Eine Woche England

Normalerweise beschränke ich Reisen soweit möglich auf maximal zwei Übernachtungen. Dass wir diesmal von Mittwoch bis Montag, jeweils einschließlich, weggefahren sind, und ich dabei kein besonders schlechtes Gefühl hatte, hing zuerst mal daran: Organisiert wurde dieser Ausflug von einer autistischen Freundin; und die Teilnehmer alle Autisten oder Autisten mit NT-Partner im Anhang. Das machte die ganz Angelegenheit schon mal etwas entspannter.

Dazu jetzt kurz – irgendwann schreibe ich dazu ausführlich: Ich mache bei Freundschaften eine ganz klare Unterscheidung in AS und NT. Ich habe zwei NT-Freundinnen, und das ist auch die absolute Obergrenze für mich.  Alles Weitere wäre sehr viel zu anstrengend.

Bei Mit-Autisten ist meine Toleranzgrenze in Anzahl, Kontaktumfang und –dauer usw. deutlich höher, und ich finde es sehr viel weniger anstrengend. Sowohl als Sender als auch als Rezipient.

Der Gedanke war also: 8 x 2, Kombination je AS/NT, zusammen drei ganze und zwei halbe Tage in einem ehemaligen Kloster, das für Gruppenveranstaltungen vermietet wird, Spaß haben.

Einige Dinge laufen dabei etwas anders ab, als man es vielleicht so „üblich“ ist.

Es gingen zunächst einige E-Mails rum. Jeweils ein Thema, mit der Option, entweder die Grundfrage beschreibend zu beantworten oder den beiliegenden Fragebogen auszufüllen. Ich wähle bei sowas den Fragebogen. Ich mag Fragebögen.

Einmal ging es um Aktivitäten – das Thema des Ausflugs sollte „Game of Thrones“ sein – also: Welche der in Frage kommenden Dinge wollte man machen/nicht machen/nur unter bestimmten Umständen machen, beim LARP welche Figur(en) spielen, etc.

Die zweite ging um die „chores“, die Aufgaben – wir kamen als Selbstversorger, also musste eingekauft werden, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, Essen gekocht usw. Man gab an, was man zu machen bereit war/unbedingt machen wollte/gar nicht machen wollte, ob bestimmte Tageszeiten für einen Einsatz bevorzugt wurden und ob man mit bestimmten Personen unbedingt oder gar nicht zusammenarbeiten wollte.

Die dritte ging um Persönliches. Grenzen, Abstand, Regeln, Dinge, die unbedingt gekauft werden müssten, Dinge, die Probleme machen würden durch Geruch etc., welche Art von Schlafplatz, wäre man bereit, das Badezimmer mit anderen zu teilen usw.

Daraus wurden dann zum einen der Zeitplan erstellt, zum anderen die Zimmerzuteilung und die Einkaufspläne gemacht. Außerdem ging eine Rundmail raus, in der für alle zusammengefasst wurde, bei wem auf was zu achten ist. Jeweils mit Bitte um Rückmeldung, falls Probleme auftreten würden.

Nun sind solche Zeitpläne genau etwas, das mich normalerweise leicht aus der Bahn werfen würde – nämlich dann, wenn sie kurzfristig geändert werden, weil schnell beschlossen wird, doch irgendetwas zu verlängern, zu verkürzen, zu ändern, jemand spontan auf komplett neue Ideen kommt usw.

Genau das ist z. B. ein Stressfaktor, den ich mir in dieser Anordnung ersparen kann. Wenn nämlich 50% der Anwesenden genau das gleichen Problem hätte, und die anderen 50% dran gewöhnt sind, dass man nicht einfach mal schnell was umwirft, dann wird der Zeitplan zu einem Sicherheitsfaktor.

*

Aufgrund einer Streiksituation bei BA wurden wir gebeten, frühzeitig zum Flughafen zu kommen. Soweit kein Problem. Laptop geht mit, ab in die Lounge, ich arbeite weiter, der Herr beschäftigt sich mit einem Buch.

Der Flug wie üblich problemlos; das Kabinenpersonal sehr bemüht, der Steward wurde etwas panisch als ich den Salat ablehnte (war Hähnchen drin) … Vegetarisch hätte man vorbestellen müssen… Hatte ich nicht, hatte ja gar nicht vorgehabt, an Bord zu essen.

Der Pilot war einer dieser Landekünstler, bei denen man erst mitbekommt, dass das Flugzeug wieder unten ist, wenn es bremst.

