Ganzen ist es kein großer Aufwand mehr, einen Text eigenständig lesen zu können, selbst wenn man die gedruckten Buchstaben nicht direkt in Bedeutung umwandeln kann. Egal, ob das nun daran liegt, dass man nicht den Text nicht sieht, oder irgendwo in der Informationsverarbeitung liegt, oder ganz Gründe hat.

In einer Zeit, in der es gute Spracherkennungsprogramme gibt – die auch an Akzent, Dialekt oder undeutliche Aussprache, ungewöhnliche Spracheigenheiten und Ähnliches mit relativ geringem Aufwand zu gewöhnen sind – muss niemand mehr einem Stift über das Papier bewegen oder buchstabieren können, um selbst zu schreiben.

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Warum „hängen“ wir uns so oft an der Methode „auf“?

Warum lese ich im Blog einer Mutter, die laut eigener Aussage in der Arbeit für Autisten aktiv ist, ihr autistischer Sohn könne nicht zeichnen – Direkt unter einer Zeichnung, die derselbe Sohn angefertigt hat. Auf dem Computer. Im Grafikprogramm.
Der Text beginnt: „Obwohl er nicht zeichnen kann…“ (sinngemäß weiter: macht er Bilder am Computer).

Warum ist die Zeichnung, die am Computer erstellt wurde, aus Sicht dieser Frau keine Zeichnung?
Warum hat sie nicht den Wert einer Zeichnung mit Bleistift und Papier?
Warum nimmt sie die Methode wichtiger als das Ergebnis?
Warum kommen solche Aussagen, immer und immer wieder, von Leuten, die sich selbst als Unterstützer bezeichnen?
Ist solchen Leuten nicht klar, wie destruktiv diese Herangehensweise ist?
Welche Nachricht sendet das?
An ihren Sohn?
An andere Autisten?
An andere Leute allgemein?

Solche Aussagen haben meines Erachtens in dem Zusammenhang nichts verloren.

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Immer wieder habe ich das Gefühl, dass wir vor lauter Fokus auf die Defizite gar kein Interesse daran haben, uns die Lösungen anzuschauen.

Vielleicht können wir uns das nächste Mal, wenn jemand mit der Mainstream-Methode nicht kann ja auch einfach mal fragen: muss er denn? Geht es nicht auch einfach anders? Das Pferd ist doch nicht weniger ein Pferd, wenn es schwarz statt braun ist…

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Es kostet mich weniger als zwanzig Minuten, um einen beliebigen Computer mit einem neueren Windows (WIN95 wäre schwierig) und einem beliebigen Scanner so einzurichten, dass er jeden gedruckten Text in hörbare Sprache umwandelt.

Gut, ich bin dabei recht zügig, weil ich es schon oft genug gemacht habe.
Aber selbst jemand, der das zum ersten Mal macht, sollte nicht mehr als eine Stunde investieren müssen. Eine Stunde, damit derjenige, der Buchstabenketten – aus welchem Grund auch immer – nicht in Inhalt umwandeln kann eben doch lesen kann.

Zehn Minuten Installationszeit und dreißig Minuten Eingewöhnungszeit kostet es heute, um ein Diktierprogramm (Spracherkennung) zum Laufen zu bringen. Damit kann man nicht nur Texte eingeben, sondern den kompletten Computer steuern. Warum habe ich also erst gestern wieder einen Menschen im jungen Erwachsenenalter getroffen, der „nicht schreiben kann„?

Nebenbei: Wir verwenden, auch wenn wir durchaus selbst lesen und tippen können, beide Techniken gerne und viel bei der Arbeit.
Der „Mercedes“ unter den OCRs kostet 150 Euro.
Der „Mercedes“ der Spracherkennung kostet 130 Euro.
Mercedes fahren kann nett sein und lohnt sich sicher, wenn man damit „seine Brötchen verdient“, aber, um beim Autobild zu bleiben: zum Ausprobieren tut es auch der gebrauchte Golf.

