Es weihnachtet sehr

Alle Jahre wieder tauchen sie auf, diese Fragen. Das ganze Jahr über, weil jeder irgendwann Geburtstag hat, aber zu Weihnachten ganz besonders. Auf den Plattformen, in den Facebook-Gruppen, in den Foren, liest mal dann:

Was schenkt ihr euren Kindern so? Mein Kind wünscht sich nichts.

Oder: Mein Kind wünscht sich nur [diese eine Sache].

Oder … Sachen zu [diesem einen Interesse].

Oder: Eine Sache, die ja gar kein echter Wunsch ist.

Oder: … aber das ist doch für viel jüngere.

Oder: … aber das ist doch für Mädchen.

und weitere unzählige Varianten davon.

 

Ich beantworte die Frage, ganz pauschal:

Sprechen nicht gravierende Gründe dagegen (die finden sich beim eigenen Pony sicher eher als bei einer Barbiepuppe): Schenkt dem Kind, was sich das Kind wünscht.

Das Kind möchte nur Figuren einer bestimmten Serie, hat aber schon 28 davon?
Dann finden die 29. und die 30. doch sicher auch noch Platz.
Sagt mal zu einem Briefmarkensammler: Du brauchst nicht noch eine Briefmarke, du hast schon so viele.

Das Kind hat ein besonderes Interesse und wünscht sich nur dazu etwas?
Man findet sicher etwas, das mit dem Interesse zu tun hat.
Das Interesse ist Computerspielen? Das ist nicht nützlich?
Ja… und? Es geht um ein Geschenk.

Ein Geschenk soll Freude machen.

Und zwar dem Beschenkten.

Geschenkt wird nach meinem Verständnis so, wie es zum Empfänger passt. Was ich davon halte, ist erst mal komplett irrelevant, denn ich muss mich über dieses Geschenk nicht freuen. Ich schenke nicht für mich, sondern für den Empfänger.

*

Werfen wir mal einen Blick aufs Kind, das sich das 326. Matchboxauto gewünscht, aber ein Buch übers Programmieren bekommen hat.

Es gibt wenige Sachen, die sich schlimmer anfühlen, als ein Geschenk, das nicht für die Person gedacht ist, die man ist, sondern für die Person, die der andere gerne gehabt hätte. Das Kind, das sich die Eltern gewünscht hätten. Das offensichtlich nicht man selbst ist.

Schenkt ihr gegen den Wunsch des Kinds ein Geschenk das ihr für „besser“ haltet, sendet ihr nicht nur die Botschaft:

Deine Wünsche sind mir egal.

Ihr sendet auch die Botschaft:

Du bist falsch.
Nichts machst du richtig.
Du hast schon wieder was falsch gemacht.
Nicht mal wünschen kannst du anständig.
Das, was du dir da wünschst, ist unangemessen (wahlweise beschämend, wenn sich das Kind etwa ein Spielzeug gewünscht hätte, das „offiziell“ für jüngere ist, oder mit dem jeweils anderen Geschlecht in Verbindung gebracht wird).

Glaubt mir bitte eines: Diese Botschaft bekommen junge Autisten oft genug. Ihr müsst das nicht auch noch ausbauen.

*

Bei vielen erwachsenen Autisten in meinem Umfeld hat unter anderem gerade dieses Vorgehen (zusammen mit den erzwungenen Feiern) irgendwann dazu geführt, dass sie Geburtstage, insbesondere die eigenen, und sonstige Geschenkefeste nur noch als unangenehm empfinden und vermeiden.

Wobei – ich kenne auch ein paar NTs, bei denen nach Vorschrift gewünscht werden musste, die sich nicht mit ihren Interessen gedeckt haben, und die ähnliche Einstellungen entwickelt haben.

*

Bitte:

Respektiert die Wünsche und Interessen eurer Kinder.

Schenkt nicht nach dem, was euch gefällt, sondern wählt das, was dem Kind gefällt.

Schenkt nicht nach dem, was die Nachbarn beeindruckt, oder was die Oma oder Tante loben wird.

Schenkt ausschließlich so, wie es zum Empfänger passt.

*

Und wenn das Kind das Äußern von Wünschen komplett verweigert? Dann denkt bitte mal zurück an die letzten Male, bei denen ein Wunsch geäußert wurde. Welche Botschaft habt ihr da vermittelt?