Am Flughafen wurden wir vom Mann der Londoner Freundin empfangen, dem ich es wirklich hoch anrechne, dass er uns jedes Mal abholt, wenn wir kommen. Es ist eine knappe Stunde Fahrt durch London, aber andernfalls müssten wir eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, was für mich sehr stressig ist.

Da die Londoner Freundin und ich uns ein Spezialinteresse teilen, hat es sich so eingebürgert, dass wir uns bei jedem Treffen jeweils ein neues bzw. neu entdecktes Buch zum Thema mitbringen und austauschen. Zum Glück verstehen sich die beiden Männer gut, und so können wir auch ohne schlechtes Gewissen erst mal eine Weile unter uns fachsimpeln, während die beiden sich eben über was anderes unterhalten.

Nach dem Abendessen folgte noch ein bisschen Requisiten basteln, dann recht zeitig Schlafen… denn am nächsten Morgen mussten wir raus.

*

Meine Erinnerung an die frühen Morgenstunden ist eher verschwommen…das ist bei mir so üblich. Kaffee beschleunigt den Aufwachprozess, und so war ich dann doch ausreichend wach um den Schwan anzuschauen … das Museum lag freundlicherweise direkt an unserer Strecke.

Tolles Tier, der Schwan. Ich muss sagen, ich habe eigentlich gar keine Worte, um das zu beschreiben. Wer in den nächsten Wochen in London ist, sollte sich den auf keinen Fall entgehen lassen!

Nach dem Schwan ging es dann per Auto nach Nordengland. Dort stellte ich zuerst mal fest: Unsere Unterkunft ist offenbar einer dieser Orte aus Harry Potter, die man nur findet, wenn man bereits weiß, wo sie sind.

Also im Ernst: Da hätte ich niemals ohne jemanden zum Zeigen hingefunden. Es stellte sich später auch noch raus dass andere trotz telefonischer Anleitung wirklich nicht hinfanden, und wir sozusagen einen Suchtrupp losschicken mussten.

Das „Problem“ dabei ist: Das Gelände wurde im Lauf der Zeit komplett mit Wohnhäusern umbaut, sodass nur ein sehr enger Weg (eine knappe Gehwegbreite etwa) zwischen zwei Häusern hindurch zum Eingangstor führt. Dieser Weg ist unbeschriftet und sieht von der Straße aus eher aus, als würde er in einen Hinterhof führen. Der Gang endet an einer Holzplatte an Scharnieren mit Riegel. Erst dahinter kommt der eigentliche Zugang zum Gelände. Bis man durch dieses erste improvisierte Tor ist, sieht man absolut nichts von dem, was dahinter liegt. (Parken muss man um die Ecke.)

Hat man erst mal reingefunden… ist die Unterkunft aber einfach toll. Sie ist für Selbstversorger gedacht, es gibt eine große Küche, einen Speiseraum, viele Zimmer, mehrere Badezimmer pro Stockwerk mit Duschen und Badewannen, eine Sauna und anderes… Wir nutzten in erster Linie die beiden „Sitting rooms“ – große wohnzimmerartige Räume mit vielen bequemen Sitzmöbeln. Aus dem größeren flog als erstes der Tisch raus, weil wir Freifläche brauchten. Wir wollten ja schließlich irgendwie Theaterspielen.

Im Lauf des Nachmittags trudelten so nacheinander alle ein. Die einen verzogen sich erst mal direkt in ihre Zimmer, die anderen halfen beim Lebensmittel rauftragen und wegräumen, der für den Abend eingeteilte Koch machte seine Pläne… Die Requisiten wurden aufgestellt, die Skripte ausgelegt.

Eine kleine Beinahekatastrophe gab es dann als eine NT-Frau – der dazugehörige Mann war bereits da – den Veranstaltungsort nicht fand. Trotz mehrfachem Anrufen und einweisen. Irgendwann waren dann doch alle da, das Abendessen war gegessen, und wir hatten für den Abend auf dem Plan stehen, die ersten Szenen durchzuspielen.

Dabei war die Regelung im Großen und Ganzen die: jeder kann mit so viel oder wenig Einsatz spielen, wie er will. Der eine steht eben auf der Bühne und liest seinen Text ab, der andere spielt seine Rolle mit vollem Körpereinsatz, Kostüm und Requisiten… jeder, wie es ihm zusagt. Szenen mit Körperkontakt, fesseln von Gefangenen, Schwertkämpfen, etc. werden zuvor zwischen den Beteiligten abgesprochen. Ebenfalls sprechen die jeweils Beteiligten vorher ab, falls sie eine Szene nicht nach Skript spielen sondern improvisieren wollen.

