Sichere Geschenke

Geburtstage bringen es mit sich, dass es Geschenke gibt.

Ich habe es inzwischen, denke ich, allen aberzogen, mir Theater- oder ähnliche Tickets zu schenken (ich muss mit Zeit und v. a. Platz selbst aussuchen können. Es gibt nur ein Theater in unserer Nähe, das zwei Sitzplätze besitzt, die ich jederzeit nehmen würde. Selbst da ist es mir aber zu riskant, mich drauf zu verlassen, dass ein Schenker gerade den richtigen Platz ankreuzt); Gutscheine finde ich nicht so toll. Kaufen kann ich’s mir selbst auch ohne.

„Atties“ kann man mir natürlich immer schenken, aber das trauen sich eigentlich nur mein Mann, die Freundin aus Österreich und meine Eltern, gelegentlich noch Geschwister, letztere unter Umständen mit Anleitung bzw. Absprache – hast-du/willst-du/brauchst-du?

Sicher fährt man bei mir auch immer mit Büchern. Es gibt eine lange Wunschliste auf Amazon, preislich zwischen 1 ct. + Porto auf Marketplace bis oben offen, und ich werde mich über das 1-Cent-Buch genauso freuen wie über das 100-Euro-Buch, denn es wird ein Buch sein, dass mir in der Sammlung fehlt. Alternativ steht im Antiquariat meines Vertrauens eine Schachtel mit meinem Namen. Dort kann auch jeder für mich rauskaufen. Oder dort anrufen und sagen „Bücher für X Euro für Johanna“ (So, ich übernehme den Namen hier jetzt einfach), dann werden sie sogar noch verpackt und mir zugestellt. Oder man besorgt mir „blind“ etwas, das einem Interessensgebiet entspricht, je obskurer, desto besser.

Durch die Pendelei zwischen Bayern und Belgien bin ich nicht immer so gut für eine persönliche Übergabe zu erwischen, und so kommt es eben, dass den Dezember über immer wieder Bücher enthaltende Umschläge bei uns angetröpfelt kommen.

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Wäre es ein Wettbewerb: Sieger nach Punkten dürfte heuer Tao sein, mit „Diversity in Disney Films: Critical Essays on Race, Ethnicity, Gender, Sexuality and Disability“. Tao, ich weiß du liest hier gelegentlich mit, vielen lieben Dank. Das Buch wird als erstes gelesen.

Sonst ist aber auch nichts wirklich „danebengegangen“ – Der Märchen- und Sagensammler in mir bekommt „Märchen im Lied“, „American Indian Trickster Tales“ und „Sandspun: Florida Tales by Florida Tellers“.  „This Kind of City: Ghost Stories and Psychological Landscapes“ geht um Spuk und heimgesuchte Gebäude.

„Die ältesten Grenzbeschreibungen in Bayern“ ist was für den Linguisten, es geht nämlich eigentlich um Linguistik und Namenskunde.

„The Truth Factory“, als Roman etwas aus der Reihe fallend, habe ich schon. Nee, der Geber liest hier sicher nicht mit. Naja, war aber immerhin gut gedacht.

 

Urlaubsreview – Tag 4

SCS und Wien

Wir haben einige Besorgungen zu erledigen und steuern daher zunächst die SCS an.

SCS steht für Shopping City Süd und ist ein großes Einkaufszentrum südlich von Wien.

Jetzt könnte man annehmen, dass mich das stresst. Tut es lustigerweise nicht. Es gibt ein paar Situationen, die für mich mit einem Mix aus unterschiedlichen Eindrücken genau auf dem Punkt zwischen Stimulation und Überlastung liegen, den ich wahnsinnig angenehm und sogar entspannend finde. Dazu gehören Volksfeste und Jahrmärkte, Verbrauchermessen, Apsley House, der Münchner Hauptbahnhof und eben auch große Einkaufszentren wie dieses.

Zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass ein Buch mit dessen Erscheinen ich gar nicht mehr gerechnet hatte, nachdem der Autor über Jahre verschwunden schien, nun in der Auslage liegt. Also rein in die Buchhandlung, und da ich nicht mit nur einem Buch wieder raus kann, einen ganzen Armvoll Bücher ausgesucht. Zwei davon zweisprachig – Deutsch-Latein. Jetzt kann ich schauen, wie ich das alles in die Regale bekomme.

Wir decken uns noch etwas mit Kleinigkeiten ein, um einem Bekannten ein Dankeschönpaket für einen uns zuvor geleisteten Gefallen zu packen, und beschließen, dass es für einen Besuch „unseres“ Billardcafés etwas zu früh am Tag ist.

Zwischen stöbern und aussuchen ist es inzwischen allerdings Zeit, etwas Essbares zu suchen, und da gibt es für mich in der SCS nur eine Anlaufstelle: Subway.

Die Entdeckung von Subway (als Kette, nicht dieses speziellen Subway) war für mich ein Glückstreffer. Subway findet man so ziemlich überall, und es gibt überall das gleiche. Ich kann so sehr gut auch mal eine Stresssituation entschärfen, indem ich mir etwas absolut vertrautes zu Essen hole. Oder nicht zusätzlich Stress basteln, indem ich in ein Fremdrestaurant gehe. Und überhaupt ist es im Urlaub auch schön, mal etwas Bekanntes zu haben.

Da ich gerne mal aufs Trinken vergesse, bis die Dehydrierungskopfschmerzen anfangen, finde ich auch O’Mellis‚ Saft- und Smoothiebar sehr praktisch. Da man auch hier sein Getränk selbst zusammenstellen kann, sollte jeder was Passendes finden können.

 

Und nochmal übten wir uns in Spontaneität. Seit Jahren wollten wir mal in Wien Fiakerfahren gehen. Bislang passte es nie. Zeit war nun da, Lust sowieso, also Einkäufe schnell nach Hause, und wieder ins Auto. Dank der vielen Einbahnstraßen fahre ich in Wien relativ gerne. Das Navi sagt mir, wo ich hinmuss, und da ich keinen Gegenverkehr habe, machen auch die engen Sträßchen nichts. München könnte sich mehrere Scheiben abschneiden.

Die Fiaker waren eine angenehme Überraschung, die Pferde machten einen guten Eindruck – ich hatte vorher erwartet, dass mich das Ganze dann vor Ort mehr Überwindung kosten würde, aber die Tiere wirkten wirklich sehr gepflegt, ausgeruht und aufmerksam – ein Eindruck, der sich in der folgenden Stunde bestätigt hat. Wir buchten die lange Runde – eine Stunde durch Wien.

Es ist schon ein spezielles Erlebnis, so in der offenen Kutsche. Es ist Ewigkeiten her, dass ich das letzte Mal als Mitfahrer gefahren bin. Ich fahre zwar bei unseren Veranstaltungen auch gelegentlich, aber dann eher Karren als Kutschen, und auf dem Kutschbock sitzend mit den Zügeln in der Hand. Durchgeschüttelt wird man auf dem Kopfsteinpflaster natürlich ordentlich, und schwerhörig sollte man auch nicht sein – zumindest nicht, wenn man dem laufenden Kommentar des Fiakers folgen möchte. Der referiert nämlich eine Stunde lang über Gebäude, deren Bewohner und Architektur, Denkmäler, Brunnen, Plätze und berühmte Cafés – das ganze logischerweise mit dem Gesicht direkt von den Passagieren abgewandt, und daher in die entgegengesetzte Richtung sprechend. Die Anstrengung, ihm zu folgen, zahlt sich aber aus.

Die Passanten sind auch nicht uninteressant – manche grüßen und winken tatsächlich, eine Dame gestikuliert grinsend aus einem Bus, neben dem wir an der Ampel halten. Einige wenige Idioten versuchen, die Pferde zu stören (was ihnen nicht gelingt) und durch den Fiaker auch schleunigst unterbunden wird.