(Und ja… es gibt auch solche unter uns, denen einfach das ganze Brimborium zu viel ist, denen die Überraschung zuwider ist – mir übrigens auch, deswegen bitte ich darum, ausschließlich von meinem Amazon-Wunschzettel zu schenken – und die vielleicht gar nicht immer in der Lage sind, sich auf einen neuen Gegenstand einzulassen. Und wenn das so ist… dann macht ihnen das doch bitte nicht zum Vorwurf.)

Das meine ich doch nicht so…

Ich könnte regelmäßig in die Luft gehen – Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse überproportional viel mit Eltern junger Autisten zu tun. Und darunter gibt es einige, die ihre Kinder gerne als „Auti“ oder „Aspie“ bezeichnen.

Es ist kein Geheimnis: ich finde das schrecklich.

Ja, ich weiß auch, es gibt unter uns einige, die sich selbst so nennen. Das werde ich nicht verstehen, aber wenn es sich um die für sich selbst gewählte Bezeichnung eines Menschen handelt, verwendet durch diesen Menschen, kann ich es akzeptieren. Ohne ausdrückliche Aufforderung würde ich diesen Menschen aber auch nicht so bezeichnen. Weder ihm gegenüber, noch jemand anders gegenüber. Das Wort „Autist“ ist nicht ungebührlich lang.

Wie mein Vater immer so gerne sagte: „So viel Zeit muss sein“.

Wenn eine blinde Freundin sich selbst als „Blindfisch“ bezeichnet, kann sie das gerne tun. Das gibt mir und jedem anderen aber nicht das Recht, es ebenso zu machen.

Ich bin alt genug, um mich bereits darüber geärgert zu haben, als in den jüngeren Jahrgängen unserer Schule die Wörter „Spast“ und „Spasti“ in Mode kamen.

Liebe Eltern – wie ist das? Wenn euer Kind eine spastische Lähmung hätte, würdet ihr es als „Spasti“ bezeichnen, und mir dann erklären, das sei ja nett gemeint? Würdet ihr euer blindes Kind als „Blindi“ oder euer gehörloses Kind als „Taubi“ bezeichnen? (Bin das eigentlich ich, oder klingt das nach Schlumpf?)

Nein, ihr müsst mir diese Frage nicht beantworten. Beantwortet sie einfach nur euch selbst gegenüber mal kurz und ehrlich. Und falls die Antwort „nein“ wäre, fragt euch, warum nicht.

 

Ich habe mit dem Prinzip dieser Bezeichnungen viele Probleme. Ich greife hier einmal eines heraus.

Ich höre immer wieder: „Das ist ja ein Kosename“ – „Ich meine das ja nett.“

Wisst ihr, wo man „ich meine das ja gar nicht böse!“ und „ich meine das ja nett!“ hört? Immer und immer und immer wieder?

Beim Triezen, beim Ärgern, beim Belästigen.

Beim Mobbing.

In der Schule, aber auch sonst.

Ob „Spast“ oder „Fetti“ oder sonst etwas – Die Standardantwort auf einen Rüffel ob der verwendeten Bezeichnungen ist eine Variation von „Aber ich meine das doch nett.“

Und, ans Opfer gewandt: „Du weißt doch, dass ich das nicht böse meine, oder? Das macht dir doch nichts aus, oder?“

Ach ja… das hat man ja von zu Hause schon gelernt, nicht wahr? Wenn es nicht böse gemeint ist, darf man sich nicht darüber ärgern. Dann ist das hinzunehmen. Ist ja nett gemeint.

Wie genau wollt ihr euren Kindern erklären, dass diese Regelung NUR für euch gilt?

Warum sollte die überhaupt für euch gelten?

Was meint ihr, wie viel schwerer macht ihr es einem Kind, das vielleicht ohnehin schon Schwierigkeiten hat, Intentionen zu erraten, indem ihr diese Grauzone schafft?

Es ist okay, wenn es nett gemeint ist… Ein Prinzip, von dem sicher jeder, der Mobbing in irgendeiner Weise erlebt hat, mehr als ein Lied singen kann.

Eine Art von Übergriff, gegen die sich zu wehren umso schwerer wird, wenn von zu Hause aus Zweifel gesät werden, ob es nicht DOCH okay ist… solange es nicht böse gemeint ist…

Wenn bereits darauf konditioniert wurde, dass es doch okay ist… schließlich sagen Mama und Papa ja auch so etwas Ähnliches…und die meinen es ja auch nicht böse…

 

 

Zu oft höre ich dann auch den Satz: „Aber ich habe mit meinem Kind geredet, und mein Kind sagt, das ist für ihn/sie okay.“

Leute, wisst ihr was? Die Verantwortung für euer Verhalten auf eure Kinder (oder Teenager) abzuschieben?