Ich war erstaunt, wie gut das in der Tat ging. Die Requisiten waren teils etwas gewöhnungsbedürftig. Die Wölfe waren Plüschtiere, und da wir nicht genug Wölfe zusammengebracht hatten, wurde mit Plüschkatzen aufgefüllt. Schwerter reichten vom richtigen LARP-Schwert bis zum funktionsfähigen (leuchtenden) Laserschwert – klar, man braucht ja brennende Schwerter und auch mal Fackeln … Zitat vom Wochenende: „Und sie nahm ihr Laserschwert und machte sich auf den Weg“.

Wir waren ja nun alles erwachsene Leute zwischen 30 und 45, und daher „nicht das kleinste Bisschen“ albern. Nee, ist klar… natürlich bleibt die Sache nicht bierernst, wenn das einzige für den Auftritt zur Verfügung stehende Pferd ein Steckenpferd ist, die Dracheneier als Avocados geboren wurden und fehlende Requisiten einfach durch ein Blatt Papier ersetzt werden, auf dem die Bezeichnung des fehlenden Gegenstands steht.

Spaß hatten wir jedenfalls.

Ganz toll übrigens: was an „inneren Organen“ benötigt wurde, hatte vorher jemand aus geschmolzenen Haribo-Erdbeeren nachgeformt und großzügig mit Theaterblut verziert. Diese speziellen Requisiten wurden anschließend noch ihrer ursprünglich vorgesehenen Verwendung zugeführt.

Zwar hatte jeder zugeteilte Rollen, aber es spielte nicht unbedingt jeder in jeder „Sitzung“ mit. Wer gerade Pause wollte oder brauchte, konnte in seinem Zimmer bleiben, spazieren gehen oder sonst was machen, und die Rollen wurden bei Bedarf kurzfristig umverteilt.

Es wurde natürlich nicht nur Game of Thrones gespielt an dem Wochenende. Die Pokémon-Go-Spieler schickten immer mal wieder Jagdtrupps aus, es gab Diskussionsrunden zu vorher genannten Themen (ähnlich Viktorianischer Parlour-Diskussionsrunden, wie sie gerne mal zur Unterhaltung abgehalten wurden), Karten- und Brettspielrunden, Abends wurde die Sauna angeworfen, irische und schottische Folkmusik gesungen und getanzt (wir hatten Flöte- und Gitarrenspieler samt Instrumenten dabei). Einige hatten ihre eigenen Projekte dabei, einige gingen außerhalb der Spielerunden direkt in ihr Zimmer und blieben da, bis es entweder Zeit zum Essen oder Zeit zum weiterspielen war.

Frühstück und Mittagessen lief jeweils so, dass jeder sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbst holte, was er wollte. Es gab dabei Schränke und einen Kühlschrank, die für die Köche reserviert waren und die von diesen bestellten Zutaten enthielten, und Schränke und einen anderen Kühlschrank, aus denen sich jeder einfach bedienen konnte. Speziell für eine Person besorgte Lebensmittel waren beschriftet.
Zum Abendessen kochen sowie am Sonntag zum Brunch (= Full English Breakfast) war jeweils ein Koch mit zwei Helfern eingeteilt. Gekocht haben alle hervorragend. Es wurde immer in Variationen gekocht, der anfangs rumgesendeten Liste entsprechend, sodass immer jeder was zu essen hatte. Wer nicht im Speiseraum essen wollte, nahm sich eben einen Teller mit aufs Zimmer – oder ließ sich einen bringen.

Gespräche fand ich allgemein auch in der Gruppe verhältnismäßig entspannt, schon allein deswegen weil wirklich immer nur einer redete. Wenn sich zwei Gespräche im gleichen Raum entwickelten und es dadurch zu Problemen durch Lärmpegel kam, ging die Gruppe, die näher an der Tür saß, in einen anderen Raum. Bei Wortfindungs-/Artikulationsproblemen sah die Lösung dann so aus, dass die betroffene Person, die etwas sagen wollte, aber gerade entweder die passenden Wörter oder gar keine Wörter rausbrachte, einfach „Words!“ sagte bzw. einen Zettel mit dem Wort drauf hochhielt. Dann wurde gestoppt, die jeweilige Person konnte sich in Ruhe die Wörter sortieren, aufschreiben oder anderweitig den gewünschten Inhalt kommunizieren.

Alles in Allem: Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass eine Zusammenkunft von 16 Personen so relaxt ablaufen kann…Wir sind definitiv nächstes Jahr wieder dabei.

