Wir sind keine Muggel

Man sagt uns ja gerne mal fehlende Fantasie nach… Darüber kann man sich in meiner Familie nicht beklagen. Wir waren schon immer gut drin, „in“ Büchern und Filmen zu „leben“, und praktizieren das mit Hingabe – und zwar die NTs und die Autisten gleichermaßen.

Die sogenannte „vierte Wand“?  Ist bei uns vornehmlich dazu da, durchbrochen zu werden. Einen Roman zu lesen, einen Film zu schauen, ohne irgendwie mit dem Inhalt zu „interagieren“… dafür fehlt uns irgendwie häufig der Ernst.

 

Irgendwie musste ich heute dran denken, wie der letzte Harry-Potter-Film im Kino lief. Das war, glaube ich, das letzte Mal, dass ich ein Kino betreten habe. Wir hatten Tickets für die ganze Familie. Vorpremiere.

Wir traten familienintern zu sechst an: Meine Mutter, drei erwachsene Töchter und zwei Söhne im Teenageralter; dann noch dazu noch etliche Freunde und Bekannte. Alles in Allem hatten wir zwei komplette Reihen gebucht.

Am Vorabend liefen ich weiß nicht mehr wie viele Filme am Stück, und direkt nach Mitternacht der letzte Teil. Bei Teil 7/1, dem letzten vor Mitternacht, habe ich dann schon nicht mehr wahnsinnig viel vom Film mitbekommen… außer, dass der Film-Scabior optisch voll in mein Beuteschema passte. Ich hangelte mich also von einer Szene zur nächsten, ließ den Rest so auf mich einrieseln… und meinte im Abspann zu den neben mir Sitzenden in etwa, es würde mir jetzt reichen, wenn ich Film-Scabior aus der Leinwand ziehen könnte, den letzten Teil müsste ich anderweitig gar nicht anschauen.

Kommentar meiner Mutter: „Das willst du nicht, der ist doch dumm wie zehn Meter Feldweg.“

Ich: „Also, ich wollte mich eigentlich nicht mit ihm unterhalten…“

Staubtrockener Kommentar einer Freundin in todernstem Tonfall: „Johanna, du sollst keine Todesser aus dem Film ziehen. Das ist erstens gefährlich fürs Publikum und stört zweitens massiv die Handlung.“

Dem schlagenden Argument konnte ich mich dann nicht verwehren. Scabior blieb im Film 😉

 

Zwei Tage später, Essen bei meinen Eltern. Mein Bruder kommt kopfschüttelnd zu mir.

„Du hast dich doch im Kino fürs Popcorn on Slytherin-Schalter angestellt. Das geht nicht. Muggelgeborene können nicht in Slytherin sein.“

Ich überlege gerade noch, was ich darauf sage, da kommt meine Mutter um die Ecke, nimmt meinen Bruder an der Schulter und drückt ihn auf einen Stuhl, stellt sich vor ihn und sagt, im Ton einer unendlich wichtigen Ankündigung: „Kind… ich muss dir was sagen.“

Totenstille im Raum.

Meine Mutter holt einmal tief Luft, dann: “ Eigentlich solltest du das nicht SO erfahren… Wir sind keine Muggel: Du bist ein Squib.“

Nutzloses Wissen: VHS

Auf den guten alten VHS-Videocassetten konnte man bis zu drei verschiedene Sprachfassungen (jeweils in Mono) gleichzeitig speichern und mit jedem handelsüblichen Videorecorder abrufen. Es war sogar möglich, mit dem richtigen Videorecorder selbst die Tonspur auszutauschen und etwa einen aus dem TV aufgezeichneten Film wieder mit dem Originalton (z.B. von einer ausgeliehenen fremdsprachigen Bibliotheks-Videocassette) zu versehen.

Warum man das hätte machen sollen? Wir haben es in erster Linie aus einem Grund gemacht: Weil wir es konnten.