Geht gar nicht.

Ihr werdet doch bitte als seit etlichen Jahren volljähriger Mensch etwas mehr Überblick über euer Handeln haben als eure Kinder, auch wenn diese schon im Teenageralter sein sollten.

Wollt ihr mir im Ernst erzählen, euer Kind würde das besser überblicken als ihr?

Oder, in Kurzfassung:

WER IST DENN HIER DER ERWACHSENE?

Ich packe meinen … Schuhkarton?

karton

Punkt 1: Ich kann mit Kindern eigentlich gar nicht.

Punkt 2: Ich bin katholisch aufgewachsen, aus Überzeugung aus der Kirche ausgetreten, und könnte gut und gerne den Rest meines Lebens verbringen, ohne nochmal ein christliches Fest sehen zu müssen. Weihnachten bedeutet mir erst mal grundsätzlich gar nichts.

Trotzdem packe ich alljährlich Weihnachtsgeschenke für Kinder, die ich gar nicht kenne. Die Aktion nennt sich in Deutschland „Weihnachten im Schuhkarton“ und es gibt sie so ziemlich überall. Es gibt sie auch schon recht lange.

Den ersten Schuhkarton packte ich im Studium. Eine Kommilitonin war sehr engagiert in unterschiedlichen sozialen Bereichen, und macht viel Werbung. Ihre Begeisterung war erst mal ausreichend ansteckend um das auch mal mitzumachen.

Im zweiten Jahr wurde ein Austauschstudent auf die Gruppe der Päckchenpacker aufmerksam. Was wir da machen? Schuhkartons packen. Er grinste. „Ich mach‘ mit.“ Im nächsten Moment erzählte er dann – von seinem eigenen Schuhkarton, den er vor Jahren als Schüler bekommen hatte.

Es war sicher nicht jedes Jahr einer dabei, aber wir hatten immer wieder Austausch- und Auslandsstudenten, die selbst mal auf der Empfängerseite gestanden hatten.

Ich bin sicher, es gibt viele Kinder, die diese Kartons bekommen, sich über die Sachen hoffentlich freuen (oder auch nicht) und das war’s. Aber auch Leute zu treffen, die von sich sagen – „Das Schulmaterial aus dem Karton hat mir wirklich geholfen, in der Schule weiterzumachen“ oder „Darüber habe ich überhaupt erst so richtig realisiert, wie groß die Welt ist, und angefangen, mich für andere Orte und Sprachen zu interessieren – heute studiere ich Sprachen und werde Dolmetscher“ – das sagt mir doch irgendwie, dass diese Kartons eben auch hier und da Kinder wirklich auf einer Ebene erreichen, die etwas „ausmachen“ kann. Kann, nicht muss. Aber manchmal sollte „kann“ einfach reichen. Sobald es was mit „könnte irgendwo Bildung oder Schule unterstützen“ zu tun hat, reicht mir „kann“.

Natürlich, die Kartons werden im Rahmen von Weihnachtsfeiern verteilt. Natürlich verwenden die örtlichen Gemeinden das als „Werbung“. Natürlich wird da über Jesus erzählt. Es ist Weihnachten. Wer darüber jammert, dass mit diesen Kartons missioniert würde, sollte sich vielleicht nochmal dran erinnern, was zu Weihnachten eigentlich gefeiert wird. Und doch bitte einfach selbst keine packen, wenn ihn das stört. (Wer da wirklich und ernsthaft etwas anderes zum selben oder an einem ähnlichen Datum feiert, wird es nicht „Weihnachten“ nennen.) Also ja, eine Aktion die sich Weihnachten im Schuhkarton nennt, wird wohl recht christlich angehaucht sein. Welche christliche Geschmacksrichtung genau das nun bei uns organisiert, ist übrigens zweitrangig, denn die Verteilungen vor Ort erfolgen in den dort ohnehin ansässigen Gemeinden. Da kommt nichts „Neues“, da wird auch nicht von irgendwelchen Sekten missioniert (wie mir mal jemand erklären wollte).

Bei weitem nicht alle ehemaligen Päckchenempfänger, die ich getroffen habe, würden sich heute als gläubig oder überhaupt als Christen bezeichnen. Einige erzählen aber, dass die Gemeinderäumlichkeiten für sie der einzige Ort waren, an dem sie ungestört Hausaufgaben machen, lernen, spielen konnten. Auch das haben sie teilweise überhaupt erst über diese Aktion mitbekommen. Man darf nicht vergessen, dass die Lebenswirklichkeit in den Empfängerländern oft nicht mit unserer zu vergleichen ist.