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Wir waren heute am Pferdeputzen, eine junge Dame, die öfter im Stall ist… gefühlt irgendwie unteres Ende Teenageralter … erzählte von einem Thema, das sie interessiert. Ich: „Ah, dann hast du ja sicher [Buchtitel] gelesen?“ – Die danebenstehende aufsichtführende mit Ohrstöpseln versehene, in exakt diesem Moment sich ein Hörbuch zu Gemüte führende Mutter: „Aber nein, sie kann doch nicht lesen!“

Nach einem sprachlosen Moment von mir: „Also dafür, dass Sie es nicht gelesen haben, kannten Sie das neuen Karen-Slaughter-Buch aber verdammt gut.“ (War ein Buch, von dem sie letztes Mal erwähnte, das Hörbuch gerade durch zu haben, und wir hatten uns etwas drüber unterhalten.)

Jetzt ist sie beleidigt.

Maarten S. Sneijder

„…er war fast schon Autist.“ heißt es im neuen Buch von Andreas Gruber (Todesmärchen, Heyne-Verlag; Prädikat: „Nicht berauschend, das konnte der Autor schon mal besser“).

„Fast?“ sagt eine Freundin. „Meinst du nicht—also ich dachte, was meinst du denn?“

Diagnosen stellen bei Buchfiguren und historischen Persönlichkeiten ist zum einen natürlich immer eine Wackelpartie. Die Datenlage ist begrenzt, vieles wissen wir nicht, es wurde und wird interpretiert was das Zeug hält.

Aber es schadet ja keinem (mehr), also kann man sich auch in aller Ruhe austoben.

Dann also mal los… Maarten S. Sneijder. Profiler.

Hochintelligent. Hochintelligente Autisten gibt es jedenfalls.

Kein guter Teamplayer, arbeitet lieber alleine. Das widerspricht der Vermutung zumindest mal nicht.

Spezialinteresse könnte man sein Interesse an der Verbrecherjagd vielleicht nennen – aber nur sehr vielleicht. Sein Ausbildungsweg sehr divers, und der Hintergrund seiner Besessenheit mit der Mörderjagd neben den im neuen Buch eingeführten Details auch anderweitig erklärt.

(Soziale) Normen und Regeln interessieren ihn wenig. Jo, allerdings kann er auch einfach nur ein ziemliches Arschloch sein.

Er ist unhöflich zu Leuten und stößt viele vor den Kopf. Das tun wir gelegentlich, meist ohne Absicht. Die meisten „Kollegen“, die ich kenne, versuchen es auch zu vermeiden. Passieren kann es immer mal, aber kaum jemand tut es mit Absicht. Sneijder schon. Ihn interessiert es auch nicht, wenn ihn jemand darauf hinweist. Ich finde es ja immer wieder amüsant, wie schnell einige Leute bei jeder intelligenten aber unhöflichen Figur Autismus schreien…

Es gäbe da aber einen Hauptgrund, aus dem ich mich bei der Frage mit einem klaren „Nein“ platziere, und festhalte: Sneijders Verhalten ist nicht „angeboren“ sondern absichtlich zur Schau gestellt.

Er legt es nämlich mit zunehmender Erschöpfung ebenso zunehmend ab, im neuen Buch sehr schön zu beobachten.
Egal, wie gut wir es sonst gelernt haben, nach den Regeln zu spielen – ich kenne keinen Autisten, bei dem unter ausreichend Stress und Müdigkeit die erlernten Abläufe nicht irgendwann versagen.
Oh, und das tun sie bei Sneijder auch – nur er wird plötzlich verträglich. Ihm fehlt die Energie, seine unfreundliche, abweisende Art aufrechtzuerhalten. Genau das Gegenteil von dem, was passieren müsste, wenn die Freundin mit ihrem Eindruck Recht gehabt hätte.

Ich kann dieses Buch nicht lesen…

Also, jetzt nicht weil ich nicht lesen könnte.