 

Synchronisation, die Zweite

Ja… wie war das also nun mit der Synchronisation?

 

Nochmal kurz zur Erinnerung:

 

Deutschland synchronisiert

Italien synchronisiert

Spanien synchronisiert

England untertitelt

Frankreich untertitelt

Die Niederlande untertiteln

 

(Kurze Ergänzung: Ich befasse mich hier ausschließlich mit der Filmübersetzung in West- und Mitteleuropa. Die osteuropäische Tradition der Synchronisation funktioniert anders und hat auch eine andere Geschichte. Dazu vielleicht ein andermal mehr.)

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Irgendwann fing das mit der Synchronisierung ja mal an. Denken wir also zurück.

Am Anfang war der Stummfilm. Der Beginn des Stummfilms wird gerne auf 1878 festgesetzt. Der Stummfilm war etwa 40 Jahre lang der Stand der Technik. Wahnsinn, wenn man sich überlegt wie schnell sich heute die technischen Neuerungen jagen. Könnt ihr euch noch vorstellen, 40 Jahre lang die gleiche Computertechnik zu benutzen? In den ersten Jahren war der Stummfilm eine Spielerei, ab kurz vor 1900 gab es dann das Kino. In den nächsten Jahren wurden die Filme besser, länger, mit Musik unterlegt… Die ersten Monumentalfilme wurden ca. in den Jahren nach 1910 produziert – immer noch stumm.
Wenn ihr die Gelegenheit habt, schaut euch mal den Ben Hur von 1907 an. Fast nur Wagenrennen, aber irgendwie faszinierend. Und wenn ihr damit fertig seid, macht mit dem von 1925 weiter. Zweieinhalb Stunden Stummfilm in Technicolor, der teuerste Film seiner Zeit, einfach Wahnsinn, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, auf welchem Stand die Technik war und was damit gemacht wurde. Okay. Zurück zum Thema.

Ab 1908 kam die Filmmusik auf. Die wurde zunächst von einem Orchester direkt im Kino gespielt.

Im Herbst 1922 kam der erste echte Tonfilm.
Ein Film mit Tonspur. „Der Brandstifter„, produziert von Erwin Baron. Uraufführung in Berlin.

Allgemein legt man den Beginn der Zeit des Tonfilms aber auf das Jahr 1927. Der Film „The Jazz Singer„, produziert in den USA von Warner Bros. Ja, die mischten damals auch schon mit.

In den folgenden Jahren nahm der Stummfilm rapide an Bedeutung ab und der Tonfilm zu. Mitte der 1930er Jahre galt der Stummfilm als obsolet.

Zwar gab es damals natürlich noch kein Internet und Neuigkeiten reisten langsamer. Dennoch interessierten sich die Leute dafür, was anderswo passierte. Man wusste von Filmen aus Amerika, man wollte sie sehen. Sie mussten zugänglich gemacht werden. Übersetzt.

Die Tonspur dieser frühen Filme war im sogenannten Lichttonverfahren aufgenommen. Der Ton lag in einer Spur neben der Bildspur, zwischen den Bildern und der Lochleiste

Von Wapcaplet, uploaded by Andreas -horn- Hornig – Photo by Wapcaplet, effects in the en:GIMP., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=246356

Der Ton konnte in dieser Form nur fertig gemischt aufgezeichnet werden. Das heißt, man konnte das Gespräch (die Dialogspur) nicht von der Hintergrundmusic (Score) oder den Hintergrundgeräuschen trennen. Wollte man den Ton austauschen, musste man alles, Dialog, Musik und Geräusche wie Türeknallen usw. gemeinsam neu aufnehmen. Der Aufwand war immens.

Sogenannte Zwischentitel kannte man aus dem Stummfilm. Von da zum Untertitel war es nur ein kleiner Schritt. Es war nicht allzu aufwändig. An das Lesen im Film war man ja noch gewöhnt. Der Ton blieb einfach wie er war. Der Aufwand war überschaubar.