So, und da packe ich also Weihnachtspäckchen, obwohl ich mit dem Christentum nichts am Hut habe, und mit Kindern auch nicht. Meine Familie packt inzwischen auch mit.

Wir machen es noch immer ganz „traditionell“ im selbstumklebten Schuhkarton. Geschenkboxen könnte man aber inzwischen auch fertig bestellen.

Was packen wir?

Man packt für eine von sechs Gruppen – Mädchen oder Junge, Alter 2-4, 5-9 oder 10-14. Das scheint auf den ersten Blick als Gruppen ziemlich groß und schwer zu beschenken zu sein, in der Praxis ist es eigentlich gar nicht so kompliziert.

Ich habe mich mit der Leiterin der örtlichen Sammelstelle kurzgeschlossen, denn es wird regional sehr unterschiedlich gepackt. Am vorherigen Wohnort gab es immer zu wenige Schachteln für die Gruppe 2-4 – hier packen viele für die Kleinen“, aber für „Junge 10-14“ mangelt es. Wir packen also hier für die ganz Kleinen gar nicht, dafür lieber einen mehr für die Großen.

Ebenso habe ich über die Sammelstellenleiterin erfahren, dass es hier einen Strickkreis gibt, der Mützen, Schals, Handschuhe macht, die auf die Päckchen verteilt werden. Daher geben wir kein Geld mehr für diese Dinge aus, stecken das lieber in andere Sachen – außer es ergibt sich gerade zufällig, dass wir etwas sehen, das uns besonders anspricht.

Wir rechnen ca. 25 – 30 Euro für einen Karton, ich könnte aber auch problemlos für den halben Preis packen, das würde nur etwas mehr Planung verlangen.

Gruppe 2-4 klammern wir aus; In Gruppe 5-9 und 10-14 gibt es bei uns eine ganze Handvoll Sachen, die gleichmäßig in jede Schachtel kommen:

Süßigkeiten
Eine Tafel Vollmilchschokolade (zolltechnisch unbedenklich, viele Süßigkeiten sind aus unterschiedlichen Gründen gar nicht erlaubt, einfache Vollmilchschokolade ist so ziemlich das sicherste)

Hygieneartikel
Eine Zahnbürste und eine Tube Zahnpasta
Mädchen: Haarbürste, Jungen: Kamm.
In die Mädchenpakete legen wir noch ein Päckchen Haargummis/Haarspangen, vorzugsweise nicht rein-rosa (heuer war das Angebot einfach miserabel, verkauft denn kein Laden mehr unterschiedlich gefärbten Haarschmuck?!).
(Sachen wie Seife sind nicht gewünscht, weil dann oft das ganze Paket danach riecht. Irgendwie verständlich.)

Musikinstrument
Mundharmonika oder Blockflöte. Wäre das erste, was ich weglassen würde, wenn ich den Preis verringern wollte. Blockflöten passen übrigens nur in die allerwenigsten Kartons mit einigermaßen akzeptablen Abmessungen, also erst Karton messen, dann Flöte kaufen.

Dann geht es weiter mit:

Schulsachen
In jedes Päckchen kommt bei uns:
1) Schulhefte, kleiner Collegeblock oder leeres Buch
2) Bastelschere
[3) Packung Bleistifte, Radiergummi und Spitzer
4) Packung Filzstifte oder Fineliner
5) Kugelschreiber oder Gelstifte
6) Geodreieck und Lineal
7) Packung Buntstifte]
ODER Punkt 3-7 ersetzt durch ein komplett gefülltes Federmäppchen. Die Dinger sind normalerweise eher teuer und gehen hier im Rahmen unseres Budgets auch nur deswegen, weil wir einen kleinen Schreibwarenladen am Ort haben, der uns die gepackten Federmäppchen für einen symbolischen Betrag zur Verfügung stellt. Da ist neben den obigen Sachen jeweils noch ein Füller und ein Vorrat an Tintenpatronen mit drin. (Heuer waren keine Geodreiecke mit dabei, die haben wir dann lose beigelegt).
Die jüngere Gruppe bekommt dann noch jeweils eine Packung Wachsmalkreiden dazugepackt, die älteren einen Zirkel, und wenn wir welche bekommen haben, einen kleinen Solartaschenrechner.

