Autismus ist das neue Hochbegabt.

Es ist noch nicht so lange her, da schossen die hochbegabten Kinder nur so aus dem Boden wie die Pilze nach dem Regen. Jeder wollte eines haben – zumindest gefühlt war das so. Die Eltern wetteiferten und übertrafen sich in ihren Erzählungen gegenseitig damit, wessen Kind denn nun hochbegabter war als das der anderen.
Schlechte Noten? Kind ist hochbegabt und unterfordert;
Unmögliches Verhalten? Kind ist hochbegabt und frustriert weil die anderen es nicht verstehen – da muss man schon Verständnis haben.
Kind ist frech? Kind ist hochbegabt, da muss man über sowas hinwegsehen.

Mit tun die armen Kinder heute noch leid.

In den letzten Jahren wurde nun – gefühlt zumindest – die Hochbegabung durch den Autismus verdrängt. Sowohl bei den Kindern, als auch in der Selbstdiagnose Erwachsener. Ja, die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Autisten ist sicher nicht gering. Glaubt man jedoch denen, die bei sich oder ihrer Familie Autismus sehen, unhinterfragt, müsste wohl – gefühlt zumindest – jeder Dritte Autist sein. (Ich hätte nun persönlich nichts gegen eine Welt einzuwenden, in der ein 33%iger Autistenanteil vorliegt. Entspricht nur leider nicht der Realität).

Hinter jeder Schwierigkeit wird der Autismus vermutet, alle anderen Möglichkeiten oder Optionen werden umgehend als unmöglich verworfen.

Eltern lernen die Elternfragebögen auswendig, um zu wissen, was sie antworten müssen, damit ihr Kind die gewünschte Diagnose erhält. (Kein Witz! Ich wünschte, es wäre einer.) Gefällt die Erstmeinung nicht, holt man eine zweite.
Gefällt die zweite Meinung nicht, insbesondere, weil sie mit der Erstmeinung d’accord geht, holt man eine dritte.
Spätestens, wenn die dritten auch nicht gefällt, postet man einmal quer durch alle Foren: „Wo bekomme ich denn in der Gegend XY eine Autismusdiagnose für mein Kind?“ (Wahlweise: „für mich“)

Irgendwie scheint eine Autismusdiagnose gerade nicht nur in Mode zu sein, sondern auch als Patentlösung für alle Probleme angesehen zu werden.
Tipp: Sie ist es nicht. Hatte euer Umfeld vorher kein Verständnis für euer Kind (oder für euch), wird es dieses anschließend auch nicht magisch finden. Weder der Arbeitgeber, noch die Klassenlehrerin wird plötzlich alles durchgehen lassen, und die Mitschüler oder Kollegen werden auch nicht plötzlich eine 180-Grad-Wendung hinlegen.
Im Übrigen unterhalten wir uns bei Gelegenheit mal zum Thema Mobbing und dazu, was das denn eigentlich bedeutet. Was nämlich NICHT Mobbing ist, ist eine Schutzreaktion anderer auf eigenes Verhalten. Die ist jedem zuzugestehen. Ich hatte zu Schulzeiten auch jahrelang Ärger mit den Mitschülern, wurde „ausgegrenzt“ und getriezt…
Das hatte natürlich auch NIE irgendetwas mit komplett nicht sozialverträglichem Verhalten meinerseits zu tun.
Ich hoffe, den Sarkasmus kann man sich beim Lesen erschließen.

Nochmal zu den Herrschaften mit der dritten, vierten, X-ten Meinung und dem Auswendiglernen der Fragebögen: Diagnosekriterien sind, im Gegensatz zum Piratencodex, keine groben Richtlinien, sondern Vorgaben.
Erfüllt man sie nicht, bekommt man keine Diagnose. Auch nicht beim dritte oder vierten Mal.
Dann sollte man sie aber auch nicht bekommen, denn dann fällt man nicht in den entsprechenden Bereich. Medizinische Diagnosen sind nun mal keine Frage von „Aber ich will, dass das auch als X zählt“ oder „Aber ICH nenne das so.“ Dein Kind erfüllt die Kriterien nicht? Glückwunsch. Dein Kind ist kein Autist.

Das Ganze erzähle ich als hochbegabter Autist im Übrigen nicht, weil ich mich einer elitären Gruppe zugehörig fühle, zu der ich deinem Kind den Zutritt verwehren möchte…

Hat das Kind ein Problem, dann ist dieses zu lösen, oder zumindest irgendwie auszugleichen.