Vor vielen Jahren habe ich meine eigenen Bücher mit in den Kindergarten geschleppt, weil der dort vorhandene „Lesestoff“ den Namen nicht verdiente, und den einen oder anderen Erwachsenen damit verblüfft, dass ich fehlerfrei aus der Zeitung vorlesen konnte.

Karl May hatte ich so etwa im Alter von neun Jahren unter dem Weihnachtsbaum, Winnetou I – III… Das führte zu Verwirrung, nicht ob der etwas antiquierten Sprache, sondern weil mich aus irgendeinem Grund die Schreibweise in der ersten Person störte – es dauerte eine Weile, bis ich mit „dem Ich“ zurechtkam.

Dabei hatte ich bereits zuvor Moby Dick verschlungen, zuerst in der altersgemäß bearbeiteten Fassung und dann aus dem Regal meiner Mutter, von ihr kommentiert mit „Das wird dir so noch nicht gefallen“. Oh, aber es gefiel! Schatzinsel  folgte, Gullivers Reisen, womit meine „Klassikerreise“ begonnen hatte, hatten wir leider nur die Kurzfassung im Haus. Robinson Crusoe, dann einmal quer durch Mark Twain, dazwischen immer wieder Moby Dick, das Buch das mich nie wieder losgelassen hat.

Etwa ein Jahr drauf hatte mich die Perry Rhodan Sammlung meiner Mutter dann im Griff, und als ich mir von meinem Ersparten das Star Trek Romanpaket kaufen durfte, das im Fernsehen regelmäßig beworben wurde –wenn auch mit selbst bei der Hotline anrufen müssen, natürlich mit Eltern im Hintergrund – war mein Leseglück erst mal perfekt. Ich glaube zwei der sechs Bücher aus dem Paket (Spocks Welt & McCoys Träume) kann ich mit etwas Anstrengung heute noch auswendig.

Also daran, dass ich nicht lesen könnte, liegt es wirklich nicht.

An der Sprache liegt es auch nicht. Englisch lese ich auch schon fast so lange wie deutsch.

Und auch der Inhalt ist es nicht. Inhaltlich werde ich an einem Buch, das sich auf ein Spezialinteresse bezieht, sicher nichts aussetzen.

Aber welcher – man verzeihe mir die Ausdrucksweise – absolute Volltrottel kommt denn bitte auf die Idee, heute noch auf reinweiß gebleichtem Hochglanzpapier zu drucken? Also, ich sehe zwar im Finstern relativ gut – vergleichsweise jetzt, und nur mit Brille, ohne wird das nie was –, ich komme mit wenig Licht aus, aber ETWAS Licht brauche ich auch. Und sobald ich etwas Licht habe sind sie da – die Reflexionen und Spiegelungen auf diesem Papier, die mir den Text durcheinanderbringen.

So, stelle ich mir vor, fühlt sich Legasthenie an. Die Buchstaben die ich gerade lesen will sind nur teilweise da, es kostet eine wahnsinnige Anstrengung , die Wörter auszumachen, die mir die Spiegelungen teilweise nehmen. Und die Spieglung bewegt sich auch noch mit, sobald ich das Buch, den Kopf, oder beides bewege.

Also, ich mag Puzzles, aber nicht, wenn ich einfach nur in Ruhe meinen Neuerwerb lesen möchte.

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(Nein das ist nicht der Blitz!)

Sonnenbrille aufsetzen hilft auch nichts, da bräuchte ich ja eine Sonnenbrille für das Buch, nicht für mich…

Irgendwann entnervt aufgegeben, Buch weggelegt, zum Physiker der Familie gegangen und mir einen Satz Polarisationsfilter geholt. Polfilter sind tolle Spielsachen, und lassen sich unter anderem verwenden, um Lichtreflexionen von Büchern zu entfernen.

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Also doch Sonnenbrille fürs Buch.

Geht doch.

(Lieber Verlag, bitte verwenden Sie künftig vernünftiges Papier. Schont nicht nur die Umwelt, sondern auch die Nerven mancher Leser. Besten Dank.)