Kleidung
Da bei uns, wie gesagt, Gestricktes ohnehin in großer Menge da ist und zugepackt wird, nehmen wir Handschuhe, Schals, Mützen nur mit, wenn uns etwas wirklich ins Auge springt. Was wir aber einpacken, ist jeweils eine Packung warme Socken und oder/Thermoleggins/Strumpfhose

Spielzeug
Bei mir kommt zunächst in jedes Päckchen ein Wurliwurm. Kennt ihr den noch? Das war dieser Wurm mit dem Nylonfaden… es gibt von mir keinen Karton ohne Wurli. Ohne anderen Grund als „weil ich das so will“. Es wird zunehmend schwerer, die Tierchen im Laden zu finden, Amazon verkauft sie zum Glück für ca. 3 Euro im Sechserpack, einzeln abgepackt und damit gut geeignet.

Dann wird aufgefüllt.
In die Mädchenkartons was zum Handarbeiten: Freundschaftsarmbänder, Miniwebrahmen, Strickliesl, was wir halt gerade bekommen;
In die Kartons der Älteren irgendein Knobel- oder Geduldspiel, das möglichst selbsterklärend ist, und bei dem man keine Anleitung verstehen muss… Ein Favorit bei mir ist das gute alte Tangram, war bei uns immer ungeschlagen im Beschäftigungsfaktor; wahlweise Solitaire oder etwas Ähnliches.
Je nach übrigem Platz: Ein Spiel für zwei oder mehr, für die Älteren nehme ich gerne Domino, für die Jüngeren mag ich den Packesel gern.
Aufgefüllt mit Straßenmalkreiden, kleiner Drache (die Sorte zum Drachensteigen lassen, nicht die mit dem Feuerspucken), diese… wie heißen sie denn? runde Propeller, die man auf ein Dings mit Schnur steckt, und wenn man an der Schnur zieht, hebt der Propeller ab?, kleines Puzzle, etc. Sehr stark abhängig davon, was gerade so verkauft wird.
Wenn genug Platz im Karton ist UND wir schöne aber nicht zu teure bekommen haben: ein kleines Kuscheltier.

Damit ist so ein Karton am Ende eigentlich ziemlich gut voll, ein kleines bisschen Luft lassen wir für das Zupacken der Stricksachen.

Jedes Jahr verschätzen wir uns mit dem Einkauf und haben am Ende noch Sachen übrig – die stecken wir in eine Tüte und geben sie mit ab, zum Zupacken, da es immer Leute gibt, die entweder nur halb gefüllte Kartons abgeben oder Inhalt hatten, der in der Sammelstelle entfernt wird (batteriebetriebene Sachen, zollrechtlich nicht zulässige Gegenstände, Kriegsspielzeug, gebrauchte Sachen, etc.). Ja, es wird wirklich jeder Karton geöffnet und geprüft, und das ist auch gut und leider notwendig so.

Was es von mir nicht gibt, ist der persönliche Gruß oder das Foto, das viele Leute beilegen. Ich möchte für den Empfänger absolut anonym bleiben, ohne irgendeine „persönliche“ Verbindung, egal, wie gering die wäre. Ich will weder meinen Namen, noch mein Bild hergeben. Sobald der Karton an der Abgabestelle die Hand wechselt, habe ich damit nichts mehr zu tun.

A propos Abgabestelle… Abgabeschluss ist nächsten Dienstag, sollte jemand noch einen gepackten Karton zu Hause stehen haben, sollte er ihn jetzt schnell genau dahinbringen!

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Manchmal frage ich mich beim Aufstehen schon, was mich abends geritten hat… wenn ich zum Beispiel um 2:30 aus dem Bett rolle, um in spätestens einer halben Stunde das Haus zu verlassen. Üblicherweise sitze ich zu der Zeit noch am PC und bin am arbeiten – am produktivsten bin ich schon immer nachts. Selbst einer meiner Kunden, der Ratgeber zu gesünderer Lebensführung schreibt und davon überzeugt ist, es gäbe nur sehr wenige Menschen, deren Biorhythmus auf Nachtaktivität ausgelegt ist, kam schließlich zu dem Schluss, dass ich wohl ein solcher sein müsse. Er sendet mir seither seine Aufträge grundsätzlich fünf Minuten, bevor er Feierabend macht, was zwar nett gemeint ist, aber für mich bedeutet, dass ich keine Rückfragen mehr stellen kann, bevor ich anfange. Wie war das mit dem gut gemeint?