 

 

Carolyne Larrington: Winter is Coming

winteriscoming

A Song of Ice and Fire – vielen wohl besser bekannt unter dem Titel der Fernsehserie, Game of Thrones – entdeckte ich 1997, nicht allzu lange nach der Veröffentlichung des ersten Bands. Ich weiß noch, wo ich den her hatte: In einer Zeit vor Amazon – mein Amazonkonto datiert von 2004 – war das Bestellen fremdsprachiger Bücher zwar möglich, aber durchaus immer ein Erlebnis. Damals traf ich schloss ich meinen ersten „Versorgungspakt“ mit einer Amerikanerin: Sie schickte mit alle drei Monate eine Schachtel mit Büchern und ich schickte ihr alle drei Monate eine Schachtel mit deutschen Süßigkeiten. Ähnliche Absprachen habe ich heute noch mit mehreren Kollegen laufen.

In einem dieser Pakete lag damals „Game of Thrones“, ich las und befand es für gut.

Ich habe seitdem zwischen den langen Wartezeiten zwischen den Büchern, dem Tonfall, den Herr Martin seinen Lesern gegenüber teils anschlägt, und der sinkenden Qualität der Inhalte das Interesse am Lesen weiterer Bände umfassend verloren, was aber nicht bedeutet, dass mich die Serie an sich nicht mehr interessiert.

Auf meinem Schreibtisch steht eine sehr gut ausgearbeitete Büste von Sandor Clegane – lange vor der Fernsehserie und in Anlehnung an die Buchbeschreibung gefertigt. Wer mit diesem Modell ein Problem hat, hat ein Problem mit meinem Büro (und das kommt in der Tat gelegentlich vor).

Nun fand ich also dieses Buch: Winter is Coming, von Carolyne Larrington

Speziell werden hier die Motive, Inhalte, Figuren und Kulturen der Serie mit der Geschichte und Mythologie unserer Welt verglichen.

Die Autorin ist Historikerin, und das merkt man. Das Buch ist sehr stark in wissenschaftlichem Stil aufgebaut, vielleicht teils etwas trocken, was meiner Meinung nach hier kein Schaden ist.

Die Vergleiche sind logisch, gut durchdacht, verständlich erklärt und mit zahlreichen Verweisen auf Sekundärliteratur – von der ich mir auch das eine oder andere Werk zulegen werde. Ein paar Sachen waren mir neu, allerdings hat eine kurze Recherche zu dem wenig überraschenden Ergebnis geführt, dass die Autorin wusste, wovon sie spricht.

Ob nun Herr Martin seine Serie wirklich in dem Ausmaß durchdacht hat, das ihm Frau Larrington unterstellt, lasse ich mal dahingestellt.

Leider habe ich beim Kauf des Buchs nicht bedacht, dass ich die deutsche Übersetzung gekauft habe. Diese ist aus Sicht des Übersetzers sehr gut gemacht – leider, muss ich hier sagen. Denn die Übersetzung der Bücher und der Serie selbst erfolgte in einer Weise, auf die man sich doch glatt in die 1960er Jahre versetzt fühlt – damals, als es gerade modern war, Straßennamen, Ortsnamen, Personennamen und anderes mitzuübersetzen.

Bei manchen Werken mag das angemessen und sogar notwendig sein. Denken wir da an Herr der Ringe, von dem Tolkien selbst ja behauptete, es sei eine Übersetzung ins Englische, einschließlich einer längeren Abhandlung über die Übersetzung der Namen. Als weiteres Beispiel sei Harry Potter genannt, wo vielen Namen eine Bedeutung innewohnt, die durchaus relevant für die Charakterisierung der entsprechenden Person oder für die Eigenschaften eines Orts ist. Allerdings entschied man sich selbst dort schließlich für das Prinzip „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Wer sich, wie ich, noch an die Erstausgabe der Übersetzung erinnern kann, kann vielleicht noch an den Satz denken „Sirius Schwarz hat es mir geliehen“ – Hagrid zu Dumbledore über das fliegende Motorrad, als er Harry abholt. Den „Sirius Schwarz“ kennen wir natürlich besser als Sirius Black, unübersetzt.

Im Lied von Eis und Feuer jedoch hatte der Übersetzer keine Hemmungen und erging sich in einer wahren Orgie der Namensübersetzungen. Da ich die Bücher auf Deutsch nie gelesen habe, bin ich mit den übersetzten Begriffen nur sehr oberflächlich vertraut. So fiel mir das Lesen hier teils etwas schwer, weil ich immer wieder erst nachschlagen musste, wer denn nun wer ist, und was denn nun wo liegt. Fazit: Nächstes Mal besser aufpassen, in welcher Sprache ich einkaufe.

Wenn das Thema interessiert und man auch etwas unbekanntere geschichtliche Episoden interessant findet, würde ich das Werk als solches aber uneingeschränkt empfehlen.