Dieses Problem speziell, das das Kind hat. Es bringt nichts, an einem anderen Problem zu basteln, von dem man nun aber lieber hätte, dass es das wäre.

Dasselbe gilt, wenn man selbst eines hat.

Ja, Autismus ist in gewisser Weise eher „salonfähig“ als manch anderes. Nur: liegt eine andere Störung vor, wird eine „Behandlung“ (Ganz Große Anführungszeichen! Autismus als solchen behandelt man nicht!) des Autismus unter Garantie das Problem nicht viel verbessern, und unter Umständen noch verschlimmern.

Gehe das Problem an, das da ist, nicht das Problem, das ihr haben wollt. Bei euch und bei euren Kindern.

Weder Autismus noch Hochbegabung sind das Ende allen Übels. Es ist eben gerade nicht so, dass sich damit alle Schwierigkeiten lösen. Und der Autismus, so er vorhanden ist, geht auch nicht weg, wenn ich ihn gerade mal beim allerbesten Willen nicht brauchen könnte. Wie heute zum Beispiel. Da hat er mir gerade überhaupt keinen Spaß gemacht…

Alternativer Verwendungszweck…

So richtig unnötig sind ja Leute, die immer alles hinterfragen müssen.

Dabei meine ich nicht die Leute, die ehrliches Interesse haben und Zusammenhänge verstehen wollen, sondern die, die ganz verzweifelt versuchen, einen beim Lügen zu erwischen. So etwa gestern die Dame, die etwas abholend, zu uns kam, und vorwurfsvoll sagte: „Ich dachte, dir IST NICHT kalt in deiner Wohnung und du MAGST das so kühl. Warum liegt dann in jedem Zimmer eine Jacke?“

Wüsste nicht, was die Dame das angeht, aber bitte… ich hab ihr dann mal einen Papagei auf den nackten Arm gesetzt. Der Effekt kam besonders gut, weil wir für gestern Abend Krallenschneiden angesetzt hatten, d.h. die waren gerade so richtig, richtige böse lang und scharf. Und bei ihrem ersten Zucken machte Papagei natürlich aus Reflex den Fuß zu, um sich festzuhalten.

Grins… Ich hoffe, das hat ihre Frage beantwortet… und sie weiß jetzt, weshalb bei mir in jedem Zimmer ein schnell an- und auszuziehendes Kleidungsstück mit langen Ärmeln liegt…

Immer die anderen…

Bei machen Leuten sind ja immer grundsätzlich die Anderen schuld.

Ich kann euch gar nicht sagen, wie ich das hasse…

Heute mit einer Bekannten gesprochen. Ihr Stromlieferant hat ihren Verbrauch geschätzt („Viel zu hoch!“) weil sie ihre Zählerablesung nicht angegeben hat.

Ich: Ist doch nicht tragisch, dann lesen Sie eben jetzt ab und reichen die Zählung nach. Geht online ganz schnell. Ich habe meinen Strom vom gleichen Unternehmen.

„Die haben uns keine Karte geschickt!“

Ich: Äh, nein, online. Das geht online. Ganz, ganz einfach.

„Ich will die Karte! Die haben nicht gesagt, dass ich das online machen soll! Die haben überhaupt nichts geschickt!“

Ich: Haben Sie denn letztes Jahr auf der Karte angekreuzt, dass Sie wieder eine wollen?

„Nix hab ich! Die haben nichts gesagt.“

Ich: „Doch, letztes Jahr wurde um Rückmeldung gebeten ob man wieder die Karte will oder es online macht…“

„Das les‘ ich doch nicht!“

Ich:…

Ich: „Da können die aber nichts dafür…“

„Die haben NICHTS gesagt!“

 

Yep.. Und E-Mail haben sie bestimmt auch keine geschickt zum erinnern… Kann ja gar nicht sein, dass man die einfach ungelesen gelöscht hat…Oder ungelesen im Posteingang stehen hat lassen. Hauptsache, jemand anderes ist schuld.

(Und ich bin auch noch böse, weil ich gesagt habe, die können nichts dafür…)

Genervt…

bin ich, weil bestimmte Personen meine Entscheidung nicht akzeptieren wollen, mich aus dem Verein zurückzuziehen. Eine davon besonders penetrant. Als würde fünf Mal betteln, mir das nochmal zu überlegen, eine andere Antwort bringen als beim ersten Mal. Ich denke allgemein relativ gut durch, was ich tue, bevor ich es tue… Wenn ich sage, ich gehe, meine ich das auch so. Das ist keine „Drohung“, um meinen Willen durchzusetzen.