In diesem Fall jedenfalls stehe ich nicht zum Arbeiten auf, sondern weil ich am Vortag aus irgendeinem Grund meinte, ich wollte meinen Mann zu einer Veranstaltung begleiten. Es war Frühling, so grob die Zeit um Pfingsten, und irgendein Veranstalter, der mich nur peripher interessierte, hatte eine Veranstaltung mit örtlichen Vereinen auf die Beine gestellt – im relativ wörtlichen Sinn, es sollte ein Umzug sein, der sich im Zickzack durch das Umland und die Dörfer der Gegend zog, und in allen Definition des Wortes ziemlich lang werden würde. Die vorgesehene Strecke – mit Pausen – hatte nach der Karte, die wir uns angeschaut hatten, über 30 km, und das Ganze sollte sehr früh starten. Genau genommen um 4 Uhr morgens mit einer Morgenandacht, zu der wir nicht zu gehen vorhatten.

Der Mann war bereits vor mir aus dem Bett gefallen – er braucht im Bad deutlich länger als ich. Der Wasserhahn war eher rücksichtslos und hatte die Lautstärke voll aufgedreht, ich wollte zurück ins Bett, und überhaupt…

Allerdings habe ich für mich eine Regel, und die besagt: Ich bleibe zu Hause und entziehe mich einer Situation wenn ich muss, da gibt es auch keine Diskussion und kein „um jemandem einen Gefallen zu tun“ – wenn ich andererseits aber die nur gerade normale Unlust verspüre, und das Problem in keiner Weise mit Overload oder Ähnlichem zu tun hat, dann sehe ich das nicht als Entschuldigung an – vor allem nicht, wenn ich bereits zugesagt hatte. Erwarte ich allerdings auch von anderen. „Versprochen ist versprochen“ hieß es bei uns, und bei mir ist „gesagt“ und „versprochen“ relativ bedeutungsgleich.

Nun, mein Mann würde kein Wort sagen, wenn ich einfach wieder ins Bett gehen würde, aber trotzdem – oder gerade darum – mache ich es nicht.

Ich bin halbwegs durch meinen ersten Kaffee, als er vollkommen wach in die Küche kommt. Er macht sich nicht die Mühe, irgendwas zu mir zu sagen, wofür ich dankbar bin. Er weiß, dass er gerade eh keine Antwort bekommen würde. Zum Glück brauche ich heute keine ausführliche Verkleidung – Ich werde nicht im Kostüm mitreiten sondern ganz normal schwarz in schwarz das „Gepäck“ transportieren – also alles, was man bei so einer Strecke dabei haben sollte, das aber nicht jeder einzeln irgendwie am Sattel tragen muss.

Den Herrn stört die frühe Stunde überhaupt nicht – der würde wahrscheinlich noch früher aufstehen, solang es bedeutet, dass er sich dann ins achtzehnte/neunzehnte Jahrhundert begeben darf. Heute etwas ungewöhnlich, weil der Veranstalter drum gebeten hatte, nicht im militärischen Aufzug aufzutauchen. Die Uniform bleibt heute also im Schrank, und der Straußenfedernhut muss auch zuhause bleiben.

Mein Lieblingspferd wundert sich etwas darüber, zu so nachtschlafender Zeit aus dem Stall geholt zu werden. Das Kuschelpferd vom Mann kennt solche Anwandlungen schon und wacht gerade weit genug auf, um auf dem Weg zum Hänger nicht zu stolpern – der ist zufrieden damit, wenn er beim verladen – und nachher beim ausladen – mal ausführlich geknuddelt wird.

Ich bin immerhin weit genug aufgewacht, um kurz zu überlegen ob wir nicht lieber unseren Ersatzschimmel mitnehmen sollten als mein Lieblingspferd – der Ersatzschimmel gehört einem Bekannten, der schon länger alles Interesse am Reiten verloren hat, aber sein Pferd nicht hergeben will. Daher hat er es uns als Zusatzpferd für unsere Veranstaltungen zur freien Verfügung gestellt. Mein Lieblingspferd ist relativ frisch gekauft, war noch nie auf einer Veranstaltung mit uns, und während ich relativ sicher bin, dass es sich benehmen wird, frage ich mich doch kurz, ob es nicht doch geschickter wäre… Naja, aber nun ist meiner ja schon verladen, und außerdem ist es vielleicht doch besser, ihn bei einer solchen Veranstaltung zu testen, und nicht im Reenactment zwischen Musketen, Kanonen und allgemeinem Chaos.