Das Wetter ist perfekt, der einzige echte Störfaktor sind die zahlreichen Baustellen. Am Ende der Stunde haben sich Fiaker und Pferde ihren Lohn plus Trinkgeld redlich verdient.

 

Auf dem Rückweg zum Auto gibt es für uns dann noch einen Zwischenstopp an der Staatsoper – oder genauer gesagt, in deren Andenkenladen. Dieser führt nämlich auch zahlreiche Aufzeichnungen von Aufführungen an unterschiedlichen großen Häusern auf DVD. Ich kaufe dort recht gerne ein. Auf Anfrage sperren die Herren und Damen einem dort nämlich die Vitrinen im Hinterzimmer auf und lassen einen dort alleine, um in Ruhe auszuwählen. Keine nervigen Empfehlungen, kein Gehetze, keine Ablenkung… und so fällt mein Einkauf dort auch immer recht großzügig aus.

 

Gelaufene KM: ca. 15; da ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass ich diese Aufstellung schreiben werde, habe ich die genaue Start- und Endzeit der Fiakerfahrt nicht mitgeschrieben.

Maarten S. Sneijder

„…er war fast schon Autist.“ heißt es im neuen Buch von Andreas Gruber (Todesmärchen, Heyne-Verlag; Prädikat: „Nicht berauschend, das konnte der Autor schon mal besser“).

„Fast?“ sagt eine Freundin. „Meinst du nicht—also ich dachte, was meinst du denn?“

Diagnosen stellen bei Buchfiguren und historischen Persönlichkeiten ist zum einen natürlich immer eine Wackelpartie. Die Datenlage ist begrenzt, vieles wissen wir nicht, es wurde und wird interpretiert was das Zeug hält.

Aber es schadet ja keinem (mehr), also kann man sich auch in aller Ruhe austoben.

Dann also mal los… Maarten S. Sneijder. Profiler.

Hochintelligent. Hochintelligente Autisten gibt es jedenfalls.

Kein guter Teamplayer, arbeitet lieber alleine. Das widerspricht der Vermutung zumindest mal nicht.

Spezialinteresse könnte man sein Interesse an der Verbrecherjagd vielleicht nennen – aber nur sehr vielleicht. Sein Ausbildungsweg sehr divers, und der Hintergrund seiner Besessenheit mit der Mörderjagd neben den im neuen Buch eingeführten Details auch anderweitig erklärt.

(Soziale) Normen und Regeln interessieren ihn wenig. Jo, allerdings kann er auch einfach nur ein ziemliches Arschloch sein.

Er ist unhöflich zu Leuten und stößt viele vor den Kopf. Das tun wir gelegentlich, meist ohne Absicht. Die meisten „Kollegen“, die ich kenne, versuchen es auch zu vermeiden. Passieren kann es immer mal, aber kaum jemand tut es mit Absicht. Sneijder schon. Ihn interessiert es auch nicht, wenn ihn jemand darauf hinweist. Ich finde es ja immer wieder amüsant, wie schnell einige Leute bei jeder intelligenten aber unhöflichen Figur Autismus schreien…

Es gäbe da aber einen Hauptgrund, aus dem ich mich bei der Frage mit einem klaren „Nein“ platziere, und festhalte: Sneijders Verhalten ist nicht „angeboren“ sondern absichtlich zur Schau gestellt.

Er legt es nämlich mit zunehmender Erschöpfung ebenso zunehmend ab, im neuen Buch sehr schön zu beobachten.
Egal, wie gut wir es sonst gelernt haben, nach den Regeln zu spielen – ich kenne keinen Autisten, bei dem unter ausreichend Stress und Müdigkeit die erlernten Abläufe nicht irgendwann versagen.
Oh, und das tun sie bei Sneijder auch – nur er wird plötzlich verträglich. Ihm fehlt die Energie, seine unfreundliche, abweisende Art aufrechtzuerhalten. Genau das Gegenteil von dem, was passieren müsste, wenn die Freundin mit ihrem Eindruck Recht gehabt hätte.