Der Mann steht da… grinst… liest die letzte E-Mail durch.

Ich: „Zu böse?“

Er: „Schick’s ab, im schlimmsten Fall weint sie. Eventuell redet sie nie wieder mit dir.“

Das wäre jetzt nicht mal ein unwillkommenes Ergebnis.

Er: „Och nö, du sollst nicht so genervt sein… Blümchen?“

Okay, man könnte es auch Stimmungskalibrator nennen.

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Wo er sie nur immer hortet…

Miniatur, Öl auf Kupfer, Miniatur relativ alt, Rahmen meiner Einschätzung nach relativ neu, aber ich bin kein Rahmenprofi. Spiegelt grauenhaft, bei den ersten X Versuchen war ich in der Spiegelung besser zu sehen, als mein Herzog.

Jetzt hoffe ich nur, die Dame schreibt nicht zurück. Ich kann nicht genervt sein, wenn ich so ein schönes neues Atty in der Hand halte.

Gut gemeint?

In der Nähe eines meiner Wohnorte gibt es einen kleinen Eckladen. Verkauft wird dort dies und das, auf den ersten Blick ist das Angebot sehr wild zusammengewürfelt.

Auf den zweiten Blick nicht mehr so sehr: Da sind zum einen die Werke örtlicher Künstler und Kunsthandwerker, aber auch viel, das allgemein unter „Handwerk aus der Region“ fällt, Lebensmittel und Süßigkeiten aus der Gegend, daneben „FairTrade“ und Waren kleinerer Unternehmen, meist mit besonderem Ruf. Der gemeinsame Nenner ist weniger die Art der Ware, und eher ihre Herkunft. Vom Essen bleibe ich weg, das wechselt mir zu oft (Süßes hole ich manchmal als Geschenk), aber sonst kaufe ich hier recht gerne ein. Man investiert ein bisschen mehr Geld als im Kaufhaus, dafür stimmt die Qualität.

Der Eigentümer heißt für den Zweck dieses Posts Leo (so heißt er im Laden natürlich nicht), und verkauft selbst. Neben den normalen Waren auch seine eigenen Werke, denn Leo ist selbst Maler und hat sein kleines Atelier hinter dem Laden, seine Wohnung oben drüber. Und Leo hat noch was: Guten Kaffee. Deswegen nehme ich mir immer eine halbe Stunde mehr Zeit, wenn ich dort vorbeigehe, denn „Trinken wir noch’n Kaffee?“ gehört einfach dazu. Er unterhält sich gern mit der Kundschaft und die Kaffeemaschine hinter der Theke produziert zum Glück nicht nur schwarzes Wasser.

Da sitzen wir also, trinken Kaffee und unterhalten uns, während er noch ein halbes Auge auf die Dame hat, die das Seifenregal durchstöbert, aber keine Hilfe will und alleine zurechtkommt.

Die Tür geht auf, das Glöckchen bimmelt, ein Herr im Anzug kommt rein. Schaut sich um. Leo stellt seinen Kaffee weg, steht hinter seiner Theke auf und fragt nach dem Anliegen, wofür er erst mal ignoriert wird, während der Herr sich suchend umblickt. Sein Blick ruht nacheinander auf der anderen Kundin und auf mir, die ist aber beschäftigt und ich sitze sehr unbeteiligt mit meiner Tasse in der Hand da und mache absolute keine Anstalten, Blick- oder sonstigen Kontakt aufzunehmen.

„Wer isn hier zuständig?“ fragt der Herr in die Runde.

Blöde Frage, vermutlich der, der hinter der Kassentheke steht… Und nebenbei bereits Hilfe angeboten hat. Der Herr schaut schon wieder mich an. Ich deute wortlos auf Leo.

„Wo isn dein Chef?“ fragt der Herr. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich finde, erwachsene Leute zu duzen, zeugt nicht gerade von guter Kinderstube. Auch wenn der Sprecher selbst nicht nur die 30, sondern auch die 40 und vermutlich die 50 schon hinter sich hat.

„Ich bin der Herr H.“, sagt Leo – sein Name steht großmächtig außen am Laden. Er fragt ihn nochmal, wobei er helfen kann.

Der Herr im Anzug runzelt die Stirn und wünscht sich erneut – nun sehr langsam und deutlich sprechend – den Chef.