Allzu weit haben wir es nicht. Wir kommen gut und pünktlich an, finden unseren Parkplatz. Der Herr geht sich mal drum kümmern, dass wir angekündigt/angemeldet werden. Ich lade derweil die Pferde aus. Das Kuschelpferd wird mal kurz geknuddelt, das Lieblingspferd liegt wohl eher auf meiner Wellenlinie – der sieht aus, als würde er gleich im Stehen einschlafen und froh sein, wenn ihn gerade keiner anfasst. Die Meinung ändert er gleich, wenn ich die Bürste auspacke, aber für den Moment schweigen wir uns mal einfach nur an.

Ein Becher Kaffee taucht in meinem Blickfeld auf. Ich schaue auf, irgendjemand steht da, es ist nicht mein Mann, weiter komme ich nicht, denn das Gesicht sagt mir gar nichts. Am Kostüm erkenne ich gerade auch niemanden, wir tragen ja heute keine Uniformen … Der Becher ist anscheinend für mich gedacht, ich nehme ihn, sage Danke, weiß gerade auch gar nicht ob Französisch oder Niederländisch, im nächsten Moment könnte ich gar nicht mehr sagen in welcher Sprache ich mich jetzt eigentlich bedankt hatte…

Der Kaffee ist schwarz aber sehr belgisch, warum habe ich eigentlich keinen von zu Hause mitgenommen?

Die Veranstaltung sollte mit einer Morgenandacht beginnen, die sparen wir uns, stattdessen werden die Pferde mal ordentlich durchgestriegelt. Dabei wacht man auch auf. Der Rest unserer Truppe trudelt ein, an den Pferden erkenne ich dann auch etwa wer wer ist.

Es wird aufgesattelt, fast tut es mir leid, dass ich nicht wenigstens einen historischen Sattel für mein Pferd habe, das sollte definitiv die nächste Anschaffung sein. Das Lieblingspferd schaut sich angemessenes Benehmen beim Kuschelpferd ab, nur etwas weniger knuddelverrückt – ich bin ja immer noch der Überzeugung, da wurden zwei Persönlichkeiten vertauscht und irgendwo sitzt in einem Spielwarenladen ein Teddybär und versucht verzweifelt zu wiehern.

Neben den üblichen Teilnehmern haben sich tatsächlich ein paar eingefunden, die zwar zum Stall, nicht aber zu unserer Reenactmentgruppe gehören. Erkennt man an den eher improvisierten Kostümen und daran, dass sie eine rechte Unruhe in die Sache bringen. Warum die hier mitmachen wollen, verstehe ich nicht, aber wenn ich nachfrage, muss ich das nachfolgende Gespräch auch irgendwie rumbringen, also halte ich lieber den Mund. Was ich nie verstehen werde ist, warum man Pferde, die offenbar weder dafür ausgebildet noch dafür geeignet sind, auf solche oder ähnliche Veranstaltungen schleppen muss. Und nein, das ist nicht das gleiche, das ich mit meinem Pferd gemacht habe. Er ist verkehrssicher, er dreht bei Menschenmengen nicht durch, er geht gut in der Gruppe und er hat keine Angst vor flatternden oder bunten Dingern. Das Risiko ist für mich also durchaus überschaubar.

Dafür ist bei einem der Pferde im improvisierten Kostüm schon vom Zuschauen klar, dass das mal lieber zuhause geblieben wäre. Alles ist aufregend, und kein Mensch ist da, um mal einzugreifen. Ein Mädel – ich würde sie auf maximal 11 schätzen, aber ich bin schlecht im Schätzen und höre später, dass vierzehn sein soll – ist weit und breit die einzige Person, die versucht, dem Tier irgendwie die Trense ins Maul zu schieben. Was das Kind um die Uhrzeit hier verloren hat, frage ich mich auch…

Leider finden wir genau das kurz darauf heraus, weil sie in den Sattel klettert – was auch erst beim Wiederholungsversuch klappt, weil das Pferd nicht stehenbleibt. Die will jetzt nicht im Ernst mitreiten…?

Sie will. Ihr Pferd ist allerdings anderer Meinung, denn das läuft zuerst mal zielstrebig zurück in Richtung Hänger. Das mit dem umdrehen bekommt sie nicht so recht hin, das ganze wird etwas unschön, und das Kind landet schließlich im Dreck. Super. Erster Abwurf, bevor der Umzug angefangen hat. Ich hoffe, dass sie das Pferd jetzt wieder verlädt, und das ganze bleiben lässt – kein Mensch hat an einem solchen Tag Lust, ständig noch ein Auge auf jemanden zu halten der entweder nicht genug reiten kann, oder sein Pferd nicht unter Kontrolle hat, oder beides… Das hat jetzt mal ausnahmsweise nichts mit meiner Antipathie für Kinder zu tun.