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Wir befinden uns mitten in den 1930er Jahren.
Deutschland, Italien und Spanien entscheiden sich für den hohen Aufwand der Synchronisation.

1930er, Deutschland, Italien, Spanien… klingelt schon etwas?

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Heute sehen es viele als Vorteil der Untertitel, dass man den Originalton hören kann. Für ein faschistisches Land, das sich zwar nicht die Blöße geben will, Filme aus Hollywood und Co zu verbieten oder zu unterdrücken, birgt der Ausgangston doch das Risiko, dass ihn jemand verstehen könnte. Im Ton der in liberaleren Ländern aufgenommenen Filme können Gedanken, Ideen, Konzepte zum Ausdruck gebracht werden, die den Zuschauern am Ort der Übersetzung nicht gezeigt werden sollten. Noch schlimmer – es könnte ja auch sein, dass ein Film Inhalte hat, die gegen das eigene Regime sprechen.

Klar, kann man alles einfach verbieten.

Man kann dem Film aber auch „einfach“ eine neue Tonspur geben. Durch Änderung der Dialoge die übermittelte Propaganda und die dargestellten „Werte“ nach Belieben anpassen.

Synchronisation wurde aus unterschiedlichen Gründen immer wieder dazu verwendet, Inhalte zu verfremden. Ob es nun die Star Trek Episode Pon Farr ist („Weltraumfieber“), da im den 1970er Jahren keine Abhandlung zum Sexualleben der Vulkanier im deutschen Kinderfernsehen laufen durfte, ob man bei Hogan’s Heroes („Stacheldraht und Fersengeld“ bzw. „Ein Käfig voller Helden“) der für den deutschen Markt nicht tragbare Duktus (Ich vermeide es seit Einzug meiner Papageien, die Serie im Original anzusehen. Das Risiko, dass mir ein Papagei anschließend Originalzitate der 1940er an den Kopf wirft ist etwas zu groß) entschärft und dabei mal schnell eine neue Figur hinzuerfindet, oder ob Rainer Brandt (der eben auch für die Übersetzung von Hogan’s Heroes, M*A*S*H, zahlreichen Bud-Spencer-Filmen und vielen anderen mehr verantwortlich zeichnete) einer todlangweiligen amerikanischen Detektivserie, die nie so wirklich in die Gänge kommt nur durch geschickte Dialoge – so ziemlich ohne jede Beachtung des Originaltons – in Deutschland zum Kultstatus verhalf: Synchronfassung und Originalfassung haben außer der Bildspur nicht immer viel gemeinsam – und eine neue Tonspur kann eine komplett neue Handlung schaffen.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg war eben in bestimmten Ländern die Technik und das Wissen für die Synchronisation vorhanden. Sie wurde weiter verwendet, ausgebaut, verfeinert. Erst mit der Verbreitung der DVD fing der Untertitel an, sich parallel zu etablieren.

 

Tja… so ist das dann also: Wir synchronisieren bis heute unsere Filme – aufgrund der politischen Lage zum Zeitpunkt der Entstehung des Tonfilms.

 

Synchronisation

Es ist bekannt – in Deutschland werden Filme synchronisiert.

Zwar gab es „immer“ in „allen“ Ländern zu gewissem Grad beides, aber bis die DVDs anfingen, das Untertiteln  überall einzuführen und eine zunehmende Faulheit der Zuschauer auch in ehemals typischen „Untertitelungsländern“ zu einer Erhöhung der Synchronisationsrate geführt hat, gab es eine relativ klare Einteilung.

Deutschland synchronsiert. Die Niederlande untertiteln. Spanien synchronisiert. Frankreich untertitelt. Italien synchronisiert. England untertitelt.

Zufällige Verteilung?

Nein, gar nicht.

Mag jemad raten? Ohne Tante Google zu bemühen?

Warum könnte das so sein?