„Es ist mein Laden“, sagt Leo. Er will noch was sagen, aber der Herr lacht, so wie Leute lachen, wenn Kinder einen total unwitzigen Witz machen, sie aber dem lieben Kleinen die Freude lassen wollen. Die Dame am Seifenregal schaut inzwischen zu. Ich trinke meinen Kaffee.

Leo zuckt mit den Schultern und setzt sich wieder. Das Spiel ist ihm heute wohl auch zu blöd.

Der Herr murmelt noch etwas vor sich hin und verlässt schließlich unverrichteter Dinge wieder den Laden.

Und nun ist die Seifenfrau dran. Denn die kommt jetzt zu uns rüber, schaut Leo an, schaut mich an, und sagt dann in absolute entrüstetem Tonfall – zu mir: „Aber warum machen Sie denn da nichts?“

Ich? Warum bitte sollte ich?

„Sie kennen den doch.“

Ja, und wenn Sie davon ausgehen dass ich Leo kenne, können Sie auch davon ausgehen, dass ich weiß, ob ich mich einmischen soll. Ich kann’s mir nicht verkneifen. „Seh‘ ich aus wie der Pressesprecher? Wenn Herr H. Hilfe gebraucht hätte, hätte er’s sicher gesagt.“

Der Herr H. nickt, die Dame macht ein missbilligendes Geräusch und schüttelt den Kopf ob soviel Rücksichtslosigkeit meinerseits.

Mein Kaffee ist leer, ich verabschiede mich von Leo und gehe. Von der Dame verabschiede ich mich nicht. Die kenne ich nicht, und ich will sie auch nicht kennenlernen.

*

Über wen der beiden könnte ich mich nun gerade mehr aufregen? Den Herren im Anzug, oder die Dame vom Seifenregal?

Es mag auf den ersten Blick überraschen, aber das ist definitiv die Dame.

Warum?

Der Herr war unhöflich und allgemein unmöglich in seinem Benehmen. Das dürfte klar sein.

Leo hat natürlich, man kann es sich denken, nicht nur einen Laden und guten Kaffee, sondern noch was – das Down Syndrom, um es genau zu sagen. Das ist nun optisch ja relativ eindeutig.

Mit dem Laden ist er aufgewachsen, und wie das halt bei Familienunternehmen so üblich ist, hat er ihn irgendwann vor Jahren von seinen Eltern übernommen. Die Buchhaltung macht eine Angestellte, aber das ist ja nun wirklich nicht ungewöhnlich. Ich mach meine Buchhaltung auch nicht selbst, und ich habe nun wirklich kein Problem mit Mathe.

Klar, er liegt sicher am höher-funktionalen Ende seines Spektrums. Und klar, das hat weder dem Herrn im Anzug noch der Dame am Seifenregal irgendjemand erzählt.

Muss es aber auch nicht. Denn wenn ich in einen Laden gehe und dort jemanden hinter der Kasse stehen sehe, kann ich doch wohl davon ausgehen, dass der schon wissen wird, was er da tut… oder? Zumindest kann ich es mal ausprobieren und feststellen.

Der Herr hat mit seinem Verhalten ganz klar gezeigt, was von ihm zu halten ist: nichts. Das dürfte jedem auffallen, der ihm zufällig zuschaut. Damit ist die Sache auch erledigt. Er outet sich selbst als Arschloch, wird damit leben müssen, wenn man ihn als solches behandelt.

Die Seifenregaldame… ist auf den ersten Blick vielleicht ganz nett. Und offenbar der Meinung, ich hätte helfen sollen. Helfen sollen, wo jedoch gar keine Hilfe notwendig war. Nochmal: Ist jemand alleine im Verkaufsraum und verhält sich dieser jemand noch dazu absolut professionell, kann – muss – ich davon ausgehen, dass dieser Jemand die Situation im Griff hat und weiß, was er tut. Da muss ich mich nicht einmischen. Soll ich mich auch nicht einmischen. Was sie sich scheinbar vorgestellt hatte… würde ich als bevormundend und respektlos empfinden. Das finde ich deutlich unangenehmer, als wenn sich jemand mit seiner offenen Unhöflichkeit selbst ins Aus manövriert – auch, weil es oft schwer ist, auf die „Sorge“ dieser Leute zu reagieren, ohne erst mal selbst sehr überreagierend zu wirken.

In dem Zusammenhang muss ich auch immer an zwei Begebenheiten mit einer Freundin denken.