Das wäre aber zu viel verlangt, sie will wieder aufsteigen. Das Pferd ist ihr ohnehin zwei Nummern zu groß, hat außerdem auch keine Lust, sie aufsteigen zu lassen. Pferd dreht sich im Kreis, Kind hopst mit einem Fuß im Steigbügel hinterher, irgendein Erwachsener nimmt das Pferd am Zügel und das Kind zieht sich in den Sattel. Pferd reißt den Kopf hoch, zieht dem Mann fast den Zügel aus der Hand… das wird so nichts.

Der helfende Mann lässt los, das Pferd macht kehrt und läuft davon. Klapp-klapp-klapp auf der Straße, das Kind hat nicht mal die Zügel in der Hand…

Mein Mann dreht sein Kuschelpferd, trabt hinterher und holt die beiden zurück.

Das Kind ist inzwischen am plärren, aber nicht weil das Pferd jetzt schon zweimal mir ihr durchgegangen ist, sondern weil er ihr gerade gesagt hat, dass sie so nicht mitreiten kann, und die Veranstaltung hier für sie endet. Als unser Koordinator ist mein Mann auch derjenige, der im Zweifel das Machtwort spricht. Der Vater des Kinds hat dazu jetzt auch einiges zu sagen, tut das sehr laut und erschreckt das Pferd damit, womit das Kind zum zweiten Mal an diesem Morgen den Boden küsst.

Sie WILL ABER mitreiten, sie hat sich SCHON SO LANG drauf gefreut, sie MUSS EINFACH…

Der Vater schimpft, das Kind heult, mein Mann erklärt, ich steige mal selbst auf um nachher nicht den Verkehr aufzuhalten, irgendwann muss die Andacht ja vorbei sein…

Und verpasse dabei dann fast, dass er seinerseits absteigt. Dass er nicht verhindern können wird, dass das Kind irgendwie mitreitet, war ihm an der Stelle wohl klar. Er wählt die irgendwie logische Lösung, drückt dem Mädel die Zügel seines Kuschelpferds in die Hand und nimmt das ihre stattdessen. Er ist anderthalb Köpfe großer als das Kind und kommt auch beim ersten Versuch in den Sattel, steigt dann sehr schnell nochmal ab, um sie Sporen abzuschnallen.

Das Kind kommt jetzt auch im ersten Versuch rauf, weil das Kuschelpferd weiß, wie die schwere Übung „Stillstehen“ funktioniert: Vier Hufe auf dem Boden und nicht rühren, bis der Mensch da oben richtig sitzt.

Das mit dem Reiten klappt aber immer noch nicht so super, denn Kuschelpferd ist zwar, wie eine Bekannte einmal  sagte, eine absolute Lebensversicherung für den Reiter, braucht aber schon irgendwie verständliche Anweisungen um zu wissen, was er tun soll. Er steht also erst mal etwas verwirrt da rum, merkt schließlich, dass er laufen soll… wohin ist er sich nicht so ganz sicher. Sein Mensch ist inzwischen davongeritten, um sein Reittier mal kurz etwas Dampf ablassen zu lassen, aber alles nicht so schlimm… es gibt ja noch die Frau von eigenen Menschen, und deren Lieblingspferd… da kann man sich ja mal anhängen.

Ich verdrehe die Augen, als mir klar wird, dass ich jetzt für den Rest des Tages einen Schatten haben werde – was natürlich sinnvoll ist, denn solange das Kuschelpferd mir nachläuft, bleibt das Kind zumindest aus dem Pulk der Reiter raus… als unverkleideter Gepäckträger reite ich etwas abseits hinter der Gruppe, was mir nur entgegenkommt. Theoretisch.

Einer aus unserer Truppe reitet sein Pferd neben meines, hält an, und schüttelt den Kopf. „Sag mal…“ fängt er in leicht lustig klingendem Niederländisch an, „…macht dir das gar nichts aus?“

Doch, will ich gerade antworten, natürlich macht mir das was aus, ich kann Kinder nicht ausstehen, und jetzt habe ich voraussichtlich den ganzen Tag über eines an der Backe…

Halb wundere ich mich noch, dass er das überhaupt weiß, und frage mich, ob es denn so offensichtlich ist… ganz wach genug um gleichzeitig zu denken und schnell zu antworten bin ich aber zum Glück noch nicht, denn er ist noch nicht fertig, und sein nächster Halbsatz macht dann klar, dass er gar nicht das Kind meinte:

„…so nach letztem Jahr?“

[Fortsetzung folgt]