Wir lernten uns im Studium kennen. Die Freundin ist blind. Für uns kristallisierte sich schnell heraus, Blind x Autist = Klappt super. Wir waren recht viel gemeinsam unterwegs – Gerne noch mit Abstecher in unser Lieblingscafé. Von da hatten wir ein Stück weit denselben Heimweg. Dort, wo sich der Weg gabelte, verabschiedeten wir uns dann, sie nach links über die Straße zu ihrer Wohnung, ich nach rechts zu meiner. Eigentlich ganz einfach…

Einmal standen wir grade da, ich war schon dabei mich umzudrehen, da kommt ein Auto die Straße herauf und stoppt. Ich sage noch „Du, der lässt dich rüber“, die Freundin sagt „Ah gut,“ und geht. Ich gehe auch, komme aber nicht allzu weit, bevor das Auto schnell beschleunigt, neben mir wieder abbremst, das Fenster runterkurbelt und die Fahrerin mich anbrüllt, was mir einfalle, ich hätte sie ja wohl nicht alle, wie könnte ich…

Es dauerte eine Weile, bis ich kapiert hatte, was sie meinte… nämlich, dass ich die arme Blinde doch nicht alleine über die Straße – noch schlimmer: Alleine in der Stadt irgendwohin! – laufen lassen könnte, so also quasi ausgesetzt habe (das Wort fiel). Ihrer Meinung nach hätte ich sie wohl wenigstes bis zur Haustür eskortieren sollen.

Was bin ich nur für ein schrecklicher Mensch, der davon ausgeht, eine erwachsene Frau sei in ihrer Heimatstadt in der Lage, in einer ruhigen, ungefährlichen Gegend ihre Wohnung eigenständig zu erreichen. Ich weiß nicht, was sich die Frau im Auto vorstellte. Mit der Realität dürfte es wenig zu tun gehabt haben.

Ich zeigte ihr einen Vogel und ging… sie folgte mir im Schritttempo noch bis zur nächsten Kreuzung, war offenbar noch nicht fertig, aber bei mir herrschte schon Durchzug.

Spulen wir ein paar Jahre vor. Wir sind immer noch befreundet, leben in unterschiedlichen Städten, treffen uns aber gelegentlich mal. Nach einem solchen Wochenende brachte ich sie zum Bahnhof, zum Bahnsteig und zur Zugtür. Da wir ungünstig geparkt hatten, machte ich, wie ausgemacht, bei erster Gelegenheit kehrt.

Und – interessanterweise scheinen es immer Frauen zu sein, da stöckelt mir doch glatt ein weiteres Exemplar der Marke übermäßig besorgte Dame nach, die Treppen runter, um mir ausführlich zu erklären wie schrecklich rücksichtslos ich sei, wie verantwortungslos und ich könnte doch nicht, und man müsste doch … so jemanden wenigstens bis zum Sitz bringen, was, wenn sie jetzt die Leute, mit denen sie reist nicht findet?

Verständnisloser Blick. „Wie jetzt, wen?“

Oh nein! Ich lasse diese arme Frau doch nicht auch noch alleine Zug fahren! GANZ alleine? Ohne Begleitung, ohne Hilfe, ohne…

Ich will gar nicht wissen, was sich die Dame gedacht hat, als ich zu lachen anfing… Denn bei meiner Antipathie gegen Züge sähe eine zwangsweise gemeinsame Zugfahrt bei uns doch eher andersherum aus.

*

So, der langen Rede kurzer Sinn: Nein, nicht alles, was vielleicht „gut gemeint“ ist, ist wirklich gut. Es gibt eine Grenze zwischen Hilfe und unerwünschter Einmischung. Wer einfach seinem Alltag oder seiner Arbeit nachgeht muss nicht bemuttert werden. Leider fürchte ich, dass gerade diese Personen, die sich befleißig fühlen, den vermeintlich Nicht-Helfenden zurechtzuweisen, selbst am schnellsten Wegschauen würden, wenn irgendwo wirklich Hilfe gebraucht wird.

Nebenbei, wären sie wirklich daran interessiert, sicherzustellen, dass eine vermeintlich hilfsbedürftige Person Hilfe bekommt, würden sie ja wohl diese Person fragen… und nicht eben gerade die andere, die ihrer Meinung nach ihrer „Pflicht“ nicht nachgekommen ist.

Denn genau darum, ums Helfen, geht es dabei nämlich nicht.

Sie gehen mir auf die Nerven, diese Leute.